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SITZUNGSBERICHTE
DEB EAISE&LICHEN
AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN.
PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE CLASSE.
OREIUNONEUNZIGSTER BAND.
WIEN, 1879.
IN COMMI8SION BEI KARL GEROLD'S SOHN
BDCBHImDLBE der KAIS. ▲KADBMIB DRB WISSBHSCHAFTKM.
SITZUNGSBERICHTE
DBB
PflILOSOPHISCH-HISTORISCHEN CLASSE
DBB KAISBBUCHEM
AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN.
0REIUNDNEUNZIQ8TER BAND.
JAHRGANG 1879. — HEFT I— IV.
WIEN, 1879.
IN COMMISSION BEI KARL GEROLD'S SOHN
BDCBHiaDLSB DBB SAJ8. ASADBMIB DBB WI88BV8CHAFTBK.
'7f'Mf- ^- f
•— v^ ö C «7 ob •O ^!U/7yx^^t/^iy /^z.^t^(y^4.
Druck von Adolf HolzhauBen in Wien
k. k. UniTenitAta'Bnehdruckarai.
INHALT.
Seite
I. Sitzungr vom 8. JSnner 1879 3
II. Sitzangr vom 15. JäDner 1879 5
Wer Der: Die Basler Bearbeitung von Lambrechts Alexander . 7
III. Sitzung vom 22. Jllnner 1879 123
Pfizmaier: Ueber einige chinesische Schriftwerke des siebenten
und achten Jahrhunderts n. Chr 127
lY. Sitsang yom 5. Februar 1879 209
y. Sitxnng yom 12. Februar 1879 211
Stein: Die Entwicklung der Staatswissenschaft bei den Griechen 213
Qebauer: Ueber die weichen a-, o- und ««-Silben im Altböhmischen 299
Petschenig: Beiträge sur Textkritik der Scriptores historiae
Augustae 356
VI. Sitzung yom 5. MSrz 1879 421
Horawitz: Briefe des Claudius Cantiuncnla und Ulrich Zasius.
Von 1521—1533 426
TIL Sitzung vom 12. Mfirz 1879 463
Till. Sitzung vom 19. Mftrz 1879 465
Werner: Die Psychologie, firkenntniss- und Wissenschaftslehre
des Roger fiaco 467
IX. Sitzung vom 2. April 1879 579
Kremer: Ihn Chaldun und seine Culturgeschichte der islamischen
Reiche 681
8 i ekel: Beiträge zur Diplomatik VII 641
X. Sitzung vom 16. April 1879 739
)Ü19I87S
-vOöSfeöfi^
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SITZUNGSBERICHTE
HEB KAISKRLIGIIEN
AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN.
C
PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE CLASSE.
XCIII. BAND. HEFT I— II.
JAHRGANG 1879. — JÄNNER, FEBRUAR.
,/wiEN, 1879.
IN COMMISSION BEI KARL GEROLD'S SOHN
BUCIIIIANDLRH DEK KAIS. AKADKMIR HKK WIS8RNSCHAKTEN.
i>€S)@?cr
?;
?
INHALT,
Seit«
I. Mtzung vom 8. Jiiiiucr 1879 3
IL Sitzong vom 15. Jänner 1879 5
Werner: Die Basler Bearbeitung^ von Lambrecbts Alexander . . 7
III. Sitzung vom 22. Jänner 1879 123
Pfizmaier: Ueber einige chinesiscbe Schriftwerke des siebenten
und achten Jahrhunderts n. Chr 127
IV. Sitaning vom 5. Februar 1879 209
V. Sitaning vom 12. Februar 1879 211
Stein: Die Entwicklung der Staatswissenschaft bei den Griechen 213
Oebauer: Ueber die weichen a-, o- und u-Silben im Altböhmischen 299
Petschenig: Beitrüge zur Textkritik der Scriptores historiae
Augustae 355
SITZUNGSBERICHTE
DBR
KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN.
PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE CLA8SE.
XCIII. BAND I. HEFT.
JAHRGANG 1879. — JÄNNER.
SlttnttW. i. phil.-hfit. Cl. XCIII. Bd. I. Hft.
Ausgegeben am 14. Mai 1879
I. SITZUNG VOM 8. JÄNNER 1879.
Der k. k. Statthalter von Salzburg, Herr Graf Thun,
übermittelt einen Bericht des k. k. Archivars, Herrn Pirk-
mayer, über die in den ietzten zwei Jahren in und ausser dem
Archive neu aufgefundenen Salzburger Taidinge.
Herr Dr. Wilhelm Bacher in Budapest legt die Pflicht-
exemplare seiner mit Unterstützung der kais. Akademie er-
schienenen Schrift: ,Sadi's Aphorismen und Sinngedichte* vor,
and übersendet gleichzeitig für die akademische Bibliothek das
Werk: ,Die Agada der babylonischen Amoräer*.
Herr Dr. Alexander Kohut in Fünfkirchen übersendet
das druckfertige Manuscript für den H. Band des Aruch von
R. Nathan ben Jechiel mit dem Ersuchen um einen Druck-
kostenbeitrag.
Das c. M. Se. Excellenz Herr J. A. Freiherr von H eifert
legt eine Abhandlung vor unter dem Titel: , Zeugenverhör über
Maria Karolina von Oesterreich, Königin von Neapel und
Sicilien, aus der Zeit vor der grossen französischen Revolution
(1768—1790)* und ersucht um Aufnahme derselben in die
akademischen Schriften, beziehungsweise in das Archiv für
österreichische Geschichte.
Dr. H. von Zwiedineck-Südenhorst, Privatdocent an
der Universität zu Graz, legt eine Abhandlung vor, welche
den Titel fuhrt: ,Die Obedienz-Gesandtschaften der deutschen
Kaiser an den römischen Hof im 16. und 17. Jahrhunderte' und
bittet um Aufnahme derselben in die akademischen Schriften.
1*
Herr Dr. Anton Kerschbaumer, Dechant in Tuln, sendet
eine Abhandlung ein, welche betitelt ist: , Christoph Royas von
Spinola als diplomatisch Bevollmächtigter des Kaisers Leopold I.;
1664—1693', und ersucht um Aufnahme derselben in die aka-
demischen Schriften.
Das w. M. Herr Hofrath Franz Ritter von Miklosich legt
eine für die Denkschriften bestimmte Abhandlung vor: ,Uber
die langen Vocale" in den slavischen Sprachen.' Erste Hälfte.
An Drueksohriften wurden vorgelegt:
Acad^mie Royale de Belgique: Compte rendu des seances de la Commission
royale d'histoire ou Recneil de ses Bulletins. IV* S^rie. Tome lU.
3* Bulletin. Bruxelles, 1876; 8°. — Tome IV. l*«" — 4»« Bulletins. Bruzelles,
1876; 80. — Tome V. l" — 5»- Bulletins. Bruxelles, 1877/78; 80.
Biographie nationale. Tome V. 'i"« Partie. Bruxelles, 1877; 8«. —
Tome VI. 1« Partie. Bruxelles, 1877; 8«.
M^moires conronn^s et autres Meraoires. Toraes XXVII et XXVIII.
Bruxelles, Mai 1877; 8«, et Juillet 1878; 8».
— — M^moires couronn^s et Memoires des savants Etratigers. Tome XL.
Bruxelles, 1876; 4». — Tome XLI. Bruxelles, 1878; 4«. — Tome XLII.
Bruxelles, 1878; 40.
"Bacher, Wilhelm, Dr.: Die Agada der Babylonischen AmorKer. Strassburg,
1878; 8".
Freiburg i. Br., Universität: Akademische Schriften pro 1877/78. 24 Stücke.
40 und 8°.
Gesellschaft, k. k. geographi.sche in Wien: Mittheilungen. Band XXI.
(N. F. XI.) Nr. 11 und 12. Wien, 1878; 40.
Landesansschuss, Mährischer: Codex diplomaticus et epistolaris Moraviae
von Vincenz Brand 1. Brtinn, 1878; gr. 4«. Libri Citationum et Sen-
tentiarum seu Knihy puhonn^ a n&lezove. Tomus III. Pars prior. Edidit
Vincentius B ran dl. Brunae, 1878; 8».
Littre, E. : Dante. L'Enfer niis en vieux langage fran^ois et en vers. Paris,
1879; 12<'.
Mittheilungen aus Justus Perthes' geographischer Anstalt von Dr. A. Peter-
mann. XXIV. Band. 1878. XII. Gotha, 1878; 4«. — Ergänzungsheft
Nr. 06: Credner, Die Deltas. Gotha, 1878; 4«.
,Revue politique et litt^raire' et , Revue scientifique de la France et de
rforanger'. VIII* Ann^e, 2« S^rie, Nr. 25, 26 et 27. Paris, 1878/79; 4».
Verein für Erdkunde zu Dresden: XV. Jahresbericht. Wissenftchaftlicher,
dann geschäftlicher Theil und Sitzungsberichte. Dresden, 1878; 8^
IL SITZUNG VOM 15. JÄNNER 1879.
Das c. M. Herr Professor Dr. H. R. v. Zeissberg legt
die »Fragmente eines Nekrologs des Klosters Reun in Steier-
mark' vor^ mit dem Ansuchen um Aufnahme derselben in das
Archiv für Kunde österr. Geschichte.
An Druckschriften wurden vorgelegt:
Academie des Inscriptious et Belles-Leitres : Comptes rendus des S^auces
de Tannee 1878. lY« 86rie. Tome VI. Bulletin de Juillet-Aoüt-Septembre.
Pari«, 1878; 8«.
Central-Commission, k. k., zur Erforschung und Erhaltung der Kunst-
und historischen Denkmale: Mittheilungen. IV. Band, 4. (Schluss) Heft.
Wien, 1878; gr. 4«.
D'Arbois de Jnbainville, H.: Les Bardes en Irland et dans le pays de
Galles. Paris, 1878; S^
Genootschap Bataviaasch van Künsten en Wetenschappen: Notulen van de
Algemeene en Bestuurs - Vergaderingen. Deel XVI. 1878, Nr. 1 cn 2.
Batavia, 1878; 8^. — Tijdschrift voor indische Taal-, Land- und Volken-
kunde, Deel XXV. Afleveriug 1. Batavia, 's Hage, 1878; 8'\
Gesellschaft, archfiologische zu Athen: Zeitschrift vom Januar 1877 bis
Januar 1878. Athen, 1878; 8«.
Göttingen, Universität: Akademische Gelegenheits- Schriften pro 1875, 1876,
1877/78. 82 Stücke. 40 und S%
Institunt, koninglijk, voor de Taal-, Land- . en Volkenkunde van Neder-
landsch. Indie: Bydragen tot de Taal-, Land- en Volkenkunde. Vierde
Volgreeks. Tweede Deel. 2« Stuk. 's Graveuhage, 1878; 8^.
Abiasa een javaansch Tooneelstuk (Wajang) door H. C. Humme.
's Gravenhage, 1878; 8°. — Javaansche Vertellingen door Dr. W. Palmer
van den Broek. 's Graveuhage, 1878; 8".
Istituto, Reale Lombardo di Scienze e Lettere: Rendiconti. Serie II.
Volume X. Milano, Pisa, Napoli, 1877; 4».
OssoliuskTsches National-Institut : Spravozdanie za rok 1878. We Lwowie,
1878; 8«.
,Revue politique et litt^raire^ et ,Revae scientifique de la France et de
ritranger*. VIII« Annöe, 2« Serie, Nr. 28. Paris, 1879; 4«.
Society, the Royal geographica!: Proceedings and montbly Record of
Geography. Vol. I. Nr. 1. Jauuary 1879. London; 8''.
Verein, Militär-wissenschaftlicher, in Wien: Organ. XV'II. Band, 3. Heft. 1878.
Wien; 8».
Werner. Die Basler Be&rbeilanf^ von LambrecbU Alexander.
Die Basler Bearbeitung von Lambrechts Alexander.
Untersucht von
Dr. Bichard Maria Werner,
Privatdocenten an der UniTemität in Qrax.
Abkürzungen.
A die urspröngliche Eassang des Gedichtes.
B Basler Hs. E VI 26.
D Dresdner Hs. M 56 vom Jahre 1470, enthält anf Bl. 1—77 eine
Verdeutschung der Hdp. durch MeUttr Babiloth,
£p. Epitome aus Julius Valerius, herausgfegeben von Julius Zacher 1868.
Kuseb. oder Hartlieb. Hie nach folget die hystori von dem grossen
Alexander wie die Eusebius geschrieben hat. Zu dem ersten doctor hart-
liebs von münchen vorrede. (Das von mir benutzte Exemplar ist am Schlüsse
anvollst£ndig, ich weiss daher nicht, ob ich die Ausgabe von 1473 oder 1488
▼or mir habe. Vgl. Harczyk, Zachers Zeitschrift für deutsche Philologie, IV, S. 160.)
H Harczyk in Zaehers Zeitschrift für deutsche Philologie IV. S. 1 ff. 146 ff.
Hdp. Historia Alexandri Magni de prelüs. Strassburger Druck von 1494.
jy. Julius Yalerius in Müllers Ausgabe des Pseudo-Callisthenes.
M Molsheim-Strassburger Hs. bei Massmann, Deutsche Gedichte des
zwölften Jahrhunderts und der nächstverwandten Zeit I. Quedlinburg und
Leipzig 1837, S. 64—144.
PaK. Pseudo-CalliBthenes. Primum edidit Carolus Müller, Paris 1846.
y Yorauer Hs. in Diemers Deutschen Gedichten des XI. und XIX. Jahr-
hunderts S. 183 — 226. Ich konnte dazu eine neue Collation benutzen, die
mir mein Freimd Max Roediger in Strassburg freundlich zur Verfügung stellte.
W Weismann, Alexander, Gedicht des zwölften Jahrhunderts vom
Pfaffen Laroprecht Frankfurt am Main 1850; 2 Bde.
Einleitung.
Die Beliebtheit eines mhd. Gedichtes lässt sich am besten
aus der Zahl der Ueberarbeitungen oder Modernisierungen er-
messen. Der veränderte Geschmack sucht sich das Anerkannte
früherer Perioden mundgerecht zu machen. Bei einzelnen Ge-
dichten, so bei dem Tristrant des Eilhart von ObergC; lässt sich
8 Werner.
die Tradition bis in die Zeit der Volksbücher hinein verfolgen.
Dadurch ist Gelegenheit zu beobachten, was in Sprache und
Kunst als veraltet erschien, was dagegen noch gäng und gäbe
war. Aehnlich wie mit dem genannten Werke ^ verhält es sich
mit den Gedichten vom Herzog Ernst, Roland u. a.
Auch des Pfaffen Lambrechts Alexander scheint sich einer
gewissen Berühmtheit erfreut zu haben, da die bisher veröffent-
lichten Hss. V und M zwei verschiedene Bearbeitungen einer
verlorenen Darstellung A vertreten; es ist merkwürdig zu sehen,
wie rasch die von V repräsentierte Fassung nicht mehr salon-
fähig war, wenn ich so sagen darf.
Wie nun W. Wackernagel ^ zuerst nachwies, findet sich noch
eine dritte Hs. dieses Werkes in einer Basler Weltchronik des
fünfzehnten Jahrhundeiis. Dass sie eine neuerliche Umarbeitung
darbiete, Hess sich aus der kurzen Probe bei Wackernagel ent-
nehmen, allein bisher hat sich noch Niemand eingehender mit
ihr beschäftigt, obwohl gerade die Wichtigkeit und »Schönheit
des Gedichts, wie die Art der Ueberlieferung dazu aufgefordert
hätte. Durch Prof. Scherer wurde ich auf diese Quelle gewiesen, ^
erhielt unter Prof. E. Steinmejers freundlicher Vermittlung die Hs.
nach Strassburg gesandt, wo ich im November und December
1876 die betreffenden Theile abschrieb. *
Da sich nun ergab, dass B in vielen Punkten näher mit
V stimme und auch sonst manche interessante Seite der For-
schung darbiete, da ferner die Wichtigkeit von Lambrechts
Alexander selbst Publication einer jungen Hs. entschuldigt,
gedenke ich demnächst einen getreuen Abdruck zu veranstalten.
Das Manuscript ist bereits fertig gestellt, und sucht durch Inter-
punction, Bezeichnung der Lücken und textkritische Bemerkungen
Einiges zu einer künftigen kritischen Ausgabe beizutragen, die
wünschenswerth erscheint, aber Schwierigkeiten genug bieten wird.^
1 Vgl. F. Lichtenstein QF. XIX und Zar Kritik des Prosaromans Tristrant
und Isalde. Breslau. 1877.
2 Die altdeutschen Handschriften der Basler Universitfttsbibliotbek. Basel
1886. 8. 31 ff.
3 Cf. QF. VII 8. 60.
* Der Alexander beginnt Bl. 22*. 2 und endet Bl. 67M; doch finden sich
schon Bl. 21*. 1 ff. Hindeutungen auf die Erzählung, welche ich unten
mittheile.
^ Ich beziehe mich im Folgenden immer auf meine YerszShlung.
Die BMl«r Bearbeitung tod Lambreehte Alexander. 9
Für die Lösung dieser Aufgabe ist die nächstliegende Frage
die, in wie weit die einzelnen Hss. den ursprünglichen Text A be-
' wahren und wie sie sich zu einander verhalten. Mit diesem Gegen-
stände beschäftigte sich zuerst eingehender Dr. Plarczyk * und
gelangte zu einem ganz anderen Resultate als Weismann. Nach
Harczyk liegt uns in *V der ursprünglichere Text vor, während
*M eine jüngere Bearbeitung darstellt. Dieses schon nach dem Alter
der HsB. wahrscheinliche Verhältniss kann als fester Anhaltspunkt
bei der folgenden Betrachtung, welche als eine Einleitung zum
Basler Texte gedacht ist, vorausgesetzt wer-den ; djie von Harczyk
geltend gemachten Gründe sind wohl von Niemandem bezweifelt
Er gieng von dem Verhältnisse zur romanischen Vorlage
aus, die in V treuer als in M wiedergegeben ist; da sie uns
aber nur in einem ganz geringen Reste erhalten ist, '^ musste
sich Harczyk auf die Einleitung beschränken ; für das Weitere
war wohl Analogieschluss, aber kein Beweis zu gewinnen. Es
ist daher meine erste Aufgabe zu untersuchen, ob B in dieser
Frage herangezogen werden kann und welche Stellung es zu
AVM einnimmt. Folgende Punkte sind hiebei zu betrachten.
I. B stimmt zu V gegenüber M. Dabei bieten ent-
weder BV 1. einen gemeinsamen Fehler, oder 2. lässt sich
ein Fehler in B nur aus der Lesart von V erklären, oder
endlich 3. stimmen BV im Richtigen und Ursprünglichen.
n. B stimmt zu M gegenüber V.
HL B steht allein. 1. ist es dann entweder bei der
Frage nach A gar nicht zu berücksichtigen, oder aber 2. es
überliefert allein das Richtige. Letzteres ist nur in ganz ver-
einzelten Fällen nachweisbar, während die selbständigen Aende-
rungen meist dem Streben zu modernisieren oder zu kürzen ent-
springen. Der Fall, in dem alle drei Hss. übereinstimmen, kommt
natürlich bei unserer Frage nicht in Betracht.
1 Zeitschrift fdr deatsche Philologie Hd. IV. S. 1 ff.
3 Ob aus der französischen Bearbeitung von Alberichs Gedicht, über die
zuerst Paul Meyer (in der Revue critique 1868. I. 68) und dann Bartsch
(im Jahrbuch für romanische und englische Literatur XI S. 167 ff.) Nach-
richt gaben, virl für das Werk Lambrechts zu gewinnen sein wird, er-
scheint mir nach der Probe bei Bartsch zweifelhaft. Näheres über die
zwei Hss. in Paris und Venedig wurde mir nicht bekannt; auch konnte
ich nicht constatieren, ob die über diesen Gegenstand in Aussicht gestellte
grössere Arbeit von Paul Meyer schon publiciert worden sei.
10
Werner.
I. CapiteL
B stimmt zu Y gegenüber M.
1. Gemeinsame Fehler in BV.
Dass V durchaus nicht fehlerfrei sei, bemerkte jeder Leser
und Dr. Harczyk hob es ausdrücklich hervor; V hat auch
Lücken aufzuweisen, von denen B einige theilt. B — dies muss
ich vorausschicken — hat viele Lücken, die bei der Unter-
suchung über das Hss.-Verhältniss durchaus ohne Belang sind,
sie werden daher hier nicht weiter berücksichtigt.
Von Wichtigkeit ist vor Allem Folgendes: B 1262 flF., ent-
sprechend V 21 1,14 ff. M 1396 ff. Die üeberlieferung stellt sich so:
er ne wurdes niemet*
ze fro
wände ez gescah siht
also
daz ir mere loas der
ime da toht
helaib
M
er ne lordis njemer
fro
wandiz gescah ime
also
daz ime nie litte tot
bleip,
des sageji ih v di
icarheit,
dan der in tyro wäre
geste oder bürgere.
B
de« wer er niut ge-
wesen fro
wand der sinen dot
gelag
me den in tiiye der
stat
tan der inerhalb tyre
wäre
weder geste oder bnr-
gare.
Hier fehlt in V offenbar die Reimzeile auf belaib, und B
stimmt mit ihr in diesem Fehler überein. M hat zwar ähnliche
Verse wie des sagen ih v di warheit seinem jüngeren Character
gemäss und zur Herstellung gleicher Verslänge oftmals ein-
gesetzt, wie die Zusammenstellungen bei Harczyk zeigen : doch
kommen Versicherungen dieser Art auch bei V vor; freilich
gerade der hier von M überlieferte Reim findet sich sonst nicht
in V; beldb steht nur im Reim auf treib S. 202, 25. 206, 20.
213, 21. Die Composita mit ^heit reimen: 184, 1 müzecheit:
uersteit; 183, 17 itelcheitj 188, 3 icisstheit, 188, 8 chundicheiti
geit oder geht; 192, 7 paltheit, 201, 9 Sicherheit, 221, 22 chint-
heit: reiht; 190, 7 gelegenheit : geleit, 197, 4 vrumicheit : laeiht,
IHe Basler BearbeitDOf? Ton Lamlirechti Alexander. 11
(213, 26 fi^mmichcheit'.leit); 203, 12 ubermütecheit: breit; 184, 21
salicheit : kundecheit ; 194,22 smaheit : tüht Flickverse aber der
genannten Art kennt V auch: a) Betheuerungen der
Wahrhaftigkeit: 186, 14 daz ich iv von ime sage daz ist war.
187, 5 daz sagick iv ze wäre; 193, 4 des möge ich tu sundere
gesagen. 196, 27 daz ich iv ^al wäre sagen; — 183, 14 huc er
so Uüge ich. 208, 17 min wart ne triege mich, 224, 15 so ich
sicher bin. — 186, 9 ghheht mir des ich iv sage. — ■ (185, 2 mit
rehter warheit si sprach). — h) Berufung auf die Quelle.
184, 7 f. daz ne saget uns nehein puch noch neheiner slahte mare.
224, 7 da man uon ie gelas. Vgl. 183, 8. — 186, 25 alsus sagent
die in ie gesachen. — 186, 8 Nu ne fressiht ich e nah sint.
195, 13 ich ne freiste nie den der fetmame. — c) Flickverse
anderer Art. 184,4 untichnewil mich niwit langer sparen.
184, 26 diser rede toil ich mich iruaren. (194, 14 ter rede
willich nu gedagen.) — 185, 10 einen v^ater ich wol genennen kan.
185, 19 ich sa>ge ev wie ir name was. 185, 28 Nu wil ich eu
wm alexanders sagen gehurte, 186, 18 umhe sin gesune wil ich
ivch bereiten. 189, 18 Von philippus stüde teil ich iv sagen.
206, 24 Nu willich sagen allen die des niene chunnen. 199, 9
ich sage iv wie . . . 223, 27 f. nu wil ich iv chunden über al.
224, 3 f. des wiUich. die fursten willich zellen. 210, 7 den
mugent ir schiere uersten. 192, 16 als ir hie müt ferstan. 206, 10
ntfch mag ich iv sagen mere. — 208, 24 da ir noch ie abe horte
gesagen. 209, 15 daz iz iv unzellich ist ze sagen. 220, 18 daz iv
unzallich wäre ze sagene. — 183, 1 daz sult ir rehte merchen.
183, 8 Diz mugit ir wol hören. 187, 7. 204, 1. 221, 25. 225, 18
Nu vernement . . . 196. 11 Nu uernement waz ich iv hie zele.
Auch B sind solche Betheuerungen und Flickverse nicht
fremd, z. B. 314 des wil ich dir für wor jhehen, 224 des solt
du von mir gewis sin. 412 f. daz ich für wor sagen mag vnd
sin offenlichen gich. 421 ich sag ivch vilr war. Die Zusammen-
stellungen später.
Es wäre daher weder V noch B eingefallen, den Vers als
überflüssig wegzulassen; auch die Unreinheit kann der Grund
dazu nicht gewesen sein, denn ist es wahrscheinlich, dass B,
dessen Reime sonst ganz rein sind (s. später), einen unreinen
Reim durch einen anderen ersetzen wird? Freilich ist zuzu-
geben, dass B hier überhaupt ändert; doch was beweist dies?
12
Werner.
£8 fand einen wichtigen Vers vor, den es nöthig hatte zur
Herstellung des Zusammenhanges; der darauf reimende Vers
jedoch fehlte; das nächste Reimpaar liess sich leicht in einen
einzigen Vers zusammenziehen^ was lag daher näher als aus
drei : zwei Verse zu machen, ohne dass auf den Reim gesehen
wurde. Möglich wäre es^ dass von M die auch in seiner Vor-
lage vorhandene Lücke durch einen Flick vers ausgefällt worden
sei ; in diesem Falle würden V und B dann nur das Ursprüng-
liche erhalten und keinen gemeinsamen Fehler haben. Doch in
V und B finden sich noch andei*e Lücken vor, so Vers 1381.
V 216, 5 e.
Darius sante einen
brief
zewein herzogen die
waren ime
lieb
unde bat daz si
alexander
dtv scehf pesparten
unde sin werten
unde daz si in wider
stiezen
unde sie über daz
wazer niene
liezen
nber daz wazer eu-
frates
daz was maAos unde
typotes
u. s. w.
M 1593 S.
Do sante darius ei-
nen brieb
zvein herzogen , dt
jme waren
lieb,
der eine der hiz ma-
rius
der brieb nennet in
alsus
vnde der ander ty-
botes
er hiz si sere biten des
daz si gegen alexan-
dren kerten
vnde jm daz land
werten
vnde eines hohmntes
widerstiezen
vnde vbir daz wazzer \
nit ne liezen i
I
I
eufraten heim ze
lande uarn
u. 8. w.
B 1378 e. »
Daryus zwen her-
zogen gebot
daz sy allexander
schiff zersteissen
der eine kies ziboUes
maryus der ander
u. 8. w.
^ ErwähDt sei, dass B hier Prosa bietet.
Die Basier Bearbeitung ron Lambrecbte Alezander.
13
In V fehlt die Reimzeile auf: unde bat daz ai alexander;
ron B wurde das hat verstärkt im ersten Verse gebracht; es
stimmt aber in seinem Verse mit der zweiten Hälfte von
V 216, 7 f., während M vollständig ändern musste, da es die
Namen der beiden Herzoge vorwegnahm. Hierauf in V und B
die Erwähnung der Schiffe; welche in M fehlt; in VB gemein-
sam die Anführung der Namen später als in M: mit einem
Worte, bei aller Kürzung doch genauer Anschluss von B an V.
Nun fehlt in V einer- und in B anderseits derselbe Vers, ^
der in M nicht nöthig war, weil M sich auf andere Weise half:
darf man da getrennte Ueberlieferung annehmen? muss nicht
vielmehr gemeinsame Lücken in VB constatiert werden? —
Eine dritte Stelle ist Vers 1467.
V 219, 9 f
n wie mahle daz ie
werden
memies slUch aUxan-
dem z'ä der
erde
M 1738 f.
do slvch doh alexan-
dren
mennes nider an daz
gras
B 1464 f.
menos den werden
$lüg nider zä der
erden
Alda wart ime der
heim ahge-
prochen
der manegen grozer
siege . . .
u. 8. w.
u. s. w.
den heim er im
zerbrach
Nun Zusatz von 10 Versen in M, die in V und B richtig
fehlen.
da wart alexandro
sin heim
uon dem houbete ge-
brochen
da was uil nah ge-
rochen
darius der iure degen
alfixandro wart da
gegeben
manjc stoz unde slach
vnd slüg vf in mit
nide dar
u. s. w.
' Man könnte vermathen, in A habe gestanden :
unde htU daz si im diu »ceff peaparten
unde sin [lende] werten,
allein die Nennung des Namens Alexander in allen drei Hss. scheint
dagegen sn sprechen, sowie der Eeimpnnkt, den V nach alexander bietet.
14
Werner.
Bei dieser Uebereinstiminung von VB ist nichts weiter
anzuführen, die Thatsachen sprechen klar und deutlich, denn
hier kann in V nicht iia Vers, sondern es müssen drei zum
mindesten fehlen und B bietet zwar einen geglätteten Text,
aber dem Inhalte nach durchaus nicht mehr als V. Wenn B
aus *M stammte, wären die Aenderungen jedesfalls nicht erfolgt,
sie haben durchaus V zur Voraussetzung.
Anderer Art ist der gemeinsame Fehler in Vers 970 =
V 201, 14, doch fällt er in die grosse Lücke von M: es steht
nämlich in V: Kartanensen er enhot, denn das in eckiger
Klammer befindliche [gi\ ist eigene Ergänzung Diemers ^ und
B liest ze Karttanison er sant Zwar ist B gerade in Namen
sehr unzuverlässig, doch bei der Gleichartigkeit der Ueber-
lieferung in V und B an der Gemeinsamkeit zu zweifeln ganz
unnöthig.
2. Fehler in B aus V zu erklären.
V 208, 7
m sach er stan dem
herzogen
dem al tyre was un-
dertan
kegen ime nf der
mure.
M 1256
do gesah er den her-
zogen ('.un-
gelogen)
dem tyren was vnder-
tan
uor sich uf dl rwu-
B 1163
nwi sach er an der
zinen stan
den herzogen, dem
diryus was
vnder tan.
ren stan
Diemer schlägt in V Umstellung von dem herzogen vor,
ich zweifle, ob mit Recht, denn auch die Lesart von M ver-
langt, dass in der Vorlage ein unreiner Reim auf herzogen
gestanden haben müsse; sonst hätte keine Ursache vorgelegen
zu ändern. Auch B hatte offenbar den Verseinschnitt nach
stan angenommen, der Vers war ihm daher zu kurz erschienen
und es setzte an der zinnen ein, was es gewiss nicht gethan
hätte, wenn es der Lesart von M gefolgt wäi-e.
Dasselbe gilt von Vers 1246 f., nur liegt hier in V kein
Fehler vor.
* Wie aus der Anm. zu 36, 4 entnommen wird (vgl. eu 145, 12), aus-
drücklich wird es nicht erwKhnt.
Die Baaler Bearbeitung tod Lambrechts Alezander.
15
V 211, 3.
so 9oli im div hurch
werden tiure
gewuners meht mit
chriechiseen
ßure
B 1246
die stat wer im ge-
wessen diur
dene
M 1380
so solde ime ottch di
hurch (i worf)
wesen uil ture
ne heter si mit den
füre
unde mit den man-
gen nit be-
stan
Wie man sich das Missverständniss von B aus der Lesart
von M erklären wollte, ist mir unerfindlich. Ebenso Vers 1477.
daz kreischy
fitir
V 219, 18
der ander hiez ivbal
M 1773
ein riter der hiz
iubal
der sih ungerne uer-
hcU
B 1476
ein graff der hies
■
jubal,
des lob in dem strit
erkal
der sich uil ungerne
in dem stür-
me hal
Das hal in V konnte missverstanden werden, während
das uerhal von M gan^ deutlich ist. B versteht nun das hal
würklich falsch und verstärkt es durch er-, während es die
in M fehlenden Worte in dem strit = in dem stürme richtig
in seinen neuen Gedanken einfügt. Mit der Lesart von M
hat B nur das der im ersten Vers gemein, das in V aber
ganz gut von ander verschluckt sein kann.
B liest Vers 1324 mit offenbarem Miss Verständnisse: wand
es diuchte dich wider zem daz rechte was syntaktisch sich nicht
in den Zusammenhang fügt. V 213, 19 wände ez ne ducht ivch
gnade noch recht erklärt den Fehler von B^ welcher nach M 1494
icande daz ne wäre njtoit recht nicht verständlich wäre. Zu
vergleichen ist noch die Aenderung in B Vers 1436 — 1440;
darüber später. Dies sind die wichtigsten Fälle, die ich unter
1 und 2 aufzuführen habe, sonst überliefert B mit V das Richtige.
3. BV stimmen im Richtigen.
Hier muss geschieden werden, ob BV in der Ueberlie-
ferung ganzer Scenen oder einzelner Verse stimmen; jener
Fall führt auf die Frage nach den Quellen von B und findet
daher erst Cap. IV. seine Besprechung. Hier beschränke ich
16
Werner,
mich auf den zweiten Fall und zwar führe ich deshalb alle
Stellen an, in denen VB das wahrscheinlich Aeltere und Rich-
tige gegenüber M erhalten haben, um einen vorläufigen Begriff
von dem Werthe der Hs. B zu geben.
Vers 540 V gesephte B geschofte
Vers 543 V der munt was im als
einem esele getan
B sin mul als ein essel was
546 V swanc B swach
598 V ich ne weiz wederz ein ros
oder ein lewe deht.
B ob es ros oder leow tut
600 f. V Btholomevs sprach zii dem
chinde
herre ist buziual ein ros
Uli swinde
B do sprach potolomevs zu
dem. kint
her es ist ein ros geswind
M gescafnisse,
M ime was sin munt
dez wil ih ü tvn kunt,
alseime esele geUtn.
M slang
M fehlt. 1
M ptolomeus vnde sprach
iz ist ein ros f reislich
V 191, 10 ff.
B 604 ff.
M 348 ff.
daz hat iuwer tmter
daz hat ivwer vatter
din uater hatiz in
ingetan
in getan
getan
under der stät ne
kern stüt mag solichs
iz ne dorfte bezzer
mothe neichn
niut gehan,
nie gegan
bezzer gegen
er sprach herre ez ne
kein marschalk hat
under neheiner stute
hat nehein
es in siner
iz ne hat nieman in
marslach in
hat:
hüte
hüte
wandiz ist uil /reif-
lich 2
sin stimme di ist eis*
lieh
wände ez erbizet ubele
wand es bisset Übel
iz irbizit man unde
U7it gMe
vnd gät.
wib.
1 Die Reime wurden von M in Ordnung gebracht.
> freUlich ist ein Lieblingswort von M ; hier jedoch wird es zum Ekel
fünfmal wiederholt: Y. 333. 338. 340. 344. 352.
I
Die Basier Bearb<>itiin|f von Lambrecbts Alexaoder.
17
Auch B hat hier die allzu langen Verse von V verändert,
aber nicht durch Auflösung in mehrere Verse, wie M, sondern
durch Kürzung.
V. 614 BV alexander M der here
V. 631 f. B
daz ros woltte gegen
im varn:
aJ^ es in hegtmde
an starn
Also buziual gegen
im uz wolle
Vüm
unt ez alexander
ane hegunde
stam
640 B V7id nie zürn an ia kam
V 80 der nie seil noch
zom ane chom
646 f. V Ein pote Ute dem chunge
daz sagen
er ne getorste er nieht
uergen
B ein bot iltte dem kunge sagen
vnd woltte niut vertagen
M
do sin daz ros wart
gware
unde er iz hegunde
anestare
M er n« legete zovm noh seil
dar ane
M I Do wart daz langer nit
uerdaget
dem kuninge wart do
gesagit
718 ff. V
tßar eines tinges trag
ich ivch übe-
len müt
daz tünchet mich ze
neuht gegüt
daz ir mine müter
liezet ivwers
willen
nni habet ein über
hür gestellet
ter rede willich nu
gedagen
iuer ezzen willich
neuiht fer-
sagen
B
eins dinges trag ich
üblen mikt,
mich dunket daz niut
gut,
daz ir min mütter
wdlent lan,
sy Über hilgen, ist
bös getan,
die rede stet als si
nun ste
essent ich sol ivch
niut sagen
mee.
M
wene ein dinc daz
ih V clagen
unde in mjnem her-
zen tragen
des han ih vil sve-
ren mut,
ovh ne dunkit iz mir
njwit gut
daz ir mine muter
Olympiaden di gute
' M bietet hier den schlechteren Text, weil es die ErwShnung des Boten
weglässt und die Reime umstellt.
SiteuDgBber. d. phil.-hiit. Cl. XCIII. Bd. I. Hft.
2
18
Werner.
nu wevn so mir dei
ovgen da
ichmitkesihe
ich kedanche sin allen
den hien
die disen rah hahent
gefrumif
B
doch
% sam er mm
bgen
ich sprich daz ane
lügen:
ich dank sin allen
den
die iuch den rat hant
gegen
M
mir ze leide %ierlazen
hat
imde einen uhirhur
begat
mit einem anderen
wihe
ih stccere v daz bi
mjneme libe
sver disen rat hat ge-
fromif , . .
737 B als dei^ tore dike düt M fehlt
V also diche der stolze man
tiÜit
1026 B^voii zorn er nider sas M won zorne begunder roten
nor ungemvte er nider saz
M tva si ir wisheit taten
V mit zoim ei" der nider saz
1034 B war sy ir sine tetten
V war si ir sin thadin
1046 B vnd mit schiffen vf dem M fehlt in diesem Zusammen-
mer hange, Vers 1034
V mit dem seihen in dem mit schiffen uareu in daz mere
mere
lOiX) B och werften sy sich ve- M di werten ire selede
stenklich alse turlichen helide
V si werten sich uone prise
xoole
1053 B zwenzig tusing der in- M me dau an hundrith tnsunf,
ren was
V der in der bwch was
zwainzchc thusen unde
baz
Die Erklärung der Aenderung von M ist leicht gegeben, wenn
man sich dessen erinnert, was Lichtenstein zu Eilhart v. 6787 sagt'^
1 Ebenso heisst es in Eilliarts Tristrant (QF XIX) Vers 4036 der kanintf
von zorne nedir saz und hegunde bfimefi aU ein kole. M scheint also auch
hier durch Eilhart zu einer Erweiterung verleitet ssu sein, wie sich dies
an einer anderen Stelle /.eigt. Vgl. Lichtenstein S. CLIV f.
2 Vgl. Weinhold Mhd Gr. §. 320.
Die Basler Bearbeiton^f von LambrechU Alexander.
19
(QF XIX) ; wir müssen annehmen^ in der Vorlage von M habe zwSzig
gestanden, wie in B; dies war leicht in zszig verlesen und daraus
machte M hundrith, weil ihm die Form zenzig veraltet erschien.
Ebenso muss es V. 1414 angenommen werden, wo sich gegenüber-
stehen: V 217, 13 tusint man, M 1649 hundirttusint, B zwanzig
dusent, A las sicher zenzig tusint man,
1054 B »g slügen im so vil si- M si irslugen so vile (: wiU)
nes heres alexand/ris heris
V (üso uü sclugen si ime
sine hers
1060 B huTidei't schiff er im M der schiffe sluch er zegrunde
versankt vile daz si vei*s%mken,
V daz siner seephe ein
hunderht ver-
sunchen
1065 f . B . . (hieser) . . die schiff M vnde kiz halde wider gan
in die hab gan di schif in di habe
der wisse bedcuMe . . . (dem zweiten Verse entspricht
V er ihete die secph widsr nichts in M)
in die habe gan
Alexander bedaihe sich.
1078 B einloff tusing
V Einluph tusint
1084 B arabiie
V arabati
1085 B die den von tiryus wol M di tyro gutis gunden
güttes gvnden
V die tyrin toole gutes
(gunden)
1088 ' B sy namen in vil sweri M ein phanf si in namen
pfand
V si namen ein ungezogen-
lieh phant.
1096 B daz gessese bevall er ze M den beualch er mit siner liant
M zilif tusint,
M arabes.
hant
V den betialh erz gesez in
die hant.
(di er da wolde lazen)
^ Ueber diese Stelle spSter Näheres.
2*
20
Werner.
M
M
fehlt
d&r sencte sich an der stunt
nider an des meres grünt
M
Do alexander sih bedachte
ivaz er getvn machte
er hiz in samt heften
di schif mit mnnnisci'eften
1109 BV im
1116 B sy saugten sich in des
sewes grund
V unde sancten sich in des
sewes grünte
1130 f. B Allexander mit gros-
sen krefften
hies die schiff ze Sa-
men hefften
V alexander chom mit
grozer chrefte
unt tet sephf zesa-
men hephten
1152 B sy brachen der besten
muren ein
V unde brachen da der
besten mwre ein
1154 BV hiez er
1159 f. B allexander kam vf
die wer
ze obrest vnd gebot
dem her
V alexander steich uf
dazobrist gewer
unt gebot den stürm
uberaldazhere
1162 B den ersten Sturm Hessen
werden
V den ernst Sturm wemden
Hier überliefert B sogar: V das richtige ersten^ wodurch
erst die Stelle gebessert werden kann.
1169 B vomberffrit vf die zinen M nider uf di zinnen.
V fon den perfriden uf
die zinnen
1171 B etlicher sprang disen M do spranc iteslich man
Sprung
V da gespranch ir heteli-
cher da zestunt
M der muren brach do eine
alexander unde di geste
di da was die beste
M hiz man
M do steich alexander
vnde manic man ander
uf di vberisten were
vnde hiz stürmen sin here.
M hiz er den stwm werden
Die Bftaler Bearbeitnnigr von Lambreeht« Alexander.
21
1173 B die mur braehent sy vf lä. da st brtiehen di vesfe
die erden nider zo der erden
V da brachen sie die be-
sten mure zii
der erde
1213 f. B er sprach ybedenkenivch M er sprach nu ratent mir, des
ist zit
toandir uil wise lute sit.
bi zit
wand irfromde heldesit,
V (er sprach.) herre be-
denchet iuch sin
ziht
toandir tiure chnete siht
\2n B der rat der da ward getan M Ime rieten sine fursten
den wil ich ivch wissen Ion di ime raten tursten
V der raht der ime do wart
getan
den mugent ir schiere uer-
sten
Sollte dieser Vers in M aus dem missverstandenen uersten
hervorgegangen sein?
1227 ff. B niun vndsibemigwur- M schiere winden da gestalt
den dar gestalt zvo unde sibinzich mangen
mit hurden wol behangen
gemannet unde geseilet.
die wol wtwffen mit
gewalt
mit vollen wolgeseillet
V zwa unde siben zehec
mange wurden
da gestat
si würfen alle mit
geiwalt
si waren uil wol ge-
saeUiL
1266 ff. B Ein hing hies apollo- M Zestoret lach do tyrus
nyus
der stiffte die etat ze
tiryus
Anttyobus in vertagte
dar vmb daz er im
sagtte
di stifte sint der kuninc apol-
lonius
uon dem di bAch sagent noch
den der kuninc antioch
vbir msre iagete
wander ime sagete
22 Werner.
vndimdessafitebrieff, ein retisee mit forhten
daz er »in dochter be- daz was mit bedecketen toorten
sleiff. gescriben in einen h^ef
V dl zerstöret was TU daz er dnee selbes tohter be-
tyrus slief.
die stifte sih ter chu^
nich apollonius
den antioch tAer mere
iagete
tcarde er imme sagete
daz rehte an einem
brieue
daz er mit siner toh'
ter slief e.
Ich weiss nicht, ob ich recht that, diese Stelle in diesem
und nicht in anderem Zusammenhange anzuführen, denn es ist
sehr fraglich, ob VB in allen Versen das Richtige überliefert
haben. Die Stelle bezieht sich bekanntlich auf die Sage von
Apollonius von Tyrus und M beweist genauere Kenntniss, doch
findet sich auch in ihr eine fehlerhafte Angabe. * In der Sage
nämlich ist von einem Briefe nicht die Rede, wohl aber von dem
Räthsel^ das Antiochus erfindet, um die Freier seiner Tochter ins
Verderben zu stürzen. M weiss nun zwar von diesem Räthsel,
fügt aber die Erwähnung des Briefes hinzu, wodurch die
Sage verfälscht wird. £s sind nun folgende Möglichkeiten vor-
handen :
1. entweder überliefern VB das ursprüngliche^ d. h. das,
was in A gestanden hatte; dann bietet A die Sage in einer Form,
wie sie uns sonst nicht bekannt ist; A kann sich dabei a) auf
eine uns unbekannte Darstellung stützen, oder aber b) aus ge-
ringer Kenntniss die beiläufige Erwähnung gemacht haben. —
» Vgl. Weismann I. 473-484. Holtzmann Germ. II. 45 f. Strobl H. v. Neu-
stadt 6 flf. Carl Schröder Griseldis. ApoUon. y. Tyrus. Leipsig 1872.
(Mittheilungen der Deutschen Gesellschaft V. Bd. 2. Heft.) S. 26 f.
A. Riese Historia Apollonii Regis Tyri. Lipsiae 1871. cap. 3 ff. — Rohde.
Der grlech. Roman u. s. VorlSufer. Leipzig 1876. S. 408—424. Dunlop-
Liebrecht. Gesch. d. Prosadichtung S. 35 ff. 138. 463. Gesta Romanorum
ed. Osterley cap. 153 (S. 511 f.) Graesse, allgem. littgesch. II, 3, 1, 457 ff.
Aber das an unserer Stelle Vorausgesetzte findet keine Parallele.
Die Basier BearBeitnng tod Lambrechts Alexander. 23
Wenn ich hier übrigens A diese Thätigkeit zuzuschreiben scheine,
80 will ich damit durchaus nicht gesagt haben , dass ich diesen
Zug für eine Zuthat des deutschen Bearbeiters halte, vielmehr
bin ich überzeugt, dass die Sage schon von Aubry de Besan9on
herangezogen worden sei, denn dadurch erledigen sich am besten
alle historischen Schwierigkeiten, die früher so viel Kopf-
zerbrechens verschuldeten ^ —
ist aber 2. die Lesart von A durch M repräsentiert,
dann bieten VB einen gemeinsamen Fehler, und die Sage
ist trotzdem nicht rein überliefert, sondern eine Mischung
eingeti-eten ; das historisch beglaubigte ,RäthseP steht da, es
wird aber in dem apokryphen Briefe beantwortet. Durch
diesen Umstand wird wahrscheinlich, dass M aus genauerer
Kenntniss der Sage die Zuthat des Räthsels nicht gemacht
haben könne, denn dann hätte der Bearbeiter wohl alles Un-
richtige entfernt und irgend eine passende Aenderung des
Reimes bineue : sliefe leicht gefunden. Wir müssten denn an-
nehmen, auch die Erinnerung des Bearbeiters sei keine getreue
g^ewesen.
Es ergibt sich also der Schluss, M enthalte das Richtigere:
damit aber keineswegs das Richtige, denn die Verse tragen so
ganz den Stempel von M an der Stirne, dass unmöglich eine
gemeinsame Lücke in VB angenommen werden kann, wohl
aber ein Fehler. Ich glaube nämlich, A habe Folgendes dar-
geboten :
den Antioch ubef meve iagete,
wände ei" ime sagete
daz retsce an einem brieve
Erinnert man sich der Schreibungen von V, so ist der Weg
über rethsce — rehtsce — rehte leicht verständlich. Man braucht
bei dieser Vermuthung nur einmal ungetreue Erinnerung an-
zunehmen und erklärt dabei den ganzen Zustand der Ueber-
lieferung.
1 Vgl. Weissniaun I. 473. Hült'/mann a. a. O. Die von Ernst Dümmler
(Berolini MDCCCLXXVII) aus einer Ha. saeculi XI exeuntis herausgege-
benen Getta ÄpoUonii Regln Ti/rii Metrica lassen die Ueberlieferung des
Romanes wieder weiter zurückreichen.
24
Werner.
1276 ff. B nun ward in kurzer
stund
daryo daz mer kunt
von einem der danen
endrar ' [sie]
daz aüexander der
kilene man
die einen hette ge-
vangen
V Dar nach über un-
lanch stunt
so wart dario chunt
mit einem der uone
tyren trän
daz alexander der
chune man
sine livte habete ge-
uangen,
1288 f. B daz er in niut ze
helffe kam,
do &r ir grossi not
vemam
V daz er in nivht ze
helfen chome
du er ir groze noht
fername
1291 B gedacht nach diser rede
sus
V er wider dahter alsus
1295 ff. B erforchtte in danach
lUczel
. . . eins kindes stüczel
unde dar zu ein schüch
bant
M Do cunte dario ein man
der uz uon tyren entran
wi der kuninc alexander
hete in einem lande
sine lute geuangen.
M daz er in mit gelfe
njwit zehelfe
schire nequeme
do er ir not veiname.
M der antwoHe jme alsus
M do er gienc ze rate
daz er ime sante drate
einen guldinen bal
scone unde sjnewal
ouch sanier ime zehant
zvene her liehe salchbant
^ danen aas tyren entstanden?
Die BMler Bearbeitung von Lambrecht« Alexander.
25
V aleocander duhet in
Ivizel
er aante im eines chin-
des stuzel
unde dar zu ein scüh
pant
1304 B icor vmb er im die Mei-
net sant
V ttnä>e waz er ime die
drie gebe sante
1310 f. B den man nüczet alle
stund
daz er im deglich
dienen solt
V . . . daz er mit tageU-
chen dienen solte
ob darios wolle
foanten scüch pant
nuzet man ta-
gelieh
1318 B vil smech er im was
V öwi wie smac ime was
1331 B die botschaft torsten
wir niut lan
V wände wir geforsien die
bohtsapfniet lazen
1339 B er dM einem bossen rü-
den gelich
V er haht geli getan also
der böse rüde tet
1342 f. B (sieht er in die land
vf in ziehen)
ze hant beginet er
fliechen,
V (so ne getarrer er sich
dar naher nivht
geziehen)
er beginet uz werd
flihen
M waz dise gäbe meinte
M daz ime alexander
unde dar zo manic ander
tagelich dienen solde
also uil so er wolde.
M vil harte ummere jme was
M ici totste wir lazen
daz unser herre uns gebot
M er hat gliche getan
alse der blöde houewart
M er ne tar dar naher comen
njet
al bellender flihet.
26
Warner.
M schvh bant
M Hor dt mere babylonien
er ist worden zebalt
etc.
1 354 B reimen V r lernen
1368 Bfilr die atat babilonij
V ze babilonnfur die groze
etat
1376 f. B sid inn der beschult, M daz er mich ie beschalt
des vatter im den
zins guli.
y er sprach daz mich
ieder bescalt
des uater mir den
eins ehalt
1393 f.
B vnser here ist ser bettro^en,
daz er heist vahen einen man
dem manig land ist vnderdan,
V unser herre ist uil sere be-
trogen
daz er uns den man hiezeht
uahen
dem alliv lant sint under tan
1426 B er schiffte genin hin über M si schiff eten vbir di ettfra-
M darius ist harte betrogen
er heizet uns den man v(in
dem alle di lant sint undirtdn»
teischen fiut
ze erist si ze stade quamen.
die flüf,
ze fordrest kam er in
engegen
V e}' sciphffeht sich zef or-
derest über defl^U
an eime Stade chomen
si im enkegen
Die Ursache und der Gang der Aenderung, welche sich
in B iindet, ist ganz durchsichtig in folgender Stelle:
V 218, 8
(nf buziual er reiht)
(lo slüuj er also der
thoner
B 1436
(in den huffefi er do
rant : Jianf)
er slily als der hagel
düt
M 169U
(ergremet was ime
sin mvt)
er sluc alse der doure
tut
sine viande
swaz ir ime quam ze
hande
Dia Baaler Baarbeitnaf tou LambrachU Alaxandar.
27
for dkm sich niemen
machbewaifi
8wer [in] fon ferre
aachgeuaren
i er hinder sich ge-
sack
90 heter sin ainen
slach.
vor dem nieman ist
hehüt
tca er kam gen in
gevam
ee sich jeman vtnb
gesach
80 beschach im V07i im
der ne genas nje ne-
hein mvter
bani
sih ne mohto njeman
bewarn
uon den siegen di er
sluch
ioander ein iure swert
ty-tbch.
vngemach
Im zweiten Verse überliefern B M das in V^ ausgefallene tut
= deit : reit Die Reime in B ergaben sich nach der Kürzung
leicht aus *V, wenn einmal reit in rant geändert war; aus bewarn
war der Reim auf d&t rasch gefunden in behüt ; natürlich blieb
dann gevam ungebunden.
1442 B der herzog menos genant M Mennes dei* wigant
V Mennes was ein herzzog
genant
I V 218, 25 flf.
B 1450 ff. I
durch sinen schilt er i mennes er durch den
M (1730 f.
in da seh ach
schilt stach
daz man daz blüt \ dazdazplühtbegunde
schinen sach
menos och sin niut
vergas
ruuien
mennes stach hine
wider durch
den sinen
wie sin schilt hert | dar was feste helfen-
helffenbeinin
was
da durch in der helt
gut
daz von im flos daz
blüt
si stachen bed enan-
dei* nider
pein
daz daz plüht an dem
spere schain
ir iewedere stach de^i < ir iegweder den an-
andernnider deren stach
I nider zo der erden
da grifensizen swert- t alda grifen si zen \ do griffen si zo den
ien sidei* swertensider sverfen.
28
Werner.
Hier ist freilich eine ganze Scene in M weniger, streng-
genommen gehörte also diese Stelle nicht hieher, doch kennen
wir die Quellen für diese Episode nicht.
1478 B menos hat in mit im M der was in andre site
genomen
V der wa^ dar chom mit
ferne herzogen
in den selben strite
mit den zvein herzogen.
1494 B nun toertivchket* sprach M des wart daclym innen
danldin
land ivwer eilend werdsn
schin.
V nu werih iuch herre
chunich
alsus sprach sin riter
daclym
hivte si iwer eilen schin
unde rief mit hoer stimmen
alexander herre kuninc
gedenket hüte an vwer ttigint.
1505 B als der ein gras nider M daz slnch .er nider aisein
mett (lies meit)
V also der daz kras nider
sieht
gras
1506 B als vil wurden da er- M umbe di da lagen irslagen
slagen
V also uil lager da reslagen
1523 B
es toirt ze laster dir
getoant
der groff daz ros
vmb warff.
iz wirt iv ze laster
gewant.
der graue daz ros
umbe warf.
M
daz sol dir werden
noch gewant
ze leide nnde ze ru-
wen.
1539 B daz im daz hübt fiel für M fehlt
die f Hesse
V daz hübet uiel ime uur
die füze
1557 f. B t>on den sinen ward M schire wart si verbrant
sy verbrant
er fant da silber vnd
gold.
da er si gwan
der herre dar uf nam
michil silber vnde goU.
Di« BMlar Bearbeitnng Ton Lambrechts Alezaoder.
29
M niwit langer er gedagefe
(: gesagete)
M er 8vor hi sinem riche
V von sinen wart siv
uerhrani
do nam er nlber
unde galt.
1563 B niut sere er es noch klagt
V nivht aere er ne chlagete
1564 ff. B doch 8wor er ein teill
bi sines riehes heil
er atüende niut vier-
zehen tag
V iedoch 80 swur er ain
teil
er sprach so ulsim
sines riehes heü
iz ne scolte niemer
uierzehen naht en-
te gan
1593 VB schar
1597 f.
B achzig ttising wart gesant
von cilliczya dem lant.
V cüieien heizet ein lant
st brahtin im azech tusiiit
1617 B nun waren sy alle ze M fehlt
Samen komen
V do iz al zesamene chom
1621 B dar zu dr issig dusing M fehlt
och
V unde dar zu drizech
tusint
Dies sind die Stelleu , in denen B mit V übereinstimmt,
während M ändert.
M here
M fehlt
30
Werner.
II. Capitel.
B stimmt zu M gegenüber Y.
Ich nehme das
M 1114
ein phant si in na-
men
vnde irslugen ir da
zeshmt
mer dan ein dusunt
do nlexander daz
nemam.
uier dnstnt er do nam
uz uon sinem here
daz ander Uz er hi
dem mere
vnd betud iz zvein
furst^en
di iz v:ol betvareii
tursten
die er mit ime hraht
hatte
u. 8. w.
Wichtigste voraus.
B 1088 V 205, 23
si namen in ml stoeri si namen ein ungezo-
pfand i genlich phant
siner besten wigant
erslügen sy tnsent
oder wie.
aU allexander daz
vernam
er kos vier tusent si-
ner man.
mit den für er
selber dan
vf den berge ze
libam,
daz gessese bevall er
ze haut
einem fürst-en, was
perdix ge-
nant
u. 8. w.
unt erslügen ein tu-
sint.
i er nam des hers daz
er noch do
habete.
ein herzöge hiez sich
gracto
unde ein ander der
was pet^dix
genant
den beueddi erz gesez
in die haut.
u. 8. w.
In V liegt offenbar ein Fehler vor: denn es heisst, die
Araber hätten Alexandern ein tusint erschlagen. Nun macht
er sich auf und nam des hers daz er nodi do hahete, Iftsat aber
trotzdem gracto und perdix mit einem Theile des Heeres zu-
rück. Man muss daher des hers als genitivus partitivus auf-
fassen und eine bestimmte Zahlenangabe erwarten. BM über-
liefern eine solche in zwei gemeinsamen Versen, die V weniger
Die Basier Bearbettnng ?on Lambrechts Alexander.
31
bietet. Die Umgebung zeigt innige Verwandtschaft von VB^
währeod M ganz in seiner Weise ausspinnt und zusetzt, ohne
dadurch irgend etwas Neues zu überliefern. Es muss daher in
den zwei Plusversen von MB das Ursprüngliche erhalten sein,
während der Fehler in V leicht durch Abirren von einem iüsant
zum andern erklärt werden kann, denn nach dem Gesagten
hat in A gestanden:
n ndmen in wngezogenlich pfant:
unt ersluogen ir ein tiisant,
do Alexander daz vemam,
vier tüsant er nam
des hers, daz er noch da hatte (\ Oratio),
V überliefert noch das er nam, darnach fehlt aber der Reim-
punkt. — An dieser Stelle kann man also keinen gemeinsamen
Zusatz von MB constatieren, sondern in beiden hat sich das
Ursprüngliche treuer oder weniger treu erhalten. Dabei darf
natürlich niemals ausser Acht gelassen werden, dass sowohl M
aU B modernisieren.
Dasselbe Verhältnis findet sich bei der Beschreibung des
Bucephalus v. 535 ff., auf die ich näher eingehen muss; die
Ueberlieferung stellt sich wie folgt. (Im weiteren Verlaufe
bediene ich mich zur leichteren Uebersicht der an den Rand
gesetzten Verszahlen.)
V 189, 18 ff.
Vm pkilippua st^e
wil ich iv
M 270 ff.
•
Von philippis stute
unl ich V nu
B 537 ff.
(. . . ein fürst vs ka-
hadocyen lant
sagen
dar under wart ein
sagen
dar under was ein
pilipo ein ras snnt)
ras getragen
daz was wunderlieh
iz was irre unt stri-
tich
mel unt emisthaft
ras getragen
daz ras daz was
wnderlich
irre vnde ml stritich
snel vnde starc uon
daz was vngezamt
freislieh
5
fon siner gesephte
ioeh uon si-
ner chraft
gescafnisse
des sult ir sin gewisse
wild vnd daz ge-
schofte wun"
derlieh
32
Werner.
10
der munt was im als
einem esele
getan
15
nn oren wann im
Uli lanc
daz hovbet mager unt
swane
sin ovgen warim al
der vare
nie eim fligenten arn
2()
U. 8. W.
M
iz hefe unzalliche
craft
vnde ummazliche
macht
iz irbeiz di lute unde
irsluch
iz was freislidi
gnuck.
ime was sin munt
daz wil ih ü tvn kunt
cUseime esele getan
di nasen waren ime
wite uf getan
sine oren waren ime
lanc
daz hovhit magir
vnde slanc,
sine äugen waren ime
alliruare
glich eineme fliegin-
din are.
B
U. 8. W.
es bies die Unt vnd
slüg
es was tibhaft gen'&g
sin mul als ein essel
was
v€ist vf geslagen sin
nas
sin oren woren im
lang
sin hüht mager vnd
swach
sin dgen wareai als
ein bliU
vor bescheidenheitwol
behitt
u. 8. w.
Eine offenbare Lücke hat V nach Vers 12^ es fehlt der
Keim auf getan, daher muss Vers 15 für A in Anspruch ge-
nommen werden und Abirren der Augen erklärt die Lesart
von V auf die einfachste Weise. M machte nach seiner Ge-
wohnheit aus dem langen Verse 12 mittels eines Flickverses
dreie und B kürzte in seiner Art, indem es zugleich den er-
laubten rührenden Keim getan : üfgetän durch leichte Aende-
ning wegschaffte.
Nicht so evident ist der Fehler, welchen V in Vers 10 f.
bat; allein die folgende Erwägung ist nicht zu unterdrücken:
es wäre zwar möglich, dass A einen weniger bedeutenden Zug
mit den übrigen Alexander- Darstellungen nicht theilte; aber
Die BMler Bearbeitang von Lambrechte Alexander.
33
dass A, welches sich so genau an seine Quellen hielt, gerade
dieses charakteristische Detail nicht herübergenommen haben
sollte; in dem allein alle Alexander-Sagen stimmen, ist un-
wahrscheinlich. Im PsK heisst es nach Cod. A (I 13): xal By;
xopi(5oi>ci xoTS [Tzpo^ 4>t7.».Trcov] 3<i5pov ol ttj^; KaTJüa8ox,ia(; apxovTSi; ex,
Töv cTnco^opßtwv i:ä>Xov iwcspfJievdOY) xoXXot<; Tcept^poupcufjLevov 56(j|i.o^ •
avöp(i)TC09flKY0v auTov l^aaav sTva»; die anderen Hss. bringen
wie VM die Notiz über Kappadocien erst später, doch heisst
' es auch hier : oi 5c tinvo^opßoi slicov • ^}At{\,<ne ßaaiXeu, a v 6 p co ^ o-
^i^o<; ifjxi^/ J V I 13 sagt in Uebereinstimmung mit der
epitome I 7 ,8ed est ei [equo] vitium heluile, namque hominea
edü, et in hujusmodi pabulum scevit;* auch Hdp. berichtet:
Jn ifssis denique temporibus princeps Capadocie adduxit vnum
equum, indomitum, magnum corpore et pulchrum nimis; ligatum-
qu6 ex omni parte cathenis ferreis. Comedehat enim ille equua
bvcifaüus homines. Ebenso bei Ekkehard, im Französischen
des Lambert li Tors, im englischen, ^ im schottischen Alexander,
und in der Verdeutschung des Eusebius heisst es wan das
pferd getar niemand reyten so es so freisam ist das es die leüt
frist D 5^: vnd es frass nicht anderss denne leuthe.
Also auch hier ist in MB das Richtige überliefert und
die Verse 10, 11 und 15 müssen für A in Anspruch ge-
nommen werden.
Eigen geartet ist das Verhältniss in den Versen 595 ff.
V 190, 26 ff.
iaz stunt in siner
thobheit scrien
akxander sprach zen
chuhden
die mit ime über die
palize gingen
M 324 ff.
vnde tuiillichen
schrien
vil starke er do dachte
waz das wesen mohte
mit allen sinen sinne
B 595
zu den sinen sp^^ach
er losa los
^ Bei diesem heisst es [Metrical Roroances of the Thirteenth, Fourteenth
Centaries: Pnblished from Ancient Manuscripts. With an Introdactlon,
Notes, and a Glossary. Bj Henry Weber £sq. Edinburgh 1810 I Kjng
Alisaander] Vers 700 f. He had aouner ete a man, Than two champiouns
an hen.
Sitz«iigib«r. d. phiL-hist. Gl. XCIII. Bd. I. Hfl. 3
34
Werner.
10 ich ne weiz waz mir
sciüet inz ore
ez ne lat mich nicht
gehören
15
ich ne weiz wederz
ein ro8 oder
ein lewe diht
wain es da in be-
slozzen stet
Btholomeus sprach zu
dem chinde
20 herre ist buzival ein
ros uil swinde
25
M
wes were di freisli-
che stimme
Zo uestiane er da
sprah
nu sage mir waz daz
sin mach
daz mir schilUt in
miiie oren
vnde lazit mich nich
gehören
iz geharit freisUche
sin stimme di is ge^
liehe
einem freislichem
iiere
do antworte ime
schiere
ptolomevs rmde
sprach
ih sage dir waz daz
Wesen mach
iz ist eifi rosfreislich
ime ne wart nie ne-
hein gelich
in alle criechische lant
buciual istiz geplant
B
was schaUes mag daz
sin
daz so lut hiU in die
oren min
ob es ros oder leow
tat
des ist veriret mir
min mM
do sprach potolomevs
zu dem leint
her es ist ein ros ge-
swind
daz mit vnsitte lebet
alle moll
vnd ist geheissen bu-
dval
Die Basler Bearbeitung toh Lambrechts Alexander.
35
daz hat tuwer uater
ingetan
under der stM ne
moihe neichn
hezzer gegen
er sprach herre ez
ne hat nehein
marslach in
hAte
wände ez erhizet vbele
und gute
u. s. w.
M
din uater hatiz in
getan
iz ne dorfte bezzei"
nie gegan
under neheiner stnte
iz ne hat nieman in
hüte
B
daz hat ivwer vaitsr
in getan
kein stüt mag solichs
niut gehan
keinmarschalkhates 30
in einer hüt
wand es bisset übel
vnd gM
u. 8. w.
wandiz ist uH freis-
lich
sin stimme di ist
eislich
iz irbizit man vnde
vdb
u. 8. w.
Die Quellen bieten hier Folgendes dar: PsK sagt Cap. 17.
T'!^ ouTO? 6 "u^t^zva^^ ncxoü {^ XdovTo; ßp6xr^|xa; cod. A); JV I 17.
0 xiri, ^ hinnitusne aures meas, annon rugitus aliquis leoninus
offenditf Epitome I 9 o viri, hinnitus ne aures meas, an vei'o
rugitus leoninvs offenditf In der Hdp. ist die Erzählung anders
gefasst; da heisst es: Quadam vetv die cum pertransiret per
locum vbi stabat ille equus indomitus vt videret inter cancellos
ferreos, et ante eum manus et aiia membra hominum dispersa
iacenüa miratus est valde. Diese Darstellung hat im deutschen
Gedichte keine Analogie^ auch nicht im Französischen, wo
berichtet wird 10, 15 Alixandres, Us lui, vit i. sien mestre
egter; de Vcri k'il ot oi, li prist ä demander; und weiter 10, 30
Alixandres apele L sien dru Festion; st le conjura fo7't, qu'il li
die raison, de Vcri que il di die Vocoison; nur das Englische
nähert sich der Hdp. etwas 774 ff. The Kyng to court went,
The ckildren he of- sent. (Es ist hier die Wahl zwischen den
beiden Söhnen Philipps: Alexander und Philipp.) Bulsifal neied
90 loude, That hit schrillith into the cloude! They wenten aUe to
the Stahle, There hit was tyghed in, saun fable; For a thousand
Ebenso PsK cod. A av8pE;.
3*
3G Werner.
pound of gold Pheh'p (der eine Sohn) hit nyghen n'olde; Ac
AUsaundre leop on his ruggey So a goldfynch doth on Üie hegge etc. ;
die Verdeutschung des Eusebius und D, sowie Ekkehard da-
gegen schliessen sich ganz der Hdp. an.
M steht hier VB gegenüber, da es im Anschluss an das
Französische den Festion als nestian einfuhrt, welchen VB nicht
kennen; im PsK steht der Name nicht überliefert. M weicht
aber auch von der Hdp. ab, worauf ich hier nur hindeuten
will; es ist s(^ar inconsequent, weil es nicht wie das Franzö-
sische fortfahrt 10, 33 et eil (sc. Festion) U respondi, sondern
Ptolomeus die an Uestian gerichtete Frage beantworten läset.
In Vers 26 weicht V von MB ab, indem es den Namen
Buciphal ohne weiters in Vers 20 bringt herre ist httziual ein
ro9 Uli sicinde; der Vers buciual istiz genant oder vnd ist ge-
heissen httcival entspricht dem Ausdrucke bei PsK 17 Bioircra,
zrjziq ecTtv 6 Xevcjxcvc; Bcuxi^zXo; nn:c;, cv b ^am^p cou evexXecffs
xT/w J V dagegen sagt : imo ^ vero hie ille est Bueephala, ^ quem
ob vehementiam pariter^ et scßvitudinem dentium hactenus^ claudi
rex pater jussit. Im Französischen 11, 10 s'a Bucifal ä non
zeigt sich Uebereinstimmung mit MB. Wenn V nun die
Lesart von A repräsentierte, so müsste A einmal von JV ab-
gewichen und einige Verse darauf, in derselben Scene, ihm
gefolgt sein, was mir um so unwahrscheinlicher ist, da B
gerade an dieser Stelle sich V sonst genau anschliesst. Es
spricht hier also wenn auch nicht die Gewissheit, so doch die
Wahrscheinlichkeit dafür, dass MB das Richtige überliefern.
Wieder durch Abirren der Augen möchte ich die folgende
Stelle erklären, bei der deshalb keine andere Entscheidung
möglich ist, weil die Quellen mangeln.
V 210, 3 ff. ' M 1341 ff. B 1213 ff.
herre bedenchet iuch er sprah: nu ratent er sprach bedenken
sin ziht mir des ist zit iveh bi zit
tcandir tiure tcandir uil tcise Inte wand ir frdmde hel-
chne[h]te siht sit \ de sit
' Epit. ^irtn immo.
- Ep. B. equu^.
> Fehlt £p.
r
Die Basler BeMrbeitung von «LambrechtH Alexander.
37
nement si nu den
ohem sige
so ist ufiser spot über
daz lant
der raht der ime do
wart getan
den mugent ir schiere
uersten
n rieten daz er mange
getaete rechen
unde liezzen die turni
brehchen
zfca[i]unde giben
zehec mange
umrden da
ge8ta[l]t
91 würfen alle mit
gewalt
« waren uil wol ge-
saelht
« wurden in driv
getailet
u. B. w.
M
netneat nu dise di
vberin hant
80 sjjottetet man unser
in daz lant
Ime fieten sine für-
sten
di ime raten tursteii
daz er sante
vbir se
unde lieze heris
comen me
unde hieze mangen
richten
unde tete di türme
brechen
B
gewunen sy den über
hang
(so sind wir jemer
me geschallt)
der rat der da ward
getan
den wil ich ivch wis-
sen Ion
si reitten daz er
über sy
sant bald nach
helffe me
vnd von eichin Span-
gen
hies würken starke
mangen
daz man mit icerffen
breche
die mangen waren
schier bereit
mit Sturmes gwalt
schiere wrden da ge-
sfalt
zvo unde sibinzich
mangen
niun und sibenzig
wurden dar
g estalt
I die wol wurffen mit
' gewalt
mit hurden wol be-
hangen
gemannet unde ge-
sellet
di wrden in dn ge-
teilet
u. 8. w.
mit vollen wol ge-
seillet
si wurden geteillet
u. 8. w.
38
ISerner.
Stellen wir uns vor; die Ueberlieferung in A sei folgende
gewesen :
der rät der ime do wart getan,
den muget ir schiere verstdn:
81 rieten daz er sante über se
unde lieze komen h&ris nie,
daz er mangen getcete wurchen[?\
unde lieze die turne brechen u. s. w.
so konnte der Schreiber leicht von si rieten daz er zum zweiten
daz er überspringen ; auch liegt das Senden um Hilfe sehr nahe,
es ist sehr natürlich, dass die Fürsten auch diesen Vorschlag
thun. Dazu kommt noch der Umstand; dass B fast nur in den
zwei Versen von V abweicht, mit dem es sich gegenüber M
auch an dieser Stelle in Uebereinstimmung befindet; darum
können die Piusverse in MB nicht spätere Zusätze sein, sondern
müssen das Ursprüngliche enthalten. Freilich zur Gewissheit
kommt man hier nicht.
V 219, 3 ff.
d wi dazfuur dar uz
spranch
da ein stahel wider
den ander[n]
dranch
grozer siege . wurden
nie getan
(u. s. w. s. u.)
d wie mähte daz ie
werden
mennes der slüch ale-
xandern zu
der erde
M 1735 ff.
daz daz fvr dar uz
spranc
ir iegweder dranc
uaste zo dem andren
10
do slvch doh alexan-
dren
mennes nider an daz
gras
ob di rede also loas
daz mach uns al be-
sunder
nemen michel wnder
B 1463 ff.
dz dz fiur dar nach
schos
menos den werden
sltlg nider zu der
ej'den
Die Basler Bearboitnng von L&mbrochta Alexander.
89
•
Alda wart ime der
heim abge-
prochen
der nianegen grozer
siege
der der chunich ale-
xanderßnch
unde icar er also wol
gewafenht
nieht
er ne bescowet nie-
merz tages
lieht
M
Do hüben sih irlute
dare
beidenthalben mit der
scare
da di helede iunge
mit nide insamt ran-
gen
da was michele not
da bleib manic hdt
tot
sere staub da der
melm
da wart alexandro
sin heim
uon dem Jioubete ge-
brochen
da was uil nah ge-
rochen
darius der ture de-
gen
alexandro wart da
gegeben
manjc stoz unde slach
di wile di er der nider
lac
leit er ein bittere
not
er was uil nah tot
B
15
den heim er im zer-
brach
20
vnd slüg vf in mit
nide dar
25
allexander was mit
flisse gewaff-
net gar
L
40
Werner.
30 toane daz sines todes
noch netoeht
solle sin
ein riter der hiez
35 daclym
u. s. w.
M
doh half in daz
er genas
daz er so wol gewa-
fent was
uil schire ime ouch ze-
helfen quam
daclym ein riter lohe-
sam
u. 8. w.
B
dz half im dz er
genas
nun kam ein ritter
anne but [?]
danklin was er genant
[: ze hat]
u. 8. w.
Hier muss der Grund der Verderbnis in dem Worte
liegen, das in B sehr undeutlich geschrieben ist Vers 33, so
dass man lut, Int, hut, bnt lesen könnte; ich vermuthe, dass
darin das md. Wort bat, bäte steckt, das nicht verstanden
wurde; darum liess V, welches ja theilweise dialektisch um-
arbeitete -(vgl. Rödiger. Anz. I 86), das ganze Verspaar aus,
M änderte den zweiten Vers selbständig, indem es aber in
seinem ze helfen Vers 34 den Inhalt von ane bat wiedergab.
Es zeigte sich schon oben, dass VB in den ersten Versen
einen Fehler theilen. Die Ueberlieferung ist klar bis zu den
zwei hervorgehobenen Versen. Nehmen wir an, in A habe
Folgendes gestanden:
unde wäre er also wol gewäfent nieht,
er ne bescouwete niemerz tageslieht:
wane daz half im daz er genas, '
nun quam ein riter ane bat,
(mies todes noch neweht solle sin)
ein riter der hiez Daclym , , .
Dadurch erklärt sich die offenbare Verderbnis, welcher
Diemer durch ein daz zil abhelfen wollte (was er aber in den
Anmerkungen S. 61 f. zurücknahm) und es erklärt sich die
Vgl. V 204, 6 f . M 1006 f. den Reim 9UU : daz.
Die B«iler BaarbeitnDg von Lambrechts Alexander.
41
UeberlieferuBg: wir müssten sonst an ^iner Stelle einen gemein-
samen Fehler in VB constatieren und wenige Verse später einen
solchen in MB. Hier spricht also die Wahrscheinlichkeit wieder
far eine gemeinsame Erhaltung des Richtigen in MB.
Vers 1593 ff. heisst es B:
da kam im ein schar gros,
die der reisse niut verdros.
von medendrich hundert tusing kan ir dar,
die warent zagheit bar.
In M 1991 :
dar nah quam ime ein here groz,
dem ungis lutzil verdroz,
daz kuninges reisen wol gezam»
uon medintriche daz quam . . .
funfzich tusint si brachten,
alsus hortich si ahten.
Dagegen sagt V 224, 22:
noch tu chom im ain scahr groz,
die des unges liuzel bedroz,
also si in chunigis reise wolgezam^
wände si uon meddn riche qvam.
Hier fehlt ganz allein die Angabe einer bestimmten Zahl
von Kriegern; dies ist auffällig und höchst unwahrscheinlich;
die Quellen bieten die Aufzählung der Streitkräfte nicht und
die in A genannte Summe von 630.000 Kriegern wird durch
die Detailangaben der einzelnen Hss. VMB nicht erreicht;
also auch hier nur ein Analogie- und Wahrscheinlichkeitsschluss.
Evident dagegen ist die Richtigkeit der Lesart MB.
V 204, 22
der wint tehtin uil
noht
B 1057
den vsseren det ouch
gros not
ein wint der wester
hies
vnd daz mer dike
reis
M 1058
der wint der tetin
starke not
wander uil stark was
der selbe der da boreas
in den buchen heizet
vnde di aller meist
reizet
42
Werner.
d(iz siner acephe ein
hunderht
ueraunchen
unde sine helde aller-
trunchen
do alexandei' daz ge-
sach
daz ir also uil ihot
lach
des Sturmes hiez er
*
abe stan
er thete disecphwider
indiehabegan
B
hundert schiff er im
versankt
daz
er-
Volk alles
trank,
do allexander kos die
not
des Sturmes hies er
abbe tan
die schiff in die hob
gan
der unsse bedadtte
M
daz mere mit den
vnden
der schiffe sluch er
zegrunde
vile daz si versunken
vnde di lute dar in
nertrunken
vil manig ouh da ir-
slagen lach,
do alexander daz ge-
sach
des Sturmes hiz er
abe stan
vnde hiz balde wider
gan
di schif in di habe
ob ich rechte nertio-
men habe,
Do clagete alexander
m£r dan sihein ander
einen scade groze
sine liebe wicgenoze
doh moser getrosten
sih
des scadenvmnvazlich
Alexander bedathe
sich
des scaden ummacz-
lieh
Hier also zwischen V und B grosse Uebereinstimmung,
nur ^in Reimpaar in B mehr^ dem in M vier Verse entsprechen,
im Einzelnen aber grosse Abweichungen in dem was M und B
gemeinsam ist. Die Quellen lassen zwar im Stich, aber es ist
ganz gewiss, dass hier MB keine gemeinsame Zuthat haben, denn
in V muss etwas fehlen. Aber weder von M noch von B scheint
das Ursprüngliche überliefert zu sein : in A muss ein zu langer
Vers gestanden haben, sonst wäre in M nicht geändert worden.
Jedesfalls steht B dem Ursprünglichen näher als M und von einem
gemeinsamen Fehler der beiden kann nicht die Rede sein.
Die Basler Bearbeitung von Lambrechts Alexander.
43
Noch schlagender ist die Richtigkeit der von MB re-
präsentierten Lesart Vers 1029 fF.
V 204, 1 ff.
uemement wie in ale-
xander uei*nami
mit zorn 6r der nider
saz
bi sinem hals er sich
uermaz
er sprach sin scolte
for lange sin
er wolle . . .
oueh ne tcaiz ich loie
ir name si
unde sante si dar wi-
dereindiestat
unde den alsten sagen
daz . . .
u. 8. w.
M 992 ff.
vnde in alexander
vemam
imde er ime gesagete
rechte,
waz ime di guten
knechte
uz uon tyren enboten
uon zorne begunder
roten,
uor ungemvte er ni-
der saz,
bi sime libe er sih
uei'maz,
iz gienge in allen an
den leben,
daz si ime torsten
iciderstreben.
er solde sih wol ge-
rechen
unde ir stat zebrechen»
Do nam er siner für-
sten dri
— ihneweiz niht wi ir
natne si —
unde sante si wider
in di stat
vnde hiz den besten
sagen daz
u. 8. w.
B 1025 ff.
do allexandev die
botschaft ver-
nam
von zorn er nider sas
bi einem leben er sich
vermas,
er woltte sy haben
sunder dank
da nach niut lang
sant er einer fürsten
dry
wider in die stat ze
haut,
ei* hies den besten
dün bekant
u. 8. w.
In V haben wir einen offenbaren Fehler vorliegen,
dem aber wie ich glaube ganz einfach auf Grund von B ab-
geholfen werden kann. B stellt einige Male Verse um, z. B.
Vers 1096 ff. 1116 ff. 1124 f. u. s. w., es ist daher nicht zu
kühn, wenn ich Aehnliches auch hier annehme und glaube,
die Reimbindung sei nicht dank : la7ig, sondern lang : dank
44 Weraer.
gewesen. Auch in V muss daher lange nicht sin das Reimwort
gebildet haben, der Vers ist aber aach sonst leicht gebessert,
das arsprüngliche war woU:
er sprach ez enscolte sin porlane,
der Schloss dieses Verses wurde von ^B modernisiert in niut
lane. Der ebenbei^estellte Satz mosste eine Reiiuzcile gehabt
haben und das er wolte in V, hinter dem Diemer schon richtig
die Lücke vermuthet hatte (Anmerkungen S. 60) macht es klar,
dass B den fehlenden Vers überliefert: er wolde sy haben sunder
dank. Doch kann dies nicht das Ursprüngliche sein, weil
er sprach ez enscolte «tu porlane
er wolde sy haben sunder danc
schon an sich keinen guten Sinn gibt und dann die Lesart
von M durchaus nicht erklärt. Die Verse in M
ez gienge in allen an den leben^
daz si hne tarsien widerstreben
können nicht ursprünglich sein^ denn sie tragen ganz den
Stempel des Ueberarbeiters an sich und sind darum noch
mehr verdächtig, weil M kurz vorher in dem Auftrage an
die Boten, die nach Tjrus gehen, folgende Drohung einfligt
(Vers 972 ff.) :
er sagetin, daz er solde
ir lafU zevoren
vnde ire stat ze stören
vnde nenien in allen daz leben,
ob si ime wolden widerstreben.
Allein auch die zwei Verse
er solde sich wol gerechen
ende ir stat zebrechen,
die schon durch ihren Zusammenhang nicht ganz geheuer sind,
können umsoweniger das Ursprüngliche sein, weil sie sich we-
nige Zeilen später fast unverändert in aUen Hss. wiederfinden
(V 206, 6 f. M 1143 f. B 1108 f.). In M lauten sie:
starke si sih rochen
ein casiel si zdfraehen,
Fine Drohung musste in A aber jedesfalls vorhanden gewesen
sein und ich glaube nicht zu irren, wenn ich die ganz geringe
AenderuDg
Die Basler Bearbeitung yon Lambrechts Alezander.
45
er weide si hohen stmder danc
als das ursprüngliche ansehe. Nun unterliegt es keinem Zweifel
mehr, dass der Vers, in dem MB gegenüber V stimmen, von
V nur ausgelassen; nicht von« MB gemeinsam hinzugesetzt
wurde. In A wird also Folgendes gestanden haben:
. . . mit zorn er der nider saz.
6t miem halse er sich vermaz,
er sprach ez enscolte stn porlanc,
er weite si hähen sunder danc,
dd nam er stnej* fürsten dri
— ich ne waiz wie ir name n —
unde sante si dai'widere in die stat
unde hiez den besten sagen daz . . .
Von einem gemeinsamen Fehler in MB kann daher wieder
keine Rede sein, und hier Hess es sich klar beweisen.
Nachdem ich so die hauptsächlichsten Stellen eingehend
besprochen, gebe ich wieder ein Verzeichnis der noch übrigen
Verse, in denen das Verhältnis MB:V obwaltet.
B 560
2Ä im getorste nieman
gan
wand wer die schulde
hat getan
daz im verteilet was
daz leben
der ward dem ros
dennegegeben.
M 304
zo ime ne torste nie-
man gan
wan der also hete
getan
daz ime uerteilet wart
daz leben
den mose man deme
V 190, 11
Z1& dem ros getorste
niem^n g&n
wan timbe den ez also
was getan
den uerteileht toas
daz leben
den mAse m^n dem
rosse geben.
rosse geben.
V enthält einen Fehler, es müsste heissen dem verteilet . . .
und der Vera vorher entspricht nur in MB den Quellen, denn
in allen antiken Darstellungen ist von Verbrechern die Rede.
PsK I 13 xai TOü^ fjLT) Svra^ \j^Y.6o\)q v^(; i[t/qc ßaatXs^a*;, oikV fco-
^XTOvra^ TW vöjjui) dxetöOüVTO^ ij hd Xtjorefa XT)9ÖsvTa<; auT(|> icapaßiXXeTe.
JVal. XIII (Müller) Quisqne enim succuiuei'it legibus tristioribus,
hujvscemodi melius objectabitur lanienae. (Fehlt in der Epitome,
wie die ganze Erwähnung der Todesstrafe.) Hdp. . , , ut lafrones
qui mori debent ex lege trucidentur ab eo. Ebenso Ekk. Uraug. 63
vi raptores et latrones aliique malefactoreSj qui fei-is deputarentur,
ai hoc comedereutur. D 5* dy morder vnd dy rawber.
46 Werner.
590 B er hat noch niut vernomen, V des umbe daz ros was geseit
wie daz ros dar was kamen des inhabt er noh tt% uemo-
M dannohneheternit vernomen ^''^^^ nteht,
wi iz vmbe daz ros was comen,
Entscheidung nicht möglich, weil die Quellen diesen Gedanken
nicht geben. Interessant ist die Stelle 652 f. (V 192, 11 M 385),
überhaupt jene ganze Scene, doch da hiebei schon das Quellen-
verhältnis in Betracht kommt (Harczyk 149 f.), so verweise ich
auf Cap. 4. Dasselbe gilt von Vers 704 (M 457).
Vers 1081 B vnd hergfrid dar stellen M vnde berchfride
stellen V er wolte perfriht stellen. .Dass hier nicht eine gemein-
same Auslassung von MB, sondern ein Misverständnis von
V vorliegt, ist evident, denn M hätte gewiss einen so wohl
gebauten Vers wie der von V nicht zerstört, da es unde berch-
fride stellen schreibt, um nur die vier Hebungen herauszu-
bekommen, dabei fehlt dann erst noch der Auftact, für den
M doch Vorliebe hat. V dürfte den Vers unsinnigerweise zum
folgenden gezogen haben. — Keine Entscheidung dagegen wage
ich bei der geringen Uebereinstimmung in Vers 1102. MB daz
werc V iz alliz (die Aenderung des gereite von V in bereit ß
bereitet M muss unabhängig von einander stattgefunden haben).
Dasselbe gilt von Vers 1161.
V 207, 36
unde liez da mit der
werlte
den ernst Sturm weim-
den 1. werden.
B
daz sy bi der erden
M 1239
%mde ntder an der
erden
hiz er den stürm wer-
den.
den ersten stürm Hes-
sen werden.
Der Reim erden : werden statt werlte : werden lag so nahe, dass
*M und *B darauf kommen mussten, dazu stimmt B an dieser
Stelle wieder ganz besonders genau zu V: Vers 1159. 1160.
1162 VB: M dann 1161, eine Aenderung, die sich gleichsam
selbst aufdrängte, zumal werlt in dieser Bedeutung nicht das
Gewöhnliche ist; es kann da von einem gemeinsamen Fehler
nicht die Rede sein. (Ueber diese Stelle ist schon oben S. 20
gehandelt.)
Unbedeutend ist auch die Uebereinstimmung Vers 1180
und 1182 V al durch MB durch. Dabei gilt vielleicht das zu
Vers 1081 Gesagte; ein solches al von V ei'scheint auch 1164
Die Basler Bearbeitung von Lambrechts Alexander.
47
in MB nicht, obwohl 1163 f. der Fehler in B nur aus dem
Fehler in V erklärt werden konnte (s. o. S. 14); dies al hätte
an dieser Stelle in M B den Vers beschwert.
Vers 1194, in dem VB:M stimmen, zeigt MB gemeinsam
gegdn : gdn von V; dadurch wurde in M und B Vierhebigkeit
erzielt.
Vers 1251 V er hiez die tie turne . . . M 6r hiez di türme
B die iiim kie$ er . • . Hier ergänzt Diemer die trie (V. 209, 28
hatte gestanden drie turni, doch beweist dies nichts). Diese Er-
gänzung ist unnöthig, es kann ganz gut verschrieben sein.
Vers 1259 V werez M wei^e er B wer er geht auf Alexan-
der. In V ist also eine fehlerhafte Schreibung zu constatieren.
Vers 1290 f. mitten in einer langen Stelle, welche in
V und B gemeinsam überliefert ist, während M oft die weit-
gehendsten Aenderungen hat, heisst es:
V 212, 8
Ain richer chunich
W€u darios
er wider dahteralsus
B
der riche küng darivs
gedacht nach diaer
rede sus
V kann unmöglich richtig sein, es können MB das Richtige
erhalten haben.
M 1438
Der riche kuninc da-
riu8
der antworte jme aU
SU8
V 213, 14
Unde also alexander
den hrief gelas
M wi smao ime ww.
B 1317
do aUexander den
brieff gelas
vil smach er im wa^
M 1488
Do alexander den
brieh gelas
uil harte ummerejme
was.
V wird wohl das Ürspiüngliche überliefert haben, das aber
metrisch ungenau war und daher von jeder Hs. leicht ge-
bessert wurde.
Diß Auslassung von sich in Vers 1410 (V 217, 11 M 1647)
entstammt dem jüngeren Charakter von MB.
Der Vers 1487, wie ihn V 219, 26 überlieferte, könnte
ursprünglich sein: d wie gikt ainen lob daz swert gewan, doch
erscheint mir höchst unwahrscheinlich, dass nur die Qüte des
Schwertes, nicht die Kraft des Helden hervorgehoben würde.
Man müsste bei der Reconstruction von A zwar V zum Aus-
gangspunkte nehmen, aber den Sinn von M 1792 und von B
(4» er gros lob gewan) herstellen und etwa schreiben :
48 Werner.
d, wie guot ein lob, daz er gewan.
V könnte bei einem Dictate sehr leicht daz swert für daz er
verstanden und dann ainen geschrieben haben, weil ihm lob als
Masc. geläufiger war.
Vers 1517 MB do in : V 221, 9 den, erhält das Richtige,
den stammt aus der Zeile vorher.
Vers 1562 MB do :W 223, 3 unde da, wieder richtig.
Dies ist die ganze Reihe von Stellen, an denen V allein
steht, M und B dagegen irgend etwas Gemeinsames bieten.
Wir fanden nicht 6ine darunter, durch die wir gezwungen
würden anzunehmen, B stamme aus äner Classe mit M. Einige
Male freilich wusste ich keine Entscheidung im einzelnen Falle
zu treffen, nachdem wir aber nun in der überwiegenden Anzahl
von Fällen nur Uebereinstimmung im Richtigen gefunden haben,
oder die Äenderung sehr leicht von jeder Hs. selbständig
konnte vorgenommen worden sein : so darf Aehnliches auch
bei jenen wenigen Kleinigkeiten — solche waren es stets —
constatiert werden.
Ich habe im Voranstehenden also bewiesen, dass B weder
aus M direct noch aus der Classe *M abgeleitet sein könne,
weil B nur im Richtigen mit M gegen V stimmte ; es hat sich
aber auch gezeigt, dass B nicht der Hs. V entstamme, jedoch
Fehler und Eigenthümlichkeiten mit V theile, welche auf eine
Gemeinsamkeit der Ueberlieferung schliessen lassen. Diese
Fehler und Eigenthümlichkeiten müssen daher schon in der
Vorlage von V gestanden haben, die ich mit V bezeichne.
Es fragt sich nun, ob V* auch die Vorlage von B war,
oder ob sich Zwischenstufen erweisen lassen?
B stammt aus dem Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts,
seit spätestens 1439 war die Hs. im Besitze Erhards von Appen-
wiler, eines Caplans am Basler Münster. * V entstammt der
* Herr Dr. A. Bernouilli in Basel, welcher den localhistorischen Theil
behandelt, schreibt mir, Erhard, welcher bis 1471 lebte habe die leer
gebliebenen BlKtter (v. Fol. 180 an) mit eigenen Anfzeichnnngen gefällt
Von 1471 bis 1530 gieng die Hs. von Hand zu Hand durch mehrere
Basler Familien (Grünzweig, Synner, Tscheckebürlin und Wjler) nnd
scheint jeweilen auf den Schwiegersohn vererbt zu haben. Mach lö30
bereicherte sie der Magister Hieronymus Brillinger (1505 Rector der
Universität) mit einigen eigenhändigen Zusfttzen.
Die Baaler Bearbeitang von Lambreohto Alexander. 49
Hitte des zwölften Jahrhunderts, V^ ist also von B durch mehr
als zwei Jahrhunderte getrennt, schon darum wäre directe
Abstammung unwahrscheinlich. Doch glaube ich beweisen zu
können, dass die Vorlage von B dictiert worden sei, es erklären
sich nur auf diese Weise Fehler wie V. 1324 diuchte dich für
ducht ioch, Vers 2879 rekfaman für roocanam, wobei wir zugleich
sehen, dass nicht B selbst nach einem Dictat geschrieben sein
kann, was auch dui*ch Schreibungen wie Vers 2443 dar umh
für darinm also darm erwiesen wird. Auf Dictat der Vorlage
deutet Vers 2990 macht doch fiir mach dock. 2994 die weUent
für statt hie wilant für. 2998 min spil (Ür nit spil. 3157 vnd
9€r für vnaer u. s. w. (Ich komme darauf noch zurück.) Da*
durch erschliessen wir eine Stufe B^; ob nun diese direct aus
V stammt oder nicht, braucht nicht untersucht zu werden,
doch erscheint es unwahrscheinlich.
Von grosser Wichtigkeit ist jedoch die Frage, wie wohl
V^ beschaffen gewesen sei, und wie sich M oder ^M . dazu
verhalte. Das heisst, es ist zu untersuchen, ob V^ mit V jene
Eigenthümlichkeit theilt, die eine starre Scheidung zwischen
MB und V hervorruft, ich meine natürlich den vielbesproche-
nen SchluBS von V. Damit hängt die andere Frage zusammen,
ob B in dem was es mehr als V bringt überhaupt noch in
Betracht komme, ob es auch da zu *V gehöre oder aus ganz
anderer Quelle schöpfte.
Vor Allem ist dieser Schluss in V selbst näher zu prüfen.
Der Schluss in V.
Holtzmann ' behauptete, der geistliche Schreiber von V habe
deshalb plötzlich seine Abschrift des Alexander abgebrochen^ weil
er durch den weltlichen, fiir ihn uninteressanten Stoff ermüdet
worden sei, den Schluss habe er willkürlich erfunden. Gegen
diese Ansicht wendete sich schon Harczyk;^ er sprach die Ver-
muthung aus, dem Schreiber habe kein vollständiges £xemplar
von A vorgelegen und er sei gezwungen gewesen, das Gedicht
80 gut als möglich zu Ende zu bringen. Auch er spricht von
1 Geim. 2, 33.
3 ZsfdphiU 4, 3.
Sitxangsber. d. phU.-hiit. Ol. XCIII. Bd. I. Hft.
50 Werner.
einem ^scheinbaren Schluss^ ,auf eigene Faust'. Beide beweisen,
dass sie die 35 Verse, welche in V dem Gedichte ein so plötz-
liches Ende bereiten, nicht näher untersuchten.
Dieser Schluss zerfällt ili zwei Theile. Die Verse 1 — 19
sind in M an anderer Stelle, in anderem Zusammenhange über-
liefert, bestehen jedoch zum grössten Theile aus Versen, die V
schon irgendwie verwerthet hatte. Die Verse 20 — 35 sind in
V zwar originell, doch auch hier nur früherem Zusammenhange
entnommen.
Dieses überraschende, bisher von Niemandem beachtete ^
Factum ist nicht leicht zu erklären. Wie kam V überhaupt
dazu, einen früheren Schluss herbeizuführen; dass nicht Er-
müdung die Ursache gewesen sein kann, beweist der Umstand,
dass V nicht einfach den Schluss der Vorlage herübernahm,
sondern aus einer anderen Kampfbeschreibung für seine Seene
ein Ende suchte und dann selbst erfand; dass V aber kein
Interesse für den weltlichen Stoff gehabt habe, ist deswegen
unwahrscheinlich, weil der Schreiber so bewandert im Gedichte
ist, dass ihm unwillkürlich Verse aus der Erinnerung einfallen,
die er verwerthet: er muss daher die Vorlage mit Aufmerksam-
keit gelesen haben. V war also durch eine äussere Ursache
gezwungen.
Man könnte im Hinblicke auf B vermuthen, M habe für
die Schilderung der Schlacht den Schluss von V benutzt und
B habe in seiner von M stark abweichenden Darstellung jener
Scene das Original bewahrt. Dagegen spricht jedoch vor Allem
der Umstand, dass M au jener Stelle in voller Uebereinstimmung
mit der Hdp. steht und dass diese einen Satz ut totus campus
ex semivivis et mortuu veafiretur überliefert, der wörtlich in M
wiederkehrt.
Auffallend ist, dass der erste Vers, welcher von V und B
— nicht von M — ausgezeichnet wurde, auch von M im neuen
Zusammenhange verwendet wird. Allein an ein Abirren des
Auges ist bei einer so grossen Anzahl von Versen nicht zu
denken.
Mir erscheint noch immer als das Wahrscheinlichste, dass
die Vorlage von V nicht vollständig war. Dies dürfte auch
* Vgl. jedoch Weissraann Lesarten.
Dia Basier Bearbeitang ron Lambreclits Alexander.
51
aus der Lücke hervorgehen, welche Diemer 226, 11 nach
den Worten unde also er hin mit Recht vermathete. A selbst
muss weiter gegangen sein als V, denn eine Hs. der Classe *M
kann die Vorlage von V nicht gewesen sein, die Ueberein-
stimmung geht nicht so weit, dass nicht Umstellung etc. in
M : V gegenüber vorkäme (siehe die folgende Aneinander-
reihung). Als Characteristicum von *V aber darf der Schluss
durchaus nicht betrachtet werden; im Gegentheile, wir haben
darin nur eine Eigenschaft von V, die vorderhand noch nicht
ganz klar ist, anzuerkennen; es wäre daher sehr gut möglich,
dass auch im Folgenden B der Classe *V entstamme und dies
wird sich Jedem als nothwendige Folgerung aufdrängen, der
sieht, wie gewaltig B von M abweicht und wie es trotzdem
nur seinem bisherigen Vorgehen treu bleibt.
Ueber die Parallelen zwischen dem Schlüsse in V, dem
Gedichte, wie es in V vorliegt, und M orientiert nachstehende
Tabelle. (V 225, 13.)
V M
(vgl.M2036.B1623)
Unde also diz ale-
xander uemam
er manete sine gefme
nian
die im ze siner note
w waren ain müthe,
»ttt ainer minnei'
Tnenige
so reiht er in zege-
gene
ze mesopotamta
da chomen st ze-
samene
199, 9 f. er nam fdn
aller getri-
wisten man
10 f. die ime ze
siner note
11 ie xoaren
ein müthe,
22^,22 mit allen
ir menegen
192, 13 f. nndegiench
sineme ua-
ter gegene
223, 23 in daz
felht meso-
potamiam
192, 14 unt also si
zesamene
chomen
3248 alexander diz
uemam
da maneter sine
getruwe man
3250 di ime waren
einmvte
zaüer siner
note . . .
3258 di aiechische 5
manige
den persen in-
gegene
3260 (mit michiler
freuele)
quamen si ze-
samene
4*
ö^
Wern«r.
V
M
in der breiten ouwe.
223,24 in der
bi dem ttragt
breiten
an der
Owen
ouwen
10 [man] mähte nie be-
223, 24 da wolte
wer mohte ie
echowen
er sin her
bescowen
bescowen
schar also edele
[vgl-
200, 26 f. unde
zvei so heiU-
einen marUel
chen scaren
*
also edele
uor eineme chnnige
k
so chunich,..
3265 (da was mani-
ger mvter
barjn)
die der ie zesamene
192,Huntalso
da si ze samene
chomen^
si zesamene
chomen
225, 19 do iz al
zesamene
chom.
quamen
unde 80 grozen scha-
196,10 f. dm er
vnde grozen
den genamen
neheinen
scaden
scaden
namen
hethe gefio-
men
15 alle die wolch tvich
(187
, 16 {.silertin
3275 falle di uolc-
uon darios zit
stwm unde
wige
uolcquvic)
Sturme vnde
strite
di tum darien
gezite
die alle h'zher sint
al biz her sint
gescheen
geschitf
si ne miihten dar zu
187,
11 so des nie
3278 di ne glichen
geliehen nievht.
wart gelich
dar zo njet,]
(184,
14 f. m ne geli-
chet nehein
ander)
do was daz feit uil
208,
23 da was daz
3268 da was daz feit
breiht
ueltuilunht
uü breit
Die Basier Bearbeitung ton Lambrecbts Alexander.
53
M
mit ten toten über
spreiht
da akxander durch
daz Wide brach
d was da helede tot
lach
unde also er hin
muz nu also
ergan
ir Stuten zins hie in-
fahen:
da ir uil manegen
tachhabethnach
geaant
dm han ich iv braht
in diz lant,
mit tem selben worte
90 gab er im mit dem
swerte
[vgl.209,13ff.t4/d6r
erde mähte
niemen gan,
also uü lag ir
da erscla-
218, 25 durch alle
die sine er
brach
202, 11 f. dannen er
durch daz
lant brach
210, 27 f. a waz ime
da helede
tot lach
(: brach)
196, 14 ff. der den
seine von einem
Jäter phiUppus
woldenfaneri.
196,23 {. (daz phi'
lippus den zins galt
in darios gewalt)
dannen über mane-
gen tach . . vgl.
199, 2 f. dar nach
über um manegen
tach.
221, 28 mit dem sel-
ben fvoi'te
222, 1 gab er im
mit dem
swerte
mit den toten'
vbirspreit
20
25
54
Werl» er.
M
*ainen slach der was
mare groz
daz imz höbet uur
daz march scoz
30 da geschieth sich daz
volcwic.
8V8 saget uns maister
albrich
unt der gute phaffte
lampret
diz lieht ist war unde
rehth.
hie duhte siv heidi
diu maz.
35 nu ist zith daz
laZEN.
222, 3 f. uf daz hö-
bet em sluch [vgl.
220, 16 f. div me-
nige div was mare
groz : schoz.\
222, Af. daz hübet
uielimeuur
die füze
[vgl. 221, 2 f . e
sich der stürm ge-
schieden 220, 26 der
der ie gevaht
uolcwich]
218, 2 f. alsus
hartich mai-
ster alberi-
chen sagen.
183, 1 ff. Diz lit . .
sin genüge ist uil
rehtj iz tihte der
phaffe lambret.
\
\
derselbe Reim findet
sich 197, 14 f.
214, 1 f. 215, 21 f.
Schluss.
Das Resultat meiner bisherigen Untersuchung lässt sich
graphisch folgendermassen darstellen:
V
*M
B<
B
Die Basler Bearbeitang toh Lambrechte Alexander. 55
in. Capitel.
B steht allein.
Naturgemäss zerfallt die folgende Untersuchung in zwei
Theile'^ sie behandelt: 1. Aenderungen und 2. Auslassungen.
Dabei sind wieder zu scheiden a) Auslassungen mit bestimmter
Kunstabsicht^ b) fehlerhafte Auslassungen , durch die der
Sinn gestört wird.
Wackemagel stellte die Ansicht auf, B sei durch eine neuer-
liche Uebersetzung von Alberics Werk entstanden. Seite 31
seiner Schrift sagt er: ,Der Verfasser hat mit dem Lamprecht
in der Hand noch einmahl dessen franzoesisches Vorbild, den
Alexander Aubris von Besan9on verdeutscht^ Dass diese An-
sicht unhaltbar sei^ ergibt sich schon daraus, dass *B die von
Ä ausdrücklich zurückgewiesene Einleitung über Alexanders
Abstammung und Geburt enthält. Hätte ihm also Alberich
vorgelegen, so hätte er sich gewiss nicht unter die Schaar von
lougendren gestellt, von denen die Rede ist. Das von P. Heyse
gefundene Bruchstück des französischen Gedichtes kannte
Wackernagel noch nicht. Auch Alberich sagt : Dicunt alquant
estrobatour, qu^el etc., in B müsste daher, wenn Wackernagels
Ansicht die richtige wäre, wenigstens mit einigen Worten
gegen den Ausspruch Alberichs remonstriert und die Richtig-
keit der Geschichte mit Nektanabus hervorgehoben werden.
Doch nichts von alledem, B berichtet mit Ruhe die ganze
schmutzige Erzählung, die einen betrügerischen Pfaffen und
eine leichtgläubige Königin vorführt, wie sie die mittelalter-
lichen Alexanderdarstellungen alle überliefern.
Dies ist die Hauptänderung von B, es wollte aber mit
seiner Einleitung offenbar die vollständige Sage geben, denn
in seiner Hinweisung auf Alexander heisst es: der diese mer
ißÜt mssen der lesse den grossen allexander oder daz buch der
madiabeis. (Bl. 21». 1.).
Diese Einleitung ist darum interessant, weil man aus ihr
die Leistung des Ueberarbeiters ersehen kann. Die Ansicht,
welche Wackernagel ausgesprochen hatte, die Entstehung von
56 Werner.
*B sei ins dreizehnte Jahrhundert, obwohl erst gegen das Ende
desselben zu setzen, findet darin ihre Bestätigung. ^
B reimt ganz genau, nur folgende Unreinheiten sind zu
bemerken.
d : a getan : daran 137 f. : man 305 f.
i :t sin: sin 149 f.
ei : te scheid : miet 247 f.
0 : 6 foart : hört 105 f. : erhSrt 443 f.
m : n nam : man 65 f. herheim : mein 171 f. gadem : schaden
237 f.
s : z was : daz 71 f. gescLZ : genas 389 f.
en : e stunden : begunde 378 f. (was leicht in stunde zu
bessern ist.) Höchst auffallend ist der Reim Vers 417 swcere
(swer) : Alexander.
Alle diese Unreinheiten finden aber zudem Erklärung im
Dialekte des Dichters und einige von ihnen, z. B. die Bindung
von d : a begegnen schon in classischen Dichtungen.
Auch über die metrischen Ansichten des Ueberarbeiters
werden wir unterrichtet; seine Verse sind alle vierhebig, oder
dreihebig klingend, die vierhebigen sind entweder stumpf oder
klingend, nur Vers 456 und hasse daz niut bist gelich der frouwen
[1. formen] min und Vers 444 diese wort fügen sich dieser Regel
nicht. In ihnen muss Verderbnis angenommen werden. ^
Die Einleitung enthält 267 Reimpaare, von denen 24 ge-
wiss, 2 wahrscheinlich dreihebig klingend sind, also 10 Procent.
Es sind folgende: 21. 25. 49. 51. 61. 69. 81. [133.] 135. 141.
165. [233.] 289. 317. 321. 323. 327. 353. 377. 379. 433. 463.
499. 511. 515. 529.
Die Verse zeigen zum Theil keinen, zum Theil ein- oder
mehrsilbigen Auftact. Zweisilbiger findet sich 40 Mal u. zw.
Vers 1. 10. 17. 19. 26. 48. 53. 70. 90. 115. 124. [132.] 150.
151. [152.] 164. 187. [223.] 224. [226.] 241. 262. [274.] 278.
300. 306. 309. 336. [346.] 363. 364. 400. 406. 414. 422. 474.
502. 512. 518. 530. Vom dreisilbigen wären Vers 57 daz er
ze I mazidoni wurd erkannt und Vers 406 alle die \ zit soz
[Hs. so daz] kind wurde brdht, die einzigen Spuren, doch
dürfte der letztere in al die zu bessern sein.
1 Ich verweise auch auf die Betrachtung des Lautstandes in B.
3 444 zu bessern nach Vers 4610?
Die Bfttler Bearbeitang tob Lambrechto Alezander. 57
Schwebende Betonung gestattet sich der Dichter fünfmal.
Vers 5 niender noch in nigramamA,
[164 anders ich dir niut gdouben macj hier wohl zwei-
silbiger Aaftact.J
259 meister, ich hän gesant nach dir.
375 meister, mir ist unmdzen we,
449 meister, ich hän gesant nach dtr.
Die beliebten Flickverse sind ihm bei der Arbeit will-
kommene Mittel zur Herstellung der Reime. 1. Berufungen
auf die Quelle: Vers 2 als ich von im geschriben las 78 als
ich wn ir geschriben las 139 als mir die (ge)schrift hat geseit
146 als ich an einem buoche las 428 als ich an der istort ver-
nanu 2. Betheuerungen der Wahrhaftigkeit: Vers 224
des soU du von mir gewis sin 314 des wil ich dir für wor jehen.
[384 als war daz istl!] 412 f. daz ich für wdr sagen mac und
sin offenlichen gich 421 ich sage iu für war 460 ich wil dir
mherltchen sagen. 3. Flick verse anderer Art: 136 als man
es menschen solde, — 165 in vil kurzen stunden (: funden) 377 an
den selben stunden (: begunde) 463 an der selben stund (: begunde).
— 398 daz beschach niemer sid.
Darin besteht das Können des Ueberarbeiters, das er nun
auch auf den Text von Lambrechts Alexander überträgt. Es ist
offenbar, dass B ändert, um unreinen Reim wegzuschaffen und
zwar geht es viel weiter als M, dessen Bindungen durchaus
nicht rein im höfischen Sinne sind.
551 VM hdr xmdl B hdr : sunderbär,
616 V chinden : gewinnen B springen : bringen
624 V daz : brach B ersach : erbrach
672 VM sitte : geritten B siten : geritten
684 V beginnen : überwinden B beginnen : gewinnen
M beginnen : vertöinnen
692 VM stat : en(t)sa(z)t B stat : mat
694 V abe : dane B dd : do (alemannische Aus-
M ane : dane spräche)
714—717 VM minnen : geurun- B sd : d6, nicht : geschieht
nen, get^n : räm
720 V willen : gestellet B wellent Idn : getan
948 V edele : himele B Ach : hbstUch
952 V ndme : r&mdre B mJeren : rbmeren
Oö Werner.
1044 VM 8tat : daz
B «to^ ze Aan< : bekant
1078 V hers : mer M here : mere
B Äer«:merÄ
1 161 V werlte : werden
BM erden : werden (s. oben)
1165 VM durch : burch
B durch in : milren Am
1181 VM riter iunc : verumnt
B rtf far an efar stund : wund
1236 VM burch : durch
B statimat
1268 VM namiman
B gewan : man (vgL oben)
1274 V erlöste : nöte
B W«f : ?-M< (typische Bindung)
1334 VM sculdeigolt
B schulde : hulde
1430 VM yfoz : tdt
B no^ : cföe
1440 VM gesach : «2dcA
B gesach : vngemach
1480 VM alach: gesach
B dar : bar
1484 VM zancte : icnde
B endeiZende (vgl. Vers 743)
1488 V gebranc : pant
BM hant : bant
1524 V warf : restarb
B warff: scharf
1597 V lant'.tusint
B gesant : lant
1599 V gesant : tusint
B brähte dar : «cAar (vgl. Vers
1601)
1605 VM wesen : risen B dar : schar
1607 VM man : frigiam B man : dan
Dies sind die Aenderungen wegen Unreinheiten des Reimes;
doch ändert B auch aus metrischen Ursachen, sucht die Verse, die
ihm zu kurz oder zu lang erschienen, auf das richtige Mass von
vier Hebungen zu bringen; Beispiele dafür fanden sich schon
oben in ausreichendem Masse. B ist aber conservativer als M : es
macht nicht aus Einern Verse, wenn er zu lang scheint, drei, son-
dern wirft die irgend entbehrlichen Worte unbarmherzig heraus.
Damit ist zugleich eine andere böse Eigenschaft des
Ueberarbeiters angedeutet. Er hat gar keine Achtung vor dem
überlieferten Texte, sondern operiert nach Gutdünken in ihm
herum. Sein Interesse ist auf das Thatsächliche gerichtet,
daher scheidet er willkürlich das aus, was ihm nicht noth-
wendig zur Sache gehörig scheint. Nicht einmal die Citate aus
der Bibel lässt er unangetastet.
Bekanntlich hebt Gervinus besonders lobend hervor, dass
Lambrecht seinen Stoff mit Bibelstellen geschmückt habe —
freilich dürfte nur Alberich dies Lob verdienen — er wäre
daher nicht sehr zufrieden mit dem Corrector B, welcher nur
öine Erwähnung biblischer Vorgänge stehen lässt: tiryus ist
Die BmImt Bearbeitung tob Lambrechts Alexander. 59
ouch diu stat, d6 got der keidnin dohter lost von des b<Bsen geUtes
rost; B kürzt auch da, während M seine Kenntnißs der Stelle
(Matth. 15, 21) durch Einführung des Namens ehananea be-
weist. In dem Stücke, das auch von V überliefert ist, wird
die Bibel zehnmal citiert, Einmal von V allein, viermal von
y in dem Theile, welcher in die Lücke von M fällt, viermal
von V und M, Einmal von allen Hss. M ist dabei meist am
breitesten. Auch im weiteren Verlaufe scheidet B die Bibel-
steilen aus, vgl. Vers 2305 S, 4024 ff. (M). Der Vergleich aus
der altdeutschen Sage wird von B nicht minder als überflüssig
angesehen und daher bei Seite geschoben: es beweist darum
fiir eine nähere Verwandtschaft von M und B durchaus nichts,
wenn sich einmal die Anfuhrung aus der Bibel in beiden nicht
findet; V 219, 3 heisst es:
grdzer siege wurden nie getan,
si ne slüge wilen säms&n,
der die grozen mäht an ime truoch
daz er mit eines eseles backen ein tüsint Hutes ersluoch,
idaz er und Hutes zu streichen und er sluoch zu schreiben?)
B lässt jede solche Stelle weg, ist auch hier sonst von M
ganz unabhängig, darum das Fehlen Samsons kein gemein-
samer Fehler von M und B. Das eben angeführte Citat aus
der Bibel ist ganz im Stile solcher Vergleiche (cf. Lichtenstein
QF. XIX s. CLII), während die Anknüpfung von biblischer
Gelehrsamkeit in A anders typisch war: tyre ist noch div selbe
stat (W 1257); diz ist noch der selbe walt (W 945); diuselbe
burch sardix (W 1762); medin rieh ist noch daz selbe lant (W
1840); oder es heisst: armenien lant . . . diz was da diu archa
gesaz (W 1850); diz was darios ter . . (W 552); zityam . . . diz
was da (W 770) ; diz ist libanus der . . . (W 942) ; oder endlich :
«Vi stat heizet nicom^dias da . , . (W 906 f.) ; ouch pitaniam da . .
(W 772) vgl. M 2305 chorintkia was ein michel stat di . .
Oftmals sind die Ursachen nicht zu erkennen, durch die *B
zur Aenderung bewogen ward, doch zeigt sich Streben zu moder-
nisieren; manches wird als veraltet empfunden: arbeit ist ihm
nichts Betrübendes mehr, er muss also leit dafür setzen ^ (845).
^ In der Einleitting Vers 334 blieb stehen: d6 half er mir üx areheit auf
«^en Kampf bezogen und Vers 380 von den arbeitten hmtt du acheire
känyin, womit die Geburtswehen gemeint sind.
60 W«rner.
halt als Epitheton ornans kennt er nicht mehr, er schafft es fort
(Vers 979. 1104. 1550). zende ist nicht der von ihm gebrauchte
Plural, er ändert daher (Vers 743. 1484). ort muss wegfallen
(1532), auch gegen gire zeigt sich Abneigung (Vers 1195. 1399).
Das Pferd darf nicht mehr weieuj es muss winheüen (594), ftir
helde wird voUc gesetzt (Vers 1061). Dann erweist B Streben
nach Abwechslung, er hält Vers 1597 — 1602 nicht an der
Ueberlieferung fest:
cilicien heizet ain lant,
si brdhtin im azech tdsint.
von ninive fvurden ime gesant
ain unde zewainzich tüsint,
die üzer armenin lant,
81 brdhtin ime aht tüsint
sondern schreibt:
achzig tüsing wart gesant
von cillizya dem lanL
(von) ninive h'dhte dar
zwmzig tüaing in ir schar.
achzig tüsing wdrent der
die von armenye kirnen her.
Dadurch hat die Stelle entschieden gewonnen.
Lantstand in B.
Im folgenden Abschnitte betrachte ich die lautlichen Ver-
hältnisse von B ; freilich lernen wir nur den Schreiber kennen,
jedoch ist auch für den Bearbeiter manches aus den Reimen
zu gewinnen.
Ich verzeichne bei jedem Laute, was in B dem reinen
Mhd. entspricht; dabei scheide ich aber, indem ich unter I
den Lautstand von Einleitung und Schluss (Vers 1 — 534 und
4241 — 4734) zusammenfasse, unter II den Lautstand des Ge-
dichtes, so weit es in VMB (Vers 535 — 1623), unter III so
weit es nur in M B überliefert ist. Die Beispiele werden keines-
wegs vollzählig aufgefÜhii;, sondern bei jedem Falle eine
Auswahl getroffen.
Wie sich schon zeigte, sind Bearbeiter und Schreiber
nicht ein und dieselbe Person (s. o. S. 55 f.) ; darum empfahl
Die Basler B«arbeiiaii|( tob LtoibreclitB Alexander. 61
es sich, die durch Reime gesicherten Eigenthümlichkeiten von
den andern zu trennen und als charakteristisch für die Sprache
des Bearbeiters hervorzuheben.
Der' Dialekt ist durchgehends alemannisch, nur scheinen
sich Sparen des Md. zu finden; ich verweise darum jedesmal
auf Weinholds Alemannische (AG) und Mhd. Grammatik
(MhdGr.). (BG natürlich Bairische Gr.)
A. Vooalismufl.
1. Die einfachen Vocale mit ihren Umlauten.
a. Der Bearbeiter steht auf streng mhd. Lautstufe; er
gestattet sich nur Reim von a : a, was nicht auffällig ist.
In der Sprache des Schreibers wird mhd. a geschädigt:
1. durch übermässige Ausdehnung des Umlauts, in der
Hs. durch e wiedergegeben. II Vers 898 erbeit AG § 12.
15. MhdGr. § 28. 35. Vers 1123. 1198. 1453. 1510 hertUr
als Positiv. Im Comparativ Vers 612 lenger als Adverb. III
2904. 2951. 3282 ei-beit 3035 menlich. I 4386 gevelle steht
für gevalle.
Dabei ist Schwanken vorhanden zwischen den Formen
mit und ohne Umlaut. I 362 mengt lant 4355 menges (= manegen)
gegenüber 4111 manig 4113 mangen. II 675. 1003. 1179. 1189.
1245 menger gegenüber 1168. 1181. 1186. 1462 manig. III 2263.
2613. 2520. 3036. 3139. 3211. 3238 menger und 3390 menigvalt
gegenüber 3189 manger, (Zwischen iemen, niemen und ieman,
nieman dasselbe Schwanken vgl. Vers 4042. 4143 gegenüber
4139. 4334 AG § 17.)
2. durch Verdumpfung zu o. AG § 25. Es findet sich
nur in wand sehr häufig III 1635. 2293. 2296. 2307. 2368.
2405. 3054. 3720. 3732. 3874, daneben jedoch in I z. B. 118.
383. 411 wand, Vermuthungsweise ist o für a auch anzunehmen
Vers 2396 eol für eaU. III 3467 old 3663 older (3745 oder).
d. Auch dies vom Bearbeiter rein mhd. bewahrt. ^ Beim
Schreiber tritt dafür e ein III 2989 hest 2186 ket : rät, ein
Beweis, dass der Bearbeiter nur hat schrieb.
* Der Reim moren : geboren (= gehdrenj 3099 f. ist zweifelhaft, man wird
andere Versabtheilang vornehmen müssen; die Stelle ist verderbt.
62 Werner.
Sehr häufig wird a zu o AQ § 44. 124. MhdGr. § 76.
Da88 dies nicht blos Zeichen des EUässischen, sondern vom
dreizehnten Jahrhundert ab allgemein alemannisch vgl. Deutsches
Heldenbuch IVvii. Viii. Jänike Altd. Stud. S. 58. I 25 komen
46 Aor 65 frage 178. 314. 412. 4921 iror 194 mos 226. 4376
noch (270 nach) 321 gebaren : waren 427. 4308. 4767 f. 4720 etc.
jar, jaren 4379 schaff 4452 getan 4505 /o?j : man ^ 4623 sacken
4639 rat (idrat) 4721 underlas.
II 545 warefi 587 jar 652 mall 688 fo«.
III 1749. 1759 waren 1694 nache 1758 eivicÄroAe» 1771
«cÄocÄ 1843 Strasse 2030 > 2041 graffen 2052 fcomen 2133
^071 :an = gdn : an« 2929 : stan 2195 geboret} 2350 Zo*f 2404.
3728 wo/icfc 2608 las 3178 ?iwderfo« 3291 /roj^e (3305 fragte).
ä und ce werden in der Hs. durch e wiedergegeben und
dies scheint dem Dialekte des Bearbeiters zu entsprechen AG
§ 39. 89. 122. MhdGr. § 61 ; es finden sich nämlich folgende
Reime : I 417 f. 4368 f. swer : Alexander, III 2236 mer : Alexan-
der, daneben Alexander Vers 2630 : wer stf. 2682 : her gereimt.
Auch 4559 Capadocyer : schriber sind gebunden. Dem Bearbeiter
erschien also Alexander wohl als Verkürzung aus Alexaiidoere.
(Die metrische Verwendung des Namens ist bei ihm eine un-
gleiche. Vers 471 dlexänder ebenso 493. 512. 517 u. o. alexdnder
Vers 584. 691. 868. 883. alexdnd^- Vers 741. 749. 879 wenn in
diesen Fällen nicht alexand^r zu betonen ist wie 853 alexandrb.)
Beim Schreiber I 25 f. u. o. mer : wer = masre : wäre
176 specher 219 leg : pfleg 4456 sessen : esen = soizen : cezen
4386 wenne = wcene, II Vers 583 brechtte swer 907 vevechttet,
III Vers 1662. 2210 wer : mer 2361 teerest 1772 sfette 1914
hetti : tette 2072 kernen 2291 seid.
Einmal steht a für ce III 3036 datten^ doch dürfte dies
nur Misverständnis sein (Ind. für Conj.).
age wird contrahiert 1. zu a (= ä) II 870 klate MhdGr.
§ 55. Dies scheint nur md. zu sein vgl. MhdGr. § 58. Nichts
Entsprechendes AG S. 34 f. —
2. zu ei AG § 56. 99. 131. MhdGr. § 103. II 778 seitte.
III 3624 f. treit : magst leü (: leget) ; es gestattete sich also
auch der Bearbeiter solche Contraction —
1 Beim Bearbeiter also d : a.
Di« Basier Bearbeitung von Laabrecht«! Alezand^^r. 63
3. ZU 6 (= e), welches oft für ei steht (s. u.) III 1759
teding 2634 deding = tageding (AG § 38. MhdGr. § 68).
dhe wird zu e (= e) III 3903 geven = gevähen. Dies
scheint md. MhdQr. § 68.
a findet sich als Svarabhakt! in dem Personennamen
Karatter Vers 3909 für das gewöhnliche krat»i\ Die Schrei-
bang der Eigennamen ist jedoch so ungenau imd schwankend,
dass aus ihnen nichts geschlossen werden darf. Ich zog sie
daher im Folgenden gewöhnlich nicht herbei. ^
aa ohne lautliche Bedeutung Vers 4203 gesfaalt,
e. Auch hier steht der Bearbeiter auf streng mhd. Stand-
punkte, nur gebraucht er die Form har = her : gar Vers 3844,
was alemannisch überaus häufig ist (AG § 11 S. 92), sich jedoch
auch md. findet (MhdGr. § 23); beim Schreiber macht sich
wieder sein alemannischer Dialekt geltend.
In der Flexionssilbe erscheint a für c, was aber ver-
schrieben sein dürfte in Vers 4495 ertrenkan : senken. Sonst
(AG § 11) II volle Form danan Vers 820. 969 neben danen
{: manen = mannen) Vers 1087. III danan Vers 4131 neben
danen 4079. a für e tritt ein in har 2661. 2774. 3691. 3844
: garj in sant =i sent Vers 3132 : ungewan (zu lesen ungewent).
2927 markte für merkte.
i für e II Vers 640 w = e« AG § 415. MhdGr. § 460. —
In Stammsilben nur einmal I Vers 4480 liger = leger y daneben
Vers 3561 legere. — In Ableitungssilben I 414 ellimenien 4460
keminatten. TL 1160 obrist. III 3254 zigibein. — Vorzüglich
erscheint i oder y in geschwächten Endsilben AG § 23. MhdGr.
§ 38. Die Zahl der Fälle ist sehr gross; folgende seien erwähnt:
I 32 vesti 39 mengi 212 wüesiy 272 toieett. — 288 ivitti
335. 362. 4509 grosd 4512 liebi 491 selbi. — 232 zeigi 276 hetti.
II 976 gabi 1013 hevzy 1461 burdi. — 1244. 1289 grossi
1283 schont 998 jüdeechy 1088 sweiH. — 803. 1567 müesti.
m 1741. 1928 veetin 1773 alU 2015. 2352 grossy 2175
edli 2402 mengi 2097 kreichschy. — 1914 hetti 1932 zugi
2269 kernt 2402 stelli 2634 hielti 2635 detti 2641 entetH
3150 silUi.
* Yen 442 niean ist in niend sn bessern. AG § 10.
64 Werner.
Auch 0 für e (resp. i) tritt ein : II 1028 einloff. III 2655
wilond (AG § 25. 83. 116); nicht minder Umlaut von o (Hb. b)
für e AG § 28. 117. MhdQr. § 46. I 116. 153. 4349. 4379
manschen 540. 4352 geschbfte. II 573 monscha 1214 fremde.
III 2389 bbsser, 3408. 3367 mbnschen Höchst auffallend und
sonst nicht belegt ist üe für e in diesem Worte I 4354 milenslich.
HI 4202 mUenschen. ile für cb findet sich (AG § 75. 109,
8. auch u.), jedoch für üe = ö weiss ich keine Parallele.
u für e steht 2397 stull - stele : sol = sale^ sde.
eo für e erscheint II 598 leow = lewe,
ie für e (i) HI 2099 wiest : vest AG § 63. Vers 3946
geniessen (= genesen) : wesen wohl nur Schreibfehler.
e. Der Bearbeiter bewahrt es unverletzt.
i wird in der Sprache des Schreibers schon zu ee I 332.
364 ee 375 wee. II 831. 1434. 1440 ee. III 4094 ee, doch
auch mee II 723.
le für e H 999 Jei^aliem AG S. 62, § 102. 135.
MhdGr. S. 96.
ege wird 1. ei III 3900 leitfe 3625 leit 3979 gehit AG
§ 56. 99. 131. MhdGr. § 103. — 2. e (= e) I 4250 allwe^id
= alUwegenb AG § 38. MhdGr. § 68. — 3. o I 4343 gon
= g^g^'^h doch dürfte dies nur Verschreibung sein : o und e
sind in B einander überaus ähnlich, freilich ist an unserer
Stelle 0 ganz deutlich.
ebe zu e zu contrahieren, gestattet sich der Bearbeiter ; er
reimt 727 gege7i (= gegeben) : den AG § 38. MhdGr. § 64. 68.
Das 6 ist kurz vgl. Jänike Altd. Stud. S. 59, Zs. 17, 506, —
II Vers 689 gen 1370 gen : leben.
Für Synkope und Apokope des e bietet fast jeder Vers
ein Beispiel, Conjugation und Declination werden gleich stark
davon betroffen, und zeigen den ärgsten Verfall der Endungen.
Bei Synkope des e tritt einige Male Assimilation ein, z. B.
Vers 622 lept daneben Vers 555 dobt. Die Behandlung zweier e
bei absteigender Betonung ist in I und II consequent, während
III schwankt. In I und II wird das erste e synkopiert ohne
Rücksicht auf die Quantität der Stammsilbe.
I 330 rittren 352 meistren 4468 vedrefi 189 edie 4518
üblen 4533 obresf 4249 liebste 4325 nechster 53. 277. 4323
andren 47 verwandlet 4355 wundret 4525 ordnen 4672 genidret.
Die BasUr Bearbeitnog Ton Lambncbia Alexander. 65
n 1444 riHren 1086 übles 1426 fordreat 831. 1136
andren 635 wadlet
III ebenso 3177 ein 3361 nttren 3464 geülen 3088
focAttren 3527 edlem 2613 vordren 2464 vordreat 2431. 3068.
3117. 3206. 4128 andren 3089 titwren 2268. 3650. 3764. 4721
vmdret 3859 gentdret. Dagegen 2963 übel 3637. 3801 andern
3090 tifi^erm 3440 unsem 3706 verwandelt.
Dann findet sich II Vers 666 tuwet^en 812 ttitrerefn ge-
schrieben (843 dieneren gehört natürlich nicht hierher). III 3949.
4073 ttiireren 3788 ^riwtreren.
Unorganisch wird e angefügt, doch nicht sehr häufig.
1095 berge als Acc. sg. 2289 «tine als Voc. (scheint md. zu sein).
Zwischen Liquiden im Inf. 19 besweren, endlich in der 1. sg.
iod. pt 2367 Hesse = liez. Dreimal bietet B die Form künkerich
dar Vers 576. 4169. 4246 (hier küngkerrich geschrieben), die
conseqaent festgehaltene Form fUr künec ist küng^ e daher zur
Vermeidung der Consonantenhäufung eingefügt. Svarabhakti
in geren : eren 4581 und auch sonst 3484.
{. Der Bearbeiter steht auf der Stufe des strengen Mhd.,
nur reimt er te auf i 1800 f. rietten (von raten) : sitten, während
er 1826 den Reim dingen : gtengen in viengen : giengen änderte ;
Vers 4185 mir : schier (dies soll ausschliesslich bairisch sein
vgl. aber Brendicke, Laut- u. Formenl. 13).
e für i I 4684 Allexandrea (gegenüber 4695 Allexandrya),
II 724 samer = sam mir, HI 2431 swemet = svnmmet 3362
swemerij daneben 3570 swimen. 2784 rech = riche 1. sg. ind. ps.
(3515 gvld, meint wohl guldin nach 3613 und sonst. Nur
Vers 213 steht verschrieben wurzelen : sin).
ie für %, resp. e, und o für i, resp. e, siehe unter e.
t. Der Bearbeiter streng, nur sie : hie 4193.
ei für t steht II Vers 1333 gnedeMeich für -lieh und -lieh,
wie B abwechselnd reimt; Vers 56 beinin steht für Itntn, das
Misverständnis scheint auf einer Form leinin zu beruhen.
Offenbar misverstanden sind die Formen 1753 gebeitten 2230
er6eiten : striten 2325. 2421 beitten, wo % das einzig Richtige ist.
Jenes eine -leich gehört also zu den Fällen, in denen gelegent-
lich auch alem. ei für t erscheint AG § 57. 99. 131. MhdGr.
§ 91, wenn man nicht lieber Verschreibung annimmt.
Sitsancsber. d. phil.-biit Gl. XCIII. Bd. I. Hft. 5
66 Werner.
le fiir t I 4700 liebes = libes misverstanden.
t erscheint III 3085 vhiden und 4193 d (Hb. sy : hu)
< te, resp. ta.
ibe wird t I 386. 536. 11 818 git = gibet.
j für i I Vers 4409 jnen 4721 jn 4572. 3207 jren, auch
vor Vocalen : 4042 Jemen 4334. 4139 jeman 4461 y<?(ier 3538.
4588 ye 3314. 3345. 4641 jemer. II Vers 1216 jemer 1440
jeman 1508 jf^.
Synkope von t (resp. e) findet sich durchgehends bei küng und
küngin. Vgl. ferner I 4026 sidner 4666 mecidonacher. 11 in ver-
schiedenen Formen: 1037 hrieschen 1234 kriechs 1247 kreüfchy,
III 2438. 2483 kriechsen 2568 foiV5cA<?r 3072 kreichschen 3366
kriechschi 3072. 2080 kreichschen 2097 kreichschy.
Eingeschoben erscheint i Vers 4105 wnniste für wünschte,
0, Der Bearbeiter reimt a : o 4486 nacA< : mocht. Im
Superlativ ist die Form auf o, welche der Keim verlangt, vom
Schreiber verwischt Vers 1868 fordresf : c?ro«f, doch findet sich
ausserhalb des Reimes 3123 zwenzigosten gewahrt. Sonst ist
nichts zu erwähnen. Beim Schreiber jedoch steht:
a für o I 4306 van für von AG § 11. MhdGr. § 20.
III erhalten erscheint a in ungeioan Vers 3131. 3718. AG § 11.
Eingetreten in nach für noch Vers 2136. 2965. AG § 11. gezagen
Vers 3943 ( : herzogen), Vers 76 alimpya für olimpia,
e für 0, » II Vers 1293. 1304 kleinet neben kleinot Vers 1300.
AG § 17.
u für 0 II Vers 1134 f Orchiten : vnirchtten,
0. Nur Sprachformen des Schreibers zu erwähnen.
a fiir ö in III Vers 3224 und 3239 datten für toten
irrthümlich.
ou für d 343 schüs =^ schdz AG § 71. 105. 139. MhdGr.
§ 97. Schönbach Zacher's Zs. für d. Philol. 6, 282.
MO für 6 2285 //-«o ( : «6), wo frd zu lesen ist wie in M.
ö und (B. In B geschrieben o und I (z. B. I 4453 michf
= möhte. m 2398 mechte) ; auch o, was wohl nur Flüchtigkeit
der Schrift ist (Vers 3609 gotte] 127. 130 steht goiU 118.
1 Vers 4434 verzech, wohl für verzoeA, jenes paust nicht in den Zusammenhang.
Die Basier Bearbeitung Ton LambrechV« Alexander. 67
120 gölten 572 gotfer). Die Sprache des Bearbeiters auch
hier strenge.
Beim Schreiber unterbleibt der Umlaut, z. B. I 4254
fcione« wih, TU 3449 schone houme 3816 schone keminaty dringt
dagegen z. B. in das Adverbium ein 3780 schöne gegenüber
3809 schon. Auch sonst gewinnt der Umlaut an Ausdehnung
I 4452 sblich. n 605. 698. 816. 1567 sbUchs 664 tV soUent
663 michtte 1319 hedbrffte. III 1624. 2146 u. s. o. sUich 1660
tcoü 2375 soU 2020 solle 1769. 1863 sblUn 2413. 2898. 4019
Mmt 2593 tbrffte 3038. 3214 mbren : oren (3612) : geboren «
(= jeJeiren 3099) 1987 dort AQ § 27.
ij« für 03 AG § 75. 109 Vers 76 schüeni. Es ist eine ganz
junge Form.
Zu bemerken die Schreibung d'Aechte : mbchtte Vers 4140.
V. Die Sprache des Bearbeiters ist strenges Mhd.
€ für u II 1055 ende = unde (Welle), wohl nur mis-
rerstanden, wie bei diesem Worte oft.
0 für tt AG § 24. 83. 116. MhdGr. § 42. I 466 begonde
(dagegen 464 begund : stund). II 571. 618 begonde (631. 880,
1447 begtinde). III 3493. 3757 kond 3038 wosten.
no (Hs. t?) für w I 4546 fruoni = ürum : pottolomeum
MhdGr. § 129. AQ § 78. 111. 144.
üe für u I 113 %:it6n69i.
tt ;= un nur verschrieben 4337 bettuntgen = betwungen.
ü.
ile fiir <2 III 1985 rilemen = rümen ist nur Misverständnis.
tf = tfire I 4724 butte = büwete.
ü und tu werden durch ü ausgedrückt, 517 steht jedoch
u = in i-uwe = riuwe. Umgelautete und nicht umgelautete
Firmen stehen neben einander.
1 1024. 4511 furstm 36. 4558 fürst 12. 44 ub&r 57 wurd
20 wurden 407 zug 4315 sun (=: siune) 4317 suneiwunen,
II 852 getoundet : gekündet 1215 gewunen 1460 wurde : iurdt
1521 kundikeit.
m 1661. 2494 umrdö 1734 A:un = ii^nne 1883 Arm*
1932 ztt^i 1938. 2384 fvrsten 1966 Äwnj 4022 kungin 2063
^ Doch ist dieser Reim zweifelhaft.
68 Werner.
hruken : sinken 2102 ruhen 2272. 4151 fünf 2468 erwirb : gturb
2776 durlick 2843. 2979 /wr 2911 furbas 2997 i«eten = Ktite
4235. 4228 hult 4236 /«Z^te 3359 fürt : «pwH.
Eingedrungen ist der Umlaut z. B. Vers 4338. 4544. 4550
Süllen. Daneben 11 3143 sullen. UI 3930 sülen. B schreibt
auch III 4206 genattüret
i für « AG § 22 I Vers 134 gewirket
6 für « AG S. 29 I 4334 fbrcht ^ ich vUrhte.
ie für ü I 136 wienschen, es ist sonst nicht belegt; ie
für ü entsprechend gemeindeutschem tu findet sich bei Konrad
von Ammenhausen (Vetter, Neue Mittheilungen p. V). tiefet
neben tüfel, beweist aber nur; dass die Hss. noch unterscheiden
zwischen ü und tu.
üe für ü MhdGr. § 133. Es scheint mehr bairisch. BO
S. 109 f. (AG § 75) I 174 sUel 4634 süellen 262 müege. II 888.
890. 892 süellent. III 2442. 3891 müegent 2860 müegen 2940
müegens 2860. 3156 süellen,
2. Die Diphthonge.
ei. Nur Sprachformen des Schreibers zu erwähnen.
c far et I 488 mander 427. 587 zwenzig AG § 17 S. 308.
II 637 fredikeit daneben Vers 633 freidikeit, 1053, 1414
zwenzig 1456 enander 1492 en __ em III 1741 ener^ 2436
zwenzig 3146 zwen AG § 36. MhdGr. § 63. Neben beide er-
scheint bede sehr oft I 319. 403. II 1429. 1456. 1501. III
2083. 2085. gen und gein neben gpgen allgemein; z. B. 648.
945. 3497. 3529. 4293. 4415.
ai für ei I 138 crais (Hs. er ais) — kreize plur.
ie für ei MhdGr. § 114 md. AG § 64 wird die Ver-
rauthung als nahe liegend erklärt ie sei für ei nur verachrieben.
I 253 schied 4290 zwie (Hs. zwe; über die Bedeutung von'w
siehe unter w) II 541 bies 664 gebietten : arbeiten 980. 1125.
1417 zxcie III 1999 giegny _- geigne = gegene (?) 2809 iedem
= eidem, Hieher wohl auch 919. 1612 zwielf 4313 ztcielfften
AG S. 307. MhdGr. S. 294. Es scheint für zweilf zu stehen,
das hauptsächlich md. ist, sich jedoch auch alem. findet. AG
§ 58. 99. 131. MhdGr. § 90.
» 3463 ene = iene.
Dia Basier Bearbeitung von Lambrechts Alexander. 69
oi fiir ei 140 geUnt - geUit --^ gdeget (wohl vewchrieben).
Doch AG § 69. 100. 104. 138. Es ist besonders schwäbisch.
ie. Der Bearbeiter verwendet et für ie im reime ; so steht
Vers 248 meit : scheid^ jenes für rrdet (: schied^ wie 253 steht?)
In B findet sich dies sehr häufig ; es scheint mehr md. als
alem. zu sein. Weinhold sagt AG § 59 (vgl. §§ 99. 131):
,be8onders verbreitet und fest war dieses et nicht'. Damit ver-
gleiche man MhdGr. § 107 über diese Erscheinung.
I 381. 390 scheire, II 649 enpfey : gie 921 meitten : gebietten
lO^hiesireis 1219 reit ten (oder -^ redeten?) 124^7 Kreiscky 1245
besleiff: brieff 1302. 1346 breiff 1309. 1354 reimen 1432 kreichen.
ni 1631. 1663. 2710. 4048. 4069 b-eiff 1671. 1724. 2882.
3703 scheir oder scheire 1760 geheissen 1803 heing : bevieng
2080. 3072 kreichschen vgl. weiterfe Formen unter i. 2510. 2801.
2867. 2932. 3075. 3109. 3124 kreichen 2312. 2632 reitten 2759
bereiUen 2543 fieichen 2558 fleichent 2657. 2678. 2722 verheis
3009 heg = hie 3220 schreit 3289 enpfeingen 3780 enpeing.
Ebenso zu fassen ist 3682 enpfenig : gieng.
Sonst findet sich in B e für ie III 1936. 3061 krechen
= kriechen 1972 kregen = kriegen 1937 nemer = niemer AG
§ 37. 122. MhdGr. § 63.
i fiir ie, es scheint md. zu sein. MhdGr. § 40. III 3215
hriehen : siechen.
iu für ie] die Hs. schreibt ü. III 3680 gebüt 4043 enbüttet
1548 ßüchent = fliehent^ wohl nur verschrieben.
{ie = tn. 3724 zwegen ■=- twingen beruht auf einem Mis-
Verständnisse.
iu, Hs. üf wird durch ie vor allem in den Formen des
Artikels, durch e beim Adjectivum vertreten, in welchen von iu
keine Spur mehr zu finden. Vgl. AG § 63. MhdGr. S. 493,
— Vers 3275 urKeges.
Ott wird in der Hs. o oder ü geschrieben (115 bch 1069
hM), & = ouw (96 /Hb), einmal au (Vers 113 laugen : taugen).
Der Bearbeiter bindet ou und ä. Vers 1621 ouch (Hs. ooA) : «greicA
(Hs. goch) AG § 42. 124. MhdGr. § 75. 78. 80. Es ist alem.
und noch mehr md. im Gebrauch. HI Vers 2214 roch : ouch
70 Werner.
3402 darnach : ouch Ausserhalb des Reimes steht Vers 742
undagen = untaugen AG § 34.
0 für ou III 2891 brutloff 2922. 3985 urhb (doch vgl.
MhdQr. § 43) AG S. 43.
(5 für Ott vgl. AG S. 46, doch ist es wohl nur verschrieben
für 0. in Vers 3840 IbgnMt.
u für ou III 4181 dube = toube.
öu. In B findet sich diese Form gar nicht. Wir bemerken
Abneigung gegen den Umlaut. III 3701 erfrbwet 3777 ß-üU
2235 frot 2374 frbtte vgl. AG § 71. 105. 139. Auch II 1043
frbd = fröude ist wohl nur flir frbd verschrieben (vgl. jedoch
AG S. 46).
ei für öu gehört dem Bearbeiter an; es ist wohl nur md.
MhdGr. § 92. AG bietet nichts entsprechendes. 1504 streit:
mett (1. meii). Die Stelle lautet:
die dotten er nider streit (1. ströut),
als der ein gi'os nider mett (1. meit trotz Gr. I^
neuer Abdruck 888)
Häufiger ist üe für öu AG § 75 I 114. 313 trüeme 147
zUegte 486 züeg 422 lüewe 459. 496. 499. 4440. 4724 früede
4514 früelichen. II 649. 3401. 3775. 4106 fiüed 1074 büem.
Hl 2299 trüemen.
6e T= öu ^=^ e II 549 Idewen — lewen resp. löutoen AG § 72.
uo B schreibt ü.
o für wo AG § 42. 124. MhdGr. § 75 II 1375 swor ifuor
1564 swor. III 2836 swor 3452. 3454 wochsen.
u für uo I 470 sttiivd — siuont. HI 2088 schuffen wohl
nur verschrieben.
ile. In B gegeben durch üe^ selten durch ue, we = wüe
(Vers 212).
Abneigung gegen den Umlaut lässt sich bemerken. AG
§ 75. 77. 109. 143. MhdGr. § 132. III 2250 wüsten = wüesten
2914 benügte.
u für üe II 642 kuntlich = küenlich misverstanden.
ü für üe II 674 küner (1279 küene) 830 für = fiter : swüer
1301 füren. III 1731. 3697 /«> 26i9 füren 3723 fügeti 4028
gemüte (3215. 3874 kilener).
Die Buler Bearbeitmig TOn Lambrechts Alexander. 71
ie für «« AG § 65 Vers 212. 272. 2682 wiesti 2225
fciestest 4124 wiettende.
Für tije erscheint üe (AUS. 356) I 263 tue, und uo
(AG S. 356) I 4606 tuo : zuo.
B. Consonantismua.
Vor allem zu bemerken; dass Gemination der Consonanten
vollkommen bedeutungslos ist: B schreibt ohne Grund, nach
langen und kurzen VocaleU; den Consonanten doppelt, so dass
ich im Folgenden von dieser Erscheinung ganz absehen kann.
Femer ist hervorauheben, dass die Schreibung der Consonanten
in B zu wenig Consequenz verräth, als dass daraus viel Schlüsse
gezogen werden könnten.
1. Die labialen Laute.
6. Mhd. b wird p I 4473 prachtte = brähte 4509 plix.
n 1515. 1522. 1526. 1540. 1542 paner 686 pan. HI 3554.
3617 lechpartten.
b wird bb I 4730 abbrellen. 11 1064 abbe.
Im Auslaute steht b und p für b, z. B. 4643 unb : lip,
Assimilation von b a,n t bei Synkope von e I 4687 lopt
4722 leptte. II 622 lept neben 555 dobL III 3730 lepte 4151
leptten 3731 streptte.
b wird I im Inlaute zu ff. Vgl. AG § 161. Vera 18 zouffer
gegenüber Vera 43. 158 zouber,
b wird w III 4203 faito.
Bemerkt sei schliesslich die Form beben = phedeme 3772,
vgl. Lexer I 136.
p. Mhd. p wird b. I 4258 bin = pin 4491 bracht
AG § 153. II 1205 bortte 1241 bortten gegenüber 1201 porten.
in 3796 balas gegenüber 3801 palas 4153. 4165. 4168 baradis
gegenüber 4224 paradis. Neben dem gewöhnlichen porua 3135.
3186. 3882 ftoiw 3616 banttier.
pp wird im Auslaute vereinfacht. III 3732 gesip.
pf für p III 3556 lampferden, falsche Etymologie für
hrnp^iden.
72 W«rB«r.
/. Für mhd. ff steht l.>/ I 4482 pffaUacz gegenüber
4483 pfallacz —
2. /p I 4552 schbfpend. ' II 739 kofp HI 2471 schinfp -
3. / III 3166 kanff = kämpf 1692 ranff —
. 4. p in 4026 peller 3780 enpeing.
Ausgefallen ist / Vers 1835 Jcetigee = kreftiges.
to fiir t; nur verschrieben Vers 4214 wil = viL
w. Angefügt sei das Wenige von w zu Erwähnende. Es
wird erhalten in den Formen II 636 kniuwete 1116 sewes. *
w fillt aus I 4510 zifflvng. III 2970 verziffeü. 3105
unbetungen = unbettcungen, — In Vers 3165 zen für zwen mis-
verstanden. Vers 3162 ist zehen = zicen.
6 für w? ni 2276 ^oJe = grdwel AG § 155. Vers 3372
röber misverstanden für ruotre.
Die Bedeutung des Zeichens tb als wi ergibt sich aus
den Zusammenstellungen betwngen Vers 22 zwsent 4288. 2275.
Doch hat es auch die Bedeutung von iuw oder tu? 517. 921.
1099 irw : riiwe 667 getrw und von einfachem ü 1675 sthes : mtio«.
In Vers 830 ist f^ = tci^ 8we%' ^/ör. — Neben w findet sich
auch ü in gleicher Bedeutung. Vers 3033 züen = 2450 zwen.
2. Die lingualen Laute.
d. Mhd. d wird im Anlaute zu L I 68. 267. 531 vertagen
4698 getagen 141 fo'u^ni««e 4376 beiiuttet 487 ^raf - cird^
II 608. 647 vertagen 1347 betiutung 1241 trungen gegenüber
1428 dranj. III 1620 taryo u. s. o. 2476 trungen 2593 «or^^c
2735 trat gegenüber 3151 draL Auch im Inlaute Vers 3995 megte.
Im Auslaute bleibt es meist. I z. B. 29 ward 46 sneid
55 land oder es wird zu t Vers 183 Äan« 10 lant etc. ; ebenso
in II und III.
Assimilation an t bei Synkope von ex I Vers 66 rette
-- redete \ dies tt kann im Auslaute verkürzt werden 131 geret.
III 1679 ret = redete. Auch entgegengesetzte Assimilation
I 162. 231. 4505 u. s. o. wilttu neben 509 wiltu. II 1528
müstu. III 2187 wilUu.
* Vera 1709 f. kniut : nie *o ire, wohl die Form knt anzunehmen.
Die Basier Bearbeitung von Lambreebta Alexander. 73
Epithese von d II Vers 1495 eilend für ellefi. III Vers 3060
eUend rieh 3236 wald stat, kann zwar als Volksetymologie ge-
fasst werden, jedoch steht sie parallel den Formen mornent,
wilent u. 8. w. AG § 175.
t Mhd. t wird im Anlaute zu d. AG S. 142 I Vers 175.
195 dMu 4312. 4325. 4361 etc. datten 263. 295. 336. 350.
4258. 4275. 4354 etc. dot, dodes 4720 dreib 4728 undetdetiig
4277 drat. II 1033 dün 569 dot 555 dobt 896 deillen 1072.
1207 dümen 1246 diur 1311 deglich 1008 underdan 1341 dar.
III 1686. 2944 u. s. o. dät 1688. 1703 dag 1713 doe 1780.
2879 dochttm 1869. 3661 (vgl. AG S. 141 Anm.) drost 2110
doi'licher 2230 dar«« 2406 dnwfee« gegenüber 2408 trinket
2634 dediny 2776 durlich 3094 draften 3400 erdrat 3395.
3574 dicr 4181 dube r^ <ow6e 4210 dei7.
t im Auslaute wird erweicht. I Vers 39 sid - dt. III
2371 nd. Unter consonantischem Einflüsse I 393 erdbidem,
in 3885 endran.
t fällt im Auslaute mitunter ab. Vgl. AG § 177 I Vers 405
gedach 4384 erdach 4477 stach 4378 genan (4297 ivil --^ wilt
kann als Dictatfehler gefasst werden). II Vers 1252 gedach
1354 bedach 1629 hunder 1497 dank. III Vers 3303 bedek
3430 ^eAicA 3962 dwcÄ. — 3213 rü ^ r6t 4208 wol = trofoe.
Im Innern ist t ausgefallen III Vers 3393 mbchen 4023
wikhaffer.
Eingeschoben aus phonetischen Gründen erscheint t
Vers 642 kuntlich — kunlich.
t wird auch angefügt: II Vers 1242 bracht — : brachy wohl
misverstanden. Anders zu fassen 75 balaß (Hs. balaft).
Eis findet sich im Reim II Vers 1008 f. underdan : santj
was einem Alemannen zuzutrauen wäre AG § 177; doch dürfte
zwischen den beiden Versen eine Lücke anzunehmen sein.
Vers 1060 f. versankt : ertrank. 1532 f. stauch : bräht, wahrschein-
lich stach : geschach zu lesen. III 4029 f. angesicht : frilich, was
fraglich ist. Vers 3959 f. Kratter : swert.
jf flir < misverstanden 3037 helfang (Volksetymologie?).
dt findet sich einmal II Vers 1363 mondt.
74 Werner.
Die gross te Verwirrung ist in den «-Laaten eingetreten.
Ich verzeichne folgende Schreibungen:
Mhd. s erscheint in B als s und /; es wird aber auch j(J*
oder 88: I Vers 500 m/ß = wife 516 dijjei* 4369. 4381 diffe.
II Vers 1096 gejjfeß 543 ejßl 578 we/ßn etc. III Vers 3659
gs£eßn.
ßh für 8 II Vers 825 geßhendet = geßndet misverstanden.
III Vers 1951 ßhol.
r fiir 8 III Vers 2323 gefriuret.
8 ist abgefallen II Vers 1619 ßch. 814 zin8 steht für zinses.
Hinzugesetzt ist s II Vers 573 mönßha.
Für 8 erscheint einmal h: III Vers 3616 hechßig,
^ wird wiedergegeben: 1, durch z I Vers 316 yäz gegen-
über 338 ßs) —
2. durch 8. Auch im Reime, also in der Sprache des
Bearbeiters, sind 8 und ^ nicht von einander verschieden. Es
reimt z. B. Vers 71 f. was : daz {dz geschrieben). Vers 1498 f.
8az : wa8. Es findet sich dieser Reim auch sonst in alem. Ge-
dichten vgl. AG § 188. Steinmeyer Altd. Stud. S. 83. Paul
Zimmermann Schachgedicht S. 17. Zacher's Zs. für d. Fhilol.
6, 253. Zs. 16, 218. 220. DHE IVvii. Vivliixix.
/ und 8 =z ^. I Vers 250 grof 367 di8 — weis 336 was
(dafür findet sich die Schreibung wzy was aber auch für was
stehen kann, dz gilt für daz). II Vers 541 bies 584 «/
III Vers 1131 hies —
3. durch ss. I Vers 254. 325. 396. 4326. 4327. groffer
II Vers 558 hei/ßn. III Vers 3188 kreifß 3209 ilber/affen
3405 offen = äzen.
^^ wird: 1. s geschrieben. I Vers 249 wiß 4557 e/i»
= e^2;en, III Vers 3659 gessBsen == geae^^en —
2. 88 und ff. I Vers 4538 wi/ßn. II Vers 1422 wa/ßr.
III Vers 2425 waffer.
ßh erscheint: 1. als « oder/. I Vers 4288 zKJi/eni. 4354
müenßich 4446 miß 4499 erßokenem 403. 4105 wujiste AG
§ 154. 190. MhdGr. § 188. II Vers 833 fand = ßhand -
Die Basler Bearbeitung tob Lambrechts Alexander. 75
2. als s8 oder jöC I Vers 4450. 4461 ti//= tißh. III Verß 3200
zwiffen —
3. als chf. I Vera 4492 lach/z^ lafch. II Vers 710 tichfe
1499 frichflich 1234 kriech/. IH Vers 3553 jklif —
4. als yjj. I Vers 536 gefcrift —
5. als fch, Vers 3420 fwowen für fchouwen ist nur ver-
schrieben.
Noch ist zu erwähnen Vers 3176 getoa/chfen . _ gewachfen
und Vers 2450 weffen — weffetu
z wird auch cz geschrieben, I Vers 499 ganczer 4406 holcz.
Dieselbe Schreibung für tz Vers 387 8tcz 4463 siezen, —
X für ez Vers 4596 pZi«.
eh flir z Vers 337 kurchlich.
Für to erscheint 2t£;. III Vers 3375 zwang 3724 zwegen
^^ twingen.
3. Die gutturalen Laute.
g erscheint als ch III 2448 fliechen vliegen auch im
Reime Vers 2158 geiaget : vachet 4213 wag : ungemach, — Abge-
fallen ist es im Anlaut 4117 o^ = Gog. — d ^^ g verschrieben.
III Vers 3543 meid ■-= neig. — Im Auslaute wird es k oder
bleibt erhalten. — Ausgefallen ist g Vers 1169 herffrid neben
1081 hergfrid.
k wird durch g ersetzt. Im Auslaute I Vers 4404. 4413
trang neben 4421 trank III Vers 3559 dang : lang, — Im In-
laute II Vers 758 linge alem. gewöhnlich lingge Vetter Neue
Mittheilungen p. VII doch auch linge Griesh, pred. 1, 11. —
Vers 1116 sangten, — k feilt aus II Vers 849. 864 margroff.
cÄ für Ä; I Vers 4703 kranch : lang. III 2990 mach — mac.
auch im Reime Vers 3890 gesmak : brach,
g für ck III Vers 3531 glogen.
tt fiir et I Vers 8 nettanibo.
q Vers 2848 qeUen.
ch erscheint als k. I Vers 234. 243. 320 traken. — Als
gi I Vers 293 tragk. - Als Ä I Vers 151. 168 zeiheti, III
Vers 3188 sah.
76 Wern«r.
ch fällt ab II Vers 986 dur = durch. Auch im Reime
Vers 1073 nä : da. IH Vers 3820 hdch : do.
ch eingeschoben: II Vers 553 lechbart : W)arL III Vers 3554.
3617 lechpartten 3289 fröchlich.
h durch ch vertreten. I Vers 179 siehst 180 hoehe 4623
Sachen neben 4625 sahen . . . sach.
h Mt aus vor t. I Vers 4515. 4613 nü: geschieht 4527
geschit : nicht, — B hat folgende Formen fUr niht : niut (Hs. nid),
z. B. Vers 94 nicht Vers 91 nit Vers 96 ntcA Vers 417; im
Reim steht 566 f. Hut : niut 1018 f. wicht : nte&f. — Vers 351
geschit, II Vers 620 niht : sit, III Vers 3301 niut : sieht.
h fällt aus nach l. I Vers 4634 bevollen 4643 enpf ollen 4429
mp/ai 4644 en;?/M. II Vers 1096 6eva«. III Vers 4175 weler.
Auffallender Weise steht Vers 2900 her für ei\
j wird durch g ersetzt. I Vers 44 vigent ebenso II Vers 873.
III Vers 2798 müegen - müejen.
i für jf. II Vers 1268 veriagte 991 verheriet.
jh ohne Bedeutung in jhehen 1 Vers 331. 395. 478. 509.
II Vers 1528. HI Vers 3792.
X als gs in Vers 4512 rogsan.
4. Die liquiden Laute.
U erscheint vereinfacht I Vers 188 bilich. — n steht für Z
III Vers 3633 manit — Ausgefallen ist l Vers 3678 kage
-= klage.
r wird verdoppelt. I Vers 4595 donrr 4280 serr 170
Tnerr r=r- mcere. AG § 198.
r springt um. AG § 197. I Vers 163. 411 hrütlieh
= hUrtlich 393 domblik 4395 verlonr 4697 sim = süir.
II Vers 962 bruJc -. Iure.
r fällt aus. I Vers 495 truenklichen 441 ttiret AG. S. 166.
Auch wird es abgeworfen. III 3291 me -^ mcerCf also mis-
verstanden. 3555 gespenget.
r wurde eingeschoben in dem Namen burzival vgl. AG
S. 166.
Die Basier Bearbeitung fon LambrAchts Alexander. 77
Zwischen r and n tritt e als Svarabhakti ein. 3484 geren,
rr wird r. I Vers 383 dire. II Vers 599 veriret. 623 türe
813 dtra.
m durch n vertreten, auch m auf n gereimt ; beides überaus
häufig. Vgl, AG § 203. I 31 kein. Ebenso II 588. III 3235.
Im Reim 237 gaden : schaden. 4430 heinlich 4586 cleopatt^an
261. 381. 4509, 4510 kunt. Ebenso II 610, III 2016. I 4455
alksant : hant. II 696 undertan : kan 614 t?«rwan : kan, HI 2010
^ow : man 1818 ftifjan : lobesam 2724. 3353. 3636. 4083. 4633
dan : kan 2320. 2522. 2558. 2568 kan : man 3341 nam(e) : an
3277 rvom : getwyn 3889 gaden. — 1692 ranjf :— ramph 3166
ian^ .— kämpf,
n wird durch m ersetzt. AG § 168. Vers 3799 bodem
3210 machen -~- nähen, jedesfalls misverstanden, ebenso 3672.
3712 nehmen r= nennen (was freilich auch anders gefasst werden
kann) und 3543 meid -^ neig,
nn fiir n, 4678 anne — dne (4712 an 4720 on) 4386
wmne = u^ee?)« 4466 gemne etc. 1376 tnn.
r für w nur verschrieben. Vers 1278 endrar 1489 Äerer
^ herren.
n eingeschoben AG S. 267. II Vers 577. 1530 gewaltenklich
1051 vestenklich 1374 zomenklich, III 3201 gewaltenklichen 3687
4030 tounenklich 4184 züchtenklich,
en : e erscheint gereimt. 610 nache : gevachen 3039 A^^^e :
wertten 3143 bringen : gedinge 3167 %6/i(2e : wenden 2760 lieeeen :
verhiesee (vgl. auch 4012 Aer : trern). — 2093 äa : gewan ist in
(2an zu bessern. 2019 zuo : tuon. Höchst auffallend ist Vers 2766
hxmidaryum, doch werden die Namen sehr frei behandelt.
nn wird vereinfacht. I Vers 276 geminet 371 f. einen :
gewinen und so noch oft. Dagegen 3642 Hs. gerant {:hät).
nn steht für nd. Vers 145 monne AG § 204. Daneben
Vers 4324 man.
Aus dem Vorstehenden hat sich ergeben, dass einzelne
Sparen des Md. sich besonders in den Reimen, also der Sprache
des Bearbeiters erkennen lassen, obwohl auch er, wie durchweg
78 WerneT.
der Schreiber alemannische Formen braucht. Auch war zu
ersehen, dass Schreiber und Ueberarbeiter nicht ^ine Person
waren.
Flexion in B.
Schliesslich sei noch erwähnt, dass auch die Flexion den
alemannischen Charakter der Sprache nicht verläugnet.
A. Conjugation.
B zeigt die grösste Vorliebe für die Endung ent. ^ Sie
erscheint 1. in der ersten Person pl. ind. ps. (AG S. 337)
II 888 wir sUellenL III 2442 müegent 2898 sbllent —
2. in der zweiten Person pl. ind. ps. AQ 8. 337 f.
I 529 hand --- habet (ebenso 4332) 4629 mbgent. U 664 sbllent
680. 720 wellent 716 land ^ lät 812 dünt 882 harent 1206
tünd. III 2865 sind 2936 wellent 2944 dünt : müt 3952 wellend
4019 soUent Auch im Imperativ dieser Person. I 92 gand
93 siczent. ^ III 1860 hand r^ habet 1973. 1986 sind = «<
2286 vemement 2076 werent 4071 wissent 3095 rechent —
3. in der dritten Person pl. ind. pt. I 336 warent. II
1056. 1125 wurdent 1173 brachent. III 1732. 3217 wurdent
1785. 1884. 1885 warent 2163 tvichent. AG S. 344 —
4. in der dritten Person pl. conj. ps. und pt. I 4554
siillent. III 3108 werent 3190 hettent. AG S. 341. 346.
In der 2. pl. findet sich die Endung en. AG S. 338.
I 124 sehen 123 meinen. Imperativ 3087 wagen, II 1213 bedenken,
III 2150 werden 2951 sagen 1169 sollen 2863 sttllen 3316 wissen
3939 vechtten 3948 getriuwen 4225 weren 4226 sacztten, Impe-
rativ 3015 bereitten 3958 geben.
Die Endung en erscheint auch in der ersten Person sg.
ind. ps. AG S. 334. III 2291. 2294 ich schaffen 2707 erbeitt4m.
Zu erwähnen sind noch folgende Formen: Erste Person
sg. conj. ps. III 1926 sig. Zweite Person conj. I 85 sigest AG
S. 351. pt. ind. 3882 slilegt 2402 stellL (furatus es.) imper.
1 Das t wird aach zu d erweicht. AG S. 338.
3 Kommt in I nur zweimal vor, weil sich die Personen duzen, nur im An-
fange der Bekanntschaft irzen sich die Königin und Nectanabeus.
Die Baaler B«arbeitong von tambreelitB Alexander. 79
2594 gile 2698 kum. Dritte Person sg. pt. I 97 hie. III 2236 lieA
2237 lies. I 104 antwurt 2417 wist. I 3068 diuch. III 2248.
2692 mach 3111 moch 2259 gedach. — III 1871 zerhiuwe. IL
1220 sant Zweite Person pl. III 1985 rüemen =- rümet. Parti-
cipium pt. I 134 gewirket = geworht. AG S. 388. III 3797
gebuwen 3809 enpflegen 2380 gemach. II 991 t^erA«?*!^^
Alle diese Formen gehören nur dem Bearbeiter an, sie
finden sich nicht im Reime.
Einige Erscheinungen der Conjugation mussten schon im
vorigen Abschnitte behandelt .werden.
B. Declination.
Es erscheinen Parallelformen : I 3039 miullen 3046 miulleren
dai pl. von müL 130 gotte (130 Dat. gotien). Schwach ist der Gen.
pl. 39 Uutten. Nom. 418 ellimenten. II 572 gotter 1072 dümen
1149. 1251 tum 1207 dvrn 1074 büem 1080 büm 1082 bumm. —
pl. 1185 geren von ger 1165 jfern. III 2410 sittens. 2457 schaden»
3588 lehens. — Gen. pl. 2997 lütten. — Dat. pl. 3418 houmen
(3449 houme). — 3609 götte.
Schwache Adjectivform erscheint bei fehlendem Artikel.
194 in rechnen mos (vgl. Lautstand).
lieber Synkope und Apokope des e wurde schon ge-
sprochen.
Hervorzuheben ist noch die Bildung des jüngsten Possessiv-
pronomens; welches sich neben der ursprünglichen Form des
Genetivs in allen Partien des Gedichtes gleichmässig findet:
11 1015. 1201 irm 1549 ire. III 3181 tV manUcher kraft 3605 f.
iV hotten (Non?.), ir gäbe (Acc). 3782 ir snn (Acc). 3998 ire
3207 jren 3262 von irem land vgl. 3777. 3778. 3845. irs 4057
iVer 3559 irem 3890 iren 4003 mit iren henden 3981.
Erwähnt sei femer die Form I 4569. II 980. 1012. III
3569. 3739 inen,
2197 2tl dir geschieht.
80 WernAr.
IV. Capitel.
DieQnellen.
lieber diesen Punkt handelte Dr. Harczyk im zweiten
Theiie seines Aufsatzes S. 146 — 173, ohne aber den Gegen
stand zu erschöpfen; ja man muss sogar sagen, in unbefriedi-
gender Weise. Er vermochte es nicht, die Untersuchung syste-
matisch zu führen; z. B. sagt esr S. 164 wörtlich: ,Vers 4609
bis 4736 (W) Alexander komt in das Land Occidratis. In
dieser Partie finden wir ganz merkwürdige Uebereinstimmungen
mit dem Lib. [= Hdp], auch in kleinen Zügen^ Nun yergleicht
er Vers 4626 ff. ir vihe unde ir vnby di sint van in gescheiden
an die breiten heiden, Lib. Füii vef-o et uxcres eorum eeparati
sunt ab Ulis cum animalibus. Es heisst aber im PsK III 5
ausdrücklich: £^ci)8ev Ik aurcov (ijncpov aicö ^taoDi^iAaTo; roXXoO dh
To^ Yuvaixai; xotl Ta -^catBCa auriov ü>^ icoi|AV(a xpoßiTcov ve{i.o{i.^va^ und bei
JV 3, 5 Eorum filii conjugesque pascendis pecudibus occupantur
und Ekkehard liest genau ebenso wie die Hdp. Auch die andere
Parallele, für die Harczyk selbst, zugleich den PsK anfuhrt^
beweist mehr für eine nähere Verwandtschaft von M und dem
Lib. Doch ist auf einem solchen Wege nicht viel Heil für die
Frage zu erwarten.
Freilich bietet die Erschöpfung des Gegenstandes ihre
grossen Schwierigkeiten, denn die Untersuchung über die antikea
Quellen der Alexandersage ist kaum erst begonnen. Wichtige
Darstellungen liegen noch nicht in brauchbarer Gestalt vor,
während anderes bis jetzt nur in den Hss. und alten, meist
sehr verderbten Drucken zu benutzen ist. Daher muss auch
ich mich darauf beschränken, das Einschneidendste und Ent-
scheidendste zu erwähnen, um doch wenigstens eine Sonderung
im Grossen und Ganzen vorzunehmen. Dabei müssen drei
Theiie unterschieden werden : ich behandle I. die bei Lambrecht
fehlende, von seiner französischen Quelle mit Absicht zurück-
gewiesene Voi^eschichte, II. den historisch strengeren Theil,
der von VMB gemeinsam überliefert ist, III. die mehr sagen-
hafte Darstellung von Alexanders Zügen, welche in V nicht
mehr erhalten ist.
Die Baaler Bearbeitnnf^ von Lambrechts Alexander. ol
Ich benutze den PsK und JV in Müllers, die Epitome
in Zachers Ausgabe, für die Hdp bin ich auf einen Strass-
burger Druck von 1494 angewiesen, den mir Herr Qeheimrath
Professor MüUenhoff aus seiner Bibliothek in liebenswürdiger
Weise lieh. Es hätte nahe gelegen, die von Harczyk in einer
Abschrift Schmeller's benutzte Münchner Hs. (Cod. lat. nr. 23489)
selbst einzusehen, doch hatte Herr Professor J. Zacher die
Freundlichkeit, mir mitzutheilen : > ,Mit dieser Hs. allein
können Sie wenig mehr als gar nichts anfangen. Zwar hat sie
noch nicht die massenhaften Interpolationen, an denen alle
Strassburger und niederländischen Drucke leiden, aber einen
unverfälschten Text bietet sie keinesweges. Wie sehr sie in den
vorderen Theilen entstellt sei, wird sich erst bei Kenntnis und
Vergleichung echterer Texte klar und sicher herausstellen.
Dass sie gegen Ende so confus und verderbt ist, dass sie für
diesen Theil unbrauchbar wird, sieht jeder Kenner auf den
ersten Blick*. Nach einer solchen Charakteristik durch den
Einzigen, der sich in Deutschland eingehend mit den Alexander-
$agen beschäftigte und seit Langem eine kritische Ausgabe der
Hdp vorbereitete, vergieng mir die Lust, den langen Weg zur
Erlangung der Hs. zu betreten und ich begnüge mich mit dem
Drucke von 1494, da offenbar auch dem Pfaffen Lambrecht
oder seinem französischen Gewährsmanne eine kritische Aus-
gabe der Historia noch nicht vorlag.
I. Die Vorgeschichte in B.
In allen mir bekannten Darstellungen findet sich die
Sage, dass Alexander nicht würklich Philipps Sohn gewesen,
sondern dass er von einem ägyptischen Gotto, beziehungsweise
Zauberer abstamme.
NU spi^echent hose lugemire
daz er eines goukeldres sim wäre.
die ez imer gesagent,
die liegeiit also hose zagen,
oder di es t geddhten (V 185, 6 ff. M 83 ff.)
* In einem Briefe vom 30. Dccember 1877. Damit vergleiche man, was
er 1867 im Psendocallisthenes S. 132 nagte.
Sitiiuigfber. d. phil.-hiit. Gl. XCIII. Bd. I. Hft 6
82 Werner.
und B schliesst sich der grossen Masse in diesem Punkte voll-
kommen an.
Wenn man bedenkt, dass sich der Basler Alexander in
einer Basler Chronik vorfindet; so liegt die Vermuthung nahe,
Ekkehardus Uraugiensis (EU), welcher zu Anfang des zwölften
Jahrhunderts in Bamberg seiner lateinischen Weltchronik einen
grossen Auszug aus Leos Werk einfugte, ^ habe dem Basler
Bearbeiter einer Weltchronik vorgelegen ; denn auch B zog in
seine Darstellung ein selbständiges Buch herein, wie sich aus
dem Schlüsse ergibt. Für die Benutzung Ekkehards durch B
scheint im Umstand zu sprechen.
Wie schon oben S. 55 erwähnt ist, findet sich Blatt 21*. 1
von B eine Hindeutung auf die Geschichte Alexanders, bevor
die eigentliche Erzählung beginnt. Sie lautet: jn der con-
8ul zitten ward der gros allexander von meczydonj
pilipes 8un [sc. gehorn], ^ der zerfuortte daz rieh der persar
und den jungen küng darjum ; des tochter raxam er sider nam,
^ also zergieng daz rieh der persar und kan uf daz rieh der
kriechen.
Alexander stiffte in egipto allexandry die grosai
etat und do er die weit enhalb viers in zwelff joren alle
hetungen hat, do wart im von einem schenken vergehen
10 und [er] ^ starb mit aller kriechen grosser klag, von aUexandei's
her komen die Sachsen und die swoben, do allexander dot wasy
sin her ward in vier her geteilt und in iiij künker [21*. 2J
rieh, die zerfuortten es mit mangem strit, von dem her ward
anithyohus von anthyoha, der zerfuorttejherusalem und herouht den
15 tenpel, dar umb sluog got ^ wider in urliug [mit] judas machaheus
und sin brvoder jonachas und sin bruoder simon und ouch mit
mettiyo und mit allexandro dem jungen als lang, uncz ir aller
rieh in der roemer gewallt komen, der disse mer also weit'"*
wissen, der lesse den grossen allexander oder daz buoch
20 der machabeis etQ.
1 Zacher, Pseudocallisthenes S. 110.
2 3 gthom] fehlt Hs.
' 10 er] fehlt Hs. — Vgl M Vers 7271 do wart ime uergehen.
* 15—18 80 die Hs. 16 gotj Hs. gol. mü] fehlt H«.
» 18 Hs. v>llL
Die Buler Bearbeitung ron Lambrechts Alezander. 83
In ähnlicher Weise leitet Ekkehardus seine Geschichte
ein; es finden sich dabei folgende directe Parallelen:
Zu Z. 2 vgl. EU 60; 46 ^ Quibus etiam diebus ^ Alexander
Magnus . . . natus est.
Zu Z. 5 f. vgl. 61, 66 f. Persarumque regnum Alexan-
diiam translatum est^ vhi regnatum est per annos ducentos nona-
ginta sex. Quod regnum alii Grecorum, alii Aegyptiorum nominant
regnutn.
Zu Z. 7 vgl. 61; 58 Alexandriamque in Aegypto condidit
Zu Z. 8 f. vgl. 62; 1 f . ^ Duodedm quippe annis trementem
sub se orbem ferro pressit .... (62; 6) ministri std insidiis
venenum bibit et interiit.
Zu Z. 11 f. vgl. 62; 6 f. Quo mortuo, Macedonum duces
diversas sortiti p'ovincias .... mutuis se bellis consumpserunL
Zu Z. 18 f. vgl. 62; 9 ff. Sed quia idem Alexander multa
mire peregisse legitur, quae scire multi delectantur, Übet de vita
eius aliqua summatim decerpere, quibus delectationi querentium
vtcumque valeam satisfacere. Und darauf folgt erst Exeerptum
de vita Alexandri Magni.
Aber schon aus dieser Probe ergibt sich; dass die Unter-
schiede trotzdem noch sehr bedeutend sind; umsomehr als sich
bei Ekkehard die Erzählung direct an die Einleitung anschliesst;
während in B ein langer Bericht über die Vorgänge in Rom
zwischengeschoben ist.
Und auch sonst gibt es Discrepanzen genug in grossen
Hauptzügen wie in kleinen Detailausmalungen; so dass an eine
Benutzung des Ekkehard nicht gedacht werden kann, vielmehr
sind die Ueberein Stimmungen auf die gemeinsame Quelle der
Sagen zurückzuführen.
Während zum Beispiele B Vers 14 ff. (mit gereinigtem
Texte) und EU 62; 15 f. sich gegen Hdp stellen:
B er gie in sin kamer ein EU sed palatium intrans appre-
und saczte ßlr sich ein bekeltn, hendit concham aeream,
regenwazzer goz er darin implevitque eam aqua
pluviali
* Mon. Germ, liist. VIII Scriptorea VL
^ Arnio ah Urbe eond. 365 ,, , dignitate» in urbe mtUatae ntnt, et pro eon-
tviUhu» . . . tribuni müUares e»Be coeperunL
' Vgl. 61, 65 f. et totua orieru in potestatetn Mctcedonici ceasit imperii,
6*
84
Werner.
— in den Hdp dagegen lautet der entsprechende Satz : sed intrami
cubieulum [B kamer] palacij 8\ii et deprendens concham eream
plenam aqua pluuiali (bei PsR I 1 heisst es ähnlich, doch
fehlt ein Zog: dXXa TiOst^ XsxivT;v sTOiei X£xavopLavTe{av, %a\ itOcl^
>5»p ztpj'atov ei^ t^jv XexavT;v . . JV 1, 1 weicht vollständig ab,
er sagt : quin potius ingressus aulae penetralia regiaeque seereta,
tbi $e solitarium dhdehat, invecta secum pelvi. Quam dum ex
fante limpidisnmo impleret, . . . .) — während also hier Ekkehard
sehr wohl der Gewährsmann von B sein könnte, ist dies in
anderen Punkten total unmöglich. Bei EU fehlt z. B. die
ganze Scene B Vers 29 ff. er sagt 62, 17 Cumque regnaret
annie decem et octOy nunciatum est aibij mnltas gentes adversus
eum canvenisse. Qui, remotis a se omnibusy palatium intransy et
soUto more .... Dies entspricht den Versen 25 ff. do kämen
im mcBve^ daz der kilng persarum wcere kamen in in sin lant,
und in roubt und brant und 41 ff. ze der rede sweig er dd, in
sini kamer gieng er do . , . das was zwischen Vers 29 und 41
steht, hat keine Parallele bei ihm, während Hdp gerade hier
bis in Sentenzen stimmt, wie B 39 f.
der Hute menge ist selten guot,
si haben denn vereinten muot
und Hdp Uirtus enim non hec valet in multitudine populi, sed
in fortitudine animorum, was dann durch ein Beispiel aus der
Thierwelt erläutert wird, das in B fehlt. Hdp schliesst sich
an PsK an. I 2 ou Yap ev S/Xw ii SjvafjLi;, aXX' ev TrpoOufAiÄ 6 rSKE\»jO(; •
Tßjxi Yap £1^ Xewv zoXXa^; eXa^ou«; eOrjpeuaaTO, JV bietet nichts dem
Entsprechendes (D P wie Hdp).
B 46 ff.
ab sneid er tin hör
zehant,
er verwandlet «in ge-
stalt.
einen schrin hiez er
füllen balt
mit schätz und mit
golde,
als erz denn haben
wolde,
Hdp
Statimque mntato ha-
bitu
radens sibi caput et
barbam.
et txdit aurum
i
qxiantumcunque por-
iare potuit,
EU 62, 19.
statimque rasit sibi
Caput et barbam,
ut transfiguraret se,
tollensque aurum
quantum potuit [vo-
luit andere codd.j.
Die Basler Bearbeitung von Lambrechts Alexander.
85
B
da ndt woü ei' sich
fristen
ze andren nnen li-
sten,
hiemit rümet er die
veste sin
und kam zuo der etat
Bdurin,
da nach z' Ethyopi
in daz lant,
an leit er unz Unin
Hdp
et quecunque erant
sibi necessaria
ad astrologiam et ad
artes magicas exer-
cendas
fugitprape Pelusium
de egypto.
Denique veniens
Ethiopiam
induit linea vesti-
menta
EU
induit se lineis vesti-
bus . .
getoant . . I
Dazu vgl. man die Darstellung des PsK I 3, welcher sagt:
. . . SYXcXiwCoaaiJLSVo; ^(püaiov xoXü xal ^upYjaafxevoc; tt^|V xs^aXtjv xai xbv
-w^wv« auTOu xai luxayiop^aoi^ lauTOv ev eTspo) cj/iiJfjLaTt , l^ü-^ev 8t i
t:5 nir;Xoua{ou xat dt'iroiwXeuaac; wapaY^veTat d<; IleXXYjv . . . Ferner die
wenigen Worte JV 1, 3 Mox autem, raso capite et barba, col-
lectlsque Omnibus quae sibi erant pretiosarum opum, appulit
Macedoniae. Ibique amictus veste linea . . .
Seine Nachrichten kann B in diesem Punkte nicht aus der
Chronik des Ekkehard^ noch aus dem PsK, noch aus dem JV
geschöpft haben, sondern muss einer der Hdp entsprechenden
Darstellung gefolgt sein.
Wieder gleichsam gekreuzt ist das Verhältnis Vers 69 ff.,
wo in B überliefert:
B
Da kam ez zuo
den ztten,
daz küng philip wol-
le riten,
der des landes ein
herre was
EU 62, 21 ff.
Cumque ibi morare-
turusquead t em-
por a regis Pki-
lippi, quo dam
tempore illo ex-
eunte ad pivelium^
Hdp
Interea Philippus
rex Macedonie
86
Wern«r.
B
(durch urliuge fuogt
sich daz).
vnde da er gereit,
NecianihuB niht ver-
meid :
vf den halast gie er
durch schou-
wen
Olimpia die schüe-
ni frouwen,
EU
diu da künginne was,
als ich von ir ge-
schriben las.
ze hant als er sie
sach,
ir minne schoz in sere
stach :
daz sich von ir minne
verkerten sine sinne,
gen ir huob er üf
sin hant,
mit sinem gruoz ward
si ermant
er sprach ,gegrüezest
sist du mit sinne
Macidonte htre kün-
ffinne'.
er tcolt niht sprechen
ffrouwe min^:
d^iz muotte enteil die
kiimfin.
Nectanehus venit ad
palatium
Hdp
abiit in prelium.
Anectanabus auiem
ascendens paladum
ut
reginamOlimpiam
conspiceret et
videret pulchri-
tudinem eius.
Hie cum videt eam
iaculatum est cor eius
in concupiscentiam
eius eversit,
extendensque manum
i suam
salutansque reginam ' salutauit eam
Olimpiadem,
dicens yAue
regina Macedoni^,
dedigncUus ei dicere
ydomina'.
KJar ist, dass B eine nur wenig freie Uebersetzung von
Hdp darbietet und der erste in Hdp mangelnde unbedeutende
Z'm; ist wohl für die ursprüngliche Fassung des Archipresbyter
Leo zu reclamieren.
Di« Basier B«arb«itaDg tob Lambrechts Alezander. 87
Es Hessen sich noch viele Beweise dafiir vorbringen, dass
die Darstellung in B nur auf die Hdp zurückgehen könne;
sie folgt ihr jedoch nicht sklavisch. Manches fehlt in B, was
Leo ausführlich darstellt. So gleich zu Anfang die Aufzählung
der herannahenden Völkerschaften, von denen auch Ekkehard
nichts berichtet. Wie dieser bringt B nichts Näheres über die
incantatio, gegen die Autorität der Hdp; nichts von den Zuständen
in Aegypten, nachdem der König so plötzlich verschwunden war.
Dagegen ftigt B ein oder das andere Detail hinzu, so wenn
z. B. Vers 96 ff. erzählt wird:
diu froufjce ir zuckt nit vergaz:
81 hie im schenken iren win
in einen köpf gtUdin,
der dnrst in nit vil sere ttoang:
ez stuont anders sin gedank,
Oder Vers 175 f. duostü mir daz kunt : daz dunket mich ein
»pcecher funt. Während solche Ausmalungen Eigenthum von *B
zu sein scheinen, ist dagegen Anderes, was B abweichend von
der Hdp enthält, in anderen Darstellungen erhalten; z. B. in
der Beschreibung des Gottes Aminon (Vers 193—198) stimmt
Vers 193 er ist ze jung, noch ze alt mit der Hdp neque iuuenis
neque senex, wenn B dagegen fortfahrt: in rehter mos gestalt,
so findet sich eine Parallele zwar nicht bei Leo, wohl aber
in der Verdeutschung des Euseb: er hat ein mittel gsetalt, und
in D — Ekkehard 62, 28 sagt: in media aetate consistit —
und für Vers 195 f. er hat an der stime sin zwe hom widrtn
ist nur PsK I 4 xepaTa r/wv ey, tou jxstcottoj ^us^uxora und Ekk.
62, 29 habens . , . in fronte comua, ferner D 2^ het an de hewpte
hemer ah ein stechir heranzuziehen. Mit der Ansicht, dass
Ammons Bart sei gestalt als einem kitzin steht B ganz allein. ^
Schon aus dem bisher Gesagten gieng klar hervor, dass
die Untersuchung keineswegs einfach ist, doch hat dies nur
darin seinen Grund, dass man nicht jene Textesgestalt der
Hdp benutzen kann, die dem Bearbeiter vorgelegen haben
muss. Denn ein Verfahren, wie man es nach meinen Aus-
führungen anzunehmen hätte, ist undenkbar; eine Compilation
* Hdp et barbam eanU habens omatam D 2° vnnd hol einen kundes balg
tool geesyrelh Berger XIII 2, 294 et barbes aomee de c/iaenet.
88 Werner.
in der Weise, dass bald aus diesem, bald aus jenem Werke
ein kleiner Zug herübergenommen würde, hat gerade so
viel Wahrscheinlichkeit, als dass der Bearbeiter von *B
griechisch verstanden habe, was auch vorausgesetzt werden
müsste.
So viel ist aber trotzdem als sicheres Resultat der im
Einzelnen geführten Untersuchung hinzustellen, dass die Ein-
leitung von *B in allen Hauptsachen, in Anordnung und Grup-
pierung des Thatsächlichen, und in einer grossen Reihe von
Einzelheiten genau zur Hdp stimmt. Bei allen anderen Stellen
ist die Frage aufzuwerfen, ob an der Abweichung nicht viel
eher die Ueberlieferung der Hdp als die selbständige Thätig-
keit des deutschen Bearbeiters Schuld trägt. Und die Frage
wird von einer kritischen Ausgabe der Hdp gewiss mit Ja
beantwortet werden.
Die Uebereinstimmungen zwischen *B und dem Werke
des Archipresbyters Leo sind viel grösser als die zwischen *B
und irgend einer anderen Fassung der Alexandersage. Es
lässt sich nicht eine grössere Scene finden, die bei Leo nicht
in demselben Zusammenhange stünde wie bei *B, während man
bei JV, bei Ekkehard, bei der Epitome Seite für Seite auf die
klaffendsten Discrepanzen stösst, und vom PsK kann als Quelle
für *B ohnedies die Rede nicht sein.
Es wäre vollkommen überflüssig, wenn ich noch mehr
Beweise für diese meine Ansicht beibringen wollte, ich müsste
den ganzen Text von B und dazu das Meiste aus der Hdp
hier in der Einleitung abdrucken lassen. Denn ich muss noch-
mals hervorheben, dass B manchmal kürzer als die Hdp ist.
Es ist nicht ganz ohne Werth, diese Unterschiede zwi-
schen *B und der Hdp im Einzelnen zu verfolgen. Dabei
läuft man freilich Gefahr, B Freiheiten zuzumuthen, die ihm
ferne lugen. Es kann B eben alle abweichenden Züge aus
einer Gestalt der Ildp geschöpft haben, die von der uns vor-
liegenden sehr verschieden war. Die folgenden Bemerkungen
sind daher mit Reserve aufzunehmen.
Nectanabeus verspricht Vers 229, er werde der Königin
den Gott Ammon in eines traken bilde zeigen; in den anderen«
Darstellungen setzt er noch hinzu, wie in der Hdp: et exinde
bumanam fomuvm accipiens et mea similitudine apparebit.
Die BMler Bearbeitung von Ltmbrechts Alexander. 89
Dadurch, dass B diesen Zug weglässt; erscheint der Betrug
weniger handgreiflich und die Königin wird in besserem Lichte
dargestellt Das Hinwegschaffen dieser schmutzigen Ausmalung
beweist eine feinere Empfindung des Bearbeiters. Ueberhaupt
wird die Königin von B mehr als leichtgläubig; denn als
schlecht geschildert; wie z. B. in der Hdp, wo sie auf Necta-
nabeus Zumuthung unde si placet, esto Uli parata, quia in
noete videbis eum et in somnio cancubet tecum geil antwortet
d kec viderOy [tej non ut prophetam nee diuinuniy sed ut deum
ipmm adoraho, was von B mit Feinheit unterdrückt wurde.
Auch die Liebesscene ist eines grossen Theiles ihrer Ausführ-
lichkeit entkleidet; und das Ganze mit Bescheidenheit vorge-
tragen vnd volbrähte den loillen sin mit Olimpid der küngtn.
Damit vergleiche man daS; was die Hdp und alle anderen
Darstellungen berichten. Auch sagt B einfach nun Idze ich
dir ein groze miet, daz ivizze edle küngin: din geburt so grdz
sol sin daz ir dekein man mit strit mag gesigen an, während
Hdp erzählt cum autem a concubitu surrexisset, percussit eam in
utero et dixit etc. und dann erst noch cynisch hinzufügt : taliter
dec^pta Olimpia cum homine tamquam cum deo concubuit, Mane
aiUem facto descendit Anectanabus de palacio. Regina itaque prae-
gnaiis erat. Von alledem nichts in B, erst des Archipresbyters :
cum aiitem cepisset tumescere vejiter eins vocauit ad se etc. g^bt
er durch ein do si nu7i ffrozen begunde do hesante si etc. wieder.
Auch in diesem Zustand wahrt bei B die Heldin ihre Ehre,
denn sie fordert den Zauberer auf; sich zu setzen (256) und
ihre Schuld gesteht sie reumüthig ein, indem sie fürchtet^
Philipp werde sie bei seiner Rückkehr tödten (263 f.); *
ausdrücklich erwähnt wird; dass sie Angst empfinde (26d.
2H8). Und der darauf folgende Traum des Königs! Wie gross
der Unterschied zwischen B und der Hdp; diese berichtet ^
. . eadem nocte apparuit philippo in somnio deus Hamon con-
cubens cum Olimpia vxore sua et post concubitum videret os
^lue consuere et anulo aureo consignare und beschreibt den
Ring genaU; während B nichts sagt; als ... küng Bilipus von
der küngin trournte^ wie der got Amon si hetti geminnet schon.
» Vgl. Weinhold Frauen 292 ff.
' In Uebereinstimmong mit PsK etc. D übersetzt stäts die Hdp.
90 Werner.
B fügt bei dem ersten Begegnen Philipps und der Königin
höfisch hinzu : die kust er an ir röten munt, während Leo trocken
sagt osculatus est eam.
Schon oben lernten wir einen Zug auf gesellige Freuden
bei B kennen Vers 96 ff., auch bei dem Gastmahl des Königs,
von dem Hdp nichts zu sagen weiss als Quadam die epulabatnr
Philippus cum principibus etc., wird hervorgehoben eines tages
fuogt sich daz daz . . . man truog mit schalle bede hröt und ouck
den win.
Dieselbe keuschere Darstellung wie oben beweist das
Fortlassen des Satzes et torquebatur venter etus, auch sagt die
Königin nicht magister venter mens maximis doloribus torquetur,
sondern nur meister, mir ist unmazen we. Ueberhaupt vergleiche
man die ganze Scene in den beiden Fassungen und man wird
das Rohere der lateinischen Darstellung besonders in der Ueber-
setzung z. B. in D unangenehm empänden.
Dagegen ist B in einigen Punkten bedeutend trockener,
philisterhafter als die Hdp; ich verweise vor Allem auf die
erste Jugend Alexanders; während Leo hier mit Interesse das
Detail ausmalt, constatiert B in wenigen Versen (429—436)
nur das Thatsächliche ohne inneren Antheil. Auch das erste
Gespräch zwischen Alexander und Nectanabus beweist dasselbe
Verhältnis. Tiefere Empfindung spricht dagegen der Vers 525 f.
aus ,we mir' sprach Olimpias ,er diu rehter vater w<is^ gegen-
über dem Satze: Olimpia dixit yAnectanahns pater tuus fuit^.
Auch die red was Alexander leiL er sprach Vers 527 ist weicher
als das kurze respondit ille der Hdp.
Mit Vers 534 endet die Vorgeschichte und es treten nun
die beiden andern Zeugnisse für das Ursprüngliche ein. Bisher
hatten wir es einfach mit dem deutschen Bearbeiter zu thun, der
seinen Zeitgenossen das Lateinische verständlich machte. Von
nun ab ist eine zweite Möglichkeit ins Auge zu fassen. Das
Gedicht war bereits vorhanden^ es war aus dem Französischen
übersetzt und *B überarbeitete nur die ältere Darstellung.
Wir müssen daher beachten, ob sich zwischen dem, was *B
im Deutschen vorfand, und dem, was ihm die Hdp darbot,
ein Unterschied zeigt, und wie *B in einem solchen Falle ver-
fahrt. Kurz es ist zu scheiden zwischen der Quelle von VM und
der von B, welche nicht zusammenzufallen brauchen.
Di« Basier Bearbeitung tob Lambrechta Alexander.
91
n. Der historisoh strengere Theil in VMB.
Als Resultat von Harczyks Quellenuntersuchung darf
der Satz angenommen werden ^^ dass V mehr zu dem
griechischen Texte, zum Valerius und der Epitome
stimmt, während M der Hdp näher steht; und wenn
ich auch nicht in allen Punkten mit Harczyk einverstanden
bin, so muss ich doch zugeben, dass die Hauptbeweise, die er
dafür anfi&hrt, richtig und überzeugend sind. Auf zwei Stellen,
von denen er ^ine des Breitern darstellte, bin ich gezwungen
näher einzugehen, selbst auf die Gefahr hin, schon von ihm
Gesagtes zu wiederholen, weil ich dabei noch einmal die Frage
nach dem Handschriftenverhältnis betrachten muss.
Die erste Stelle^ auf die ich oben im U. Cap. (S. 46)
hinwies, ist 652 f. (vgl. Harczyk S. 150).
Vorher muss ich nochmals den Satz ins Gedächtnis zurück-
rufen, dass sich B bisher an die Hdp, V mehr an JV und
die £pit., M wie B an die Hdp gehalten.
Es war erzählt worden, wie Alexander den Bucephalus
gebändigt habe, dann heisst es weiter:
V 192, 7 ff.
Ein pote Ute dem
chunge daz sagen
(T ne getorste er nieht
uergen
icaz sin sun fiete getan
«/ spranc der chu-
nich sa
unt zoh sines Sinnes.
io früt er sich sines
chindes
M 378 ff.
Do wart daz langer
nit uerdaget
dem kuninge wart do
gesagit
waz sin svn hete getan
der kuninc der spranc
uf San
vnde zehenzich sines
gesindes
er frowete sich sinis
kindes
die mere er gerne
uemam
do der kuninc dar
qtiam
B 646 ff.
ein bot iltte dem kun-
ge sagen
vnd wollte nCit ver-
tagen
mit sinem gesind er 5
gein im gie
sin hercz des gros
früed enpfey
S«ite 150.
92
Werner.
unt also alexander
uernam
10
er ihet als im wol
gezam
er warf sich nider
15
unde giench sine^
20 me uater gegene
unt also sie zesame-
ne chomen
mit banden si sich
namen
ir rede wa^ uil min-
nesam
als ir hie müt ferstan
24 hil dich sprach phil-
lippus sun min
etc.
M
unde in alexander
uernam
do teter alsime wol
gezam
er warf sih nider
vnde ginc
vestian daz ros
entfienc
alsiz alexander wolde
mit einem breitete von
golde
mit gesteine wol be-
slagen
sinen uater ginc er
ingagen
do si zesamene qua-
men
bihenden si sih na-
men
ir rede wart uile
mjnnesam
als irhie mbgit uerstan
Heil dir sprah ev
svne mjn
etc.
B
als allexander dz ver-
nam
dz der küng gegen
im kam
vom rosseer dosprang
vnd gieng
vestyana in dz
ros enpfiehg
dz ward ze stund
gezemet hie
sin vatterinwolenpße
er sprach heil si dir
sun min
etc.
PsK 1 17 sagt: ApafAcov 5e ti^ töv tinro^cpßwv aiTiJ'pfstAe [to vr/ovb^J tio
ßaffiXet <l>tX{7rjr(i) e^w Svit tt;;; ^toXsox;. *0 Be ^i'kiiz'Koq Gttoijlvtjjösi;
TO'j /prjcijjLO'j £u6£(i>; d^n^vTri^s tcT> 'AXsJavSpw xat T,(j7:isoczo aurov eiwwv *
yXaipoi?, 'AXsgavSpe xoGjjLOxpaiop'. JV I 17 Quod cum admirationi
visentibus foret, * ex cursu qttidam rem periculi huius nuntiat
Philippo. Sed ad memoriam ille rtvocans monitus oraculi
1 Dem entapricht B 646 daz dühte si ein wfindtr al.
Die Basler Beu-beitang von Lambrechts Alexander. 93
oecunit ad puerum, et salutat inde uf orhis integri dominum,
Hdp cunque ergo vidisset eum Philippus dixit ei ,Fili
Alexander, omnia reaponaa deorum impleta sunt in te^.
Auch Ekkehard 63, 22 sagt wie Hdp Quöd cum vidisset
Phylippus dixit: ,Fili Alexander^ omnem divinationem
modo cognovi in te'. In Hartlieb's Verdeutschung des Eusebius
heiast es: Das ward bald verkündet Philippo dem küngy der
sähe es auch'vnd sprach: ,0 Alexander, nun luibe ich gesehen
alle tcarsagung . . (Auch in dem bei Berger und Weissmann
gedruckten französischen Prosaromane [W II 376] wird nur
berichtet Quo,nt li roys Phelippes le vit, si li dist: jFiz
Alixandres, or conoys-je tous les respons de Dieu en Dieu^.)
Keine von all diesen Darstellungen — die englische
weicht vollkommen ab — kann hier die Quelle für A gewesen
sein, Vers 5 — 24 sind verschieden von allen übrigen Fassungen.
Ich habe das Recht; diesen Unterschied auf A zurückzuführen,
denn auch V, wenn es gleich zwei Verse nicht überliefert, die
MB darbieten, stimmt zu keinem der oben angeführten Texte ;
die Verse 4, 6, 9 und besonders 12 beweisen zusammengehalten
mit 19 — 24 zur Evidenz, dass auch ihm etwas Aehnliches wie
MB vorgeschwebt habe.
Wäre V seinen näheren Vorlagen JV und der Epit. ge-
folgt, 80 müssten wir 1, etwas dem Satze sed ad memoriam —
oraculi Entsprechendes erwarten, 2. aber dürfte das Abspringen
vom Pferde und das Entgegengehen Alexanders nicht erwähnt
worden sein. Da aber V schon in diesem 6inen Punkte sich
dem vollkommen abweichenden Verfahren von MB genau an-
schliesst, so wäre es inconsequent anzunehmen, dass es nun
Vers 12 f. nicht enthalten habe ; vielmehr ist es wahrscheinlich,
dass abermals ein Abirren des Auges Schuld an der Verderbnis
trägt. Ich vermuthe in A habe gestanden :'
' Die Wiederholung eines oder mehrerer Satzglieder nach einem Zwischen-
satze findet sich mhd. nicht so selten, als man wohl glauben würde; vor
Allem sei erwähnt: Veldeke En. 195, 29 ff. Do daz TurnÜ9 gemach,
daz da wie tot lack des her» von den zwein resen, daz nimnan mokte
genaenj den H mohten beatriehen, ai mOalen alle eniuAcken: do de»
Turnus wart gewar . . In den alten Bruchstücken des Eilhart VIII
26 dd Idgin »t beide^ mit michelin leide wärin «t bevangin, dar Idgin
'S «o lange, daz sie niemen üf huop ... IX 63 teA toine in »tn
geaelle hüLf, Satanäe der iiü)üf ich bin ie 6ch dne zuufibU, er huob in
94 Werner.
er warf sich nider unde gienc
(Vestidn daz ros entfiency
des wart ez gezemet mit eineme britele)
tinde gienc sineme uater gegene . . .
Dies ist freilich nur eine Conjectur, erklärt aber den Stand
der Ueberlieferung.
Einen andern Punkt kann ich dagegen nicht entscheiden,
wie das Verhältnis zwischen Vers 10 und Vers '8 aufzufassen
ist. Hier muss ich gestehen, meiner Sache nicht gewiss zu
sein; man erwartet zwar Vers 9 einen Objectsatz, denn ein
blosses daz' würde auf Vers 6, nicht auf Vers 5 zurückweisen^
allein ich weiss mir nur mit der Annahme einer Doppellesung
zu helfen, dass nämlich in A entweder 10 (8) oder 11 über
der Zeile als Correctur gestanden habe etwa in der Weise:
äicherliche. Beides wurde yom Bearbeiter zerstört, der aber selbat
Aehnliches aufweist: 321 ff. wen he wat ein fönte hoch gebom, der koning
hdte in {iz irkom, daz he ä%ne» rv:he» vAU und im lani und h'e behiU.
he uftu ein fönte von dem lande . . . 4452 ff. Kumeväl do toedir »aeh^
toie nähe im der hunt wh-e, he hUt rechte in der gebire alt ob he toolde
«In lebin umme dea brakin tod geUn, Kumevdl der giUe^ in vil zorniglichem
mute hUt he M einem boime und nam vil rechte goime, wd he den brackin
horte, 6167 der walt, da von ich iich toil sagin, da in der koning do reü
jagin, der en toas t^n nicht aleine. 6940 do gedächte he her wedir ,her
ist mit dir (ix komen: ez entehre dir kein vrome; »wie obele «o he habe
getdn^ Idz dd dinen zom zugdn^ geddhte der hell wXae. In der Berliner
Hs. 7409 — 7412 die fkunigeinj wdt plaich vnd r'ot Sam ea die frewd ir
da gebot Wart aie an ir varbe ist noch etwas mehr verschieden und ver-
gleicht sich S£tzen wie Vorauer Alexander 216, 10 f. unde aie über das
wazer niene liezen über daz wazer eiifratea. In der Vorauer Kaiserchr.
steht 93, 28 ff. Ein armer wart ir gewar, er aleeich ir nach an das
uruar tein armer tragcere^ doch er e kunich ze rome wcere. 133, 13 ff.
du minnet oh in div frowe mit (dler alahte triwen. mit zuhten unde mit gute
mit aller deumiUe minnete ai den helt palt, 234, 23 ff. ao biatu frowe gebom
uon kunigen unt uon herzogen geboren alae edele gezimet niht ze kebeae, 405,
4 ff. der priater der herre Euaebiua di uvil er iungelinch waa in der atcarzen
buchen er las. (Vgl. Heinzel QF 10, 7 f.) Nicht alle diese Beispiele sind
gleich überzeugend, beweisen aber doch, dass ich A nichts dem Geiste
des Mhd. Widersprechendes zuschreibe. Bei Tauler überliefern in der
Predigt: Dea andern auntagea in der vaaten die Strassburger und Wolfen-
büttler Hs. gemeinsam sogar: 0 herre, ie doch geachiht ea underwilen daz die
kleinen welfelin, die kleinen hundetin, daz die doch geapiaet werdent von
dem gebrockele daz do veUet van der herren tiache, Aehnlich Wigamur Hs. S
(vgl. Zs. 23, 109) Chunnet ir vna geaagen wa Wa tat aein lant hyn gelegen.
Die Basier Bearbeifesiig von Lambreclit& Alexander.
95
unde dUo Alexander (daz) uemam 9
daz der kuning dar quam 10 (8)
er thet cda im wol gezam 11
Nun schrieb V* etwa alle drei in dieser Reihenfolge ab, V Hess
den zweiten, B* den dritten fort, während *M durch einen
unbeholfenen Flickvers (7) die Erhaltung aller drei Verse er-
möglichte. Auch hier also Anschluss von B an V, nicht ge*
meinsame Zuthat von MB.
Zugleich zeigt diese Stelle, dass die Quellenuntersuchung
durchaus nicht so einfach ist, wie sie nach Harczyks etwas
fluchtigem Aufsatze scheinen möchte.
Noch ein zweites Mal geht die Frage um das Hand-
schriftenverhältnis und die Quellen Hand in Hand, nämlich
Vers 704 (Harczyk S. 153). Es war von Alexanders Zug gegen
Nicolaus die Rede und dann wird berichtet:
V 193 28 ff.
unt als er do wider
havm gesan
ein laiht nue mare
er im uemam
nn faier habeht sich
siner müter ge-
hvhet
vntsaz in f oller brut-
hfe
w liz die sine müter
die frowen div hiez
Cleopatra
M 452 ff.
Do er do wider heime
quam
ein Uli leit mere er
uimam
desgwan er ungemute
iz was einer muter
sin uater philippus
ab comen
unde hete ein ander
wib genomen
di was Cleopatra ge-
nant
B 697 ff.
do er nu wider kein
Jean
do hört soliche mer
die itn woren swer
sin vatter küng pili-
pus
hat entseczet von sine 5
hus
sin mütter die küngin
nach etlicher rat wid
sin
hat er ein ander ge-
nome
vnd was vf die zit
komen
dz im der hodizit 10
gezam
cleolepatra was ir
nam
96
Werner.
Also alexander liaim
chom
15
er geinch für sinen
fater sten
vnt nam die corone
die er mit samt
ime da hete
stnem fater ers vf
sazthe
M
do alexander daz ir-
uant
unde erz rehte uer-
nam
uor sinen ttater ginc
ei* stan
(er sazte di cronen do\
B
alexander gie ze kant
da er sine mütter
vant . . •
er nam die erfochten
krön
vnd saczte sy vf stns
vatter hobt eben.
die er nicolao
hete geroubit
sinem uater uf daz
houbft
Wir finden hier in V einen Gedanken zweimal ausgedrückt
Vers 4 und 11, dagegen fehlt der nothwendige; für den Zusammen-
hang unentbehrliche Gedanke, den MB in Vers 8 ausdrücken.
In den Quellen ist Folgendes zu lesen; bei PsK I 20
6 Be 'AXe^avSpoq . . . avacrpa^sl^ ei^ Ma/£Sov{av supicxet ttjv ixYjxspa
a'jTOö 'OXufjLxtdtSa dTuoßXtjTOv Yevs[jLr/r^v uTcb tou 4>tX{7ricoü xoD ßocatXdci)^,
Tov 8 6 «I>iXt7r7:ov -pJl^*^* "^C* aSsX^riv Auaiou KAEOTratpav Touvojjua.
TOUTYJ Bs T^ 'hV'^P^ dYO(JL^Vü)V TÖV Y^P'WV «I>lXl7W:OÜ5 6XWV TOV VtXTJTtxbv
%ol\ 'OXufJLTTtaxbv crifavov 6 'AXs^avSpo; e'ffijXOs el^ to Setryov. —
JV 1 20 , . repatriat Macedoniam. Sed offendit forte, ex licentia
regia spreto conjugio Olympiadis, Philippum tunc in Cleopatrm
nuptias demutantum Attali alicuiusdam non ignobilis filice. Die
igitur nuptiarum irruens regis triclinium coronatus . . Hdp Sicque
ad patrem suum cum triumpho remeauit. Inuenit axitem Philippum,
in conuiuio nuptiali sedentem. Eiecerat enim Olimpiam et socia-
uerat sibi cuiusdam hominis filiam nomine Cleopatram. Ingressus
est autem Alexander ad nuptias . . . Ekkeh. üraug. 63, 38 i?ß-
versus autem cum victoria, invenit Phylippum sodasse sibi qttaii-
dam nomine Cleopatram, mat9*e sua eiecta; sicque illo sedente in
nuptiali convivioy ingressus Alexander dixit . . Hartlieb als er
heim ham do vemam er wie sein vater sein mMer von im gestossen
hett. vnd het czü im gesellet eines andern mannes tochter die
hiess Eleopatar. und als alexander einrayt do hett kilnig
Die Basler Bearbeitanff tos Lambrechts Alexander. 97
pkilippua gar köstlich kockzeit mit eleopatar vnd sass z'ä tisch in
grosser hochzeit vnd würtschafft. Alexandei' gieng für den tisch . . .
V kann hier unmöglich das Richtige erhalten haben, denn
80 ungeschickt hätte A die Quellen gewis nicht wiedergegeben,
es ist nur die Frage, wie der Gang der Verderbnis deutlich
würde. V enthält hier eine Reihe von auffallenden Reimen ;
Rödiger versuchte Anz. I 82 wenigstens öinen zu bessern, es
bleiben aber immer noch muotei* : Cleopatra und quam : stdn.
Der letztere ist noch einmal verwendet 198, 26 f. also alexander
heim chom, er giench füre sinen uater stan ; und Vers 13 wieder-
holt nur, was schon Vers 1 gesagt war. Es erscheint mir daher
unzweifelhaft, dass die beiden Verse 11 und 13 zu streichen
seien. Man könnte das Ursprüngliche wie folgt reconstruieren :
unt als er do wider heim quam
ein leit nüwe märe er im vemam.
sin vater (Philippus) habet sicJi seiner müter geloubet
unde habet ein ander wib gehiwet [?]
unt saz in f oller brütloufe,
Cleopatra hiez diu frouwe,
er gienc für »inen fater stan,
die corone er do nam
die er mit samt ime häte,
sinem fater ers üf daz houbet satzte.
Es ist dies nur ein Versuch, die verschiedenen Schreibungen zu
vereinigen ; aber wenn auch dieser Versuch nicht ganz gelungen
ist: das wird sich aus dem Vorstehenden mit voller Sicherheit
ergeben haben, dass MB durchaus das Richtige, nicht eine
selbständige Aenderung überliefert haben.
In der zuletzt behandelten Scene findet sich auch ein
tiefer gehender Unterschied zwischen Hdp und B, welches
seiner deutschen Vorlage, diese aber mehr dem JV und seiner
Epit. folgt. H 151 f. B corrigiert hier also nicht nach seiner
lateinischen Quelle die deutsche Darstellung.
Auch bei der Bändigung des Bucephalus hält sich B mit
V an das Griechische, den JV und die Epit., während M der
Hdp folgt. Es scheidet sich auch, was die Benutzung der
iinen Quelle anlangt, B von M, denn dieser. Bearbeiter ändert
stofflich einschneidend.
SitzimgBber. d. phil.-hiat. Cl. XCIII. Bd. I. Hft. 7
98 Werner.
Vers 777 — 796 der Zug gegen Antonia; den V im An-
schlüsse an JV bringt, Hdp und EU gar nicht aufweisen, wird
von B ohne Anführung des Namens gegen die Autorität der
Hdp geschildert. Dasselbe gilt von dem Empfange der Boten,
die Darius sendet Vers 797 — 823, von der Besiegung der Stadt
Thelemon Vers 824 — 844, die B talomone nennt.
Vers 844 — 878 ^ findet sich ein bemerkenswerther Unter-
schied zwischen V und B. Beide erzählen übereinstimmend:
V 198, 8 ff. unt als er d6 wider haim reit,
d6 begagent ime ein mirdr arbeit.
dd ißider reit ime PausoniaSy
der ein richer marcgräve was,
, unt fuorte die chunigin in äine gewalt.
d wie s^e ers dd ze stede engaltl
daz was diu scone Olimpias
diu Alexanders muoter was (M fehlt)
während die Quellen von einander und von diesem Berichte
vollständig abweichen, aber im Folgenden schliesst sich B
gegen V an die Hdp und sagt: den spies er durch den großen
stach, ze der erden ddt in warff, V: dur(^ Anem bück erstach,
zuo der erde er in warf, Hdp ^ facto impetu et evaginato
gladio trucidavit eum. Bei JV PsK und dem Epitomator
tödtet Alexander den Herzog Pausanias nicht, sondern bringt
ihn vor den Vater zur Bestrafung. Hier, wie in dem Berichte
bis zum Tode Philipps scheiden sich V PsK JV Epit. und
B Hdp EU, so dass man sieht, B änderte seine deutsche Vor-
lage im Hinblicke auf die lateinische, oder um mich der Worte
Wackernagels zu bedienen, der Bearbeiter hat mit dem Lam-
brecht in der Hand die Historia de proeliis verdeutscht
Und nun folge ich dem Gange der Erzählung in der
Weise, wie es Harczyk that, indem ich nur das Erwähnens-
werthe bemerke; die Verszahlen beziehen sich auf die Dar-
stellung in B, die in Klammern auf W.
Vers 879-907 (638-671). B folgt A gegen Hdp.
Vers 908-940 (672—703). B bringt mit A die Zahlen-
angäbe und den Zug nach Sicilien fsittiren lant] gegen Hdp.
» Vgl. Harczyk S. 153 f.
2 Vgl. Harczyk a. a. O. dem eine andere Fassung vorlag, die mit Ekkeh.
63, 60 ff. wörtlich übereinstimmt.
Die Buler Bearbeitang Ton Lambreelits Alexander. 99
Vers 941—981 (704—743). Den einen von Harczyk her-
vorgehobenen Zug, den A mit der Epit. gegen die Hdp theilt,
bringt auch B. — Von der Aufforderung an die Carthager, sich
zu unterwerfen, ihrer Gesandtschaft u. s. w. steht nichts in den
Quellen, nur JV und PsK I 30 erwähnen Carthago überhaupt
mit Namen und nur dieser hat im Cod. C eine nähere Parallele
Vers 982—985 (744—759). Die Gründung von Alexandria
mit A gegen Hdp, doch fehlt, ganz in der Weise von B, die
Vergleichung mit den anderen berühmten Städten.
Vers 986—1000 (760—779). B stimmt mit A gegen Hdp
sowohl in dem was es bringt, als in dem was es nicht bringt,
obwohl es in der Hdp steht. Besonders der Zug nach Palä-
stina wird ganz abweichend geschildert. ^
Vers 1001—1265 (785—1246). Die Geschichte der Be-
lagerung und Zerstörung von Tyrus berichtet B in Ueberein-
Btimmung mit V, resp. A. Die antiken Quellen sind noch nicht
gefunden, wir treffen Darstellungen bei Curtius Rufus, der im
Mittelalter sehr beliebt gewesen zu sein scheint, und, was
Harczyk nicht erwähnt, in Diodors historischer Bibliothek
XVII. Buch, Cap. 40 — 46, Diodor erwähnt auch das Holen
der Bäume vom Libanon.^
Vers 1266—1275 (1247—1266). Ueber diese Stelle, welche
aaf die Sage von Apollonius von Tyrus anspielt und in den
antiken Quellen natürlich nichts Analoges hat, wurde bereits
oben in anderem Zusammenhange gehandelt (S. 21 ff.).
Vers 1276—1371 (1247-1422). B stimmt zu A gegen
Hdp in dem von Harczyk hervorgehobenen Punkte.
Vers 1372—1377 (1423—1437). B berichtet Aehnliches
wie A. Hdp sagt: Darhts itaque perlecta epistola turhatiis est
valde. Deinde scripsit . . . JV I 39 Enimvero acceptis Alexandri
litteris rex Darius, eisque gravivs et arrogantius motusj ad satrapas
. . . scribit. Ekkehard hat nichts Entsprechendes.
Vers 1378—1410 (1438—1492). B lässt den von Harczyk als
hervorstechend bezeichneten Zug im Anschlüsse an die Hdp fort.
» Vgl. Weiasmann zu 760 (nicht 769).
^ Man vergleiche den lesenswerthen Abschnitt in Danckers Geschichte
Alexanders des Grossen.
7*
100 Werner.
Vers 1411—1549 (1493—1749). Schlacht gegen Mennes
hat in den antiken Quellen keine Parallele. B schliesst sich
gegen die Hdp an A an.
Vers 1550—1622 (1770—1880). Die Streitkräfte nach A
aufgezählt. Hdp nichts Entsprechendes. Hiemit endet das in
V Ueberlieferte und es gehen nun M und B parallel. Wie sich
ergab; änderte einigemale M^ indem es sich genauer als A an
die Hdp anschloss, auch B schlägt in einigen Fällen dasselbe
Verfahren ein, doch fanden wir MB in dieser Thätigkeit nie
einig. Für das Folgende ergäbe sich nach dem bisher Gesagten
die kritische Regel: Ueberall wo nur üne der beiden Dar-
stellungen sich genauer an die Hdp, die andere an JV oder
die Epit. schliesst, ist anzunehmen, letztere repräsentiere die
Fassung von A, wo jedoch sowohl M als B gemeinsame Ver-
wandtschaft mit Hdp zeigen, ist dies auch für A vorauszu-
setzen. Diese Regel kann freilich erst dann in einer kritischen
Ausgabe von Lambrechts Alexander befolgt werden, wenn
klarer in den antiken Quellen gesondert ist. Gerade in der
zweiten, sagenhaften Hälfte der noch zu besprechenden Partie
ist die Unklarheit am grössten.
m. Der mehr sagenhafte Theil in M und B.
Auch hier müssen wieder zwei Punkte unterschieden
werden, je nachdem die einzelnen Züge von MB oder von M
und B getrennt, resp. B allein überliefert werden: also
1. in MB.
Vers 1631-1656 (1889—1923). Hier weicht B und M
von PsK JV und der Epit. ab und folgt der Hdp, nur ist B
etwas kürzer als M. Dasselbe gilt von der nächsten Scene:
Vers 1657—1694 (1924—1973) nur im Schlüsse stimmt B
genauer zur Hdp als M.
Vers 1695—1714 (1974-2001) die Schlacht gegen Amenta
wird nur von der Hdp und Ekkeh. berichtet ; M schliesst sich
genauer an die Hdp, in dem es si vohten f reislichen zioene tage al
in ein daz di sune nit ne geschein, wände si ne wolde belüdUen niht
den mort wie Hdp erzählt, was in B und bei EU fehlt. Dagegen
schiebt es 1983—1992 W zwischen si vohten allen einen tach
Die Bafler Boarbeitiing Ton Larabrechts Alexander. 101
and 8i vohten langer tage dri, während B sagt: vnd vachten
aüm den dag, daz ir hant nie gelag. sy stritten dry gancze ta^ . .
wie die Hdp und Ekk. et uaque ad occasum solia equaliter
pugnatierunt * Sic etiam per tres dies continuos pestiferum bellum
duramt. Die kurze Beschreibung der Schlacht 1994 — 1996
(W. 1707 — 1713 B), in welcher B und M übereinstimmen, hat
in den Quellen keine Parallele.
Die ausfiihrlichere Schilderung in M 2002—2017 (W) hat
ihren Ursprung in einem kleinen Satze der Hdp und der Chronik
Ekkeharts; der Satz schliesst aber nicht direct an die Beschreibung
der Schlacht an, sondern erst an den Bericht, wie der fliehende
Amenta zu Darius kommt und dort die Boten mit Alexanders
Brief und Gabe trifft. B bietet nichts diesen Fassungen Ent-
sprechendes, sondern lässt auf die Ausmalung des Kampfes
sogleich folgen
Vers 1715—1734 (2018—2041). Die von der Hdp und
EU ausfuhrlich berichteten Eroberungen deutet M 2021 — 2028
nur an und B stimmt darin mit M. Das Sammeln des Heeres
mit der Zahlenangabe findet sich nur in MB. ^
Vers 1735-1774 (2042—2087). Die Aenderungen von B
haben in keiner der Quellen eine Autorität und ein Zug ist
sogar gegen die ausdrückliche Erwähnung von Hdp aus der
Beschreibung von Tyrus herübergenommen : ahtirus . . lit an
ener vestin wer^ zwissent dem gehirge und dem mer, Hdp locus
non erat naturaiiter munitus. ^
Vers 1775—1815 (2088—2139). B stimmt zu M, die
Znthaten sind eigenes Machwerk von B. Die Aenderung von
Harczyk ime in in ist nach B 1804 richtig. A weicht übrigens
ziemlich stark von allen Quellen ab, am meisten Aehnlichkeit
bat es noch mit der Hdp.
Vers 1815—1821 (2140—2152). MB stehen allen andern
gegenüber. Die Erwähnung der Bibel blieb in B weg, vgl.
oben m. Cap. (S. 59).
Vers 1822-1831 (2153—2163) gilt dasselbe.
^ Ekk. nnd die von Harczyk benutzte Fassung der Hdp haben hier noch
einen Satz überliefert. Vgl. H. 157 f.
^ Vgl. oben S. 100.
* Dies wird in der von H. benutzten Fassung der Hdp freilich nicht
erwähnt.
102 W«rii«r.
Vers 1832—1919 (2164—2277). Die von Harczyk hervor-
gehobenen näheren Parallelen zwischen M und Hdp resp. PsK
entfallen, da auch JV und Ekk., so weit sie von einander und
den andern abweichen, gerade alle in der Erwähnung stimmen,
dass die Lacedämonier eine Seeschlacht versucht und durch
Feuer ihre Schiffe verloren hätten. Dagegen ist hervorzuheben,
dass keine der sonst verwandten Quellen in dieser Scene die
Vorlage von A gewesen sein könne, da keine so ausführlich
die Belagerung schildert wie A. Es war also wohl eigene
Zuthat des Alberich von Besan9on.
Vers 1920—1997 (2278—2391). Was Harczyk S. 161
über diese Scene sagt, ist durchaus nicht befriedigend. Die
erste Parallele zwischen M und Hdp (PsK) filllt weg, denn
auch JV sagt II 7 Tu illum Videos nee ducibus nee prcecurso-
ribvs confidententj sed sibimet laboris omnis offida vindicantem,
kcBc agere qucß tanta sunt: quce tu quoque, si recta sapias, per
te feceris. Viden ut primus irruat in proeliaf prior in-
tonet bellicumf prior periculum subeatf Die zweite ist richtig,
JV auch Ekkeh. weiss nichts davon. Aber auch B bietet
nichts dem Analoges, stimmt daher gegen M und die Hdp
mit JV. Sollte hierin nicht das Ursprüngliche stecken ? Denn
sonst stimmt B mit M auch in dem von allen Darstellungen
Abweichenden: Vers 1930—1937 = 2287—2292 das Versprechen
vom Zins abzusehen, wenn Alexander vom Kampfe abstehe.
Die Rede Ocyators — Hdp nennt ihn Macher ^ M Occeafyr, PsK
DJjidprj^, JV Oxyathrue — ist in B viel gröber als in M. Von
den kleineren Aenderungen in B z. B. Vers 1971 ff, bieten die
Quellen keine. — Mit Ekk. theilen MB zwei Auslassungen:
PsK II 7 (S. 61^) T,\Lei^ ok e-£{xd/a(jL£v aütw txjto«; xat c^al[pav iz:
TO 7:a{^eiv xal 7:aiB£U£(78ai . . JV II 7 (S. 62*) Denique pudorem
suum haud dubie fatebatur, quod ei vivo pilam habenamque mi-
sissit . . . Hdp Dlrexi ei ludicram pilam et zocham ut ludum
disceret pueroruvi . . . Ferner fehlt nur in MB und bei Ekke-
hard die Aufzählung der Völkerschaften.
Vers 1998—2047 (2392—2454). Die von Harczyk er-
wähnte Parallele zwischen Hdp und M ist richtig und M be-
wahrt hier das Richtige, trotzdem B und JV den Gedanken,
dass das Heer trauerte, nicht haben. B machte sich, wie aus
2008 hervorgeht, einer Auslassung schuldig. — Eine andere
Di« Basier B«Arb«itang ron I«Ambr«cht0 Alexander. 103
UebereinBÜmmung zwischen MB und der Hdp ist das Fehlen
einer Apposition : PsK 11 8 xat ^ ti; 4>{XtTO:o<; cvo|jiäti, 9{XTaxo?
'AXs^avSpci) . . JV II 8 sedulitate acceptissimus regt . . Auch
£kk. 65, 71 quem däigebat Alexander quia medictis erat. Da-
gegen heisst Parmenius in der Hdp und bei Ekkeh. princeps
militiae qui tenebat Armentamy dies fehlt bei MB, JV und PsK.
~ In der Erzählung des Gesprächs zwischen Alexander und
Philippus weichen MB von allen andern Darstellungen ab. M
und Hdp in der Bestrafung des falschen Parmenius, welche
bei PsK, JV, Ekkeh. und B von Philipp erst gefordert werden
inass, während Alexander in M : Parmenen htz er slän ze siner
anesütte (Philippo er do richte) wander in habite belogen. Und
in der Historia Mox . . ittssit ad se Parmenium venire et per-
cunctatus invenit eum morte dignum. Sicque prcecepit nt capite
privaretur. — Die Todesart in B ist originell.
2048—2077 (2455—2544). B ist bedeutend kürzer als M.
Der Zug nach Armenid wird von JV II 9 nicht erwähnt, da-
für ist ein anderes Motiv von ihm eingeführt, das sich später
wiederholt: igitur recepta valetudine Alexander per Medoa exer-
citum ducens iter illud midtis admodum diebus per deserta regionis
emensus esty muüamque aquae penuriam toleravit. Was M von
Alexanders Thätigkeit in Armenien zu berichten weiss, bieten
weder B noch die Quellen. Die etat Andrid wird bei PsK,
Ekk. und in der Hdp genannt, hier heisst es : deinde ambulans
diebus multis ingressus est locum aridum et inaquosuniy ubi aqu(B
mnime consistebant et transiens per locum qui dicitur Adriacus ^
vmit ad fluvium Euf raten; JV überliefert den Namen nicht. —
Nachdem die Brücke geschlagen, weigern sich die über die
Grösse des Flusses erschrockenen Soldaten hinüberzu-
gehen, Alexander schickt daher zuerst die animalia,
als dies auch nichts nützt, geht er als Erster hinüber und
das Heer folgt ihm. Die beiden im Druck hervorgehobenen
Motive fehlen BM im Gegensatze zu allen Darstellungen. —
Die Reden der Soldaten und Alexanders, deren üeberein-
stimmung mit der Hdp Harczyk S. 161 f. nachwies, ^ wurden
von B sehr stark zusammengezogen; dass dies nicht im
^ Ekk. 66, 14 ^ndrtacttx, wie auch Hdp zu lesen sein wird. PsK 'Apetavij.
' In dem von mir benutzten Drucke ist die Uebereinstimmung läel geringer.
104 Werner.
Hinblicke auf eine lateinische Vorlage geschah, ergibt die Ver-
gleichung mit JV und der in B bis zur Unverständlichkeit
gestörte Context.
Vers 2078—2162 (2545—2650). Der Zug in MB, die
Heere seien einander so nahe gewesen, dass die Vorposten
sich gesehen hätten, findet in den Quellen keine Parallele,
ebensowenig Vers 2587 er hetis gerne mer getan. Auch sieht
sich Alexander in den antiken Darstellungen nicht nach dem
Attentäter um, sondern dieser wird vor ihn gebracht. Die
Aehnlichkeiten zwischen A und Hdp (PsK) im Dialog sind
von Harczyk richtig angedeutet. Darauf folgen in dem von
mir benutzten Strassburger Drucke der Hdp Vorschläge der
Soldaten, wie der Perser gestraft werden solle. Dies fehlt in
Harczyks Angabe, ist daher wohl Zuthat einer Recension von
Leos Werk. — Die M und B gemeinsame Schlachtbeschreibung
ist von den Quellen nicht vorgebildet
Vers 2163-2205 (2650—2696). JV berichtet an dieser
Stelle nichts über die Gefangennahme von Alexanders Mutter
und Familie.
Vers 2206—2243 (2697—2768). B kürzte so stark, dass
Alexanders Antwort vollkommen unverständlich ward.
Vers 2244-2255 (2769—2788). Die Angaben Harczyks
beruhen auf grosser Flüchtigkeit. Alle Quellen berichten über-
einstimmend, dass Darius den König Perus von Indien um
Hilfe angegangen habe. PsK H 11 "E-^px^s Ik xat Dcopco -rio
^xzChii Töiv 'IvBwv, 5£5;x£V5; ^zrfizix^ tjx^iv -izxp^ xjtoj, JV H, 11
Igitur ad Porum quoque scribil Dar ins petitque sibi auxilia
plurtma, — Hdp Scripsit et aliam litteram ad Porum regem
Indorum, ut sibi dignaretur auxilium impartire, • Woher die
Abweichung in M stammt, kann ich nicht ermitteln.
Vers 2256—2451 ^2789— 3051). Für die Wichtigkeit dieser
Partie bei der Frage nach den Quellen beweist Harczyk S. 162 f.
kein Verständnis; auch S. 147 f., wo er die Verse 2825 — 2859,
besonders 2^51 f. (W) hätte erwähnen müssen, nicht ein
Wort. Alexanders Traum wird berichtet, es erscheint ihm ein
* Auch in Hartliebs Verdeatachung: damaeh schrib aher der gra»9 Icünig
Darifu dtm künig Poro in ludia da» er im ze hUjf Icem. VgL Midielant
255, 7 (L
Di« Basier Bearbeitung tob Lambrechta Alexander. 105
man in allen dem gebere als er sin vater were, nun äussert M
wieder seine sittliche Entrüstung über der leien spot, welche
den Vater Alexanders einen Gott sein lassen, die Rede aber,
welche eben der Mann hält, hebt ausdrücklich hervor:
ich wil dir Idzen werden schin
daz ih ein gwaldich got bin.
PsK n 13 . . 'AX^^ovSpo^ . . . 5pa xaO' i>:r/ou<; tov "ApLfJLcova ev fr/ii[LCKr:i
'EffjLsu auTio zapecjTWTa, . . XrfOVTa «utw *Texvov 'AXi^avBps, Sie xatpo?
izv. 3or;0£{aq, cu|jL7:ap£ijjL( cot . . . JV II 13 somniatque sibi deum
Ammonem adstitisse omnem habitum, quo deum Mercurium pingi
visisset, sibimet porrigentem cum his mandatis: ,En tibi, fili
Alexander , adsum in tempore^ . . . Hdp Eadem vero nocte ap-
paj-uit Alexandra Mercurius , . . dicensque Uli: ,Fili Alexan-
der cum opus tibi fuerit semper in adiutorio tibi astabo^.
Diese Stelle ist wohl verderbt und nach Ekkeh. 66, 71 f. zu
corrigieren, wo es heisst : dormiens autem, vidit in somno Ham-
monem deum in forma Hermi . . . aibique dicenteni: ,Fili Alexander ^
quando necesse est culiutorium, paratus sum nunciare tibi^. Schon
aus diesen Sätzen ergibt sich, dass M den gemeinen Text
aufnahm, ohne auch nur den Versuch zu machen, ob die
Ueberlieferung und seine specielle Auffassung nicht vielleicht
in Einklang gebracht werden könnten. M ändert an der Rede,
wie sie von allen Quellen überliefert wird, ^ die wenigen Worte,
aufdie es ankam, nicht, sondern gibt nur seine widersprechende
Ansicht wie in einer Anmerkung. Dies Verhältnis ist höchst
auffallend, entweder fand sich der Widerspruch schon in A vor,
oder er entstand dadurch, dass M seine deutsche und latei-
nische Vorlage in Einklang zu bringen suchte; denn es muss
als ausgemacht hingestellt werden, dass die Aenderungen,
welche M vornahm, nicht bloss formalen Gründen ihren Ur-
sprung zu danken haben, die Discrepanz von V und M, was
die Benutzung der Quellen anlangt, ist nur aus einer Revision
des Thatsächlichen im Hinblick auf eine bestimmte Quelle zu
erklären. Gegen die zweite Möglichkeit lässt sich jedoch
Manches einwenden: 1. Der Umstand, dass schon zweimal für
A ein Widerspruch ähnlicher Art constatiert werden musste,
vgl. Harczyk S. 146 — 148. 2. Der Umstand, dass M durchaus
> Wohl zuf&llig blieb bei Hartlieb das Motiv des Traumes ganz fort
106 Werner.
keine von den Quellen ganz genau wiedergibt, weil der überein-
Btimmend überlieferte Zug fehlt, Ammon sei in der Gestalt
des Mercurius erschienen und habe Alexander beauftragt, in
derselben Tracht zu Darius zu gehen : PsK 11 13 . . ev (r/rfn^an
'EppLOu . . Ix^vra XTjpuxtov xal x^afxuSa xat ^aßSov xal MontfiBovixbv
xiXtov ext T^v xe^aX^v ourou . . . cu Be amoq y^vou är^^Bkoq xat icopsjou
avaXaßa)v Tb o^^pia oxep iytvf 6pa; (xe und weiter bei der Ankunft
im Lager des Darius 11 14 xai ol exet fpoupapxoi Oeaaafjievot outov
ev to6tci) ff^^T^^ixaii urcevöoüv Oebv auxbv eTvat. JV II 13 . . videlicet hoc
omni hahitu adomatus quem nunc a me tibi offerri considercu , . .
II 14: Jamque aderat Alexander et habitum illum pompamque regiae
magnificentiae mirabatur, Denique non absque ea dvbitaJtione egit
utrumne adorandus sibi idem rex foret, ita omni cultu tum capitis
tum vestitusy sceptro etiam et indumentis pedum magnrßce adoma-
batur. Aderantque et satellitum millia stupore barbartco regem
suum ut deum praesentissimum demirati, Hdp Mercurius portam
clamidem ac vestem Macedonicam . . . volo enim ut induas figuram
meam .... audientes eum Ferse non modicum in figura dm-
obstupueruntj existimantes illum deum esse. Ebenso Ekkeh.
M sagt aber bei Alexanders Ankunft im Lager des Darius:
jene sprächen [die Perser]; ^wer ist deref er glichet sere einem
gote^. Auch B erwähnt den Auftrag Ammons nicht, dagegen die
Frage der Perser wie M, daher ist zu entnehmen, beides sei
aus A in M und B herübergenommen. 3. Endlich ist der
Umstand geltend zu machen, dass selbst in B ein Ueberrest
der einschränkenden Anmerkung stehen blieb, wenn es ohne
Zusammenhang Vers 2297 heisst: (ich bin ein höcher got) dis
ist der legen spot wie M 2832 (W). Darum ist nicht zu zweifeln,
dass schon in A die Einleitung zu der Rede und diese selbst
gestanden haben, und dass M wegen der in der deutschen Vor-
lage vorhandenen Uebereinstimmung mit der Hdp nicht änderte.
Bei der Beschreibung des Flusses Stranga findet sich
wieder nähere Berührung zwischen A und Hdp (und PsK);
während JV von ihm behauptet plerumque ex vehementia
nivium adeo stringitur et congelascitj ut instar saxi viabilem
sese transeuntibus viris, carris etiam quam onustissimis praebeat.
Atque ex hoc ingenio sui etiam tunc gradabilis ftät, sagt Leo
von ihm hyemali et vernali tempore tota nocte coagulatus existit*
Mane vero cum calet sol dissoluitur et cursu tarn rapido ßtut vi
Die Basier Bearbeitung von Lambrechte Alezander. 107
91 quis ingrßssus fuerit velocüate fluuii rapiatur ^ und PbK IE 14
ebenso. M der flüzit allen den tack unde irfrüsit inne der naht
daz man dar ubir mohte riten. B der fliusset den tag mit macht
und gefriuret die nacht daz man es mag gernten,
Alexander kommt zu Darius, wird fUr einen Gott ge-
halten nnd richtet barsch seine Botschaft ans. Der hieraus
entstehende Dialog weicht in M von B und den QueUen ab,
es fehlt folgender Zug: PsE IE 14, jedoch nur in Cod. A
AapeTo^ sT-sce * MtJ ti 9l> AXe^avSpo^ ; o&ccoi; fop [w:a Opoeaoui; \loi 8ia-
kt^tiq' oux üx; ocf(tko^^ akV &^ «urb? exetvoq • JV II 14 Numnam
gwBso, tu ipse Alexander ades, gut adeo nihilum reverens nostri
eoufidentissime loqueris? Hdp An tu es Alexander, quum tanto
furore sermonem tuum promulgasy guia vt video nan vt nuncttts
sed vt rex superba promittis. Ebenso Ekk. B und teerest du
joch selber Alexander^ es wer genuog unmessenkltch, daz du so
redest vor dem rieh.
Das Gastmahl des Darius, Alexander behält die Becher
B dis det er durch den list, wände er wol wist daz tfin diener
vil bereit wurden durch die gttekeity in sinen hof ze rtten. Davon
nichts in M und den Quellen, nur Hdp fugt etwas Aehnliches
an Perse vero qui sedebant in conuiuio ad inutcem dicebant : Jbta
consuetudo laudabilis et bona est etc. vgl. auch Ekk. 67, 25 und
D 29^ f. Der Schluss dieser Scene ist in B geändert, Alexander
nimmt Abschied und reitet ungehindert von dannen. In den
Quellen findet sich keine Analogie. — Das Beispiel aus der
Thierwelt bieten MB, Hdp, Ekkeh. und PsK, dagegen fehlt
es bei JV (Harczyk 163).
Vers 2452—2574 (3052-3266). Die Schlacht, Alexander
besteigt den Bucephalus, es wird furchtbar gekämpft da was
daz feit vil breit mit den t6ten ubirspreit (Hdp . . . «^ totus campus
ex semivivis et mortuis vestiretur, fehlt B ^ und JV). Die Perser
fliehen über den Stranga, dessen Eisdecke bricht, so dass die
Meisten ertrinken; als man die Toten zählte, zvei hundirt
fUtunt der was, der nie nehein ne^gnas, dn di, di in dem Sträge
ouh vertrunken lägen, der ne mohte man neheine zale gescriben
noch gesagen wale (ähnlich B), Hdp In hoc siquidem proelio
^ Aehnlich Ekkeh.
' Die Stellen sind wichtig, vgl. oben.
108 Werner.
mortui sunt ex Persis trecenta milia honünum, exceptis his quos
profunditas fluvü svffocavit (fehlt PsK, JV und Ekk.). Das
ganze Land beklagt die Gefallenen (die schöne Stelle in M
fehlt B so wie den Quellen), Darius verzweifelt: M. fortuna dt
tat 80 getan . . etc. (ähnlich B nur verBtümmelt) JV II 16 (vgl.
PsK II 16 1^ Y^P "^^ ßpox^tav eav Xaßt) ^owrjv ^j Touq Toweivob^
u?;£pivü) Tuv ve^eXaiv avaßtßal^et 9l xou^ a^' utj/cu«; £t{ 2I690V xotoy&i)
Profecto ntUli est hominum rata vel stahilita foi^tutia, quae si
parvam inclinationem stattis sui nacta sit in contrarium protimis
restdtare et quoaque de culmine ad profundaa tenebras wrgere.
(In der Hdp und bei Ekk. fehlt diese Erwähnung der Fortuna.)
Vers 2575—2646 (3267—3370). M stimmt mit der Hdp
näher, abweichend ist nur: Hdp erwähnt eine Versammlung
(wie JV) und nennt als Redner Parmerion (wie JV), beides
fehlt in M. Was dagegen B mehr als M bietet, ist eigene
Erfindung, wenigstens hat es in den Quellen keine Gewähr.
Vgl. Vers 2616.
Vers 2648-2679 (3371-3430). B kürzte. M do gebot er
den sinen, daz ai brechen den palas, PsK iixTJptl^sffOai, JV iniecfx)
igni concremariy Hdp succendi, B daz sy brenten den palas. In
M und B wird er zur Zurücknahme dieses Befehls durch die
Bitten seiner Soldaten bewogen, dagegen PsK (xsTavoi^oa«;, JV
per poenitentiamy Hdp poenitentia ductus. Die Uebereinstimmung
von MB mit Hdp sonst in die Äugen springend; die Aende-
rungen und Auslassungen von B sind willkührliche.
Vers 2680-2730 (3431-3534). Der von M und B über-
lieferte Brief des Königs Porus an Darius findet sich nicht in
den Quellen.
Vers 2731 — 2890 (3535—3904). Die Ermordung des
Königs Darius durch die beiden Satrapen; Darius ist allein
auf dem Saale (MB, JV, fehlt Hdp), er spricht zu den Mördern
(MB, PsK, Hdp, fehlt JV), diese verbergen ihre Waffen, stellen
sich unschuldig und beklagen den Tod des Königs (M, fehlt
PsK, JV, Hdp, B), endlich verbergen sie sich selbst (M, Hdp,
fehlt B, PsK, JV).
Alexander erfahrt diese Vorgänge und geht über den
Stranga (fehlt B), betritt die Stadt ungehindert. — B schaltet
ein die inren wurden unfro, si bereitten sich do daz si Alexander
in Hessen, ob er in verhiesse daz si sotten fii.de hdn, Aehnlich
Die Basier Beerbeitang von LembrechU Alexander. 109
Hdp Perae autem videiites eum apemerunt ei portas civitatis
et eum hanorifice recepenint — Alexander kommt zu Darius.
— Die unpassende Beschreibung des Palastes in Hdp fehlt in
MB, wie bei den andern sogar Ekk. — Die Reden, Darius
wird begraben.
Proclamation an das Volk, Bestrafung der Mörder, was
in Hdp vorbeigeht ist elender Zusatz. Alexander yerspricht
den Mördern, sie nach Gebühr zu belohnen (so in den Quellen,
MB machen daraus positive Angaben, wodurch Alexander in
den Schein der Wortbrüchigkeit kommt, den er in M auch
ausdrücklich aber ungeschickt von sich abzulenken sucht; dies
liess B fort). Alexander lässt sie ergreifen, zu Darius' Grab
schleppen (B, Hdp, PsK, fehlt M, JV) und dort tödten (kreuzigen
PsK, JV, M, köpfen Hdp, lebendig begraben, Begründung B.
Dieser Zug nur in B).
Die Vermählung Alexanders mit Roxane (MB stimmen
mit Hdp, nur fehlt der Zug, dass die Perser dem Könige gött-
liche Verehrung leisten wollen). Die Hereinziehung von Salo-
mons Reichthum etc. liess B im Anschlüsse an die Quellen und
seiner Abneigung gegen biblische Reminiscenzen folgend, ein-
fach weg.
Vers 2891—3246 (3905-4608). MB ziehen die beiden
Schlachten gegen Porus in dine zusammen. Kleine Abweichun-
gen zwischen M und B in Bezug auf Hdp vgl. Vers 2929.
2988. 3123. 3135. 3136. 3163. B hat eigene Zusätze z. B.
Vers 3099 — 3122 und ist einigemale von M sehr stark verschie-
den, ohne dass besondere Uebereinstimmung mit ^iner Quelle
zu bemerken wäre.
Alexander erhält durch einen Brief die Nachricht, König
Porus von Indien komme Dario zu Hilfe (MB, fehlt bei den
andeiii). Alexander spricht zu den Seinen (B, fehlt M und den
Quellen), zieht nach Indien, die Soldaten murren, das erfährt
Alexander und lässt sie vor sich kommen ; stellt auf ^ine Seite
die Griechen, auf die andere die Perser (B Hdp, fehlt M PsK J V) ;
seine Rede; die Soldaten schämen sich und werden roth, sie
schwören ihm, immer zu folgen (MB Hdp, fehlt PsK JV);
Brief des Porus (nähere Verwandtschaft zwischen MB Hdp),
Alexander ermahnt seine Leute (B kürzte gegenüber M Hdp
JV PsK); die Antwort Alexanders (Hundebeilen MB, fehlt den
110 Werner.
übrigen); Poms rüstet sich (die Beschreibung der Elephanten
findet sich nur in M — vgl. die Anm. Harczyks S. 164 —
B schliesst sich den Quellen an und lässt sie fort); die
Schlacht: die Elephanten werden durch glühende Statuen in
die . Flucht getrieben (B kürzt unsinnig, zerstört Sinn und
Zusammenhang); Perus und Alexander sprechen zu ihrer Mann-
schaft, Perus sogar zweimal (davon nichts in den Quellen^
B gibt von der zweiten Ansprache kaum ein Gerippe), der
Kampf dauert zwanzig Tage (B und die Quellen, vgl. Zacher^
PsK 144, drei Tage M), Alexander und die Seinen nehmen
den grössten Schaden (MB. In der Hdp fliehen die Inder^
Alexander erobert ipmm civitatem Port, schreibt an Talifrida,
die Königin der Amazonen, diese antwortet, Alexander schreibt
nochmals, ^ dann zieht er gegen Perus durch wasserlose Gegen-
den, alle leiden Durst, ein Soldat, Namens Zephir, bringt ihm
Wasser, 2 Alexander lässt es jedoch ausschütten, weil er mit
ihnen alles ertragen wolle; andere Reiseabenteuer, Alexander
muntert die Seinen auf, neue Abenteuer, zweite Schlacht mit
Porus; von alledem in MB und den übrigen Quellen, auch £kk.
nichts) ; Vorschlag zum Zweikampfe (ausgehend von Alexander
MB PsK JV Ekk., von Porus Hdp), dieser erfolgt, Porus wird
erschlagen. (B stimmt näher zu Hdp als M, von dem es sehr
stark abweicht.) Gegen die Verabredung beginnen die Inder
von Neuem zu kämpfen (von ihren Führern au%estachelt B,
fehlt M und den Quellen), doch werden sie durch Alexanders
Rede besänftigt (B und die Quellen. M fügt neuerliches Schlacht-
detail und endliche Besiegung der Inder durch Alexander an),
schliesslich wird Friede, die Inder begraben ihren gefallenen
König (MB Hdp PsK, fehlt JV) und bringen die Verwundeten
fort (MB, fehlt den Quellen). »
Hiemit endet der historisch strengere Theil und die Er-
zählung wendet sich nun den sagenhaften Begebenheiten zu;
Reiseabenteuer, Anekdoten und geographische Märchen, wie
sie vom Alterthume ab durch das ganze Mittelalter hindurch
1 Vg^L Zacher a. a. O. S. 165 f.
< Faat wie in Schillers Räubern.
» leb war auch hier ausführüch, um den Satz Harczyks S. 163 «u wider-
IcCieii, ^ Erzählung stimmt zu der des Lib'.
DU Basier B«arb«itiuf tob Lambrechts Alexander. 111
beliebt waren und als wissenschaftlich beglaubigt galten^ sind
der Inhalt.
Hiemit endet aber zugleich auch die yerhältnismässige
Klarheit der antiken Ueberlieferung und mit den Erzählungen
wird auch die Anordnung der einzelnen Begebenheiten immer
bunter. Keine von den Darstellungen stimmt mit der andern
in der Abfolge der Scenen und Motive und darum ist es ein
Haupt- oder fast der einzige Beweis fUr die Zusammengehörig-
keit von M und B, so weit sie auch im Wortlaute auseinander
gehen y dass sie bis zu äinem gewissen Punkte (Vers 4240)
übereinstimmenden Gang der Erzählung aufweisen.
Wir wenden uns zu Cap. IV. in (der mehr sagenhafte Theil)
2. in M und B^ resp. B allein.
Vers 3247—3329 (4609—4736). Ueber diese Stelle ist oben
(S. 80) Einiges gegen Harczyk angemerkt. — Die zweite von
Harczyk geltend gemachte Parallele zwischen M und Hdp
(PsE) ist richtig; in B jedoch fehlt die ganze Rede, aber nicht
in Uebereinstimmung mit JV. — Diese Scene folgt in MB,
PsK, JV und Hdp auf die Besiegung des Königs Perus, nur
Ekkehard fügt einen Brief an Aristoteles über den Kampf mit
den Indem ein.
Vers 3330—3984 (4753—6437). Alexander berichtet seine
weiteren Erlebnisse selbst in einem Briefe an Olympias und
Aristoteles. B fallt jedoch schon von Vers 4069 ab wieder
in die gewöhnliche Erzählungsweise, es spricht nicht mehr
Alexander, sondern der Dichter. Ferner ist in der Einleitung
zu dem Briefe von B zwar gesagt (3337 ff.) daz hies er alles
»ckriben und det daz Aner muoter kunt und Anem meister an dei*
9tunt, Aristotiles was sin nam'^ allein die Anrede geht nur an
den Letzteren, so viel ist trotz der verderbten Ueberlieferung
sicher; B stimmt also mit den Quellen in diesem öinen Punkte,
während es zugleich die Einrichtung von A erkennen lässt.
Vers 3349—3401 (4775—4885). Der Fluss mit bitterem
Wasser bleibt in B fort, ^ dagegen stimmt B zu M in dem
Namen der Stadt, zu welcher Alexanders Soldaten schwimmen
1 Zacher PsK S. 162.
112 Weraer.
wollen, in den Quellen ist der Name nicht genannt. Das Wei-
tere stimmt bis 3379 (W 4824)^ nun fehlen in B gegenüber
Hdp und M : die »eorpiones, leicen, eher, defande, alangen. Erst
(W 4853) die teufelähnlichen Leute werden wieder gemeinsam
erwähnt. Dabei weisen M und B scheinbar einen gemeinsamen
Fehler auf: nach Vers 4859 (W) blieb die Reimzeile aus.
lanc waren in di zande. B lange waren in die zent
harte müweten st min here si daiten vns angst mit
grossem leit
4 mit speren ioh mit scozzen die vertriben wir mit schos.
B jedoch bringt abgeschlossenen Sinn, überliefert das vertriben
Vers 4. Dadurch wird evident, dass nicht ein gemeinsamer
Fehler vorliegt, sondern dass B in seiner Weise die Stelle der
prosaischen Erzählung nahe brachte. — Das schreckliche Thier
(Odotyrranus) erwähnt B wie M; die in Hdp fehlende Be-
schreibung, welche M gibt, findet sich auch in B nicht vor.
Vers 3402—3412 (4886—4902). Füchse in B wie in M.
Dann sagt B * fliegende swalben kamen dar gar gros als duben.
Hdp Volabant ibi et vespertiliones tarn magni ut columbae.
Während es in M heisst: fliegen wir sägen alse tüben unde
ledersvalen. Ich glaube, dieser verderbten Stelle ist leicht ab-
geholfen^ man braucht nur im Hinblicke auf B zu lesen:
vliegende wir sägen
sd groz als tüben ledersvalen.
Dies erscheint mir wahrscheinlicher, als Harczyks unlogische
und gekünstelte Erklärung. Er sagt S. 166 wörtlich: ,In den
nächsten Zeilen zeigt sich im deutschen Qedicht grosser Unsinn,
hervorgegangen aus Misverständnis der lateinischen Ueber-
lieferung', und meint, das volabant der Hdp sei mit vliegen
übersetzt, und dann in vliegen (Subst.) misverstanden worden. -
Dies Hesse sich ganz wohl erklären. Wie soll aber Alberich
von Besan9on zu seinem Irrthum kommen, er sprach doch nicht
deutsch ; trotzdem sagt Harczyk : ,wohl möglich, dass schon A.
von Besan9on jene sonderbaren Insecten so beschrieb, wie wir
sie bei Lamprecht finden^ ; er schliesst dies aus dem spanischen
» Vgl. Harczyk S. 166.
3 So verstehe ich seine Ausführung.
Die Basler Bearbeitan; von Lambrechts Alexander. 113
Gedichte des Juan Lorenzo Segura Str. 2008. Bei ihm steht
7no9C(M (Fliegen); wie kommt er aber zu diesem Misverständ-
nisse? und was beweist es? ich halte den Rückschluss von
Segura auf Alberich nicht für erlaubt, da Lambert li Tors
nichts von den Fliegen erwähnt und doch gewiss auch das
Gedicht Alberichs kannte.
Vers 3413—3443 (4904—4945). Abenteuer mit den Riesen.
Die Zahlenangaben lauten verschieden, sehs hundrit, davon
werden ßer unde drizic erschlagen, von Alexanders Leuten
bleiben vier unde zwenzic (M), in B sechshundei^t — vier und
drissig — ackzig, in Hdp fallen sexingentos et triginta quat-
tuor (sie), von Alexanders Soldaten centumtriginta aeptem,
Vers 3444—3474 (4946-4989). B stimmt mit M, dem
es auch in der von Hdp völlig abweichenden Anordnung folgt, *
nur kürzte B so, dass die Verse ganz verwischt wurden.
Vers 3475—3482 (4990-5003). Von diesem Abschnitte
gilt dasselbe. 2 — Die in M folgende duftige Erzählung von
den Mädchenblumen, welche sich bekanntlich nur im I^ambert
li Tors findet, nicht in den anderen Quellen, fehlt in B gänzlich.
B folgte dabei der gemeinen Ueberlieferung und seine Dar-
stellung wurde dadurch der poetischesten Scene beraubt.'^
Vers 3483—3504 (5206—5257). B kürzte unsinnig, so dass
eine Stelle nur durch Vergleichung mit M verständlich wird.
Vers 3505—3544 (5258—5319). Alexander kommt zu
einem Berg, den er besteigt; in M heisst es üf den betx quam
ih gemni, in der Hdp et assumptis xij. principibus stiis gradatim
superiora montis ascendit, während B ausdrücklich erwähnt die
minen aUe verbdren den ufgnngy denn ich alleine. Ob dies auf
einer anderen Quelle beruht, oder nur gleichsam eine Bestäti-
gung von M (A) gegenüber Hdp enthalten soll, kann ich nicht
bestimmen.
Vers 3545—3560 (5320^5336) und 3561— 3576 (5337 bis
5359) stimmen in MB Hdp, nur findet sich eine^ Abweichung in
der Zahlenangabe; nach M und der Hdp giengen bei der
^ Vgl. Harczyk S. 167.
^ Vera 3476 weicht B von M und den Quellen ab.
' Dieselbe wnrde nenlich von Richard Wagner komiRch gfcnug mit der
Gralsage verqaickt in seinem ,Parsifal. Ein Bühnenweih-FestspieP.
Sitiungsber. d. pbil.-hlst. Ol. XCIII. Bd. I. Hfl. 8
114 Werner.
Schwimmtour zvencich (yiginti), nach B aber inerzig Soldaten
zu Grunde.
Vers 3577—3636 (5360—5447). Alexander und Candace.
Sie hat nach MB zwei, nach Hdp, D, Ekk. und JV drei Söhne,
bei PsK fehlt die Angabe. Beschreibung der Qeschenke; M
andirhalp hundrith more^ di häten lange 8ren, Hdp bietet
keine Parallele und PsK wie JV III 18 sprechen nur von
noch nicht mannbaren Aethyopiern. Ich halte die Lesart von B
für entschieden richtiger anderhalb hundert moeren, hätten
guldin ring in den oren.
Vers 3637—3750 (5448—5626). MB stimmen im Ganzen
und Grossen ilberein. Ueber die Quellen vgl. man Harczyk
S. 170 f.
Vers 3750—3772 (5627—5681). B ist kürzer als M und
die Hdp, es blieben weg die eialichen Thiere, die trachen,
alangen, äffen, mere katzin und das gefugele,
Vers 3773—3794 (5682—5736). Die von Harczyk hervor-
gehobene Uebereinstimmung mit der Hdp fällt fiir B fort.
Vers 3795- 3908 (5737—6108). Auch in B wird Alexander
beim Empfange von der Königin geküsst. Diese Ueberein-
stimmung mit der Epit. ist gewiss eine zufallige, ^ man erinnere
sich nur der gewöhnlichen Empfangsfeierlichkeiten. ^ — Be-
schreibung des Pallastes. B gibt kaum eine dürftige Aufzählung
der Einschnitte, welche in der Erzählung durch den Fortschritt
der Handlung hervorgebracht werden. Es heisst z. B. Vers 3815 flf.
. . fürtte sy mich drat in ein schone keniinat. da nojch wist mich
die kiingin ze der dritten keminaten in. da nach fürtte sy mich
do in ein keminatten hoch. Dies steht ganz ähnlich in M, das
aber von jeder neuen kemendte auch eine neue Eigenschaft
zu berichten weiss. Di frowe leitte mich do in eine andre
kemeiiaten . . . do leitte mich die kuningin di dritte kemenaten
in . , , da leitte si mich dannen in eine kemenaten ho. B wird
bis zum Ekel trocken. Das Folgende ist genauer über-
liefert und übei; die üppige Liebesscene leicht hinweggegangen :
do spi'ach si an den stunden, daz si vil gerne tcete, wes ich si
büßte, des fuorcht ich mich sinnen, daz ich si solte minnen. si
^ Harczyk 8. 171.
2 Vgl. Weinhold Frauen 8. 392.
Die Basier Bearbeitang von Lanibreehts Alexander. 115
tprach jfiun bist du min'. Ob darin eine Anlehnung an die
Quellen oder die schon einmal hervorgehobene Keuschheit der
Darstellung zu erkennen sei, lässt sich nicht entscheiden.
Wahrscheinlicher ist mir das Letztere.
Vers 3909—3984 (6109-6243). B stimmt mit M, nur der
Abschied ist etwas abweichend dargestellt. Die in M folgende
Scene zwischen Alexander und Candace, resp. ihren Göttern
(Vf 6244—6310) fehlt in B, das sich immer mehr von M entfernt
Vers 3985—4081 (6311—6437). Alexander und die Ama-
zonen. Mit Ausnahme kleinerer Unterschiede (z. B. Vers 4013)
stimmt die Erzählung in M und B. Hierauf folgt in B
Vers 4082 — 4130. Alexander zieht nach Babüony und
bleibt daselbst bis an sin ddttes vart. Er schreibt seiner Mutter
nnd seinem meister Aristoteles über seine letzten Siege. Ari-
stoteles antwortet mit einem Segenswunsche. Dann wendet sich
Alexander gegen Og und Magog, welche in Paran sassen und
vermauert sie in einem Gebirge daz an die Pigine sfosL Leo
sagt, aber in anderem Zusammenhange als B : ^ inde amoto
exerdiu venit in Babylonem quam svo imperio coartavit et occiso
rege Babylonis et Nabuzardon praefecto suo ibidem statuta usque
ad diem obitus sui ibidem per septem menses in pace moratus.
Statimque scripsit epistolam Olimpiae matri suae et Amstoteli
praeeeptori stio de proeliis et angustiis quas in India perpessus
ett, necnon et de multis certaminibus quae cum bestiis et monstris
txercuit, Aristoteles itaque rescripsit ei epistolam ita continentemj
nun folgt der Brief selbst, der aber keine wörtlichen Ueber-
einstimmungen mit B enthält. Anders ist der Zusammenhang
in der Darstellung des Julius Valerius.^ Nach dem Verkehre
mit den Amazonen wendet sich Alexander (III 27) nach Pra-
siaea, empfangt dann einen Brief von Aristoteles^ zieht nach
Babjlon, in qua susceptus honoratissim^ , et sacHficia diis im-
mortalibus repraesentat j et certamen gymnasticum concelebrat:
atque inde iam pacificum iter coeptans hisce litteris ad Olympia-
dem matrem suam scribit Also der Unterschied zwischen B und
JV sehr gross. In den verschiedenen Fassungen des PsK be-
ginnt der Brief an Olympias unmittelbar nach der Erzählung
^ Vgl Zacher PsK S. 167.
' Vgl. Zacher a. a. O. 166 f.
8*
116 Werner.
von den Amazonen, • jedoch fehlen die Zwischenglieder. In
der Chronik des Ekkehard findet sich — wie bei Leo —
der Bericht über die Amazonen vor der Scene mit Zephilus
(Hdp Zephir, vgl. oben), welcher Wasser bringt, jedoch nach
den Begebenheiten mit Candace, von dem andern nur Spuren.
Das Verhältnis stellt sich nun folgendermassen :
PsK: Amazonen — — —
JV: Amazonen — Prasiaca — Brief an Aristoteles — Babylon
Hdp: — — — Babylon
B: Amazonen — — Babylon
M: Amazonen — — —
PsK: Brief an Olympias. — —
JV: Brief an Olympias. — —
Hdp: Brief an Olympias und Arist. — Antwort von Arist.
B: Brief an Olympias und Arist. — Antwort von Arist.
M: Schlussformel des ersten Briefes an Olympias u. Arist.
In B folgt dann die Besiegung der beiden Völkerschaften
Qog und Magog.^ In anderem Zusammenhange findet sich diese
Scene auch in der Hdp, doch werden die duodecim reges auf-
geführt und über das Ganze rasch hinweggegangen. In der
jüngsten Gestalt des PsK (C) folgt die Erzählung von den sich
schliessenden Bergen auf das Zusammentreffen mit den Amazonen
und unter den zwei und zwanzig Königen werden ra>6 und
MocYwO an erster Stelle genannt.
Dass die Anordnung in B nicht die ursprüngliche sein
kann, ergibt der Widerspruch in den Versen 4086—4089 und
4108 ff. Es heisst: dd [in Bahüoity] bleib er mit gemach von
aller vrlieges sack bis an sin dottes vart. Doch det er ein her-
vart; es folgt der Zug gegen Gog und Magog, der ins Para-
dies etc.
Vers 4131-4246 (6438—7000). Der Zug nach der Quelle
des Lebens und was sich daran schliesst. B zeigt mit M kaum
noch hie und da in einem Verse einen directen Berührungs-
punkt und schliesslich bricht die Uebereinstimmung in beiden
» Zftcher a. a. O. S. 167 f.
* Vgl. Weiasmann II 408 dazu II S. v. Zacher a. a. O. S. 165 f. Vogel-
steins Dissertation ist mir Leider nicht zur Hand.
Die Basler Bearbeitung Ton Lambrechts Alexander. 117
gänzlich ab. Jedoch ist hervorzuheben, dass B diese Expedition
Alexanders erwähnt , trotzdem sie in der Hdp nicht steht,
sondern in einigen Fassungen des PsK ^ und dem selbständigen
Werke ,Alexandri Magni iter ad Paradisum' überliefert ist.
Nun berichtet B eine Reihe von Abenteuern, die sich in
M nicht finden, aber zum jüngeren Bestände der Alexander-
sagen gehören. ^
1. Vers 4247—4280 Alexanders Taucherfahrt, 2. Vers 4281
bis 4312 die Luftfahrt, 3. Vers 4313-4345 die Bäume der
Sonne und des Mondes. Diese Anordnung findet sich sonst nicht.
In dem Strassburger Drucke der Hdp, welchen ich benutzte,
and in D reihen sich folgende Begebenheiten an einander: a)Can-
dace b) die Götter in der Höhle (PsK IH, 24) c) wilde Thiere,
eine Völkerschaft bringt Geschenke, Meerweiber d) die zwölf
Könige, Gog und Magog (PsK III, 29. Vgl. Zacher S. 165 f. 172)
e) Insel mit gidechisch redenden Stimmen (PsK II, 38. Zacher
S. 139) f) Luftfahrt g) Taucherfahrt h) verschiedene Aben-
teuer, von denen ich absehen kann i) Babylon etc. Die
Bäume der Sonne und des Mondes waren schon früher in ganz
anderer Verbindung erwähnt worden. Nach Zacher S. 133
bietet der Cod. Mon. 23489 folgenden Zusammenhang: a) Ama-
zonen ß) Luftfahrt y) Insel mit griechischen Stimmen 8) Taucher-
fahrt e) Vergiftung. Hartliebs Verdeutschung ordnet 2. 1., ebenso
Ekkeh. (70, 49flF.). Auch das Französische, dem 1. fehlt,
bringt andere Abfolge. Die Ueberlieferung 1. 2. haben nebst B,
die Leidner (L) und eine Pariser Hs. (C) des PsK,^ darum
darf sie wohl auch für Hdp angenommen werden.
1. Alexanders Taucherfahrt ; ^ zeigt mit den Quellen keine
Uebereinstimmung. Alexander gibt der liebsten seiner Freun-
dinnen die Kette zu halten, weil sie ihm treu zu sein verspricht^
sie wirft aber nach drei Tagen und drei Nächten, da ein Mann
um sie wirbt, die Kette in den back; Alexander wird nur ge-
rettet, weil er eine Katze tödtet, die er zugleich mit einem
Hund und einem Hahn in sein glas geschlossen hatte. In der
Hdp (ebenso in D und in Hartliebs sog. Eusebius) wird Alexander
> Zacher S. 133. 140 f.
3 Zacher S. 132.
3 Zacher 8. 133.
* Bekanntlich von Goethe Faoflt II (Hempel 13, 44) verwerthet.
118 Werner.
einfach wieder herausgezogen ; im PsK durch einen ungeheueren
Fisch dem Verderben nahe gebracht, schliesslich aber ans Land
geworfen. PsK II 38: Ippid^ev * auxbv ewt xijv &Qpav. B 4276: daz
mer sluog in an daz lant.
2. Alexanders Luftfahrt. Diese schliesst in PsK nicht direct
an 1., wohl aber sind in Hdp (D und Hartlieb) und Ekkehard
2. und 1. durch keine weitere Scene getrennt. Auch hier
geht B seiner eigenen Wege. Alexander lässt junge Greifen
aus dem Neste nehmen und sie aufziehen, jedesfalls damit sie
zahm werden, nach PsK sind die Vögel jener Gegend f^iLtpa •
ßXeTCovta Yotp to'J(; ovOptozou? oux £f eu^ov, nach Hartlieb gezempt,
Aehnliches wird von Hdp und D nicht hervorgehoben; ^ Alexander
lässt zwischen die Greifen einen Sessel binden und zwei Stangen ^
und Aas an die Stangen. So fährt er auf, eine Stimme warnt
ihn, er sieht unter sich einen huot : ez ist daz ertrich, er richtet
seine Fahrt zurück und kommt anderhalb hundert mü ferne
von den Seinen wieder auf die Erde, so dass er ein ganzes
Jahr gehen muss, bis er sein Heer findet. Das ist die Erzählung
in B. Anders Hdp tunc siquidem virtus divina obumbravit
griff ones, ut, dum crederent aUa peteve, ad terram infimam descen-
derunt in loco campestri longe ab exercitu 8uo itinere quindecim
dierum ; ^ die Darstellung des PsK ist B ähnlicher, auch hier
wird Alexander gewarnt, der Warner ist jedoch nicht eine
Stimme, sondern zsteivov av6p(i)7c6|jLop<j»ov, auch kommt er nur
sieben Tagereisen ^ weit von seinem Heere zu Thal. Die Erde
erscheint Alexandern im PsK und der Hdp (Ekk.) als Tenne,
um die sich ein Drache schlingt, in D 65* als ein agker mit
körne geseet, das Meer darum geiounden als ein kroner trache,
in Hartliebs modernerem Werke als Kugel, die immer grösser
wird, je mehr sich ihr Alexander nähert.
1 6 Ix^xi^'
2 Die Einleitungsscene fehlt in B gegen alle anderen. Alexander beeteigt
einen hohen Berg und wird dadurch erst auf den Gedanken gebracht, in
den Himmel zu steigen. Sollte Aehnliches für die Lücke nach Vers 4280
angenommen werden?
3 Sessel fehlt PsK, Hartlieb sagt curru«, D toayn, Lambert Zimmer mit
Fenstern (Weissmann II 3ö0), nur Ekk. 70, 51 aede*.
* Aehnlich Ekk, statt quindecim jedoch nur decenu Ebenso Hartlieb, der
sonst stark abweicht. D gibt Hdp unverändert wieder.
Die Bftsler Bearbeitung von LambreohU Alezander. 119
3. Alexander kommt zum Baum der Sonne und des
Mondes; der erste prophezeit ihm ze lande kunst du niemer
mer, der andere dir dtu>t dtn nechster kamercere mit grosser gifte
swiBre, Alexander seufzt und antwortet auf die erstaunte Frage
der Seinen, er sei nicht sicher, ob er schon Alles besiegt habe ;
hierauf kehrt er nach Babylon zurück. Mit Hdp ist B nur in
den allgemeinsten Zügen verwandt, auch PsK und JV können
nicht die directen Vorlagen von B gewesen sein, die Ab-
weichungen sind zu bedeutend, nur Vers 4313 er huob sich
selb zwelften dan, erinnert an die Aufzählung im PsK III 17 ^
süvfit^ov 3s Tobq 9{Xoü<; nap{ji.6v{b)va, KpaTepov, 'loXXav, MaxY;TT)v,
öpocuAEOvra, 0€oS£XTr)v, Arf^iXov, NeoxXijv, avBpa? la'. D 57^ zwölf.
Vers 4346 — 4389. Nun kehrt die Erzählung in B zu dem
Punkte zurück, wo sie von der Hdp abwich, um anschliessend
an M den Zug ins Paradies zu berichten und zwar setzt sie
mitten in den Begebenheiten ein. — Eine der Frauen Alexan-
ders gebiert ihm ein Kind, das bis zum Nabel tote mensch-
liche, von da an Thiergestalt hat, die allein lebt. Der meister
deutet dies auf Alexanders baldigen Untergang, wodurch
Alexander tief betrübt wird. Er betet zu Jupitter. Dies Alles
ist wörtliche Uebersetzung aus der Hdp : cum itaque Alexander
in Bdbylone esset, peperit qucßdam mulier filium qui a capite
usqne ad umbilicum hominis similitudinem habere videbatur et
erat mortuus a capite usque ad umbilicum. Ad umbilico usque
ad pedes diversarum gerebat similitudinem bestiarum et erat
mvus etc. PsK und JV weichen ab. ^ Die Anrufung Juppiters
findet sich auch in Hdp und JV, doch zeigt nur B und Hdp
Uehereinstimmung : ich hat mir eins dinges erdächt, daz wolt
ich hdn vollbracht, ich wenne, es dir gevelle nicht, ach hocher got,
«ren daz geschieht . . . do nim mich zuo dir in din rieh. Hdp
(= D) decebat me amplius vivere ut possem adimplere magnalia [sie]
quae mens mea cogitavit. Sed quia tibi non placet ut ea per-
ficiamy rogo te ut me suscipias in subiectum. JV III 30 nur
pro bone Juppiter^ quam bona res est ignoratio metuendorum!
Vers 4390 — 4489. Alexander wird vergiftet. Antipater
kauft ein Gift, das nur in einem eisernen Gefasse zu halten
> Vgl. JV m 17 (sp. 124»»).
^ D hat die Erzfihlung, £kk. nicht, Hartlieb vollkommen verschieden.
120 Werner.
ist und schickt damit seinen Sohn Cassander zu Jobal, seinem
zweiten Sohn, er möge Alexander vergiften. Jobal^ ein Lieb-
ling des Königs, war gerade durch ihn gekränkt worden,
fuhrt daher den Auftrag bei einem Gastmahle aus und da
Alexander nach einer Feder verlangt, sich zum Brechen zu
reizen, reicht er ihm eine in Gift getauchte. Alexander lässt
sich in sein Schlafgemach bringen, unter dem der Einfrattes
fliesst. — Die Erzählung stimmt wieder wörtlich zur Hdp,
während PsK und JV zum Theile weit abliegen. Es genügt,
auf einzelne Details hinzuweisen. B zuo einem arzdt er do
gieng, er kouft vergift so gar unrein .... Hdp (= D) abüt
igitur Antipater ad medicum peritiamnum et emit ab eo potioneni
venenosam . . . ^ PsK III 31 . . ioxsOaae ^ipfjiaxov 8r|Xr|Ti(picv . .
JV III 31 . . . venenum Antipater laborat curiosum admodum
efficaxque . . . Ferner z. B. Hdp Alexander vero turbatus in-
gressus est cubiculum et quaesivit unam pennam ut mittens eam
in guttur suiim sumpta venena repelleret, Cassander vero caput
tanti mali pennam ei dedit eodem veneno linitam, Ipse vero
mittens in guttur suum ut vomeret, sed magis ac magis cepit
eum vene7ii sumptio coartare. Davon nichts in PsK und JV. *
B sagt : nun hies er im bringen dar ein vedren^ mit der er toolte
in die kelen grifen, do von solte von im brechen an der stunde
was boeses in im wer worden kunt, jobas das wol bedächte, vil
bald er(8) im prdchte ; die veder (er) mit der gift bestreich, dd von
Alexander entweich sin kraft imd al sin macht do er si in die
kelen stach(t) die gift brach in je me und je me.
Vers 4490—4534. Um Mitternacht erhebt sich Alexander
von seinem Lager und will sich in den Eufrat stürzen, wird
aber von Roxane zurückgehalten, die ihn wieder in sein Gemach
bringt und auffordert für ihr aller Heil zu sorgen. Alexander
lässt seinen obersten Schreiber Simeon kommen und dictiert
ihm sein Testament. — Auch hier übersetzt B die Hdp. Die
erste Scene überliefert die älteste Fassung des PsK, ^ in den
jüngeren und jüngsten ebensowenig eine Spur davon wie im
Werke des JV. Die Uebereinstimmung zwischen B und der
Hdp geht wieder bis auf Worte : B er lasch daz Hecht daz dd
» Fühlt Ekk., dessen Darstellung sonst Hdp sehr nahe steht.
2 Ekk. Btimmt nicht so genau wie Hdp.
» Zacher H. 173.
Die BMler Bearbeitung von Lambreelite Alezander. 121
bran Hdp candelabrum quod ante ipaam lucebat extinxit. Ein
grösserer Zusatz findet sieb, der interessant ist. Roxane sagt
zu Alexander: du soll herre gedenheuj wer im selber duot den
dot, daz der kunt in gtdsd ndt ^ Kürzlich hat Philipp Strauch
,Die Oflfenbarungen der Adeheid Langmann' QF. XXVI S. 117 f.
Einiges über den Selbstmord im Ma. zusammengetragen und
eine ausführliche Darstellung versprochen.^
Vers 4535 — 4592. Alexanders Testament. Der Anfang
stimmt in B und Hdp genau :3 Rogamus te, Aristoteles, caris-
mme magister noster, M ex thesauro nostro regali distribucts inter
sacerdotes ^gypti, qui teniplis deserviunty avri talenta mille . . .
custos corporis nostri et gubemator vestri Ptholemeus existat . .
. . Item dico vobis, ut, si Roxana genuerit masculum, nostro fun^
gatw imperio et nomen ei, quodcunque volueritis imponatis. Si
vero feminam genuerit^ eligant sibi Macedones regem^ ^ et sit ipse
rex et ipsa regina. Die weiteren Angaben differieren bei beiden
in der Anordnung, wie im Thatsächlichen.
Vers 4593 — 4599. . . . erdbidem und doner grSzy und vil
menig plix schdz. Alexanders Tod wird bekannt. Hdp . . subito
facta sunt tonitrua^ fulgura et terrae motus magni et tremuit tota
Babylonia. Tunc per universam terram promvlgatus est interitus
AUxandri.
Vers 4600 — 4650. Die Macedonier wollen ihren König
noch einmal sehen, Alexander spricht zu ihnen, sie erbitten
Perdica zum Herren ^ was ihnen gewährt wird; schliesslich
kü88t Alexander jeden einzeln auf den Mund. Die Erzählung
io B stimmt wie in der Anordnung so im Detail mit der Hdp
(D), während PsK — JV und Ekk haben nichts Entsprechendes
— grossentheils abweicht.
Vers 4651 — 4672. Ein Mann, Namens Spellius, spricht zu
Alexander^ woiüber dieser so erzürnt wird, dass er sich aufsetzt
^ In der KaiBerchronik 31, 17 heisst es ähnlich : swei' im selbe tuot den tot der
ut eunclicke uerdampnet, — Wigamur Vers 325 ff. tötet sich Lesbia selbst.
' Ich fand im deutschen Minnesang das Motiv des Selbstmordes nur Ein-
mal verwerthet (auch da nicht sicher) bei dem von Gliers (MSH I 103*)
dem tiefen si beviUhe ich e min houbet unt minen vuo% i ich der t>rou'wen
min ie mir guoten hulden enbcere^ mir wcere gar der l^p unffuere, gitot
unt alUzy dax ich hart.
3 Ekk. und die anderen weichen stark ab. D 73* f. übersetzt Hdp.
* Ebenso Ekk., der nfichste Satz fehlt
122 Werner. Die Basier Bearbeitung von Lambrechts Alezander.
und ihn schlägt, dazu sagt er einige betrübte Worte. — Der
Zusammenhang ist nicht klar. PsK gibt mit seiner karzen
Ausführung keinen Aufschluss und die Hdp wie D sind nicht
klarer als B^ der mit ihnen bis aufs Wort stimmt. In der Hdp
heisst der Macedonier Solenicus, in D Seleucus. B er ficht sich
üf daz er do saZy er gab im einen starkeji streich . . . Hdp Tunc
Alexander erexit se in lecto et sedit et sibimet alapatn dedit . . .
B in mecidonischer zunge er do sprach . . . Hdp . . . cepit . . . in
lüigua macedanica ita proferre,
Vers 4673—4696. Alexanders letzte Worte, sein Tod und
Begräbnis. B ist kürzer als die Hdp.
Vers 4697 — 4734. Schluss, Zusammenfassung. Ueber
Alexanders Gestalt, Alter etc. mit Anlehnung an die Hdp
Einiges erwähnt. Endlich Schlussformel.
Somit stehe auch ich am Schlüsse meiner Betrachtung.
Ich bezeichnete sie ausdrücklich als Einleitung zu B, daher sah
ich von den Beziehungen Lambrechts zu den gleichzeitigen
Werken ab, beiührte mit keinem Worte die vielen Ueberein-
stimmungen zwischen ihm und Heinrich von Veldegge^ ^ deren
Behandlung grosses Interesse darbieten würde : kurz ich wollte
nicht über Lambrecht, seine Persönlichkeit und seine Leistung,
sondern nur über die eine Bearbeitung seines Werkes sprechen.
Dass ich dabei Manches berühren musste, was auch für das
ganze Denkmal von Bedeutung ist, versteht sich von selbst und
wird hoffentlich nicht als Durchbrechen der selbst geschaffenen
Schranken angesehen werden.
Schliesslich erübrigt mir, den ' Bibliotheken von Basel,
Dresden, Graz, Salzbui^, Strassburg i. E. und Wien meinen
Dank auszudrücken.
Salzburg, Mai 1878.
[Während des Druckes erschien die Arbeit von Karl
Kinzel in der Zs. f. d. Phil. X 47 ff. Ueber ihr Verhältnis
zu meiner Untersuchung und über ihre Mängel muss ich an
anderem Orte ausführlicher handeln. Graz, Ende März 1879.J
» Vgl. Harczyk S. 29. Scherer QF. VII 60. Rediger Ana. 1 78. Lichten-
stein Zs. 21, 473 f. DernnficliBt werde ich n&her darauf eingehen.
m. SITZUNG VOM 22. JÄNNER 1879.
Von dem k. k. Militär-geographischen Institute werden
vierzig weitere Blätter der Specialkarte der österreichisch-
ungarischen Monarchie übersendet.
Herr Dr. Friedrich von Bärenbach in Strassburg widmet
mit Begleitschreiben sein eben erschienenes Werk: , Grundlegung
der kritischen Philosophie , I. TheiP für die akademische
Bibliothek.
Von Herrn Dr. Kohut in Fünfkirchen und Herrn Pro-
fessor Dr. Leo Reinisch in Wien werden die Pflichtexem-
plare der mit Unterstützung der k. Akademie erschienenen
Werke: ,Aruch-Lexikon* I. Band und die ,Nuba-Sprache* vor-
gelegt
124
Das w. M. Herr Dr. Pfiz maier übermittelt eine für die
Sitzungsberichte bestimmte Abhandlung: ^Ueber einige chine-
sische Schriftwerke des siebenten und achten Jahrhunderts
n. Chr.'
Herr Dr. Adalbert Horawitz, Docent an der Wiener
Universität, legt eine Abhandlung unter dem Titel: ^Briefe
des Claudius Cantiuncula und Ulrich Zasius' vor und ersucht
um deren Aufnahme in die Sitzungsberichte.
An DruokBohriften wurden vorgelegt:
Acad^mie rojale des Sciences, des Lettres et des Beaux-Arts de Belgiqae.
47« Ann6e, 2« Sine, Tome 46. Nr. 11. Bruxelles, 1878; 80.
— imperiale: Zapiski. I. et ü. Band. St.-P^tersbourg, 1878; 8». — Bericht
über die 19. Zuerkenuung des Uwarow'schen Preises. St.-P£tersbarg,
1878; 80.
Bärenbacb, Friedrich von: Prolegomena zu einer anthropologischen Philo-
Sophie. Leipzig, 1879; 8^.
Ecker, Alezander: Katalog der anthropologischen Sammlungen der Universität
Freiburg i. Br. III. Nach dem Stande vom 1. April 1878; 4^
Gesellschaft, Deutsche morgenUndische: Zeitschrift XXXII. Band, IV. Heft.
Leipzig, 1878; 8«.
— historische, des Künstlervereines: Bremisches Jahrbuch. X. Band, Bremen,
1878; 80.
Hamburg, Stadtbibliothek: Gelegenheits- Schriften pro 1877. 72 Stück. 4».
Handels- und Gewerbekammer in Wien: Bericht über den Handel, die
Industrie und die Verkehrsverhältnisse in Niederösterreich w&hrend des
Jahres 1877. Wien, 1878; S».
Jahrbuch, statistisches des k. k. Ackerbau-Ministeriums für 1877. lU. Heft.
IL Lieferung. Wien, 1878; 8».
Kohut, Dr.: Aruch completum. Tomus I. Viennae, 1878; 40.
125
MilitSr-^eographiflches Instituti k. k.: Zueendang von 40 BlMttem der
SpeeUlkarte der ÖBterr.-ongar. Monarchie. Fol.
Programme der Gymnasien and Realschnlen: Bistritz: IV. Jahresbericht
der Gewerbeschule. 1877/78. Bistritz, 1878; 8^. — Böhm.-Leipa: Pro-
gramme des k. k. Obergymnasiums 1878. Böhm.-Leipa, 1878; 8^'. —
Brixen: 28. Programm des k. k. Gymnasinms. Brixen, 1878; 8. —
Brunn: Deutsches Obergymnasium. 1878. BrÜnn; S\ Geschichte des
deutschen Staats - Obergymnasiums. Festschrift. Brünn, 1878; 8^. —
Czemowitz: Erster Yerwaltungsbericht der akademischen Lesehalle an der
Franz Josefs-Universitfit. Czemowitz, 1877; 8^ -- Eger: K. k. Staats-
Obergymnasium für das Jahr 1878; B\ — Eulenburg: Jahresbericht der
Forstschule. Cursus 1878/79. Obnütz, 1879; 80. — Fiume: K. Ober-
gymnasium 1877/78. Agram; 8^ — Hermannstadt: K. Obergymnaaium.
Hermannstadt, 1878; 8^. — Hermannstadt: Eyangelisches Gymnasium A. B.
1877/78. Hermannstadt, 1878; 4^ — Kaschau: Obergymnasium. Kaschau,
1878; 80. — Klausenburg: Kathol. Obergymnasium 1877/78. Klausen-
burg; 8«. — Leoben: IIL Jahresbericht 1877/78. Leoben, 1878; 8«. —
Leutschau: Königl. uugar. Staats - Oberrealschule. 1877/78. IX. Bz4m.
Leutschau, 1878; S^. — Marburg: K. k. Staatsgymnasium. 1878. Mar-
burg; 8^ — Mödling: Francisco- Josephinum. VIU. Jahresbericht 1877.
Wien, 1877; 8«. — Pressburg: Königl. kathol. Obergymnasium. 1877/78.
Pressburg, 1878; 8^. >> Reichenberg: IL Jahresbericht der k. k. Staats-
gewerbeschule. 1877/78. Reichenberg, 1878; 8^. — Roveredo: K. k. Staats-
Obergymnasium. 1877/78. Roveredo. 1878; 8^. — Saaz: K. k. Staats-
Obergymnasium. 1878. Saaz, 1878; 8^. — Schftssburg: Evang. Gymnasium.
1877/78. Schässburg, 1878; 4«. — Treoto: K. k. Obergymnasium. 1878.
Trento; 8^. — Trieste: Accademia di commercio e Nautica. 1878. Trieste,
1878; 8«. — Troppau: Staatsgymnasium 1877/78. Troppau; 80. — üng.-
Hradisch: K. k. Real- und Obergymnasium. 1877/78. Ung.-Hradisch; 8».
Wien: K. k. Technische Hochschule 1878/79. Wien, 1878; 4«. —
K. k. Akademisches Gymnasium, 1877/78. Wien, 1878; 8^. — Ober-
gymnasium zu den Schotten. 1878. Wien, 1878; S^, — Staats-Unter-
gymnasium in Hernais 1877/78. Wien, 1878; 80. — Wiener Handels-
Akademie. 1878. Wien, 1878; 80. — Leopoldstadt, k. k. Oberrealschule,
1877/78. Wien, 1878; 8«. — Leopoldstadt, k. k. Unterrealschule. 1877/78.
Wien, 1878; 8«. — ;^ Margarethen, k. k. Staats-Unterrealschule. 1877/78.
Wien, 1878; 8^. — Mariahilf, Communal-, Real- und Ober-Gymnasium.
1878. Wien, 1878; 80. — Wiener- Neustadt: Nieder-österr. Landes-Lehrer-
seminar, 1878. Wiener-Neustadt, 1878; 80. — Landes-Oberrealschule. 1878.
126
Wiener-NeusUdt. 1878; 8^ — Zara: K. k. Obergymnasinm. 1877/78.
Zara, 1878; 12».
Reinisch, Leo: Die Nuba-Sprache. I. und II. Theil. Grammatik and Texte.
Wien, 1879; 8«.
,Reyue politiqne et litt^raire' et ,Reviie sdentifique de la France et de
ritranger*. VIII« Ann6e, 2« Sirie, Nr. 29. Paria, 1879; 4«.
Pfizmaier. Chineiisclie Schriftwerke des 7. und 8. Jahrhunderts n. Chr. 127
Ueber einige chinesische Schriftwerke des siebenten
und achten Jahrhunderts n. Chr.
Ton
Dr. A. Pfizmaier,
wirkl. Mitgliede der k. Akademie der Wissenschaften.
An die Abhandlung: ,Die philosophischen Werke China's
in dem Zeitalter der Sung' sich anschliessend, bringt die vor-
liegende Arbeit Kunde von den in demselben Zeitalter verfassten
oder veröffentlichten Schriftwerken, welche, nachdem Ergän-
zungen zu den Werken über die Verwandlungen und den
Werken aus vermischten Häusern vorausgeschickt worden,
unter die folgenden acht Classen:
1. ^ ^ Schi-lui , Werke über das Buch der Gedichte',
2. jj^ ^ King-kiai ,Erklärungen der mustergiltigen
Bücher',
3. /J^ 1^ SiaO'hiÖ ,Werke des kleinens Lernens',
4. ^ ^ Nung-kia ,Werke über Landwirthschaft',
5. /J> ^ Siao'schie , Werke des kleinen Sprechens',
6. ^ ^ Thien-weii ,Werke über Sternkunde',
7. ^ ^Z.i-*ttan,Werke über Kalender und Rechenkunst',
8. ^ ^ Ping-schu ,Werke über Kriegskunst',
sich vertheilen.
Wo es möglich war, wurden in den Verzeichnissen An-
gaben über die Verfasser, den Zeitpunkt des Zustandekommens
und, sonstige nothwendige Bemerkungen hinzugefugt.
In Bezug auf die Einrichtung dieser Abhandlung werde
erwähnt, dass in zwei früheren Arbeiten des Verfassers
die grosse Anhäufung chinesischer Zeichen ein bedeutendes
Hindemiss der schnellen und mühelosen Drucklegung gewesen.
128 Pfiimai«r.
Zur Beseitigung einer solchen Anhäufung wurden daher auf
einer Zeile der Name des Verfassers mit chinesischen Zeichen,
auf der nächsten Zeile der chinesische Titel des Werkes,
gewöhnlich in romanischer Umschreibung, auf der dritten, und
wenn erforderlich, auf noch mehreren Zeilen die Uebersetzung
des Titels gegeben. Für die Umschreibung können, da die
Uebersetzung wortgetreu ist, die chinesischen Zeichen von dem
Kenner leicht errathen werden. Im entgegengesetzten Falle
wurden sie eingeschaltet.
Wo bei den Titeln der Verfasser nicht genannt wird,
ist der Name desselben unbekannt.
Za den Werken Aber die Terwandlnngen.
(^ §/i ^r Yin-hung-tao,
Ym-hung-tcto tscheu-yt sin-tschuen su.
Weitere Erklärungen der neuen Ueberlieferungen zu den
Verwandlungen der Tscheu. Von Yin-hung-tao. 10 Bücher.
M ^ ^ Si^'ßri'kuei.
Si^'jin-kuei tsheu-yi sin-tschü pen-i.
Die neu erklärten ursprünglichen Bedeutungen der Ver-
wandlungen der Tscheu. Von Si^-jin-kuei. 14 Bücher.
Siö-jin-kuei kommt unter den Heerführern zu den Zeiten
des Kaisers Kao-tsung vor.
3E ^ Wang-p6.
Wang-pÖ tscheu-yi fä-hoei.
Das zum Vorschein Gebrachte und Hervorgehobene der
Verwandlungen der Tscheu. Von Wang-pö. 5 Bücher.
Wang-pö wird auch unter den Dichtern der Zeiten der
Thang angeführt.
Kaiser Hiuen-tsung von Thang.
Hiuen-tsung tscheu-y^ ta-yen liln,
Erörterungen der grossen Ergiessung der Verwandlungen
der Tscheu. Von dem Kaiser Hiuen-tsung. 3 Bücher.
^ iW ^ Li-ting-tso.
lÄ-ting-Uo tst-tschü tscheu-yt.
Gesammelte Erklärungen der Verwandlungen der Tscheu.
Von Li-ting-tso. 17 Bücher.
Chinesifclie Schriftwerkt des 7. und . 8. Jahrhunderts n. Chr. 129
M M 9i Tung-htang-tsu.
Tung-hiang-tsu ttcheu^yi wi^siang scht-i.
Erklärung des Zweifelhaften der Dinge und Bilder der
Verwandlungen der Tscheu. Von Tung^hiang-tsu. 1 Buch.
^ — ff Seng^-hang.
Seng-yt'hang tscheu-yl lün.
Erörterungen der Verwandlungen der Tscheu. Von Seng-
yl-hang (dem Bonzen Yl-hang).
Die Zahl der Bücher dieses Werkes ist unbekannt.
Seng-yi'hang ta-yen hiuen-thu,
Himmelfarbene Abbildungen der grossen Ei^iessung. Von
Seng-yl-hang. 1 Buch.
Seng-yi-hang i-kiitS,
Entscheidungen über die Bedeutungen. Von Seng-yi-hang.
1 Buch.
Seng-yi-hang ta-yen lün.
Erörterungen der grossen Ergiessung. Von Seng-yl-hang.
20 Bücher.
-||[ Ä Ah Thsui'Hang-tso.
Thaui-liang-Uo iß wang-siang.
Die vergessenen Bilder der Verwandlungen. Von Thsui-
liang-tso.
Die Zahl der Bücher dieses Werkes ist unbekannt.
yf^ ^ Yuen-tsai.
Yuen-Uai tst-tschil tschet^yi.
Gesammelte Erklärungen der Verwandlungen der Tscheu.
Von Yuen-tsai. 100 Bücher.
^ t IS L^^'f-'
Li'ke-fu Uchii yt-hang-yt.
Die Erklärung einer Reihe von Verwandlungen. Von
Li-ke-fu.
Die Zahl der Bücher dieses Werkes ist unbekannt.
% jt 1^ Wei-yuen-rnng.
Wei-yuen-sung yuen-pao.
Ursprüngliche Umhüllungen. Von Wei-yuen-sung. lOBücher.
Angegeben werden Ueberlieferungen von Su-yuen-ming
und Erklärungen von Li-kiang.
^ ^ Kao-ting.
Kcuhting tacheu-yi wai-Uchuen,
Sitsuigsber. d. phiL-hiet. CL XCm. Bd. I. Hft. 9
130 Pfismaier.
ÄeuBsere Ueberlieferungen zu den Verwandlungen der
Tscheu. Von Eao-ting. 22 Bücher.
Pei'thung yl-schu.
Das Buch der Verwandlungen. Von Pei-tbung. 150 Bücher.
Der Verfasser dieses Werkes lebte zu den Zeiten des
Kaisers Wen-tsung.
j£ ^ ^& J^^^^'^^^^^'
Lu-hang-Uchao yt-i.
Die Bedeutungen der Verwandlungen. Von Lu-hang-tschao.
5 Bücher.
Der Verfasser dieses Werkes lebte in dem Zeiträume
Ta-tschung (847 bis 859 n. Chr.).
^ ^ $ LS-hi'Sching.
Lö'hi-sching techeii-yl tschuen,
Ueberlieferungen zu den Verwandlungen der Tscheu. Von
Lö-hi-sching. 2 Bücher.
Zn den Werken ans Termisehten Hänsern.
58. ^ ^ ^^ßnjr-t.
Meng-i tse-lin.
Der Wald der Söhne. Von Meng-I. 20 Bücher.
Die Söhne sind die acht Abrisse, welche als Söhne
des Himmels und der Erde betrachtet werden.
59- Hk ß Tsch'in-yö.
Tsch'in-yÖ tse-thsiao.
Aufzeichnungen über die Söhne (die acht Abrisse). Von
Tsch'in-yö. 30 Bücher.
Tsch'in-yö yerfasste auch das aus 100 Büchern be-
stehende Buch der Sung.
60. j^ >|^ ^ Yürtschungyung.
Yü-tschung-yung tse-thsiao.
Aufzeichnungen über die Söhne (die acht Abrisse). Von
Yü-tschung-yung. 30 Bücher.
^^' IfS ^ % IV9i-f«cAt«ifjr-Ä:an.
Yin-tschung-kan lÜn-tM,
Gesammelte Erörterungen. Von Yin-tschung-kan. 9ti Bücher.
Chinesisch? Schriftirerke de« 7. and 8. Jahrhnnderta n. Chr. 131
6^- ^ ^ Thsui'hung.
Thaui'hung ti-wang tn-yao,
(redrängte Sammlungen über Kaiser und Könige. Von
Theui-hung. 30 Bücher.
63. ^ ]^ LÖ-tsch'ing.
LÖ-tseh'ing schÖ tsching-lUn,
Fortgesetzte richtige Erörterungen. Von Lö-tschMng.
12 Bücher.
64. Lö-tscViTig Jciu^-wen,
Die lückenhaften Texte. Von Lö-tsch'ing. 10 Bücher.
65. ^ 1^ Siilr-Ung.
Siilrling tcen-fu.
Das SammelhauB der Texte. Von Siü-Iing. 7 Bücher.
Als Verfasser der Erklärungen wird Tsung-tao-ning
genannt.
66. ^|| -y#* 1^ Lieu-acheU'king.
LieU'ScheU'kihg sae-kiün yen-sin.
Das Herz der Worte der vier Landschaften. Von Lieu-
scheu-king. 10 Bücher.
Die Verfasser folgender fiinf Werke sind unbekannt:
67. Sin khievrtschuen.
Neue Ueberlieferungen aus dem Alterthum. 4 Bücher.
68. Ku'ldn pien-tsö lÖ,
Beurtheilend verfasste Verzeichnisse aus dem Alterthum
und der Gegenwart. 3 Bücher.
69. PMan.
Vielseitige Ueberblicke. 15 Bücher.
70. Pu-liö.
Kurze Denkwürdigkeiten der Abtheilungen. 15 Bücher.
71. Han^iS'lin.
Der Wald der Pinsel und der Tinte. 10 Bücher.
72. ^ ^ Wei'tsch'ing.
Wei'tseh'ing kiUn-sehu tschi-yao.
Das Nothwendige der Anordnung der Bücher. Von Wei-
tsch*ing. 50 Bücher.
Wei-tsch'ing ist ein Würdenträger aus den Zeiten
des Kaisers Thai-tsung.
9*
132 Pfiiaaier.
Der Verfasser des folgenden Werkes ist unbekannt:
73. Ldn-kd sse-ying.
Der Glanz der Aussprüche des Einhomsöllers.
Das Werk wurde zu den Zeiten des Kaisers Eao-tsu
zusammengestellt.
74. :^ Ig ^Ij Tschüking-ua.
Tschü-king-Ua seht-tai hing-wang liln,
Erörterungen über Erhebung und Untergang der zehn
Zeitalter. Von Tschü-king-tsl. 10 Bücher.
Sie-kke-keu tse-lin.
Der Wald der Söhne. Von Siö-khe-keu. 30 Bücher.
Die Söhne sind wieder die acht Abrisse, welche
als Söhne des Himmels und der Erde betrachtet
werden.
''^- Ä ift ^ yil'Schi-nan,
Yü-schi-nan ti-wang liö-lün.
Abgekürzte Erörterungen über Kaiser und Könige. Von
Yü-schi-nan. 5 Bücher.
Yü-schi-nan war vorzüglich als Schriftkünstler
berühmt.
77. ^H 4Ü ^^ Lieu'pe-tschuang,
Liev^pe-tschtiang kiün-schu t^chi-yao yin.
Die Laute des Nothwendigen der Anordnung der Bücher.
Von Lieu-pe-tschuang. 5 Bücher.
Bezieht sich auf das oben (Nr. 72) angefLLhrte Werk
Wei-tsch*ing's.
'^^' ^ i^ M TsMang-ta-m.
TscVang-ta-su schue-lin.
Der Wald des Sprechens. Von Tsch'ang-ta-su. 20 Bücher.
'^^' I "^J ^Z Wang-fang-khing.
Wang-fang-khing tu schi-schue sin-schu.
Das neue Buch der fortgesetzten Gespräche des Zeitalters.
Von Wang-fang-khing. 10 Bücher.
80. ^ 2p Han-tan.
Hart' tan thung^tsai.
Darlegungen und Eintragungen. Von Han-tan. 30 Bücher.
ChlneaiBche Schiiftwerkt des 7. und 8. Jabrlranderts n. Chr. 133
Dieses Werk wurde im dreizehnten Jahre des Zeit-
raumes Tsching -yuen (797 n. Chr.) dem Kaiser
vorgelegt.
Sl* ^ ^ Ml Hiung-UcM-yi.
Hiung-tscM-yi hoa-thung,
Darlegung der Umgestaltungen. Von Hiung-tschS-yl.
500 Bücher.
Hiung-tschö-yi schrieb ein Werk von der Art der
neun mustergiltigen Bücher und vollendete es in
dreissig Jahren. Er hatte es noch nicht dem Kaiser
vorgelegt, als er in Si-tschuen starb. Wu-yuen-heng
wollte es abschreiben und emporreichen. Die Gattin
Hiung-tschö-yl's versteckte das Werk und gestattete
nicht; dass man es abschreibe.
82. 35 "^ J^ Li'Wen-tsch'ing.
Li'-wen-tsck'ing pÖ-ya tschi.
Denkwürdigkeiten des Vielseitigen und Richtigen. Von
Li-wen-tsch'ing. 13 Bücher.
83. yj^ 'S Wr Yuen-hoauking.
Yuen-hoai-king schÖ-wen yao-i.
Die nothwendigen Bedeutungen der angefugten Texte.
Von Tuen-hoai-king. 10 Bücher.
^* 'S ^ Bfi Thstii-hiuen-^ei.
TTisui'hiuen-wei hang-i yao-fan.
Abgekürzte Muster für das Ende des Wandels. Von
Thsui-hiuen-wei. 10 Bücher.
^' ^ M f^ Lu-Uang-yung.
Lu-Uang-yung tse-schu yao-liö.
Kurze Fassung des Buches der Söhne (des Buches der
acht Abrisse). Von Lu-tsang-yung. 1 Buch.
Ma-tsung^-lin,
Der Wald der Gedanken. Von Ma-tsung. 1 Buch.
87. 1^ ^B Wei-mu.
WeUschi scheurliÖ,
Abgekürzte Denkwürdigkeiten von Handgriffen. Von dem
Geschlechte Wei. 20 Bücher.
Das Geschlecht Wei ist Wei-mu.
134 Pfiiaaier.
88. ^ ^ ^ Sin-tsehi-ngao,
Sin-tschi-ngao inii^hitin.
Angereihte mündliche Belehrungen. Von Sin-tschi-ngao.
2 Bücher.
89. Pö-4cen ki-yao.
Zusammenfassung des Wunderbaren vielseitiger Erfahrung.
20 Bücher.
Dieses Werk wurde in dem Zeiträume Khai-yuen
(713—741 n. Chr.) durch ^ g Siü-yin, einen
Mann des Kreises Wu-kung, dem Kaiser vorgelegt.
90. ^ ^ Tscheu-mung.
Tscheu'tnung tu ku-kin-tschiL
Fortgesetzte Erklärungen des Alterthums und der Gegen-
wart. Von Tscheu-mong. 3 Bücher.
91. ^ ^ Sü'hung.
Sii'hung ku-kin tsing-L
Die wesentlichen Bedeutungen des Alterthums und der
Gegenwart. Von Siö-hung. 15 Bücher.
92. H P' Tachao-juL
TschaO'jui tschang-tuan yao-schö.
Die nothwendige Kunst des Langen und Kurzen. Von
Tschao-jui. 10 Bücher.
Die Kunst des Langen und Kurzen ist die Kaost
der Machtentfaltung der Reiche. Der Verfasser des
obigen Werkes führte den Jünglingsnamen Thai-pin
und stammte aus Tse-tscheu. In dem* Zeiträume
Khai-yuen (713 — 741 n. Chr.) zu dem Kaiser berufen,
leistete er diesem Rufe keine Folge.
93. i^ ^ Tu-yeu.
Tu-yeu li-tao yao-kiuS,
Nothwendige Entscheidungen der Ordnung des Wegeß.
Von Tu-yeu. 10 Bücher.
94. ^ m j]g jQ Ho-lan-taching-yuen.
Ilo-lan-tsching-yuen yung-jin ktuen-hang.
Die Wagebalken der Macht bei der Verwendung der
Menschen. Von Ho-lan-tsching-yuen. 10 Bücher.
< !>»• hiftr fehlende Zeichen ist aus -|+ und ^ links und ^ rechts
;(«M«iDfnengesetzt.
ChiüMiBohe Schriftwerk« des 7. nnd 8. JahrhunderU n. Chr. 135
Dieses Werk wurde im dreizehnten Jahre des Zeit-
raumes Tsching-yuen (797 n. Chr.) dem Kaiser
vorgelegt.
95. 1ß^ ^ Fan-tsung.
Fanrtdung sse-kuei ki-kung.
Die Leitung des Oeffentlichen durch die Lehrmeister und
Häupter. Von Fan-tsung. 30 Bücher.
96. Fan-tsung,
Fan-tsung ^ ^ fan-tse.
Fan-tse. Von Fan-tsung. 30 Bücher.
97. 1^ ^ Kö-tschao.
EX-tschao tU'tschi'Schu,
Das Buch der Bemessung und Lenkung. Von Kö-tschao.
10 Bücher.
98. :^ :Jjf[ Tschü'pÖ.
Tschü-pÖ tschi-li schu.
Das Buch der Einführung der Grundordnung. VonTschü-pö.
10 Bücher.
^- iil ^ Sii-yt/en.
Su-yuen tschi-luan tst.
Sammlungen über Ordnung und Unordnung. Von Su-yuen.
3 Bücher.
Der Verfasser dieses Werkes lebte gegen das Ende
der Zeiten der Thang.
100. ^ tt TscKang-tsien.
TscVang-tsien kiang-tso yU-khiü-lö.
Verzeichnisse der Ansiedelungen zur Linken des Stromes.
Von Tsch'ang-tsien.
Die Zahl der Bücher dieses Werkes ist unbekannt.
101. ^ ^ Tsch'ang-thsu.
Tschang-thsu kin-schin kiau
Die Warnungen der goldenen Schärpe. Von Tsch'ang-thsu.
3 Bücher.
102. ^ ifi Fung-kang.
Fung-kang yü-mung,
Kundmachungen für Unwissende. Von Fung • kang.
1 Buch.
136 Pfismaier.
103. ^ ^ jjjji Tü-Jäng-hieu.
YU-king-hieu yü-schen-lö,
VerzeichnisBe der Kundmachungen des Guten. Von Yü-
king-hieu.- 7 Bücher.
Sioo-yi mö-tsai tsching-schö.
Die Kunst der Lenkung der Landpfleger und Vorgesetzten.
Von Siao-yl. 2 Bücher.
Der Verfasser dieses Werkes war Befehlshaber von
Lui-yang.
105. ^ ^ ^ Lu'ßn thsu.
Lu-jin thsu kung-heu tsching-sehÖ.
Die Kunst der Lenkung der Fürsten und Lehensfursten.
Von Thsu, dem Menschen von Lu. 10 Bücher.
Der aus Lu stammende Verfasser dieses Werkes
lebte in dem Zeiträume Ta-tschung (847 bis 859
n. Chr.). Thsu ist dessen kleiner Name. Sein Ge-
schlechtsname ist unbekannt.
106. ^ ^ >ßj^ Li-t8chUpao,
Li-tschi-pao khien-tschu
Die umschränkten Vorsätze. Von Li-tschi-pao. 3 Bucher.
Der Verfasser lebte zu den Zeiten des Kaisers Tai-
tsung von Thang.
107. 3E ^ Wang-fan.
Wang-fan tu mung-khieu.
Die Fortsetzung des Suchens der Unwissenden. Von
Wang-fan. 3 Bücher.
108. ^ g ^ Pe-ting-han.
Pe-ting-han thang mung-khieu.
Das Suchen der Unwissenden von Thang. Von Pe-ting-
han. 3 Bücher.
Der Verfasser dieses Werkes stammte aus Kuang-
ming in Kuang-si.
109. ^ >ff(^ Lirkang.
Li'kang hi-mung.
Der Anschluss an die Unwissenden. Von Li-kang.
2 Bücher.
Chinesiscbe Schriftwerke des 7. und 8. Jabrkonderta n. Ckr. 137
^^^' j£ Wc ^9E Lu-king-Uang,
La-king'liang san-tsÖ ki,
Verzeichnungen der drei genügenden Dinge. Von Lu-
king-liang. 2 Bücher.
Werke ttber das Buch der Gedichte.
^ ^ Han-schi , Gedichte von Han, die Gedichte von
dem Geschlechte Han' heisst das von ^ ^ Han-ying
erklarte Buch der Gedichte.
h ^ PÖ-schang ist der Verfasser von Einleitungen zu
dem Buche der Gedichte.
1. Pö-schang, Han-ying,
Han-schi pö-sckang siü han-ying tachii.
Die Gedichte von dem Geschlechte Han, mit Einleitungen
von Pö-schang und Erklärungen von Han-ying. 22 Bücher.
2. Han-schi wai-Uchuen,
Aeussere Ueberlieferungen zu den Gedichten von dem
Geschlechte Han. 10 Bücher.
3. Pö-schang tsi-siü.
Gesammelte Einleitungen von Pö-schang. 2 Bücher.
4. Pö-schang yi-yao.
Das geflügelte Erforderliche von Pö-schang. 10 Bücher.
5. ^ "fi* Mao-tscVang,
Mao-tsch'ang tschuen,
Ueberlieferungen zu dem Buche der Gedichte. Von Mao-
tsch'ang. 10 Bücher.
^* Mb .^ Tsching-hiuen,
Tsching-hiuen tsien mao-schi ku-hiün,
Andeutungen der Lesungen der alten Wörter der Gedichte
von dem Geschlechte Mao. Von Tsching-hiuen. 20 Bücher.
^ ^ Mao-schi ,die Gedichte von dem Geschlechte
Mao' heisst das von dem oben genannten Mao-
tsch'ang hergestellte Buch der Gedichte.
7. Tsching-hiuen pu,
Register zu den Gedichten von dem Geschlechte Mao.
Von Tsching-hiuen. 3 Bücher.
138 Pfiiraaier.
Wang-sü tschü.
Erklärungen zu den Gedichten von dem GeBchlechte Mao.
Von Wang-sü. 20 Bücher.
9. Wang-8Ü tsä-i pÖ.
Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf vermischte Be-
deutungen der Gedichte von dem Geschlechte Mao. Von
Wang-sü. 8 Bücher.
10. Wen-nan,
Fragen bei Schwierigkeiten der Gedichte von dem Ge-
schlechte Mao. Von demselben Verfasser. 2 Bücher.
11. 1^ ^ ScU'tmn.
Schk-tsün tschü.
Erklärungen der Gedichte von dem Geschlechte Mao.
Von Sche-tsün. 20 Bücher.
Man gab diesem Werke den Namen scM-schi ,die
Gedichte von dem Geschlechte Schö^
12* ^ ^ J^ Thsui-ling-ngen.
Thsui'Ung-ngen tst-tsdiü.
Gesammelte Erklärungen zu den Gedichten von dem
Geschlechte Mao. Von Thsui-ling-ngen. 24 Bücher.
13. Thsui-ling-ngen i-tschü.
Erklärungen der Bedeutungen der Gedichte von dem
Geschlechte Mao. Von Thsui*ling-ngen. 5 Bücher.
14. ^Il ikM LteU'tsching,
LieU'tsching i-wen.
Das Fragliche der Bedeutungen des Buches der Gedichte.
Von Lieu-tsching. 10 Bücher.
lö- i M Wang-khi.
Wang-khi mao-schi pÖ.
Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Gedichte von
dem Geschlechte Mao. Von Wang-khi. 5 Bücher.
16. Mao-Bchi tnä tkä-wen.
Antworten auf vermischte Fragen in Bezug auf die Ge-
dichte von dem Geschlechte Mao. 5 Bücher.
Der Verfasser dieses Werkes ist unbekannt.
GhiBesiMhe Schriftwerke 4ee 7. nnd 8. JahrhvDdene n. Chr. 139
17. Tsä'i nan.
Schwierigkeiten vermischter Bedeutungen des Buches der
Gedichte. 10 Bücher.
Der Verfasser dieses Werkes ist unbekannt.
18. % fK Sün-yd.
Sün-yÖ i'thung fing.
Erwägungen der Verschiedenheiten und Uebereinstim-
mungen des Buches der Gedichte. Von Sün-yö. 10 Bücher.
Sün-yö ist auch der Verfasser zweier Werke über
die Ueberlieferungen des Geschlechtes Tso.
19. i^ X Y^»9-i'
Yang-i mao-schi pien,
Beurtheilungen der Gedichte von dem Geschlechte Mao.
Von Yang-I. 3 Bücher.
^' ^ ^ Tschinrthumf.
Tschin-thung nan sün-schi schi-ping.
Beanstandung der von dem Geschlechte Sün verfassten
Erwägungen des Buches der Gedichte. Von Tschin-thung.
4 Bücher.
Das Geschlecht Sün ist der oben verzeichnete Sün-yö.
21. Tsckin-thung piao-yin.
Die Verborgenheit der Kennzeichen. Von Tschin-tung.
2 Bücher.
22. Jj^ ^^ V^ Yuen-yen-ming.
Yuen-yen-ming i-fu.
Das Sammelhaus des Angemessenen. Von Yuen-yen-ming.
3 Bücher.
23. ^ ^ Tsch'ang'schi, das Geschlecht Tsch'ang.
TsMang-schi i-su.
Die fernere Erklärung der Bedeutungen. Von dem Ge-
schlechte Tsch'ang. 5 Bücher.
24. 1^ ^ I^ki.
Lö-ki thsao-mÖ mao-scheu yü-tschung su.
Die weitere Erklärung der in dem Buche der Gedichte
vorkommenden Pflanzen und Bäume^ Vögel, vierfüssigen
Thiere, Fische und Insecten. Von Lö-ki. 2 Bücher.
140 Pfizmaier.
25. H^ ^ StS'Uch'in.
Sie-tsch'in schtri.
Die Erklärung der Bedeutungen des Buches der Gedichte.
Von Sie-tschln. 10 Bücher.
26. ^ ^ Lieu-schiy das Geschlecht Lieu.
LieU'Schi siü-u
Einleitungen zu den Bedeutungen des Buches der Gedichte.
Von dem Geschlechte Lieu. 1 Buch.
27. jfH jl^ Lieu-hiuen.
Lieu-hiuen schÖ-i.
Die überlieferten Bedeutungen des Buches der Gedichte.
Von Lieu-hiuen. 30 Bücher.
28. 'S jHji ^ Lu'schi'ihä.
Lu'ächi'thä yin^i.
Die Laute und Bedeutungen des Buches der Gedichte.
Von Lu-schi-thä. 2 Bücher.
29. ^R ^^ Titching-hiuen.
Tsching-hiuen-ieng tsckü-kia yin.
Die Laute des Buches der Gedichte. Von Tsching-hiuen
und einigen Anderen. 15 Bücher.
30. 3E ^ Ä Wang-hiuen-ihu,
Wang-hiuen-thu tsehü maoscki.
Erklärungen zu den Gedichten des Geschlechtes Mao.
Von Wang-hiuen-thu. 20 Bücher.
31. Mao-schi tsching-i.
Die richtigen Bedeutungen der Gedichte des Geschlechtes
Mao. 40 Bände.
Dieses Werk wurde von einer Anzahl Gelehrter,
unter ihnen Khung-ying-thä, Wang-te-schao, Thsi-
wei und Andere^ auf Befehl des Kaisers zusammen-
gestellt.
32. ÜF ;fe 3f Hiü-sckö-ya.
HiürschÖ^a mao-schi thmian-u
Die zusammengefassten Bedeutungen der Gedichte des
Geschlechtes Mao. Von Hiü-schö-ya. 10 Bücher.
33- J& fÖ ( J + H) TscVing^e.yü.
TscVing-pe-yU mao-schi tsehi-schu^.
CliinsBiscbe Sebriilwerke dM 7. und 8. Jahrhanderts n. Chr. 141
Andeutende Besprechungen der G-ediehte des Geschlechtes
Mao. Von Tsch'ing-pe-yti. 1 Buch.
34. TscVing-pe-yÜ tuan-tschang.
Die Durchschneidungen nach Absätzen. Von Tsch'ing-
pe-yü. 2 Bücher.
35. Mao-8chi thsao-md Uchung-yil thu,
Abbildungen der in den Gedichten des Geschlechtes Mao
vorkommenden Pflanzen und Bäume, Insecten und Fische.
20 Bücher. .
In dem Zeiträume Ehai-tsch*ing (836 bis 840 n. Chr.)
befahl Kaiser Wen-tsung, dass man in dem Gebäude
der versammelten weisen Männer dieses Werk zu-
sammenstelle und zugleich die Bilder der Gegen-
stände zeichne. Yang-sse-fö, Mann des grossen Ler-
nens, und Tsch'ang-tse-tsung, Mann des Lernens,
reichten es empor.
Erklärungen der mustergiltigen Bficher.
1. ^ 1^ LieU'hiang.
LieU'Jnang u-king taä-u
Die vermischten Bedeutungen der fünf mustergiltigen
Bücher. Von Lieu-hiang. 7 Bücher.
2. LieU'hiang u-king thung-i.
Die durchgängigen Bedeutungen der fünf mustergiltigen
Bücher. Von Lieu-hiang. 9 Bücher.
3. ü'Jdng yao-i.
Die nothwendigen Bedeutungen der fünf mustergiltigen
Bücher. 5 Bücher.
Der Verfasser dieses Werkes ist unbekannt.
4. §^ j^ Hiü'Schin,
Hiil-schin u-king i-i.
Die verschiedenen Bedeutungen der fünf mustergiltigen
Bücher. Von Hiü-schin. 10 Bücher.
Tsching-hiuen war mit dem Inhalte dieses Werkes
nicht einverstanden. Hiü-schin ist auch der Ver-
fasser des Werkes SchuÖ-wen.
142 Pfiznaier.
5. ^ ^ TsiaO'tscheu,
Tsiao-scheu u-king jen-feu lün.
Erörterungen des So und Nicht-so der fünf mustergiltigeD
Bücher. Von Tsiao-tscheu. 5 Bücher.
^- "^ ..^fr Yang-fang.
Yang-fang u-king keu-tsch'in.
Das Herausfischen des Versunkenen in Bezug auf die
fünf mustergiltigen Bücher. Von Yang-fang. 10 Bücher.
^- ^ Ä Yang-ase.
Yang-sse u-king thae-i.
Das Fragen nach dem Zweifelhaften in den fünf muster-
giltigen Büchern. Von Yang-sse. 8 Bücher.
8. y^ ^ ^ Yuen-yen-fning.
Yuen-yen-ming u^king tsung-liö.
Kurze Denkwürdigkeiten von dem Hinwenden zu den
mustergiltigen Büchern. Von Yuen-yen-ming. 40 Bücher.
Yuen-jen-ming ist auch der Verfasser eines früher
verzeichneten Werkes über das Buch der Gedichte.
9. jfH jl^ Lieu-hiuen.
Lieu'hiuen u-king tsching-ming.
Die richtigen Namen in den fünf mustergiltigen Büchern.
Von Lieu-hiuen. 12 Bücher.
Lieu-hiuen ist ebenfalls Verfasser eines früher ver-
zeichneten Werkes über das Buch der Gedichte.
10- i3t 3fiC W TacVin-wm-o.
Tach'in-wen-o king-tien hiuen-jü ta-i aiil-lö.
Geordnete Verzeichnisse der von den Gelehrten des Himmel-
farbenen gegebenen Bedeutungen der Vorbilder der muster-
giltigen Bücher. Von Tsch*in-wen-0. 10 Bücher.
Tsch^n-wen-O ist auch der Verfasser zweier Werke
über die Gebräuche.
11. ]^ @ Pan-ku.
Pan-kurteng pe-hu-thung t.
Die Bedeutungen des Werkes : Der Verkehr des weissen
Tigers. Von Pan-ku und Anderen. 6 Bücher.
Pan-ku ist der Verfasser des Baches der früheren Han.
Chinesiiche Schriftwerk« das 7. ond 8. JahrhnnderU n. Cbr. 143
^^' Mü ^ Tsching-hiuen.
Tsching-hiuen lö-i lün.
ErörteruBgeB der sechs edles KüBste. Vob TschiBg-hiueB.
1 Buch.
13. J ^ Wang-sü.
Wang-sü aching-tsching lün,
ErörteruBgeB der BestätigUBgeB der HöchstweiseB. Vob
WaBg-s&. 11 Bücher.
WaBg-sü isl auch der Verfasser eiBes Werkes über
das Buch der Oedichte.
14. Uang-wU'tiy Kaiser Wu vob LiaBg.
Liang-wu-ti khuTig-tae tsching-yen.
Die richtigeB Worte Khuug-tse's. Vob dem Kaiser Wu
VOB LiaBg. 20 Bücher.
15. Kienrwen-ti, Kaiser KioB-woB vob Liasg.
Kten-tcen-ti tschang-tscJiUn i-ki,
VerzeichBUBgCB der BedeutuBgOB des laBgeu FrühÜBgs.
Vob dem Kaiser KicB-wcB. 100 Bücher.
16. ^ ^ *^ Fan-wen-schin.
Fan-wen-schin thti-king i-kang liö-lUn.
LeitcBde kurzgefasste ErörteruBgeu der BedeutuugeB der
sieboB muBtergiltigcB Bücher. Vob FaB-weB-schiu. 30 Bücher.
17. Fan-wen-schin tschS-i.
BerichtigUBgcB des Zweifelhafteu. Vob FaB-weB-schiB.
5 Bücher.
18. ^ H Tsch'ang-ki,
T8ch*ang-ki yeu hiuen kueiMn.
WaBderungeu Bach dem Zimmtwalde des HimmelfarbeBCB.
Vob Tsch'aBg-ki. 20 Bücher.
19- i* 1^ Tsch^in-yö.
Tschin-yö hi-li.
Muster der Bach dem Tode gegebeBCB NamcB. Vob
Tsch'iu-yö. 10 Bücher.
20. f[ ^ Ho-yin,
Ha-yin hi-fä.
VorschrifteB ftir die Bach dem Tode gegebeBOB NamoB.
Vob Hü-yiB. 3 Bücher.
144 Pficmaier.
^^* ^ fö ^ X^^e-fnin^.
Lö-te-ming king-tten-schu
Erklärungen der Vorbilder der mustergiltigen Bücher.
Von Lö-te-ming. 30 Bücher.
^^' M M '^ Y^-^se-ku.
Yen-sse-ku kuang-mieu tsching-tÖ.
£inzwängung des Irrigen und Berichtigung des Geroeinen.
Von Yen-sae-ku. 8 Bücher.
23. ^ ^ Tschao-ying.
TsdKw-ying u-king tuukiu^.
Gegenüberstehende Beurtheilungen der fiinf mustergiltigen
Bücher. Von Tschao-ying. 4 Bücher.
24. ^ ^ LieU'sin.
LieU'sin lÖ-schuS,
Sechs Besprechungen. Von Lieu-sin. 5 Bücher.
25. ^ ^ lAeu-hoang,
Lieu'hoang lö-king wcd-tschuen.
Aeussere Ueberlieferungen zu den sechs mustergiltigen
Büchern. Von Lieu-hoang. 37 Bücher.
26. ^ (4t + W Tsfang.yi.
Tseh'ang-yi u-king wei-tschi.
Der verborgene Sinn der fünf mustergiltigen Bücher.
Von Tsch'ang-yl. 14 Bücher.
27. ^ ^ ||j[ Wei-piaO'Wei.
Wei-^ao-wei kieu-king sse-scheu pu,
Register der Unterrichtung in den neun mustergiltigen
Büchern durch Lehrer. Von Wei-piao-wei. 1 Buch.
28. ^ ^ ^ Pei'kiao-king.
Pei'kiao-king wei-yen tschU-M,
Sammlung der Erklärungen dunkler Worte. Von Pei-
kiao-king. 2 Bücher.
Der Verfasser dieses Werkes war in dem Zeiträume
Khai-yuen (713 bis 741 n. Chr.) Beruhiger des
Kreises Tsching.
29. "^ ^t KaO'tschung,
Kao-tschung king-tschuen yao-liö.
Abgekürzte Ueberlieferungen zu den mustergiltigen Büchern.
Von Kao-tschung. 10 Bücher.
Cliinesiache Schriftwerke des 7. und 8. Jahrhundert« n. Chr. 145
30. ^ ^ ^ Wang-yen-wei.
Wang-yen-wei tu ku-kin hi-fä,
Fortsetzungen der Vorschriften für die nach dem Tode
gegebenen Namen in dem Alterthum und in der Gegen-
wart Von Wang-yen-wei. 14 Bücher.
31. ^ ^ ^ 2|j Mu-yung-tsung-pen.
Mu-yung-immg-pen u-ldng lui^yü.
Verschiedenartige Worte über die fünf mustergiltigen
Bücher. Von Mu-yung-tsung-pen. 10 Bücher.
Der Verfasser dieses Werkes lebte in dem Zeit-
räume Ta-tachung (847 bis 859 n. Chr.).
32. ^ j|^ Lieu-yung,
lAeu-schi king-tiefi tst-yin.
Gesammelte Laute der Vorbilder der mustergiltigen Bücher.
Von dem Geschlechte Lieu (Lieu-yung). 30 Bücher.
Der Verfasser war in dem Zeiträume Hien-thung
(860 bis 873 n. Chr.) ältester Vermerker von
Tsin-tscheu.
Werke des kleinen Lernens.
»
Ni-ya li'Siün tschü,
Erklärungen des nahen Richtigen. Von Li-siün. 3 Bücher.
Dieses Werk enthält Erklärungen des Wörterbuches
^S 9|| Ni-ya ,das nahe Richtige^
Ä "^ Fan-kuang,
Fan-kuang tschü,
Erklärungen des nahen Richtigen. Von Fan-kuang. 6 Bücher.
3. -1^ jÄ| Süf^yen.
Sün-yen tsckü.
Erklärungen des nahen Richtigen. Von Sün-yen, 6 Bücher.
4. ^ ( J + ^) Tseh'in-ting.
Tsch'in'ting tsl-tschil.
Gesammelte Erklärungen des nahen Richtigen. Von
Tsch*in-ting. 10 Bücher.
Sitsnngtber. d. phii-hiat. Cl. XCIII. Bd. I. Hft 10
146 PfismaUr.
5. ^ ^ K6.pö.
Kö-pö tschü.
Erklärungen des nahen Richtigen. Von Kö-pö. 1 Buch.
6. Kö-pö tku.
Abbildungen zu dem nahen Richtigen. Von K6-pö. 1 Buch.
7. Kö-pö yin-u
Die Laute und Bedeutungen des nahen Richtigen. Von
Kö-pö. 1 Buch.
8. ]j^£ ^ Kiang-hoan.
Kiang-hoan thti-taan,
Abbildungen und Lobpreisungen zu dem nahen Richtigen.
Von Kiang-hoan. 1 Buch.
9. Kiang-hoan yin.
Die Laute des nahen Richtigen. Von Kiang-hoan. 1 Buch.
10. ^ ^ Li'lchieu,
Li-khieu kiai siao-ni-ya.
Das erklärte kleine Ni-ya (nahe Richtige). Von Li-khieu.
1 Buch.
11- ^ ^ Yang-Jirnng.
Yang-hiung pü-kuS fang-yen.
Die Mundaiien der besonderen Reiche. Von Yang-hiung.
13 Bücher.
12. fj) ^ LUvrhi.
Lieu'hi schi-ming.
Erklärungen der Namen. Von Lieu-hi. 8 Bücher.
13. ^ flg Wei'tschuo.
Wei'tschao pien-scht mivg.
Beurtheilungen und Erklärungen der Namen. Von Wei-
tschao. 1 Buch.
Wei-tschao schrieb auch ein Werk über das Buch
der Han und Erklärungen der Worte der Reiche.
14- tt ij^ Tu'lin.
Tu'lin thsang-hie hiUn-ku.
Die Lesungen der alten Wörter Thsang-hiä's. Von Tu-lin.
2 Bücher.
Thsang-hi^ ist der Erfinder der Schreibekunst.
ChinMiich« Schriftwerke dei 7. nnd 8. Jabrhvnderts n. Chr. 147
15. ^ ^ TscVang-yt
Tsch'ang-yt kuang-yä.
Das weite Richtige. Von Tsch'ang-yl. 4 Bücher.
^ 9|| Kuang-ya ^das weite Richtige'.
16. Tsch^ang-yt pi^thsang.
Der vermehrte Thsang. Von Tsch'ang-yl. 3 Bücher.
(^ + ^) ^ Pi-ihsang ,der vermehrte Thsang'
bedeutet die Vermehrung der von Thsang-hiö er-
fundenen Schriftzeichen.
17. San-ihsang hiUn-ku.
Die Lesungen der alten Wörter der drei Thsang. 3 Bücher.
Die drei Thsang sind die drei aus der Ei*findung
Thsang-hi^'s hervorgegangenen Schriftgattungen.
18. Tsä^tse.
Vermischte Schriftzeichen. 1 Buch.
19. Ku'foen tse-hiün.
Die Lesungen der Zeichen der alten Schrift. 2 Bücher.
20. ^ ^ Li'sse.
Li'Sse-teng san-thsang.
Die drei Thsang. Von Li-sse und Anderen. 3 Bücher.
21. 1^ ^ Fan-kung.
Fan-kung kuang-thsang.
Diö Erweiterung der durch Thsang-hiö erfundenen Schrift.
Von Fan-kung. 1 Buch.
22. ^ |j^ Sse-yeu,
Sse-yeu ki-tsieu tschang.
Die eilig vollendeten Absätze. Von Sse-jeu. 1 Buch.
23. jgg ;2S ü^ Yen-^chi'tui.
Yen^tschutui tschü.
Erkläruagen der alten Schrift. Von Yen-tschi-tui. 1 Buch.
24. ^ Jl ;|6 ^ Sae-masiang-jü.
Sse-ma-siang-ßl fan tsiang pien.
Die von Sse-ma-siang-jü dargereichten Hefte. 1 Buch.
25. ^ ^ Pan^ku.
Pan-ku tsai't^ pien.
Die Hefte Pan-ku's in der ehemaligen Zeit. 1 Buch.
10*
148 Pfizmaier.
26. -jsl ^ Thai-kiä.
Thai'kiä pien.
Die Hefte der Zeiten Thai-kiä's.
Thai-kiä ist eio König der Schang.
^'- ^ S Thsai-yung.
Thsai-yung sching thsao^tschang.
Pflanzenabsätze der Höchstweisen. Von Thsai-yung. 1 Buch.
28. Thsai-yiing Jcvuen-hiÖ pien.
Zum Lernen ermunternde Hefte. Von Thsai-yung. 1 Buch.
29. Kiti'tse sckuking Itin-yü,
Die erörternden Worte aus den mustergiltigen Büchern
des Steinernen in gegenwärtigen Schriftzeichen. 2 Bücher.
^ jfer Schi'king ,die mustei^ltigen Bücher des
Steinernen^ sind die Bücher, welche zu den Zeiten
des Kaisers Siuen von Han in dem Söller ^ ^ ^
schukhiü-kö ySöller des steinernen Wassergrabens'
hervorgesucht und erklärt wurden.
30. ^ 2^ Thsuiyuen.
TTisui-yuen fei-lung pien Uchuen-thsao scJU-hÖ.
Die Kraft des Tschuen und der Pflanzenschrift in den
Heften des fliegenden Drachen vereinigt. Von Thsui-yuen.
3 Bücher.
31. §^ ^ Hiü'sehin.
Hiü'Schin schu^.-wen kiai-tse.
Der besprochene Schriftschmuck von Hiü-schin mit er-
klärten Schriftzeichen. 15 Bücher.
32. g tfc Liiirsckin.
LiHrschin Ue-lin,
Der Wald der Schriftzeichen. Von Liü-schin. 7 Bücher.
33. ij^ j^ ]^ Yang-8ching-khing,
Yang-sching-khing tse-thung.
Die Leitung der Schriftzeichen. Von Yang-sching-khing.
20 Bücher.
^' ^ ^ ^ Fung-kan-kö.
Fung-kan-kÖ tse-yuen.
Der Garten der Scbriftzeichen. Von Fung-kan-kö. ISBücher.
CUnMUcke Schriftwerke des 7. und 8. Jehrhimderta n. Chr. 149
^- Pf tt^ ^»«-/«W^f.
Kia-fang tse schö-pien,
ZuBammenhängende Hefte der Schriftzeichen. Von Ria-
fang. 1 Buch.
36. ^ ^ Kö-hung.
Kö-hung ycuhyung tse-yuen.
Der Gktrten der zum Oebrauche nothwendigen Schrift-
zeichen. Von Kö-hung. 1 Buch.
37. JC 3^ Tai'khuei»
Tai'kh'uei jnenrtse.
Die Beurtheilung der Schriftzeichen. Von Tai-Khuei. IBuch.
^* I& SP ^S Seng-pao-tschi,
Seng-pao-tseki wen-Ue schhhiün.
Erklärungen und Lesungen der Zeichen der Schrift. Von
Seng-pao-tschi. 30 Bücher.
39. ^ J^ TacheU'tscVing.
Tacheu-tach'ing kiai wen-Ue.
Die erklärten Zeichen der Schrift. Von Tscheu-tsch'ing.
7 Bücher.
^' 3E ^ Wang-yen.
Wang-yen fsä-wen-tse yin.
Die Laute der vermischten Zeichen der Schrift. Von
Wang-yen. 7 Bücher.
41. ^ ^ Wang-schij das Geschlecht Wang.
Wang-sehi wen-tse yao-sckui,
Nothwendige Besprechungen der Zeichen der Schrift. Von
dem Oeschlechte Wang. 1 Buch.
Das Geschlecht Wang ist der oben genannte Wang-yen.
42. ^ :^ jH^ Yuen-hioo-tschü.
Yuen-hiaO'tachü wen-tse Utl-Uö.
Abgekürzte Sammlung der Zeichen der Schrift. Von Yuen-
hiao-tschü. 1 Buch.
43. ^ jy[ Peng-U,
Pmg-U wen-tae pien-hien,
Beurtheilung des Verdächtigen der Zeichen der Schrift.
Von Peng-li. 1 Buch.
löü Pfitmaier.
^- =E tt w<*«9-yi"-
Wang-yin wen-tse tschi.
Denkwürdigkeiten von Zeichen der Schrift. Von Wang-
yin. 3 Bücher.
^' S 1^ I Ku-ye-wang,
Kurye-wang yö^pien.
Die Edelsteinhefte. Von Ku-ye-wang. 30 Bücher.
46. ^ ^ Li'teng,
Li'teng sching-lui.
Die Arten der Töne. Von Li-teng. 10 Bücher.
47. ^ 1^ LiU-taing.
Liilrtsing yün-tsi.
Sammlung der Endlaute. Von Liü-tsing. 5 Bücher.
48. H^ 'jj^ ^ Yang-hieu-tBchi.
Yang-hieu-tschi yün-liö.
Abgekürzte Darlegung der Endlaute. Von Yang-hieu-tschi.
1 Buch.
49. Yang-hieu-tachi pien-hien yin.
Benrtheilung der Laute des Verdächtigen. Von Yang-
hieu-tschi. 2 Bücher.
^' W ^ ^ Äta-Äcu-yttnjf.
Hia-heu-yung sse-sching yün-liÖ.
Abgekürzte Darlegung der Endlaute der vier Töne. Von
Hia-heu-yung. 13 Bücher.
51. ^ f]^ TscVang-liang.
Tsch'ang-liang sse-sching pu.
Die Abtheilungen der vier Töne. Von Tsch'ang-liang.
30 Bücher.
52« jl6 p^ Tschachschi, das Geschlecht Tschao.
TachaO'Bchi yUn-pien,
Die Hefte der Endlaute. Von dem Geschlechte Tschao.
12 Bücher.
53- 1^ M ^'^''
Lö'tse ihsii-yün.
Die Endlaute der Durchschneidung. Von Lö^tse. 5 Bücher.
GhinefiMche Schriftwerke de« 7. nnd 8. JahrhnnderU n. Chr. 151
54. 1^ IDI Kö'hiün.
Kö'hiün tae-tachi pien.
Hefte des Sinnes der Schriftzeichen. Von Kö-hiün. 1 Buch.
55. Ku'toen khUtae.
Die seltsamen Zeichen der alten Schrift. 2 Bücher.
56- IS ^ Wei'hung.
Wei-hung tachao-ting ku-wen tae-schu.
Ein Buch der verkündeten und bestimmten Zeichen der
alten Schrift. Von Wei-hung. 1 Buch.
57. j^ ^ Yilrho.
Yü'ho fä-achu mÖ-lö.
Verzeichnisse der Musterschrift. Von Yü-ho. 6 Bücher.
Wei'heng aae-thi achu-achi.
Die Kraft der Schrift der vier Körper. Von Wei-heng.
1 Buch.
^^' m "^ ^ SiaO'tae-yün,
Siao-tae-yün u-achl-ni thi-achu.
Die Schriften der zwei und fünfzig Körper. Von Siao-
tse-yün. 1 Buch.
60. J^ ]ig ^ Yiirkien-ngu.
YUrkien'-ngu achu-pin.
Die Gattungen der Schrift. Von Yü-kien-ngu. 1 Bucli.
^^' M ^ W Y^'tachUuL
Yen-tachi'tui pi-mi-fä.
Die Weise von Pinsel und Tinte. Von Yen-tschi-tui. 1 Buch.
^^' !& jE I^ Seng-taching-thu.
Seng-taching-thu taä-tae achu.
Das Buch der vermischten Schriftzeichen. Von Seng-
tsching-thu. 8 Bücher.
^' ^ -^ ^ Ho-aching-tkien.
Ho^aching-thien thauan-wen.
Der zusammengefasste Schriftschmuck. Von Ho-sching-
thien. 3 Bücher.
^' M ^ ^ yen-ym-Uchi.
Yen-yefi 'tackt thauan-yao.
Das zusammengefasste Erforderliche. Von Yen-yen-tschi.
6 Bücher.
152 Pfiimftier.
65. Yen-yen-tschi khe-yeu wen.
Der Schriftschmuck zur Befragung der Jugend. Von Yen-
yen-tschi. 3 Bücher.
66. ^ in Tsch'ang'tm.
Tsch'ang-tui UchingsÖ yin.
Die bestätigten gemeinen Laute. Von Tsch'ang-tui. 3 Bücher.
67. Ig ^ ^ Yen^min-ihau.
Yen-min-ihsii tscking-sÖ yin-Uo.
Abgekürzte Darlegung der bestätigten gemeinen Laute.
Von Yen-min-thsu. 1 Buch.
68. ^ ll Li-khien.
Li'khien tu thung-aÖ wen.
Fortsetzungen der Schrift des gemeinen Lebens. Von
Li-khien. 2 Bücher.
69. ^ ^ Li'schao.
Li-schao ihung-sö yil nan-tae.
Die schwierigen Schriftzeichen der Sprache des gemeinen
Lebens. Von Li-schao. 1 Buch.
TO. 0 :© P Tachü-kÖ-ying.
Tschü-kÖ-ying kuei-yuen tschü-tsung.
Die Ansammlungen der Perlen des Zimmtgartens. Von
Tschü-kö-ying. 100 Bücher.
71. :^ ^ ^ Tschü'sse-hking.
Tschü-sse-khing yeu-hiö pien.
Die Hefte des Lernens der Jugend. Von Tschü-sse-khing.
1 Buch.
72. ]^ |l^ Hiang-Uiün.
Hiang-tsiUn schi-hiÖ pien.
Hefte des ersten Lernens. Von Hiang-tsiün. 12 Bücher.
73. ^ ^^ y^ Wang-hi-tschi.
Wang-hi'tschi siao-hiÖ pien.
Hefte des kleinen Lernens. Von Wang-hi-tschi. 1 Buch.
74. ^ 3J^ Yang-fang.
Yang-fang scTiao-hiÖ tsl.
Sammlungen des Lernens der Jugend. Von Yang-fang.
10 Bücher.
Ghinesisclie Schriftwerke des 7. und 8. Jahrhuaderts n. Chr. 153
75. ijg §11 :2r Ku'JAai'tschi.
Kurkhai'tschi khi-u
Die Eröffnung des Zweifelhaften. Von En-khai-t8chi.
3 Bücher.
76. H -^ ^ Siao'tse-fan.
Siao-tse-fan thsien-tse wen.
Die Schrift der tausend Schriftzeichen. Von Siao-tse-fan.
1 Buch.
77. ^ J^L 1^ TscheU'hing-sse,
Tscheu-hing-sse Ue-yiln thsien-tse wen.
Die mit angereihten Endlauten versehene Schrift der
tausend Schriftzeichen. Von Tscheu-hing-sse. 1 Buch.
78. ^ (Yen) thsien-tse wen.
Die fortgesetzte Schrift der tausend Schriftzeichen. 5 Bücher.
79. Lan-tse tschi-yuen.
Die bekannte Quelle der überblickten Schriftzeichen.
3 Bücher.
80. Tse-schu,
Das Buch der Schriftzeichen. 10 Bücher.
81. Kvei-yuen tsckü-tsung liÖ-yao,
Das abgekürzte Nothwendige der Perlen des Zimmt-
gartens. 30 Bücher.
82. Ku'kin pärthi lö-wen schu-fä.
Die Weise der sechs Schriftgattungen der acht Körper
des Alterthums und der Gegenwart. 1 Buch.
83. Ku'lai tschuen-li ku-hiiln ming-lÖ.
Verzeichnisse von Namen mit alten Lesungen in den von
Alters her üblichen Schriftgattungen Tschuen und Li.
1 Buch.
84. Tschuen-schu thsien-tse wen.
Die Schrift der tausend Schriftzeichen in Tschuen-Schrift.
1 Buch.
85. Kin-tse ^ j^ schl-king yt tschuen.
Das aus den mustergiltigen Büchern des Steinernen in
Tschuen-Schrift hervorgegangene Buch der Verwandlungen
in gegenwärtigen Schriftzeichen. 3 Bücher.
Von den ,mustergiltigen Büchern des Steinernen' ist
Nr. 29 die Rede gewesen.
154 Ffiiiaaier.
86. Kin-Ue schi-Tüng sckang-schu pen.
Der Text des aus den mustergiltigen Büchern des Stei-
nernen hervorgegangenen höchsten Buches in gegenwär-
tigen Schriftzeichen. 5 Bücher.
|jS^ ^ Sckang-schu ,da8 höchste Bnch^ ist das
Schu-king.
87. Kin-Ue achi-king 3} ^ tscking-hitten schang-sehu.
Das von Tsching-hiuen aus den mustergiltigen Büchern
des Steinernen hergestellte höchste Buch in gegenwärtigen
Schriftzeichen. 8 Bücher.
88. San-tse schl-king schang-achu ku-tschuen.
Das aus den mustergiltigen Büchern des Steinernen her-
vorgegangene^ in alter Tschuen-Schrift geschriebene höchste
Buch in dreierlei Schriftzeichen. 3 Bücher.
89. Kin-tse schl-king ^ ^ mao-schi.
Die aus den mustergiltigen Büchern des Steinernen her-
vorgegangenen Gedichte von dem Geschlechte Mao in
gegenwärtigen Schriftzeichen. 3 Bücher.
90. Kin-tse schl-king i-li.
Das aus den mustergiltigen Büchern des Steinernen her-
vorgegangene Buch des Verfahrens und der Gebräuche
in gegenwärtigen Schriftzeichen. 4 Bücher.
91. San-tse schi-king tso-tschuen ku-tschuen scku.
Die aus den mustergiltigen Büchern des Steinernen her-
vorgegangenen , in alter Tschuen-Schrift geschriebenen
üeberlieferungen des Geschlechtes Tso in dreierlei Schrift-
zeichen. 12 Bücher.
92. Kin-tse scht-king tso-tschuen-king.
Das aus den mustergiltigen Büchern des Steinernen her-
vorgegangene mustergiltige Buch der Üeberlieferungen
des Geschlechtes Tso in gegenwärtigen Schriftzeichen.
10 Bücher.
93. Kin-tse schl-king ^ ^ kung-yang-tschuen.
Die aus den mustergiltigen Büchern des Steinernen he^
vorgegangenen Üeberlieferungen Kung-yang's in gegen-
wärtigen Schriftzeichen. 9 Bücher.
ChiBMifcbe Schriftwerke des 7. und 8. Jahrhunderte n. Chr. 155
94. ^ « Thsai-yung Jcin-tse schl-king lün-yü.
Die von Tbsai-yung hergestellten, aus den mustergiltigen
Büchern des Steinernen hervorgegangenen erörternden
Worte in gegenwärtigen Schriftzeichen. 2 Bücher.
95. 1^ ^ ThsaO'him.
Thaao-hien ni-ya yin-u
Die Laute und Bedeutungen des nahen Richtigen. Von
Thsao-hien. 2 Bücher.
Ni-ya ,das nahe Richtige' ist das Nr. 1 angeführte
Werk.
96. ThsaO'hien |Ä 3|| pd-ya.
Das vielseitige Richtige. Von Thsao-hien. 10 Bücher.
97. Wen-tse tschi-kuei.
Fingerzeige auf die Zuständigkeit der Zeichen der Schrift.
4 Bücher.
98. ^ '^j^ ^£ LieU'pe-Uchuang.
Lieu-pe-tschuang tu ni-ya,
Fortsetzungen des nahen Richtigen. Von Lieu-pe-tschuang.
1 Buch.
^' M fS6 "^ Y^'88e-ku,
Yen-sse-ka tsckU ki-tneu'tschang,
Erklärung der eilig vollendeten Absätze. Von Yen-sse-ku.
1 Buch.
Bezieht sich auf das Nr. 22 angeführte Werk. Yen-
Bse-ku ist in der Abhandlung: ^Nachrichten von Ge-
lehrten China's' Gegenstand eines besonderen Ab-
schnittes.
100. Die Kaiserin von dem Geschlechte Wu.
Wu'heu ^i 1^ tse-hai.
Das Meer der Schriftzeichen. Von der Kaiserin von dem
Geschlechte Wu. 100 Bücher.
Die unter dem Namen der Kaiserin Wu heraus-
gegebenen Bücher wurden von einer Anzahl Ge-
lehrter zusammengestellt.
101. ^ ^ U-sse.
Li'sse tsch'ifi'Sehti heu^pin.
Die späteren Ordnungen der wahren Schrift. Von Li-sse.
1 Buch.
156 PfiBm»i«r.
102. ^ "j^ Siilrkao.
Siü^hao 5cAti-pu.
Register der Schrift. Von Siü-hao. 1 Buch.
103. Ku-tn kl.
Verzeichnungen der Spuren des Alterthums. 1 Bach.
104. ^ '^ ^ Tsch'ang'hoai-kuan.
Tsch'ang-hoai'ktian schu-tuan.
Entscheidungen über die Schrift. Von Tsch'ang-hoai-kuan.
3 Bücher.
Dieses Werk wurde in dem Zeiträume Ehai-yuen
(713 bis 740 n. Chr.) in dem Gebäude des Pinsel-
waldes dargereicht.
105. Jsck'ang'hoai'kuan ping-achu ^& ^ yö-schi liln.
Erörterungen über den Arzneistein bei Beurtheilung der
Schrift. Von Tsch'ang-hoai-kuan. 1 Buch.
106. ^ ^ ^ Tsch'ang'king-kiuen.
TacKang-Täng-hiuen schu-tal,
Muster der Schrift. Von Tschang-king-hiuen. 1 Buch.
Der Verfasser dieses Werkes lebte in dem Zeiträume
Tsching-yuen (785 bis 804 n. Chr.).
107. S^ ^ j^ TacKangyen-yuen,
Tsch'ang-yen-yuen fäschu yao-lÖ.
Nothwendige Verzeichnisse der Musterschrift. Von Tsch'ang-
yen-yuen. 10 Bücher.
108. ^ ^ j^ Pei-hang-khien.
Pei'hang-khien thsao-tse tsä-thi.
Vermischte Körper der Pflanzenzeichen. Von Pei-haDg-
khien.
Die Zahl der Bücher dieses Werkes ist unbekannt.
109. ^ j^ King-hao.
King-hao pl-fä ki,
Verzeichnungen der Weise des Pinsels. Von King-hao.
1 Buch.
110. Zl 3E Ni-wang ^ ^ Uchang-Ucki ^ ^ tsch'ang-
tscKang.
Ni-toang tsch'ang-tschi tsch'ang-tsch'ang-teng schu.
Die Schriften der zwei Männer des Geschlechtes Wang,
femer Tsch'ang-tschi's, Tsch'ang-tsch'ang's und Anderer.
1511 (eintausend fünfhundert eilf) Bücher.
Chinetisohe Schriftwerke des 7. and 8. Jahrliiinderte n. Chr. 157
Die zwei Männer des Geschlechtes Wang sind die
Schriftkünstler Wang-hi-tschi und Wang-hien-tschi.
Tsch'ang-tschi und Tsch'ang-tsch'ang sind ebenfalls
Schriftkünstler.
Die alten Schriften der genannten Männer
wurden auf Befehl des Kaisers Thai-tsung von den
damaligen Schriftkünstlern Wei-tsch'ing, Yü-schi-nan,
Tschü-sui-Iiang und Anderen hinsichtlich der Aecht-
heit geprüft und zusammengestellt. Das Werk wurde
im fünften Jahre des Zeitraumes Khai-yuen (71 7 n. Chr.)
vollendet.
111. J Hb* J^ Wang-fang-khing.
Wang-fang-kking pao-tschang M.
Sammlungen kostbarer Absätze. Von Wang-fang-khing.
10 Bücher.
112. Wang-fang-khing wang-schi pä-thi schu-fan.
Schriftmnster der acht Körper des Geschlechtes Wang.
Von Wang-fang-khing. 4 Bücher.
Das Geschlecht Wang ist der Schriftkünstler Wang-
hi-tschi.
113. Wang-sehi kung-schu-tschuang.
Die Beschaffenheit der kunstvollen Schrift des Geschlechtes
Wang. lö Bücher.
114. Htuen-tsung khai-yuen wen-tse yin-i.
Die Laute und Bedeutungen der Zeichen der Schrift des
Zeitraumes Khai-yuen (713 bis 741 n. Chr.), Jahre des
Kaisers Hiuen-tsung. 30 Bücher.
115. Ig 0, TscVang-Uan.
Tsch'ang'tsan u-king wen-tae.
Die Zeichen der Schrift der fünf mustergiltigen Bücher.
Von Tsch'ang-tsan. 3 Bücher.
116. ^ ^ H^ Thang-htuen-tu.
Thang-kiuen-tu kieu-king tse-yang»
Die Art der Schriftzeichen der neun mustergiltigen Bücher.
Von Thang-hiuen-tu. 1 Buch.
^"- Bt 81 1^ Ngeu-yang-yung.
Ngeu-yang-yung king-tien fen-h(w tsching-tse.
158 Pritmai«r.
Die auf das Kleinste vertheilten richtigen Schriftzeichen
der Vorbilder der mustergiltigen Bücher. Von Ngeu-yaog^
yung. 1 Bach.
118. ^ H Li'ieng.
Li'teng schuS-wen tae-yuen.
Die Quelle der Zeichen des besprochenen Schriftschmucks.
Von Li-teng. 1 Buch.
119- ft M. ;^ Smg^hoei-h.
Seng-Jioei'Ü siang-wen yÖ-pien.
Edelsteinhefte der Bilderschrift. Von Seng-hoei-lX. 30 Bücher.
120. H ^ Siao-kiün.
Siao-kiün yün-yin.
Die Endlaute und Laute. Von Siao-kiün. 20 Bücher.
121. ^ fi Sün^mien.
Sün-mien thang-yün.
Die Endlaute der Thang. Von Sün-mien. 5 Bücher.
122. 1^ jj^ "^ Wu-yuen-Uchu
Wu-yuen-Uchi yün- ^^ Uiuen.
Die Wagebalken der Endlaute. Von Wu-yuen-tschi.
15 Bücher.
123. Hiuen-taung yün-ying.
Die Blüthen der Endlaute. Von dem Kaiser Hiuen-tsung.
5 Bücher.
Dieses Werk wurde im vierzehnten Jahre des Zeit-
raumes Thien-pao (755 n. Chr.) in Folge einer
höchsten Verkündung zusammengestellt.
124. m^ ^ ^ Yen-tschin-khing.
Yen'tschin'-khing yUn-hai king^yuen.
Die Quelle des Spiegels des Meeres der Endlaute. Von
Yen-tschin-khing. 360 Bücher.
125. ^ ^ Li-tscheu.
Li'tscheu ihsi^-yün.
Die durchgeschnittenen Endlaute. Von Li-tscheu. 10 Bücher.
126. ft ^ iS. Seng^yeu-tscK
Seng-yeu-tschi pien-thi pu-sieu kia^tse thsü-yün.
Die durchgeschnittenen Endlaute mit Unterscheidung der
Körper und HinzufUgung der Schriftzeichen ergänzt und
geordnet. Von Seng-yeu-tschi. 5 Bücher.
Chinwiaetae SchriftiMrke des 7. and 8. Jahrhunderts n. Chr. 159
Werke Ober Landwirthschaft.
Fan-tse und Ei-jen. 15 Bücher.
Fan-tse ist Fan-Ii, Reichsgehilfe des Königs Eeu-
tsien von Yue. Fan-li fragt, Ki-jen antwortet.
2. ^ Yün-tu-wei achu.
Das Buch des allgemeinen Beruhigers von dem Geschlechte
Yün. 3 Bücher.
^' yB ^ ^ Fan-aching-tschi schu.
Das Buch Fan-sching-tscbi's. 2 Bücher.
4. H ^ Thsuischi.
Thsui'8chi 886- jin yue-ling.
Die Qebote der Monate in Bezug auf vier Menschen. Von
Thsui-schl. 1 Buch.
^- M Ä 1^ JKa-we-Äf^.
Kia-sse-hü thsi-min yaO'8ch6.
Die nothwendige Kunst des gleichgestellten Volkes. Von
Kia-sse-hi§. 10 Bücher.
6. ^ ^^ Tsung-Uen.
Tsung-lien king-thsu 8ui-8chi ki.
Verzeichnungen der Zeiten des Jahres in King und Thsu.
Von Thsung-lien. 1 Buch.
'• tt '&' ^ Tu-kung-tschen.
Tu-kung-tachen king-thsu 8ui-8chi ki.
Verzeichnungen der Zeiten des Jahres in King und Thsu.
Von Tu-kung-tschen. 2 Bücher.
^' ^ iE ^ Tu'thai-khing.
Tu-thai'khing yÖ-tschö pao-tien.
Die kostbaren Vorbilder der Edelsteinlampe. Von Tu-thai-
khing. 12 Bücher.
9. 3E ßt Wang-aehi, das Geschlecht Wang.
Wang-schi sse-achi lö.
Verzeichnisse über die vier Jahreszeiten. Von dem Ge-
schlechte Wang. 12 Bücher.
160 Pfismaier.
10. ^ §|L ^ Tai-kai'ischi,
Tai'kai'tschi tschö-pu.
Register des Bambus. Von Tai-kai-tscbi. 1 Buch.
1^- fi i& Ku'hoan.
Kurhoan thaien-pu,
Register der Kupfermünzen. Von Eu-hoan. 1 Buch.
12. 1^ J^ ^ Feu-khieu-kung.
Feu-khieurkung nang-hö king.
Das mustergiltige Buch der Beobachtung der Störche. Von
Feu-khieu-kung. 1 Buch.
13. ^ ^ ^ Yao-siilr-pö.
Yao-aiü-pö V^ j^ tschi-M lö,
Verzeichnisse des Angriffes der Raubvögel. Von Yao-siü-
pö. 20 Bücher.
14. Siang-ma king,
«
Das mustergiltige Buch der Beobachtung der Pferde.
3 Bücher.
lö. >f|g 1^ Pe^lö.
Pe-lö siang-nia king.
Das mustergiltige Buch der Beobachtung der Pferde. Von
Pe-lö. 1 Buch.
16. ^ J^ Siü'tscVing.
Siü-UcKing-teng aiang-ma king.
Das mustergiltige Buch der Beobachtung der Pferde. Von
Siü-tsch'ing und Anderen. 2 Bücher.
17. ^ :g II TschUrkÖ-ying.
Tachü-kö-ying Uchung-Uchl fä,
Vorschriften für das Pflanzen. Von Tschü-kö-ying. 77 Bücher.
18. Tschü-kö-ying siang-ma king.
Das mustergiltige Buch der Beobachtung der Pferde. Von
Tschü-kö-ying. 60 Bücher.
19. II lg Ning-Ui.
Ning-Un, siang-nieu king.
Das mustergiltige Buch der Beobachtung der Rinder. Von
Ning-tsl. 1 Buch.
Ning-tsI lebte zu den Zeiten des Fürsten Hoan von
Thsi.
Cbinosischn Schriftwerko dos 7. und k. Jahrhundert«) n. Chr. 161
20. ^ ^ Fan-li.
Fan-li yang-yü king.
Das raustergiltige Buch der Fischzucht. Von Fan-li. l Buch.
Fan-li ist der früher genannte Reichsgehilfe des Königs
Keu-tsien von Yue.
21. ^ ^5) Kin-ynen schl-lÖ.
Verzeichnisse der Früchte des verschlossenen 6ai*tens.
1 Buch.
22. Ying-king.
Das mustergiltige Buch der Falken. 1 Buch.
23. Tsan-king.
Das mustergiltige Buch der Seidenraupen. 1 Buch.
24 Tsan-king.
Das mustergiltige Buch der Seidenraupen. 2 Bücher.
25. if^ ^ Siang-pei king.
Das mustergiltige Buch der Beobachtung der Muscheln.
1 Buch.
26. Wu'heu, die Kaiserin von dem Geschlechte Wu.
Wu-heu ^j< A tscKno-jin pen-nie.
Die ursprüngliche Beschäftigung der die Schildkröten-
schale brennenden Menschen. Von der Kaiserin von dem
Geschlechte Wu. 3 Bücher.
^^' 3E 3fr J^ Wang-fang-khing,
Wang-fang-khing yuen-ting thsao-mö mi.
Weitere Erklärungen der Pflanzen und Bäume der Gärten
und Vorhöfe. Von Wang-fang-khing. 21 Bücher.
28. J^ ß^ SUn-schi, das Geschlecht Sün.
Sun-schi thsien-kin yue-ling.
Die Gebote der Monate in Bezug auf tausend Pfunde
Goldes. Von dem Geschlechte Sün. 3 Bücher. -
Das Geschlecht Sün i^t ^ ^ ^ Sün-sse-mö.
29. ^ 1^ Jg[^ Li-tschün-fung,
Li'iBchün-ftmg yen (hsi-jin yao-schÖ.
Die erweiterte noth wendige Kunst der Menschen von Thsi.
Von Li-tschün-fung.
Die Zahl der Bücher dieses Werkes ist unbekannt.
Li-tschün-fung ist in dem Buche der Thang (Buch 129)
Gegenstand eines besonderen Abschnittes.
Siteangsber. d. phil.-hist. Cl. XCIII. Rd. I. Hft. 11
162 Pfizmaiar.
30. ^ Ä Li-yung.
Li-yung kin-kö yuen-ku
Verzeichnungen des Gartens des goldenen Tbales. Von
Li-yung. 1 Buch.
^^* 1^ ^ Si^'tetig,
SiS-teng sse-schi ki,
Verzeichnungen von den vier Jahreszeiten. Von Si^teng.
20 Bücher.
32. ^ '^ PeirtscKing.
Pei'tacKing sching-yü yne-ling.
Die Gebote der Monate in Bezug auf das Besteigen der
Sänfte. Von Pei-tsch'ing. 12 Böcher.
Der Vorsteher der Beschäftigung der Söhne des
Reiches legte dieses Werk im eilften Jahre des Zeit-
raumes Tsching-yuen (786 n. Chr.) dem Kaiser vor.
33. 3E ?Ü Wang-yat.
Wang-yai yne-ling thu.
Abbildungen der Gebote der Monate. Von Wang-yai.
1 Achse (Gemäldestift).
34. ^ jj^ Li-tschö.
Li'tschÖ ^^ |ll thsin-tschnng sui-schi ki.
Verzeichnungen von den Zeiten des Jahres in Thsin. Vou
Li-tschö. 1 Buch.
35. ^ ^ 5^ Wei-hang-kkuei.
Wei-hang-kkuei pao-aeng yue-lö,
Vei*zeichnisse von den Monaten zur Bewahrung des Lebens.
Von Wei-hang-khuei. 1 Buch,
36. ^ ^ Han-ngö.
Han-ngÖ sse-schi thsuan-yao.
• Das gesammelte Erforderliche der vier Jahreszeiten. Von
Han-ngö. 5 Bücher.
37* ^ ^ j£ JH Sut'hoa kl'lL
Darlegung und Hinzugabe der Blumen des Jahres. 2 Bücher.
ChinesiBche Schriftwerke dee 7. und 8. J^tfarhunderU n. Chr. 163
Werke des kleinen Sprechens.
1. ^ ^ ^ Yen-tan-tse,
Tan-tse von Yen. 1 Buch.
Tan-tse ist Tan, der zur Nachfolge bestimmte Sohn
des Königs von Yen.
^' ^ $ß 1^ Han-tan-Uchün.
Han-tan-tschün siao-lin.
Der Wald des Lachens. Von Tschün von Han-tan. 3 Bücher.
3. ^ £1 TscVang-hoa,
TscVang-hoa pÖ-we tschi.
Denkwürdigkeiten von vielseitigen Dingen. Von Tsch'ang-
hoa. 10 Bücher.
4. TscKang-hoa liS-i tschiten.
üeberlieferungen von merkwürdigen Dingen. Von Tsch'ang-
hoa. 1 Buch.
5. 9 S^ Kia-thsiuen.
Kia-thsiuen tschü ^ -5^ kÖ-fse.
Erklärungen Kö-tse's. Von Kia-thsiuen. 3 Bücher.
Kö-tse ist fP *^ :;2r Kö-tsch'ing-tschi.
6. ^ ^& ^^ Lieu'i'khing.
LieU'i'khing schi- sehne.
Das Sprechen des Zeitalters. Von Lieu-I-khing. 8 Bücher.
7. LieU'i'khing siao-achue.
Kleines Sprechen. Von Lieu-I-khing. 10 Bücher.
8. ^ ^^ }^ Lieu-hiaO'piao.
Lie\i'hiao-piao tu schi-schtte,
Fortsetzung des Sprechens des Zeitalters. Von Lieu-hiao-
piao. 10 Bücher.
9. 15 ^ Yin-yün.
Yin-yün siao-schvi.
Kleines Sprechen. Von Yin-yün. 10 Bücher.
10. ^ ^ ^ LieU'thsi'ScM.
lÄeU'ihsi''8chi 8Ö-yü,
Die Worte des gemeinen Lebens. Von Lieu-thsi-schl.
8 Bücher.
u»
164 PfUmaier.
11. m "^ SiaO'fen.
tyiao-fen pien-lin.
Der Wald der Unterscheidungen, Von Siao-fen. 20 Bücher.
12. ^1 ^ :^ Lieu'hiuen-thdeti,
Lieu-hiuen-thsieu hiao-king.
Das mustergiltige Buch der Kindlichkeit. Von Lieu-hiueo-
thsieu. 1 Buch.
^^- J^ 7C Ä Y^-y^^-^^i-
Yü-yueti'Wei ^ ^ H^ tso-yeii-fang.
Die Seite zur Rechten des Sitzes. Von Yü-yuen-wei.
3 Bücher.
14- ^ Ö W Hett-pe-Mt.
Hen-pe-khi fi^ yen-lÖ.
Verzeichnisse des Gesichtsausdrucks. Von Heu-pe-khi.
10 Bücher.
15. Tsä-yü,
Vermischte Worte. 5 Bücher.
16. ^^ jjf^ ^^ Tai'tsO'khicfiu
Ta i' tso'khien i-tschuen .
Merkwürdige üeberlieferungen. Von Tai - tso - khien.
3 Bücher.
^^* ^i 3E ^ Yuen-wang-8cheu.
Yuen-wang-scheu ku-i-tschuen,
Üeberlieferungen von Merkwürdigkeiten des Alterthums.
Von Yuen-wang-scheu. 3 Bücher.
18. jj^ ^ ^ TsU'tschung-tscJii,
Tsu'tschung-tschi i-ki,
Verzeichnungen des Merkwürdigen. Von Tsu-tschung-tschi.
10 Bücher.
19. ^ ^ Yü-pao.
Yü-pao sev-schm ki.
Die Verzeichnungen des Suchens der Götter. Von Yü-pao.
30 Bücher.
20. ^H ^ ^ Lieu'tschi-yin schin-lo,
Verzeichnisse von Göttern. Von Lieu-tschi-lin. 5 Bücher.
21. Liang yuen-tij Kaiser Yuen von Liang.
Liang-yuen-ti 'jßf ngen-schin ki.
Verzeichnungen von guten Göttern. Von dem Kaiser Yuen
von Liang. 10 Bücher.
Chinesische Schriftwerke des 7. and 8. Jahrhunderts n. Chr. 165
^^- iB. 1^ ^ TsU'thai'fschK
TsU'thai'tschi fschi-kuai.
Die Wunder der Denkwürdigkeiten. Von Tsu-thai-tschi.
4 Bücher.
23. iJL Ä Khung-schij das Geschlecht Khung.
Khung-scht tschi-kuai.
Die Wunder der Denkwürdigkeiten. Von dem Geschlechte
Khung. 4 Bücher,
24. J^ ß^ Siünschi, das Geschlecht Sün.
SUn-schi ling-kuei tschi.
Denkwürdigkeiten von geistigen Dingen und Dämonen.
Von dem Geschlechte Sün. 3 Bücher.
25. 1^ ^ Sie-schif das Geschlecht Sie.
Sie-schi kuei-schin Ke-tschuen.
üeberlieferungen von Dämonen und Göttern. Von dem
Geschlechte Sie. 2 Bücher.
^ ^^ ^^ Lieu-t-fcAi?}^.
IdeU'i-hhing yen-ming lÖ.
Verzeichnisse des Dunklen und Hellen. Von Lieu-I-khing.
30 Bücher.
27. TtiTig-yang ^ £^ um-i,
Tung-yang wu-i wt gg thsi-ktai ki.
Verzeichnungen von Wundern der Denkwürdigkeiten.
Von Wu-I von Tung-yang. 7 Bücher.
28. ^ ^ U-kiün,
U'kiün tu thsi-kiai ki.
Die fortgesetzten Verzeichnungen von Wundern der Denk-
würdigkeiten. Von U-kiün. 1 Buch.
29. ^ j^ ^& Wang-yen-sieu.
Wang-yen-steu J^ J|^ kan-ying tschuen,
Üeberlieferungen von Anregung und Entsprechen. Von
Wang-yen-sieu. 8 Bücher.
30. m H Lö-ko.
Lo-ko hi-ying-hien.
Zusammenhängende Entsprechungen und Bestätigungen.
Von L^-ko. 1 Buch.
166 Pfismaier.
31. 3E JJ^ Wang-yen,
Wang-yen ming-tsiang Id,
Verzeichnungen von dunklen Glückszeichen. Von Wang-
yen. 10 Bücher.
32. 3E ^ MÜ Wang-man-ying,
Wang-man-ying iü ming-tsiang kL
Fortgesetzte Verzeichnungen der dunklen Qlückszeichen.
Von Wang-man-ying. 11 Bücher.
33. ^ }^ Lieu-yung.
Lieu-yung ^^ ^ yin-ko Id.
Verzeichnungen von der Vergeltung früherer Thaten. Von
Lieu-yung. 10 Bücher.
34. ]|^ ^ 3|j|| Yen-tschi-tui,
Yen-t8chi'tui -^ gj^ yeu-lioen tschi.
Denkwürdigkeiten von Ueberweisung der Seele. Von Yen-
tschi-tui. 3 Bücher.
35. Yen-tschi-tm tsi ling-Jd.
Gesammelte Verzeichnungen des Geistigen. Von Yen-
tschi-tui. 10 Bücher.
36. ^ ^ Tsch'tng-ymg tsi.
Sammlung der deutlichen Entsprechungen. 2 Bücher.
3^- "01 ^ ^ Heu-kiün-su.
Heu-hiün-su jj^ ^8 sing-i kL
Verzeichnungen der bekundeten Merkwürdigkeiten. Von
Heu-kiün-su. 15 Bücher.
38- ^ {^ Thang-lin.
Thang-lin ming-pao.
Die dunklen Vergeltungen. Von Thang-lin. 2 Bücher.
39. ^ ^ Li-jü.
Li-jü kiai'tse schi-i.
Das Auflesen des Hinterlassenen in Bezug auf die Er-
mahnung der Söhne. Von Li-jü. 4 Bücher.
40. Khai-yuen yü-tst kiai-tae »chu.
Die kaiserliche Sammlung der Schriften der Ermahnung der
Söhne aus dem Zeiträume Khai-yuen (713 bis 741 n. Chr.;.
1 Buch.
ChinesiBche Schriftwerke des 7. nnd S. JahrliiiDderts n. Chr. 167
^^' 3E ^ ^2 Wang-fang-khing.
Wang-fang-khing ^ ß^ wang-schi schin-thung ki.
Die Verzeichnungen des göttlichen Verkehres des Ge-
schlechtes Wang. Von Wang-fang-khing. 10 Bücher.
42. IK >(r m Ti'jin-khÜ.
Ti-jin-khiS kia-fan.
Die Muster des Hauses. Von Tl-jin-khiö. 1 Buch.
^^' J® 4^ iM-&Mnj.
Lu-kung kia-fan.
Die Muster des Hauses. Von Lu-kung. 1 Buch.
Lu-kung ist j|^ ^ Lu-tsiuen, ein Gelehrter aus
den Zeiten der Thang.
44. jH^ '^ pb Su-hoai-t8chung.
Su'hoai-tschung khiU kuei'-king.
Der Schildkrötenspiegel der Thürangeln. Von Su-hoai-
tschung. 1 Buch.
^^- i^ yt M Yo^o-yurn-thsung.
Yao-yuen-tJisung lÖ-kiaü
Die sechs Ermahnungen. Von Yao-yuen-thsung. 1 Buch.
46. ^ j^ Sse-schi.
Die Anfange der Dinge. 3 Bücher.
^'- Sl ^ LieU'jui.
Lieu-jtii tu sse-schi,
Fortsetzungen der Anfänge der Dinge. Von Lieu-jui.
3 Bücher.
^- ^ If "5^ I-rigan-Ue.
Yuen-ke i-ngan-tse.
I-ngan-tse in der ursprünglichen Knüpfung. 1 Buch.
Tschao-tse-mien ying hoa-kiuen yü.
Das Entgegenziehen in der Sänfte der Macht der Um-
gestaltungen. Von Tschao-tse-mien. 6 Bücher.
^' M tR "^ 'J^f^ung-tceintse.
Thnng-toei-tse schl-we tschi.
Denkwürdigkeiten von zehn Sachen. Von Thung-wei-tse.
1 Buch.
51. ^ (A^+i^) ü-yün.
U-yün Hang tkung-schu.
Die beiden übereinstimmenden Bücher. Von U-yün. 1 Buch.
Ibo Pfizmaier.
52. ^ y§ Li-feM,
Li'feu J^ ^^ tlisieii-wn.
Die Irrthümer der Einzeichnungen. Von Li-feu. 2 Bücher.
53. ^5 E ^ Li-khuang-wen.
Li' khtia ng-wen thse- hia .
Die Verwendung der Muse. Von Li-khuang-wen. 3 Bücher.
54. ^ ^ ^ Tschi^kö-tse.
Tscki'kÖ'tse taä-lÖ tschii-kiai.
Erklärungen und Auslegungen vermischter Verzeichnisse.
Von Tschl-kö-tse. 5 Bücher.
Tschl-kö-tse ist ^ ^7 Wang-jui.
^5- M fl ^^-^s'^-
Su-ngö yen-i.
Erweiterte Bedeutungen. Von Su-ngö. 10 Bücher.
56. Su-ngö tu-yang tsä-pien.
Vermischte Hefte von Tu-yang. Von Su-ngö. 3 Bücher.
Su-ngö war in dem Zeiträume Kuaug-khi (885 bis
887 n. Chr.) ein beförderter Gelehrter.
57. ij^ ^ Lieu'schi, das Geschlecht Lieu.
Lieu-schi kia-hio yaa-lö.
Noth wendige Verzeichnisse des Lernens des Hauses. Von
dem Geschlechte Lieu. 2 Bücher.
Das Geschlecht Lieu ist ij^ (f -f ^) Lieu-tsch'ing.
^^' J^ 3fe ^ Lw-ii/öngf-ZcÄt.
Lu-kuang-khi thsti-khiü tse.
Die erste Erhebung der Söhne. Von Lu-kuang-khi. 1 Buch.
Der Verfasser dieses Werkes war Reiehsgehilfe des
Kaisers Tschao-tsung von Thang.
59. ^ Ipd ^ Lieu-nä-yen.
Lieu-na-yen ßt gS pai-kiai tsl.
Sammlungen von Scherzen. Von Lieu-nä-yen. 15 Bücher.
60. ^ 1^ ^ Tschin-ngao-tschö.
Tschin-ngachtschÖ i-ki.
Verzeichnungen von Merkwürdigkeiten. Von Tschin-ngao-
tschö. 1 Buch.
Der Verfasser dieses Werkes lebte zu den Zeiten
der Kaiser Hien-tsung und Mö-tsung von Thang.
Chinesische Schriftwerke de« 7. und K. Jahrhundert« d. Chr. 169
^^' ^ ^ S P^i'^^'^^^'
Pei-thse-üchi tu Ä tschö i-IcL
Fortsetzungen der von Tschö (Tschin-ngaotschö) verfassten
Verzeichnungen von Merkwürdigkeiten. Von Pei-thse-tschi.
1 Buch.
2- ^ ffi ^ Sie-yung-jö.
Sieryung-jö ist i-ki.
Gesammelte Verzeichnungen von Merkwürdigkeiten. Von
Siö-yung-jö. 3 Bücher.
Der Verfasser dieses Werkes war in dem Zeiträume
Tschang-khing (820 bis 824 n. Chr.) stechender Ver-
merker von Kuang- tscheu (in Schan-tung).
• ^ JJC Lirfneu
Li-mei tsuan i-ki.
Zusammengefasste Verzeichnungen von Merkwürdigkeiten.
Von Li-mei. 1 Buch.
Der Verfasser dieses Werkes lebte in dem Zeiträume
Ta-tschung (847 bis 859 n. Chr.).
ö4. ^ 'yj^ Li'kang,
Li'kang thÖ-i tschi.
Denkwürdigkeiten von einzigen Merkwürdigkeiten. Von
Li-kang. 10 Bücher.
Kb-schin-tse pÖ-i tschi,
Denkwürdigkeiten von vielseitigen Merkwürdigkeiten. Von
Kö-8chin-tse. 3 Bücher.
^- iCki itt (^ + ^) TscKin-jü-yiln.
Tsch'in-jii'yUn i-toe tschi.
Denkwürdigkeiten von merkwürdigen Dingen. Von Tsch^in-
jü-yün. 3 Bücher.
67. Kn-i-ku
Verzeichnungen von Merkwürdigkeiten des Alterthuras.
1 Buch.
68- ^ {^+ %) Lieu-80.
lÄeu-sö tschuen-ki.
Verzeichnungen der Ueberlieferungen. Von Lieu - so.
3 Bücher.
liO Pfizmaier.
Dieses Werk führt auch den Titel kuS-sse i-t^uan
^Zusammenfassungen der Merkwürdigkeiten der Ge-
schichtschreiber des Reichest
69. ^ "^ NieU'SÖ.
Nieu'SÖ ki-wen.
Darlegungen des Gehörten. Von Nieu-sö. 10 Bücher.
70. ^ ^ Tschin-hung.
Tschin-hung khai-yuen sching-ping yuen.
Die Quelle der Zeiträume Khai-yuen (713 bis 741 n. Chr.)
und Sching-ping (357 bis 361 n. Chr.). Von Tschin-hung.
1 Buch.
Der Verfasser dieses Werkes war in dem Zeiträume
Tsching-yuen (784 bis 803 n. Chr.) ein den GäBten
vorgesetzter Leibwächter für die Mitte.
^^' S^ IS TscMang-tsien.
TscKang-tsien ling-kuai ist.
Sammlungen reingeistiger Wunder. Von Tsch'ang-tsien.
2 Bücher.
72. ^^ «^ ^S Lö-tschang-yutn.
Lö-tschang-yuen pien-i tschu
Denkwürdigkeiten von Unterscheidung des Zweifelhaften.
Von Lö-tschang-yuen. 3 Bücher.
73. ^ H LUfan.
Li'fan schu^-tsuan,
Zusammenfassungen des Sprechens. Von Li-fan. 4 Bücher.
74. ^£ ^^ 2p Tai'SckaO'ping,
Tai'SchaO'ping hoan-koen kL
Verzeichnungen von Zurücksendung der Seele. Von Tai-
schao-ping.
Der Verfasser dieses Werkes bekleidete in dem Zeit-
räume Tsching-yuen.(784 bis 803 n. Chr.) die Stelle
eines auf die höchste Verkündung Wartenden.
75. ^ j^ ^ Xieu-seng-jiL
yieu-seng-jü hiuen-kuai lÖ,
Verzeichnisse der Wunder des Himmelfarben en. Von Nieu-
seng-jü. 10 Bücher.
Chineflische Schriftwerke des 7. und 8. Jahrhnnderts n. Chr. 171
76. ^ ^ ^ Li'fö-yen,
Li-ß^yen tu hiuen-kuai lÖ,
Fortsetzung der Verzeichnisse der Wunder des Himmel-
farbenen. Von Li-fö-yen. 5 Bücher.
77. ^ ^ Tschin-han.
Tschin han i-tcen ttü*
Sammlung der Nachrichten von Merkwürdigkeiten. Von
Tschin-han. 10 Bücher.
Der Verfasser dieses Werkes lebte gegen das Ende
der Zeiten der Thang.
^^* $ MI ti& Tsching'suuhö.
Tsching-sui'hÖ weii-ki.
Verzeichnungen des Gehörten. Von Tsching-sui-hö. 1 Buch.
79. ^ (A3fr + ^) Tschung-lö.
Tschung-lÖ thaienrting* lÖ.
Verzeichnisse des früher Bestimmten. Von Tschung-lÖ.
1 Buch.
80. ^ ^ Uli Tschao-tae-khin.
Tschao-tse-kkin ting-ming lün,
Erörterungen des bestimmten Lebenslooses. Von Tschao-
tse-khin. 10 Bücher.
Der Verfasser dieses Werkes war in dem Zeiträume
Thien-pao (742 bis 755 n. Chr.) Beaufsichtiger der
geheimen Bücher.
LiiJirtaO'seng ting-ming 16,
Verzeichnisse des bestimmten Lebenslooses. Von Liü-tao-
seng. 2 Bücher.
Liü-tao-seng lebte in dem Zeiträume Thai -ho
(827 bis 835 n. Chr.). Er vermehrte die von Tschao-
tse-khin verfassten Besprechungen.
82- Ift (ffl + :^) H"««-y«-
Wen-yü tu ting-ming lÖ.
Fortsetzung der Verzeichnisse des bestimmten Lebens-
looses. Von Wen-yü. 1 Buch.
172 Pfizmaier.
^^' "^ i^ W^ Hu-khiü'tan.
Hu-khiU'tan pin-lö,
Verzeichnisse der Gäste. Von Hu-khiü-tan. 10 Bücher.
Der Verfasser dieses Werkes lebte zu den Zeiten
der Kaiser Wen-tsung und Wu-tsung.
84. ^ ^ Wei-siün,
Wtii'-siiln ^|| ^ lieu'kung kia-hoa lÖ.
Verzeichniss der vortrefflichen Reden des Fürsten von
dem Geschlechte Lieu. Von Wei-siün. 1 Buch.
Der Fürst von dem Geschlechte Lieu ist ^ ^ ^
Lieu-yü-sl. Derselbe ist in dem Buche der Thang
(Buch 93) Gegenstand eines besonderen Abschnittes.
85. Liü-ling kuan-hia ki,
Verzeichnungen der Obrigkeiten und Untergebenen von
Liü-ling. 2 Bücher.
86. Jg; ^ Lu-tse.
Lu'tse 886-16,
Verzeichnisse der Geschichtschreiber. Von Lu-tse.
Die Zahl der Bücher dieses Werkes ist unbekannt.
87. Lu'Ue ^^ S^ yi'88e.
Die verborgenen Geschichtschreiber. Von Lu-tse. 3 Bücher.
Der Verfasser dieses Werkea lebte in dem Zeiträume
Ta-tschung (847 bis 859 n. Chr.).
88. ^ ^ Li-rjin.
Li-yin ta-ihang khi-88€ ki.
Verzeichnungen wunderbarer Dinge des grossen Thang.
Von Li-yin. 10 Bücher.
Der Verfasser dieses Werkes lebte in dem Zeiträume
Hien-thung (860 bis 873 n. Chr.).
^^' Ä ^ ^ Tschin- 8cha0'thung.
Tschin-schao-thimg yeu-ki.
Verzeichnungen des Dunklen. Von Tschin-schao-thuog.
1 Buch.
90, ^ ^ Fan-t8cVü.
Fun-tsch'U yün-khi yeu-i.
B<jrathungen des Freundes des Wolkenbaches. Von Fan-
Ui<:Vii. 3 Bücher.
Chinesische Schriftwerke des 7. und 8. Jahrl^nndert« n. Chr. 173
Der Verfasser dieses Werkes lebte in dem Zeiträume
Hien-thung (860 bis 873 n. Chr.). Er nannte sich
den Menschen des Baches der fünf Wolken.
^^- ^t 31 1^ Wd-UcKi-khiii.
Wei'tsch^i'khiü nan-thsu sin-wen.
Neue Nachrichten von dem südlichen Thsu. Von Wei-
tsch'i-khiü. 3 Bücher.
Der Verfasser dieses Werkes lebte gegen das £ndc
der Zeiten der Thang.
^^' S^ @ TsMang-ku,
TscVarig-ku ^ pjä yen-hien khu-tacVvL
Das Trommeln und Blasen des Dunklen und Verborgenen.
Von Tsch'ang-ku. 1 Buch.
93. ^ ß^ Lteu-schi, das Geschlecht Lieu.
Lieu^schi tsa-schve.
Vermischte Besprechungen. Von dem Oeschlechte Lieu.
1 Buch,
94. Kuei-yen tsttng-tan.
Oesammelte Gespräche des Zimmtgartens. 1 Buch.
95. ti^ ^ Sschu'hiven lö,
Verzeichnisse gepflanzter Taglilien. 1 Buch.
96. Siing-Uchiuing lö,
Verzeichnisse des Fichten fensters. 1 Buch.
^'^' ^ BB Tschi-fhim lö.
Verzeichnisse der Felder der Unsterblichkeitspflanze.
1 Buch.
98. ^^ S^ «^ YÖ-thsiuen-tse,
Yö'thsiuen-tse kien-wen tschin-lö.
Wahre Verzeichnisse des Gesehenen und Gehörten. Von
Yö-thsiuen-tse. 5 Bücher.
99. ijl^ jfß^ Lieu-tsianq,
LieU'tsiang |^ |^ siang-siao lö.
Verzeichnisse von den Flüssen Siang und Siao. Von Lieu-
tsiang. 10 Bücher.
100. ^ "yg jj^ Hoang-fu'snng.
Hoang-fu'sung tsui-hiang je-yuS,
Die Tage und Monate des trunkenen Bezirkes. Von
Hoang-fu-sung. 3 Bücher.
174 Pfitnaiar.
101. 'H S ^ Ho-tse-jen.
Ho-tae-jen siao-lin.
Der Wald des Lachens. Von Ho-tse-jen. 3 Bücher.
102. j^ ^ ^ Tsiao-lu-khiung.
THao-lu'khiung schin-pi-yuen.
Der göttliche geheime Garten. Von Tsiao - lu - khiung.
10 Bücher.
103. ^ (^ + 9BJ) Pet-Ät«<7.
Pei-hing tschuen-kki.
Ueberlieferte Wunder. Von Pei-hing. 3 Bücher.
104. ^ fpf Lteukho.
Lieu-kko nieu-yang je-lu
Tagekalender der Rinder und Schafe. Von Lieu-kho. 1 Buch.
Dieses Werk wurde von dem früher vorgekommenen
Verfassern Nieu-seng-jü (Nr. 75) und Hoang-fu-sung
(Nr. 100) mit Einleitungen versehen.
105. fi }bC jH Fu-kiang-thsimg.
Pu-kiang-thsimg pe-yven tschuen.
Ueberlieferungen von dem weissen Affen. Von P'u-khiang-
thsung. 1 Buch.
106. ^ ^ Lö-yü.
LÖ-yü tsch'a-king.
Das mustergiltige Buch des Thees. Von Lö-yü. 3 Bücher.
107. ^ ^ ^ TscVang-yen^sin,
Tsch^ang-yen-sin thsien tsch^a-schui ku
Verzeichnungen von dem Sieden des Theewassers. Von
Tsch'ang-yeu-sin. 1 Buch.
108. ^ ^ Fung-yen.
Fung-yen tu thsien^pxi.
Fortsetzung der Register der Kupfermünzen. Von Fung-
yen. 1 Buch.
Das von Ku-hoan verfasste Werk: ^Register der
Kupfermünzen^ ist unter den Werken über Land-
wirthschaft (Nr. 11) verzeichnet worden.
ChiDBsische Schrinwerkn des 7. und 8. Jahrhunderts n. Chr. 17o
Werke ttber Sternkunde.
1. ^ ffl Tschao-ying.
T9chaO'ying tschil ^ '^ tsckeu-pi,
Erklärung der sich drehenden Hüften. Von Tchao-ying.
1 Buch.
TscheU'pi ;die sich drehende Hüfte' heisst ein altes
Werk über Sternkunde. ^^ Khuei ,die Hüften' ist
ein aus sechzehn Sternen bestehendes Sternbild des
westlichen Himmels. Dasselbe hat die Gestalt der
beiden Hüften.
2. ^ ijm^ Khien-luan.
Khienluan tschil tscheu-pi.
Erklärung der sich drehenden Hüften. Von Khien-luan.
1 Buch.
3. ^ fK TscKong-heng.
TscKang-heng ^^ ^^ ling-hien thu.
Zeichnungen der reingeistigen Vorbilder. Von Tsch'ang-
heng. 1 Buch.
4. Tsch'ang-heng ifi ^ hoen-tkien i.
Die Weise des ganzen Himmels. Von Tscli*ang-heng. 1 Buch.
^' 3E S Wang-fan,
Wavg-fan koen-thien sinng tschii.
Erklärung der Bilder des ganzen Himmels. Von Wang-
fan. 1 Buch.
^* ißL 1S Bfr Yao-sin-hm.
Yao-sin-hin ihien-liln,
Erörterungen über den Himmel. Von Yao-sin-hin. 1 Buch.
7. ^ ß^ Schrl'schi, das Geschlecht Schi.
Schi'Schi sing-king p'u-tsan.
Das mustergiltige Buch der Sterne. Mit Registern und
Lobpreisungen. Von dem Geschlechte Schi. 1 Buch.
Das Geschlecht Schi ist ^ ^ Schl-schin.
S* ]^ ^ ^ Yü-ki-ngan.
YUrhi-^ngan thien-lün,
Erörterungen des Himmels. Von Yü-hi-ngan. 1 Buch.
176 Pfixnaier.
y. "^ ^ Kan-üchi, das Oeschlecht Kan.
Sse-thsi-fä ,die viermal sieheo Vorschriften'. Von dem Oe-
schlechte Kan. 1 Buch.
Das Geschlecht Kan ist "^ ^ Kan-te.
10. ^Il ^ Lieu'piao.
LieU'piao ^|| king-tscheu sing-ischefi.
Die Beobachtung: <ler Sterne von King-tscheu. Von Lieu-
pao. 2 Bücher.
11- :^ ^ Z^eti-jiM?.
Lieu-jui king-tscheu sing-tschen.
Die Beobachtung der Sterne von King-tscheu. Von Lieu-
jui. 30 Bücher.
Thien-wen tst-tschen.
Gesammelte Beobachtungen aus der Himraeiskande.
3 Bücher.
13. jl^ ( B + Ifi) ^ Tm-hoantschu
Tsii'hoan-tschi thien-wen 16,
Verzeichnisse über Ilimmelskunde. Von Tsu-hoan-tscbi.
30 Bücher.
14- ® ^ Han-yang.
Hnn-yang thien-wen yao-tsi.
Sammlungen des Nothwendigsten der Himmelskunde. Von
Han-yang. 40 Bücher.
15. "jß^ y^ ^^ Kao-tven-hung.
Kao-wen-kung thien-wen hung-fhn,
Schräge Abbildungen aus der Himmelskunde. Von Kao-
wen-hung. 1 Buch.
16. ^ ^ U'Wen.
U'tcen fhien-wen fsä-tschen.
Vermischte Beobachtungen aus der Himmelskunde. Von
U-wen. 1 Buch.
17. ^ J^ Tschin-fschÖ.
Tschin-tschÖ sae-fang sing-tschen,
Beobachtungen der Sterne der vier Ge^^enden. Von Tschin-
tschö. 1 Buch.
Chinofiiflcbe Sehriftwerlte des 7. and 8. JabrbandertB n. Chr. 177
18. Tschin-tschÖ u-sing tschen.
Beobachtaogen der fünf Wandelsterne. Von Tschin-tschö.
1 Buch.
19. Tkien'-wen ifü-Uchen.
Gesammelte Beobachtungen aus der Hiromelskunde.
7 Bücher.
^* ^ f& Vti Sün-seng-hoa,
Sün-seng-hoa-teng sing-tschen,
Beobachtungen der Sterne. Von Sün-seng-hoa und Anderen.
33 Bücher.
21. ^ ^ Sse-thsung.
Sse-thsung schl-ni- jjf^ tse ni-schupä-sÖ sing'-tschen.
Beobachtungen der Sterne der zwölf Thierkreisbilder und der
acht und zwanzig Sternbilder. Von Sse-thsung. 12 Bücher.
22. j^ ^ TJ- Yü-ki'thsai.
YUrki'thaai ling-ihai pi-yuen.
Der geheime Garten der reingeistigen Erdstiife. Von Yü-
ki-thsai. 120 Bücher.
^^* ^k ^ (^ "^ ^k) Fung-hang-knei,
Fujig-hang-kuei hiuen-kt nei-sse.
Die inneren Sachen der himmelfarbenen Triebwerke. Von
Fung-hang-kuei. 7 Bücher.
24. Lün ni'8chi-pä'8Ö thu-su,
Erörterungen über die Zahl der Stufen der acht und zwanzig
Sternbilder. 1 Buch.
25. U'Sing ping-fä.
Die Kriegskunst der fünf Sterne. 1 Buch.
26. Hoang-lao sing-Uchen, »
Beobachtung der Sterne des gelben Weges (der Ecliptik).
1 Buch.
27. Hioo-king-nei ki-sing fhu,
Abbildungen der in dem Buche der Kindlichkeit ver-
zeichneten Sterne. 1 Buch.
28. ^ ^ j^ Li'Uchiin-fung.
Li-tschün-fung acht ^ 'S6 tschett-pi.
Erklärung der sich drehenden Hüften. Von Li-tschün-fung.
2 Bücher.
Ueber tsdieu-pi ,die sich drehenden Hüften' ist oben
(Nr. 1) Einiges gesagt worden.
Sitxaopber. d. phil-hist. Gl. XGIII. Bd. I. Hft. 12
178 Pfizmftier.
29. Thien-wen-tJichen.
Beobachtungen des Himmelsschmuckes. 1 Buch.
30. Ta-siang yuen-wen.
Der ursprüngliche Schmuck der grossen Bilder. 1 Buch.
31. Kkien'kkuen pi-ngao.
Die geheimen Tiefen des Himmels und der Erde. 7 Bücher.
32. Fä-siang tschi,
Denkwürdigkeiten von den Bildern der Vorschrift. 7 Bücher.
33. -^ Ig Wu-mt.
Wu-mi ku-kin thung-tschen- j^ hing.
Der gemeinsame Spiegel der Beobachtung für das Alter-
thum und die Gegenwart. Von Wu-ml. 30 Bücher.
34. Ta-thang khai-yuen tschen- ^tR hing.
Das mustergiltige Buch der Beobachtung für den zu dem
grossen Thang gehörenden Zeitraum Khai-yuen (713 bis
741 n. Chr.). 110 Bücher.
35. H; ^ Tung-ho,
Tung-ho thung-khien liin.
Durchgängige Erörterungen des Himmels. Von Tung-ho.
15 Bücher.
Der Name Tung-ho's ist eigentlich J^ Schün. Da
dieses der Name des Kaisers Hien-tsung war, ver-
änderte er seinen Namen zu 5|«p Ho.
Werke Ober Kalender and Rechenkunst.
1. ^ 1^1 LieU'hiang.
Lieii'hiang kieu-tachang tsckung-tach'a.
Die Schwere und der Unterschied der neun Abschnitte.
Von Lieu-hiang. 1 Buch.
"/L ^t, Kieu-tschang ,die neun Abschnitte' ist so
viel als ^ ^ kieu-kieu ^neunmal neun* ,die
Rechenkunst^
2- ^ ^ Srn-yö.
Siü-yÖ kieu-tschang saan-schÖ.
Die Rechenkunst der neun Abschnitte. Von Siü-yö.
9 Bücher.
ChinesUcbe Schriftwerke des 7. and 8. Jahr)iaiid«rts n. Chr. 179
3. Siü-yÖ suan-king yao-yung pe-fä,
Handert Vorschriften für den nothwendigen Gebrauch
des Rechenbuches. Von Siü-yö. 1 Buch.
4. Su-sehÖ ki'i,
Verzeichnung und Hinterlassung der Kunst des Zählens.
1 Buch.
^' 8R Ä ^ Tsch'ang-khieu-kien.
Tsch'ang'khieu-kien sKan-king.
Das mustergiltige Rechenbuch. Von Tsch'ang-khieu-kien.
1 Buch.
Die Erklärungen sind von dem unten (Nr. 7) ange-
führten Khien-luan.
^- M '^ H fi*«-*e«-y«wj-
Hia-heu-yang suan-king.
Das mustergiltige Rechenbuch. Von Hia-heu-yang. 1 Buch.
Die Erklärungen sind von dem unten (Nr. 7) ange-
führten Rhien-Iuan.
7. ^^ m^ Khiefn-luan,
Khien-luan khieu-tschung suan-king.
Das mustergiltige Buch der Rechenkunst der neun Ab-
schnitte. Von Khien-luan. 9 Bücher.
8. ^ ^^ ^ Sung-thsiuen-tscki.
Sung-thsiuen-tschi kieu-king schÖ-su,
Die weitere Erklärung der Kunst der neun mustergiltigen
Bücher. Von Sung-thsiuen-tschi. 9 Bücher.
9. lg) 0 Lieu'hoei.
Lieu-hoei hai-thcto suan-king.
Das mustei^iltige Buch der Rechnung der Inseln des
Meeres. 1 Buch.
10. LieU'hoei kieu-tchang tschung-tsch'a thu.
Abbildungen der Wichtigkeit und des Unterschiedes der
neun Abschnitte. Von Lieu-hoei. 1 Buch.
Lieu-yeu kieu-tschang tsä-suan wen.
Der Text vermischter Rechnung von den neun Abschnitten.
Von Lieu-yeu. 1 Buch.
12*
180 Pficmftier.
^^' ^ ^ ^ Yin-king-yü.
Yin-king-yü thst-hing suan-schÖ tliung-i.
Die allgemeine Weise der Kunst der Rechnung der sieben
mustergiltigen Bücher. Von Yin-king-yü. 7 Bücher.
13. ^ ^ Lieu-hin.
Lieu-hin ^£ jjß^ 6S san-thung-lu
Die Zeitrechnung der drei Leitungen. Von Lieu-hin. 1 Bach.
San-ihung ,die drei Leitungen' sind die Leitungen
des Himmels.
14. Sse-fen-ti.
Die Zeitrechnung der vier Theile. 1 Buch.
15. Ttii han-achu liÖ-ti tschi-echÖ.
Die Kunst der Auslegung der Denkwürdigkeiten der Zeit-
rechnung des Buches der Han. 1 Buch.
16. ^ ^^ Lieu-hung.
LieU'hung khien-siang tt-schö.
Die Kunst der Zeitrechnung der Bilder des Himmels.
Von Lieu-hung. 3 Bücher.
17. ^ j^ ^ Ho-sching-thien,
Ho-sching-ihien s\ing yuen-kia U.
Die Zeitrechnung des Zeitraumes Ynen-kia von Sunc^
(424 bis 443 n. Chr.). Von Ho-sching-thien. 2 Bücher.
Yii-kuang Hang fa-thung U,
Die Zeitrechnung des Zeitraumes Ta-thung von Liang
(535 bis 545 n. Chr.). Von Yü-kuang. 1 Buch.
19. J^ jf^ 4y^ Sün-seng-hoa.
SUn-seng-hoa heu-wei yung-ngan U,
Die Zeitrechnung des Zeitraumes Yung-ngan der späteren
Wei (528 bis 529 n. Chr.). Von Sün-seng-hoa. 1 Buch.
20. ^ H ^ Li-nie-hing,
Li-nik-hing heu-wei kiä U.
Zeitrechnung des Jahres Kiä-tse (544 n. Chr.) der späteren
Wei. Von Li-ni6-hing. 1 Buch.
21. Heu-wei wu-ting lt.
Zeitrechnung des Zeitraumes Wu-ting (543 bis 549
n. Chr.) der späteren Wei. 1 Buch.
Chinesische Schriftwerke des 7. und 8. Jahrhunderte n. Chr. 181
/
22. ^ Wr ä^ Sumj'king-nie.
Sung-king-nie pe-thnthien-pao h,
Zeitrechnung des Zeitraumes Thien-pao (5öO bis 559
n. Ghr.) des nördlichen Thsi. Von Sung-king-nie. 1 Buch.
23. Pe-ihsi kiä-tae yuen-li.
Die ursprüngliche Zeitrechnung des nördlichen Thsi seit
dem Jahre Kiä-thse (544 n. Chr.). 1 Buch.
24. 3£ ^ Wang-tan.
Wang-tari tscheu ta-siang lt.
Die Zeitrechnung des Zeitraumes Ta-siang von Tscheu
(580 bis 581 n. Chr.). Von Wang-tan. 2 Bücher.
25. il| P Ma-hien.
Ma-hien tscheu kiä-yin yuen U.
Die ursprüngliche Zeitrechnung von Tscheu seit dem
Jahre Kiä-yin (534 n. Chr.). Von Ma-hien: 1 Buch.
26. Tscheu kiä-tse yuen-ll.
Die ursprüngliche Zeitrechnung von Tscheu seit dem
Jahre Kiä-tse (544 n. Chr.). 1 Buch.
27. ^ :^ ]^ Lien-hiao-aün,
Lieu-hiaO'Sün sui khai-hoang fö.
Die Zeitrechnung des Zeitraumes Khai-hoang (581 bis
600 n. Chr.) von Sui. Von Lieu-hiao-sün. 1 Buch.
28. ^ ^ ;^ Li'te-Un.
Li-te-lin sui khai-hoang lt.
Die Zeitrechnung des Zeitraumes Khai-hoang von Sui
(581 bis 600 n. Chr.). Von Li-te-lin. ' 1 Buch.
^^' 5ß & ^ Tsch'ang-tsch'eu-hiuen.
TscVang-tscKeu-hiuen sui ta-nie lie.
Die Zeitrechnung des Zeitraumes Ta-nie von Sui (605 bis
616 n. Chr.). Von Tsch'ang-tsch'eu-hiuen. 1 Buch.
30. ^ ^ Kiang-schi ,das Geschlecht Kiang'.
Kiang-schi ^S li-schÖ.
Die Kunst des Kalenders. 3 Bücher.
31. ^ j^ Thsui'hao.
Thsui'hao U-schÖ,
Die Kunst des Kalenders. Von Thsui-hao. 1 Buch.
32. Li-je ke-hiung.
Die glücklichen und unglücklichen Tage des Kalenders.
1 Buch.
182 Pfizmaier.
33. :^ ^ Tschü-sse.
Tschü'Sse ^J ^ /:Ai[-Zet« king.
Das mustergiltige Buch der Wasseruhren. Von Tschü-sse.
1 Buch.
^' ^ ^ Swngf-Amgf.
Sung-king khl-leu Jdng.
Das mustergiltige Buch der Wasseruhren. Von Sung-king
1 Buch.
35. ^ ^ JH^ Li'tschün-fung.
^ <^ Tscheu-pi suan-king.
Das mustergiltige Buch der Rechnung der sich drehenden
Hüften. Von Li-tschün-fung. 2 Bücher.
Ein ähnliches Werk Li-tschün-fung's ist unter den
Werken über Sternkunde (Nr. 28) vollkommen.
36. Li-tschün-fung tachü kieu-tschang sman-achi.
Die Erklärung der Kunst der Rechnung der neun Ab-
schnitte. Von Li-tschün-fung. 9 Bücher.
37. Tschü kieu-tschang-king yao-liö.
Kurze Fassung der Erklärung des mustergiltigen Buches
neun Abschnitte. 1 Buch.
38. Tachü u-king suan-schö.
Erklärung der Kunst der Rechnung der fünf mustergiltigen
Bücher. 2 Bücher.
39. Tschü ^ J^ ^^ tsch'ang-khieu'kien siian-king.
Erklärung des von Tsch'ang-khieu-kien verfassten muster-
giltigen Rechenbuches. 3 Bücher.
Das Werk Tsch'ang-khieu-kiens's ist oben (Nr. 5)
verzeichnet worden.
40. Tschü j^ A hai'thao stian-king,
Erklärung des mustergiltigen Buches der Rechnung der
Inseln des Meeres. 1 Buch.
Das hier erklärte Werk ist früher (Nr. 9) verzeich-
net worden.
41. 'j^ ^ J;^ Fu-jin-kiün.
Fu-jin-ktün ta-thang meu-yin ft.
Kalender auf das Jahr Meu-yin (618 n. Chr.) des grossen
Thang. Von Fu-jin-kiün. 1 Buch.
^ ChifiMiBclie Schriftwerke dOH 7. und 8. Jithrhanderto n. Chr.. 183
42. Thang lin-te It,
Kalender auf den Zeitraum Lin-te (664 bis 665 v. Chr.)
von Thang. 1 Buch.
43. Ta^thang khi-leu hing.
Das mustergiltige Buch der Wasseruhren des grossen
Thang. 1 Buch.
44. ^ ^ Wang-pö.
Wang-pö thsien-aui lu
Kalender für tausend Jahre. Von Wang-pö.
Die Zahl der Bücher dieses Werkes ist unbekannt.
45. 1^ — ' ^ Seng-yt'hang.
Seiig-yi-hang ^^ ^ li-L
Berathungen über die Zeitrechnung. Von Seng-yl-hang.
10 Bücher.
46. ^ ;^ Lt'thsao.
Pflanzen der Zeitrechnung. 24 Bücher.
^'^' SP Sä P^'o-ying.
Pao-ying ^L ^ ^'^^^ ^•
Die Zeitrechnung der fünf Darlegungen. Von Pao-ying.
40 Bücher.
48. Kiefi-tschung tscking-yuen li,
^ Zeitrechnung der Zeiträume Kien-tschung (780 bis 783
n. Chr.) und Tsching-yuen (785 bis 804 n. Chr.). 2S Bücher.
49. §1^ & Lung-scheu,
Lung-scheu atuin-fä.
Die Vorschriften der Rechenkunst. Von Lung- scheu.
2 Bücher.
Der Verfasser lebte in dem Zeiträume Tsching-yuen
(785 bis 804 n. Chr.).
50. ^ j^ Tschang-khing,
Tschang-khing aiiLen-ming U.
Die verbreitete und beleuchtete Zeitrechnung. Von Tschang-
khing. 34 Bücher.
51. Tschang-lching siuen-ming Vi yao-liÖ.
Kurze Fassung der verbreiteten und beleuchteten Zeit-
rechnung Tschang-khing's. 1 Buch.
184 Pfizmaier.
Werke Qber Kriegskanst.
1. Hoang-ti wen ^ ]^ hiuen-niü fä.
Die Weise der Befragung der himmelfarbenen Tochter
(der Tochter des Himmels) durch den gelben Kaiser.
3 Bücher.
2. Hoang-ti ^ ^ yung-ping ^ ^ fä-kiue.
Die Weise des Gebrauches der Waffen durch den gelben
Kaiser. 1 Buch.
3. Thai'kung yin-meu.
Die geheimen Anschläge des grossen Fürsten. 3 Bücher.
]^ ^ Thai'kung ,der grosse Fürst' ist H ^
Liü-wang.
4. Thai-kung yin-meu san-scM-lö- K yy>^g'
Sechs und dreissig Anwendungen der geheimen Anschlüsse
des grossen Fürsten. 1 Buch.
5. ^ ^ Kin-kuei ^die goldene Kiste^ 2 Bücher.
6. yb ^ LÖ-thao ,die acht Köcher*. 6 Bücher. .
7. Wei'WU'ti, Kaiser Wu von Wei.
Wei^wU'ti tschil ]^ ^ sün-tse.
Die Erklärung Sün-tse's. Von Kaiser Wu von Wei. 3 Bucher.
Sün-tse ist ^ ^ Sün-wu.
8. Wei'WU'ti tu sün-tae ying-fä.
Fortgesetzte Erklärungen der Kriegskunst Sün-tse's. Von
dem Kaiser Wu von Wei. 2 Bücher.
9. ^ ^ Meng-schi, das Geschlecht Meng.
Meng-schi kiai sÜn-tse.
Die Auslegung Sün-tse's. Von dem Geschlechte Meng.
2 Bücher.
10. *^ ^ TscVin-yeu.
Tsch'in-yeu tschü sün-tse.
Erklärungen Sün-tse's. Von Tsch'in-yeu. 2 Bücher.
11. W y^ KioryL
Kia-yi tschü Ä -5^ u-tse ping-fä.
Die Erklärung der Kriegskunst U-tse's. Von Kia^jL 1 Buch.
TJ-tse ist Ä ^ U-khi.
CbinMiflclie Schriftwerke dee 7. und 8. Jahrhunderts n. Chr. • 185
12. ^ ^ -^ U'SÜn-Uey Sün-tse von U.
ü-sün-tse san-acki-ni-lui king.
Das mustergiltige Buch der zwei und dreissig Lagerwälle.
Von Sün-tse von U. 1 Buch.
13- ^ -^ i^ U-tse-siü.
U'tse-siü ping-fä.
Die Kriegskunst U-tse-siü's. 1 Buch.
14. Hoang-sdn-kung san-liÖ.
Die drei Entwürfe des Fürsten des gelben Steines. 3 Bücher.
Der Fürst des gelben Steines wird in der Geschichte
^ ^ Tsch'ang-liang's erwähnt.
15. J^ ^ Tsch'ing-schi, das Geschlecht Tsch'ing.
Tsch'ing-schi san-liö hiün,
Belehrung über die drei Entwürfe. Von dem Geschlechte
Tsch'ing. 3 Bücher.
16. ^ ^ TscVang-liang hing.
Das mustergiltige Buch Tsch'ang-liang's. 1 Buch.
17. ^ ^ Tsch'ang-schi thifl^pien.
Die sieben Hefte des Geschlechtes Tsch'ang. 7 Bücher.
Das Geschlecht Tsch'ang ist Tsch'ang-Iiang.
18. Wei-wen-H, Kaiser Wen von Wei.
Wei-wen-ti ^ ^S ping-schu yao-liö.
Das Waffenbuch des Kaisers Wen von Wei in kurzer
Fassung. 10 Bücher.
19. Sung-kaO't^Uj Kaiser Kao-tsu von Sung.
Sung-kaO'tsu ping-fä yao-UÖ,
Die Kriegskunst des Kaisers Kao-tsu von Sung in kurzer
Fassung. 1 Buch.
20. 19 ^ J^ Sse-ma-pieu.
Sse-ma-pieu ping-kL
Verzeichnungen von Waffenthaten. Von Sse-ma-pieu.
12 Bücher.
21. ^ ^HJIj Khwig-yen.
Khung-yen pvig-lin.
Der Wald der Waffen. Von Khung-yen. 6 Bücher.
22. Liang-wu-ti ping-fä.
Die Kriegskunst des Kaisers Wu von Liang. 1 Buch.
18b Pfixmaier.
23. Liang-yuen-tiy Kaiser Yuen vou Liang.
Liang-yuen-ti ^ ^ yÖ-thao.
Der Edelsteinköcher des Kaisers Yuen von Liang. 10 Bücher.
24. ^ ^ Lieu-yeu.
Lieu-yeu -^ €§ kin-thao.
Der goldene Köcher. Von Lieu-jeu. 10 Bücher.
25. m "ä Siao'ke,
SiaO'ke Idti-hai,
Das goldene Meer. Von Siao-ke. 47 Bücher.
26* PH^ 5^ ;Mf Tha(hhung-king.
Tkao-hung-king tscKin-jin schui-king.
Der Wasserspiegel der wahren Menschen. Von Thao-hung-
king. 10 Bücher.
27. U .Ü Ngö-king.
Der in der Hand gehaltene Spiegel. 3 Bücher.
28. 5 pg: Wang-liÖ.
Wang-liö ]^ ;k|( wu-lin.
Der Kriegswald. Von Wang-liö. 1 Buch.
29. Sui-kaO'tsu sin-tsiuen ping-schu.
Von Kaiser Kao-tsu von Sui neu zusammengestelltes
Waflfenbuch. 30 Bücher.
30. Sin-ping-fä.
Die neue Kriegskunst. 24 Bücher.
31. Yung-ping yao-schÖ.
Die kurzgefasste Kunst des Gebrauches der WaflFen.
1 Buch.
32. ^ :^ Ping-ki,
Die Triebwerke der WaflFen. 15 Bücher.
33. Ping tscVün-thsieu,
Der Frühling und Herbst der WaflFen. 1 Buch.
^- 3S ifci ^ Yö-t8ch*ang'king.
Das mustergiltige Buch der Edelsteinzelte. 1 Buch.
35. Ping-fä yün-khi Ij/^ ^ thui-tschen.
Die eröffnete Beobachtung der Wolkenluft der Kriegs-
kunst. 1 Buch.
36. ^ j^ Li'taing.
Li'Uing lö-kiün king.
Der Spiegel der sechs Kriegsheere. Von Li-tsing. 3 Bücher.
ChiDMiscbe Schriftwerke des 7. nnd 8. Jahrhunderts n. Chr. 187
37. ^ ^ «Jg^^ Li'tschün-fung,
Li'tschUn-fung hiuen-king.
Der aufgehängte Spiegel. Von Li-tschün-fung. 10 Bücher.
38. ^ {& Li'tsiuen,
Li'tsiuen tschü J^ -^ sün-tse.
Die Erklärung Sün-tse's. Von Li-tsiuen. 2 Bücher.
39. th d^ Ttt-md.
Die Erklärung Sün-tse's. Von Tu-mö. 3 Bücher.
^' }^ ^ Tschin-kao.
Tschin-kao tschü »ün-tse.
Die Erklärung Sün-tse^s. Von Tschin-kao. 1 Buch.
41. @ jj^ Kia-lin,
Kia-lin tschü sün-tse.
Die Erklärung Sün-tse's. Von Kia-lin. 1 Buch.
^'^' ^ m Sün-kiao.
Sün-kiao tschü Ä -^ u-tse.
Die Erklärung U-tse's. Von Sün-kiao. 1 Buch.
43. ^ ilig Li-Jkiao.
Li'kiao kinn-mtu thsien-kien.
Der vordere Spiegel der Kriegslisten. Von Li - kiao.
10 Bücher.
^ ^ ^ U'khing.
ü-khing ping-kia tsching-sse.
Die richtigen Vernjerker der Häuser der Waffen. Von
U-khing. 9 Bücher.
Werke über die fünf Gänge.
^. ^ U'hang ,die fünf Gänge* sind die fünf Grund-
stoffe. Sie heissen so, weil sie zwischen Himmel und Erde
umherziehen und niemals einen Stillstand machen.
iyse-su tschHn-sse king.
Das mustergiltige Buch des Versenkens in die Gedanken.
Von Sse-sit. 1 Buch.
188 Pfizmaier.
2. j^ ^ Tsiaa-schiy das Geschlecht Tsiao.
Tsiao-scki tscheu-t/i lin.
Der Wald der Verwandlungen der Tscheu. Von dem
Geschlechte Tsiao. 16 Bücher.
Das Gesohlecht Tsiao ist ^ ^ Tsiao-kung.
3. ^ ^ King-schiy das Geschlecht King.
King-schi tscheti-yi sse-schi heu.
Die Beobachtung der vier Zeiten der Verwandlungen der
Tscheu. Von dem Geschlechte King. 2 Bücher.
Das Geschlecht King ist ^ ^ King-fang.
4. King-schi tscheu-yi 5Sj fei heu.
Die Beobachtung des Fluges der Vorwandlungen der
Tscheu. Von dem Geschlechte King. 6 Bücher.
5. Tscheu-yl hoen-tün.
Das Ungeordnete der Verwandlungen der Tscheu. 4 Bücher.
6. Tscheu-yl ^^ ^K thsorhua.
Die vermischten Abrisse der Verwandlungen der Tscheu.
8 Bücher.
7. ^ ^ij Nie-lä ,da8 Verkehrte und Widersprechende^
3 Bücher.
8. JQ ^ Fei-schi ,des Geschlecht Fei'.
Fei'schi tscheu-yl ^ ^|J nte-lä (sehen tlisai-L
Das Verkehrte und Widersprechende der Verwandlungen
der Tscheu in Bezug auf die Wahrsagung von Unglück
und Seltsamkeiten. 12 Bücher.
Das Geschlecht Fei ist J& [j|[ Fei-tscKl.
9. FeUschi tscheu-yi lin.
Der Wald der Verwandlungen der Tseheu. Von dem-
selben Verfasser. 2 Bücher.
10. ^ ^ Thsui'schif das Geschlecht Thsui.
Thsui'scki tacheu-yt lin.
Der Wald der Verwandlungen der Tscheu. Von dem
Geschlechte Thsui. 16 Bücher.
Das Geschlecht Thsui ist -^ ^ Thsui- tachuen.
11- Mß ^ Tsching-hiuen.
Tsching-hiven tschii ^ ^ kieu-hmg ^ ^ hangldii hing.
Erklärung des mustergiltigen Buches der wandernden
Würfel der neun Paläste. Von Tschang-hiuen. 3 Bücher.
Chinesische Schriftwerke dos 7. and 8. Jahrhunderts n Chr. 189
12. i^ ^ Kuan-ln.
Knnn-Iu tschett-yi lin.
Der Wald der Verwandlungen der Tscheu. Von Kuan-lu.
4 Bücher.
13. Kuan-lu ]^ 'fö niao-tsing ^ ^ ni^-tsclien.
Verkehrte Wahrsagungen der Leidenschaft der Vögel.
Von demselben Verfasser. 1 Buch.
14. ^1^ |jlS| Tsck'dng-muan.
Tsch! ang-muan tscheu-yi lin.
Der Wald der Verwandlungen der Tscheu. Von Tsch'ang-
muan. 7 Bücher.
15. ^ ß^ Hiil'Schi, das Geschlecht Hiü.
Hiü-schi tscheu-yt tsä-t sehen.
Vermischte Wahrsagungen der Verwandlungen der Tscheu.
Von dem Geschlechte Hiü. 7 Bücher.
Das Geschlecht Hiü ist ff l^ Hiü-siün.
16. fp^ j^ Schang-kuang,
iSchang-kuang tscheu-yi tsä-tscken.
Vermischte Wahrsagungen der Verwandlungen der Tscheu.
Von Schang-kuang. 8 Bücher.
17. ]^ ^ H^«-«cAi, das Geschlecht Wu.
Wu'Schi tscheu-yt tsa-tschen.
Vermischte Wahrsagungen der Verwandlungen der Tscheu.
Von dem Geschlechte Wu. 8 Bücher.
^^- lÄ 'fÖ H Wei'pe-yang.
Wei-pe-yang tsckeu-yt ^^ ^ ^^ san-thung-khl.
Die zu Dreien gleichlautenden Beglaubigungsmarken der
Verwandlungen der Tscheu. Von Wei-pe-yang. 2 Bücher.
19. Wei-pe-yang tscheu-yt u-siang-lui.
Fünf einander ähnliche Dinge in den Verwandlungen der
Tscheu. Von demselben Verfasser. 1 Buch.
20. :^ ^ Siü-schi.
Siüschi tscheu-yi ^ »fc schi-tschen.
Die Wahrsagung durch die Wahrsagepflanze in den Ver-
wandlungen der Tscheu. Von dem Geschlechte Siü.
24 Bücher.
Das Geschlecht Siü ist ^ "^ SiU-miao.
190
Pfiinaier.
^^' ut ^ ^ Fo-man-yung.
Fo-mcm-yung tscheu-yi Un-lin.
Der gesammelte Wald der Verwandlungen der Tscheu.
Von Fö-man-yung. 12 Bücher.
22. ^ ^ Fidschi, das Geschlecht Fö.
Fudschi tseheu-yi M-lin.
Der gesammelte Wald der Verwandlungen der Tscheu.
Von dem Geschlechte Fö. 1 Buch.
23. 3|tt Ä Tu^schi, das Geschlecht Tu.
Tii'Schi sifi yt'Un tschen*
Wahrsagungen des neuen gesammelten Waldes der Ver-
wandlungen. Von dem Geschlechte Tu. 3 Bücher.
^'^* ^ 3£ Liang-yün,
Liang-yün tscheti-yl tsä-tschen schi-kiue wen.
Beurtheilung der Schriften über vermischte Wahrsagungen
durch die Wahraagepflanze in den Verwandlungen der
Tscheu. Von Liang-yün. 2 Bücher.
25. j^ m Yii^fan.
Yü-fan t8cheu-y% tst-lin i^ ^ Uö-ti.
Zeitrechnung des gesammelten Waldes der Verwandlungen
der Tscheu. Von Yü-fan. 1 Buch.
26. HJ ^ Kö-pö.
KÖ-pÖ tscheu-yi ^j^ jj^ji tkung-Un Idau
Auslegung des tiefen Waldes der Verwandlungen der
Tscheu. Von Kö-pö. 3 Bücher.
27. Liang-yuen-ti, Kaiser Yuen von Liang.
Liang-yuen-ti ^ ^| Uen-schan,
Die zusammenhängenden Berge. Von dem Kaiser Yuen
von Liang. 30 Bücher.
28. Liang-yuen-ti *^ jj^ thung-lin.
Der tiefe Wald. Von dem , Kaiser Yuen von Liang.
3 Bücher.
^^' lU ^ Kö-8chi, das Geschlecht Kö.
Kö'schi Ml j)^ yt-nao.
Das Gehirn der Verwandlungen. Von dem Geschlechte
Kö. 1 Buch.
30. Tächeu-yt luUcVing tacken.
Die auf der Stelle vollendeten Wahrsagungen der Ver-
wandlungen der Tscheu. 6 Bücher.
Chinesische Schriftwerke des 7. und H. Jahrhunderts n. Chr. 191
31. ^ Jl^ YUin.
Der Wald der Verwandlungen. 4 Bücher.
32. Tscheu-yi sin-lin.
Der neue Wald der Verwandlungen der Tscheu. 1 Buch.
^^* "^ ^^ ^ It-Ki^-ft.
Die Zeitrechnung der Verwandlungen. 1 Buch.
34. Tscheu-yt || ^ ß-yÖ fä.
Die Weise der Anwendung von Arzneien in den Ver-
wandlungen der Tscheu. 1 Buch.
35. ^ H # Yl-san-pi.
Drei Vorbereitungen der Verwandlungen. 3 Bücher.
36. ^ 'Hl Yi'sui.
Das Mark der Verwandlungen. 1 Buch.
37. Tscheu-yi wen,
Fragen über die Verwandlungen der Tscheu. 10 Bücher.
38. Tschev-yt tsä-thu $iti.
Vermischte Abbildungen der Verwandlungen der Tscheu.
Mit Einleitung. 1 Buch.
39. Tscheu-yi pärkua it* ^ teu-nei thu»
Abbildungen der acht Abrisse der Verwandlungen der
Tscheu in dem Inneren eines Nössels. 1 Buch.
40. Tscheu-yi nei-kua schin-schi /a.
Die Weise der göttlichen Wahrsagung nach den inneren
Abrissen der Verwandlungen der Tscheu. 2 Bücher.
41. Tscheti-'fi tsä ^ ^ schi-tschen.
Die vermischten Wahrsagungen in den Verwandlungen
der 'Tscheu. 4 Bücher.
42. -^ ^ Lao'tse ffgjji ^ schin-fu yi.
Die Verwandlungen nach dem göttlichen Abschnittsrohre
Lao-tse's. 1 Buch.
43. Hieuhking jj^ J^ yuen-schin.
Die ursprünglichen Sternbilder des mustergiltigen Buches
der Kindlichkeit. 2 Bücher.
44. Tut yuen-schin J^ '^ ngo-ming,
Darlegung des entschiedenen Befehles der ursprünglichen
Sternbilder. 1 Buch.
45. Yuen-schin ;£ tschang.
Der Abschnitt der ursprünglichen Sternbilder. 2 Bücher.
192 Pfizmaicr.
46. jr* J^ Ytten-schin.
Die ursprünglichen Sternbilder, 1 Buch.
47. Tfä-ynen-schin j^ ^ lö-ming.
Der Befehl für das Glück von Seite vermischter ursprüng-
licher Sternbilder. 2 Bücher.
48. ^ ^ Yt'fung.
Yl'fuftg J5[^ ^ fung-kiö yao-hen.
Die nothwendige Beobachtung der Ecken des Windes.
Von Yl-fung. 1 Buch.
49- i ^ Wang-tan.
Wang-tan ^^ ^ fung-kiö ^ 'fö lö-tsing ^ kine.
Beurtheilung der sechs Leidenschaften der Ecken des
Windes. Von W^ang-tan. 1 Buch.
50. "/(^ ^ Kicv-kung ^f^ ^& hang-ki tl'tsch'ing.
Die wandernden Würfel der neun Paläste auf der Stelle
zu Stande gekommen. 1 Buch.
51. 1^ ^ LÖ-ming schu.
Das Buch des Befehles ftir das Glück. 2 Bücher.
52. ^^ ^^ ^^ Lieu'hiao-kting.
Lievr-hiaO'kung ^^ ^ fung-kiÖ & 'fö niao-fsing.
Die Leidenschaft des Vogels für die Ecken des Windes,
Von Lieu-hiao-kung. 2 Bücher.
53. ^1^ Ipl ^ Niao-tsing-tschen.
Wahrsagungen der Leidenschaft des Vogels. 1 Buch.
^* JSL Ä ^^^9'^^'
Die Ecken des Windes. 10 Bücher.
55. Kleu-pin-king kiai.
Auslegung des mustergiltigen Buches der neun Classen.
3 Bücher.
56. ^ ^ Teng-tan king.
Das mustei^iltige Buch des Emporsteigens zu dem Erd-
altare. 1 Buch.
57. -^ — '* Thai-yl -^ ^ ta-ym ^ U.
Die Zeitrechnung der grossen Wanderung des grossen
Einzigen. 2 Bücher.
58. Ta-yeu thai-yt ß.
Die Zeitrechnung des grossen Einzigen der grossen Wan-
derung. 1 Blich.
CbinMisehe Schriftwerk« des 7. und 8. Jahrhnnderis n. Chr. 193
59. ^ ^g YaO'ling king.
Das mustergiltige Buch des leuchtenden Geistigen. 1 Buch.
60. ^ jB^ Thsi'tsching It,
Die Zeitrechnung der sieben Lenkungen. 1 Buch.
Die Zeitrechnung der sechs Zeichen Jin. 1 Buch.
62. Tut ni'ScfiX'Sse-khi lt.
Die Zeitrechnung der Darlegung der vier und zwanzig
Lüfte. 1 Buch.
63. That-yi ä.
Die Zeitrechnung des grossen Einzigen. 1 Buch.
64. "^ ^ ThsaO'Schi, das Geschlecht Thsao.
Tksao-schi hoang-ti j\^ jj^ sdn-king san-scht-lö- K y«wgf.
Sechs und dreissig Anwendungen des Musterbuches des
gelben Kaisers. Von dem Geschlechte Thsao. 1 Buch.
^* ^ I^ Hiuen-niü schi-king yao-kiuS.
Kurze Beurtheilung des Musterbuches der himmelfarbenen
Tochter. 1. Buch.
66. 1^ ^ Tung-schi, das Geschlecht Tnng.
Tung-achi -^ j||| "M* ta-lung-scheii schi-king.
Das Musterbuch des grossen Drachenhaiiptes. Von dem
Geschlechte Tung. 1 Buch.
^^' tS -^ Hoan-kung schi-king»
Das Musterbuch des Fürsten Hoan. 1 Buch.
68. -^jl^ ]^ Sung-kiien schi-king.
Das Musterbuch Sung-kuan*s. 1 Buch.
69. -^ -^ LÖ-jin schi-king tsä-tschen.
Vermischte Wahrsagungen des Musterbuches der sechs
Zeichen Jin. 9 Bücher.
70. ^ ,^ Lui-kung schi-king.
Das Musterbuch des Donnerfürsten. 1 Buch.
7L Hj^ — » Thai-yx schi-king.
Das Musterbuch des grossen Einzigen. 2 Bücher.
i2. Thai-yt schi-king tsä-tschen.
Vermischte Wahrsagungen des Musterbuches des grossen
Einzigen. 10 Bücher.
73. Hoang-ti lung-scheu king.
Das mustergiltige Buch des von dem gelben Kaiser ver-
fassten Drachenhauptes. 2 Bücher.
8itoaDg>h«r. d. phil.-hist. Ol. XCIII. Bd. I. Hft. y^
194 Pfiimaior.
74. Hoang-ti ^^ ^E tn-ling.
Das von dem gelben Kaiser gesammelte Geistige. 3 Bücher.
^^- [jk Ä -Ä Thaisse-kung, der grosse Fürst der Ge-
schiciitschreiber.
Thai-sse-kung wan-sui Vi.
Zeitrechnung für zehntausend Jahre. Von dem grossen
Fürsten der Geschichte. 1 Buch.
Der grosse Fürst der Geschichte ist ^ jS| ^
Sse-ma-tan.
76. Wan-sui'll j^ sse.
Die Opfer der Zeitrechnung von zehntausend Jahren.
2 Bücher.
^^' fi ^ Jtn-schi, das Geschlecht Jin.
Jin-schi thsten-sui ll-sse.
Die Opfer der Zeitrechnung von tausend Jahren. Von
dem Geschlechte Jin. 2 Bücher.
78. ^1^ jJH Tsch'ang-heng.
Tsch'ang-heng hoang-ti fei-niao lu
Die Zeitrechnung des fliegenden Vogels des gelben Kaisers.
Von Tsch'ang-heng. 1 Buch.
79. Thai-yl fei-niao It,
Die Zeitrechnung des fliegenden Vogels des grossen
Einzigen. 1 Buch.
80. Thai-yl kien-kung tsä-t sehen.
Vermischte Wahrsagungen der neun Paläste des grossen
Einzigen. 10 Bücher.
81* JU ^ Kien-kung king.
Das mustergiltige Buch der neun Paläste. 3 Bücher.
82. Öt fl& Kan-yä ll tschiL
Die Erklärung der Zeitrechnung von Himmel und Erde.
2 Bücher.
83. Jg^ j^ Yin-schao.
Yin-schao lioang-ti ÜH |£ sse-slil hin-yü.
Himmel und Erde in den vier Ordnungen des gelben
Kaisers. Von Yin-schao. 1 Buch.
8^- ^ fP Thi'tsie kcm-yü.
Himmel und Erde iu der Gliederung der Erde. 2 Bücher.
Chinesische Schrifiworko das 7. und 8. Jahrhunderte n. Chr. 195
85. ^ -^ ^ U-tse-siü.
ü'tse-sia |§ ^ tün-kiä wen.
Die Schrift der Entweichung vor dem (ersten cyclischen)
Zeichen Kiä. Von ü-tse-siü. 1 Buch.
86- ^ 135 ^ Äin-<u./an(7.
Sin-tufang |Bt K tiln-kiä hing.
Das mustergiltige Buch der Entweichung vor dem Zeichen
Kiä. 2 Bücher.
87. ^ ^ Kö-hing.
KÖ-kung ^^ y^ san-yuen tUn-kiä thu.
Abbildung der Entweichung vor den drei ursprünglichen
Zeichen Ki&. Von Kö-hung. 3 Bücher.
88. 1^ gj5f Hiü^fang.
Hiü-fang san-yuen tiln-kiä.
Die Entweichung vor den drei ursprünglichen Zeichen
Kiä. Von Hiü-fang. 6 Bücher.
89. 5|tt f\l Tu'Uchung,
Tu'tachung san-yuen tün-Jdä.
Die Entweichung vor den drei ursprünglichen Zeichen
Kiä. Von Tu-tschung. 1 Buch.
90. Ä ^ Ying-schi, das Geschlecht Ying.
Ying-schi tün-kiä Wä lj[j khi-schan thu.
Abbildung der vor dem Zeichen Kiä entweichenden Eröffnung
des Berges. Von dem Geschlechte Ying. 2 Bücher.
91. Tün-kiä king.
Das mustergiltige Buch der Entweichung vor dem Zeichen
Kiä. 10 Bücher.
92. Tün^kiä nang-ischung king.
Das in dem Sacke enthaltene mustergiltige Buch der Ent-
weichung vor dem Zeichen Kiä. 1 Buch.
93. Tün-kiä Ij^ ^ thui-yao.
Darlegung des Nothwendigen der Entweichung vor dem
Zeichen Kiä. 1 Buch.
94. Tün-kiä fj^ ^ pi-yao.
Die geheimen Erfordernisse der Entweichung vor dem
Zeichen Kiä. 1 Buch.
95. Tün-kiä kieu-sing lt.
Zeitrechnung der neun Sterne der Entweichung vor dem
Zeichen Kiä. 1 Buch.
13*
196 Pfizinti«r.
96. Tün-kiä TS — » wanyl ^ Idu^,
Eine Beurtkeilung der Eutw^ichung vor dem Zeichen Eiä
wie Zehntausend zu Eins. 3 Bücher.
97. San-yuen tün-klä li-tscKing tku.
Eine auf der Stelle zu Stande gebrachte Abbildung der
drei ursprünglichen Entweichungen vor dem Zeichen Eiä.
2 Bücher.
98. Tün-Idä ll-tsch'tug fä.
Die Weise, die Entweichung vor dem Zeichen Kiä auf
der Stelle zu Staude zu bringen. 3 Bücher.
99. Tün-kiä kieu'kung pä-men thu.
Abbildung der Entweichung vor dem Zeichen Kiä, von
den neun Palästen und von den neun Thoren. 1 Buch.
100. Tun- kiä ^ ^ san-khL
Die drei Wunder der Entweichung vor dem Zeichen Kia.
3 Bücher.
101. H Yang-tün-klä.
Die zu dem Yang gehörende Entweichuug vor dem Zeichen
Eiä. 9 Bücher.
102. ^ Yrntün-kiä.
Die zu dem Yin gehörende Entweichung vor dem Zeichen
Kiä. 9 Bücher.
103. ^ jj^ Tsang-king.
Das mustergiltige Buch der Bestattung. 2 Bücher.
104. ^ ^^ Tsang-scku jüj^ J^ thl-ml king.
Das Buch der Bestattung und das mustergiltige Buch der
Adern der Erde. 1 Buch.
105. ^^ ^^ Mu'Schu u-yiiu
Die fünf Verborgenheiten des Buches der Gräber. 1 Buch.
106. Tsä-mu thu.
Vermischte Abbildungen von Gräbern. 1 Buch.
107. ^ i|^ Tschen^teng king.
Das mustergiltige Buch der Wahrsagung aus der Lampe.
1 Buch.
108. Torihang thi-li king.
Das erdbeschreibende mustergiltige Buch des grossen
Thang. 10 Bücher.
Dieses Werk wurde in dem Zeiträume Tsching-kuan
(627 bis 649 n. Chr.) vorgelegt.
Chineriselia Schriftwerlce des 7. tmd 8. Jahrlmndert« n. Chr. 197
109. Ping-ho lÖ-mwg,
Der Befehl für das Glück von Seite der vereinigten
FIüBse. 2 Bücher.
110. % Jl^ ^ Sün-seng-hoa.
Sün-seng-hoa lÖ-kiä khai-thien ß.
Die den Himmel eröffnende Zeitrechnung der sechs Zeichen
Kiä. Von Sün-seng-hoa. 1 Buch.
111. J 3g^ Wang^tan.
Wang-tan thtii tschan-fu ho-schi tschan-fä,
Darlegung der Weise, um welche Zeit gebärende Weiber
gebären. Von Wang-tan. 1 Buch.
112. Hoen-kia-schu.
Das Buch der Heiraten. 2 Bücher.
^^^' /> "i Lö-jin taX-fei king.
Das mustergiltige Buch der unrechten Wahl der sechs
Zeichen Jin. 6 Bücher.
114. Ling-pao teng thu.
Abbildung der Ersteigung von Ling-pao. 1 Buch.
115. ^ dfc Liang-tachü, der Vorgesetzte von Liang.
Idang-tschü Ä yitig kvang-ming fu.
Das glänzende und helle Abschnittsrohr der Ehre. Von
dem Vorgesetzten von Liang. 12 Bücher.
116. Hoang-ti ^h schi-yung tschang-yang king.
Das von dem gelben Kaiser als Muster gebrauchte muster-
giltige Buch des beständigen Yang. 1 Buch.
117. Hoang-ti kiang-kiAe,
Die sich unterwerfenden Reiche des gelben Kaisers. 1 Buch.
118. Hoang-ti i\^ f^ teu-lt.
Die Zeitrechnung des gelben Kaisers nach dem Nössel
des Nordens. 1 Buch.
119. Khiü pe-sse yao-liö.
Die kurzen Erfordernisse, hundert Dinge ins Werk zu
setzen. 1 Buch.
äi ^ Tün-kiä kien-kung pä-men thu,
Abbildungen der Entweichung vor dem Zeichen Kiä, der
neun Paläste und der acht Thore. 1 Buch.
1-1. Tün-kiä san-yuen kien-kiä tt-tsch^ing.
Die Entweichung vor dem Zeichen Kiä, drei Ursprünge
und neun Kiä auf der Stelle vollendet. 1 Buch.
198 Pfiimaier.
122. ^ ^ Pe-acht thu.
Die Abbilduug des weissen Sumpfes.
123. Wu'Wang siü-yü.
Die kurzen Augenblicke des Königs Wu. 2 Bücher.
124. gjß ^ Sse-kuang.
Sae-kuang tachen-schu.
Das Buch der Wahrsagungen. Von Sse-kuang. 1 Buch.
125. M ':^ M Tnng-fang^sÖ.
Tung-fang-sÖ tschen-achu.
Das Buch der Wahrsagungen. Von Tung-fang-sö. 1 Buch.
126. Hoai-naU'Wang, der König von Hoai-nan.
Hoai-nan-xcang wan-pi achÖ.
Die Kunst der zehntausend Vollendungen. Von dem Könige
von Hoai-nan. 1 Buch.
127. H ^ Yö'tacJuin,
YÖ-tachan achin-khiü ling-hä.
Die göttlichen Thürangeln, die geistigen Wagenachsen.
Von Yö-tschan. 10 Bücher.
128. M) ^ ^ Lieu-tschan-aitin.
Lieu-tachan-aiiln kiuei-king.
Das mustergiltige Buch der Schildkröte. Von Lieu-tschan-
siün. 3 Bücher.
129. #P 10: ^ Lieu-acM-lung.
Lieu-achi'lung kuei-king.
Das mustergiltige Buch der Schildkröte. Von Lieu-schi-
lung. 3 Bücher.
130. ^ 9 'Si Lieu-pao-tackin.
Lieu-pao-tachin kuei-king»
Das mustergiltige Buch der Schildkröte. Von Lieu-pao-
tschin. 1 Buch.
131. 3E 3^ iS W^«wff-ÄMnflf-K.
Wang-hung-li kuei-klng.
Das mustergiltige Buch der Schildkröte. Von Wang-hung-
li. 1 Buch.
];J2. # ^ ^ Tachnang-too-ming.
Tachunug-lao-ming kuei-ki.
Das mustergiltige Buch der Schildkröte. Von Tschuang-
tao-ming. 1 Buch.
Chinesi'tche Schriftwerke des 7. nml 8. Jahrhunderts n. Chr. 199
133. ag '^ SiaO'ke,
Siao-ke ti-hang ki,
Verzeichnungen der fünf Grundstoffe. Von Siao-ke. 5 Bücher.
134. Siao-ke ^ jjg^ u-sing -:f. tsck^i king.
Das mustergiltige Buch der Wahl der fünf Geschlechts-
namen. Von Siao-ke. 20 Bücher.
135. ^ J^ Wang-tsan,
Wang-tsan sin-tsiuen yin-yang schu.
Das neu zusammengestellte Buch des Yin und Yang. Von
Wang-tsan. 30 Bücher.
136. p^ J^ -^ Thsing-u-tse,
Ein von Thsing-U-tse verfasstes Werk. 3 Bücher.
^^7- Ü^ j^ Tsang-king.
Das mustergiltige Bucli der Bestattung. 8 Bücher.
138. Dasselbe Werk in 10 Büchern.
139. ^ ^ Mu'thu li'tsch'ing.
Auf der Stelle vollendete Abbildungen von Gräbern. 1 Buch.
^^^- fP ]^ Kö-scUy das Geschlecht Ko.
KÖ'Schi jBl ji|4 ^J u-sing-mu thu yao-kiue.
Kurze Beurtheilungen der Abbildungen der Gräber der
fünf Geschlechter. Von dem Geschlechte Kö. 5 Bücher.
141. Jg ^ Tan-tschung >^ p fö-schi.
Die zu Boden liegenden Leichname in den Erdaltären.
1 Buch.
142. -^ j^ Hu-kiün.
Hu-kiiln hiueii-niü ffiS tan u-yin-fä j^ ^^ siang-tsch^ung king.
Das mustergiltige Buch der Weise der fünf Töne bei dem
Saitenspiele der Tochter des Himmelfarbenen und dasjenige
der Beobachtung der Grabhügel. Von Hu-kiün. 1 Buch.
143. "Q" )j^ Pe-kuai'schu.
Das Buch der hundert Wunder. 1 Buch.
144. ^^ ^^ Sse-tao king.
Das mustergiltige Buch des Herdopfers. 1 Buch.
145. Kiai-wen.
Die Auslegung des Textes dieses Buches. 1 Buch.
^^^' ^ ^ TscheU'Siuen.
Tscheusiuen i ^ Uchen-mung schu.
Das Buch der Deutung der Träume. Von Tscheu-siuen.
3 Bücher. -
200 Pfisaaier.
147. Dasselbe Werk in 2 Büchern.
1^' -^ Jfi ^ Sün^sst-mö.
Sün-sse-mö kuei-king.
Da« mustergiltige Bach der Schildkröte. Von Sün-sse-mö.
1 Buch.
149. Siin-ste-mö.
Sün-sse-mÖ 3t ^ß u-tscKao suan lang.
Das mustergiltige Buch der Berechnung der fiinf Arten
des Aufspringens der Schildkrötenschale. Von Sün-sse-mö.
1 Buch.
150. ^^ J^ Kuei'Schang ^E. ^|S «-^'cÄ'flö tung-yao-king kiue,
Beurtheilung des mustergiltigen Buches der Bewegung der
fünf Arten des Aufspringens der Schildkrötenschale über
der Schildkröte. 2 Bücher.
151. FÖ-lÖ lün,
Erörterungen über Segen und Glück. 3 Bücher.
152. ^ ^ Tschün-fung.
Tschün-fung sse-min fÖ-lö lün,
Erörterungen über Segen und Olück des Volkes der vier
Gegenden. Von Tschün-fung. 3 Bücher.
153. Tschün-fung,
Tschün-fung ^ ^& hinen-ngu king.
Das mustergiltige Buch der Aufmerksamkeit des Himmel-
farbenen. Von Tschün-fung. 3 Bücher.
154. H^ — • Thaüyl yuen-kien.
Der ursprüngliche Spiegel des grossen Einzigen. 5 Bücher.
155. Tschü fi} ^ tsching-hiuen kieu-khi fei-pien,
Erklärung des von Tsching-hiuen verfassten mustergiltigen
Buches der Veränderungen des Fluges der neun Fahnen.
1 Buch.
156. ^ yf^ 8an-yuen king.
Das mustergiltige Buch der drei ursprunglichen Dinge.
1 Buch.
157. Thai-yX 1^ ^ khiü-hoei |^ fu.
Das bilderlose Gedicht auf die Vereinigung der Thür-
angeln des grossen Einzigen. 1 Buch.
Die Erklärungen dieses Werkes sind von dem Kaiser
Hiuen-tsung.
ChinMiseh« Schriftwerke des 7. and 8. Jahrhundeits n. Chr. 201
1Ö8. ^ ^ ^ Thsui-tachUL '
Thaui'tschi'ti j^ tachan-tku,
Abbildungen der Geburt. Von Thsui-tachi-ti. 1 Buch.
159. H jj^ Liü'thsai,
Liü'ihsai yin-yang acku.
Das Buch des Tin und Yang. Von Liü-thsai. 53 Bücher.
160. 0 ^ Kuang-thai.
Ktiang-thsi yin-yang pe-ki li.
Die Zeitrechnung der hundert zu vermeidenden Dinge
des Yin^ und Yang. Von Euang-thsi. 1 Buch.
161. ;Ä ^ ]|jp| Yuen-fhien-kang.
Yuen-thien-kang "j^ siang-achu.
Das Buch der Beobachtung. Von Yuen-thien-kang. 7 Bücher.
162. 1^ ^ Yao-khiS.
Kurzgefasste Beurtheilungen. 3 Bücher.
^^^' ^ ^^ ^J Tachin-kung-tachao,
Tackin-kung-tachao thien-pao lu
Die Zeitrechnung des Zeitraumes Thien-pao. Von Tschin-
kung-tschao. 2 Bücher.
Der Inhalt dieses Werkes wurde in dem Zeiträume
Thien-pao (742 bis 755 n. Chr.) in Folge einer
höchsten Verkündung bestimmt.
^^* ^ ^ ^^ Tachao^thung-tachin.
TachiW'tkvng'tschin jl§f^ tan hing.
Das mustergiltige Buch der Erdaltäre. Von Tschao-thung-
tschin. 1 Buch.
165. ^ ;^ Li'han.
Li-han ^ ^S P^^^'^^n^ schu.
Das Buch der Inseln Pung-lai und Ying-tscheu. Von Li-
han. 3 Bücher.
166. g Jlfc Kia-tan.
Kia-tan thang thät-aching lu
Die Zeitrechnung der sieben höchstweisen Männer von
Thang. Von Eia-tan. 1 Buch.
167. ^^ jÄ ^M Li-yuen-lung,
Li-yuen-lung ^P- ki ^^ S. acking-i U,
Dargelegte Zeitrechnung der höchstweisen Männer und
der Merkwürdigkeiten. Von Li-yuen-lung. 1 Buch.
202 Pfiimaier.
168. W ^^ ^fe Ten-wci-ngao,
Tetirfoei-ngao kuang ku-kin U'hang ki.
Das Alterthum und die Gegenwart erweiternde Ver-
zeichnungen der fünf Grundstoffe. Von Teu - wei - ngao.
30 Bücher.
169. W ;J8|| ^ Ilia-tsiao-tse.
PÖ-yang hia-tsiao-tse u-hang ^ tschi,
Denkwürdigkeiten von den fünf Grundstoffen. Von Hia-
tsiao-tse von Pö-yang. 5 Bücher.
170. LÖ-ming jin-yuen king.
Das mustergiltige Buch des Ursprünglichen des Menschen,
des Befehles für das Glück. 3 Bücher.
^'^^- ^ fi 3fe Yang-lung-kuaiig.
Yang-lung-kvang 'Jjl^ ^f hit-ki Ib-ming ^ jS ngo-liln
^ seht.
Das Gedicht der Darlegung und Berechnung des Befehles
für das Glück und des entschiedenen Looses. Von Yang-
lung-kuang. 1 Buch.
172. ^ ^ V^ Wang-hi-mmg,
Wang-hi-ming thai-yi kin-king ^T seht king.
Das mustergiltige Buch des Musters des goldenen Spiegels
des grossen Einzigen. Von Wang-hi-ming. 10 Bücher.
Dieses Werk wurde in dem Zeiträume Khai-yuen
(713 bis 741 n. Chr.) in Folge einer höchsten Ver-
kündung zusammengestellt.
173. 'j^ — • ^fy ^ — - Seng-yt-hang-thien-yi,
Seng-yi-hang-thum-yi Uai-yi king.
Das mustergiltige Buch des grossen Einzigen. Von Seng-
yl-hang-thien-yl. 1 Buch.
1 74. Seng-yi-hang-thlen-yt.
Seng-yt-hang-thien-yl ^ K tün-kiä scln-pä- J^ khiö-
Achtzehn Gemächer der Entweichung vor dem Zeichen
Kiä. Von Seng-yl-hang-thien-yl. 1 Buch.
175. HJ^ — • ^ Thai-yi-khiÖ tün-kiä king.
Das mustergiltige Buch des Entweiche ns vor dem Zeichen
Kia in das Gemach des grossen Einzigen. 1 Buch.
Chineaiscbc Schriftwerke dos 7. and 8. Jahrhunderts n. Chr. 203
176. ^ «^ U-ym thi'li hing.
Das erdbeschreibende mustergiltige Buch in fünf Lauten.
15 Bücher.
177. ^ -^ Lö-jin ming-king lien-tschü ko.
Gesänge der gereihten Perlen des glänzenden Spiegels
der sechs Zeichen Jin. 1 Buch.
178. Lö-jin ^^ sui hing.
Das mustergiltige Buch des Markes der sechs Zeichen
Jin. 3 Bücher.
17^- iB| ^ Ma-aien.
Ma-sien thien-pao thai-yi ling-ying j^ schi-ku
Verzeichnungen von Mustern der geistigen Entsprechun-
gen des grossen Einzigen in dem Zeiträume Thien-pao
(742 bis 755 n. Chr.). Von Ma-sien. 5 Bücher.
180. ^ ^ Ip^ LUing-tso.
Li'ting-tso lieii-tschü ming-king-scki king.
Das mustergiltige Buch der Muster des glänzenden Spiegels
der gereihten Perlen. Von Li-ting-tso. 10 Bücher.
Dieses Werk wurde in dem Zeiträume Khai-yö
(681 n. Chr.) dem Kaiser vorgelegt.
181. SP 3* j& Siao-kiün-taing,
Siao-kiürt'tsing iün-kiä thu,
Abbildung der Entweichung vor dem Zeichen Kid. Von
Siao-kiün-tsing.
Der Verfasser war in dem Zeiträume Khai-yuen
(713 bis 741 n. Chr.) Vorgesetzter der Register in
dem Gebäude der kleinen Diener. Er setzte in Folge
einer höchsten Verkündung dieses Werk zusammen.
Die Zahl der Bücher ist unbekannt.
^82. ^ i^ ^ Sse-ma-jang.
Sse-ma-jang tün-kiä 4^ fu pao-toan-sni Mng kve-ti.
Das Abschnittsrohr des Entweichens vor dem Zeichen
Kiä; das mustergiltige Buch der zehntausend Jahre^ die
Zeitrechnung des Reiches. 1 Buch.
Sse-ma-jang stellte dieses Werk in Gemeinschaft mit
seinem jüngeren Bruder 3Ät Yo zusammen.
204 Pfismaier.
183. 1^ ± (fh + ^) Thsao'sse'kuei.
Thsao-sse-kuei kin-khvei hing.
Das niustergiltige Buch der goldenen Kiste. Von Thsao-
sse-khuei. 3 Bücher.
184. J| i^ Ma-Mung.
Ma-hiung )^ ^g kiang-nang king.
Das mustergiltige Buch des hochrothen Sackes. Von Ma-
hiung. 1 Buch.
185. ^ JH Li'tsiiig.
Li-tsing yÖ-tsch'ang king.
Das mustergiltige Buch des Edelsteinzeltes. Von Li-tsing.
1 Buch.
186. ^^ ^ Li'tsiuen,
Li'tsiuen -^ -^ lö-jin thai-yÖ-t schwang ko.
Gesänge auf die sechs Zeichen Jin und das grosse Edel-
steinzelt. Von Li-tsiuen. 10 Bücher.
187. ^ ;^ jß^ Wang-schÖ-tsching.
Wang-schÖ'tsching tui thai-sid kang-nien ke-hinng J^ ngu
Darlegung von Glück, Unheil und Gefährlichkeit des
grossen Jahres, der wandelnden Jahre. Von Wang-schö-
tsching. 1 Buch.
1H8. ^ ^ -^ ^ Yeu'iigu-kung yö. Yö, Fürst von Yeu-ngu.
Yeu-ngU'kxuuj yö ^ fsang-king.
Das mustergiltige Buch der Bestattung. Von Yö, Fürsten
von Yeu-ngu. 3 Bücher.
1«D. ^ ^ % Sün-kUjung,
Siln-ki-yung tsang- pg fan.
Die Muster der Bestattung. Von Sün-ki-yung. 3 Bücher.
HO. J^ ^ jQ Lu-tschting-yuen.
Lu'Uchung-yuen ^ mtmgschu.
Das Buch der Träume. Von Lu-tschung-yuen. 4 Bücher.
Der Verfasser dieses Werkes lebte in dem Zeiträume
Khai-yuen (713 bis 741 n. Chr.).
HM. M) ^ Lieti'tsan.
Lieu'tsan ^ ^ viung-tsiuen.
Das Ausgezeichnete der Träume. Von Lieu-tsan. 1 Buch.
Chinesische Schriftwerke des 7. nnd 8. Jahrhooderts n. Chr. 205
Werke Aber das ^ ^ thsu-sse ^die Worte von ThsnS
^' 3E jlfe Wang^yi,
Wang-yi tschü thsu-sse,
Erklärung der Worte von Thsu. Von Wang-yl. 16 Bücher.
2. HJ ^ Kö-p6.
Kö-pÖ tschii thsu'sse.
Erklärung der Worte von Thsu. Von Kö-pö. 10 Bücher.
3. ^ ^ Yang-mö.
Yang-mö thsu-sse Jjj 'tö. kieii-tiao.
Die neun schmerzlichen Dinge der Worte von Thsu.
Von Yang-mö. 1 Buch.
4. ^ ^^ Lieu ngao,
Ldeu-ngao U-sao thsao-md tschung-yü su.
Weitere Erklärungen der in dem Li-sao (einem Theile
der Worte von Thsu) vorkommenden Pflanzen und Bäume,
Insecten und Fische. Von Lieu-ngao. 2 Bücher.
5. ^^ ^ Meng-ngao.
Meng-ngao thsu-sse yin.
Die Laute der Worte von Thsu. Von Meng-ngao. 1 Buch.
6. ^ ^ Siü-mö.
Siü-mö thsu-sse yin.
Die Laute der Worte von Thsu. Von Siü-mö. 1 Buch.
7. TH ^S^ ^^ Senq-iao-kluen.
Seng-tao-khien thsu-sse yin.
Die Laute der Worte von Thsu. Von Seng-tao-khien. 1 Buch.
Das obige Verzeichniss enthält von sieben Verfassern
sieben Werke in zwei und dreissig Büchern.
Bei den Werken über das Buch der Gedichte zählt man
fünf und zwanzig Verfasser, ein und dreissig Werke und drei
hundert zwei und dreissig Bücher. Die Namen von drei Ver-
fassern sind unbekannt.
Bei den Erklärungen der mustergiltigen Bücher zählt man
neunzehn Verfasser, sechzehn Werke und drei hundert ein und
achtzig Bücher. Der Name eines Verfassers ist unbekannt.
20G PfUmaior. Chinesifche Schriftwerke des 7. und 8. Jahrhonderts n Cbr.
Bei den Werken des kleinen Lernens zählt man neun und
sechzig Verfasser, hundert drei Werke und sieben hundert ein
und zwanzig Bücher. Die Namen von drei und zwanzig Ver-
fassern sind unbekannt.
Bei den Werken über Landwirthschaft zählt man neunzehn
Verfasser, sechs und zwanzig Werke und zwei hundert fünf
und dreissig Bücher. Die Namen von sechs Verfassern sind
unbekannt.
Bei den Werken des kleinen Sprechens zählt man neun
und dreissig Verfasser, ein und vierzig Werke und drei hundert
acht Bücher. Die Namen von zwei Verfassern sind unbekannt.
Bei den Werken über Sternkunde zählt man zwanzig Ver-
fasser, dreissig Werke und drei hundert sechs Bücher. Die
Namen von sechs Verfassern sind unbekannt.
Bei den Werken über Kalender und Rechenkunst zählt
man sechs und dreissig Verfasser, fünf und siebzig Werke und
zwei hundert sieben und dreissig Bücher. Die Namen von fünf
Verfassern sind unbekannt.
Bei den Werken über Kriegskunst zählt man drei und
zwanzig Verfasser, sechzig Werke und drei hundert neunzehn
Bücher.
Bei den Werken über die fünf Gänge zählt man sechzig
Verfasser, hundert sechzig Werke und sechs hundert sieben
und vierzig Bücher. Die Namen von fünf und sechzig Ver-
fassern sind unbekannt.
SITZUNGSBERICHTE
DER
KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN
PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE CLASSE.
Xeill. BAND. II. HEFT.
JAHRGANG 1879. — FEBRUAR.
IV. SITZUNG VOM 5. FEBRUAR 1879.
Das c. M. Herr Professor Dr. J. Ä. Tomaschek in
Wien überreicht der Classe den zweiten Band der von ihm
bearbeiteten ^Rechte und Freiheiten der Stadt Wien^
Von dem mit Unterstützung der kais. Akademie erschie-
nenen Werke Dudik's ^Schweden in Böhmen und Mähren
1640 — 1650^ werden die Pflichtexemplare vorgelegt.
Das w. M. Herr Regierungsrath Dr. Sehen kl legt eine
Abhandlung des Herrn Dr. Michael Petschenig in Graz vor^
^«reiche betitelt ist: ^Beiträge zur Textkritik der Scriptores
historiae Augustae^^ und um deren Aufnahme in die Sitzungs-
berichte von dem Verfasser ersucht wird.
Herr Dr. Lothar Ritter von Dargun in Wien überreicht
eine Abhandlung : ,Die Entwicklungsgeschichte des Eigenthums'
mit dem Ersuchen um ihre Aufnahme in die Sitzungsberichte.
Als Delegirte der kais. Akademie in die Centraldirection
der yMonumenta historiae Germaniae' wurden mit einer vier-
jährigen Functionsdauer wiedergewählt: das w. M. Herr Hofrath
Dr. Sickel in Wien und das c. M. Herr Professor Dr. Stumpf-
Brentano in Innsbruck.
SitBiugalMr. d. phil.-hisi Ol. XCIII. Bd. H. Hft. U
210
An Druckschriften wurden vorgelegt:
Akademie der Wissenschaften, königl. Prenssische, zu Berlin: Monatsbericht.
September und October 1878. Berlin, 1879; 8».
Gavaleri Michele: II Mnseo Gavaleri e il Manicipio di Milano. MiUdo,
1875; gr. 4«.
Kiel, Universitfit: Schriften aus dem Jahre 1877. Band XXIV. Kiel, 1878; i\
Leseverein, akademischer, in Lemberg: Bericht für das Jahr 1877/78.
Lw6w, 1878; 8«.
Mittheilungen, archäologisch - epigraphische, aus Oesterreich. Jahrgang II,
Heft 2. Wien, 1878; 8«.
— aus Justus Perthes' geographischer Anstalt von Dr. A. Petermann.
XXV. Band. 1879. I. Gotha; 40.
,Reyue politique et litt^raire* et ,Revue scientifique de la France et de
l'Etranger». VIH« ann^e, 2* s6rie, Nr. 30 et 31. Paris, 1879; 40.
Schwickert, Job. Jos. Dr.: CommentationisPindaricae emendationis studlosae
atque explanationis liber singularis adjecta Terentiani loci selecti emen-
datione. Augustae Trevirorum, 1878; 4^
Soci^t^ d*£mulation d'Abbeville: Mdmoires. 3« särie. 2« vol. (1873-1876).
Abbeville, 1878; 80.
Society, the royal bistorical: Transactions. Vol. VII. London, 1878; 8^
Verein fElr Hamburgische Geschichte: Mittheilungen. II. Jahrgang. Nr. 1,
2 und 3. Hamburg, 1878/79; 80.
— historischer, für Niederbaiem *. Verhandlungen. XIX. Band. 3. und 4. Heft.
Landshht, 1877; 8^.
— miIiUir-wis.sen.schnftIichcr, in Wien: Organ. XVIII. Band, 1. Heft, 1879.
Wien; 80.
V. SITZUNG VOM 12. FEBRUAR 1879.
Die k.k. Kriegs- Archivs-Direction übermittelt ein Exemplar
des Repertoriums der in dem genannten Archive vorhandenen
gezeichneten Karten und Pläne.
Das w. M. Herr Professor Dr. L. von Stein legt eine für
die Sitzungsberichte bestimmte Abhandlung unter dem Titel:
,Die Entwickelung der Staatswissenschaft bei den Griechen' vor.
An Drucksohriften worden vorgelegt:
Academy, the California, of Sciences: Proceedings. Vol. VI. 1875. San
Francisco, 1875; 80. — Vol. VIl. Part. I. 1876. San Francisco, 1877; 8«.
Bibliothiqae de TEcoIe des Charles: Revue d'^rudition. XXXIX« ann^e
1878. 6« et 6« livraisons. Paris, 1878; 80.
Doli sie Leopold: Notice sur unManuscrit de Lyon renfermant une ancieune
Version latine in^dite de trois Hvres du Pentatenquc. Paris, 1879 ; Folio.
Gesellschaft, deutsche, für Natur- und Völkerkunde Ostasiens. 16. Heft.
December 1878. Yokohama; Folio.
— k. k. mShrisch-schlesische, zur Beförderung des Ackerbaues, der Natur-
nnd Landeskunde: Schriften. XXIII. Band. Brunn, 1878; 4^
Hamburg, Stadtbibliothek: Oelegenheitsschriften. 3 Stück. 4«.
Harsyerein: Urkunden der Stadt Halberstadt. 1. Theil; von Dr. Gustav
Schmidt. Halle, 1878; 8°.
»Revue politiqne et litt^raire* et ,Revue scientifique de la France et de
l'Etranger*. VIII« annee. 2« s^rie. Nr. 32. Paris, 1879; 4«.
14*
212
Society, the American philoRophical : Proceedings. Vol. XVII. Nr. 101.
Philadelphia, 1878; 8».
Catalogrue. Library. Part III. Philadelphia, 1878; 8».
— the royal g^eog^phical: Proceedings and Monthly Record of Geography.
Vol. I. Nr. 2. Febmary. 1879. London; 8«.
United States, Department of the Interior: Bulletin of gceolog^cal and
geographica! Snrvey of the Territories. Vol. IV. Nr. 3. Washington,
1878; 80.
SteiD. Die EntwicUang der StMtewisseiuchaft bei den Griechen. 213
Die Entwicklung der Staatswissenschaft bei den
Griechen.
Von
Prof. Dr. Iiorens Bitter von Stein,
wirkl. Mitgliede der knie. Akademie der Wisttenschaffeen.
Wenig Widerspruch glauben wir zu erfahren, wenn wir
si^en, dass der höchste Fortschritt aller Wissenschaft da beginnt,
wo nicht mehr von den Dingen allein der Mensch lernt, sondern
wo die eine Wissenschaft von der anderen zu lernen und jede
sich mit den Ergebnissen dessen zu erfüllen versteht, was die
anderen leisten. Das aber kann wieder in einem Zweifachen
bestehen, den Resultaten der Forschung und der Methode
vermöge deren jene gewonnen wurden.
Nun wissen wir, dass die zwei grossen Gebiete der mensch-
lichen Erkenntniss der Dinge, die als die philosophische und
naturwissenschaftliche so alt sind wie das Erkennen selbst,
ihre grossen Bahnen, einst selbständig neben einander laufend,
jetzt zu kreuzen beginnen. Es ist nicht unsere Sache, diesen
Process hier weiter zu verfolgen. Allein die Gewalt, welche
in demselben die Resultate der Beobachtung über die des
organischen Begriffslebens ausüben, wird für Verständige zum
Nachdenken über die Methode durch welche jene errungen
werden, und zur Frage ob und wie weit diese Methode auch
f&r die Erkenntniss der geistigen W^elt eine berechtigte sein
könne und solle. Dass sie dies aber ist, müssen wir zeigen,
bevor wir zu den Resultaten gelangen die aus ihr hervorgehen.
Diese Methode besteht nun darin, dass jene Richtung
der Arbeit der menschlichen Erkenntniss bei keiner Erscheinung,
möge sie Namen und Form haben welche sie will, stehen bleibt,
214 stein.
sondern unermüdlich trachtet dieselbe in ihre Elemente aufzu-
lösen, und jedes dieser Elemente dann der sinnlichen Wahr-
nehmung in seiner Körperlichkeit darzulegen. Dabei kennt sie
genau den Process und die Factoren, durch welche sie die
Auflösung einer solchen scheinbaren Einheit erzielt, misst und
bestimmt ihn selbst und seine Stadien auf das Genaueste, und
verfolgt mit derselben Genauigkeit den Process, durch welchen
die so gewonnenen Elemente sich wieder in tausendfacher Weise
verbinden, neue Körperlichkeiten erzeugend. So ist sie über
nichts unsicher und ungewiss, weil sie mit den Sinnen für die
Sinne arbeitet; denn der Sinn kann an der Gewissheit seiner
selbst durch sich selber nicht zweifeln. Das grosse Gesammt-
ergebniss aber das schon die ältesten Denker geahnt, das jetzt
aber mit der ganzen Gewalt unwiderstehlicher Thatsachen die
Erkenntniss erfüllt, ist eine Weltanschauung, deren Wahrheit
in dem fassbaren gegenseitigen Bedingtsein aller Bewegungen
liegt, welche Bewegung aller Atome für den Menschen als
' Sinnesempfindung zur Erscheinung gelangt, so dass die Natur-
wissenschaft im höheren Sinne des Wortes die gewaltige Kraft
in sich trägt, auch von der einzelnsten Empfindung aus mit
Schritten, deren jeder wieder seine volle Gewissheit in sich
selber trägt, zur Erkenntniss des Ganzen der Welt und seiner
ewig harmonischen Bewegung zu gelangen, welche Bewegung
sie das Leben der Natur nennt.
Neben dieser Methode steht aber die zweite, auch ihrer-
seits wie jene durch die Natur ihres Inhalts bedingt. Denn
in den beobachteten Dingen lebt etwas, das durch keinen
augenblicklichen Zustand erschöpft, das Werden und den
Wechsel der beobachteten Erscheinung erzeugt. Es ist da, und
doch kann ich es nicht empfinden, weil alles Empfinden nur
ein mechanischer Process ist. Sein Dasein aber bestimmt mich
nicht weniger als seine Erscheinung. Der Process aber, mit
welchem ich dieses innere Sein des Daseienden erfasse, nenne
ich das Denken. Wie nun die sinnliche Empfindung nicht blos
den mechanischen Eindruck, sondern auch seine Begränzung
umfasst, und durch die Einheit beider sich die Vorstellung
von dem bildet was wir einen Körper nennen, so gestaltet
sich auch das Denken zum Denken eines bestimmten inneren
Seins, und dies Denken der bestimmten Kraft, welche in
Di« Entwieklong der StaaUwiwonBChftft bei den Griechen. 215
der Verschiedenheit der sinnlichen bestimmten Erscheinungen
d&s innere Sein derselben und ihre Gleichheit bildet^ ist der
Begriff. Während ich also Bestimmung und Begränzung der
Erscheinung äusserlich durch den Sinn empfange, muss ich
das Bestimmtsein des Wesens der letzteren innerlich selbst
setzen. Der Begriff ist daher keine Empfindung und kein Ein-
druck, sondern eine That. Als solche ist er wieder die Resul-
tante einerseits meiner individuellen schöpferischen, und anderer-
seits derjenigen mir noch äusserlichen Kraft, welche eben das
lebendige Wesen der Erscheinung bildet. Nun kann man dieses
alles auch in anderer Weise denken, obwohl zuletzt wenig
Unterschied im letzten Resultat sein wird. Klar ist es aber,
dass damit alles was Denken und Begriff heisst, mindestens
mit seiner einen Hälfte in das Gebiet der Individualität fällt,
so dass zwar das Streben nach dem* Begriffe allen gemein, der
Begriff selbst aber in jedem Geiste ein individueller, das ist ver-
schiedener ist ; und dass dem so sein kann sehen wir täglich ja
auch an dem Täglichen, das uns bei andern entgegentritt. Die
Folge aber davon ist, dass jeder mit demselben Worte etwas oft
sehr von dem andern Verschiedenes sagt, so dass es nicht selten
mehr Mühe kostet zu begreifen, was der andere meint, als was
man selber gesagt zu haben glaubt. Da nun aber keiner das
Ganze weiss, sondern erst die Gemeinschaft der Arbeit auch in
der geistigen Welt Inhalt und Bedingung dessen ist, was jeder
geistig erwirbt und besitzt, so gibt es nichts, was eben diese
in Gegenseitigkeit und Gemeinschaft beruhende geistige Ent-
wicklung so sehr erschwerte, als eben jene individuelle Ver-
schiedenheit in Denken und Begriff, die um so schwieriger zu
bewältigen, ja zu erkennen ist, als sie sich meistens zugleich
unter völliger formaler Gleichheit der Worte verbirgt. Und
das ist es nun, wodurch das Leben der Gedanken nicht blos
so tief verschieden wird von dem der Beobachtung, sondera
wodurch auch die Entwicklung beider eine keinesweges gleich-
massige geworden ist. Denn das haben die Naturwissenschaften
vor den philosophischen voraus, dass Niemand über den ganz
bestimmten Sinn ihrer Worte in Zweifel ist, und dass daher,
so wie eine Thatsache einmal in ihr Wort gefasst wird, eine
objectiv feste Basis für den Fortschritt gefunden ist. Bei der
Philosophie dagegen beginnt jeder nicht blos bei sich selbst,
216 stein.
sondern er muss auch bei allen andern zugleich beginnen, und
bedarf oft genug viel mehr Ai'beit, um zu erfahren was der
andere meint, als um zu beurtheilen ob derselbe Recht hat So
ist es denn gekommen, dass alles was Denken und Begreifen
heisst, nicht blos den Charakter des Unsicheren am meisten für
die Nichtdenkenden hat, sondern in der That auch unendlich
viel langsamer fortschreitet, weil jeder die Auffassung des
anderen um so weniger versteht, je mehr derselbe die gleichen
Worte gebraucht, um sie zum Ausdruck des dabei von ihm
gedachten Verschiedenen zu bringen.
Wer daher bekannte Worte und Begriffe nicht mehr auf
sein eigenes inneres Leben, sondern auf ein objectives Erkennen
anwenden will, der wird wohl zuerst darnach streben müssen,
in der Weise wie die Naturwissenschaft es thut, ganz- genau
zu sagen was er selber unter diesen Worten versteht, vor allem
aber da wo es sich um Dinge und Fragen handelt, mit welchen
auch die nicht streng philosophische Auffassung sich beschäftigt.
Und die Einfachheit, Klarheit und Bestimmtheit gerade in der
Bestimmung solcher Worte ist es, welche die philosophische
Auffassung mehr fördert, und ihren Werth wie ihre Gewalt
auch für andere deutlicher erscheinen lässt, als viele glauben.
Und darin soll unserer Meinung nach dasjenige bestehen, worin
die Methode der philosophischen Erkenntniss sich zunächst die
der naturwissenschaftlichen zum Vorbild nehmen sollte.
Wir aber haben geglaubt dies dem Folgenden vorauf-
stellen zu müssen, weil auch wir den letzteren ein Wort zum
Grunde gelegt haben, dessen Bedeutung keineswegs in dem
Grade feststeht, als viele von denen meinen, welche dasselbe
gebrauchen. Es ist sehr leicht von der Entwicklung der Staats-
wissenschaft zu reden, aber es scheint nicht mehr leicht zu
sein zu sagen, was denn eigentlich unter der Bezeichnung der
Staatswissenschaften genau zu verstehen ist Denn nicht viele
werden mit der in solchen Dingen keinesweges gleichgültigen
Bestimmtheit sagen können, was denn eigentlich die Bedeutung
der Staatswissenschaften im bestimmten Sinne des Wortes sei,
wenn man daneben von einer Staats-' oder Rechtslehre, von
einer Staats- oder Rechtsstatistik, oder von einer Philosophie
des Rechts oder des Staates redet. Und doch ist es nicht wahr-
scheinlich, dass mit so verschiedenen Worten stets das Gleiche
Di« Entwieklnng d«r StAatawisMOsehaft bei' den Griechen. 217
foi' den Redenden oder den Hörenden bezeichnet werde. Von
besonderem Werthe aber erscheint es gerade da, dass man
sich genaue Rechenschaft über solche Ausdrücke ablege^ wo
man sie stillschweigend als ganz feste begriffliche Kategorien
aufstellt, indem man die verschiedene historische Gestaltung
ihrer Entwicklung auf sie zurückführt. Denn wie soll ich die
ersten Bewegungen der griechischen Staatswissenschaft über-
haupt ihrem Wesen nach bezeichnen können, wenn ich nicht
wenigstens mit mir selber einig bin, ob Staats- und Rechts-
philosophie dasselbe ist wie Staatswissenschaft und Rechts-
wissenschaft? Das also zu sagen wie wir es denken, wird wohl
zuerst nothwendig sein. Ob wir damit nun das an sich Richtige
feststellen, mag immerhin fraglich bleiben. Gewiss dagegen ist
es, dass möge nun der Philosoph oder der Historiker mit uns
übereinstimmen oder nicht, jedenfalls für ein wohlwollendes
Verständniss wenigstens unsere Auffassung selbst und das Ur-
theil über dasjenige klar werden dürfte, was die griechische
Welt für diese Staatswissenschaft geleistet habe.
I.
Gewiss wird man an diesem Orte nicht dasjenige er-
warten, was man die phänomenologische oder auch nur die
dialektische Entwicklung von. den Begriffen nennt, deren wir
bedürfen. Ruft man sie aber einmal für die Beherrschung
eiues wissenschaftlichen Gebietes auf, so muss man wenigstens
mit aller Bestimmtheit sagen können, was man selber unter
ihnen versteht. Denn gerade in einem solchen Falle ist ihr
Werth für die weitere Verfolgung eines Gedankens in der
Klarheit dessen gegeben, aus welchem sich derselbe zu ent-
wickeln hat.
Nun sagen wir dass das Bewusstsein von den Sinnes-
empfindungen zur Kenntniss der Dinge wird, wenn dieses Be-
wusstsein zugleich die Begränzung und die Selbständigkeit der
einzelnen Erscheinung enthält In dieser ihrer Selbständig-
keit für unser Bewusstsein wird dann aus dem Object der
Empfindung ein Gegenstand, den ich als Einheit seiner Momente
218 * stein.
wieder einen Körper nenne^ wenn ich meine, dass er dem natür-
lichen Dasein angehört. Gehört aber die Erscheinung dem
Leben der persönlichen Welt, so wird aus dem Gregenstand
eine Thatsache. Denn so ist z. B. ein Berg keine Thatsache,
wohl aber das, dass er für den Menschen oder durch denselben
bewohnbar, übersteiglich, oder anderes sei. Vermöge dieses per-
sönlichen Moments nun das aus den Gegenständen Thatsachen
macht, erscheinen zuletzt alle Thatsachen des persönlichen
Lebens ^als ein Ganzes, eine Einheit, eine grosse Gesammtthat-
Sache. Sie sind als eine solche Einheit eben das, was wir die
Wirklichkeit des Lebens der Persönlichkeit nennen. In diesem
Sinne sagen wir, dass aus der objectiven Kenntniss dieser Er-
scheinungen der persönlichen Welt eine ,Kunde' derselben
werde, wie wir von einer Erdkunde, einer Geschichtskunde,
einer Rechtskunde u. s. w. im Unterschiede von einer Kennt-
niss der Erde, der einzelnen historischen Thatsachen, der ein-
zelnen Rechtssätze u. s. w. reden. Da nun wo diese Kunde
des Thatsächlichen, zusammengefasst in dem Bewusstsein dass
sie alle in irgend einer Gemeinsamkeit oder Ordnung dem
Leben der Persönlichkeit angehören, in der Darstellung zu
einem einheitlichen Ganzen von Thatsachen wird, reden wir von
einer ,Lehre' derselben, oft genug meinend und auch wohl
sagend, dass diese Lehre schon eine ,Wi8senschaft' sei. Nur in
gewissen Gebieten erhält sich lebendig das Gefühl, dass das
was eine Kenntniss oder eine Kunde ist^ damit noch keines-
wegs als eine Wissenschaft gilt; so wird es schwerlieh
jemand einfallen von einer Wissenschaft der Erde zu reden,
oder die Rechtskenntniss mit der Rechtswissenschaft für gleich-
bedeutend zu erklären, oder anderes. Das nun sagen wir sei
die erste Gestalt alles menschlichen Erkennens, in welcher die
Beobachtung der einzelnen Erscheinungen fast ohne unser Zu-
thun den Begriff der Thatsache von dem des Gegenstandes
ablöst, uns die innere Einheit aller Thatsachen zur äusseren
der einheitlich geordneten Darstellung und Lehre wird. In
dieser Auffassung aber bleibt das Erkennen der Welt keines-
wegs bei dem Einzelnen stehen. Das Leben desselben tritt
vielmehr meiner geistigen Empfindung schon hier als ein grosses
Ganze entgegen, in welchem sich die einzelnen Thatsachen
aneinander reihen, sich ordnen, sich bewegen, und meinen
Di« Entwicklung der StaaiswisMnsGbaft bei den Griechen. 219
Geist mit dem gewaltigen StofF erfüllen der ihm zwar nie
allein genügt, ohne den er aber nicht weiter gelangen kann.
Die Voraussetzung dafür aber ist, dass die einzelne Thatsache
wie sie in meiner Auffassung erscheint; auch mit demjenigen
in absoluter Harmonie bleibe, wodui'ch ich sie selber erst zum
Bewosstsein gebracht Das aber war die Eknpfindung. Die Iden-
tität der Empfindung mit der Vorstellung aber nenne ich die
Gewissheit. Sie ist absolut, weil der Sinn nicht an dem Sinne
zweifeln kann. Und so ist die Gewissheit das Gewisssein der
Keantniss alles Daseienden und aller Thatsachen.
Nun aber wird das was die Kenntniss als einzelne That-
sache dem Geiste zuführt, ihm alsbald zu demjenigen was in
dieser einzelnen Thatsache niemals ganz zur Erscheinung ge-
langt. Das nun was auf diese VtTeise in dem Wechsel der
letzteren lebt, löst sich in unserem Geiste allmälig von den
Formen ab, in denen es für die Empfindung vorhanden ist und
ZOT Kenntniss wird. Es ist ein Selbständiges, das neben und
über oder vielmehr in der Einzelerscheinung, der Einzelthat-
sache ist, und als ein solches Selbständiges und doch ein ganz
Erscheinendes will es auch selbständig für uns da sein. Damit
scheidet es sich fiir das Bewusstsein von seinem Empfunden-
werden^ und aus der Kenntniss wird die Erkenntniss, welche
das Dauernde und Gleiche im ViTechsel und Verschiedensein ent-
hält. Dies Dauernde und Gleiche aber heisst uns dann, indem
wir es als das die erscheinende Thatsache Bedingende erkennen,
die Kraft, welche wir als thätige das Wesen der Dinge nennen.
Die ICraft aber, insofern sie als das das Gleiche in der that-
sächlichen Verschiedenheit Erzeugende erkannt wird, ist der
Begriff der in Worten erscheinend die Definition ist. Der
Begriff ist daher weder eine Empfindung noch eine Beobachtung,
sondern er ist eine That, und zwar eine geistige That meiner
Individualität. Daher kann ich mit gutem Recht sagen, dass
ich bin was ich weiss. Das Erkennen einer Thatsache nun
vermöge jener sie erzeugenden Kraft heisst man das Begreifen
derselben. Das Erkennen der Ordnung dieser Thatsachen aber
als das Erkennen der Ordnung der Kräfte ist das System der-
selben. Das Erkennen selbst aber, indem es alle diese zu Be-
griffen definirten Kräfte wieder in der letzten Einheit erfasst,
aus welcher sich alle diese Begriffe zu einer grossen, alle
220 SteiD.
Verschiedenheit; alle Bewegung und alles Lqben der Thatsachen
umfassenden Ordnung entwickeln, und deren höchster Inhalt
daher eben ^diese harmonische Entwicklung der Verschieden-
heit der Begriffe aus der Einheit einer letzteren, alle Elemente
der organischen Begriffe noch ungeschieden enthaltenden Ur-
kraft ist; heisse sie nun dem Einen die Gottheit oder dem Andern
das reine Sein, tq iv, oder dem Dritten die Natur, oder dem
Andern das Absolute, oder sonst wie, ist das was wir die
Philosophie nennen. Die Harmonie aber unter den einzelnen
Begi'iffen die sich die Philosophie aus dem letzten Urgrund aller
Kräfte auf diese Weise entfaltet, ist das was wir als die Wahr-
heit bezeichnen; denn für die Philosophie ist kein einzelner
Begriff und keine einzelne Erkenntniss für sich wahr, sondern
alles Erkannte hat seine Wahrheit erst in seinem Zusammen-
hange mit dem Ganzen, das eben nur als Ganzes wahr
sein kann.
So stehen sich nun zwei grosse Weltanschauungen ein-
ander gegenüber, tief verschieden in ihrer Methode und doch
gleich in ihrem letzten Ziele, jene die Gewissheit an die Stelle
der Wahrheit setzend, diese im Namen der Wahrheit der
Gewissheit nicht bedürfend; jene beobachtend, diese denkend,
jene mit den Versuchen, diese mit Schlüssen arbeitend, beide
aber das doppelte Dasein der Welt dem menschlichen Erkennen
gemeinsam zum Inhalt machend. Für jene ist das letzte sinn-
lich Untheilbare das Element, und die Bewegung dieser Ele-
mente nennt sie ein Gesetz; denn das Gesetz ist ihr zwar
die Erscheinung der Causalität, aber die letztere selbst ist fiir
sie doch wieder nur eine Thatsache die sie wiederum genau in
derselben Weise beobachtet wie die Elemente, in deren Be-
wegung es zur Erscheinung gelangt. Für diese ist dagegen die
Kraft an sich das Gesuchte und wo sie dieselbe als selbständige
und untheilbare gefunden zu haben glaubt, entfaltet sich ihr
ein in seiner Weise in sich harmonisches Bild, in welchem
der Wechsel als Willkür und Zufall, die Bewegung dagegen als
das ewig lebendige in sich Zurückkehren der einzelnen Begriffe
und Kräfte in die letzte Urkraft, und das Werden der
letzteren zur Selbständigkeit ihrer einzelnen Momente eine Welt-
anschauung gestaltet, welche sich über das rein Thatsächliche
und sinnlich Gewisse frei in die Kegion der ewig gleichartigen,
Di« Entwieklung dw SlafttoirisMDsehafl bei den Orieehen. 221
göttlicheD OrdnuDg des Seins erhebt, und für welche daher
jenes Einzelne als ein Verschwindendes, als die ^schlechte
Wirklichkeit' erscheint, während die wahre Wirklichkeit fiir
sie das Anschauen des in sich Ruhenden und nur durch sich
selbst Bewegten bildet Und das ist die Philosophie, die in-
dividuelle Ueberzeugung des göttlich Unendlichen, der Reflex
des Ewigen in der individuellen VergUnglichkeit, die Ruhe
des Alls in der Unruhe des werdenden Einzelgeistes. Das
Wesen aller Philosophie ist es demnach^ nur ihrer selbst gewiss
zu sein^ nicht des Wechsels und Werdens der Erscheinungen.
Und so entsteht aus diesem Moment der individuellen That,
welche den Begriff aus dem Gedanken schafft, die Thatsache
dass, während es nur eine Naturwissenschaft gibt, sich so
viele Philosophien bilden als tiefere Denker geboren werden;
wo aber dennoch sich für eine bestimmte philosophische An-
schaaung eine Gemeinschaft mehrerer bildet die gleichartig in
Denken und Arbeit sind, da entsteht das was wir eine Schule
nennen. Des Begriffes und des Wesens der Schule aber werden
wir unten bedürfen.
Und jetzt bleibt zu sagen übrig, was im Unterschiede von
der EenntnisB des Thatsächlichen und dem Begreifen des
Nichtsinnlichen das ist, was wir das Wissen und die Wissen-
schaft nennen.
Nun wissen wir, dass das was diese Philosophie • enthält
nnd lehrt, nicht blos ein wirklich Vorhandenes sondern auch
eine gewaltige Macht über die Menschen und ihr geistiges
Leben ist. Allein jener Wechsel und jene Verschiedenheit der
äasseren und inneren Thatsachen, von denen die Philosophie
nur den einheitlichen Begriff sucht und erkennt^ ist doch
selbst wieder eine unzweifelhafte Thatsache. In dieser Thatsache
hat die Naturwissenschaft ihrerseits neben dem Besonderen
und Einzelnen auch jene zweite Thatsache des Bestimmtwerdens
des Einen durch das Andere gefunden und diese Thatsache des
Zusammenhanges ein Gesetz genannt, wo aber dies Gesetz
nicht zutreffen will, sich mit den Begriff der Ausnahme be-
helfend, durch die Ausnahme das Gesetz zur Regel umgestaltet;
die Philosophie aber hat nur das Unveränderliche, die zum Be-
griffe gewordene Kraft erkannt, das ewig Gleiche in dem ewig
Ungleichen. Wie nun ist es möglich, dass aus dem Gleichen
222 stein.
das Verschiedene werde? Wie ist es möglich; dass das Wirk-
liche nicht dem Begriffe, das Gewisse nicht dem Wahren ent-
spreche? Es scheint vollkommen klar^ dass diese Frage eine
unabweisbare ist; aber eben so klar wird es wohl sein, dass
gerade sie weder durch die Naturlehre noch durch die Philo-
sophie allein gelöst werden kann, und weder im Kennen noch
im Erkennen enthalten ist. Und doch ist sie da; und weil
sie ist und nicht durch jene beantwortet wird, hört man wohl
von Vielen aus der Empfindung dieses Mangels heraus sagen,
dass wir überhaupt ^nichts wissend
Nun sagen wir^ dass jede bestimmte Kraft wie der sie
erfassende Begriff zwar aus der allen gemeinsamen Urkraft
entwickelt, aber als entwickelte auch selbständig und vermöge
ihrer Selbständigkeit auch selbstthätig sei. Ist das der Fall,
so wird damit jede selbständige Kraft zugleich zum Gegenstande
der anderen, und das ist das Bestimmtwerden des Einen durch
das Andere. Wird aber jede Kraft durch alle anderen bestimmt,
so ist damit offenbar zugleich gesagt, dass gar keine Kraft
zur reinen nur ihr gehörigen Erscheinung gelangt, sondeni
dass sie in ihrer Wirklichkeit stets jenes Bestimmtwerden
durch die andere mit enthält. Ich muss daher nothwendig in
jeder Erscheinung die Kraft aus der sie hervorgeht von de^
jenigen scheiden, welche auf jene einwirkt; oder wie wir nun-
mehr wohl sagen dürfen, ich kann überhaupt gar keine Er-
scheinung bloss durch ihre eigene Einzelkraft, oder durch ihren
einfachen Begriff begreifen. Sondern alles wirklich Seiende ist
ein Ergebniss des Zusammenwirkens verschiedener Kräfte in
derselben Erscheinung. Nun nenne ich diejenige Kraft, welche
die Erscheinung der anderen Kraft bestimmt und sie durch
ihre Gewalt ändert, die Ursache der Besonderheit in der Er-
scheinung oder Thatsache, welche ohne jene zweite Kraft stets
dieselbe bleiben würde; die für sich gedachte Modification der
Erscheinung der ursprünglichen Kraft aber, heisst die Wirkung.
Da nun alle Kräfte selbständig gewordene Momente in der
Urkraft oder jenem ,Grunde' aller Dinge sind, so ist für die
wirkliche Besonderheit der Erscheinungen oder Thatsachen
jede Kraft eine Ursache, sei es in der Natur, sei es im Leben,
und jede Thatsache wiederum eine Einheit von Wirkungen
oft sehr verschiedener Kräfte oder Ursachen. Ist dem nun aber
Die Entwicklung der SUatsw iisenschaf t bei den Griechen. 223
80, 80 werde ich das Daseiende weder bloss als Thatsache, noch
bloss als Begriff und Kraft vollständig je begreifen^ sondern ich
mass dasselbe auf jedem Punkte seiner Erscheinung als Ur-
sache und Wirkung erkennen lernen; erst dann kann ich es
verstehen. Dieses Verhältniss nun vermöge dessen alle Dinge
und Thatsachen auf diese Weise für einander Ursache und
Wirkung zugleich sind, nenne ich die Causalität, die Ursäch-
lichkeit. Das Erkennen dieser Ursächlichkeit aber ist weder
reiDe Beobachtung, welche ja nur die Erscheinung und ihren
Wechsel kennt, noch reine Philosophie, welche nur den an sich
gleichen Begriff und Kraft begreift. Wir werden dieselben
daher, indem wir sie als eine selbständige Aufgabe und Arbeit
des Greistes bestimmen, mit dem Namen des Wissens bezeichnen.
Ich kenne die Thatsache, ich begreife ihren Grund und ihr
Wesen, aber ich weiss sie nur als Wirkung ihrer Ursachen.
Alsdann aber nenne ich den Wechsel ihrer Erscheinung der
aus beiden sich ergibt, das Leben derjenigen Kraft, welche der
Grand des Einheitlichen in der Thatsache ist. Das Zusammen-
fassen des Wissens von Grund, Erscheinung, Ursache und
Wirkung in ein Ganzes, das Leben der Kräfte in ihrer Cau-
salität, nenne ich die Wissenschaft.
Und wenn ich nun, ohne auf weitere Voraussetzungen
and Entwicklungen einzugehen, die Gemeinschaft der Menschen
als eine Einheit der Begriffe von Staat und Recht betrachte,
80 kann ich jetzt mit Recht sagen, dass es einerseits eine
Kenntniss von Staat und Recht, das ist der positiven, con-
creten gegebenen Erscheinung und Ordnung beider gibt, die
sich in der Rechts- und Staatslehre zimi Ausdruck bringt, und
dass auf der andern Seite die Philosophie des Staats und Rechts
wie beide Begriffe aus der Urkraft zu einem in sich harmo-
nischen Ganzen entwickelt, dass aber beide Auffassungen eben
so weit von einander verschieden sind fiir Recht und Staat
wie fUr das Daseiende überhaupt, keine von der an dem ab-
hängig, keine die andere erfüllend, jede für sich vielleicht voll-
endet, aber keine für sich fUhig die Wirklichkeit der Lebens-
gestaltungen zum vollen Verständniss zu bringen. Die letzteren
kann ich, da alle wirklichen Verhältnisse des Lebens doch
zuletzt nicht als einfache, sondern als ein Complcx zusammen-
gefasster Ursachen und Wirkungen ei'scheinen, offenbar überhaupt
224 stein.
erst dann verstehen^ wenn ich sie als organische Thatsachen
in ihrer Causalität untersuche upd ihre bestimmte Oestalt zk
das Ergebniss einer Mehrheit von Factoren betrachte, deren
Zusammenwirken jene erzeugt haben. Oder wie wir nunmehr
glauben sagen zu dürfen, das wahre Verständniss des staat-
lichen und rechtlichen Lebens der menschlichen Gtemeinschaft
kann uns niemals weder die Rechts- und Staatslehre filr sich,
noch auch die Rechts- und Staatsphilosophie geben, sondern
nur die Staatswissenschaft.
Und jetzt erst scheint es einen ganz bestimmten Sinn zu
gewinnen, wenn wir von der Stellung der Griechen innerhalb
jener gewaltigen Arbeit des menschlichen Geistes reden, die
wir in diesem Sinne die eigentliche Staatswissenschaffe genannt
haben. Denn es ist keinem Zweifel unterworfen, dass wir erst
den Griechen die Anfänge einer, zugleich mit der Geschichte
innig verwobenen Staats- und Völkerkunde verdanken. Eben
so gewiss steht es uns allen fest, dass wir im griechischen
Geiste die Elemente aller eigentlichen Philosophie des Rechts
und des Staats zu finden haben. Wenig Werth würde unsere
Arbeit haben, wollte sie das hundertmal Bewiesene und im
Grunde nie Bezweifelte noch einmal beweisen. Wohl aber hat
es, wie wir im Hinblick auf das oben Gesagte zu glauben
berechtigt sind, einen Sinn, wenn wir nunmehr sagen, dass
die Griechen auch die grossen Grundlagen desjenigen gegeben
haben, was wir jetzt im wesentlichen Unterschied von jenen die
eigentliche Staatswissenschaft nennen. Denn das ist nunmehr
das Zeichen und der wahre Inhalt eben dieser Staatswissen-
schaft, dass sie das bürgerliche und das öffentliche Recht des
Staats nie als blosse Thatsache auffasst, etwa wie unsere
Behandlung des heutigen römischen Rechts, sondern dass sie
vielmehr jeden im bürgerlichen wie im öffentlichen Rechte
gegebenen Zustand, jede Verschiedenheit desselben, kurz jede
einzelne bestimmte Rechtsordnung der menschlichen Gemein-
schaft als die Consequenz der Factoren erkennt, welche die-
selbe vermöge ihrer eigenen Natur gebildet haben. Und dies
höchste Princip aller Wissenschaft des Gesammtlebens, diese
unerschöpfliche Fundgrube für das wahre Verständniss der
öffentlichen Gewalten, welche uns umgeben und beherrschen;
diese wahrhaft unendliche Aufgabe menschlichen Erkennens
Die Eatwicklnng der Staatswissenschaft bei den Griechen. 325
menBchlicher Dinge verdanken wir den Oricchen. Das was
sie grade hier und grade in diesem Sinne geleistet haben, ist
ihre ureigenste That, und wenn man sie hier auch nur ein wenig
versteht, wird man sie grade hier am meisten bewundem.
Dies nun, wenn auch nur innerhalb enger Grenzen nach-
zuweisen, oder mindestens den Blick der Berufenen grade auf
diesen selbstgearteten Inhalt der griechischen Geistes- und
Rechtsentwicklimg hinzuwenden, ist die Aufgabe die wir uns
gesetzt haben. Vielleicht ist es dabei verstattet zu betonen,
dass wir grade dadurch gezwungen werden, Inhalt und Gang
dieser für ihre eigentliche Vollendung viel zu eng begränzten
Arbeit in ganz anderer Weise darzulegen, wie die Werke der
80 hochbedeutenden Fachmänner, denen wir nie genug danken
können, dass sie das Gold der Geschichte Griechenlands mit
wunderbarer Hingebung in den Tiefen der Vergangenheit sowohl
in den Darstellungen des thatsächlichen griechischen Lebens
für sich als in den grossartigen Anschauungen der griechischen
Philosophen entdeckt und uns zum Genüsse hingegeben haben.
Mit aufrichtiger Hochachtung wird alle Zukunft die Arbeiten
nicht bloss 4er grossen Geschichtschreiber der giüechischen
Philosophie, sondern auch die Bearbeiter der Thatsachen des
griechischen Gesammtlebens, eines Boekh, Herrmann, Grote
und anderer verehren und nie werden wir aufhören von ihnen
zu lernen. Aber doch findet selbst neben ihnen noch ein Versuch
seine Berechtigung, der das geistige Leben Griechenlands als
Ergebniss und Begleiter seiner wirthschaftlichen und gesell-
schaftlichen Ursachen auffasst, und in denselben wieder den
Factor zu erkennen sucht, der jenem seine Gestalt und seine
Entwicklung gegeben. Und wenn das Folgende einen Werth
hat, so kann derselbe nur in dem Streben liegen, eben dieser
Aufgabe zu dienen.
Freilich müssen wir dann noch einen Schritt thun, bevor
wir mit der historischen Entwicklung selber beginnen. Denn
wenn die Wissenschaft von Recht und Staat das Wissen der
Ursächlichkeit ist, welche den Gedanken vom wahren Recht
und vom vollendeten Staat mit den Ursachen vorbindet aus
denen die bestimmte Gestalt und das Werden im positiven
Recht des Staats hervorgehen, so werden wir über den Werth
und den £rfolg einer solchen eigentlich wissenschaftlichen
Sitznngsber. d. phU.-hist. Gl. XCIII. Bd. II. Hft. 15
226 stein.
Behandlung nur ein sehr unsicheres Urtheil bilden, wenn wir
diese causalen Factoren, aus denen das Wirkliche im wechseln-
den Staatsleben hervorgeht, nicht schon vorher erkannt und
bestimmt haben. Denn ob jene Wissenschaft bloss ein Streben
nach derselben gewesen oder einen dauernden, auch ftir uns
noch werthvoUen Inhalt besitzt, das erkennen und messen wir
zuletzt doch erst dann, wenn wir die Grundlagen an und für
sich festgestellt haben, die ihrerseits die Wirklichkeit und den
Wechsel im concreten Rechts- und Staatsleben beherrschen.
Wir aber würden nun diese Vorarbeit für die Beurtheilung
des Entwicklungsprocesses der griechischen Staatswissenschaft
hier vorzulegen uns gewiss nicht erlauben, wenn das Ergebniss
derselben bloss für die griechische Geschichte maassgebend wäre.
Wer aber diese Ergebnisse an und für sich betrachten mag,
der wird finden, dass sie mindestens in gleichem Maasse wie
einst für Griechenland, so auch für unsere unmittelbare Gegen-
wart, ja wir wagen es zu behaupten auch für alle Zukunft
ihre ewige Geltung fordern dürfen. Und darum verstatten wir
uns, sie auch an' diesem Orte darzulegen. Denn die Ehrerbie-
tung mit der wir der geistigen Welt der Griechen nahen, wird
in dem Grade steigen, in welchem das was sie vor tausenden
von Jahren zu wissen gewagt haben, nicht bloss jetzt, sondern
noch nach tausenden von Jahren gelten wird.
Das eben ist das Grosse bei ihnen, dass wir, indem wir
die tiefsten und gewaltigsten Factoren alles menschlichen Lebens
vor uns entwickeln, doch zuletzt nur zu vollenden streben, was
jenes wunderbare und uns doch stammverwandte Volk zu be-
ginnen die Kraft hatte!
II.
Wenn es uns gelungen ist unsere Auffassung von der
Wissenschaft menschlicher Dinge im Unterschiede von der
Kunde und der Philosophie derselben richtig darzustellen, so
wird es klar sein, dass ihre Entwicklung und Erfüllung in der
genauen Entwicklung und Untersuchung eben dieser selbst-
ständigen Factoren selber liegen wird, welche aus dem an sich
einheitlichen und gleichen Begriffe des Süiats die Verschieden-
heit und den Wechsel dos thatsiiclilichen Staatslebens erzeugen.
Die Entwicklnng der Staatswigsenschaft bei den Oriechen. 227
Diese beiden Factoren nun sind die Persönlichkeit an
sich und der Besitz, dessen Macht zwar ewig gleich, dessen
Vertheilung aber ewig eine verschiedene ist. Alle Wissen-
schaft vom Staate, im Unterschiede von seiner Kenntniss und
seinem Begriffe beginnt daher da, wo ich seine Zustände als
durch den nie ruhenden Einfluss des letzteren auf die ewig an
sich gleiche Natur des ersteren zu erkennen beginne. Und das
ist die Grundlage alles Folgenden. Denn was gerade hier die
Griechen geleistet, das anzudeuten ist unsere Aufgabe.
Nun sind zunächst die Griechen die ersten, welche den
Menschen als solchen zum Gegenstande wissenschaftlicher Unter-
suchung gemacht haben. £s mag sein dass sie die Elemente
der Anatomie und Physiologie vom Orient empfingen, und die
Elemente der strengen Logik gleichfalls von daher in sich auf-
genommen haben. Allein den Menschen in der lebendigen
Gemeinschaft, den Menschen der Pflicht und den Menschen der
That in der wirklichen Welt, den ethischen Menschen, haben
nur die Griechen verstanden. Das Ethos der Griechen ist die
zur selbständigen Wissenschaft erhobene Erkenntniss des
Menschen, in so fern« sein eigenes philosophisches Ideal mit
den concreten Kräften kämpft, die sein Leben bestimmen. In
immer wiederholten Arbeiten haben die Philosophen aller Zeiten
diese griechischen Gedanken wieder gedacht. Auch wir werden
unsere Auffassung in unserer Weise auszudrücken Veranlassung
finden. Aber auf bekanntem Gebiet Bekanntes zu wiederholen,
kann nicht unsere Aufgabe sein.
Ganz anders gestaltet sich jedoch der zweite Factor, den
auch die Griechen kannten, den aber auch sie nicht ganz zu
Ende gedacht haben. Wir müssen, wollen wir anders die
Geschichte des Staats- und Rechtslebens Griechenlands wie
die der griechischen Philosophie desselben ganz verstehen, bei
diesem Begriffe einen Augenblick stehen bleiben.
Zuerst nun, denken wir, wird wohl niemand bestreiten,
dass ohne dasjenige was wir im allgemeinen die Güter oder
das Vermögen des Menschen nennen, weder der Einzelne sich
erhalten, noch der Begriff des Staats oder der des Rechts ohne
diese seine materielle Grundlage, überhaupt gedacht werden
können. Das wirthschaftliche Gut im weiteren Sinne bildet
den objcctivcn Inhalt beider und die natürliche Voraussetzung
15*
228 St.*^in.
für jedes einzelne Moment in ihrer Entwicklung. Das nun ist
in seiner Allgemeinheit gewiss richtig, aber gewiss auch werthlos.
Indem ich aber dies wirthschaftliche Güterleben zunächst für
sich zu denken und in seinen ganz selbständigen Gesetzen und
Bewegungen zu beobachten suche; so entsteht mir eine selb-
ständige Wissenschaft, welche ich noch ausserhalb ihrer Be-
ziehungen zu den übrigen Gebieten des Lebens wohl die
Volkswirthschaftslehre oder Nationalökonomie, die Wissenschaft
des Lebens der Güter nenne. So wie ich aber einen Schritt
weiter gehe, und in diesen Gütern und ihrer Bewegung eine
Kraft erkenne, welche thätig und nur zu oft entscheidend auf
den Process einwirkt, in welchem die reine Idee des Ge-
rechten in Staat und Recht zur Verwirklichung zu gelangen
strebt, so erkenne ich bald, dass unter allen Dingen keines
ihnen vergleichbar in Macht und Bedeutung mit eben dieser
Welt der Güter dasteht. Denn es gibt keinen Pimkt, auf
welchem dieselben nicht das Leben nicht bloss der ganzen
Menschheit, sondern auch ihrer Gedanken durchdränge und zum
nicht geringen Theil beherrschte, kein Gebiet menschlicher Be-
strebungen und Hoffnungen, ja fast keines menschlichen Glückes
oder Unglückes in dessen Grundlage oder Hintergrund sie nicht
mit ihrer elementaren Gewalt aufträten. Das nun erfährt jeder
Einzelne an seinem einzelnen Schicksal in tausendfacher Weise,
und ewig wird es wahr bleiben, dass bei den meisten Menschen
«
das was sie sind und thun nie erklärt werden kann ohne das
was sie haben.
Da aber, wo die Güter durch ihre Gewalt über die
Einzelnen auf die Gemeinschaft selber zu wirken beginnen, da
erst zeigt es sich was sie vermögen, und wie wenig wir dies
wirkliche Leben der Welt verstehen, so lange wir jene nicht
in unser Verständniss derselben aufzunehmen wissen. Und in
dieser ihrer bald harmonischen bald furchtbaren Gewalt über
die concreto Bildung von Staat und Recht, in ihrer Gefahr für
die Idee des Gerechten und für den Kampf und Sieg alles
Edlen über das Gemeine, in der Energie mit der sie das Be-
stehende bald erhalten, bald es bedrohen, in dem Bewusst-
sein dass erst da, wo sie mit ihren Elementen und Gewalten
dem Ganzen eingefügt und ihm gebändigt unterworfen sind,
stellen jene wirthschaftlichen Güter neue Forderungen an das
Die Entwicklang der SUotewiiisexuicliftft bei den Griechen. 229
Verständniss des LebenS; neue Bedingungen für die Aufgaben des-
selben, und empfangen als mitwirkende und gewaltige Factoren
der Gestaltung sJler menschlicben Dinge auch einen neuen
Namen^ unter dem eigentlich erst unsere Zeit sie verstehen
und in der Bahn ihrer mächtigen Wirkungen sie verfolgen lernt.
Aus dem wirthschaftlichen Gute dessen Begriff und lebendigen
Oi^anismud uns die Volkswirthschaft lehrt, wird in diesem
Sinne; als Factor der geistigen Entwicklung der Menschheit
überhaupt und speciell als mitwirkende Kraft in aller Verwirk-
lichung der Idee vom Gerechten; von Staat und Recht; der
Besitz. Der Besitz ist zunächst nichts anderes als das Gut,
aber er ist das Gut in seiner Gewalt über das Leben der
fflenschlichen Gemeinschaft; das Gut als einer der mächtigsten
Factoren in aller Staats- und Bechtsbildung; das Gut in seiner
ethischen Bedeutung für jeden Einzelnen .und damit für das
Gesammtleben. Dies Gut aber als Besitz erkannt und gedacht
bleibt in diesem seinem Einfluss auf die Menschheit; ihre wirk-
liche Ordnung und das Leben ihrer Idee nicht etwa wieder
ein in sich einfaches Element; und nicht bloss in seiner elemen-
taren Natur; welche sein Begriff wie sein Name von dem des
wirthschaftlichen Gutes so bestimmt scheidet; muss man die
Quelle seiner Gewalt in menschlichen Dingen suchen. Der
Besitz vielmehr als das in die ethische Idee aufgenommene
Gut nimmt in das Leben dieser Idee wiederum dasjenige mit
hinüber; ohne welches es selbst kein Gut sein kann, das Maass
und die Vertheilung. Mit diesem seinem Maasse aber, das an ihm
vermöge seiner zunächst wirthschaftlichen Natur haftet; tritt
er in die Menschheit hinein; und es ist klar dasS; wenn das
Gut als Besitz etwas über die Menschen vermag; sei es im
Guten sei es im Schlimmen; diese Macht des Besitzes mit der
Vertheilung der Güter welche eben den Besitz bilden; zu
einer Vertheilung dieser Macht selber unter den Menschen
werden; und das Maass des Besitzes selbst für jeden Einzelnen
aus dem Gute selbst ein neues Gut erzeugen musS; dessen
Inhalt dann nicht mehr die Substanz des wirthschaftlichen Ver-
mögens etwa in Grund und Boden oder in Geld; sondern die
mit dem letztem gegebene Stellung in der Gemeinschaft selber
bedeuten wird. Die Untersuchungen über diesen ProcesS; durch
welchen auf diese Weise aus dem wirthschaftlichen Gute der
230 stein.
Besitz und aus dem Besitz ein neuer Begriff neuer Güterarten,
und aus der Vertheilung beider eine zuletzt auf dem wirth-
schaftlichen Organismus der Güter beruhende neue Ordnung
des Gesammtlebens der Menschheit entsteht, hat sich nun erst
in unserer Zeit von der Volkswirthschaftslehre einerseits und
der Rechts- und Staatslehre andererseits zu einem selbstän-
digen Gebiete der Wissenschaft abgelöst und sich neben jene
hingestellt. Diese nun zu verfolgen ist hier zwar nicht der
Ort; wohl aber bedürfen wir für das Verständniss nicht bloss
unseres Lebens, sondern auch der griechischen Staats- und Ge-
dankenwelt der Worte und Begriffe, welche aus jener Unter-
suchung hervorgegangen sind und die wir alle kennen, obgleich
ihr eigentlicher Sinn bis jetzt kein offen vorliegender war. Jene
Ordnung unter den Mensclien nämlich, welche durch die Ver-
theilung des Besitzes im obigen Sinne gesetzt und mit dem
Wechsel dieser Vertheilung eine immer wechselnde ist, nennen
wir die Gesellschaft; das Maass des wirthschaftlichen Gutes
aber, dem Einzelnen zum Maasse der Kraft geworden, vermöge
deren er auf das wirkliche Leben Anderer Einfiuss hat, ver-
leiht ihm jetzt als Maass seines Besitzes seine gesellschaftliche
Stellung, und aus der materiellen Grösse dieses wirthschaftlichen
Maasses, die wir als Reichthum, Armuth und Wohlhabenheit rein
wirthschaftlich bezeichnen, wird ein neues gesellschaftliches
Gut, das wir in seinen zwei grossen Grundformen als die Kraft
in allen öffentlichen Dingen, die Macht oder den öffentlichen
Einfluss, und andrerseits als den öffentlichen Werth einer ein-
zelnen Persönlichkeit die Ehre nennen. Die Gesellschaft der
Menschen wird damit jetzt in ihrem wesentlichen oder viel-
mehr organischen Unterschiede von der abstracten Gemeinschaft
derselben diejenige Ordnung, welche durch die Vertheilung des
Besitzes als Vertheilung der beiden gesellschaftlichen Güter
der Macht und der Ehre gebildet wird, und in welcher daher
das wirthschaftliche Element des menschlichen Lebens zur
ethischen Grundlage des Gesammtlebens erhoben ist. Das ist
der erste Schritt, den die neuere Wissenschaft auf diesem
Gebiete gethan hat.
Als solcher aber würde er ein bloss abstracter sein und
rein der Geschichte des menschlichen Gedankens angehören.
Allein er bedeutet mehr.
Die Eutwickluufif der Stuatewisdeubchuft bei den Griechen. 231
Denn da das wirthschaftliche Gut das wirkliche Leben
der Persönlichkeit erfüllt und als Besitz die Grundlage der
Ordnung der wirklichen Gemeinschaft derselben ist, so werden
beide auch je mit ihren einzelnen Momenten in allen einzelnen
Verhältnissen des persönlichen LeBens sich als wirkende, er-
füllende und erzeugende Kräfte wieder finden; denn sie sind
es ja doch, in denen die Bethätigung des Wesens der Persön-
lichkeit nicht bloss für die letztere an sich, sondern auch für
die andere erscheint. Es ist daher schon jetzt nicht füglich mehr
zu bestreiten, dass erst sie es sind welche auch dem Rechte
seinen Inhalt geben. Dieses nun hier zu entwickeln, dürfen
wir uns nicht anmaassen, nachdem wir dasselbe schon an einem
andern Orte versucht haben. Wohl aber ist es auf den ersten
Blick klar, dass die deutsche Sprache, die wunderbarste Schöpfung,
des noch unbewusst wirkenden Geistes die es gibt, jene Güter
beständig von dem Rechte dessen Inhalt sie bilden, geschieden
und die unklare Verschmelzung beider fast unerbittlich ver-
hindert hat, in welcher sich hier mehr oder weniger alle andern
Sprachen der Welt befinden. Denn nur sie spricht von einem
Eigentbums-Recht, von einem Güter-Recht, von einem Besitz-
Recht, von einem Ehe- und Familien-Recht, von einem Staats-
Recht, in einem Worte zwei selbständige Gedanken geistig so
verbindend zu einer dritten Einheit, wie die Natur tausendfach
aus zwei Elementen ein drittes zu erzeugen weiss, ohne dass
doch die beiden Elemente aus denen es besteht, jemals Eins
gewesen wären. Und so ist sie es zunächst welche uns lehrt,
dass Recht und Staat erst durch das Leben der Güter ihren
Inhalt und wiederum durch den Besitz und seine gesellschaft-
lichen Gewalten ihre Bewegung empfangen. Wie nun aber
das geschieht und nach welchen Gesetzen, das darf hier nur
in seinem letzten Resultate als Grundlage der Beurtheilung der
griechischen Staatswissenschaft gesagt werden. Fassen wir
nämlich alle Untersuchungen die darüber stattgefunden hier in
die zwei Sätze zusau^men, welche gleichsam das letzte Ergebniss
dieser Forschungen ausmachen, so können wir sagen, dass die
wiithschaftlichen Güter für das Leben der Einzelnen unter
einander die Grundlage und das System des bürgerlichen Rechts,
der Besitz aber im obigen Sinne und die aus ihm entsprin-
genden gesellschaftlichen Güter der Macht und Ehre die
232 stein.
Grundlage und das System der Staatsverfassungen, des öffentlichen
Rechts bilden, das gleichfalls nach den neuesten Forschungen
wieder in das Verfassungs- und das Verwaltungsrecht ge-
schieden werden muss, eine Unterscheidung ohne deren Durch-
führung uns, wie es die nahe Zukunft aller StaatswisseDschaft
zeigen wird, weder das System der letztern, noch auch die
Geschichte der alten oder der neuen Welt je vollkommen ver-
ständlich werden kann. Und dies, glauben wir, ist der Punkt,
von welchem aus die griechisclie Rechts- und Staatswissen-
schaft in ihrer Eigenthümlichkeit und ihrem wahren Werthe
betrachtet werden muss»
Denn wenn wir früher schon gesagt haben, die griechische
Welt habe die Staatswissenschaft als solche erzeugt, so dürfen wir
jetzt den Sinn dieses Satzes bestimmter fassen. Die Griechen
sind es, welche zuerst erkannt haben, dass alles Recht und alle
Staatenbildung zwar an sich durch die Urgewalt ewiger Kräfte;
durch ihr Wesen, ihre (puctg entstehen und sich nie ganz von
derselben scheiden, dass aber das wirkliche Leben dieser Idee
auf jedem Punkte, namentlich aber in dem Recht und der Ver-
fassung der Staaten durch die wirthschaftlichcn und gesell-
schaftlichen Güter und die in ihnen lebendige und in der Per-
sönlichkeit sich äussernde Kraft beherrscht sei. Es ist wahr,
dass sie weder eine Rechts- noch eine Volkswirthschaftslehrc
gehabt haben, und deshalb sind ihre allgemeinen Begriffe über
beide höchst unklar imd- unfertig; aber dennoch sind sie eS;
welche die Gewalt jener Güter zuerst empfunden, sie zuerst
in ihrer selbständigen Kraft von der Idee des Gerechten und
Edlen geschieden und sie zum bewussten Gegensatz erhoben
haben. Sie sind es, welche zuerst die Gefahren die in ihnen
für alles Edle und Grosse liegen, erkannt und dieselben der
Welt gepredigt, zuerst die Tugend dem Reichthum, die Kraft
der cio^poojvYj dem Genüsse der Güter^ die Idee des sittlichen
Ganzen der Wirklichkeit einer durch jene elementaren Gewalten
beherrschten Rechts- und Verfassungsordnung gegenübergestellt,
zuerst mit tiefem sittlichem Unmuthe das Verderben bekämpft
haben, das jene materiellen Mächte immer da mit sich bringen,
wo sie des Bessern im Menschen Herr werden. Ihr Ethos ist
daher keine Moral, welche nur negativ diese Herrschaft der
Güter mit kindlicher Lehre beseitigen möchte; nein, es ist
Die Entwicklung der Ste^tswiBsenaehaft bei den Griechen. 233
vielmehr dio geistige Kraft des Besten und Edelsten in uns, die
mit all den Verlockungen zur Unwahrheit und Ungerechtigkeit
den offenen mannhaften Kampf kämpfen soll, der des wahren
Mannes, des x/Yjp Bixatoi;, allein würdig; iHr Ethos ist nicht
Frömmigkeit, sondern die That des Edlen um der Gerechtig-
keit willen; es ist nicht die Freiheit von fremder Herrschaft,
sondern die Erhebung über die Herrschaft der Güter; es ist
uicht eine Ergebung in das himmlische, sondern die thatkräftige
Verwirklichung in einer gesellschaftlichen irdischen Ordnung,
die vor ihren Augen durch jene '^roXuyjjr^iJiaTia auf allen Punkten
in Blut und Geld zu Grande ging, welche der delphische Gott
den Spartanern als ihren einzigen tödtlichen Feind gewahrsagt
liatte. Und darum predigten und wollten sie nicht so sehr die
technische Bildung und den Unterricht, in dem unsere Zeit zu
sehr die letzten Gründe des Wohlseins und der Entwicklung
des Volkes findet, und nicht Lehren der Weisheit und Tugend,
welche die gefahrlose Vollkommenheit als den Preis für ein
Leben hinstellen, das nie etwas verliert weil es nie etwas zu
wagen wagt, sondern sie wollten die Erziehung zum thatkräftigen
Ethos im Herzen des Menschen, die Anschauung, welche das Edle
als das wahre Gut hoch über jene wirthschaftlichen und gesell-
schaftlichen Güter zu erheben, die Kraft für dies Höchste zu
leben und wenn es sein muss zu sterben lehrt. Darum wird das
gpriechische Ethos aus dem sittlichen Begriff zum sittlichen
Charakter, und ihre [AouaiKt^i ist keine stille Harmonie der Seelen,
sondern die Kraft zur harmonischen Arbeit, welche das Schöne
zugleich zu empfinden und zu vollbringen weiss. Und das
war es, weshalb sie die Kunst des Erwerbes so tief neben der
Kraft des Besitzes verachteten und niemals dahin < gelangten,
der Thatsache des Reichthums in ihrer Wissenschaft dieselbe
Ehre zu erkennen, welche das wirkliche Leben ihr nur zu
reichlich spendet. Das war es eigentlich weshalb ihnen der
Erwerbssinn so gemein dünkte, dass er auch dem idealsten
unter Allen, dem sinnvollen Plato, nur dann als Tugend erschien,
wenn er im Dienste der Weisheit stehe, während der schärfste
ihrer Denker, Aristoteles, von jenem wahrhaft griechischen Ge-
fühl fast unbewusst bezwungen, zugleich alle Menschen fiir
gleich erklärte, und dennoch auch nicht entfernt den Gewerbs-
mann, den ßavau7o;, zum Bürger in seinem Staate zuliess. Es
234 stein.
ist etwas unendlich tief Sittliches in diesem logisch unerklär-
lichen Widerspruche, der zuletzt doch nur den Unmuth über
die Gewalt der wirthschaftlichen Güter im Leben ihres Volkes
bedeutet und sich stets zu der von ihnen allen ewig erneuten
Idee entfaltet, dass nicht der Mächtige, sondern dass der Weise
herrschen solle, und dass die Gemeinheit da beginne, wo die wirth-
schaftlichen Zwecke sich gleichberechtigt neben die ethischen
Ziele zu stellen trachten. Und wahrlich gerade diese tief-
innerste Auffassung der Griechen, welche man ohne den idealen
ewig jugendlichen Grundzug in ihrem geistigen Leben und ohne
die elenden Zustände, welche rings umher die Herrschaft von
Armuth und Reichthum geschaflFen, als der peloponnesische
Krieg unter seinen blutigen Schlachtfeldern die Blüthe dieses
herrlichen Volkes begraben hatte, wird niemand die griechische
Rechts- und Staatsphilosophie verstehen und niemand den tiefen
Klageton herauslesen aus den Dialogen Piatons, mit denen er
sich in eine Welt flüchtete in der er wenigstens jene gemeinen
Elemente nicht mehr fand, welche den Aristides und den
Xenophon verbannten und dem Sokratcs den Tod gaben, oder
aus den strengen Untersuchungen des Aristoteles, mit denen
der selbst Verbannte auf Euböa zu begreifen suchte, wie ein
grosses Volk so klein werden könne durch Gewalten, die seinem
eigenen freigebornen Herzen die Erkenntniss abzwangen, dass
diesem gefallenen Volke nur ein Macedonier helfen könne!
Endlos wäre es für uns zu sagen, was wenn wir es ei*schÖpfen
sollten, hierüber gesagt werden müsste. Aber das ist gewiss,
dass hier gerade in diesen Griechen, die uns voranleuchten^
zum ersten Mal das Edelste im Menschengeiste sich gleichsam
aufbäumt gegen die ihnen zuerst zum Bewusstsein gekommene
Gewalt der wirthschaftlichen Güter, und dass gerade dadurch
für sie zum ersten Mal in der Geschichte des Gedankens die
rein formale Staatswissenschaft zur Lehre vom lebendigen, that-
kräftig sich zur Herrschaft erhebenden Ethos geworden. Und
in diesem allgemeinen Sinne sagen wir zunächst, dass der
griechische Geist es sei, der die Gesellschaftslehre aus dem
Schooss der Staatsphilosophie geboren, und an der Mutterbrust
seines edlen, stolzen Volksbewusstscins ernährt habe^ eine
Wissenschaft die fiir alle Zeiten eben darum die Aufgabe und
die Kraft jener ewigen Jugend behalten wird, das Schöne aufs
Die Butwlclcluüg der ^taatswiütfouschaft bei deu Grivcbeu. 235
«
neue in uns zu erzeugen und das Edle aufs neue zu verehren
und zu erstreben.
III.
Das nun ist es was uns den in seinem Inhalt entwickelten^
als selbständigen gewaltigen Factor alles wirklichen Lebens
vom Gute und Vermögen so tief verschiedenen Begriff und
Organismus des Besitzes lehrt, der die Gesellschaft und aus
ihm den wirklichen Staat mit seinem Recht und seinem Leben
in beständig wechselnden Gestaltungen erzeugt. Und nun dürfen
wir sagen, dass, wenn die Griechen die Gründer nicht blos der
Philosophie sondern der Wissenschaft des Staats geworden, sie
das nm* sein können, indem sie neben der Lehre vom geistigen
Menschen auch das Verständniss eben dieses Factors, des Be-
sitzes, in ihren grossen geistigen Lebenskreis hineingezogen.
Und während wir nun die Geschichte der reinen griechischen
Philosophie als bekannt voraussetzen dürfen, bestimmt sich jetzt
unsere besondere Aufgabe dahin zu zeigen, wie das was wir
die eigentliche Staatswissenschaft nennen, sich in den gewaltigen
Händen der Erkenntniss vom Wesen eben dieses Besitzes und
der Gesellschaft bei den Griechen gestaltet hat.
Nun dürfen wir bei dieser Behandlung den Standpunkt
charakterisiren, von welchem wir ausgehen.
Denn bei dem das gesammte Loben von Recht und Staat
des ganzen Griechenlands umfassenden Wesen dieses Besitzes,
dürfen wir nicht bei einem einzelnen Mann und nicht einmal
bei einem einzelnen Zeitraum stehen bleiben. Das Grosse
in dieser griechischen Welt war eben die Continuität in der
Gesammtentwicklung derselben, durch welche am meisten jene
Werke alle Zeiten überlebt und ihre wahre Unsterblichkeit
darin gefunden haben, dass wir von dem geistigen Werden
jener Gedankenwelt erfasst uns sagen müssen, dass wir immer
erst dann recht anfangen, wenn wir mit ihnen, den Beginnenden
in der Staatswissenschaft selber beginnen.
Denn in der That hat der grosse geistige Process, der die
griechische Staatswissenschaft erzeugte, durchaus nicht die Natur
einer zufälligen, auf dem individuellen Geiste ruhenden Be-
wegung, wie sie auf- und absteigt je nachdem die Fürsten des
236 stein.
Gedankens zufallig geboren werden oder die geistige Arbeit
lieben lernen. Sondern wir sehen vielmehr ein grosses in sich
geschlossenes^ klares Bild vor uns, in welchem der Keim sich
allmälig zur Blüthe, die Blüthe zur Frucht entwickelt ; und auf
jedem Schritte dieser Entwicklung sind wir im Stande den Maass-
stab wieder anzulegen, den wir zuerst suchen und bestimmen
mussten, um eine Welt zu verstehen; die durch das Gemessen-
werden uns nicht kleiner erscheint. Dieses Bild aber, oder
diese Entwicklungsgeschichte nicht des griechischen Rechts und
nicht der griechischen Philosophie, sondern eben die Ent-
wicklungsgeschichte der griechischen Staatswissenschaft speciell
im obigen Sinne, die Entwicklungsgeschichte der Erkenntniss
von jener Gewalt, welche der Besitz über Recht und Staat,
über das Edelste im Menschen und das Freieste im Volke aus-
übt, scheidet sich wie die Natur ihrer eigenen Erscheinungen
fordert in drei grosse Gebiete oder Stadien seiner Ge-
schichte. Das erste ist der Zeitraum, in welchem das Be-
wusstsein des Unterschiedes zwischen dem an sich Gerechten,
dem von dem Wesen der Dinge Geforderten, dem Sixaiev und
dem geltenden Recht, dem vo[X9<; entsteht; es ist die Zeit der
Gnostiker neben den grossen Gesetzgebern, deren Object die
Ordnung des Grundbesitzes und der Versuch war, eine tief
erschütterte Gesellschaft wieder auf eine feste Grundlage zurück
zu führen. Den zweiten Zeitraum bezeichnen wir als den der
griechischen Publicistik. Denn kaum ist die kurze Epoche
der Gesetzgeber und der Gnostiker vorüber, so ergreift der
Process der Entstehung einer neuen Art des Besitzes, des
gewerblichen neben dem Grundbesitz, auf allen Punkten in
Griechenland die festen Grundlagen, welche in der Epoche der
Gesetzgeber für die Besitzvertheilung gesucht und zum Theil
zeitweilig gefunden waren, erschüttert sie und weiss sie zu
brechen. Schon haben sich die Classen der Armen und der
Reichen einerseits, die der Grundherren und der Kaufherren,
des Boden- und des Werthcapitals in allen Städten Griechen-
lands bestimmt geschieden; schon ist die Hast mit der das
griechische Volk nach Reichthum drängt, die auri sacra fames
ein allgemeines Element des griechischen Lebens geworden;
schon hat die alte, auf dem alten Besitz beruhende Volksver-
sammlung, der ursprüngliche $r^,u.o; des griechischen Lebens
Die Entwicklung der Staät«)wi6fi«n8chaft bei den Griechen. 237
seinen Charakter verloren ; schon beginnt der Bürger der freien
Städte sich an den Gedanken zu gewöhnen, der mit so vielem
und furchtbarem Ernst in unsere Zeit hereinragt, dass die Grund-
lage des Gerechten der Nutzen und die einfache Majorität sei,
weil die Majorität das Gesetz und damit das geltende Recht
erzeugt, das nach der Verfassung, welche die Vertheilung des
Besitzes beherrscht, an die Stelle des an sich Gerechten tritt;
schon drängt eine rohe Undankbarkeit des Volkes die andere
und ein demagogischer Schwindler folgt dem andern ; schon
haben diö Classen in den grossen Städten die Waffen erhoben
und den Weg des gesellschaftlichen Verderbens mit dem Blute
der Bürger getränkt, und der Schrei des Classenhasses und
der Grimm über die Classenverbrechen ertönen, von Ehrgeiz,
Habsucht, Faulheit und Gemeinheit getragen in der orfopi]
schon werden die Reichen gesetzlich ihres Wohlstandes beraubt
und die bessern Elemente von dem 5xXo<; der Städte vertrieben
bis sie sich blutig rächen; aber noch immer kämpft die Er-
innerung an eine edlere Zeit mit dem Gemeinen das das Bessere
verfolgt, und noch immer hoffen denkende Männer dem all-
gemeinen Verderben durch Kampf mit dem Einzelnen begegnen
zn können, bald an die grossen Thatsachen der Geschichte mit
Thucydides, bald an die Macht anschliessend welche der Dicht-
kunst das Schwert des Spottes gegeben, und im Aristophanes
den Athener durch seine eigene Carricatur vor den Consequenzen
seiner unedlen Bestrebungen erschreckend, bald mit Hippodamas
auf die Vertheilung des Grundbesitzes, bald mit den Rhetoren
auf die Begeisterung für das Grosse zurückgreifend, in dem
die Herrschaft des Unedlen untergehen soll. Es ist ein
grosses, aber schon wüstes Bild, das diese Epoche bietet, um
so wüster, als es sich in jeder Landschaft, in jeder iroXi«; mit
immer neuen widerlichen Zügen wiederholt, ein Kampf, welcher
die Zeit vom Beginne des peloponnesischen Krieges etwa bis
zum antalkidischen Frieden erfüllt; aber an diesem Abschluss
der grossen Epoche des griechischen Staatslebens scheint er
zu ermatten, wieder einmal nicht darum weil die Völker besser
oder schlechter, sondern weil nach so viel Blut und Selbstver-
nichtung denn doch zuletzt die Kraft selbst dieses herrlichen
Volkes gebrochen ist und das Gute wie das Schlechte zu-
gleich erschöpft darnieder lag. Diese Zeit aber ist die der
2o« stein.
Einzelparteiungen und der ParteieDkämpfe, und ihr gegen-
über die der Publicistik; die von der Gerechtigkeit redend das
geltende Recht darunter versteht und den Unmuth im Spott,
die Lehre in der Sophistik, die Lösung der allgemeinen Fragen
in der Untersuchung der einzelnen sucht und findet. Jetzt
folgt die dritte. Sie ist eine traurige und eine grosse zugleich.
Griechenland ist gebrochen, nicht weil seine edelsten Kräfte
auf den Schlachtfeldern den Schwertern der Feinde unterlagen,
sondern weil das Edelste in Griechenland die Kraft verloren
hatte, dem Unedelsten, der rohen Gewalt des bestechenden
Geldes und der Pöbelmasse zu widerstehen. Schon ist das
griechische Leben so weit dass es der Charaktere ermangelt,
und dass sein Geist unter das Mittelmaass seiner eigenen Ver-
gangenheit zu sinken beginnt ; statt der grossen Leidenschaften
heften sich kleinlich Hass und Neid an die Fersen der Reste
der bessern Zeit und jedes Verbrechen wird verziehen, nur
nicht das, ein Besserer zu sein wie der Schlechtere. Da kommen
die Zeiten, in denen der rohe Grundherr in die Stadt der wirth-
schaftlichen und künstlerischen Freiheit, in die Stadt der herr-
lichen Erinnerungen und der unsterblichen Thaten des Geistes
einzieht, wo Athen unter dem eisernen Schritt der spartanischen
Bataillone erzittert und wo Agesilaus die Vernichtung aller
Städte und ihre Auflösung in Dorfschaften, den Rückfall in
die alte Unbildung ohne ihre Freiheit zu seiner Lebensaufgabe
machte, den Maassstab des Hintersassen, des Penästen und
Metöken an jeden freien Mann anlegend und alles verurtheilend,
was er nicht begriffen hat; die Zeit, wo die edleren Elemente
entweder in die Verbannung fliehen mit dem Xenophon und
Aristoteles, oder sich mit Ekel von der Gemeinschaft ab-
wenden, um mit Plato über die Unsterblichkeit der Seele zu
philosophiren, deren Zukunft in der Gemeinschaft der Sterb-
lichen keine Heimat mehr suchen mag. Umsonst ist es jetzt^
dass den Künstlern der Prunkreda, einem Isokrates und Gorgias
ein Demosthenes, den gelernten Fachmännern der sophistischen
Rhetorik der flammende Redner für das Vaterland folgt. Mit
tiefem Schmerze neigen sich die Blätter und Welken die Blüthen,
die herrlicher die Sonne des glänzenden Meeres zweier Welt-
theilc niemals beschienen hatte. Und nur eines bleibt; aber
das was damals geblicbon, das wird gwig bleiben. Mitten in
Die Entwicklang der Bt&atswissenschaft bei den Griechen. 239
der Versumpfung selbst der Athenenser, denen Aristophanes
jenen Hohn ins Gesicht schleuderte den man niemals verstehen
wird, so lange man nicht versteht wie das bessere Gefühl dem
gemeinen Durst nach gemein erworbenem Gelde entgegen tritt,
und zum Spotte wird wo die Wahrhaftigkeit machtlos geworden,
flüchtet sich das grösste Erbtheil jenes hochbegabten Stammes
in das Gebiet des reinen Gedankens, das ewige Eigenthum
edlerer Sinnesart. Sokrates wirft um den Preis seines Lebens
der Herrschaft der Willkür und der Ungerechtigkeit den Hand-
schuh hin ; er ist es, der zuerst in der Welt den Widerspruch
empfunden und laut ausgesprochen hat, welcher stets das Recht
der Quantität, der thatsächlichen Majorität begleitet, wo sie
dem ewigen Rechte der Qualität, der Berechtigung der höheren
Fähigkeit gegenübertritt. In ihm wird der Widerspruch des
formalen v6{jlo^, des geltenden Rechts mit der höhern Idee des
GerechtcH, der 8txaio(7uvY), zuerst zur scharfen Dialektik und
dann zur innersten Ueberzeugung, die sich auf Gefahr des
eigenen Lebens gegen die Masse und ihre niederen Interessen
stemmt; Sokrates zuerst lehrt um der Wahrheit willen sterben,
wie ein Grösserer uns lehrte um der Liebe willen in den Tod
zu gehen. Und um seine Manen krystallisirt sich nun ein
geistiger Process, dessen hohe Bedeutung wir niemals mit den
einzelnen Lehren erschöpfen können,, die derselbe zuerst zu
formuliren verstand. Das was Plato und Aristoteles in Griechen-
land nicht eigentlich schufen, sondern zur Vollendung brachten,
das war seinem innersten Wesen nach genau dasselbe, woran
das geistige Leben der germanischen Welt mitten in der tiefsten
Versunkenheit ihrer gesellschaftlichen Ordnung sich aufrecht
zu erhalten und zu grösseren Dingen vorzubereiten vermochte
als alles Gegenwärtige verloren schien. Sie schufen um sich
die Schulen des Wissens, die ersten elementaren Anfange
unserer Universitäten. Sie waren es, welche die Geister um
die Wahrheit und das Schöne in der Urheimat der griechischen
Kunst sammelten, als die Nachkommen der Sieger von Marathon
,die Hand noch bittend aus dem Grabe zu strecken begannen,
um ein Almosen zu erhalten' wie Aristophanes spottete; ihre
Hunderte von Zuhörer, den elenden Kämpfen der damaligen Zu-
stande, dem Napoleonismus der Makedonier und dem Bourgeois-
thnme der Nachkommen der Piräusgrössen wie der spartanischen
240 stein.
Erbtöditerwirthschaft entfliehend, wurden zu den letzten Hütern
des Ringes in der grossen Kette des Gedankens, der bei dem
Unterschiede zwischen dem Rechte, das durch die Idee geboren
und in den positiven Abstimmungen eines verlotterten, feil-
gewordenen BfjiJLo; vergessen, in Sokrates zur selbstgewissen
Ueberzeugung, in Plato zum reinen Ideal, in Xenophon zum
klaren männlichen Charakter und in Aristoteles zur systema-
tischen Wissenschaft ward. Sie sind es, welche das glühende
Abendroth des griechischen Tages bilden; mit ihnen schliesst
eine herrliche Epoche, deren wunderbarste Macht darin bestand,
dass das blutige Unrecht, die grausame Gewalt, die mörderischen
Classenkämpfe, ja selbst das feile Gold den letzten Nachkommen
einer herrlichen Zeit' weder das Suchen nach dem Gerechten
das uns die ewige Jugend, noch das Anschauen der Wahrheit
die uns den Frieden gibt, zu nehmen vermochte. Wir aber sagen,
dass für unser Gebiet diese letzte Epoche diejenige war, in
welcher sich aus der Gnostik und der Publicistik Griechenlands
in derselben Bewegung die griechische Staatswissenschaft in
unserem Sinne entwickelte, in welcher sich — wunderbares
Widerspiel des wirklichen und des geistigen Lebens — nach
den grossen Gesetzgebungen der peloponnesische Krieg und
nach ihm der Untergang der griechischen Freiheit, der römische
Tod auf die erste Schule der menschlichen Wissenschaft vom
Staatsleben gelegt hat.
Das nun wenigstens zum Theil im Einzelnen zu verfolgen,
ist die Aufgabe des positiven Inhalts dieser Arbeit.
Wohl aber darf dieselbe, indem sie innerhalb des griechi-
schen Lebens sich ein so bestimmtes und scheinbar materielles
Gebiet erwählt, zuerst einen Blick auf das werfen, was jene
schönste Epoche der Vergangenheit so innig mit all unsern
Wissen, ja selbst mit unseren liebsten Gefühlen verkettet hat.
Denn wer je den Blick nach Griechenland richtete, der weiss
wie der Duft seiner wunderbaren Poesie sich über Alles ver-
breitet, was wir in ihm suchen und finden. Und fast möchten
wir sagen, dass, wer nicht diesem Hauche des Göttlichen in
der Geschichte seinen Tribut gebracht ehe er zum Einzelnen
in derselben übergeht, kaum je dieses Einzelne ganz in seiner
lebendigen Wirklichkeit verstehen wird. So möge denn das
Die Bntwicklaig der Staatsirissenscliaft bei den Griechen. 241
hier mit wenig Worten Platz finden, was wir als den Griiss
der Wissenschaft der Einzelarbeit derselben voraufsenden dürfen.
iv.
Wenige wohl werden sich, wenn ihnen das Gefühl aller
der grossen Dinge erschlossen wird, in denen und für welche
wir leben, der Ehrfurcht erwehren, wenn sie das herrliche
Gebiet der Weltgeschichte betreten, das wir mit dem Namen
des alten Griechenlands bezeichnen. Denn so gross und schön
auch Alles sein mag, was wir in den Werken der römischen
and der germanischen Kunst bewundern, und so gewaltig auch
die Wissenschaft unserer Tage sich über Alles erheben mag,
was die Vei^angenheit geleistet, von jedem Punkte unseres
^nzen geistigen Lebens laufen die nach tausenden von Jahren
noch sichtbaren und unsichtbaren Linien zurück in jene Wiege
der geistigen Thaten welche die Menschheit gross gemacht
haben, an jene Ufer des Meeres, das die unfreie Urzeit des
Orients von der freien Kraft Europas zuerst geschieden, nach
jenem sonnigen Himmel, der auf die herrlichen Werke Attikas
herableuchtete, in jenes in seinen edelsten Elementen so tief
harmonische Leben einer Welt, die mit dem Speere in der
Faust Europa vor den Asiaten rettete, mit dem ewig jungen
Herzen die Blüthen der Poesie zu entfalten wusste, und mit
der Kraft seines denkenden Geistes zuerst die Frage nach
der Wahrheit von der sklavischen üeberlieferung träumender
Priester und wilder Despoten loszulösen und das Forschen nach
dem ewig Freien zum höchsten Inhalt des vergänglichen Lebens
zu erheben wagte. Ehrerbietig beugen wir uns ihnen, denn sie
sind das geistige Erbe unseres Welttheils, aber dankbar ver-
ehren wir sie zugleich, denn die ewige Jugend die sie uns
gebracht, liegt nicht so sehr in dem Einzelnen was sie gefunden,
sondern in der schöpferischen und forschenden Kraft, die sie
selbst trieb und die sie nach tausenden von Jahren in jedem
wieder zu erwecken wissen, der sich ihnen hingibt. Denn das
ist ihre wahre Unsterblichkeit, dass sie das Schöne und das
£dle zu einer selbständigen, sich selbst wiederzeugenden Kraft
im Leben der Völker gemacht, dass sie uns ewig aufs neue
lehren das Gemeine zu verachten, das Wahrhaftige zu verehren
SiUiuigBb«r. d. phil.-hiBt. Cl. XCIII. Bd. 11. Hft. 16
242 stein.
und in dem Kampfe um das Beste nicht zu ermüden. Sie sind
es, welche uns wahrhaft über die Gränze der Gegenwart er-
heben, da sie uns zeigen wie jeder ernst Forschende mit seiner
eigenen Gegenwart zugleich der Zukunft des Kommenden zu-
gehören vermag, indem sie selber all die grossen Arbeiten und
Thaten der Vergangenheit, auf deren Schultern wir selber mit
unserem Streben stehen, zur Gegenwart gemacht haben. Denn
in ihren Werken durchleben wir alle Alles, was die fertige Vor-
aussetzung unseres Eigensten ist, zum zweiten Male, als einen
Theil unseres eigenen Lebens. Darum, indem wir uns ihnen
hingeben, vollzieht sich in uns noch einmal jene gewaltige
Arbeit der Gottheit, die wir die Weltgeschichte des Geistes
nennen, und noch einmal strömt uns der goldene Quell entgegen,
der zuletzt doch das Gute das wir haben, nach dem Besten
streben lehrt.
Und so haben die Edleren aller Zeiten gedacht, von den
Römern für die sie eine neue Welt eröffneten, bis zu unserer
Epoche welche sie selbst in Verehrung die alte Welt nennt.
Allen aber erscheint darum nichts in sich fertig, was nicht bis
auf die letzten Wurzeln verfolgt ist die es in jene alte und
doch immer lebensfrische Welt des griechischen Geistes hinein-
senkt, hier zum ersten Mal als eine Arbeit und That des
menschlichen Geistes sich loslösend von dem Eindruck der sinn-
lichen Erscheinung, wie von dem blinden Gehorsam gegen die
Tradition, welche mit Gedankenlosigkeit und Interesse im innigen
Vereine den lebendigen Gedanken und den kräftigen Fortschritt
in Fesseln geschlagen. Als Jenen die herrliche Sage vom Pro-
metheus aus dem dunklen Gefühl der eigenen weltgeschicht-
lichen Bestimmung e;itstand, da wussten sie wohl noch nicht,
dass sie selber der Prometheus des ewigen Feuers, des freien
Wissens, zu werden bestimmt seien. Aber sie sind es geworden;
unser ist es zu sorgen, dass die Flamme nicht mehr erlösche.
Vor Allem aber ist es in erster Reihe das Gebiet, dem
diese Arbeit gehört, das Gebiet der Rechts- und Staatswissen-
schaft, das nie zu Ende gedacht werden wird, wenn wir es
nicht bei seiner ersten Quelle, der griechischen Welt, an seinem
Ursprung verstehen lernen. Denn, ganz abgesehen noch von
allem Eingehen auf einzelne Fragen und Gebiete, viel mehr
als die meisten meinen, verdanken wir gerade in Allem was
Die Entwicklung der Staatswissenschaffc bei den Griechen. 243
Staat and selbst das positive Recht betrifft, den griechischen
Denkern; Worte und Gedanken, welche die Welt bewegt haben
und von denen wir glauben sie seien jedesmal der Zeit ent-
sprossen, welche sie zu ihren rechtlichen und staatlichen Glaubens-
artikeln und zum Wahlspruch im geistigen und politischen Kampf
erheben, sind von den Griechen schon gefunden und gesagt,
und wahrlich wenig bleibt bei vielen, auch bei grossen Namen
übrig, wenn wir ihrem Glanz dasjenige nehmen werden, was
den Griechen gehört. Schon die Griechen wussten und ihre
Philosophen predigten, dass die Menschen ihrem Wesen nach
gleich seien und das ho\yq eTvai tou^ äv6pb>7cou^, das ,omnes hominis
natura sua aequales esse^ in der lateinischen Redaction der
Professorenhefte von Constantinopel und Beryt, hat selbst Ari-
stoteles nicht zuerst gesagt; die Freiheit, die iXeu6epia war schon
ihnen nicht leere französische liberte, sondern dem englischen
Selfgovernment haben sie zuerst den Namen und den Inhalt in
ihrer owTovcfAta und auTapy.£ia gegeben, die Körper der Selbst-
verwaltung aber in dem Unterschiede von xb>iAiQ und tcoX'.«; be-
stimmt, den sie zuerst verstanden haben. Sie haben das höchste
Princip der Verwaltung, das ej l^^v schon neben das höchste
der Verfassung zu stellen verstanden ; sie waren es, welche die
Sociabilitas als den psychischen und das Bedürfniss nach der
gegenseitigen Erfüllung der Einzelkraft durch die Gemeinschaft
mit anderem als den physiologischen Grund der Staatenbildung
erkannten ; und daneben haben wiederum sie den göttlichen
Willen zuerst als die schöpferische Urkraft der Rechtsbildung im
Plato verehrt und in der Kraft des Bedürfnisses die Quelle der
Ordnung zu finden gewusst; sie sind es, von denen Begriff und
Wort jenes ,bellum omnium contra omnes' herstammt, von denen
wir oft genug meinen, Hobbes habe sie zuerst gedacht (Plato
de Legg. I, 626 a. u. e ,to iroXejxCou? elvai xdvTa^ wacji'), von ihnen
stanunt das römische Wort über das Wesen der Gerechtigkeit,
das ,8uum cuique tribuere' das nichts ist als die wörtliche Ueber-
setzung Piatos: ,Tb ^poaijxov ixacTo) «TcoSiBovai' (Rep. I, 332 c); sie
wussten schon das grosse Princip Macchiavell's zu formuliren,
dass, cv onzdcoLiq xat^ izokeci Taurbv stvai Btxaiov, tc ttj; xa6ecTY|>tu{Y)^ «PX^?
^u|ji^epov' (ib. 339 a) ; sie sind es, welche zuerst den Grundbesitz
vom gewerblichen Besitz als %Tfi[ML und xp^i(^ geschieden haben ;
sie haben zuerst neben der Oligarchie den Adel als die TcXouatoi yuod
16*
244 stein.
euYevdarepot hingestellt (Ariht. Pol. IV, 4, 1290^ 19) ; sie haben
zuerst den Gedanken der Talion gehabt und über die Strafe selb-
ständig neben dem Verbrechen nachgedacht, einzelner anderer
Rechtssätze des römischen Rechts nicht zu gedenken, deren
Sammlung die Aufgabe einer andern Arbeit sein muss; sie aber
sind es vor Allen, welche zuerst die Gewalt und die Natur des
Besitzes überhaupt, den Unterschied von arm und reich im
Staatsleben, die Natur der gesellschaftlichen Gegensätze und die
der Classen und Ordnungen zu verstehen wussten, die wir erst
jetzt wieder in ihrer ganzen Bedeutung aufs neue denken lernen.
Auf dieses nun wird die Arbeit bei der Darstellung des Aristo-
teles zurückkommen ; sicher bleibt, dass gerade in allen gesell-
schaftlichen und staatswissenschaftlichen Fragen die griechische
Literatur eine fast unerschöpfliche, gewiss aber bisher uner-
schöpfte Fundgrube ist und dass wir die Zeit kommen sehen,
wo auch unsere gewöhnliche Literaturgeschichte dieses Gebiet
in sich zu verarbeiten wissen wird.
Ist dem nun so, so müssen wir an die Spitze des Folgen-
den die Frage stellen, ob und wie weit mit dem was diese
griechische Welt geboten hat, gegenüber dem was die germa-
nische Welt hier erzeugt, jenes Gebiet nicht schon wirklich
im Wesentlichen erschöpft sei. Und hat die letztere Leistungen
aufzuweisen die von nicht minderem Werth sind wie jene, worin
liegt der tiefe Unterschied, vermöge dessen wir selbst gegen-
über jenen Vätern des bewussten Denkens dennoch auch unseren
Werth zu bemessen wissen?
In der That hat es seine Berechtigung, jede Literatur
eines Volkes als ein Ganzes aufzufassen, als einen Baum mit
Keim, Wachsthum, Blüthe, Frucht und Tod; und fassen wir
dann die grosse in den Völkerliteraturen zur Erscheinung ge-
langende Arbeit der Weltgeschichte als ein Ganzes auf, so hat
es wiederum seine Berechtigung, innerhalb der letzteren die
Arbeit jedes einzelnen Volkes als eine individuelle Lösung
einer bestimmten Aufgabe zu charakterisiren. Nur darf eine
solche Anschauung nicht bei allgemeinen Bildern stehen bleiben.
Wir aber werden für das, was wir die grosse geschichtliche
Function der griechischen Literatur im Gebiete unserer Wissen-
schaft nennen möchten, auf Grundlage der voraufgegangenen
Unterscheidung leicht die richtige und, wie wir gla^uben, auch
Di« Eotwicklaog der StaatswitiiMDiicliaft h^i den Griechen. 24o
fest bestimmte Formulirang finden. Und diese mag in kürzester
Form dem folgenden voraufgesendet werden.
Das nämlich ist die artvolle Selbsteigenheit der griechi-
schen Gedankenwelt über alles Leben der menschlichen Gemein-
schaft und ihr greifbarster und tiefster Unterschied von der
römischen wie von der germanischen Auffassung, dass sie keinen
selbständigen Begriff von Recht hat, wie sie auch kein eigenes
Wort für dasselbe in ihrer Sprache besitzt. Denn das §(xa(ov
ist das Gerechte, die BtxacocrOvY) die Gerechtigkeit, die §{xy) ist
das Gericht, der v9{jlo(; ist das Gesetz, das xpo(n]xov ist das sach-
lieh berechtigt sein, das Billige; aber für Recht und Jus gibt
es in der griechischen Sprache keinen entsprechenden Aus-
(Irack. Das aber war so tief mit der ganzen Gestalt und
Bewegung des griechischen Lebens verwachsen, dass es viel
merkwürdiger wäre, wenn die Griechen das eigentliche Recht
gehabt hätten, als es der Mangel an diesem Worte sein kann.
Denn es liegt tief im Wesen der Sache, dass das Recht im
specifischen Sinn des Wortes erst da entstehen kann, wo aus
dem Gute das Eigen thum und mit demselben zugleich die
specifischen Begriffe und Worte für den Besitz, die Dienstbar-
keit and das Pfandrecht entstehen, welche ihrerseits wieder
Begriff und Wort der Sache — erst die Römer kennen die
res — zur Voraussetzung haben. Es scheint das wohl der
Beachtung werth. Doch gehen wir noch nicht darauf ein. Erst
wenn einmal unsere Jurisprudenz, die an Breite selbst die
römische weit hinter sich lässt, erkennen wird, dass die römische
Rechtsgeschichte ohne die griechische gar nicht ganz verstanden
werden kann und dass daher jeder Romanist nicht fertig ist,
so lange er nicht wie seine eigenen grossen Quellen von Cicero
bis auf die Zusammensteller des Corpus Juris, die uns um den
Preis der Vernichtung der eigentlich römischen Rechtsliteratur
die Trümmer derselben in jener merkwürdigen Sammlung auf-
bewahrt haben, die Griechen studirt, dann erst wird es uns
ganz verständlich werden, wie es doch zugeht dass, während
die Griechen wie gesagt gar kein Wort für Recht und Eigen-
thum hatten, die Römer fUr das letztere gar zwei Worte besassen,
dominium und proprietas, ohne sich doch philologisch oder
juristisch um den Sinn dieser Doppelbezeichnung zu kümmern,
während die Deutschen, so viel wir sehen, das Wort Eigenthum
246 stein.
gleichfalls erst lange Dach den Rechtsbüchern finden^ die Fran-
zosen aber schon im dreizehnten Jahrhundert die propriet^ aus
der römischen Terminologie in das Privatrecht aufnahmen,
das domaine dagegen von jeher auf das öffentliche Recht be-
zogen. Doch dieses mag hier nur angedeutet sein; möge man
entschuldigen^ wenn wir in Beziehung auf Griechenland an
dieser Stelle etwas behaupten, ohne es zu beweisen. In der That
nämlich liegt der Grund nahe, weshalb die Griechen keinen BegriiSF
und kein Wort für Recht in unserem Sinne hatten. Denn bei
ihnen war der Richterstand kein Beruf; Richter war das Volk;
noch ist bei ihnen nirgends die Function des Gerichts end-
giltig von der Function der Volksversammlung geschieden und
noch ist daher nirgends die Verpflichtung da, das Recht anderswo
als in der Ueberzeugung des Volksgerichts von dem Gerechten
zu suchen. Eben diese auf das Individuum, seine augenblick-
liche Stimmung und die beständig wechselnden '^T^f,^\Lxva zurück-
geführte, und daher von Fall zu Fall sich stets frei erneuernde
Rechtsbildung war wieder, an die einzelnen ::6X^ gebunden, in
jeder Stadt eine wenn nicht wesentlich verschiedene, so doch
durchaus selbständige, und kein griechischer Staatsmann hat je
daran gedacht, von etwas Aehnlichem wie von einem jus civile,
einem gemeinsamen griechischen Recht auch nur zu reden.
Wie Griechenland selbst, so ist auch sein Recht an seiner
Oertlichkeit zu Grunde gegangen.
Nun aber hat das was wir das positive Recht nennen und
was Object und Inhalt dessen bildet, was wir als Rechtskunde
und Rechtslehre im Unterschiede von Rechtsphilosophie und
Rechtswissenschaft bezeichnet haben, über das gesammte Denken
von Recht und Gemeinschaft der Menschen eine ganz specifische
Gewalt. Jenes positive Recht, das wir vom Recht an sich ge-
schieden, ist nicht mehr eine Äbstraction, sondern eine und
sehr mächtige Thatsache; und wir dürfen gleich hier hinzu-
setzen, dass diese Thatsache des positiven Rechts dem Den-
kenden sich stets in demjenigen formulirt, was wir die Rechts-
begriffe nennen, denen wir in den Definitionen ihre Gestalt in
Worten geben. In ihnen wird mit dem Rechte auch das Wesen
dessen, an welchem es selbst erscheint, das Wesen seines Inhalts,
das an sich gar kein Recht ist und doch ein Recht hat, wie
Mensch, Gut, Besitz, Bedingung, Irrthum, Zeit, Geld, Familie,
Die Enfcwjcklang dor StaatswiMseiibcbaft bei den Griechen. 247
Staat und tausend andere dos Rechts fähige Dinge^ der Ge-
danke von denselben objeetiv. So lange aber das Denken sich
innerhalb des reinen Begriffes von Recht an sich bewegt^ ent-
springt jeder einzelne Rechtsbegriff doch nur aus der subjectiv
individuellen Auffassung, welche sich der Denkende von dem
letzten Grunde von Recht und Staat bildet. Und eben diese Sub-
jectivität der philosophischen Rechtsbegriffe ist es, Vielehe es
dem Philosophen aus Gründen, deren Aufführung wohl hier über-
flüssig ist; unmöglich macht, zur objectiven Geltung zu gelangen.
Damit aber tritt eben jener Zustand ein, den wir bezeichnet
haben, die Scheidung zwischen Rechtsphilosophie und Rechts-
lehre, welche in dem Gegensatz des Unpraktischen der ersten
und der Unwissenschaftlichkeit der letztern zu gipfeln pflegt.
Das nun lässt sich recht wohl denken, so lange es sich um
einzelne für sich stehende Rechtssätze handelt. Sobald aber
dies positive Recht ein grosses und selbstbewusstes Ganzes,
eine Rechtsgesetzgebung bildet, erfasst es mit seiner Gewalt
auch den reinen Gedanken und empfangt von ihm zuerst das
Streben nach Definitionen und ihrer specifischen Klarheit im
Einzelnen, die wir zuerst bei den Römern entstehen sehen, und
dann das Streben nach einem organischen Systeme, dieser
grössten Errungenschaft des deutschen Geistes. Ist aber wie
her den Griechen ein solches Ganze des positiven Rechtslebens
nicht da, so bleiben Rechtsphilosophie und Rechtskunde ein-
ander entfremdet, und in allem Denken über Recht und Staat
herrscht eben jenes subjectiv individuelle, begriffs- und defini-
tionslose Moment, das sich durch Aufstellen von Idealen, durch
Geschicklichkeit in der Behandlung der Gerichtsstimmungen,
durch Schärfe der Casuistik und Dialektik Geltung zu schaffen
sucht, aber nie zu jener festen Grundlage der bestimmten Rechts-
hegriffe gelangt, die wir bei den Römern bewundern, und noch
weniger zu den Rechtssystemen die unser Eigenthum sind. So nun
war es auf der einen Seite bei den Griechen; alles was juristische
Begriffsfestigkeit ist, war ihnen versagt und noch mehr; denn
obwohl sie uns den Besitz verstehen gelehrt haben, haben sie
selbst nicht einmal das Wort, geschweige denn den Begriff
desselben gehabt. Niemand kann das Wort Besitz ins Grie-
chische übersetzen, denn %vq<5i<; ist der Besitz an unbeweglichen
Sachen, XPW^ ^s* d^s bewegliche Gut, /pYj^xaTKrcaiJ ißt der Erwerb
248 stein.
des letzteren. Und doch haben sie den Besitz im ethischen
und staatswissenschaftlichen Sinn verstanden wie kein anderes
Volk; ja gerade in diesem Verständniss liegt ihre Grösse und
es ist wahrlich der Mühe werth, sich schon ganz im allge-
meinen den Process im Geiste anschaulich zu machen, der
ihnen ohne Wort und Definition dieses Wesen des Besitzes
erschloss. Und so mag es verstattet sein, ehe wir auf Einzelnes
eingehen, eben diesen so wunderbaren Process zur Dai'stellung
zu bringen. Denn er ist es^ der den geistigen Inhalt der
öffentlichen Kämpfe und zugleich den der höchsten Staats-
philosophie der Griechen uns erklären wird.
Das was tiefer als der Archipelagus Griechenland von
Asien scheidet, ist der ungebändigte Drang nach Freiheit
Mit den Griechen zuerst ist dies Wort und alle Gewalt welche
es über die Menschheit ausübt, in die Welt gekommen; mit
ihnen aber zugleich auch das Streben, dieser Idee der eXeuOsfta
einen bestimmten, für den Gedanken fassbaren Inhalt zu geben.
Dieser Inhalt war der Satz, dass keine andere Gewalt über
sie, ihr Gesammtleben und ihr Recht gelten solle, als der nach
bestimmten Regeln gefasste Beschluss der Gemeinschaft selber.
Ein solcher ist das Gesetz, der voijlo^;. Erst die griechische Weh
hat gegenüber der asiatischen mit ihren göttlichen geoffenbarten
Gesetzen die Idee des gesetzschaffenden freien Willens er-
kannt und in ihrem öffentlichen Leben durchgeführt, und erst
Griechenland hat neben dem freien Gesetze zugleich den Ge-
danken der freien Vollziehung des Gesetzes durch die eigene
Kraft des Volkes, die auTapxsta neben die sXsuOepia hingestellt.
Diese Begriffe sind das grösste Erbe das Griechenland den
folgenden Völkern hinterlassen hat.
Aber gerade aus dieser freien Natur des Gesetzes ent-
sprang der zweite Satz, dass ein solches von Allen gewolltes
Gesetz nun auch unbedingte Giltigkeit für Alle haben müsse.
Darum gilt für die Griechen, dass nur das Gesetz das Recht
ist; der Zweifel an dem durch das Gesetz gegebenen Recht
Wäre ein Zweifel an der Freiheit gewesen, das Gesetz und
sein Recht sich selbst durch eigenen Willen zu geben. In dieser
Herrschaft des Gesetzes erschien sich das griechische Volk
als das königliche Volk, das 5^ixc^-ii.ovapxo? wv (Arist. Pol. IV,
4^ 1292', 15) und die ,Volksouverainetät' der französischen
Die Entwicklung der Stoatswiasenschaft boi don Griachen. 249
Revolution wie das ^königliche Volk' Kant's gehören nicht dem
vorigen Jahrhundert und nicht dem verfassungsmässigen Staats-
recht unserer Zeit^ sondern auch diese Worte und Begriffe sind
Eigenthum jener Griechen, welche im tiefen Unterschiede von
der germanischen Welt die Freiheit nicht aus der Unfreiheit,
sondern aus der Freiheit heraus verstanden. Bei ihnen ist die
Furcht vor der Gottheit zur Achtung vor dem Gesetze geworden,
und wir haben hunderte von Jahren und Philosophen gebraucht
mn dialektisch wiederzufinden, was den Griechen als Angebinde
ihrer Geschichte in die Wiege ihres öffentlichen Bewusstseins
und ihrer Staatenbildung gelegt war.
Aber neben dieser Ehrfurcht vor dem Gesetze der ein
Sokrates sein Leben opferte, stand ein zweiter nicht minder
erhabener Factor ihrer Gemeinschaft. Das witr ein tiefes, durch
kein Glück und kein Unglück ausrottbares Gefühl für das
Edle, für die höchste Berechtigung alles Schönen und Grossen,
für die Ehre, die in der herrlichen That, und für den Ruhm,
der in dem Streben nach dem Besten liegt. Das Wort mit dem
sie diese ihre schönste Eigenschaft benannten war die ,Tugend',
und die Aufgabe in die Kraft jedes Einzelnen dieser Tugend
sich bewusst zu sein und sie zu verwirklichen, nannten sie
das ,Ethos^ Auch diese Worte und Begriffe verdankt die
Weltgeschichte den Griechen ; der Orient kennt Glauben, Hin-
gebung und Gehorsam, aber von Tugend und Ethos ist weder
in der Bibel noch in andern Werken die Rede. Das Gefühl
dieser Tugenden verai'beiteten sie dann zum Wissen des Ethos,
jeder ihrer Philosophen wieder in seiner Weise und ebenfalls
dasselbe sagend und wollend, und von diesem Wissen aus
gelangten sie zu der Vorstellung vom Idealen im Einzelleben
wie im Staate. Die Anwendung desselben aber, als die Ge-
sammtheit aller ihrer Erscheinungen und Bethätigungen im
gemeinschaftlichen Leben, war ihnen dann die Gerechtigkeit,
die otxaioauvt). Der dvYjp 3{xaio<; ist nicht ein gerechter Mann vor
dem Herrn, sondern ein gerechter Mann vor den Forderungen
der grossen Cardinaltugenden und ihres Ethos ; und wenn auch
langsam so werden doch fast unwiderstehlich Begriff und Lehre
dieser Ethik zu einer selbständigen Wissenschaft, die von Aristo-
teles aus mit alF ihren Vorzügen und Mängeln Jahrtausende
die Welt beherrscht hat. Aber einmal im abstracten Gedanken
250 stein.
gegeben, erfasst jener Begriff des Btxocicv alsbald auch den Staat
und in ihm das Gesetz, das im Staate das Recht ist. Denn
vermöge der Gewalt des Ethischen, dessen dunkel gefühlte
Persönlichkeit der Oso; als xb zav, das ^ai[j.6vi3v ist, hatten dud
auch Staat und Gesetz in Allem, was sie sind und thun, jene
höchste ideale Gerechtigkeit zur Geltung zu bringen, welche die
Oixatsouvv) bildet. Wie aber nun ist das möglich, da der Staat
doch nicht Ethik lernt, und doch nicht als Ganzer Tugenden hat^
sondern ein selbstherrlicher ist? Offenbar nur dadurch, dass
sein eigenes Wesen die Gerechtigkeit fordere und setze. So
scheidet sich die innere Natur der Idee des Staates zuerst von
seiner wechselnden, zufUIligen Erscheinung ; sie wird eine selb-
ständige Thatsache für den denkenden Geist, und als solche,
als das Wesen oder die ursprüngliche und eigenartige Kraft,
mit welcher ein jedes Lebendige eben das ist und thut was
es ist und leistet, erfassen nun die Griechen in dem selbständigen
Wort und Begriff der 9651;. Diese Physis ist die Quelle des
Verständnisses alles Wirklichen, und ihre Bethätigung durch
die Arbeit dos Einzelnen, ihre Forderung an die individuelle
Gestaltung durch das eigene thätige Leben ist es, die Plato
mit dem vielbestrittenen Worte des la iauToO xpircsiy bezeichnet
— das sich selbst, sein eigenes Wesen, im Unterschiede von
allem Anderen durch die That zum Ausdruck Bringen. Das gilt
für jedes persönliche Leben, das gilt aber auch für den Staat.
Die wahre 9'jgi; des Staats ist daher die St>ta'.OQj*/73, welche die
Tugenden und das Ethos verwirklicht, und jetzt liegt der
letzte Grundgedanke der Griechen über ihr Staatsleben wohl
leicht erkennbar vor uns. Jener vc|ac;, die bethätigte autip-
xsia der icöXt;, soll die wahre und höchste <p6ci? derselben, das
durch Wille und That verwirklichte !öo;, die von Hegel soge-
nannte Wirklichkeit der sittlichen Idee im Ganzen wie im
Einzelnen, zur Geltung bringen. Das ist der gerechte Staat,
und das ist die Gerechtigkeit seines Willens und seiner That.
So war es in der geistigen Anschauung des griechischen
Staatslebens. War dem auch so in der Wirklichkeit? War das
was jenes Nomos wollte, in der Wirklichkeit auch die Gerechtig-
keit? War das Geltende zugleich das Gerechte? Sie wussten
es nur zu gut, dass dem nicht so sei! War dem aber nicht
so, welche Gewalt denn war es, die jener ewigen Natur des
Die Entwicklung der StaatowissenBchsffc bei den Griechen. 2ol
:ix2i:v ihre Herrschaft ewig aufs neue bestritt und raubte?
War es der Wille an sich, war es das Wesen der Persönlich-
keit, die <^(K5iq Tou avOpdwccu^ welche mit sich selbst im Wider-
spruch tretend, statt des Biyjxiov das aSaov zum vopio^ machte?
Unmöglich. Woher denn jene Gewalt, die in das Ethos hinein-
griff und der selbst die Besten unterlagen? Jene Gewalt, welche
stärker war als die Freiheit, und mächtiger als die Könige
TOn Persien und Makedonien? Wahrlich sie brauchten sich
nur umzuschauen um sie in jedem Obolus wiederzufinden, der
bald genug das einzige Band war, das den einst so freien und
stolzen Athenienser noch an das öffentliche Wohl band und nur
den Staat lieben und achten lehrte der jenen Groschen zahlte!
Und kann es da noch wundem, dass das Edlere im griechischen
Volke sich empörte, wenn es sah dass ein herrlicher Staat
der allen Waffen Asiens getrotzt hatte, in Recht und Verfassung
dem Gelde unterlag? Nicht durch Rechtslehre und nicht durch
Volkswirthschaftslehre und nicht durch Definitionen und Systeme,
sondern an ihrem Ethos haben die Griechen den Besitz und
seine Gewalt, sein Wesen und seine Wirkung begriffen, und
was das neunzehnte Jahrhundert weiss, das hat das dritte
Jahrhundert vor Christo uns schon denken gelehrt. Das ist der
Sinn, in welchem wir sagen, dass die Griechen den Besitz
erkannt und verstanden haben.
und jetzt wollen wir versuchen zu zeigen, wie dies Ver-
ständniss selbst wieder nicht etwa die Sache eines Mannes
oder einer einzelnen Theorie gewesen. Sondern langsam ent-
wickelt es sich, und man kann fast mit dem leiblichen Auge
sehen, wie fast schrittweise der grosse Gang der Volkswirth-
schaft der Lehrer des griechischen Geistes wird, und wie sich
die Stadien gleichsam messbar bilden, in denen zuerst die
Gesetzgebung mit den Gnostikern, dann der sociale Kampf mit
seinen Bhetoren und Publicisten, und endlich die selbständige
Staatswissenschaft sich zum Verständniss der Gewalt und des
Wesens des Besitzes und seiner Stellung und Aufgabe in der
griechischen Geschichte emporarbeiten.
252 stein.
V.
Wir dürfen von uuserem Standpunkte dem Folgenden
den Satz voraufsenden; den dasselbe zuletzt im Einzelnen ent-
wickeln soll.
Es mag sein, dass es Zustände vor der Geschichte gegeben
hat; in welcher die Menschen ordnungslos theils als ;WaId-
gänger' oder als die iSicoiat des ThucydideS; oder die Cyclopen
Homers gelebt haben. Wir begnügen uns damit, dass die Ge-
schichte eines jeden Volkes erst da beginnt, wo aus dem
Gemeingut ein Einzeleigenthum wird. Die Gesetzgebung eines
jeden Volkes aber beginnt da, wo die dadurch entstehende Ver-
theilung der Einzeleigenthums sich zum Gegensatz der Classen
ausbildet. Die Geschichtschreibung desselben endlich fängt da
an, wo aus diesem Gegensatze der Classen die thätliche
Gewalt entsteht.
Bei den indo-germanischen Völkern Europas aber entsteht
dieser Gegensatz und sein Kampf nicht durch die Vertheilung
des Besitzes als solchen, sondern durch den Process vermöge
desselben die letzteren auf die jenen angeborene Freiheit und
Gleichheit ihren Einfluss ausübt.
Die älteste griechisclie Geschichte ist in diesem Sinn
nichts als die älteste Gestalt unserer eigenen Gegenwart, und
die Zeit vom Zuge der Derer bis auf unsere Tage ist nur die
Wiederholung derselben Erscheinungen, weil sie die gleich-
artigen Wirkungen gleichartiger Kräfte zeigt.
Will man nun den Stoff, der sich hiefär darbietet, be-
lierrschen, so muss man die Entstehung der wirthschaftlichen
Classen, der Kechtsclassen und den ei-sten Kampf des König-
thums mit denselben scheiden, aus dem die erste grosse Ge-
setzgebung und mit ihr die erste Philosophie der Griechen^
die staatswissenschaftliche Gnostik, hervoi^eht. Sie zusanunen
bilden die Grundlage für die folgende Zeit.
Als die alten Völker, aus unbekannten Gegenden heran-
ziehend, sich niederliessen, war der Grundbesitz Gemeingut:
sie theiitcn ihn. Einen Theil gaben sie den Göttern, ein Theil
blieb gemeinsam, einen Theil vertheilten sie an die Einzelnen
und ihre Arbeit. Das geschah nach bestimmten Regeln, und
bei allen alten Völkern haben die Bestellten, mochten sie nun
Die Eotwicklnng der Staatswissenschaft bei den Oriechon. 253
Ägrimensores der Römer oder Reebsmänd der Skandinaven
oder anders heissen^ nach priesterlichen Formeln unter dem
Schutze der Gottheit ihre Aufgabe vollzogen. Der Theil der
dem Einzelnen zufiel hiess bei den Griechen der xXYjpo«; (das
germanische Allod, die älteste römische Possessio) und sein
Inhaber der %Xtipo\y/oc 5 die Upa oder xt[t.irrt gehörten der Gottheit;
der nicht vertheilte Besitz (et superest ager) war das xoivoy, ii
X3r/T} ^"^9 d^^ älteste fundus publicus der Römer, das Almend,
der Qemeindegrund der Germanen. Der Einzelne war daher
nicht Eigenthümer; denn sein ;Loos' ist ursprünglich gewiss
eben so regelmässig neu verlost wie bei den alten Germanen
(agros mutare.). Deshalb kennt weder die ältere griechische,
noch die römische, noch die germanische Sprache ursprünglich
weder Wort noch Begriff des Eigenthums — noch der Sachsen-
spiegel redet wohl von ,eygen' aber nicht von Eigenthum,
und die griechische Sprache hat, wie schon erwähnt, überhaupt
nie ein Wort dafür gefunden. Indcss war ein solcher Zustand
denn doch nur denkbar, so lange ein Volk als Ganzes noch
in Bewegung war, und daher wesentlich Jagd und Viehzucht
trieb. So wie es sich, sei es* dass es eingeengt ward durch die
Nachbarn oder durch die natürlichen Gränzen von Meer oder
Gebirge, dauernd niederliess und das Loos mit Korn bebaute,
masste die Arbeit den individuell bearbeiteten Grund enger
mit dem Arbeiter selbst verbinden, und es kam nur darauf an
den Punkt zu bestimmen, auf welchem der frühere Gesammt-
besitz jetzt in das Einzeleigenthum überging. Dieser Punkt
war gegeben mit der Erbauung des Hauses. Das Haus ist der-
jenige Theil des Grundes, den der Mensch selber schafft; er
ist es, den der Inhaber des Looses durch das Loos selbst nicht
mitbekommen hat, und den er daher auch nicht wieder hergeben
kann; an das Haus als erste Voraussetzung alles Landbaues
knüpfen sich Regel und Ordnung in demselben ; wie das Vieh,
das Ackergeräth, der Vorrath innerhalb des Hauses vertheilt
werden muss, muss sofort auch die wirthschaftliche Arbeit ver-
theilt und in strenge Ordnung gebracht werden. So entsteht ein
neues Lebensverhältniss und mit ihm ein neuer Rechtsbegriff. Ich
kann das Landloos nicht mehr von demjenigen trennen, durch
den allein es ein selbständiger productiver Körper geworden
i8t; das Landloos selbst beruht mit seiner ganzen wirthschaft-«
254 stein.
liehen Kraft auf diesem Hause; alsbald erzeugt hier wie immer
die wirthschaftliche Natur ihr Recht für diese Einheit von
Haus und Hof, und so wird aus dem Loos die Hufe (Hof =
Bo; Odalbo), aus der Possessio durch die domus das domi-
nium, und in Griechenland aus dem o1%oq Ta oixsta, deren
naturgemässe wirthschaftliche Ordnung sich gleich anfangs als
das Rechtsverhältniss der dieser oixe(a Angehörigen zur Herr-
schaft — apyri — ; des Ganzen über die Theile, das ist des
Tcaxi^p, als Recht des Herrn über die Frau in der apxtj Tajxa^
über die Kinder in der ap^^) '^«Tptx^ und über das Gesinde in
der apr/ri Jegwotixkj entwickelt — Begriffe die nicht erst Aristoteles
geschaffen, sondern die so alt sind wie die Entstehung des
Eigenthums und die manus mariti, die patria potestas und das
Dominium über den servus. Die Rechtsordnung aber die sieb
daraus von selbst entfaltete, der v9(ao; dieser ob^ia, ward dann
von den Griechen wesentlich als eine wirthschaftliche betrachtet^
und empfing daher den Namen der oixovofxta — die älteste
Ordnung, die nicht Gegenstand einer Gesetzgebung, einer Uqxc,
zu werden brauchte, weil sie durch die organische Natur des
Grundbesitzes selber gegeben wären, bis die Römer sie zu
strengen Rechtsbegriffen formulirten. Der wirthschaftliche Pro-
cess aber durch den auf diese Weise aus dem Ailod ein indivi-
duelles Eigenthum geworden, ist bei den Griechen nie ein Gegen-
stand selbständiger Untersuchung geworden, aus Gründen die
uns hier zu weit führen würden; die Römer dagegen kannten
ihn sehr wohl, weil sich bei ihnen die Vertheilung des AUods
in jeder colonia durch die Agrimensoren feierlich wiederholte.
Sie nannten jenen Process der Bildung des Einzeleigenthums
aus dem AUod oder der Possessio durch die landwirthschaftliche
Arbeit die usucapio, und es war ganz consequent, dass sie
alsbald diese usucapio, die ursprünglich durch die domus
aus der Possessio des Looses das Dominium erzeugte, später
auch auf den Erwerb des Eigenthums unter Einzelnen an-
wendeten, während sie mit der ihnen eigenen strengen Logik
an Allem was kein landwirthschaftliches Gut (mancipium) war,
ursprünglich überhaupt keine usucapio als möglich dachten;
an ihre Stelle trat vielmehr die praescriptio, die gewiss nicht
vor den punischen Kriegen entstanden ist. Doch dieses Alles
Äiag gewesen sein wie es will, der Beginn ist die Gemeinschaft
Die Entwicklnng dßr SUatswisienschaft bei den Griechen. 255
der Gleichen; das Wesen der Gleichheit aber die Harmonie
zwischen Grundbesitz^ Recht und Waffenpflicht; und diese
Gemeinschaft der Gleichen findet ihr Organ in der ursprüng-
lichen Versammlung aller durch den Grundbesitz Gleich-
berechtigten, dem ByJplo^. Das ist die erste und ursprünglichste
Gestalt dieses- Wortes; es sollte bald einen anderen Sinn
empfangen. Zunächst aber empfangt nun jenes Moment der
Einheit neben dem der Selbständigkeit der Einzelnen seinen
Ausdruck; es ist der König; der ßavtXsO;, der Herzog und
Haupt des Volksgerichtes als erstes Geschlechterhaupt , der
Sache nach als valja, Bailli, Baillivo^ Verwalter, Gewalt bis
auf die neueste Zeit fortgepflanzt. Von diesem Könige, den die
Romer, von den Germanen redend, bald rex bald princeps
nennen, wird gleich weiter die Rede sein. Neben ihm stand das
Priesterthum, dem die Upd gehörten, wohl auch für Dorf und
Land, während die volle Selbständigkeit des Einzelnen auch
inr den Gottesdienst des Zeu; spxeTc<; dem Hause angehörte, wie
die sacella der Römer den Ackergöttern geweiht waren, und
die Lares und Penates an ihrem Heerde standen.
Diese Ordnung der Dinge bedurfte nun keines eigenen
Beschlusses; sie beruhte auf der noch ungestörten Harmonie
ihrer Elemente, der persönlichen Gleichberechtigung und des
gleichen Antheils am Grundbesitz der Gemeinschaft. Die
Griechen haben den Zustand dieser in sich selbst ruhenden
Rechtsordnung im Gegensatz zu der späteren Zeit als den der
%^oi oYpa^ot bezeichnet; die Dichter nannten sie die goldene
Zeit; wir dürfen sagen, es sei die Epoche der reinen und ur-
sprünglichen geschichtslosen Geschlechterordnung gewesen. Bei
den Griechen können wir sie nicht mehr nachweisen; weniger
noch bei den Römern ; nur die Nachrichten von Cäs^r und Tacitus
zeigen uns, dass die alten Germanen sie anfanglich besassen.
Das höchste Princip dieses gesammten Rechtszustandes aber
war, dass alle öffentlichen Rechte und Pflichten der Geschlechter-
ordnung durch die Vertheilung des Grundbesitzes an die Familien
in Maass und Art gegeben sind. Gesetze, v6(aoi, gibt es in dieser
Epoche nicht, nur gemeinschaftliche Berathungen, namentlich
üher Krieg und Frieden. Dann trat ,das Land^ zusammen ^
ywpsiv, ffUYxwps^v — und ,wollte seinen Willen' — ßouXeuixa —
den der König zum Ausdruck brachte; der Gehorsam gegen den
256 stein.
König aber war damit eigentlich nur der Gehorsam gegen den
freien Gesammtwillen. Die Gleichheit, die älteste und eigent-
liche ta6TiQ;, ist daher nicht ein philosophisches oder persön-
liches Princip, sondern sie bedeutet das gleiche Recht auf
Grundlage des gleichen Besitzes, beides noch ungeschieden in
demselben Worte zusammengefasst. Und steht dfese Grundlage
aller ältesten Vorfassung aller indo-germanischen Völker Eu-
ropas fest, so ist jetzt der Punkt gegeben, von welchem aus
die Bewegung einer neuen Rechtsbildung einerseits und neuer
Gedanken über das Recht und sein Wesen andererseits sich
fast von selbst erklären.
Denn das scheint wohl klar genug zu sein, dass wenn
in dieser alten Geschlechterordnung, deren Wesen, wie man
erkennt, eben die Harmonie der grossen Factoren aller öffent-
lichen Lebensordnung, der persönlichen und der wirthschaft-
lichen Elemente ist, nunmehr eines dieser Elemente sich ändert^
nicht bloss die Lage des Einzelnen, sondern auch die ganze
Vorfassung sich ändern muss. Und dieser Process ist es nun,
welcher die Grundlage der Rechtsgeschichte nicht etwa bloss
Griechenlands bildet.
Denn das sich nothwendig Aendernde ist in jeuer Ge-
schlechterordnung wie in jeder anderen eben der Besitz. Der
Besitz aber hat zwei grosse Grundformen, in denen er sich
ändert. Die eine liegt in den Factoren des wirthschafdichen
Gutes selbst, die andere entsteht durch äussere Gewalt. Beide
zugleich erzeugen den Unterschied; aber die erstere nur den
des Antheils am Grundbesitze, die zweite aber mit ihm zu-
gleich die des Rechts. Und so entstehen die ersten Classen;
aus der ersten Form aber gehen die wirthschaftlichen, aus
der zweiten die Rechtsclassen hervor, und mit ihnen die Um-
gestaltung der ganzen Geschlechterordnung und ihre ersten
inneren Kämpfe. Es mag verstattet sein, sie besonders zu be-
trachten.
So wie nämlich jener wirthschaftliche Besitz des Allods,
des xXy;po;, oder die Possessio zum Eigenthum wird, beginnt
in ihm zu allen Zeiten jene Bewegung, welche das Giiterleben
der Welt beherrscht, der Uebergang von einem Eigenthum
zum anderen, der auf den zwei Kräften beruht, welche dem
menschlichen Leben als ewig wirkende mitgegeben sind. Das
Die EniwiellTint;^ der SUat<iw!88enschaft bei den Griechen. 257
ist auf der einen Seite der Tod aus dem der Erbfall hervor-
geht, und auf der andern das Bedürfniss, das den Vertrag
erzeugt. Beide beginnen allerdings erst da ihre nie ruhende
Arbeit, wo das Gemeingut ein Eigen wird; aber diese Arbeit
ist der mächtigste Process den die innere Geschichte der Welt
kennt, eben weil es jeden einzelnen Bestandtheil, jedes ein-
zelne Allod ergreift und umgestaltet. Wir dürfen ihn hier nicht
verfolgen; aber das bedarf wohl auch keines Beweises, dass
er schon innerhalb des kurzen Zeitraumes von wenigen Ge-
schlechtern eine neue Vertheilung aller wirthschaftlichen Güter
erzengen musste. Er ist es der unerbittlich, ja fast mechanisch
die ursprüngliche Iditr^; zerbricht, und eine ganz neue Ordnung
des Besitzes an ihre Stelle setzt.
Dennoch ist sie so bekannt und gewöhnlich, dass es
genügen darf ihre Elemente zu bezeichnen.
Da nämlich, wo der Kleruch ein zweites Allod durch Erb-
schaft oder Heirath gewinnt oder ein drittes oder viertes, kann
er es nicht selbst mehr bebauen. Da aber, wo der Bauer einen
zweiten oder dritten Sohn hat, kann er dem letzteren keine
Hufe mehr hinterlassen. So entsteht was ursprünglich nicht
da war, der grössere Grundbesitz neben dem kleineren, und
ans dem letzteren die Anzahl besitz- und beschäftigungsloser,
aber frei geborner Bauemsöhne. Und sofort vollzieht sich der
erste Process, der aus der Gleichheit die Ungleichheit macht.
Es ist nicht nöthig ihn zu verfolgen. Der grössere Besitzer
gibt dem Besitzlosen den Theil seines Grundes, den er nicht
mehr bewältigen kann ; aber er behält das Eigenthum, und der
Arbeiter zinst ihm. Vielleicht im Anfang nur für eine gewisse
Zeit; aber der arbeitende Bauernsohn heirathet, und die Tochter
hat selbst kein Vermögen; woher sollen es die Kinder be-
kommen ? Unterdessen rauss er ein Haus haben ; es wird wohl
nicht gross sein; kein rechtes Bauernhaus; wäre es das, so
würde es seinerseits trotz aller Rechte am Ende doch wieder
Eigenthum erzeugen. Es wird ein Häuschen, eine Käthe; am
liebsten wird der Bauer sehen, wenn dies Häuschen dicht an
seinem Hofe liegt, ja er baut es dem Manne lieber selber,
damit aus dem ok-aoc nicht doch zuletzt eine ctxeia entstehe. So
entstehen die Häusler, die Kathsassen, die Insten des ent-
stehenden Classenunterschiedes ; die Griechen nannten sie die
SiUuBgsber. d. phil -bist. Cl. XCIIT. Bd. II. Hft 17
258 Stein.
Metoiken und Perioiken, andere Namen deraelben: Orneaten,
Penesten u. s. w. waren örtlich mit demselben Sinne. Wie
lange nun dauert eine solche Ueberlassung ? Ein Geschlecht,
zwei Geschlechter? Vielleicht. Gewiss ist aber, dass anfänglich
kein formaler Vertrag, kein TuvaXXaYfjt,« geschlossen wird. Der
grosse Besitzer ,lässt' den kleinen Häusler auf seinem , Grande':
und warum eigentlich nicht? So werden aus den Häuslern
die ,La8sen', das griechische ,Xa6(;' gegenüber dem fOvoc; wer
hätte es gewagt die Athenienser ,Xab^ 'AOrjvai'wv' zu nennen?
Und nun gab es neben der grösser gewordenen Hufe noch
die xoiva und die tspa. Wer wohnte hier? Offenbar im Anfange
niemand. Bald aber kommen die besitzlosen Bauernsöhne —
warum soll man ihnen wehren, einen , Grund' von denselben
urbar zu machen? Nur dass sie der Gemeinschaft dafür Zins
und Dienst leisten. Gewiss. Aber wer wird sie zulassen, wer
wird ihnen den Platz anweisen, wer wird ihren Zins entgegen-
nehmen, wer hat das Recht ihnen den Besitz zu kündigen?
Gewiss im Anfang der Stifi-o? der gleichen Kleruchen. Aber
schon sind die letzteren nicht mehr gleich. Schon hat nur
der grössere Hufner noch die Zeit sich mit Dingen zu be-
schäftigen, die über den Betrieb seiner Hufe hinausgehen. Es
ist natürlich, dass er, wenn auch im Namen der Gemeinde, der
vMlLTt darüber walte. Jetzt wächst seine wirthschaftliche Macht.
Wenn er auf der a^opa erscheint, folgen ihm seine Lassen und
die Insassen des xsivcv, die von ihm abhangen, was er sagt
gilt; auf ihn sehen die kleinen Leute; er ist ein angesehener
Mann (OsTo; von*Q£F?), ein geachteter Mann, ein Yv^jp'-H-o; «vT^p ;
er ist ein Geeigneter, ein Berufener fiir diese Dinge, ein hi-
rfßtiG^ ; er hat ein weites grosses Feld zu seinem Eigen, er ist
ein TTaxu«;; er heirathet nur innerhalb der ihm jetzt Gleich-
stehenden, und sein Sohn und Enkel erben mit seinem Besitz
sein Ansehen; aus der Familie wird das Geschlecht, und die
Geschlechter der Grossen stehen jetzt denen der Kleinen gegen-
über; die Kinder der ersteren sind die Wohlgeborenen, die
euYcvs^, und die Besitzenden, die sfcopoi, die eine grosse Ein-
nahme — -rropcc — haben, sie sind die ,schönen Leute^, die
,beäux Sires' des Mittelalters, die Sokrates zuerst die v.2Kz\
xaYaOot genannt hat, während wir vergessen, dass wir deutseh
redend, griechische Gesellschaftsclassen bezeichneten. Und jetzt
Die Entwicklung der Stnatswissennchaft bei den Griechen. 250
kommt das ,Land' zusammen zu irgend einer Berathung'. Ist
tfs möglich, dass das noch der alte ursprüngliche hr;\Loc sei?
Gewiss, die Lassen werden oft genug keine Zeit haben, die
T;zpi zu besuchen; noch gewisser, dass sie nicht wagen werden
darein zu reden, wenn der schwere ^a/u; auftritt; wehe ihnen,
wenn sie es thäten! Der Landlord in Griechenland hätte sie
eben so gewiss von Haus und Hof gejagt wie er es in England
gethan, wenn der kleine Farmer nicht nach seinem Sinne wählte!
Aber auch der altfreie Grundsasse auf seinem ,Sonnenlehn',
dem xXf^pc^ der ersten Vertheilung, das er sich zu erhalten
gewnsst, ist mehr ein Hörer als ein Redner; die Schwere der
breiten Gelände über welche der ixt-n^Bstcc Herr ist, drückt ihn;
vielleicht hat er ein Kind mehr als er versorgen kann — wer
soll dem letzten eine Pachtung auf dem xoivov geben, wenn
nicht der yv^j^piixo^, auf den die Anderen hören? So schweigt er,
und wagt es Keiner sich zu setzen, wo Jene neben den Steinen
des Königes Platz nehmen ; er stellt sich im Kreise, zwar mit
seinen Waflfen, dem Zeichen seines freien Allods, aber doch
nur um Ja oder Nein zu sagen. Jene aber, welche jetzt an der
Spitze der rfopa stehen, die Inhaber des grossen Grundes, sind
damit nicht mehr bloss reich. Ihr Eigcnthum hat ein neues
Moment entwickelt, vermöge der Differenz mit dem der Anderen.
Denn war es das Eigenthnm, welches der Persönlichkeit sein
Gewicht gab^ so wird die Dauer dieses Eigenthums zur Dauer
dieses Einflusses für das ganze Geschlecht. Das Ansehen wird
erblich mit dem Gute, worauf es beruht; es wird zur Ueber-
lieferung für die Mittleren und Kleineren, dass joner vermöge
seines Grundes, des of = Erde, an der Spitze stehe wo die
Gemeinschaft auftritt; das Vermögen hat einst gleiche Ehre
und Macht gegeben, jetzt vertheilt es Beide nach seinem Um-
fange, und aus dem Eigenthum oder dem wirthschaftlichen und
rechtlichen wird der eigentliche, der gesellschaftliche Besitz.
Und 80 ist jetzt aus dem wirthschaftlichen Unterschiede der
gesellschaftliche entwickelt, und dieser Unterschied, ursprüng-
lich ein persönlicher und damit vorübergehender, jetzt ein
dauernder und dem gesellschaftlichen Besitze schon untrennbar
verbundener, und durch des Eigenthumsrecht für den Be-
sitzer unantastbar geschützter. Jedes jener Momente aber ist
selbständig da; in der öffentlichen Gemeinschaft krystallisiren
17*
260 stein.
sie sich in den Personen, welche solche Besitze haben. Damit
vertheilen sie zuerst die gesellschaftlichen Güter der Ehre und
der Macht nach der Vertheilung des Besitzes, und aus den
ursprünglichen wirthschaftlichen Classen der Grossen, der Mitt-
leren und der Nichtbesitzer sind die gesellschaftlichen Classen
der Höheren, Mittleren und Niederen entstanden. Das ist der
erste gesellschaftliche Entwicklungsprocess, den die Geschichte
kennt. Es ist die Scheidung der aptorot von dem übrigen Bi^{J^:;'
der ^yi[ioq selbst aber beginnt seine Natur zu ändern. Noch ist
er wie ursprunglich seinem Princip nach, gemäss dem alten vofic:
or(pafo^y die freie Gemeinschaft, aber in Wahrheit ist er nicht
mehr die Gemeinschaft der Gleichen; schon Homer will Srt opicr::
xpateT; aber die Empfindung, die hier zum Grunde liegt, ist
jetzt zur festen Gestalt in der Vertheilung des Besitzes geworden^
und der alte S)3(jlo; ist in der Wirklichkeit die Aristokratie der
< Wenn wir uns verstatten dürften über Fragen, die wir allerdings nicht
beherrschen hier beiläufig eine Ansicht aufzustellen, so würden wir glanben,
dass ein ganzer Theil der Sprache so innig mit den Verhältnissen des
Güterlebens durchdrungen ist, dass die Etymologie vieler Wörter ohne
die Beachtung der Arbeits- und Güterverhfiltnisse nicht wohl zu einem
entsprechenden Resultate gelangen kann. Unser Gegenstand aber zwingt
uns, wenigstens auf einen Punkt aufmerksam zu machen. Jene Scheidan^;
der Classen, nämlich auf Grundlage des Besitzes, hat sich denn doch
natürlich sofort auch in der Sprache fizirt. Ob und wie damit die Worte
ayaOcJ; und Mpxyxf^la. zusammenhängen, sowie der ava^avBpüiv oder
der aypo;, ,Trift*, der mit dem Privateigenthum entstehende »Acker',
vermögen wir nicht zu entscheiden. Jedenfalls scheint der xaXoc, der
vermöge seines aypo; zu öffentlichen Dingen Berufene zu sein als xaXo;
xayaOo; der gmndansässige und dadurch ansehnliche Mann, und d»s
alte deutsche Wort ahpar, achtbar, hat keinen andern Ursprung. Kommt
nicht auch «ehrbar* von Erde, Hertha, spat, ^Apdo, arvum? JedenfslU
ist der Comparativ von xaXd; ein doppelter, eben so der von ayaOo; —
wie wäre das möglich, wenn nicht im Worte selbst ursprünglich die
doppelte Bedeutung des an sich und des gesellschaftlich Outen and
Schönen gelegen hätte? Fast unzweifelhaft aber erscheint dieseli^e
durch den Superlativ ; denn dass ,aptato(* den durch den grossen Grand-
besitz Besseren bedeutet hat, zwingt uns das Wort anzunehmen, wie die
Geschichte selbst, welclie unter den Aristokraten niemals die rXouatoi oder
die Timokraten, sondern immer nur die Grundherren verstanden hat; nod
wie doch konnte aus ayaOo; der aptaro;, entstehen, wenn ayaOo; mit dem
Grundbesitz absolut nicht zusammenhing? Jedenfalls aber hnmionirt die^e
Auffassung, wie wir glauben, vollständig mit den historischen That<sehen.
Die RntwicklttDg der StaatswiBsen»chuft bei den Griechen. 261
Grossen. Die Geschlechterordnung als Ordnung des Grund-
besitzes hat ihre zweite Epoche begonnen.
Jetzt kommt die dritte; mit ihr der beginnende Kampf,
mit ihr die Geschichte^ und mit ihr das Sinnen und Nach-
denken über Gesetz und Gerechtigkeit.
Denn allerdings sind jetzt thatsächlich die Grossen die
Herren im §i;|jLo; ; aber über ihnen steht von altersher der ßaatXsu^
als das Haupt aller Geschlechter. Gewiss ist er nicht ärmer
geworden; als jene reicher wurden ; gewiss hat er Gründe und
Hintersassen; wissen wir doch; dass der spartanische König grosse
iopy, von den lacädemonischen Sassen bezog; aber er ist doch
etwas mehr und anderes als der grösste Grundbesitzer: er ist
eigentUch das Ganze; er ist die persönlich gewordene Einheit;
er gilt als solcher nach Aussen, er gilt auch als solcher nach
Innen. Denn ihn hat nicht sein Besitz und nicht die Wahl zu
dem gemacht was er ist; er ist es von Geburt; er gehört dem
königlichen Geschlecht. Er will daher Ehre für sich als König;
er will Macht für sich als König; er will auch als König eigent-
lich allein das xotvsv verwalten, denn diese AImcnd gehört ja
allen, und nicht den aptcnoi. Und gelangt er dazu, dass ihm im
Unterschiede von den grossen Besitzern diese ,Staatsländereien^
der ältesten Zeit zur Verwaltung überlassen bleiben, so wird
bald genug nicht mehr jene ländliche Aristokratie der Grossen,
sondern vielmehr er der Herr sein, denn dann werden alle
Hintersassen auf dem xctvsv zu ihm stehen, von ihm abhängig
werden. Ist es möglich, dass er das nicht empfinden sollte?
Aber auch die Grossen empfinden es. Sie haben bisher die
Possessiones als Patrizii besessen und verwaltet; ihnen wird
der König der an das xoivsv denkt, bald aus einem Haupte
eine Gefahr, die einzige innere Gefahr die der Bauer versteht,
die Gefahr für seine alte, bereits zum Geschlechterbesitz ge-
wordene Grundherrschaft. Und jetzt entsteht das Misstrauen.
Vielleicht folgt man dem Könige noch gerne in den Feldzug;
aber in der o^op« beginnt er Widerstand zu finden. Für die
Grossen ist er noch immer ein Gleicher unter Gleichen; er
selbst aber, das Haupt für alle, also auch für den Xasq, will
mehr sein. Wie kann es werden, und wie das Gewordene
bleiben? Er allein trotz seines Besitzes und seiner Macht
genügt doch nicht gegen alle Grossen. Was bleibt ihm übrig.
262 stein.
als jetzt die Stütze seiner Macht bei den Kleinen zu suchen?
Der Instinct sagt ihm, was er wünschen muss; aber erst die
Verhältnisse zeigen ihm den Weg, den er zu gehen hat. All-
gemeine Hinneigung zum Xao;, der jetzt nicht mehr der S^jjl^;,
die Angehörigen der Gemeinde, sondern die Kleineren neben
den Grösseren zu bedeuten beginnt, gibt ihm die Neigung des
jVolkes' als Gegengabe ; aber die wirkliche Kraft muss er doch
erst in der Versammlung des Volkes concentriren und messen.
Um das zu können, muss er das noch unbestimmte Gesammt-
gefühl des Volkes, dass es als Ganzes nur noch scheinbar die
alte Herrschaft besitze, zum rechtlichen Ausdruck bringen; um
das wieder zu können, muss er den Punkt angreifen, auf
welchem der Besitzer tödtlich verletzt wird, den Besitz selber.
Er muss daran denken, wie er wenigstens die gefährdete Mittel-
classe der xaXcl xa^aOot mit sich verbünde, indem er die Ver-
waltung des xotvov den afnoroi abnimmt, und sie der Gemein-
schaft des of^\KGq wiedergibt. Und jetzt kommt die Aristokratie
zum Bewusstsein der Gefahr, welche im Königthum als solchem
liegt ; denn das was wir gesagt wird nicht mehr ein König thun,
sondern sie thun es alle. Zum erstenmale entsteht jetzt den
Aristois aus jenem Bewusstsein der Gefahr das Bewusstseio;
dass sie eine selbständige Classe sind, deren Herrschaft doch
zuletzt auf ihrem Besitze beruht; und aus dieser Erkenntniss,
dem ersten Classenbewusstsein, bildet sich sofort das erste
Classeninteresse, das Streben, den Besitz, ihre Grundlage, gegen-
über denen zu erhalten, deren Classeninteresse es umgekehrt ist,
ihnen denselben zu nehmen. Der König aber, der das letztere
geplant, wird zur Personification desselben; nur durch ihn, diu-cli
das Haupt des Ganzen, hat die untergeordnete Classe ein Organ
und einen Mittelpunkt; an ihn schliesst sich ehrend und ge-
horsam Alles an, was nicht mehr unter der Herrschaft der
itpiGTot stehen will; und ist es in der That nicht gerecht, dass
statt der Ungleichheit die alte Gleichheit wieder herrsche?
Vertritt jener König nicht mehr als ein Interesse? Ist er
nicht in Wahrheit der Träger eines Princips, des alten, eigent-
lichen wahren Princips des griechischen 3fj[ji.o;? Soll er nicht
unverletzlich sein wie dies Princip selber? Soll man nicht
ihm gehorchen statt dem Beschlüsse der Agora, den doch nur
die Grossen machen? Und muss denn dieser Beschluss gerade
IHe Entwicklung der SUaUwuaenschaft bei den Griechen. 263
vom grossen Grundbesitz abhangen? Sollen zwei Hufen mehr
Recht haben als eine? Soll mein Beeilt kleiner werden, weil
ich nur einen Acker besitze gegenüber dem der zehn hat?
Kein — stehen wir zum Könige! Und jetzt wird der König,
getragen von dieser Volksgunst, aus einer blossen Gefahr eine
unmittelbare, eine grosse Macht gegenüber jenen Grundherren.
Schon regen sich die Metoiken und Penesten, den Herren Uebles
simiend; schon fängt der aYaOoi; an nachzudenken, wie viel
aaf ihn fallen werde, wenn der König das Almend neu ver-
theilt; schon unterwerfen sich die mittleren Besitzer nicht mehr
einfach der ,Fürsprache' des Grossen und Zürnend denkt der
letztere daran, dass ihm ein ,angestammtes^ Becht bedroht
werde. Der König aber, dem die Macht die Besonnenheit
nimmt, beginnt mit Gewalt in die Interessen jener patrizischen
Grundherren hineinzugreifen; da merken diese, dass jetzt der
Augenblick gekommen sei ; sie erheben sich und der erste
gesellschaftliche Kampf bricht los, der Kampf der Aristokratie
der Grundherren mit dem volksthümlichen Königthum.
So weit daher die Geschichte der alten wie der neuen Welt
zurückgreift, ti'itt uns in vielgestaltiger Wiederholung eine und
dieselbe Erscheinung in der Epoche entgegen, in welcher die
Gesellschaftsordnung ganz oder auch nur im Wesentlichen eine
Geschlcchtsordnung bleibt. So wie der König stark werden
will, muss er für das Volk im Gegensatze zur Grundherrschaft
sorgen, und so wie er das thut, stehen die Geschlechter auf und
tödten oder verjagen ihn. Alle Geschlechterkönige der Griechen
wie der Bömer, wurden von den Grundherren umgebracht,
so wie sie mehr sein wollten als Heerführer ; die Gesellschafts-
wissenschaft aber muss das als eines ihrer Gesetze erklären, dass
sich aus der Herrschaft des Besitzes über die Verfassung und
Verwaltung ergibt. Hier breitet sich ein fast unendliches Ge-
biet aus; wir verfolgen es nicht; aber in Griechenland war
die Erscheinung noch einfach, und einfach und leichtverständ-
lich waren ihre Consequenzen.
Denn allerdings tritt nach Verjagung der Könige die
Königslosigkeit ein, welche die Unbekanntschaft mit den ge-
sellschaftlichen Gesetzen der Verfassungsbildung die Bepublik
oder den Freistaat nennen lernte, während sie in der That
das gerade Gegen theil darstellen. Man sieht um des Volkes
264 Steia.
willen hatten die Aristokraten den Codrus, den Romalos, den
ServiuB TuUius, den Tarquinius Superbus verjagt oder getödtet;
sie wollten umgekehrt nun die, jetzt durch den Köoigsmord
zur Herrschaft gewordene gesellschaftliche Classe, an die Stelle
der Könige setzen. Und es gelang ihnen fast allenthalben. Aber
weder ganz noch ungestraft.
Es ist aber vom höchsten Interesse, dies im Einzelnen
zu verfolgen, wenn wir an diesem Orte uns auch auf die
grösseren Momente des Entwicklungsganges der Dinge be-
schränken müssen.
So wie nämlich das Königthum, schon damals oft genug
unter dem Namen der Befreiung von einem Herrn, beseitigt
war, trat nun der Zustand, den die Könige meist hatten bessern
wollen, in seiner ganzen Kraft wieder ein. Die Grossgrund-
besitzer, jetzt ohne Gegongewicht, begannen, wie es in der
Art zur Gewalt gelangender Bauern liegt, die letzteren rück-
sichtslos auszubeuten. Sie fingen erstens an, die Klcinfreien
und selbst die Mittelclasse direct von der Abstimmung in den
Versammlungen auszuschliessen ; zweitens aber vorwalteten sie
den grossen Gemeindegrund, das- xoivcv, jetzt um so mehr allein^
als das was dem Könige einst gehört hatte, jetzt ihnen zufiel.
Alle Lassen, Periöken und Metöken, die einst auf den König
gehofft, waren jetzt ihnen unterthan ; sie waren factisck die
Herren des Landes. Gab aber der Grundbesitz ein Recht, so
musste jetzt der grosso Grundbesitz ein Vorrecht geben. Die
Classe der wirthschaftlich Herrschenden beginnt daher ganz
offen, die übrigen Besitzer von aller Verfassung und Verwal-
tung auszuschliessen, und der Process entsteht, in welchem aus
den gesellschaftlichen Classen sich die Rechtsclassen bilden.
Wir nennen sie die herrschende und die beherrschte Classe.
Die Scheidung beider ist Inhalt und Ergebniss der Zeit, welche
nach der Vertreibung der Könige folgte und was durch die
neue Vertheilung des Grundbesitzes begonnen, das hat sich
jetzt vollendet. Nach der Bewältigung des Königthums ist die
Aristokratie die herrschende verfassungsmässige Form des alten
ofi[Loq geworden.
Allein mit diesem Ergebniss tritt nun sofort ein neuer
Process ins Leben, den man zwar im Einzelnen nicht nach-
weisen kann, der aber in seinen Folgen so verständlich ißt,
Die Entwicklnn; der Stoatswiesenschaft bei den Griechen. 26o
dass wir ihn unter die entscheidenden historischen Thatsachen
äufDchmen müssen.
Jede Qewalt hat den Drang, sich durch das zu entfalten
und zu entwickeln, wodurch sie selber entstanden ist. Die
neue hen'schende Aristokratie, aus dem Grundbesitz hervorgc-
gEDgen, versucht sofort den Rest des freien Besitzes unmittelbar
oder mittelbar sich zu erwerben ; aus'den Reichern müssen noch
reichere, ja die allein Reichen werden. Jetzt beginnen die Be-
diiickungen des Mittelstandes zu denen der Halbfreien hinzu-
zutreten. Allein es ist keine friedliche Zeit in der das geschieht.
Fehde und Krieg toben rings herum. Mit ihnen tritt die Ver-
pflichtung heran, Waffenrüstung und Unterhalt zu schaffen.
Die waren von jeher auf den Grundbesitz angewiesen. Den
Stamm des Heeres aber bildeten doch die Freien. Diese Freien
selbst aber waren ärmer geworden; dennoch forderte die herr-
schende Aristokratie die Waffenleistung, als ob sich die Ver
hältnisse nicht geändert hätten. Jetzt griff die neue Ordnung
der Dinge aus der allgemeinen Verfassung heraus in die bisher
selbständige Einzelwirthschaft hinein und bedrohte auch den
mc; xo^aOoc. Der aber beginnt den Forderungen der Herr-
schenden zu widerstehen ; um ihn sammeln sich die Halbfrcicn,
die man schon damals aus den Magazinen der Grundherren
für jeden Feldzug mit Waffen versehen musste, welche man
ihnen freilich nachher wieder abnahm, da sie kein Waffen recht
besassen. Es kommt zum Streit; die Lage der Classenintcressen
macht die in den Verhältnissen liegenden Bedürfnisse derselben
zu Forderungen, Forderungen deren letzter Hintergrund aller-
dings der Gedanke der alten Gleichberechtigung gegenüber der •
Ungleichheit des Besitzes war; jetzt entstehen öffentliche Par-
teiungen, jede Gesammtfrage wird in das Gebiet der Sonder-
interessen gezogen, Jeder beginnt gegen den Andern zu stehen;
die Auflösung der alten Ordnung fängt an, in jedem Lande,
in jeder 7:6X1; ihr Haupt zu erheben. In dieser Spaltung der
Kräfte wird aber die Gemeinschaft selber schwach; Unmuth be-
mächtigt sich der Gemüther und eine Zeit beginnt, in welcher
die Qeschichtschreibung uns verlässt, weil es keine Geschichte
elementarer Processe gibt, weder im Leben der Gesellschaft noch
in dem des Staats. Dann aber bricht sich durch die Gestalt- "
losigkeit der Zustände und Bewegung jene wunderbare höhere
26G stein.
Kraft Baho; durch ivelche dann die Griechen uns als ein geistig
so gewaltiges Volk erscheinen und die grösste Thatsache der
alten Zeit, die Gesetzgebung der griechischen Staaten während
des achten und siebenten Jahrhunderts v. Chr. tritt uns ent-
gegen und bildet den ersten und grossartigsten Ausdruck des
freien Gedankens eines edlen Volkes über sein eigenes Staats-
leben. Sie ist der Beginn alles höhern staatlichen Bewusstseius
in der ganzen Weltgeschichte. Sie ist etwas durchaus und
wesentlich anderes als daS; was wir jetzt eine Gesetzgebung
oder Codification nennen ; sie will mit einem ganz andern Maasse
gemessen werden, als alle spätem gesetzgeberischen Erschei-
nungen in der Geschichte; denn sie ist in Wahrheit die erste
Gestalt des — wir dürfen es unbedenklich sagen — staats-
wissenschaftlichen Bewusstseins eines Volkes, eine in Gesetzen
krystallisirte Philosophie des Rechts und Staats. Daher darf
es uns genügen, ihren Inhalt zu kennen; auch würden unsere
geringen Kräfte wahrlich nicht ausreichen zu dem, was die
grossen Gcschichtschreiber darüber mit bewunderungswürdigem
Fleiss und Verständniss aus den Trümmern der alten Literatur
wieder aufgebaut, neues hinzuzufügen. Im Gegentheil setzen
wir die Bekanntschaft mit allem, was Lykurg, Pythagoras und
Solon gethan, voraus. Aber Eines möchten wir festhalten, und
das ist die Erkenntniss, dass, wenn man einerseits jene grossen
Gesetzgebungen ohne das Eingehen auf den geistigen Kein
der griechischen Welt nicht beherrscht, man sie doch andrer-
seits nie ohne die Macht des Besitzes und seinen Einäuss auf
die innere Staatsbildung ganz verstehen wird. Und das letztere
. wenigstens nahe zu legen, soll unsere Aufgabe sein.
Freilich muss man zu dem Ende einige jener Gesetze
gegenwärtig haben, deren Wesen und historische Bedeutung
uns die Gesellschaftswissenschaft gelehrt hat, und wir sehen
uns daher allerdings gezwungen, dieselben an die Spitze des
Folgenden zu stellen. Dann aber weiss Jeder, dass wir unter
der Zeit jener grossen griechischen Nomotheten nicht etwa
einen kurzen Zeitraum von wenigen Jahren, sondern vielmeiir
einen Process verstehen, der mindestens zweihundert Jahre
dauert. In dieser langen und kampferfiillten Zeit sind die
Factoren, welche das älteste Recht umgestaltet haben, die
Güterbeweguug und der gesellschaftliche Besitz nicht etwa still
Die Eatwicklaug der StaatowisMnschaft bei den Griechen. ^67
gestanden. Sie haben ihre Arbeit unermüdlich, wenn auch
schweigend fortgesetzt; schon zu Solons Zeit ist Griechenland
ein anderes wie zur Zeit Lykurgs. Und daher wird kein Kun-
diger erwarten, dass die Solonische Gesetzgebung der Lykur-
gischen gleich sein konnte. Dennoch aber, bei allen tiefen
Unterschieden, welche sie darbieten, erscheinen sie doch zuletzt
als Gestaltungen und Selbstbestimmungen eines und desselben
Volkes; ein und derselbe Geist weht uns aus ihnen entgegen,
aber auch zugleich beherrscht ein und dasselbe Gesetz der
Rechts- und Staatsbildung, ein Gesetz das jene empfunden ohne
es noch klar zu wissen, diese Gesetzgebungen des Anfangs
der eigentlich griechischen Geschichte. Doch vermöge dieses
Gesetzes können wir diese grosse Epoche in einem Griffe zu-
sammenfassen; nur dass es dabei verstattet sein muss, die
testen Punkte zu Grunde zu legen, die auch hier das Leben
tragen und in ihrem Gegensatze beherrschen.
VI.
Wir glauben, dass es als eine der grossen feststehenden
Thatsachen der griechischen Geschichte anerkannt wird, dass
der Epoche der alten Landes- oder Stamm könige fast allen t^
halben eine zweite folgt, die man als die Zeit der Tyrannen
zu bezeichnen pflegt. Sie gehen den sogenannten Vei*fassungen
vorauf, aber sie erscheinen bei näherer Betrachtung doch mit
der tiefen historischen Bewegung in der staatlichen Keckts-
bildung Griechenlands so innig verbunden, dass wir sie selbst
so gut wie die letztern, wenn auch nicht vom pragmatischen,
so doch vom Staats wissenschaftlichen Standpunkte betrachten
dürfen.
Von dem Staate redend, denken die meisten an die Summe
seiner organischen Erscheinungen, seinen Körper im I^ande,
seine Seele im Volke, seinen Willen in der Gesetzgebung, seine
That in der Vollziehung, sein Dasein als eine grosse, die
grösste organische Thatsache des persönlichen Lebens. Und
gewiss ist das an sich richtig. Allein Eines fehlt in dieser
Auffassung. Es ist aber unabweisbar, dies in der geistigen
Anschauung festzuhalten. Denn auch das Verständniss der
Geschichte ist nicht ohne dasselbe möglich.
268 Stein.
Gewiss ist nämlich der Staat alle jene Dinge zugleich.
Aber doch ist keines derselben für sich schon der Staat Und
da keines derselben für sich der Staat und damit das Oanze
ist, so muss es selbst für die gewöhnlichste Erwägung in diesem
grossen organischen Körper etwas geben, das ich wohl ziemlicli
unabweisbar als etwas für sich Seiendes und als eine selb-
ständige Kraft setzen muss, die in ihrer Erscheinung eben die
Einheit aller jener organischen Momente jenes Ganzen ist und
daher denselben auch bildet und beherrscht.
Dieses selbständig gedachte Moment der Einheit im viel-
gestaltigen Organismus des Staats nennen wir begrifflich seine
Persönlichkeit, als thätige Kraft die Staatsgewalt, als Träger
der höchsten Auffassung und Bestimmung des persönlichen
Lebens die Idee des Staats. Ohne dieses Moment kann ich
mir vielleicht alle einzelnen Organe und Functionen, aber nicht
den Staat selbst denken.
Nun zeigt es sich, dass, so lange diese Organe und ihre
Functionen ihrem eigenen Wesen nach thätig sind, ich mir
jener Idee des Staats als einer selbständigen Kraft nur schwer
bewusst werde, denn in der regelmässigen Ordnung der Öffent-
lichen Functionen gelangt ihre specifische Aufgabe überhaupt
nicht zu eigner Erscheinung; es genügt, dass sie da sei, wie
der Mittelpunkt eines Kreises. Allein so wie jene Elemente
des Staats in Unordnung gerathen, erwacht sie zu der ihr
eigenthümlichen Arbeit; und wenn gar ein einzelnes, besonderes
Moment des Staats sich selbst zum Staate machen will, sei es
mit oder ohne Kampf, dann entfaltet sie sich in ihrer Kraft,
wirft allen Widerstand der Thcile vor sich nieder, bewältigt
Recht, Güter, Besitz, Menschen und Geschichte, löst sich im
Kampfe ums Dasein von allen sie umgebenden Factoren los
und erhebt sich selbst zu der ihr eignenden höchsten Gewalt
über alle Dinge; und das ist es was wir zuletzt die Souveränetät,
die Selbstherrlichkeit des Staats, diejenige höchste Kraft des-
selben nennen, welche ihren Grund nur in sich selber zu suchen
vermag. Und um dieser seiner höchsten, alle menschlichen
Factoren bewältigenden Kraft willen, hat alle Anschauung der
Philosophie wie des Volksbewusstseins aller Zeiten das Gött-
liche im Staate anerkannt.
Die Entwicllnng der .Staatswissenficbaft bei den frriechen. 269
Das aber, was eben das innerste Wesen des Staats be-
droht, ist nun kein anderes als der gesellschaftliche Kampf,
der Kampf der Gesellschaftsclassen um die höchste Staats-
gewalt. Denn während der Begriff des Staats die Herrschaft
einer Classe noch erträgt, weil sie schliesslich zu irgend einer
formalen Ordnung führt, ist es seine Auflösung selbst, wenn
diese Ordnung durch den Gegensatz der Classen und Interessen
das an sich Widersprechende, den Dienst des Ganzen für den
Theil zu leisten gezwungen sein soll. Dieser Widerspruch in
der Sache aber wird zum Widerspruche für jeden Einzelnen,
weil der gesellschaftliche Kampf bei jedem Einzelnen im
Interesse des Andern die Grundlage seiner Selbständigkeit,
seine wirthschaftliche Freiheit, seinen Besitz und damit seine
£hre und seinen gesellschaftlichen Einfluss negirt. Dann geht
aus dem Krieg Aller gegen Alle, den Plato so richtig verstanden,
das Bedürfniss der Unverletzlichkeit jedes Einzelnen durch
jeden Einzelnen als die gemeinsame Erkenntniss hervor, dass
Alle gleichmässig vor Allem des Staates bedürfen, den sie als
Einzelne herzustellen nicht mehr fähig sind. Und das ist in
jedem Staatsleben der Augenblick, wo die lebendig werdende
Staatsidee irgend eine mächtige Persönlichkeit erfasst und sie
zum Werkzeug und Diener ihrer Gewalt und ihrer jetzt von
allen Einzelnen abgelösten Bewegung macht. In einer solchen,
von der Geschichte auserkorenen Persönlichkeit krystallisirt
jene Idee mit ihrer Kraft gleichsam innerhalb des engsten
Raumes eines einzelnen Menschengeistes; sie erfüllt sich ganz
mit ihm und ihn mit sich; er wird das Ich, das Haupt des
Staats, er wird der Wille, das Gesetz des Staats, er wird die
That, die Vollzugsgewalt desselben; er ist das Becht, er ist
die Ordnung, er ist der Herr und unwillkürlich, ja fast unbe-
wusst, beugen sich ihm die einzelnen Organe, die einzelnen
Familien, die einzelnen Menschen, denn rücksichtslos und mit
mehr als menschlicher Kraft und wie getrieben von einer höhern
Gewalt zerschmettert er den Widerstand und fragt weder nadi
Gesetz noch nach Recht, denn er ist der Herr. Die Geschichte
aller Zeiten und Völker zeigt uns glänzende Beispiele dieser
Erscheinung, nicht bloss der alten, sondern auch der neuen
Welt, Beispiele innerhalb der Sphäre örtlichen Gesammtlebens,
aber auch Beispiele, deren Gewalt die halbe Welt erschüttert
270 stein.
hat. Die Wissenschaft des Staats und der Gesellschaft aber
lehrt uns das eigentliche Wesen dieser Erscheinung in einem
Satze zusammenfassen, den wir als eines der Grundgesetze der
Bewegung des Staatsrechts Achtung anerkennen müssen. Wo
immer ein gesellschaftlicher Classenkampf ausbricht, da ent-
steht die Dictatur; wo dieser Classenkampf beginnt, beginnen
dictatorische Gewalten ; wo aber durch den Classenkampf Eigen-
thum und Besitz erschüttert werden, da ist sie eine absolute,
organische Erscheinung, denn dann ist es nicht mehr bloss der
Bürger, sondern es sind vielmehr die organischen Gesetze des
Lebens der wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Güter,
welche jetzt der höchsten Allgewalt des Staats nicht mehr
entbehren können.
Es ist daher nicht wunderbar, sondern es ist eine durch-
aus organische Thatsache, nicht bloss dass Sulla und August
nach den Classenkampfen in Rom, oder Cromwell nach den
englischen, oder Napoleon I., wie Napoleon III. nach den fran-
zösischen Classenkampfen die Dictatur der Staatsgewalt in die
Iland nahmen, sondern dass ganz nach demselben Gesetze
auch in Griechenland während der beiden Jahrhunderte, wo
die alte Gesellschaftsordnung mit ihren Besitz Verhältnissen auf-
gelöst und die neue noch nicht entstanden war, sich innerhalb
jedes Landesgebietes Dictatoren bildeten, nur dass die Griechen
sie Tyrannen nannten. Ganz entsprechend erscheinen da, wo
die Besitzverhältnisse zwar bedroht, aber nicht erschüttert sind,
wie in Achaja, Elis, Argos, keine Tyrannen; das sind die ge-
schichtslosen Länder. Aber so viel wir sehen, ist allenthalben
wo jene früher charakterisirten Bewegungen sich Bahn brachen,
das Zeitalter der Tyrannen eingetreten, über welche Aristoteles
als einer bestimmten Kategorie der Verfassung redet, von
welchen er zwar weiss wodurch sie untergehen, nicht aber
wodurch sie eigentlich entstanden sind.
Nun hat es gewiss einen grossen historischen Werth, die
Geschichte dieser Tyrannis im Einzelnen zu verfolgen. Aber
es liegt etwas in der Natur derselben, weshalb sie nur wenig
zur Geschichte der Entstehung der Staatswissenschaft beitragen.
Denn der Tyrann kann auch wollend keine freie Gesetz-
gebung zulassen. Er kann es genau aus demselben Grunde
nicht, welcher eben die Tyrannei erzeugt und sie selber
Die Entwicklang der Staatswiesenschaft bei den Griechen. 27 1
berechtigt. Denn der Tyrann ist Tyrann, weil der nach seinem
absoluten Wesen persönliche Staat einen selbstbcstimmten Willen
und nur einen Willen haben kann. Wo aber die Bildung dieses
Willens durch die Gesammtheit, vermöge der Gegensätze in
den gesellschaftlichen Classen sich selbst aufhebt^ da tritt eben
die Einzelpersönlichkeit des Herrn für ihn ein ] der Herr des
Staats ist eben die persönliche Verfassung selbst, weil, wenn
er die Volksverfassung zuliesse, der Kampf um das Recht zur
Gesetzgebung die Gesetzgebung selber unmöglich macht. Er
kann daher nur Selbstherrscher, Autokrat sein. Und so hat
die Tyrannei keine Verfassung.
Dagegen hat sie allerdings meistens eine sehr gute Ver-
waltung, und man wird es leicht verstehen wenn wir nunmehr
sagen, dass der praktische Werth der Verwaltung in geradem
Verhältniss steht zu der Dauer jeder Dictatur. Es ist das
leicht in der Geschichte nachzuweisen ; doch liegt es uns fern.
Gewiss ist aber, dass auch die Verwaltungsordnungen der
Dietaturen den individuellen Charakter des Dictators tragen
und daher nur selten von dauernder Bedeutung sind. Tragen
sie denselben nicht, sondern sind sie den wahren Bedürfnissen
des Gesaipmtlebens entsprechend, so dauern sie nicht bloss
selbst, sondern sie sichern auch die Dictatur; meist jedoch und
zwar aus demselben Grunde, nur bis zum Tode des Dictators.
Denn da die Tyrannis wesentlich auf der Verwaltung und nicht
auf der Verfassung beruht, so wird sie nicht legitim und bietet
selbst mit ihren besten Leistungen keine Gewähr für die Sicher-
heit in der Befriedigung der Bedürfnisse der öflPentlichen Ord-
nungen, während eben um jener Bedürfnisse willen ihr doch zu-
letzt das Recht und die Macht gegeben war. Diese Sicherheit
oder Unpersönlichkeit aber kann nur durch das verfassungs-
mässige Gesetz gegeben werden ; ein solches aber steht mit jeder
Tyrannis in unlösbarem Widerspruch, nicht durch den Tyrannen
selbst, sondern durch ihr eigenes Wesen. Ein freigebornes Volk
kann daher einen Dictator ertragen, aber keine Dynastie von
Dictatoren. Und wie dies für die eine Zeit gilt, so gilt es
auch flir Griechenland. Denn das sind organische Gesetze fi^r
die Bildungen des öffentlichen Rechtes. Und es wäre wohl
auch grosser Mühe werth, wenn bei den in unserer Zeit so
tief gehenden socialen Gegensätzen die Erkenntniss srerade
272 stein.
dieser Gesetze, als Inhalt jeder öflfentlichen Bildung gefordert
werden möchte.
In jedem Falle aber glauben wir nun, dass man wenig
widersprechen wird, wenn wir demgemäss sagen, dass die
Epoche der Tyrannis in Griechenland, wie sie zwischen Lykurg
und Selon geherrscht hat, nicht etwas gerade dem griechischeu
Leben Eigeuthümliches gewesen sei. Hier ist Griechenland wie
ein anderes Volk. Das wodurch es gerade in seiner Verfassun«;
ein unsterbliches Muster geworden, ist ein wesentlich anderes
und höheres.
Und jetzt betreten wir auf der Grundlage unserer Auf-
fassung vom Staate, einen neuen Boden in Philosophie und
Geschichte.
vn.
Allerdings nämlich wird man stets den Satz festhalten^
dass jede Gemeinschaft eben jener absoluten Thatsachc und
Gewalt dos persönlichen Staats und seiner Idee bedarf und dass
sie denselben deshalb selbst in der Gewalt der Einzelherrscliaft
sucht, wenn sie ihn nicht anderswo zu finden vermag. Allein
dieser Staat ist denn doch ein geistiges Wesen; ich kann ihn
sinnlich nicht erkennen, so wenig wie ich überhaupt die Ein-
heit eines Organismus sinnlich wahrnehmen kann. Ist er aber
das, so kann ich »ein Dasein, seine Noth wendigkeit, ja selbst
seine Idee auch in dem Geiste des Einzelnen erzeugen und
finden, welche ihm angehören. Alsdann empfangt er ein zweites,
höheres, ja eigentlich sein wahres Leben. Er wird dann der
Inhalt des Bewusstseins jedes Staatsbürgers; er ist in jedem
Einzelwillon selbständig und lebendig da ; er wirkt, die Einheit
Aller von Allen fordernd, in Allem was der Einzelne will und
thut; er ist die bewegende Kraft der Ordnung für Alles was
von Allen geschieht; er bedarf als solcher keiner äusseren Ge-
walt, denn seine Stärke ist der Wille, seine Ordnung ist der
Gehorsam, seine That ist der Dienst jedes Bürgers; er lebt
in dem Bewusstsein seines Volkes und seine Idee erfiillt sich
mit der freien Hingabe freier Männer an ihn und seine Forde-
rungen. Das ist der Staat der wahren Freilieit, dessen uner-
schütterliche Heimat die Brust und die Kraft des freien Mannes
Die Entwicklung der Staatswissenschaft bei den Griechen. 273
ist; und darum ist nur der Staat^ der dieses vermag, der wahre
Freiheitsstaat, die wahre Republik.
Und darum kann auch erst in einem solchen Staat^ das
was wir formell das Gesetz genannt haben, der Idee des Ge-
setzes entsprechen. Denn wenn das Gesetz der einheitliche,
persönlich gewordene Wille der Staatsbürger ist, die Staats-
bürger selbst aber von der Idee des Staats und den grossen
Bedingungen seiner Existenz und seiner höchsten Entwicklung
erfüllt sind, so werden sie naturgemäss das, was eben jene
Idee des Staats fordert, zum Inhalt ihres eignen Willens, das
ist des von ihnen beschlossenen Gesetzes machen. Die Idee
des Staats aber ist zuletzt doch die Vollendung der Persön-
lichkeit Diese aber ist das, was wir das an sich Gerechte,
t: Sw.a'.ov, nennen. Lebt also die Idee des Staats nicht in
äasserlicher Gewalt, sondern im Bewusstsein seiner Bürger, so
ergibt sich das höchste Ziel aller freien persönlichen Entwick-
lung in dem Leben der Gesammtheit; das Gesetz wird das
Gei*eehte, der v6|ac<; wird das Sixatov suchen und sein und es ist
erreicht, was wir die letzte Verkörperung des Ideals der Mensch-
heit nennen, dass jeder Gegensatz zwischen geltendem Gesetz
und idealer Gerechtigkeit aufhört, so dass das geltende Recht,
welches durch das erste entsteht, zugleich zur Wirklichkeit der
durch die letztere geforderten Sittlichkeit wird. Und wo immer
das zum Ausdruck gebracht wird, da hat die Menschheit einen
mächtigen Schritt auf der Bahn des Ideals ihres Lebens vor-
wärts gethan.
Damit das aber sich nun auch in der Wirklichkeit des
Lebens vollziehe, sind zwei Dinge nothwendig, von denen das
eine den Elementen und Bewegungen des materiellen, das
andere denen des persönlichen Lebens angehört. Das eine ist
die Ordnung der Güter und des Besitzes einerseits, das andere
die Bildung und Erziehung des Geistes aller Staatsbürger
andererseits. So lange jene Idee des Staats nicht diese beiden
Pactoren erfasst und sie nach sich gestaltet hat, enthält er in
der That nur eine ideale, keine wirkliche Freiheit, er ist die
sittliche Idee, aber noch nicht die Wirklichkeit derselben,
welche Hegel, der jene Momente noch nicht selbständig zu
verarbeiten wusste, eben deshalb in seinem Staatsbegriflf nicht
Sitsvngiiber. d. phil.-hiet. Cl. XCIII. Rd. II. Hft. 18
§
274 stein.
zum Verständniss briogt. Und fast scheint es, als ob jene
Idee des Staats das sich selber zu sagen wüsste.
Denn allenthalben, wo dieselbe sich nun im freien Staats-
bürgerthum verwirklichen will und ihren idealen Willen im
Gesetze zum geltenden Recht macht, da wird dieses Qesetz in
irgend einer Weise zuerst die Ordnung der Güter und des
Besitzes und dann die Erziehung des Volkes in der Form ge-
stalten, welche sie selbst für die richtige und seiner eigeDen
höchsten Aufgabe entsprechende erkennt. Das Gesetz kann
sich dabei irren, aber das Ideale aus dem es entspriesst erliält
sich auch im Irrthum; denn der Irrthum des Idealen ist stets
nur ein Irrthum über das Mittel, nie über den Zweck. Der
Zweck aber jener Gesetzgebung über Besitz und Erziehung,
welche der Idee des Staats ihre Wirklichkeit geben, liegt wieder
nicht bloss innerhalb der Gränzen jener beiden Elemente des
Staatslebens. Denn instinctiv, möchten wir sagen, empfindet
das nach dem Ideale strebende Leben eines solchen Staats,
dass im wirklichen Leben der Gemeinschaft jene beiden Factoren
gegenseitig in beständiger Wechselwirkung stehen ; schon die
einfachste Beobachtung sagt mir, dass das Maass des Besitzes
und Erwerbes, wenn es sich selbst überlassen functionirt, immer
imd unabweisbar auf die physische und geistige Erziehung und
Bildung seinen imwiderstehlichen Einfluss übt und zwar in
zweifacher, leicht erkennbarer Weise. Zuerst wird es dem Be-
sitzenden eine reichere Erziehung und Bildung geben ; zweitens
wird es gerade dadurch den Besitz selbst als ein höchstes Gut,
als die feste Grundlage nicht bloss für die gesellschaftlichen
Güter der Ehre und Macht, sondern auch für den Erwerb der
geistigen Güter selbst, also als das höchste Ziel menschlichen
Strebens schätzen lehren. Und dass dieser doppelte Einfluss
des Besitzes mit den Thatsachen übereinstimmt, das wird man
wenig bezweifeln. Soll daher jene dem Ideale des Staats
dienende Gesetzgebung ihren eigentlichen Zweck erreichen,
so muss sie gegenüber der Gefahr, welche jene Herrschaft des
Besitzes für das Ideale mit sich bringt, unabweisbar zwei grosse
Grundsätze zur Grundlage des Staatslebens machen. Sie muss
einerseits jene geistige Entwicklung, das* Herausbilden der
vollen und freien Persönlichkeit aus dem Menschen von dem
Besitze und seiner Vertheilung unabhängig, das ist zur Gesammt-
Di(> Rntwicklnng der Staatswissenschaft bei den Griechen. 275
aufgäbe aller Einzelnen machen und sie muss zweitens als das
höchste Prineip ihrer geistigen Bildung den Satz in das jugend-
liche Herz aller werdenden Staatsbürger einprägen, dass jener
Besitz, wenn er auch noch so gross und wünschenswerth sein
mag; nicht das Höhere des Menschenlebens und nicht berechtigt
sein solle, die Arbeit, die Hoffnungen, das Streben nach Ruhm
nnd Ehre zu beherrschen. Sie muss zu sagen und davon zu
überzeugen wissen, dass es etwas unendlich viel Höheres, der
Idee des Staates Würdigeres gebe, als Reichthum und Besitz
und selbst als die Herrschaft die beide verleihen, und dass
der wahre Ruhm und die wahre Ehre nicht durch Gut und
Macht erreicht, nicht in ihnen angestrebt werden solle. In
sich selber soll der Mensch die Quelle des Edlen und des
besten Genusses finden und dazu soll ihn die Gemeinschaft
und soll er sich selber erziehen. Dies innere Gut aber ist die
Tugend, und die Kraft, mit Verachtung des Besitzes die Tugend
hoch zu ehren und um ihretwillen die ganze Arbeit meines
Lebens dem Ideal hingeben, ist das Ethos. So ist das Ethos
jetzt zwar begrifflich die thätige Tugend oder die sich durch
die Macht des Einzelnen verwirklichende Sittlichkeit, aber erst
gegenüber dem Besitz wird sie ganz was in ihrem Wesen liegt;
erst hier ist sie die Freiheit der Tugend und der tugendhaften
That vom Besitz und seinen Gewalten, und daher die höchste
Grundlage der Gemeinschaft, der ttcXic, des Staats. Das ist
der Weg, auf welchem die Griechen, wenn schon nicht mehr
die theoretisch reflectirte Ethik des Aristoteles, doch das Ethos
des Piatos in das Gebiet der Staatswissenschaft erhoben. So
baut sich, indem wir noch von aller Geschichte absehen, mit
allen diesen Momenten die Idee des lebendigen Staates, die
Wirklichkeit der sittlichen Idee zu einem nicht bloss in sich
ruhenden, sondern in sich und für jeden Angehörigen thätigen
und harmonischen Ganzen aus; und das ist die Philosophie
des Staats und seines Rechts.
Und wozu entwickeln wir an diesem Orte, mitten in dem
historischen Process der Verfassungsbildung, dieses Bild idealer
Anschauung?
In der That, weil die Epoche der griechischen Gesetz-
geber gerade auf dieser Grundlage das griechische Staatsleben
im tiefen Unterschiede von allen früheren Zeiten aufgebaut hat.
18*
276 stein.
Sie hat wenig Gesetze gegeben, Pythagoras gar keine; aber sie
wollte keine Gesetze, weil sie den Quell der höheren Rechts-
ordnung nicht in der formalen Geltung fester Rechtsregeln,
sondern in dem edlen Staatsbewusstsein der Büi^er suchte.
Jene Gesetzgeber haben nicht wie unsere Verfassungen die
Bürger dem Staat und seinem Recht, sondern sie haben den
Staat seinen Bürgern anvertraut. Sie wollten nicht dass das
formale Gesetz, sondern dass die Tugend über den Willen
herrsche, der das Gesetz schafft. Sie waren die ersten in der
Welt, welche im Namen dieser Idee jener Gewalt den offenen
Krieg erklärten, die wir als Reichthum und Besitz bezeichnet
haben; ihre Verfassungen sind der grossartige Versuch den
Staat selbst, seine Gesetzgebung, ja seine Verwaltung über diis
zu erheben, was wir die gemeinen Interessen des Güterlebeus
nennen. Für sie ist darum auch die Quelle der Ehre nicht das
grosse Gut, sondern hohe Tugend und edler Sinn und der Ruhm
ist ihnen das Maass, in dem der Einzelne dem Staate zu dienen
vermochte. In diese Kraft des einzelnen Bewusstseins, in
diese Erziehung zur Hingabe an das höchste Gut, die göttliche
Heiligkeit der Staatsidee, wussten sie die Unantastbarkeit des
Staats und die Macht desselben zu verlegen ; ihr Staat bedurfte
nicht des gewaltigen Tyrannen der das Einzelne von aussen
her als Ganzes zusammenhält, sondern er lebt in der Brust
jedes Einzelnen und wird mit jedem Einzelnen erzogen und
selbst kräftig. Und kehren wir jetzt zu den Zuständen der
Gesellschaft zurück wie wir sie eben bezeichnet, so ergibt sich
nicht bloss der tiefe innerliche Charakter jener Gesetzgebunj^eo
an sich, sondern auch das, was ihnen gegenüber jenen Zuständen
gemeinsam war und eben dadurch die grösste Epoche iu der
griechischen Geschichte begründet hat.
Das nun besteht in der klaren Erkenntniss von den
Gefahren, welche die Verth eilung des Besitzes für die ideide
Entwicklung des Staatslebens im obigen Sinne ewig bringen
wird. Gefahren deren Wirkung und Bedeutung jene Gesetz-
geber während dieser ganzen Zeit in der Knechtung der Frei-
heit durch die Tyrannis in der einen Hälfte der Staaten und
durch die Auflösung derselben in der andern rund um sich
her erkannten. Wohl war die Begeisterung für die Idee des
Staats, das Bewusstsein, dass nur durch sie die Hellenen
Die EutwickloBg der StaatswisHentschaft bei den Griechen. ^77
berechtigt seien über die Barbaren zu herrschen, wie die
Dichter sangen welche die Mühe des Lebens nicht kennen,
eine gewaltige Macht; allein dennoch mussten sie sich bald
genug sagen, dass, wenn die Idee des Staats auch in den Herzen
der Staatsbürger lebendig sei, die positive Verfassung nicht
ohne ein tiefes Eingreifen in die Besitzverhältnisse geordnet
werden könne. Wenn die Anschauung der hohen griechischen
Freiheit ihnen den Muth gab, ihren Staat auf die edelsten
Factoren der Menschheit zu stützen, so mussten die rauhen
Thatsachen der Wirklichkeit die sie umgaben, sie bald zwingen
ihrer Staatsidee eben dieser Macht des Besitzes gegenüber
eine ganz bestimmte Stellung zu geben. Und in diesem Kampf,
in diesem Ringen nach einer Ordnung, in welcher der Besitz
mit seiner Vertheilung mit dem Ideale des Staats und seines
freien, echt hellenischen Staatsbürgerthums in Harmonie ge-
bracht werden sollte, besteht nun der eigentliche Charakter
aller dieser Gesetzgebungen, so verschieden sie sonst sein
mögen, zunächst aber die des Lykurg und seiner Spartaner.
JSie sind der grosse Versuch, die Macht des Besitzes und die
auf ihm beruhende Ordnung der Gesellschaft dem freien Ideale
des Staats zu unterwerfen, ohne jene dabei einfach zu negiren,
wie der Communismus späterer Zeit. Darin, und eigentlich
nur darin liegt ihr innerstes Wesen; denn wenn sie das edle
g;ricchische Staatsbewusstsein im Ganzen aus der gesellschaft-
lichen Verwin-ung, die ihnen vorherging, wieder lebendig machten,
so hatten sie die Freiheit in der Ordnung des Besitzes zuerst
so recht eigentlich geschaffen. Das ist ihre grosse welthistorische
That. Und weil dieselbe auf dem Geiste beruht, war sie es
auch welche es vermocht hat, die Geister zur Arbeit in Philo-
sophie und Wissenschaft anzuregen. Denn vor ihnen gab es
in der ganzen noch unerschöpften Literatur des Orients, der
Pyramiden so wenig wie der Assyrer oder Indier, überhaupt
keinen Begriff von Staat und Recht, und es ist nicht richtig
mit den Historikern der Geschichte des Geistes das nicht zu
lehren und zu sagen! Nach ihnen aber ist, und das zu zeigen
wird uns vielleicht verstattet sein, eben dieser echt griechische
Gedanke über Staat und Recht seinem eigentlichen und wahren
Inhalte nach durch das gegeben was sie zuerst zum Ausdruck
brachten. Denn nicht Plato und nicht Aristoteles und nicht
278 Steio.
die Publicisten oder die Sophisten haben den Begriff des vijio;
an seinem Gegensatze, dem S{xa{5v^ zuerst untersucht und auf-
gestellt; nicht aus ihrem subjectiven Geiste sind die Ideen von
Recht und Verfassung, von Staatsbürgerthum und Staatsideal
entstanden, nicht sie haben zuerst nach der besten Verfassung
gefragt oder von der Güterlehre, dem Besitz, der Vertheilung
desselben, seiner Gewalt, der Freiheit oder Unfreiheit der
Völker und Staaten gesprochen, sondern sie haben nur zur
Wissenschaft zu erheben gewusst, was schon Jahrhunderte vor
ihnen im Bewusstsein der Hellenen gelebt hatte. Sie sind jener
Zeit der ersten Jugend des griechischen Staatsbewusstsöins
gegenüber doch nur die Edelsteine, in denen der Glanz des
ursprünglichen griechischen Geistes uns funkelnd entgegen
leuchtet, das Wort, in welches sich die Empfindung der edelsten
griechischen Welt zusammenfasst, als das Gefühl ihres Unter-
ganges ihr nahe tritt. Und wenn sie die ersten sind, welche
wie Plato diese Güterwelt philosophisch fassten oder wie Aristo-
teles, sie wissenschaftlich zu behandeln versuchten, so sind sie
es darum, weil zweihundert Jahre der bittersten, ja ver-
nichtendsten Erfahrung sie belehrt hatten, wie viel gegenüber
jenem Besitz die Gesetzgeber der früheren Epoche verstanden
und gewagt, und wie wenig ihnen doch zuletzt gelungen war.
Und so ist nun dieses. Und jetzt wird es immerhin
seinen Werth haben, von diesem jener Epoche Gemeinsamen
zu dem besonderen Charakter der einzelnen Gesetzgebungen
herabzugehen. Denn das ist wie schon gesagt klar, dass,
wenn ihre Gesetze es wesentlich mit Besitzen zu thun hatten,
sie durchaus nicht dieselben sein konnten. Zweihundert Jahre
fast liegen zwischen Lykurg und Selon ; es ist unmöglich, dass
der Besitz in zwei Jahrhunderten seine. Vertheilung, ja seine
Natur selbst nicht geändert haben sollte. Lakedämon war ein
naturgemäss auf Grundbesitz, Attika ein naturgemäss auf Geld-
verkehr angewiesener Staat; es war unmöglich auch nur in
der Grundlage des Besitzes die Gleichheit zu finden. So musste
derselbe Geist den wir das Hellenenthum nennen, in dem ver-
schiedenen Körper sich unabweisbar verschiedene Gestaltungen
seiner Staats- und Rechtsbildung schaffen ; es war unmöglich,
dass Lykurg und Solon die gleichen Gefahren ihrer Staatsidee
vor sich sehen, ja es war unmöglich, dass sie in ihrem Kampfe
Die Entwicklaug Jer St<uitawiba«iiiichaft bei deu Qrie«hen. 279
gegeD dieselben die gleichen Illusionen haben , die g;Ieichen
Imhümer begehen konnten. Das grosse aber, das acht hellenische
ist, dass sie dennoch beide ihrem Wesen gleichartig; der Aus-
druck derselben Idee sind. Und da wir wissen, dass jeder
unserer Leser die Einzelheiten dieser Verfassungen ohnehin
vollkommen kennt, so wird es unsere Aufgabe sein, in dem
Unterschiede der Gesetzgebungen die Unterschiede der Zeiten
und Länder festzustellen, für die sie gegeben wurden.
Zu dem Ende unterscheiden wir die eigentlichen Gesetz-
geber, den Lykurg und den Selon. Was wir aber von ihnen
zu sagen haben, wird sich wesentlich auf die Verhältnisse des
Besitzes zu demjenigen beziehen, was man ihre Verfassungen
zu nennen gewöhnt ist.
vm.
Wirft man nämlich einen Blick zurück auf die Darstellung
der Zustände unter dem Königthum in seinem Gegensatze zur
Umgestaltung der alten Geschlechterordnung, so werden jedem
in den öffentlichen Verhältnissen jener Zeit Bewanderten vor
Allem gewisse Dinge klar sein. Einerseits war es unmöglich
das ui-sprüngliche Königthum wieder herzustellen, und zwar
nicht bloss weil der Hellene demselben nicht bedurfte um seinen
Staat in Liebe und Gehorsam als das Höchste zu verehren,
sundern praktisch, weil die bereits um die HerrschsCft kämpfende
Classe der Grundherren durchaus nicht gesonnen war, die
Grundbesitzungen, die sie durch den Fall desselben gewonnen,
durch ein neues Königthum gefährden zu lassen. Andererseits
konnte aber doch die neue staatliche Bildung der Einheit nicht
entbehren, welche allein den Staat über die Sonderinteressen
zu erheben vermochte. Diese Einheit aber in die Majorität,
das ist in die einfache ununterschiedene Gesammtheit zurück-
zuwerfen und damit die mächtigen Unterschiede einfach zu
negiren, welche schliesslich doch unabweisbar durch den Besitz
und seine Vertheilung unter den Geschlechtern als unverkenn-
bare Thatsachen dastanden, wäre ein geringer Beweis für ihr
Verständniss öffentlicher Dinge gewesen. Wiederum aber die
freien Griechen einer solchen staatlichen Einheit zu unter-
werfen, der sie ohne Macht gegenüber standen, war der tiefste
280 . stein.
Widerspruch mit dem Kern des Hellenenthums selbst. Und
hier daher das Richtige finden, war die Aufgabe jener Männer.
Lykurg nun zuerst und nach ihm Solon haben diese
Aufgabe in einer Weise gelöst, welche nicht bloss von hohem
staatsmännischem Verständniss zeugte, sondern die in der Thal
eine absolut neue Epoche in der ganzen Auffassung des Staats
bezeichnet. Die Lösung dieser Aufgabe ist bei beiden Gesetz-
gebern dem Wesen nach, wie auch der Form nach natürlich
verschieden. Wir scheiden sie aber in zwei grosse Gebiete
um den Reichthum ihrer Einzelnheiten beherrschen zu können.
Das erste ist ihr Verhältniss zur einheitlichen Staatsidee die
sie geradezu umgestaltet haben, und das sich in der Gesetz*
gebung über die königliche Gewalt ausdrückt. Das zweite ist
ihre Ordnung des Besitzes, die sie in der ihnen eigenen Weise
ihrer Staatsidee unterwerfen. In dem ersten Theile sind sie
in ihrer Rcchtsbildung einander sehr ähnlich, denn das Gebiet
derselben, das Königthum, war bei beiden dasselbe ; im zweites
sind sie so verschieden, wie der Besitz selbst, den sie zu orga-
nisiren suchten.
Was nun zuerst das Königthum betrifft und die Staats-
einheit, die sie an seine Stelle setzten, so muss man davon
ausgehen, dass das alte Königthum noch ungeschieden alle
Momente der höchsten Staatsidee unklar in sich vereinigte. Es
kam deshalb darauf an, dasselbe in seinen einzelnen grossen
Functionen aufzulösen und für diese Functionen selbständige
Organe zu schaffen, deren jedes seine bestimmte Aufgabe und
Conipetenz empfing, so dass die Einheit der Staatsgewalt die
in demselben lag, damit gebrochen und die Gefahr für die
Freiheit die darin lag, bewältigt wurde. Dann aber haben
beide Nomotheten in diesem allerdings anfänglich sehr ein-
fachen Organismus das Princip der Freiheit hineingebracht,
und das Grundgesetz auf dem die Geltung dieses Prineips
beruhte, ward aus der Geschlechterabstammung die Wahl für
die höchsten Staatswürden durch das Volk. Wir nun sind so
gtjwohut an beide Gedanken, dass wir den fast unermesslichen
Fortschritt der in ihnen lag, nur mit der Mühe der Reflexion
uns zum Bewusstsein bringen. Unsere Zeiten und Zustände
Hind so gründlich von den beiden Principien der Wahl imd
des Organismus, das ist der gesetzlichen Competenz jedes öffent-
Die Entwicklung der StaatswissenschRft bei den Griechen. 281
liehen Organes^ wir möchten sagen durchtränkt, dass wir schon
gar nicht mehr sehen, wie weder der Orient noch das könig-
liche Griechenland, geschweige denn die Tyrannis, jemals auch
nur daran gedacht haben, weder in der ersten die Freiheit,
noch in der letzten die Ordnung des Staats zu finden. Wahl
und Organisation der obersten Behörden sind absolut neue
Erscheinungen ; ja sie sind eine neue Staatsordnung für sich,
die Grundlage der grossartigsten Harmonie im Staate, die man
zu denken vermag. Und deshalb sind beide Principien der
ganzen folgenden Geschichte nie wieder verloren gegangen;
verloren scheint nur die Erinnerung daran, dass wir beide erst
den Verfassungen von Lykurg und Solon verdanken. Und
eben so verdanken wir ihnen genau auf demselben Punkte den
Begriff und das Recht des allgemeinen Stimmrechts. Es ist
so leicht das Wort zu gebrauchen — und doch müssen wir
sagen, dass man seine wahre Bedeutung überhaupt nicht ver-
steht, wenn man nicht Begriff und Wesen des Besitzes utd
seiner gesellschaftlichen Ordnung mit ihm in Verbindung bringt.
Das allgemeine Stimmrecht heisst fiir jene grosse Staatsauf-
fassang nicht abstract das Recht, dass jeder eine Stimme habe,
sondern es bedeutet ihnen vielmehr das Recht, dass die Stimme
jedes Berechtigten gleich sein soll ohne Rücksicht auf den
Besitz. Das ^i^^icpLa ist das Stimmrecht jedes zoXittj? möge er
dieser oder jener Classe angehören; durch die 'J^Tj^iapLaia gibt
sich der freie Hellene selbst sein Haupt; ein 'J^rjSiafAa ist bei
dem Eönigthum unmöglich wie bei der Tyrannis ; erst die
Stimmscherbe ist die Wirklichkeit der auTipxcia. Die Organi-
sation aber, in welche durch die Abstimmung bei der Wahl
der Einzelne hineingewählt wird, ist eben deshalb nicht mehr
ein ßaciXjxt] ap^^i, nicht mehr eine objective Macht für den der
sie besitzt, sondern sie wird durch die Wahl für den Gewählten
ein Auftrag, für dessen Vollziehung er dem Wähler verant-
wortlich wird. Und so ist ein gewaltiger Gedanke hier zuerst
in der Weltgeschichte verwirklicht. Diese Wahl, wie sie Lykurg
und Solon aus dem tiefen Grunde des Hellenenthums hervor-
riefen, ist jetzt nicht mehr ein mechanischer, mathematischer
Process an der Stimmurne, er ist vielmehr die Bethätigung
eben jenes in jedem Griechenherzen lebendigen Staatsbewusst-
seins, das seine Pflicht gegen den Staat nicht im blossen
282 stein.
Gehorsam und Dienste gegen die bestehende Staatsgewalt
erschöpft, wie im Königthum, sondern dass sie durch die Noth-
wendigkeit beständig neuer Wahlen beständig zu jedem Ein-
zelnen ziu'ückkehrt und beständig Alle wieder zu eigenen Herren
ihres eigenen Staats macht. In dieser Wahl ist es, wo alle
Bürger, mag sonst ihr wirthschaftlicher und gesellschaftlicher
Unterschied noch so gross sein, wieder gleich werden; erst in
dieser Wahl erhebt sich die alte itst/;; der freien Männer,
die von so viel Factoren endgültig gebrochen schien, wieder
über alle wirthschaftliche und gesellschaftliche Abhängigkeit;
denn wenn es keine Freiheit geben kann ohne Wahl, so kann
es auch keine Wahl geben, die nicht die Freiheit erzeugte.
Und das war, und in diesem Sinne war die Wahl der Grund-
stein der Freiheit in der Ordnung, welche die Organisation der
höchsten Staatsaufgaben gegeben; Lykurg aber und Selon haben
beide zuerst verbunden, und das allein wäre genügend gewesen,
ihre Namen in der Geschichte alles Staatslebens unsterblich
zu machen.
So haben sie nun die Einheit des persönlichen Staates
durch die Wahl der Häupter zu einem freien gemacht. Da-
neben aber haben sie zuerst die beiden grossen, jetzt wohl
als selbständig erkannten Kategorien aller Staatsverfassung,
die gesetzgebende und die vollziehende Gewalt, auf welche wir
beide Gesetzgebungen jetzt reduciren müssen, in ihrer Organi-
sation selbständig zu scheiden verstanden, und das was hier
geschehen, ist nicht bloss tief verschieden vom Staatsrecht des
Orients, sondern auch die erste, wenn auch noch nicht klar
verstandene Grundlage aller gegenwärtigen Staatsordnungen.
Um das nun im Einzelnen ganz darzulegen, müssten wir
allerdings die ganze Lehre von der Verfassung, als des Organis-
mus des Willens und der That, entwickeln, wie sich dasselbe
in der Persönlichkeit des Staates ordnet. Aber es darf wohl
genügen, das entscheidende Moment zu bezeichnen, welches
uns das Folgende leicht verstehen lehrt. Das Wesen der
organischen Entwicklung aller Verfassung besteht nämlich darin,
dass jeder einzelne Moment in Wollen und Thun, der bei den
Einzelnen ununterschieden mit anderen Momenten verschwimmt,
im Staate zur äusserlich selbständigen Erscheinung als Organ
und zur äusserlich selbständigen Function als Conipetenz
Die Eutwicklang der äUat&wissenscbaft bei den Griechen. 283
gelangt. Der Organismus des Willens aber, die gesetzgebende
Gewalt, scheidet seine Function wieder in den Act der Berathung
oder Ueberlegung und in den des Beschlusses oder der Selbst-
bestimmung. Nun kann ich im Staate thun was ich im Einzel-
leben nicht thun kann, ich kann beide Acte äusserlich scheiden
und damit jedem sein Oi^an und jedem Organ für die Gesetz-
gebung seine rechtlich bestimmte Function geben. Und das
thaten zuerst jene Gesetzgebungen. Sie ordneten den Process
durch welchen ein Gesetz entsteht, in der Weise, dass die für
dieselben Gewählten eigentlich nur berathen, und darauf erst
Beschlüsse fassen konnten (7;poßouX£6{jt.aTa), welche, wenn sie
Gesetz im eigentlichen Sinne werden sollten, wieder des all-
gemeinen Stimmrechts, der ^v;9{a[ji.aTa des ganzen BiJpLC^ bedurften.
Ein solches oberstes Organ, Vorberathung für die Gesetzgebung,
bildeten bekanntlich in der Lykurgischen Verfassung die achtund-
zwanzig auf Lebenszeit gewählten Geronten, in der Solonischen
sind es die Hundertmänner, hundert aus jeder Phyle, welche
jedes Gesetz vorberiethen — %ct,\ [ktfih iav a-^rpoßouXeurov ei;
ixxXT;aiav ctc^spwOa». (Flut. Sol. 19). Beide sind das Organ für
die Entwürfe der Gesetze ; das 7:poßo6A£u[ji.a derselben ist durchaus
die auctoritas Senatus in Rom, die man ohne Hinblick auf
diese griechische Welt kaum je ganz verstehen wird. Auf
Vorschlag derselben gibt dann das 5t;ixo; seine 6r^<?{c:[xaTa oft
nur durch allgemeine Beifallszoichen, wie in Sparta. Wie sich
das später ändert, werden wir seiner Zeit erklären. Die voll-
ziehende Gewalt dagegen übertrug an der Stelle des alten König-
thums Lykurg den Ephoren, Selon den Archonten. Charakter
und Inhalt dieser Gewalt nun waren allerdings weder für
Lykurg noch für Solon schon klar. Denn sowohl die Beschrän-
kung des spartanischen Königthums auf die Feldherrnschaft als
die gänzliche Aufhebung desselben in Athen zeigen uns gegen-
über unserer Zeit zunächst nur, dass die Griechen nie den
Begriflf und die Stellung des vom augenblicklichen Volkswillen
und seinen Interessenkämpfen unabhängigen Amts haben fest-
halten können ; es war ein tief gehender Fortschritt der
römischen Welt, als das römische Recht, freilich erst nach
Jahrhunderten, den Begriflf und die Stellung des Magistratus
schuf, dessen Unterschied von Imperium und Officium eine
der Grundlagen der inneren Geschichte des öffentlichen Kechts
284 stein.
geworden ist, während unser Begriff des berufsmässigen Staats-
amtes beiden Völkern gänzlich fehlt. Denn in der That muss
man sich, und keinesweges bloss für das Verständniss der altcu
Geschichte, darüber einig sein, dass die Wahl für ein Amt
das eigentliche Amt selbst unmöglich macht. Die Folge davon
war allerdings in Griechenland wie in allen Fällen, dass die
Natur der vollziehenden Gewalt sich bald genug gegenüber
der gesetzgebenden Bahn brach. Nur war der Weg in beiden
Staaten ein wesentlich verschiedener, und es mag verstattet
sein denselben schon hier zu bezeichnen, weil er einen nicht
geringen Theil der späteren Verfassungsgeschichte beherrscht.
In Spaii;a nämlich ergab es sich schon nach ungeföhr
hundert Jahren, dass die Gerusia und selbst die Könige den
unausbleiblichen Kampf mit den Ephoren begonnen, und dass
sie in demselben unterlagen, weil hier die Gesetzgebung mit
ihrer schwerfalligen, schon durch das Alter der Geronten nicht
rasch genug beweglichen Form den Bedürfnissen der sich ent-
wickelnden spartanischen Herrschaft nicht zu folgen vermochte.
Lykurg selbst hatte offenbar wenig daran gedacht, dass die
Spartaner ausserhalb ihres Landes die Herrschaft über die
anderen Griechen anstreben würden ; ihm war ein Gesetz daher
eigentlich überhaupt nur ein Verfassungsgesetz ; hätte er er-
wogen, dass die Bewegungen, in welche sich Sparta durch seine
Hegemonie stürzen musste mit ihi-em täglichen Wechsel der
Aufgaben und Verhältnisse, jemals ihre hundertgestaltigen An-
forderungen an seine Spartaner stellen würden, so hätte er wohl
kaum lauter sechzigjährige Greise, die natürlichen Hüter des
Friedens und des Bestehenden, an die Spitze der Bewegungen
gestellt, welche keinesweges immer Friede und Ruhe enthielten.
So aber musste Sparta allerdings, woljte es den kriegführenden
König nicht zur Alleinherrschaft in allen hellenischen An-
gelegenheiten gelangen lassen und so die Herrschaft des spar-
tanischen B^{xs; ihm preisgeben, den König von einem Manne
in voller Kraft begleiten lassen, dem Vertreter des Volkes im
Lager, dem Ephoren, ohne den der König nichts endgiltig
abschliessen konnte, der ja zuletzt unter ihrer Gerichtsbarkeit
stand. Damit aber war if toW s^cpiov apy^, des Aristoteles (Pol.
n, 6, 1205*', 38) in der That die gesammte vollziehende Gewalt,
die aber als oberster Verwaltungsgerichtshof durch die Aufgabe
Die Ktttwicklang -Icr Staatswiä<enscbaff bei den 0 riechen. 28o
j.K2i; cü6üv£iv Ta; apyac' zum Richter in eigener Sache wurde
— ein Verhältnisse das auf die Dauer naturgemäss zur fast
anbedingten Herrschaft der Ephoren im Hause und zur maass-
gebenden Stellung dieser ^Commissaires du salut public' selbst
im Kriege fuhren musste. Wesentlich anders war die Sache
in dem beweglichen Athen, wo die Archonten das Recht des
::f:ßojA£u[jLa auf die Dauer in seiner Ausschliesslichkeit nicht
festhalten konnten^ indem das Volk statt wie in Sparta, zu
wenig, so hier zu viel Gesetze machte. Davon wieder war im
unterschied von Sparta die Folge die grosse Unselbständigkeit
eben dieser vollziehenden Gewalt, die ihrerseits unter dem
IJrtheil des Volkes stand, die Furcht vor jedem selbständigen
Anftreten gegenüber dem schon damals eben so unconsequenten
als andankbaren $>3ii.o?, und damit jene Willkür und Unge-
rechtigkeit in den Volksbeschlüssen, an denen Athen zuerst
seinen Ruhm, dann seine Macht und endlich seine Freiheit
verlor. Wir aber, wenn wir diese Zustände auf unsere, aller-
dings unendlich viel klareren öfFentlich rechtlichen Begriffe
zurückführen, werden sagen, dass die Ephoren wie die Archonten
die Verordnungsgewalt besassen, und dass während in Sparta
die Gesetzgebung im Laufe der Zeit in dieser Verordnungs-
f^ewalt fast unterging, in Athen umgekehrt die Verordnungs-
;*cwalt von der gesetzgebenden absorbirt ward — ein Verhält-
*
niss, das uns schon an und für sich viele Dinge erklärt, die
wohl nur durch jene Kategorien unserem heutigen Verständniss
nahe gebracht werden. Gewiss aber ist, dass das was Lykurg
als das eigentliche Gebiet der gesetzgebenden Gewalt vor-
schwebte, — denn an eine klare Competenz wie in den Ver-
fassungen unserer Tage wird da nicht gedacht — doch eigent-
lich nur die Verfassungsgesetzgebung war, während Selon jedes
geltende öffentliche Recht der Abstimmung des 8y;|jlo; unter-
worfen dachte; denn einen Unterschied der Verfassungs- von
der Verwaltungsgesetzgebung kannte man nicht. Das war der
Punkt, auf welchem allmälig die Erschütterung und Vernichtung
jener Verfassungen selber hereinbrach. Und dass hier wirk-
lich die Gefahr für die neuen Verfassungsorganismen lag,
das fühlten beide Gesetzgeber, und jeder von ihnen hat in
seiner Weise seine Verfassung gegen dieselbe zu schützen
versucht.
28ß stein.
•
Denn hier ist es wo das zweite Gebiet jener Rechts-
bildungen beginnt. Während die Verfassung den Grundgedanken
der Gleichheit der freien Staatsbürger in Wahl und allgemeinem
Stimmrecht zur Verwirklichung bringt, mussten sie sich jetzt
dem zweiten Factor zuwenden, der Ungleichheit desselben,
und zwar der Ungleichheit einerseits im Besitze, und zweitens
in der Bildung des Volkes. Und wieder müssen wir darauf
hinweisen, tlass jene Verfassungen die ersten der Weltgeschichte
sind, in denen ein Volk es unternommen hat, mit seinen staat-
lichen Gesetzen in den gewaltigen Kampf hinein zu greifen,
den die Verschiedenheit in der Vertheilung der persönlichen
und der wirthschaftlichen Güter mit dem obersten Grundsatze
der Gleichheit des freien Staatsbürgerthums zu fuhren nie
ermüden wird. Wenn die nachfolgemien Jahrhunderte das
hellenische Staatswesen schon wegen jener so tief angelegten
freiheitlichen Organisation bewundert und um ihretwillen die
Republiken des Alterthums in ihrem gewaltigen Gegensatz
gegen die Staatenbildung des Orients mit Recht gepriesen haben,
während sie die auf Besitz und Erziehung berechnete Gesetz-
gebung mehr als eine Merkwürdigkeit, die sie nicht verstanden,
einfach registrirten, so leben wir in einer Zeit, wo wir diesen
Factoren unabweisbar ins Auge schauen müssen. Wir erst
wissen, was Besitz und Bildung bedeuten, und dass beide sich
weder in der Nationalökonomie noch in der reinen Gesellschafts-
lehre erschöpfen, sondern dass über alle Verfassungen das
Gesetz herrscht, dass die Vertheilung der Güter unwiderstehlich
die Rechtsbildung der Staaten bedingt. Und wir sind daher
verpflichtet und berechtigt gerade den Theil in jenen Ver-
fassungen mit Bewunderung des tiefen Sinnes ihrer Urheber zu
verfolgen, der zuerst diese beiden rechtbildenden Gewalten in
der Geschichte der Menschheit der Verfassung ihrer Staaten
zu unterwerfen trachtete, damit die Verfassungen nicht ihnen
unterworfen werde. Wie weit ihnen aber das gelingen konnte,
und welche Folgen der Kampf des Besitzes mit der Idee des
hellenischen Staates hatte, das zu sagen, wird uns vielleicht
später erlaubt sein.
Wir werden daher gezwungen, bei diesem Gebiete einen
Augenblick zu verweilen. Um so mehr als wir davon ausgehen
müssen, dass die Verschiedenheit der jenen Männern vorliegen-
Die Entwicklung der Staats wiftsenschaft bei den (riiechen. 28 tf
den Besitzvertheilung ihren Gesetzen eine so wesentlich ver-
schiedene Gestalt bei gleicher letzter Aufgabe geben musste,
(lass das Gleichartige in beiden nur wieder durch den höchsten
Gesichtspunkt unserer Wissenschaft festgehalten werden kann.
IX.
Wir dürfen daher sagen dass es sich für unsere Zeit am
letzten Orte hier, nicht so sehr um Lykurg und Solon und
nicht um die einzelnen Sätze ihrer Besitzesordnungen; die wir
als bekannt voraussetzen dürfen, handeln darf; sondern das was
sie vorgeschrieben soll als das erkannt werden was es war,
als die naturgemässe Consequenz ihres Verständnisses der da-
maligen Besitzverhältnisse und der Möglichkeit, die Gefahrdung
der hellenischen Staatsidee durch Gewalt derselben zu bekämpfen.
Und dabei wird es gewiss richtiger sein den eigentlichen
Sinn jener merkwürdigen Gesetzgebungen zu untersuchen, als
die Werke Derer, welche über sie berichten. Denn auch die
Letzteren erzählen uns fast mehr von dem Eindruck, den ihnen
die Sache gemacht, als von der Sache selber.
Dasjenige aber dem wir zuerst hier begegnen ist der tiefe
Unterschied der wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Zu-
stande, mit denen beide Nomotheten den Kampf aufnahmen.
Wir müssen sie daher scheiden, und es ist wirthschaftlich
wie historisch berechtigt, wenn wir die Lykurgische Gesetz-
gebung voraufstellen und der Solonischen ihre eigene Dar-
stellung geben.
Als Lykurg sein Werk begann, fand er die ernsteste Ver-
wirrung in den Verhältnissen des Grundbesitzes vor, die sich
aus der eigentlich regellosen Eroberung des Landes durch die
Dorier fast von selbst erzeugt hatte. Die Lakedämonier waren
zwar unterworfen, aber ihres Landbesitzes nicht beraubt ; sie
waren Sassen geblieben und zahlten ihren Zins, den ^opo;,
wahrscheinlich in Naturalabgaben. Wie nun das erobernde Heer
diese Ländereien unter sich vertheilte, wissen wir nicht. Es
ist wahrscheinlich, dass ursprünglich gleiche Loose entfielen,
und dass diese Loose nicht persönlicher Besitz, sondern Grund-
berrschaft über die ansässigen ,Seelen' war, weshalb auch in
Kreta eben diese Sassen selbst y,AY;poii/^o; heissen, eine Bezeichnung
288 stein.
die jetzt leicht verständlich sein wird. Von dem Besitz der Kirche,
den Ispa oder TSfxsvr^, wissen wir nichts; dagegen ist es gewiss,
dass diese Lakedämonier einen (p6po; oux oAiyo; an den ^ziktj;
zu entrichten hatten (Plat. Ale. I 113 a). Natürlich ergab sich
daraus ein Abhängigkeitsverhiiltniss der Ureinwohner gegenüber
dem Konigthura, in welchem die letzteren den König als ihren
eigentlichen patronus in ihren Streitigkeiten mit ihren anderen
Grundherren ansahen, die natürlich, auf Eroberung und Gewalt
beruhend, oft genug die einfache und rohe Unterdrückung der
Besiegten enthielten wie in unserem Mittelalter. Natürlich war
es deshalb ferne, dass die Ersteren, diese Grundlage ihrer
Macht sehr wohl verstehend, ,Ta zoXXa £? x^P^v tou Bi^jjlou' (Paus.
IV, 3, 7) thaten; aber ebenso natürlich war sofort der Hass
der Grundbesitzer gegen das Königthum selbst, der sich nun
noch mehr ausbildete als die Spartaner die messenischen Kriege
begannen. Wenn wir die ältesten Grundbesitzverhältnisse von
Messenien kennten, würden wir auch die Natur der messenisclien
Kriege kennen; aber die ganze Lehre von der Gescldechter-
ordnung wäre im Widerspruch mit sich selbst, wenn wir uns
nicht Messenien in lauter Grundherrlichkeiten eingetheilt denken
müssten, so dass die Eroberung des Landes in der That nur
die Tributpflichtigkeit dieser Herren an die neuen Eroberer zu
Folge hatte. Die Messenier dachten sich dabei, dass der neue
dorische König, Kresphontes, in ihre Verhältnisse weiter nicht
eingreifen werde, und scheinen im Anfange gar nicht an ernst-
haften Widerstand gedacht zu haben (sux sy£V£xo Cff:b twv Aü>pi£wv
b OYjiJLo; avaGTÄTo; Paus. a. a. O.), erst als Kresphontes und seine
Sühne die Gewalt dieser Grundherren beschränkten — der
Ta Yjp-fi[i^ix r/ovT£^, wie Pausanias sagt, dem schon zwischen xp^!*^
und %vfiQic der Unterschied verschwunden ist — standen sie auf
und erschlugen nach der alten Regel den fremden König, wie
sie den eigenen erschlagen hätten. Das alte Messenien ist das
Albanien der Gegenwart, und zwischen Kresphontes und Ali
Pascha in Prizrend ist fast nur der Unterschied der Zeit und
des Namens vorhanden. Ganz ähnlich war es in Lakonika, wo
die Könige durch ihre Comites (bei dem si; 31 Ta? a>.Xa^ (dikv.:)
z£|X'!/ai ßastXsa; des Strabo VIII, 5, 4 wird wohl niemand an
Könige, sondern an Comites missi, die Ballifs der franzö-
sischen Capetinger denken), die Unterkönige, in ähnlicher Weise
Die Entwicklnn; der Staatswissenscliaft bei den Griechen 289
herrschten; und auch hier ,t)ßpei ta>v ßacriX^uv', meint Plutarch
Lyc. 3, in der That aber weil die Könige als Vertreter der Unter-
worfenen auftraten^ wurden sie vertrieben. Das war allerdings
ein naturgemässer Process. Allein nun ergab sich die Folge
desselben. Mit den Königen und ihrer vollziehenden Gewalt
war auch die Einheit der Spartaner gebrochen ; wer sollte die
liipci berufen und leiten und die Polemarchen dem militärischen
Befehle im Felde unterwerfen, wenn die Letzteren den bürger-
lichen Anordnungen des ßaatXe'ji; auf ihrer Grundherrschaft
offeDen Widerstand entgegensetzten? Und doch waren die Spar-
taner ^Eindringlinge' und der ^nationale' Hass der Lakedämo-
Diern und Messenen hiess damals wie zu anderen Zeiten nichts
als die Hoffnung, durch Bewältigung der ^Fremden' den alten
Besitz wieder zu erlangen. Und schlimm genug mag es für
die Ersteren auch wohl ausgesehen haben, wenn Plutarch uns
erzahlt (Agis 5) exTwvro y^P a<?si5ö? ^Sy; -KapaÖoövTeq ol SuvaTol
Toj; zpoci^xou'/Tac ex töv ^wcBox^v' (sind das Formen, welche der
apyaia [xotpa angehören ?). So war der Streit zwischen Königthum
und Grundbesitzern in Sparta nicht mehr eine Verfassungs-
sondern sie war in der That eine Existenzfrage des ganzen
Spartanerthums geworden, und wenn das in Lakedämon geschah
was in Messenien sich beständig wiederholte, wenn die La-
konischen Sassen auch zu den Waffen griffen um die Spartaner
als ihre Obereigenthümer zu vertreiben, dann war wohl wenig
Hoflfnung für die hochadeligen Geschlechter der Derer mehr
übrig! Das sah und das erkannte Lykurg, und gewiss nicht
er allein. Gewiss haben viele der damaligen Besitzer schon
vollständig begriffen, dass es sich schon gar nicht mehr um
das Vertreiben der Könige und die einfache Herstellung der
Aristokratie handelte, sondern um ihre ganze Zukunft und die
ihres ganzen Stammes, und dass sie sich bereit halten müssten
die grössten Opfer zu bringen, wollten sie nicht selber von den
,Nationalen^ erschlagen und vertrieben werden wie ihre Könige.
In der That gänzlich unverständlich wäre die Annahme der
Lykurgischen Ordnungen in einem doch tapferen und der Herr-
schaft geniessenden Stamme gewesen, hätten solche Erwägungen
nicht die Gemüther jener Zeit schon auf das tiefste bewegt.
Nicht die Weisheit sondern die Gefahr des Besitzers hat der
Verfassung Lykurgs den Boden gewonnen, auf dem er sein
SitznngHber. d. phil.-hist. Ol. XCIII. Bd. II. Hft. 19
29^) stein.
Werk aufführte. Und dieses Werk entnahm er selbst wieder
dem Lande^ in welchem ein verwandter Stamm in verwandter
Weise über die nationalen Sassen herrschte und sich vor ihnen,
den xXap(i>xau; und a^aiJUcoTa«; nicht weniger fürchtete, als seine
Landsleute im Peloponnes vor den Lakonen. Aber dennoch
war sein Gedanke, wenn schon in der Conceptiou grossartig,
in der Ausführung noch grossartiger. Und das, worauf es uns
hier ankommen muss, ist es eben diese Ausfuhrung von jener
Grundlage zu scheiden. Diese aber für sich betrachtet ist die
neue Gestalt des wirthschaftlichen Lebens, die Lykurg schuf;
die Ausführung dagegen lag wiederum tief im Wesen der
hellenischen Staatsidee, und wenn wir daher jene wirthscbaftlich
leicht bezeichnen können, so kann diese nur durch die Gewalt
hes griechischen Ethos zum vollen Verständniss gebracht werden.
Die Besitzesordnung des Lykurg beruhte nämlich einfach
darauf, dass schon vor ihm der Spartaner überhaupt nie das
Feld selbst bearbeitet hat, sondern nur als Herr der Lakonen sich
von ihnen den oopoq geben Hess, von dem er lebte. Das Ein-
treiben gerade dieser Naturalzehnten aber war durch die Auf-
lösung der ursprünglichen Stammeseinheit Sache jedes Ein-
zelnen geworden ; in der Verwirrung der öffentlichen Zustände
bei der Bekämpfung des Königthums war die Zeit gekommen,
wo der Stamm selbst sich darum nicht mehr kümmerte. Als
Sache jedes Einzelnen aber war diese Eintreibung fiir die
grösseren Herren zwar leicht, aber mit beständiger Verlockung
zur Ungerechtigkeit begleitet, wie beim Zehnt des Mittelalters;
für die Schwächeren aber wurde sie gegenüber dem ansehn-
lichen Lakonen gewiss oft genug gefahrlich; die Hilfe des
grösseren Herrn für den kleineren aber hätte den letzteren
wieder abhängig von dem ersteren gemacht. W^ollte Lykurg daher
die erste Existenzbedingung seines dem Ackerbau abgewendeten
Volkes überhaupt sichern, so lag seine Aufgabe klar genug
vor, und der naturgemässc Gang der Dinge hatte die Lösung
in Kreta schon gegeben. Er musste die Eintreibung des Zehnten
für alle Spartaner ohne Rücksicht auf die Grösse des Besitzes
zur Gosammtangelegenheit des Volkes machen. Das aber bloss
gesetzlich zu bestimmen, wäre werthlos geblieben, da bei
gleicher Aufgabe die Interessen an dem ©cpoc durch die ver-
schiedeno (jrösso- dos Besitzes verschieden waren. Er musste
Die EntwicVclang dor Sta&tswisseiiscUaft bei den Griechen. 291
daher die Sache so einrichten; dass die Gesamrntheit des
Dorischen Stammes in ihren ersten Existenzbedingungen, nament-
lich im täglichen Unterhalt, an die Gesammtheit der Zehnten
des ganzen Landes in einer Weise angewiesen ward, dass
niemand mehr von seinem Zehnten, sondern alle von allen
Zehnten ihren täglichen Bedarf gedeckt sahen. Und das geschah
durch die Sysstitien, die Gemeinschaft der Mahlzeiten, das ein-
zige Mittel jenen Zweck zu erreichen. Sie waren es, welche
nicht bloss den Aermeren der Gefahr entzogen jemals zu wenig
zu haben, sondern sie waren es auch, welche es dem Reicheren
gleichgültig machten, viel oder wenig zu besitzen, denn zwar
gehörte ihm der Besitz, nicht aber sein Ertrag ; den musste er
der Gemeinschaft abliefern, und es war schliesslich nur ein
geringer Ruhm, vieles fUr andere herzugeben, da doch keiner
von allen arbeitete, sondern nur alle für jeden die Einbringung
des fspo^ gewährten. Es ist daher wie man sieht gänzlich falsch
von einer Gütergemeinschaft unter den Spartanern zu reden;
wohl aber war die wirthschaftliche Grundlage des Spartaner-
thums die Gemeinschaft des Ertrages, und Lykurg ist es, der
die Scheidung von Gut und Ertrag zur Basis seiner zunächst
wirthschaftlichen und damit auch seiner gesellschaftlichen
Ordnung zuerst mit klarem Bewusstsein aufgestellt und durcli-
gefiihrt hat. Sein ist der Ruhm auf diesem Wege, den wir doch
nur mit den Begriffen der Nationalökonomie bezeichnen können,
das Wesen des Besitzes und seiner Gewalt zuerst der Idee
und dem Leben des Staats untergeordnet, und damit die ge-
sellschaftlichen Elemente von den wirthschaftlichen getrennt
zu haben. Es fiel ihm dabei gar nicht ein, das Eigenthum als
solches anzugreifen; im Gegentheil blieb es nach wie vor ein
oberster Grundsatz, dass es unehrenhaft — aic^pöv — sei, über-
haupt Grund und Boden zu verkaufen und zu kaufen, ja es
war das offenbar wieder wie nach germanischem Recht über-
haupt nur zulässig flir die , walzenden Grundstücke*, welche die
Spartaner natürlich so gut hatten wie das alte Sonnenlehen der
Germanen — besassen ja doch die ,Erbtöchter* zur Zeit des
Aristoteles zwei Fünftheile des ganzen spartanischen Bodens ! Was
aber das angestammte Gut, den ursprünglich an das Geschlecht
vertheilten xXtjpoq betraf, so war es direct verboten ihn zu ver-
kaufen — ,T>j; 5e apxaia; ^Aotpa^ (d. h. des eigentlichen xXvjpo;)
292
Stein.
oüBs zwXsiv E^saTtv* (Heracl. Pol. 2) — was durch Plut. Agis 5
bekanntlich mit dem Zusatz bestätigt wird, dass die Scheakun-
gen erlaubt waren, also das Eigenthum erhalten blieb. Und iu
demselben Sinne ist ohne Zweifel auch die fahrende Habe
durchaus nicht Gemeingut gewesen, sondern jeder hat das
Seinige gehabt; wenn Plutarch glaubt (Lyc. 9) Lykurg habe
auch hier durch Gemeinschaft der Güter erstrebt ,7:avi:r:a7tv
s^sXsiv TÖ ovKjov', so ist das reine Consequenzmacherei ; der Satz,
dass jeder sich der Fahrniss des anderen bedienen könne,
ist ein wirthschaftliches Unding, und bedeutet praktisch nichts
als das alte landwirthschaftliche mutuum und commodatum
der Kömer, über dessen Natur und Unterschied von unserea
Leih- und Darlehensbegriffen man jetzt wohl einig ist. Von
Gemeinschaft der Güter darf man daher nicht reden; es war
wahrlich genug den Ertrag für die Gemeinschaft zu bestimmen
und damit dem Gute seinen Genuss für den Besitzer und den
Verkehrswerth für das Ganze zu nehmen. Denn dass die
Häuser keine Schlüssel und die Weiber keinen Schmuck haben
sollten, brauchte Lykurg nicht anzuordnen, und hat es gewiss
auch nicht gethan. Was war zu stehlen und womit sollte man
Schmuck kaufen, wenn man selbst nichts verdiente und den
Zehnt des ^spiowto; oder u^njxoo^ zu den Syssitien hergab? Aber
auch so schien eine der grössten Aufgaben der Welt gelöst und
eine wunderbare Basis für die Reinheit aller Verfassung gewonnen.
Denn während mit dem Eigenthum die rechtliche Selbständig-
keit des Einzelnen erhalten blieb, ward die Gewalt des Besitzes
über die urspiüngliche bcTr^c, der Unterschied des Ungleichen
innerhalb der Gleichheit, welche die Wahl und das aligemeine
Stimmrecht zu Grundlagen der Verfassung erhoben hatten durch
die Gemeinschaft des Ertrages gebrochen; der Werth und die
Macht des Geldes war beseitigt durch das Kaufverbot fremden
Grundes und die dem Golde und Schmucke feindliche Sitte,
und zum ersten Mal scheint die Idee der freien Gemeinschaft,
ungestört durch fremdartige Kräfte, nur in sich selbst ruhend,
dazustehen.
Freilich nun musste Lykurg, wollte er dauernd dies grosse
Ziel eiTcichen, einen Schritt weiter gehen. Besitz, Ertrag und
Genuss sind schliesslich keine natürlichen Erscheinungen; sie
gehören dem persönlichen Leben, und was über den Menschen
Die EotwickluDg doF SUatswiBscnachaft bei den Griechen. 293
auch hier Gewalt hat, das erzeugt er sieh selber und strebt
darnach es zu erzeugen. Es genügt daher nieht jene Mächte
zu beseitigen ; fast schwieriger als der Kampf mit ihnen selbst
ist der Kampf mit dem persönlichen Wunsche sie zu besitzen.
Und hier ist es, wo Lykurg am meisten geleistet hat und wo
er sich von Solon am tiefsten unterscheidet.
Denn jenem Streben nach Genuss kann man nur eines
entgegensetzen und das ist die Verachtung ihrer selbst und
diejenige der sie Geniessenden. Soll aber diese erst durch
Reflexion entstehen, so kommt sie zu spät. Soll sie aus dem
subjectiven Gefühle, in welchem sie doch niemals ganz ge-
sichert ist, zur objectiven Macht werden, so muss sie auf
Onindlage der Erziehung sich zur geltenden Volkssitte ge-
stalten. Das aber kann sie wiederum nur dann, wenn diese
Erziehung selbst von jedem Einflüsse der Verschiedenheit des
Vermögens die bloss physische Entwicklung des Menschen zum
Inhalt hat und damit zur absoluten Gleichheit der Erziehung
wird. Eret dadurch konnte Lykurg das Grosse sichern, das
er für das Leben des Besitzes eiTeicht hatte.
Und das ist ihm gelungen. Wir glauben an diesem Orte
über die Formen der spartanischen Erziehung um so weniger
etwas sagen zu sollen, als sie schliesslich ungemein einfach
war. Es war die ohne Rücksicht auf Besitz und Stand der
Eltern für alle gleiche, rauhe, geistlose Erziehung der Soldaten -
kinder, deren Grundlage Strenge und Entbehrung neben der
Achtung vor den ,AltgedientenS deren Inhalt Leibes- und
Waffenübung, deren Ziel und Ruhm Waffenleistung war. Damit
aber nicht im Hintergrunde wie bei den alten Pasargaden, die
Aussicht auf glänzendes Leben nach der Mündigkeit das harte
erträglich mache, waren ja die Eltern selbst arm; für den
Knaben gab es keine Zukunft im väterlichen Hause; er war
und blieb ein ,Kind des Regiments'; und dass er nicht, vom
alten herrschenden Adel abstammend, lüstern nach den Töchtern
der Heloten schiele, Hess Lykurg die Kinder beider Geschlechter
gemeinsam und fast unbekleidet ihre Gymnastik treiben. So
war das ein Ganzes in sich und doch nur ein Theil eines
grösseren Ganzen. Denn wer stand dafür, dass der Anklang
an geistige Bildung und höhere Bedürfnisse nicht denn doch
zuletzt den Wunsch nach einem edleren Dasein in der Brust
294 stein.
des hcUenischon Knaben erwecke, namentlich wenn er das
Herrliche sah, das ihm das übrige Griechenland bot? Nur
einen Weg gab es dieser Gefahr zu entgehen und Lykurg
betrat ihn. Das Kind durfte nichts lernen. Es lernte keine
Bücher studiren, es las keine geschriebene Verfassung oder
ein edictum praetorium an öffentlichen Stellen angeschlagen,
es lernte kein Gemälde und Statuen bewundern, es betrat
keine Poikile, es hörte keinen Chorgesang, es wusste von keiner
Musik als von dem Kegimentspfeifer, den eine gutmüthige Auf-
fassung der spätem Zeit zum ,Flötenbläser^ gemacht hat, und
noch Isagoras durfte diesen Spartanern den Vorwurf ins Ge-
sicht schleudern, dass diese Männer^ welche Hellas beherrschen
wollten, noch am Ende des peloponncsischen Krieges nicht
lesen und schreiben konnten! Freilich konnte da die Sehn-
sucht nach dem Schönen nicht zum Streben nach seiner ersten
materiellen Bedingung, nach dem Keichthum, werden! Und so
war diese Gefahr bewältigt. Nur Eines blieb noch zu thun.
Sollte ein solches Geschlecht nun mitten unter dem lieblichen
Himmel Griechenlands, mitten unter den herrlichen Werken
der Poesie und der Wissenschaft, ja mitten im vollen, warmen
Hellenismus, dieser edelsten Blüthe der Geschichte kalt bleiben
gegen Alles, was diese so reiche Welt besass, so musste wenigstens
Eines dafür geboten werden und auch das w.usste Lykurg zu
bieten. Das war statt des wissenschaftlichen Begriffes und der
Staatskunst der einfache Glauben an die Weisheit, ja an die
Göttlichkeit dieser unmenschlichen Ordnung. Und Lykurg
wusste das. Ihm war das Orakel kein blosser Wahrspruch
über kommende Dinge, sondern es war die göttliche Bestäti-
gung seiner Sendung ; in Delphi holte er sich nicht seine Weis-
heit, sondern den Glauben des Volkes an dieselbe, den sein
Katechismus des öffentlichen Rechts predigte, der aber nicht
geschrieben und auf Stein gehauen, sondern als p^ätpat den
Kindern mit der Sprache zugleich gelehrt wurde, und obenau
stand das eigentliche Grundgesetz, das wir jetzt erst ganz ver-
stehen und das das wirkliche Leben wie jede innere Uebcr-
zeugung des Spartaners beherrschte, dass keine Macht der
Welt im Stande sein werde, jemals Sparta zu bewältigen, als
die des Strebens nach dem was Lykurg im öffentlichen wie
im Privatleben als den Todfeind seines Volkes und seiner
Die EntwickluD^ der Staatswii>t>euäk-haft bei deu Griecheu. 295
eigenen Gesetze erkannt hatte, des Strebons nach Reichthum.
Und das nun ist die merkwürdige p'^Tpai, die uns die Geschichte
aus Sparta bewahrt hat, allerdings die Grundlage aller andern
und zugleich das Gebot des Delphischen Gottes:
So ist die Lykurgische Gesetzgebung in sich ein Ganzes,
aicht mehr ein einzelnes Gesetz, sondern eine ganze Lebens^
Ordnung, welche den Staat wie den Einzelnen, die Tugenden
wie den Glauben, den Besitz wie die Erziehung auf jedem
Punkte umfasst; ein grosser Oi^anismus, der sich durch seine
wirkenden Grundkräfte selber trägt und welchem sich alle
einzelnen Momente wie unter einem gemeinsamen Willen beugen.
Es ist das aber nicht bloss ein an sich grossartiges Bild; denn
auch Egypten und Indien bieten uns Aehnliches in ihrem Kasten-
wesen, dieselbe Ordnung, dieselbe Herrschaft des Ganzen über
den Theil, dieselbe Vermengung des Glaubens mit der Er-
kenntniss, dieselbe Hingebung für das was dort für die Idee
des göttlichen Staats gehalten wird. Das Sparta Lykurgs ist
mehr; und grade, in der Vergleichung mit dem Orient tritt
das wieder an die Spitze, was wir das eigentlich hellenische
Element auch in Sparta nennen. Das ist die Freiheit und die
Selbstbeherrschung, die zuletzt trotz aller Starrheit der Ord-
nung auch diesen Theil des hellenischen Lebens, in dem all-
gemeinen Wahlrecht und dem allgemeinen Stimmrecht die
Grundlagen des freien Staatsbürgerthums festhielt. Auch Sparta
wählt die Männer, denen es Gehorsam gelobt; seine staatlichen
Gewalten stehen nicht ausserhalb und über seinem Staatsbürger-
tham; es gibt in Sparta keine Kaste, die nichts hätte als ihre
göttlichen Vorrechte; jeder kann das Höchste erreichen und
jeder muss sogar seine Stimme geben wo ein Gesetz für ihn
gelten soll. Und in dieser Freiheit, und das war das sparta-
nische Princip, gilt nicht der Reichthum noch die Abstammung
als Grundlage der gesellschaftlichen und staatlichen Stellung,
denn Sparta hat selbst mit eigenem Gesetze die Freiheit vom
Bedürfniss an die Stelle des ersten, und die heldenhafte That
an die Stelle der letzteren gesetzt. Ja es hat, und auch hier
nach dem Vorbilde Kretas, noch mehr getlian. Es hat mitten
in dieser festgegründeten Herrschaft der erobernden Chisse
296
stein.
und nicht auf Grundlage des Besitzes, den es verachtet, sondern
auf Grundlage der persönlichen mannhaften Leistung selbst, das
seiner Freiheit zugestanden, was wir die aufsteigende Classen-
bewegung nennen. Denn nicht allein, dass es seine Sklaven
auch von Staatswegen frei Hess und so zuerst das ganze Rechts-
gebiet des Freigelassenen gründete, dem wir in Rom wieder
begegnen, es hatte sogar seine Herd- und Tischgenossen, die
jjLoOwvsi; oder piöaxc;, Kinder aus der beherrschten Classe, welche
die Erziehung, das WaflFenrecht und die staatsbürgerliche Stellung
mit denen der Spartaner theilten und völlig in ihre Reihe traten,
aber wieder nicht durch Reichthum und Glanz, sondern durch
den Werth, den sie sich selber durch das gaben, was sie dem
Staate leisteten. So begeisterte jene Verfassung die Herrschen-
den durch den Ruhm den sie besassen ; die Beherrschten aber
durch den, den sie mit eigener Kraft erwerben konnten. Und
mit dieser in sich geschlossenen festen und wehrhaften Ord-
nung trat nun Sparta in die griechische Welt hinein, die auf
allen Punkten von den gesellschaftlichen Gegensätzen durch-
drungen und bewegt war — war es ein Wunder, dass sich da
Alles, was sich nach Festigkeit und Ordnung sehnte, sofort an
dies Sparta anschloss? Und anderseits war es ein Wunder,
dass es bei seiner schon verfassungsmässig gewordenen Ver-
achtung vor dem Erwerb des Reichthums in einen fast unlös-
baren Gegensatz mit allen jenen Völkern treten musste, deren
verfassungsmässige Ordnung und Entwicklung grade auf diesem
gewerblichen Reichthum und seinem Erwerb beruhte? So
scharf auch die dialektische Untersuchung vorgehen mag, nie
wird sie die beiden grossen Begriffe von Grundbesitz und
Werthbesitz, von Grundherrschaft und gewerblichem Reichthum,
von der Kraft des über das Streben nach Erwerb erhabenen
Mannes und der Macht der Arbeit, die nach demselben ringt,
von der Tugend, die im entsagenden aber doch freien Hingeben
an ein grosses und mächtiges Ganzes und der nie rastenden,
aber individuellen Thätigkeit, aus der allein die Grösse des
Vermögens entspringt, so klar, so fassbar und zugleich so in
seiner grundlegenden geschichtlichen Bedeutung zu erkennen
und zu beschreiben wissen, wie sie uns hier in dieser Ge-
staltung Spartas gegenüber dem des freilich noch wenig ent-
wickelten Athen entgegentritt. Das aber ist eben die Stellung
Die EutwicklttDR <l6r Staatüwissenschaft bei den Griechen. 297
dieser beiden, wir dürfen jetzt unbedenklich sagen, wunder-
baren Erscheinungen in der Geschichte der Welt, dass in ihnen
die zwei grossen, scheinbar so theoretischen Grundbegriffe der
Wissenschaft der Gesellschaft, die strenge Geschlechterordnung
und ihr Gegensatz, die staatsbürgerliche Gesellschaft, einander
als unbestreitbare Thatsachen entgegentreten, in denen der ge-
meinsame und gleichartige Geist des Hellenenthums mit seiner
ganzen Poesie und mit seiner ganzen Freiheit sich in der Hand
jenes gewaltigen Factors gestaltet, den wir den Besitz genannt
haben. Noch zwar ist dies Sparta nicht Gegenstand der Wissen-
schaft, aber es ist was es ist durch den bewussten Willen der
diesen Besitz erfasst und ihn da unterwirft, wo er dem Menschen
am nächsten tritt, in seinem Ertrage für den Einzelnen wie fiir
das Ganze, ihn scharf begränzend und in Fesseln bannend, die
ihm zwar seine Gefahr, wohl aber seine lebendige Kraft nehmen,
während Athen diesen Besitz frei gewähren lässt, sich ihm mehr
hingebend als es die staatsbürgerliche Tugend und Ehre er-
tragen können. So ist das Element aus welchem die Staats-
wissenschaft entstehen soll und das wir so viel Mühe haben
theoretisch zu begreifen, hier thatsächlich aus seiner Verbin-
dung mit dem individuellen Leben hinausgeschieden und wenn
nicht zum Gegenstand der Untersuchung, so doch zum Gegen-
stand der Gesetzgebung gemacht. Und einmal in dieser Weise
selbständig hingestellt, wird es von jetzt an mit oder ohne
Bewasstsein der Gesetzgeber wie der Denker nicht mehr ver-
loren. Mit diesem Verständniss des Besitzes ist daher das
gewonnen, was nach den früheren Darstellungen aus der Staats-
kiinde und der Staatsphilosophie die Staats Wissenschaft gemacht;
das Erkennen des Staatslebens hat in seine Kenntniss und seine
Begriffe die Causalität aufgenommen und von jetzt an dürfen
wir sagen, dass jede positive Verfassung eines freien Volkes als
das Resultat der Freiheit und der Besitzvertheilung betrachtet
werden muss. Darum aber haben wir geglaubt, gerade die
Lykurgische Verfassung an die geschichtliche Spitze aller
Entwicklung der eigentlichen Staatswissenschaft zunächst in
Griechenland stellen zu müssen und ein Blick auf die grossen
Philosophen lehrt uns, dass wir auch thatsächlich Recht haben.
Denn dem Plato wie dem Aristoteles ist diese spartanische
Verfassung nicht etwa eine einfache Thatsache oder ein
*^98 Steia. Die Eutwicklung der StaaUwiseeuscliuft bei den Griechen.
abstraktes Ideal ihres Ethos, sondern sie ist ihnen eine Lehrerin
von Principien geworden, bei der ihre tiefsten Untersuchungen
in die Schule gegangen. Das Alles aber nun in seiner gross-
artigen Eigenartigkeit wird, wie wir meinen, erst dann ganz
erkennbar, wenn wir die weitere Gestaltung der griechischen
Welt auf Grundlage der zweiten Artung ihres Besitzes, die
Entwicklungsgeschichte Athens in seiner Solonischen Verfassaug
daneben stellen.
Gebaoer. ü«ber die weicheo a-, o- und M-Silbca im Altböhmischen. 299
lieber die weichen a-, o- und t^- Silben
im Altbölmiischen.
Von
Br. Joh. Gebauer.
In meiner Abhandlung: , lieber die weichen e-Silben im
Altböhmischen', Sitzungsberichte LXXXIX, 317 — 390, habe
ich nachgewiesen, dass im Altböhmischen in palatalcn Silben
ein etymologisch berechtigter Unterschied zwischen e (lang e)
und e (lang ie) geherracht habe, indem e (c) einem asl. e oder
'• entspricht oder euphonischer Einschub ist, während e (ie)
einem asl. a, t, q gegenübersteht oder auf Contraction beruht;
z. B. rekl asl. rekl'b, pomoccn asl. pomost^'b, oh^^ü asl. og-nb,
reci asl. resti, dus^ asl. dusa, dustem asl. dusamx, dfevo asl.
drcYo, hri£ch asl. greh'b, ileze se Part, praes. asl. t(iZ(j S(?, ctyvie
asl. ^etyrije. In einer ähnlichen Absicht will ich jetzt die
weichen u-, o- und «-Silben einer Untersuchung unterziehen.
Auch diese werden in Handschriften des XIII. und XIV. Jahr-
hunderts verschieden geschrieben, bald ohne Präjotation bald
mit einer solchen (d. h. mit einem zwischen den Consonanten
und den Vocal der Silbe eingefügten Buchstaben l oder ?/),
z. B. krzes^anka Pass.* 372 und krziestyanka cb. 20, ohnowymi
'Erklärung der Abkürzungen. Alx. = ftltböhm. Alexandreis, und
zwar: AlxB. = das Fragment von Bndweis, abgedruckt von F. Koubek
in (5as. Cesk. Mus. 1841, 79—90-, AlxBM. = ein ehemals Budweiser,
jetzt im böhmischen Museum in Prag aufbewahrtes Fragment; AlxH.
= zlomek Jiudiicho-Hradecky, d. i. das Fragment von Nouhaus ; Alx 8.
= das Fragment Safafik's, abgedruckt in desselben gesammelten Schriften
300 Oebaaer.
fetözi Pass. 458 und ohn^owymy retßzi an derselben Stelle in
einem anderen Passionale (gesehrieben 1379, in der Museums-
III, 337—340; AlxV. =^ Fragment in der Bibl. des Domcapitel« bei
St, Veit in Prag.
Ans. = Safarik^s Fragment einer Marien- (Anna-) Legende, üi
der Bibl. des Böhm. Museums.
«
Ap* = die Apostellegende, und zwar ApB. = das in DobroTskf s
Geschichte der böhm. Sprache und Lit. (1818), S. 103—107, und ApS.
= das in ^afafik's Gesammelten Schriften III, 330—334, abgedruckte
Fragment.
Boh. = Dialogi Bohemarii in Hanka^s Zbirka nejdavnejsich Sloviii-
küv (1833) S. 337-355, XIV. Jahrhundert.
CEvang. •= Otenie (evangelii) zimnieho ^sn, Winterperikopen,
Codex in der Bibl. des R. ▼. Neuberk in Prag (sig^. 34).
B. 8. stB.
Bai. = die Reimchronik Dalimils, und zwar: BalC« = die Cam-
bridger Handschrift derselben; BalH. = das von Höfler entdeckte uud
von Hanus (Öas. Cesk. Mus. 1861), correcter von Jos. Jire^ek (Kym.
kronika ceskA 1878, 245 — 247) edirto Fragment der Prager UuivcrsitÄts-
bibliothek; Bai Hr. = Dalimil Hradecky, das Fragment von Königgräts,
Mnseums-Hibl., abgedr. v. J. JireSek (Rymovana krön. 252 — 253); DalY.
= Dalimil Vidensky, Codex der k. k. Hofbibliothek in Wien (sign. 2D2-J).
Krad. == rukopis Hradecky, d. i. die Handschrift von Königgrätz,
in der fürstl. Lobkowitz^schcn Bibl. in Prag.
Jid. = Jidas, und Pil. ==. Pilat, zwei zusammengehörende
Fragmente aus den ersten Jahren des XIV. Jahrb.; Museums-Bibl.; Jld.
ist abgedruckt in der Beilage zu Listy filolog. 1878: Ukazky staro^eskych
textü mkopisnych 19 — 22.
Jif. = Jiri, Fragment einer Legende vom hl. Georgius: Museunw-
Bibliothek; abgedr. in derselben Beilage 34 — 35.
Kat. = Leben der hl. Katharina, ed. Erben 18G0.
LAl. = Legende vom hl. Alexius, Fragment, abgedruckt voa
Jul. Feifalik in den Sitzungsber. d. kais. Akad. d. Wiss., phil.-hist. Cl.,
XXXVII (1861), 420-424.
Mast. — Masti^kaf, d. i. der Quacksalber, Fragment; Museums-
Bibliothek.
Modi. = Modlitby, d. i. Gebete, Codex der Prager Uni^ersitäts-
Bibliothok (17. F. 30).
^ Rada = Nova Rada, d. i. der neue Rath des Herrn Smil Fla»ka
von Pardubic, meine Ausgabe 1K76.
Pass. = das Passionale der Mnscnms-Bibliothek (sig. 3. F. 16;
Näheres darüber in den Sitzungsber., LXXXIX, 319).
PH. s. Jid.
üeber die weichen a-, o- und ri-Silben im AUbfthmiichen. 301
Bibliothek in Prag), Au88u mü Acc. sing. ZWittb. 68 und
dussyu mü eb. 48, na skoncie^m ^Gloss. 255 und skonczye-
nyvi takemu DalC. 18 u. s. w., — und auch hier fragt es
sich: was bedeuten diese ungleich geschriebenen Silben für die
Grammatik, wie lauteten sie in der altböhmischen Aussprache,
kfes/anka, oh^iovy, du^ti, skonöÖTitt; oder kfes^^anka, ohnjov^,
(lu^ju, 8kon<S6mtxf oder vielleicht hart kfestonka, ohnovy,
skon6g7}t«?
Dass das Letzte nicht der FaU war, beweist die ungleiche
Schreibung der Handschriften selbst. In einer harten Silbe,
z. B. ta- liegt kein Anlass zu der in krzes^anka und krzie-
s^anka befolgten ungleichen Schreibweise, und ebenso nicht
im harten to-, tu- u. dgl.; ein solcher Anlass konnte nur von
weich gesprochenen Silben ausgehen. Obendrein bietet das
Fi-agment DalH. für die weiche Aussprache ein positives
Fror. = Proroci, d. i. die Propheten Isaias, Jeremias und Daniel,
Codex der Prager Universitiits-Bibliothek (17. D. 33).
RostL = Rostlinsif, altböhmische botanische Kamen, abgedruckt
von AI. Müller im Cas. Öesk. Mus. 1877, 391—393.
Seqa. = Sequentionorins Magistri Conrad!, in Ilanka^s Zbirka u.s. w.
35G— 366.
StB. = svat^ Duch, Fragment einer Legende, in der Museums-
Hibliothek.
Stit. = Thomas von §titne; teH = dessen ret^i nedelni a sva-
tecni, Homilien, Codex der Präger Universitiits-Bibliothek (17. C. lö);
ttf. = desselben u(5«ni, eb. (17. A. 6).
Umu6« = UmnJcnf, Fragment einer Leidensgeschichte, in Do-
brovsky's Geschichte der böhm. Sprache n. Lit. (1818), 113—116.
i^ = iEaltäf, der Psalter, und zwar: ^Brn. == das s. g. Brünner
Fragment in der Pr. Museums-Bibl. ; 2G1oss. ■= ^altaf glossovany« eb.,
abgedr. in Hanka's Zbirka u. s.w. 235—258; ^Klem. = Äaltaf Klemen-
tinsky in der Pr. Univ.-Bibl. (17. A. 12); iSWittb. = Codex der theo-
logischen Seminar-Bibliothek in Wittenberg.
Ist einem Citate keine Abkürzung beigefügt, so ist dieselbe Quelle
zu Terstehen, aus welcher das unmittelbar vorhergehende Beispiel ge-
nommen ist. Die Zahl bedeutet bei Dal. das Capitel, bei ZWittb. den
Psalm, bei Jid. den Vers, sonst aber die Seite der Handschrift oder des
Druckes ; die eingeklammerte Zahl gibt an, wie yielmal sich ein Beispiel
an der bezeichneten Stelle findet. Die Belege des ^Wittb. sind ans
einer in Safai^k's Nachlass befindlichen Copie §tur's, die des AlxH., AlxV.
and llrad. aus Copicn des Herrn Museums-Custos Ad. Patera, die übrigen
aus den Originalien oder aus gedruckten Au.sg.iben derselben gf'uommen.
302 Gebaner.
Zeugniss, indem es den Consonanten der Silben, um die es
sich hier handelt, mit dem ihm eigenthümlichen Erweichungs-
buchstaben A verbindet, z. B. ba^Ao Voc. sing., d. i. bafo 30,
kskonczienAu d. i. k skoncö/m 42 u. s. w. Die Annahme einer
harten Aussprache kfes^anka u. s. w. fallt also weg und es
bleibt zu untersuchen, ob cfabel oder cZeabel, dnSu oder du^'w . .
gesprochen wurde, oder allgemein gesagt: ob eine und was
für eine Regel in BetreflF der jotierten und nicht jotierten Aus-
sprache der altböhm. weichen a-, o- und w-Silben gegolten habe.
Zur Entscheidung müssen die Schreibweisen alter Handschriften
zu 'Rathe gezogen werden und es werden sich hiezu solche
Handschriften eignen, die in Bezug auf die ß-Silben in einem
genügenden Masse genau sind und von denen man also an-
nehmen kann, dass sie die Sache auch sonst streng nehmen
und die Praejotation nicht in blos graphischer Geltung (als
Erweichungszeichen), sondern zur Bezeichnung eines wirklichen
Lautes gebrauchen. Leider enthält das der Abhandlung über
die weichen e-Silben zu Grunde gelegte und in dieser Bezie-
hung als musterhaft befundene Passionale für die weichen a-,
0- und tt-Silben wenig StoflF und wir sind genöthigt, unsere
Untersuchungen an solchen Denkmälern vorzunehmen, die dem
Pass. an Strenge und Genauigkeit mehr oder weniger nach-
stehen. Es wird sich indess zeigen, dass auch sie zur Fest-
stellung der Regel in einem befriedigenden Grade genügen.
Beim Abstrahiren der Regel müssen natürlich die relativ
genauesten oder genaueren Handschriften vor allen anderen
berücksichtigt werden und den Ausschlag geben. Daneben
können aber auch regelmässige Belege aus jüngeren und minder
genauen Sprachdenkmälern (z. B. aus dem jüngeren Theile
des Pass., Kat., Pror., Stit. u. a.) mit angeführt werden, d. h.
aus Handschriften, die zwar die Jotation auch als blosses Er-
weichungszeichen anwenden, die aber die alte Regel im Ganzen
doch beobachten und deutlich erkennen lassen ; jene von ihren
Beispielen, die mit der Regel übereinstimmen, sind Reste der
alten zum Theil schon geschädigten Regelmässigkeit und daher
auch für uns verwendbar.
ü«ber die waicben ci-, n- and n-Silben im AltbAh mischen. 303
X* cty «wy 18>»
Die Regel, welche die Handschriften in BetreflF der weichen
a-Silben erkennen lassen, ist folgende:
ia und ya wird nur dort geschrieben, wo der Diphthong
m' etymologisch berechtigt ist. Für die Aussprache bedeutet
die nach dieser Regel geschriebene Jotation selbstverständlich
das i des Diphthongen ia, hat also phonetische und nicht blos
graphische (die Erweichung des vorhergehenden Consonanten
andeutende) Geltung, dyabel Pass. 348 sprich diabel (dia-) ;
dagegen haben alle übrigen weichen a-Silben ohne inlautende
Pracjotation gelautet, krzestanka Pass. 372 (neben krzicstyanka
eb. 20) sprich krest^inka (nicht kfösf/anka).
Der Diphthong ia kommt freilich nur in sehr wenigen
Fällen vor; er war in der böhmischen Sprache des XIII. und
XIV. Jahrhunderts bereits in ie übergegangen. In den für
diese Abhandlung untersuchten Sprachdenkmälern ist er nur
im Genitiv sing, der //o-Stämme und in diabd zu finden.
Der Gen. sing, der t/o-Stämme lautete ursprünglich -ija,
wie asl. kopyVi, später contrahiert -ia, dann assimiliert -ie und
endlich verengt -i; sbozya^ -ta, -ie, -i. Für die Stufe -ia,
deren Diphthong durch das ursprüngliche -ija berechtigt er-
scheint, bietet das Fragment Umuö. einen Beleg: velikeho mylo-
srrdya 114, d. i. milosrdia.
In diabel und seinen Ableitungen stimmt der Diphthong
zum lat. diabolus. Der Belege gibt es eine Unzahl und ich
lasse nur einige folgen: tehdy dyabel vecö Pass. 321, aj diable
pysny 321, co2 so z dyabla urodi, dyabel jest 348, dyabli
pocechu vyti 351, mno2stvie dyablow 381, dyabel stan na
pravici jeho Z Klem. 91% vyjde dyabel pröd nohy jeho 126^,
dyabel sepce Ilrad. 25% proti dyablu 21% 2e jej dyabla mniechu
DalC. 64, dyablowe mnozi Kat. 68, töm dyablom klatym
^ ^Statt defl Diphtliongen ia wird auch jd gelesen, nnd ebenso .7V nnd jVt
Atatt ie und iu, z. B. Rinpf. Nom. »box;V, Oen. Hhozjd, Dat kbofsju,
Hchrcibnngen, wie: ledw//« sve prepjiäete Stlt. re^i lö2*, David chtÖl
gi;V«ty chleb 152% na hozijem o\ia.n löl^, pred svu zzmyrti/iu Ap. Ö.
333 Q. ä. sprechen für die diphthongische Aus.qpracbe.
304 Gebauer.
154, V tv^ch dyablech, — z dyabelske riiky Modi. 47*, dyabel-
skich pokuSenf 14*, — dyablowemu poku^eni Pass. 330, hiasi
dyablowi 314, dyablowe obrazy 303, dyablowu moci 293,
dyablowych modl 335 (2), dyablowym modldm 283, dyablowi
poslove Hrad. 25*, radu dyablowu Kat, 112 u. s. w. — Eine
Ausnahme ist mir in keiner altböhmischen Handschrift vor-
gekommen.
Für das unjotierte a erscheint ein Nachweis der oben
ausgesprochenen Regel nicht für alle Fälle nothwendig. Man
findet es so zu sagen in der Ordnung, wenn die Silben iV,
Sa-y öa- . . . und ebenso ihre Längen bloss rza-, ssa-, cza- . . .
und nicht 7*zya- oder rzia- . . . geschrieben werden, z. B. strachem
trzasa so Pass. 342, d. i. trasa, v jedny czasy 311, d. i. ^asy
u. dgl.; in diesen Fällen kann die Richtigkeit der Regel als
zugestanden betrachtet werden. Dagegen widerspricht ihr die
bisherige Auffassung in BetreflF der Silben mit ii, d, f, Ij für diese
musB also ihre Gültigkeit eigens nachgewiesen werden. Zum
Zwecke eines solchen Beweises führe ich alle Belege (aber
nicht auch alle Wiederholungen) an, die ich im Pass., 2 Wittb.,
ZElem., DalC, Hrad. und Modi, gefunden habe, und ausser-
dem auch Beispiele aus anderen Handschriften. Einige Bei-
spiele mit anderen Consonanten als 9t, d, f, l füge ich den
übrigen nur in der Absicht an, damit es offenbar sei, dass
dieselbe Regel, deren Gültigkeit für die Silben fa-, 5a-, &- . . .
als selbstverständlich zugestanden wird , auch in den dem
Zweifel ausgesetzten Silben lia, da, ta, la gegolten habe.
1. Nom. sing, der ja-Stämme: hxiS. wola tvä Modi. 85*,
d. i. völa, eine im Vaterunser erhaltene alterthümliche Form.
2. Participium praet. act. H und Part praet. pass. der
Verba I. 5. tieti asl. teti ; jieti asl. j§ti: ta\, vy-?ial, fot, vy-wat.
Z. B. kat hlavu stal Pass. 295, 325, d. i. sfal, stal hiavu
beranovi 295, podtal me 2Klem. 123^, d. i. podfal, üsko jei
byl vtal DalH. 31, d. i. utal, jak2 hlavu biese stal DalC. 21,
hlava stata Pass. 280 u. ö., d. i. sfata, stat 473, mezi jinä state
308, (Dorota) nevinnö dnes stata Modi. 179*; — aby wynal
m6 2Wittb. 30, d. i. vyÄal, jen2 mö wynal z temnosti Modi.
48*, oben s6 wznal 2Wittb. 17, d. i. vznal, wynato Hrad. 41*,
d. i. vyfiato, z uraa wynata 41^, u. s. w., — durchgehends im-
jotiert, ebenso wie in radu wzal Pass. 40G, srp viece zal 293,
Uebar die weichen a-, o- and ri-SUben im Altbfthmischen. 305
d. i. ial, coi s' poczal 298; du§6 do nebes wzata 283^ v oko-
vach spate 301, by rozpat na kriiju ApS. 333 u. ä. Auch
minder genaue Handschriften jüngeren Ursprunges enthalten
häufige Belege für diese Regel, z. B. je^to hlavu stal Pass. 22,
tvä hlava bude stata Kat. 180, kdei^ ta panna byla stata 194,
pro jeho2 ty jme i radu wznala tu jistii svidu 94, d. i. vzüaia,
wynat bude Pror. 16», d. i, vyfiat, aby so nesnala spolu otit.
u6. 38», d. i. nesüala (dual.), kdy2 bie§e vtal ucho Stit. feöi
164», d. i. utal, üd odtat od tdla 151» u. s. w. — Für das
Participium praet. act. I. favy vj^av (wie statka sob6 wzaw
Pass. 323, neben vzemjf sowie für das Supinum tat^ vy-üat
(vergl. zat chodila Manda im Cisiojanus, Rozbor staroöesk^
literatury 188, d. i. 2at asl. i^t'h, poslal sem vy zat CEvang.
eb. 709) habe ich keine Belege.
3. Pai-ticipium praet. act. II der Verba III, 1. und 2.:
vyvrÄcen jsem, abych letal, ut caderem 2 Wittb. 117, d. i. letal
asl. letdli, kn^2ie jich letala, sacerdotes eorum ceciderunt eb. 77,
d.i.letala, mate srdc6 zkamenala a k slitoviniu ztwrdalaHrad. 52^,
d. i. zkameüaU a ztvrdali, Infinitiv zkamenöti und ztvrdöti, asl.
-eti; Jan jest ji2 tak ohubendl, zlutal, zzelenal a zbledöl Hrad. 55,
d.i. 2lufal Inf. i^lut^ti, asl. 2l:bteti flavere, und zzeleöal Inf. -zelenöti,
asl. -zeleneti virere; kter^ jest ölovök, jen2 by neplakal zde matky
Kristovy, kdyi^ by wydal v takej muco Modi. 161^ d. i. vidal Inf.
vidSti; daj mi milosti tö svatosti, af bych t6 wydal bez koncö eb. 99^ ;
matka wydala Je2idö v mukäch a biöoväni poddan^ho eb. 161^;
pfi§lo mi na mysl jinö ienj näboSenstvie, kteräi aby t6 nSkdy
vidöti mohla, vnici läskii hledala a op6t jednti §ed§i hrob wydala
eb. 115^, centurio odpowyedal a fka eb. 91^, d. i. odpovödlal
Inf. odpov^dSti, abych hriechu nenawydal eb. 8», d. i. nendvi-
d&l Inf. nen&vidSti, — ebenso wie in den gleichen Formen
svat;^ Petr wiezal Pass. 393, d. i. vözal Inf. vözöti, mösto
horzalo 311, hospodäf biezal 355^ d. i. b62al Inf. b6i^6ti, hospo-
din vslyssal 397, pozwuczal blas 278 u. s. w. In der Schrift
&llt dieses Participium mit dem der Classe V, 1 zusammen
und es muss der Context entscheiden, ob z. B. geschriebenes
letal = letal, asl. let^H, oder letal, asl. l§tali, zu lesen ist.
Manchmal wird aber die Ungewissheit dennoch nicht beseitigt,
weil der Context beide Formen zulässt, z. B. viel nad cheru-
biri i letal jest, letal nad peruti vfetröv, volavit, volavit super
Siftnagaber. d. pliU.-hiet. Cl. ICIll. Bd. II. Hft. 20
306 Gebauer.
pennas ventorum ^Elem. 10^, aby dar ten vzal a piFSd lesti
dny svu smrt przyewyedal Modi. 173**, sv. Kliment nan ybzHy
poöS BÖ domnievati, jakihy toho ölovöka nökda widal Pass.
291, a kdy2 jej to döfätko uzrölo, ei bieSe nikda lidi newi-
dalo, velikym böhem umrlej mateti pod pI4S6 so vrazi 340; an
ji2 zczmal jako vrina Hrad. 141^.
4. In demselben Participium der weichen Stämme der
Verbalclasse V, 1: co sv^ma rukama vydölal, toho jeSöe
chud^^m udielal Hrad. 9% d. i. udielal, co4 vydöliSe, tiem sS
krmil a odieval a chud^m Söedfö udielal eb. 16^, — unjotiert,
ebenso wie in den gleichen Formen nikda sh neurazal Pass.
281; d. i. neurazal asl. -ra^dali; svu sestru k slu2b6 ponuczala
378, d. i. ponücala, aby jiej neprziekazal v Jezukrista vgfiti
345, d. i. nepr6k42al, aby nikte nepronassal 405, d. i. nepro-
n4§al, ei s5 tak svej bratfi poruczal 331, d. i. ponidal u. s. w.
Das Gleiche ist im Participium praet. act. I, im Part, praet
pass. und im Supinum zu gewärtigen; vei^l. dokonchzaw Ap S.
331, d. i. dokonöav asl. dokonBöavb, pldSö kri2i wyrazani Pass.
399, d. i. vyrd2an^, zapov^döl, aby ii&ini, (krestanka) k nim
nebyla pusczana 480, d. i. püäö&na asl. puStana, vejdu k öema
weczerzat Alb. 28*, d. i. ve6erat asl. veöerjati. — Die hier
betrachtete weiche a-Silbe ist der Auslaut des Infinitivstammes
dieser Verba und deshalb kann hier auch die auf diesem
Stamme beruhende Ableitung- prom^üdvati angeführt werden:
tak so i jeSöe stivd, ie öest nravy promienawa AlxH 2*, d. i.
promönävä.
5. In der Suffixsilbe der Stämme auf -jan-: od polan
Dal. C. 36, d. i. Polan asl. poljani, za polany eb., kn6z Misnani
do mösta pustiti chtieSe DalV. 103, d. i. MiSfiany asl. -njany
od. -üany, knöz mysnany na fi (na hrad) vzpusti eb. 104, Cechj
mysnany pobichu eb., ten slechtic mysnanom cti ukriti eb.,
d. i. MiSiianöm, Velflovici s mysnany sö slichu 103, mnoho
lidi V zemi, najviec plznam (sie) mrieSe 92, d. i. Plzfian,
hvßzda vidina wcznanom Sequ. 358, d. i. uöfianöm (Nom. sing,
ußnan oder gar uönönin, eine unrichtige Bildung fllr magus),
— unjotiert, ebenso wie vzkdzasta miesczanom Pass. 367, d. i.
mgfiöanöm, u. ä. An diese Stämme lehnt sich im Altböhmi-
schen krestauj lat. christianus, ahd. christäni, christiäni, mit
seinen Ableitungen an, nicht nur was den Umlaut anbelangt,
lieber die weichen a-, o- und u-Silbon im AUböhmischen. 307
■— z. B. Nom. sing, vörn^ krzestan Pass. 435 und plur. krze-
styeue 375, d. i. kfesfan und krestSnä, ebenso wie m§§6an-
und m^SöSn^; — sondern auch in Betreff der weichen a-Silbe.
Diese wird in strengen Handschriften nur ta-^ nie tya- oder
tia- geschrieben; z. B. bohobojn^ krzestan Pass. 365, bych
nebjl krzestanem 361, dobr^ch krzestanow 335, ndsilnik krze-
stanom 283, krzestani ze statka Iiipie§e 283, nad krzestany
286, ka2d6mu krziestanu Hrad. 92*, vs^m krziestanom 73^,
krzestanom Modi. 92% nökter^ krzestany s sobü pojem Kat.
170, . . . nihoinA krzestanka Pass. 372, za krzestanku s6 mä
347, jstic krzestanku ustaviönd Kat. 62, döstojnd krzestanka
136, . . . krzestanskeho krojö rucho Pass. 435, v krzestanskem
zamiceni 364, krzestanska tela 332, z uobcS krzestanske 376,
od viery krzestanske 283, ke krzestanskey vierö 372, vieru
krzestansku 319, z knih krzestanskych 319, krzestanski s^ varuji
adv. 366, krzestansku vieru Modi. 105^, cierkvi krzestanske 90*,
viera krziestanska ^Klern. 136*, krzestanske bydlo Rat. 64, . . .
vieho krzestanstwie Pass. 370, . . . poöe krzestanstwo u viefö
potvrzovati Pass. 299, mnoi^stvie krzestanstwa Kat. 64 u. s. w.
6. In der SufGxsiibe der Stämme auf -at- asl. -qt-: sczenata
revüce 2Wittb. 103, d. i. Söeöata asl. gteneta, malö sczenatko
Hrad. 103^, d. i. göeö&tko, poradovalo s6 dyetatko Pass. 278,
d. i. d^fitko, dyetatku pokrmu pfidada 338, s dyetatkem 339,
tu dvü dyetatku 278, tv6 dietatko Hrad. 58*, sveho dietatka
68*, 8v6ho diet^atka Kat. 54, dyetatko Modi. 144^, to dyetatko
DalC. 21 u. 8. w., — durchgehends unjotiert, ebenso wie
robatka Pass. 464, fimski knyezata 281, d. i. knie^ata, pr6-
staute nebozatka 458, d. i. nebo2ätka, kurzatka Hrad. 8^ u. a.
7. Ausserdem bestätigen unsere Regel auch noch folgende
Beispiele:
Dieti pai*t. dal asl. dejali: boh daj, bychom tei s niu dali,
dwälili öiu§ hospodina Hrad. 66*, falls die Leseart Jäli (und
nicht dÜi) richtig ist; die Form verstösst gegen die Lautlehre,
es wird umgelautetes dieli erwartet, vergl. by trhu v nedölju
nedieli DalC. 32.
Doüai^ dofiadiy doüavad^j odnad^ u. ä. : donads nevzS
horfiü vnadu AlxH. 2*, donads Sööpöv neotrasü Jid. 71, donadz
ta smrtelni stfdla nevyjme s6 z tveho t6la AlxS. 340, donadz
nenajdu Hrad. 37*, donadz ho nepoznds 50*, donadz se nesmiluje
20*
308
Gebauer.
ZKlem. 107% donadz sü otm^ny nepfijeli DalC. 22, donadz
da§^ u m6m t&\e Rat. lOO, . . . donaz nezahjnu ^Klem. 11*...
donadz du§^ u m^m töle Hrad. 123% . . . donawadz täo nepo-
chovino Hrad. 22% donawadz najdöle sem ^Rlem. 84% . . .
odnads pHjidd do Thyrie AlxH. 1% odnadzto smy vyhnini
PasB. 321; nad tim möstem, odnadz urozenim bieäe 384, onadz
(sie) byl vSel; tarnet vznide Rat. 114.
KomHata: v komnatu vnide Hrad. 61% v komnata DalC.
83(2), ta zl4 komnatu vyrazista 26/ do komnaty 63, pr^d kom-
natu 98 (2), V komnatu DalV. 83 (2).
Luüdk: jako kiife pfed lunakem Rat. 2.
Nadra asl. jadro sinus: stfM nader tvych 2Wittb. 73,
krev po meöiech v nadra teöieSe a v nadrzyech jim zmrzniede
DalC. 74.
Silatedek: neshromazdim snateczkow ZWittb. 17.
Siiatek: v snatku j^Sutn^m 2Wittb. 24, ot snatka zlobi-
v^ho 63, V snatku jßSutn^m ^Brn. 1% v snatcie velik^m ^Rlein.
14, nenävid^l sem snatka zlostiv^ch 17% u velik^m snatcie 29^,
V snatciech podSkujte hospodinu 50*, v snatcie boh6v 65%
V snatcie svatych 70*, vzplanul oben v snatcie jich 87% v
snatcye Ijudsk^m 89^, ustavil eile snatkom 128% räd bych
uöinil ten snatek Hrad. 15% veSken snatek 15% b^vd zde
velikj^ snatek 17% v Jeruzalemi na snatczye 7P, na kaiif
snatek 108% ört6v snatek 114% tv6j snatek Modi. 120% snatkow
Fror. 1%
Was Ausnahmen betrifft, so ist in 2Wittb., ^Rlem.^
Pass. (im älteren Theile), Modi., DalC, Rat. und in vielen
anderen Handschriften keine einzige zu finden; in Hrad. nur
im Reimpaare sedyal: powydial (sie) 122^ an einer Stelle, die
jünger ist als der übrige Codex; sonst sind mir hie und da
einige nur in solchen späteren Handschriften vorgekommeu.
welche die Jotation auch bei den ^-Silben nicht streng nehmen^
z. B. jeho2 bieäe wydyal ve snö AlxV. 158% d. i. vidal asl.
videl^b, sim sem sedyal Pror. 64^, d. i. sedal asl. sSdel'B, Juda
letyal eb. 3*, d. i. letal asl. letßli, letyalo jest Babylon 15*,
oba sta letyala 95*, föku rozwodnyaluv 49% d. i. rozvodfialu,
krziestyanka Pass. 20 und krziestyajiskey viery 19 (beides im
jüngeren Theile des Pass.), ta z\& komnyatu vyrazista DalV.
26, do komnyaty 63, pfßd komnyatu 98 (2). Diese und solche
Ueber die weichen o-, o- und M-Silben Im 41tbAhmi«cbeB. 309
Abweichung^eii; die seit der zweiten Hälfte des XIV. Jahr-
handerts je weiter desto häufiger werden, bestätigen es, dass
diese Silben weich gelautet haben, lefal und nicht le^al u. s. w.,
und sind Beweise — nicht einer vollzogenen Sprachverände-
ruDg, letyal in Fror. 3^ hat ebenso gelautet, wie letal in
2Wittb. 117, nämlich letal, sondern — einer neuen Recht-
schreibung, deren Aufkommen mit dem Schicksal der weichen
e-Silben zusammenhängt und also zu erklären ist: der alte
lautliche Unterschied zwischen e und ( wurde in der Schrift
durch 6 und t6, ye bezeichnet, z. B. pro nezto zahanbenie,
propter quod Pass. 297, d. i. pro ^e2to asl. ne-, und pro nyezto
hfiechy, propter quos Modi. 93% d. i. pro fiStto asl. n§; hierin
bedeutet das geschriebene n den Laut ü, und ye den Laut i,
also n-ye- = ü-S-; mit der Zeit ging die Aussprache HS- ver-
loren und das geschriebene nye- wurde fie ausgesprochen; war
aber geschriebenes nye =■ fie, so hat man ny^ als eine den
Laut fi bezeichnende Buchstabenverbindung aufgefasst und so
lag es an der Hand, auch sonst ny-, dy-, ty- oder ni-, di-, ti-
für ü, dy f zu schreiben und überhaupt die Jotation zur schrift-
lichen Andeutung der weichen Aussprache gewisser Consonan-
ten zu verwenden: lefal geschrieben le^i/al, rozwod^aly geschr.
rozwodnyaly, und ebenso ohriov^ geschr. ohnyowy (im Pass.
vom J. 1379), stä^e geschr. sta^ie Kat. 14 und sta^j/e eb. 156,
26 geschr. 2^'e NRada 40, §fedrost geschr. ssttedrost 56 u. s. w.
II. o, ö.
Für die weichen o-Silben ist in den Handschriften die-
selbe Regel zu finden, wie für die a-Silben, mit der Verein-
fachung, dass es keinen altböhmischen Diphthongen io gegeben
hat und dass demnach in der Schrift ein praejotiertes o (-io
oder -yo) unberechtigt ist. Auch der Beweis soll hier in der-
Belben Weise wie bei den a-Silben durchgeführt werden.
1. Dat. Loc. sing, der J«-Stämme: ke kralowi Pass. 354,
d. i. krÄlovi, unjotiert, ebenso wie otczowi Pass. 418, ciesa-
rzowi 296, papezowi 325, m^mu towarzissowi 457.
2. Nom. Voc. plur. derselben Stämme: kdy2 konowe
mnoistvie voz6v potrhli Pass. 484, d. i. koÄovö, vSichni ohnowe
310 Oebauer.
potuchu Kat. 40, d. i. ohnov^, v&ickni kralowe 2 Eiern. 80^ u.ö.,
unjotiert, ebenso wie biezowe eb. 24* u. a.
3. Gen. plur. derselben Stämme : kmen kralow sloviitaych
Pass. 328, d. i. krÄl6v u. ö., tSch wieznow posilije 372, d. i.
v6zn6v, jeden z wieznow vecö 390, zamiitil si hlavy sannow
^Elem. 57*, d. i. safiöv, 4luö sannow 130*, dievky tu konow
podpächu DalC. 13, d. i. kon6v, mdlo srssnow mnoho much
zapüzie 44, d. i. 8r§n6v, — ebenso wie mych rzetyezow Pass.
393, äest miesieczow 344, pöt rityerzow 300, od muzow 299,
towarzissow 425, kliczow 396 u. s. w. Für sannow, ZKlem.
57* und 130* wird in Jungmann's Wörterbuch ein vStamm
angenommen, sing. Nom. san Gen. sana, so dass nicht saäöv,
sondern san6v zu lesen wäre. Diese Annahme hat ihren Grund
in der Meinung, dass weiches n in der Schrift durch ny- oder
ni' hätte bezeichnet sein sollen; eine solche Schreibregel gilt
zwar, wie oben gezeigt wurde, in den späteren Handschriften, in
den älteren aber und namentlich für dieses Beispiel des 2 Eiern,
gilt sie nicht. Mir ist es im Gegentheile wahrscheinlich, dass
der Schreiber durch die Gemination nn die weiche Aussprache
angedeutet habe, denn sonst wüsste ich nicht, was für einen
Zweck die Doppelung hätte, und andererseits ist es bekannt,
dass die altböhmischen Schreiber auch zu diesem Mittel ge-
griffen haben, um die weiche Aussprache anzudeuten, z. B.
ten jeito slova waa^^yy Pror. 24*, d. i. väfi, naawra^t po6et
sveho vlddanie CEvang. 22, d. i. ndvraf, uvörichu weenn eb.
34, d. i. yi-ji.
4. Dat. plur.: konom tv^m 2Wittb. cant. Habak., d. i.
kofiom, sladka dasnom m^m mluva tvä eb. 118, d. i. däsnöm,
cöstu udinil si konom tvj^m 2Elem. 127**, jazyk möj pridrzi
so dasnom mym 14* (in einem späteren Psalter vom J. 1487
steht hier: k dasnium m^^^m, Jungm. sub däsnö), kako sladke
sü dasnom mj'm mluvy tv6 102^, pfisvedni jazyk möj k dasnom
mym 113^, wyeznom Pass. 54, d. i. vöznöm, dfeve nei kuonö
dosp6chu DalC. 13, d. i. kuonöm u. s. w., — unjotiert, wie in
dem gleichen Falle in naSim penyezom Pass. 368, nyemczom
Dal. C. 34, rityerzom Pass. 333, öty?em muzom 349, d. i.
muzöm, k svym towarzyssom 365. Für dasnom 2 Wittb. und
ZElem. wird in Jungmann's Wörterbuch der im Slovakischen
vorkommende hartstämmige Nominativ däsno supponiert, wohl
üeber die weichen a-, o- nnd u-Silben im Altbfihmischen. 311
aus dem gleichen Orunde^ wie san statt sa^ für den eben be-
sprochenen Genitiv plur. sannow; der Grund ist aber irrig und
für den gegenwärtigen Fall wenigstens nicht verlässlich, wo-
gegen das im Psalter vom J. 1487 geschriebene k-dasnium für
die weiche Aussprache dasiiöm spricht.
5. Vocativ sing, des ja-Stammes bä€a: batho, jdz tob&
yiij räd slü2u DalH. 30; bato DalC. eb.; d. i. bäto; bato,
meho nechaj DalC. 28; jäz to, bato, dobr^ v6de 36; 53; batO;
tfgba mi s tebü mluviti 63; bato, proö s§ druhem nek&^eä eb.;
batO; nem62e§ bez N6mcöv bj^ti, ber so, bato, na R^n s nimi eb.
6. Im dialektischen Local der pronominalen Declination:
V nomzto nebude chud Hrad. 115% d. i. v öomi^to statt v äem2to.
7. Im Infinitivstamme der VI. Classe: v6ön6 kralowanye
PasB. 322 u. ö.; d. i. kralovänie, rozko§n4 v6n5 povötrie naplno-
wasse Pass. 402, d. i. naplnovdSe, ebenso wie potwrzowaty
Pass. 299, mnozi s6 wraczowachu 312, aby ukrzyzowali 305,
d. i. ukfiÄovali, v nüzi utyessowal 468, kf-esfanskü vieru poöö
doliczowati 352, d. i. doliöovati, u. s. w.
8. In der Suffixsilbe anderer Stämme auf -ov-: na kralowem
dvofö Pass. 329, d. i. krdlovöm, kräl skralowu 459, bieie
kralowna 353, obraz svatö kralowny 324, nebesk^ho kralowstwie
324 u. ö., do kralowstwa nebeskeho Modi. 2**, ty s' kralowna
svych sluh 143^, ohnowymi ?et$zi Pass. 458, d. i. ohnov^mi,
ohnowata mluva 2 Gloss. 236, pec ohnowu 2 Wittb. 20, uhl6
ohnowo 17, uhl6 ohnowe eh., ot obliööjö ohnowa 67, ohnowa
mluva 118, ty si zetröl hlavy sannowe ^Klem. 57*, — durch-
gehends unjotiert, ebenso wie hlava vmrlczowa Pass. 296, z
cyesarzoweho rodu 323, ti jisti oraczowiczi knie^ata jsu 387,
d. i. orÄöovici u. s. w.
9. In doüavadi und poüovadB: donowadz nezajde mSsiec
itKlem. 54*, ponowadz si räöil ddti Modi. 63*, ponowadz ne-
Bmiemy so ukizati 151^ u. ö.
Es wurden also die weichen o-Silben — und zwar nicht
nur die eben eigens betrachteten mit den Consonanten n, d,
(, l, sondern auch alle übrigen, also alle überhaupt — ohne
instehende Praejotation geschrieben und ohne inlautende Prae-
jotation ausgesprochen. Ausnahmen von dieser Kegel gibt
es so gut wie keine. In 2 Wittb., 2Klem., Dal. C, Pass.,
Modi., Kat. und in vielen anderen Handschriften ist keine
312 Oebaii«r.
einzige zu finden; Abweichungen aber, wie buogyowe im jün-
geren Theile des Pass. 47, statt bojov6, ohnyowymy fetözi im
Passionale vom J. 1379 statt des entsprechenden ohnowymi
fei^zi im ältesten Pass. 458, ratagyowe ÖEvang. 23, k rata-
giom 23 st. ratajöm, ku plawisstyom 31 st. plavi§f6m u. ä. be-
einträchtigen unsere Regel nicht im Mindesten, da sie aus
Handschriften stammen, die schon starke Spuren der späteren
(oben erklärten) Schreibweise an sich tragen und die Jotation
oft zu einer bloss graphischen Andeutung der weichen Aus-
sprache des Consonanten anwenden; auffallend sind mir nur
zwei Ausnahmen in Hrad., die mit den in diesem Codex häufig
vorkommenden Schwankungen zwischen o und i (ciesafovi —
ciesaHvi) zusammenhangen dürften: da to miesto nyemcziom,
otkads jin^m czuzozemcziom Hrad. 20 (neben nyemczom eb.
25». 26'> u. a.).
Hier soll auch der Umstand zur Rede gebracht werden,
dass die böhmische Sprache weiche o-Silben überhaupt besitzt,
denn diese sind im Slavischen eigentlich eine Anomalie; statt
ihrer kommen in der Regel e-Silben vor, deren e durch Assi-
milation des ursprünglichen o entstanden ist. Vergl. asi. selo
und morje, lo2e, lice, synove und zmijeve, togo und mojego u. s. w. ;
Miklosich, Altsloven. Lautlehre^ 17. Diesen im AltsloveDischen
regelmässig auftretenden e-Silben entsprechen aber im Böh-
mischen theils e-, theils o-Silben, letztere namentlich in Zu-
sammensetzungen wie licomörny asl. licemSrBn^b, und in den
Verbindungen -oy, -om: Dat. Loc. sing, oräöovi. Dat. Instr. du.
ordöoma, Nom. Voc. pl. oräöove, Gen. oräöJv, Dat. oräWm,
plaviStrfm (CEvang. 31), Loc. sing, v fiom, ve vSom (dialek-
tisch statt des grammatischen v nem, v§em), kralovati, kräl(/v,
krälova, kralovna, krälovstvie u. s. w.
Auf die Frage, wie es denn komme, dass dem ursprüng-
lichen (j)o im Altslovenischen e, im Böhmischen aber theils e,
theils 0 entspricht, antwortet man, dass es auch im Böhmischen
einstens nur assimilierte 6-Silben gegeben habe, dass aber die
Assimilation in gewissen Fällen mit der Zeit aufgehoben wurde
und ^o> Silben neu eingeführt erscheinen. Die causa movene
war hiebei die Analogie, die assimilierten Formen Note. pl. kri-
leve, Inf. krälevati u. ä. haben unter dem Einflüsse der analogen
üeber die weichen a-, o* und ««SIHmu im AltMhmieehen. 313
hartstämmig^en o-Formen pinovd, panovati ... ihr e aufge-
geben upd 0 angenommen.
Zu dieser Antwort stimmt der Umstand, dass die gemeine
Sprache in dieser Richtung weiter vorgeschritten ist, als die
coDservative Schriftsprache, indem man auch v üom, ve ylkom,
T 6om, VySohrad u. ä. zu hören bekommt^ und dass alte Sprach-
denkmäler ziemlich oft eine weiche e-Silbe statt der späteren
o-Silbe bieten. Aber das muss hiebei auffallen, dass in strengen
Handschriften der Vocal dieser Silbe sehr selten e (k ^rfm
wogem AlxH. P, d. i. voj^m. Dat. plur.), in der Regel aber
ie oder ye geschrieben erscheint.
Ich €nde dies am häufigsten in den Handschriften Hrad.
und Modi, und lasse ihre Beispiele hier folgen.
Sing. Dat. Loc: o diediczjewi slovensk^m Hrad. 1%
CO chcmy sdieti gieziusiewi 74^, a kdyi bieie giezissiewi jatu
byli 75% gieziusiewi 90*, gieziussiewi 85^, iudassiewi 77% cziessa-
rziewi 86**.
Du. Dat. Instr.: mezi dv^ma zlodiegiema Hrad. 90^.
Plur. Nom. Voc. : vSichni leycherziewe Hrad. 16^.
Plur. Gen.: devSt roiessiecziew Hrad. 63% sv^ch rytie-
rziew 93% slechticziew mnoho 100% paterziew nerad pöji 110%
08mi krossiew 112% osm krossiew 113% süatek zlodiegiew 114%
zlodiegiew mnoho 115*, oracziew taki neminu 114^, padesit
kolacziew 137% töch kolacziew 137* (2); — vSSch zwolenczyew
Modi. 37% myesyeczyew 59% wyeznyew nezprostil 119*, do
kragyew 128*.
Plur. Dat.: to miesto dachu czuzozemcziem Hrad. 25%
kak^ czuzozemcziem 25% sv. Prokop t6m nyemczyem poro-
kovi§e 25^ poSle (misu) rytierziem sv^m 106^, ti zlodiegiem
hotujikliöö 115% aby koval konyem nezajimajä 132% — otczyem
svym Modi. 116^, wyeznyem sprosczenye 128% — af se ieny
k svj^m muziem navritie Pass. 43 (jüngerer Th.); poviem
zenciem ÖEvang. 12.
Plur. Dai: aby byl sladek naSim srdczyem Modi. 1^.
In der Suffixsilbe: gieziusiew ußennik Hrad. 84* (2),
giezinsiewo tSlo 92^, gieziusiewa slova 85% cziessarziewy milosti
Hrad. 86% cziessarziewy §kody eb., slovo otcziewo 47^, v kay-
fassyewie dom§ 74% sto kygiewych ran 100*; pnyewie kopdSe
5*; za skopcziewynu 135^; smutnä utiessiewasse 8^, b^sy
314 Gebaner.
othonyewal 18^, jeni wzbranyewal 3P, bicziewali 52*, ukrzi-
ziewati 83^, tancziewati 96^, öbdn poö6 s6 pohrziziewati 130^.
Ein Beispiel mit blossem e ist in Hrad. und Modi, nicht
zu finden^ ausser krälevstvie; hiebei ist aber nicht ausser Acht
zu lassen, dass die altböhm. Silbe le sowohl te als auch U
vertritt (s. Sitzungsber. LXXXIX, 325).
Im älteren, musterhaften Theile des Pass. kommen solche
6-Formen nicht vor. Die Handschriften Hrad. und Modi, sind
aber in Betreff der weichen e-Silben beinahe ebenso streng
regelmässig, wie das Pass., ihr geschriebenes te, ye darf nicht
= 6 oder 6, sondern muss = i oder ie gelesen werden, nicht
ciesaFevi, kofiem, srdc^m, sondern ciesar^vi, kom^m, srdctem
u. 8. w. Der Vocal dieser «-Silben ist aber nicht identisch
mit dem durch Assimilation aus o entstandenen asl. und auch
böhmischen e, srdcz^em ist nicht =: asl. srbdLcem^b, der Vocal
ist ein anderer, als der, der in naSeho, naSemu, na§em (abge-
sehen von der Quantität) sich findet, und es fragt sich, wie
diese Abweichung zu erklären ist.
In einigen Phallen ist sie wohl durch Analogie verursacht
worden. Z. B. im Dat. plur. koniem und srdciemj aby koval
konyem nezajimajö Hrad. 132^ und abj byl sladek naSim
srdczyem Modi. P; diese Formen haben einst koMm, srdc^m
(die Länge mag in Hinblick auf hadcfm, konim ... als wahr-
scheinlich angenommen werden) gelautet, mit 4 und nicht mit
ie, ebenso wie der Gen. sing. naSeho neben toho und das asl.
konjemi, d. i. konemi und sr&dBcem:b e und nicht S u. s. w.
bieten; daneben bestand aber der Dat. plur. hföbtem (asl.
-ijemi), Bhoiiem (asl. -ijemi), paniem (asl. -ijami); unter dem
Einflüsse dieser Dativformen haben dann auch die ß- und jo-
Stämme die Endung -iem angenommen, was um so leichter
geschehen konnte, da die gehörige Endung -im durch das
Schwanken der Sprache (koöAn — koiiöm) nicht genug fest
sass. — Auf dieselbe Weise kann auch der Dat. Instr. du.,
mezi dv^ma zlodiegiema Hrad. 90, d. i. zlod^j^ma statt zlo-
d^jema erklärt werden. — Die a-Stämme haben im Slavischen
überhaupt die Declination der übrigen Stämme sehr beeinflosst:
russ. rabam^b, rabachi, rabami, selami, selachi, selami, kostjamiB,
kostjachi, kostjami, imenami, imenach'B, imenami, pol. chlopach,
cMopami, nböhm. dial. p&nama, oknama u. s. w., die Entstehung
Ueber die weielien a-, o- und ti-8ilben im AltböJimischen. 315
der abweichenden Formen kontern, zlodSj^ma nach dem Vor-
bilde der ya-Formen dofit^m^ da6^ma stände nicht beispiel-
los da.
Schwieriger ist die Erklärung des ä in den Fällen, wo
ein Vorbild zur Nachahmung und Anlass zur Abweichung von
der Regelmässigkeit nicht vorlag, z. B. Dat. sing, ciesaf^vi
statt ciesaftfvi, Nom. plur. lejcheHve statt lejchefevä u. s. w.
Sicherlich haben aber auch hier die Schwankungen der Sprache
(cieaarevi — ciesarovi) das Aufkommen des unregelmässigen
t (ciesafÄVi) erleichtert.
IIL u, ü, ju, iu.
Zum Behufe der Untersuchung der weichen u-Silben
Bchicke ich eine kleine Sammlung von Beispielen voraus und
bemerke zu ihr Folgendes:
1. Für die weichen e-Silben hat ein einziges Denkmal,
das Pass., zum Nachweis einer allgemein geltenden Regel ge-
nügt, für die weichen u-Silben mussten recht viele untersucht
werden (darunter namentlich beinahe und nach Möglichkeit
alle die, in denen die Assimilation u-i den neuböhmischen
Grad noch nicht erreicht hat). Der Grund liegt in der ver-
schiedenen Natur der beiden Regeln: die Regel der weichen
^Silben ist eine etymologische Consequenz, die der weichen
tt-Silben ist die Geschichte von zur Regel gewordenen Ab-
weichungen und Veränderungen. Es ist nicht möglich, aus
Einem Sprachdenkmale durch eine Statistik der Belege eine
allg^emein geltende t«-Regel zu finden ; folglich war es geboten,
sollte für die vorzunehmende Erforschung einer solchen Regel
hinreichendes Material gewonnen werden, möglichst viele Denk-
mäler zu untersuchen. Hiedurch möge auch die Menge der
Beispiele gerechtfertigt erscheinen.
2. Die Beispiele sind insgesammt aus Denkmälern ge-
nommen, die die in Betreff der weichen e-, a- und o-Silben
geltende Regel entweder genau befolgen oder wenigstens in
dem Sinne beobachten, dass sie die Jotation nicht als bloss
graphisches Zeichen zur Andeutung der weichen Aussprache
eines Consonanten anwenden, also aus Denkmälern, von denen
316 Gebaner.
ZU hoffen ist, dass sie auch in der Schreibung der weichen
t/-Silben nicht willkürlich sind, sondern sich nach irgend einer
berechtigten Regel richten.
3. Aus Pass., Modi., Boh. und aus den Fragmenten
AlxH., DalH. und Dal Hr. sind (einige Wiederholungen ab-
gerechnet) alle Belege in die Sammlung aufgenommen, die
sich vorfinden ; aus Z Wittb., Z Rlem., Dal C. und Hrad. ist die
Auswahl von Beispielen eine solche, dass sie ihre Qesammt-
heit vertritt und alle Fälle berücksichtigt. Letzteres könnte,
glaube ich, allgemein von der ganzen Sammlung gesagt
werden und ich erwähne es, um nicht immer und wiederum
bemerken zu müssen, dass es ausser den angeführten Bei-
spielen eines Denkmals in demselben auch noch andere oder
noch viele andere gibt.
4. Die Belege sind übersichtshalber nicht nur nach gram-
matischen Kategorien, sondern auch nach den Consonanten der
weichen t«-Silbe (w», 6, p, v, z, «, c, i, S, ö, f, l, ä, <f, t, j)
geordnet. —
1. Declination der y?^-Stämme.
Sing. Dat. Loc. ^: k iherusalemlu Jid. 33; — z: kto
d& zdravie wityeziu 2 Klem. 8% mömu knyezyu Dal. C. 21 . . .
neben: proti knhiezu DalH. 42, p&ni s§ knhiezu pokofichu
31, knhiezu 31, 42; — c; rovn^ otczyu 2 Wittb. Äthan., na
stolczyu 106, modliti s3 ritciu 2 Klem. 87% öi sc stalo gda
dyedycziu AlxBM. 2% miezziecziu s6 uda vzniti 2^, tworcziu
svömu AnS., na svöm stolczyu Dal C. 29 ... neben: wtanczu in
choro 2Q1o88. 250, dci otczu otpovödö Dal Hr. 9, öine otczu
2alosf Mast. 5*, bohu otczu Hrad. 92*; — i: muziu viduciemu
2 Klem. 84% na krsiziu 145», ßstn^mu rausfu AlxBM. 2*, chtßla
muzyu s6 posmievati DalC. 20, rozpat na krsisiu Ap. o. 333,
nakrzizyu Jif. 35; — S: u boz6 iezyussiu mäm 2 Klem. 127,
. . . neben: v kossu 2 Wittb. 80; — 6: u meczyu 2 Wittb. 78,
V mecziu sv6m 2 Klem. 32», bylo by nelzö oraczyu chleba
kupovati DalC. 5 . . . neben: k metzu d. i. meSu AIxB. 79;
— V zaltarzyu pöjte jemu 2 Wittb. 32, wsaltarsiu l^Klem. 2P,
komorniky zaltarzyu zuöil bieSe DalC. 27, k ciesarzyu 58, na
orzyu 21, p?i hliip^m zwiersiu ApD. 104 . . . neben: siidem
obdrial na fararzu Boh. 350; — l: v spasitelyu 2 Wittb. 12,
V spasytelyu 20, spassiteliu nademu 2 Klem. 76», wisrahelia
Ueber die weichen a-, o- and «-Silben im AltbAhmiechen. 317
64^, kraliu svemu AlxB. 80^ Svatopluk da b6 kralyu poznati
Dal C. 24y 0 kralju Viclavovi 83, k czylyu Sipy strieleti 34 . . .
neben kralu svämu ^Wittb, cant. Annae; v spasitelu eb. 105,
aby kaid]^ sv^mu czylu slü^il Boh. 340; — n: dal zbo2ie jich
ohoya 2Wittb. 78, v stynyu smrtedln^m 87, v stienia kridld
tFu ^Klem. 41^, v stienyu smrti 131*, poddal jm^nie jich ohnyu
61*, k Bv^mu konyu Dal C. 54, po konyu 21; — j: ku pokoyu
2Wittb. 121, na pokoyu 35, ku boyu 17, u boyu 23, obli-
cziegin ty^mu 2Elem. 9^, ku bogiu 11^, u pokogiu 2^ po kra-
^n svSta 12% u pokoyu vstanefi Pass. 337, v tak^m kroyu
411, V Dunayu utopen 484, v tom boyu 484, k boyu Alx. H.
l\ kdyÄ aS bylo boyu sniti AlxB. 79, k bogyu DalC. 13,
u bogyu 10, V hagyu 11, pfi nepocogiu Ap D. 105.
Sing. Voc. i: BVBtf Thomassiu ^Klem. 137^ . . . neben
blahajte ananyassu, azariassu hospodinu 2Wittb. cant. puer.,
towarzysu pfgmudrujel 86 Boh. 342; — ^: vstan zaltarzyu
2Wittb. 56, 107, Bvaty Rzehorziu 2Klem. 137% dobi^ rytyerzyu
Dal.C. 44 . . . neben: dobr^ pastirzu Sequ. 362; — f; boie
m6j kraliu 2Wittb. 144, bo2e spasytelyu n&s 64, pomocniku
a wykupiteliu möj 18, bo2e möj kraliu ^Elem. 119% bo2e
spassiteliu ni& 63% wikupytelyu möj 12^, kralyu mil^ AIxBM.
2*, kralyu raö slyd^ti DalC. 48, kralyu chcei mne posliichati
Jif. 35 . • . neben: zaslonitelu möj 2Wittb. 58, bo2e spasitelu
nii 78, and^lsky kralu Mast. 4*; — j: nevSmy zlodyeyu
Jid. 137.
Dual. Gen. Loc. z: ze dvü penyezyu DalC. 76.
2. Declinafion der t/s-Stämme.
Sing. Dat. Loc. ^; k svat^mu Gyurzyu DalC. 32.
3. Declination der yo-Stämme.
Sing. Dat. Loc. b: vzdvihna k nebyu ruku mü 2Wittb.
cant. Deuter., na nebyu 118, wnebiu stolicS jeho ZElem. 6%
na nebiu 95*; — c: v sirdczyu 2Wittb. 39, v srdciu svem
^Klem. 6% v slunciu 12% zzlunczlu (so uda) snlti AlxB.M.
2^, V srydczyu LAl. 421, v zzyrdczlu Pil., v smutnem llczlu
AlxBM, 2% po jeho licziu ApS. 334 . . . neben: ?ekli v sirdczu
sv^m 2Wittb. 73, zirdczu sv6mu AlxH 2^, v zirdczu eb.,
po tvim lyczu Mast; 6% nemoc v liczu Hrad. 143*; — ^: by
byli lepssiu chtiece AlxB. 90; — 6: y lucziscziu m6m ^Rlem.
32*; — i^: u moi-zyu Z Wittb. 88, na morziu ZKlera. 71* . . .
318 Oebauer.
neben: u morzu cSsta tv& ZWittb. 76; — l: na polyu eb. 77
und na polu ^GIoss. 242 (dieselbe Stelle); — f; v nasadistiu
2Klem. 56^, na bogystyu DalC. 74.
Dual. Gen. Loc. c: na pleciu syii ^Klem. 128^.
4. Declination der i/o-Stämme.
Sing. Dat. Loc. b: u wyrbyu in salicibus 2G1o88. 239;
— t; : u bohatstwyu jeho 2 Wittb. 36, u ninozstwju pokoj6 36,
u mnozstwyu 48, na vstawiczenstwyu 103, v zebraczstwyu 106,
prawedlenstwyu tvämu 118, k swiedeczstwyu tvemu 118, k
lakomstwyu 118, v zdrawiu tv^m 2Elem. 12^, u mnostwiu
sboii BV^ch 35^, tomu kralowstwiu Hrad. 63*, v tom czlowiecz-
stwiu 57% kralowBtwyu nebesk^mu DalC. 30, v nabozenstwyu
36 . . . neben: prawedlenstwu tv^mu ZWittb. 118, v obistwu
77, ve mnozstwu 68, ku kralowstw nebeskömu DalH. 30; diese
letzteren Beispiele können aber auch (^Stämme sein, sing. Nom.
-stvo; — i: tv^mu zbosiu AlxB. 87, poygho zzbosiu, d. i. po
j'ho (jeho) sbo^iu Pil., v. zzboslu Jid. 126, o sbozyu DalC.
18; — ^: V tom hussczyu DalC. 24; — f : na perzyu v6trovem
2 Wittb. 17, u powietrsiu 2Klem. 108»; — l: u weselyu 2 Wittb.
44, u wesselyu 125, v usylyu 72, u podolyu 103, u weseliu
2Klem.-34% v usilyu Ijudskem 55*; — ä: k giedenyu 2 Wittb.
58, k giedeniu 78, wpokolenyu 77, v obraczenyu 125, ve wzdi-
chanyu m^m 2Klem. 3*, v uzdrawenyu 7*, po przirozenyu
AIxH. 2*, ke branyu AlxB. 79, v czielowanyu Apb. 331,
u bo2iem ulozenyu Hrad. 62% skonczyenyu takeinu DalC. 18,
po trubenyu 34, k swazanyu 2G1oss. 254 u. 8. w. in überaus
zahlreichen Beispielen; dagegen: v swieczenu ohäem, d. i.
Bv6ceöü 2 Wittb. 77, v zamuczenu 94, k radowanu 105, k
chwalenu 118, hrad na ztracenhu bieSe DalH. 39, kskonczienha
41, na skoncienu 2G1o8s. 255, ku posluchanu ad audiendum
243; — d: u milosirdyu tv6m 2 Wittb. 118 und cant Moyß.,
u bezwodyu 105, u milosrdiu 2Klem. 74^; — f; k bytyu
2 Wittb. cant. Deuter., na bezczistyu, d. i. bezc^stiu 62, u
bezcziestyu 106, k jehoi przistyu, d. i. priStiu Äthan., wystyu
d. i. u-v^gtiu in excessu 67, 143, wystiu 113, u wistyu 104, v za-
hinutyu 2Klem. 5*, ku prolitiu krvi 7^, przistiu jejie sh radujS
Hrad. 65**, Vlasta jim da w pityu smieru Dal Hr. 9 . . , neben:
k zabitu occisionis 2G1os8. 251.
Ueber die weichen a-, o- and u-Silben im Aliböhmisclion. 319
5. Declination der jia-Stämme.
Sing. Acc. m: kirmyu chlebovii 2Wittb. 52, dal si kir-
myu 73, viicku kirmyu 106, jenä dAvA kirmyu 146, v d^dinu
pfijmu zemyu 36, aby ujal zemyu 46, ve viju zemiu 2Klem.
12*, väjucka krmiu 89% v tu2e zemiu Jid. 34, padl na zemyu
LAl. 421, vSucku zemiv siidieSe Dal Hr. 3, na§u zemiy 2ena
sddi eb., iäkovstvo v zemyu nayräti DalC. 27 . . . neben: oni
obdirzye zemu 2Wittb. 36, zalo^il jsi zemu 118 (in 2Wittb.
ist die unjotierte Äccusativendung -mu nur in diesen zwei
Fällen vorhanden), pod zemu sniti AlxBM. 2% ciesar zemu
Y d&n porobi DalH. 31, padech na zemu Boh. 340, a£ pade
na zemu eb.; — z: mezyu si polo2il 2Wittb. 103, poloi^il si
twirzyu 88, v pustotu a v zieziu ^Klem. 90* . • . neben: vdovu
a przichozu zabili ZWittb. 95, v ziezu in sitim 106, mezu
terminum ^Gloss. 246, o mezu dva sS svadista Dal Hr. 3; —
c: vedeS owczyu 2Wittb. 79, vzvylil jsi prawyczyu 88, stoliciu
STu ^Klem. 5% v studniciu 41% kto d& studnyczyu LAl. 423,
na onu studnyczyu DalC. 19, na hubczyu Ijuda moravskeho
46, poIo2ichu trubyczyu 13, na tuto stolyczyu Mast. 1* . . .
neben: tagemnyczu bvü ZKlem. 10*^ (ausser diesem Beispiele
hat der 2Klem. im Accusativ der ja-Stämme immer jotiertes
u), jednu zemiezu AlxH. 1*^, jakSto kadczu maje hlavu AlxB.
84, nechcu tebe za sudczu jmieti Dal Hr. 3, podla^my tu
swyetinyczu cihlami Boh. 348, svd £enu holyczu Mast. 1*^ za
jednu hnylyczu 6^; — i: ostavil sem listöm m^m strazyu
2Wittb. 38, V strazyu 78, zproströv ko2yu 103, uloiil sem
dBt6m m^m straziu ^ Elem. 28 % vizju strazyu sveho L AI. 422,
ie strazyu mhli DalC. 36, jako rozyu 89; — S: pokoriech
duBsyu mü 2 Wittb. 34, böh . vykiipi dussyu mü 48, cziessyu
spasenie pfijmu 115, za wzwyssyu a za hfiech 39, na wyssyu
mu cant. Habak., yyprav düssiu mii ZKIem. 3*, dussiu pustiv
Jid. 104, dal dussiu bohu Ap.S. 333, svatü mssiu p6ti 331,
dokon6av tu mssiu eb., mssyu chtiede sluiiti Pass. 453, mssyu
^ta eb. (u ist zur Hälfte ausradiert), 2ena dussyu böfe DalC.
20, Bvu dussyu 30, mssyu svu slüäieäe 23, tu czyessyu on
mienieSe 30 . . . neben: dussu mü !2 Wittb. 68, zprosti dussu
svii 88, svü dusu u bo2i rucö poruöieSe DalH. 30, svatu dusu
8 t^lem rozd^lichu 30, tu cziesu 30 (2), kdy2 pr6d lubussu
pnjidu Dal. Hr. 3; — 6: pfivedl j6 u pusczyu 2 Wittb. 77,
320 Gebaner.
jdieäe mimo pusczyu 67, na pusczyu 94, pechziu bych jm5ia
AnS., u pusBchziu eb.; chcmy o tob6 peczyu mieti Pass. 284,
o pokoji peczyu m6jie§e DalC. 58 . . . neben: pfSs puscza
ZWittb. 138 (sonst immer -czyu), pf6s puszczu ^Qloss. 245,
majüc pechzu o komoi^ö AlxH. 1^, jmä petzu AlxB. 79, kaid;^-
jmSj peczu o sobS Dal Hr. 9, möj na m§ peczu Boh. 343; —
^: ty jsi stvofil zorzyu ÄWittb. 73, ustavil barziu jich ^ Eiern.
89^, pro bursiu Ap. S. 333 . . . neben: kakii miA prza Boh.
349, mi§ dobrü prza 353; — l: vSicku posteliu jeho 2Wittb.
40, abych vidöl wolyu hospodinovu 26, u wolyu 20, wolyu
uöini 144, posteliu mü ^Klem. 3% abycb vid6l woliu bozia
17^, woliu majö Pil., zpominiS na onu cbwiliu Jid. 165, na tu
cbwiliu Ap.S. 334, v nedyeliu 330, by trhu v nedyelyu nedieli
DalC. 32, syatu nedyelyu ctiti Jif. 35 . . . neben: v chwielu
AlxH. 2*; — fi: jäz oblaöiecb so v zinyu ^Klem. 24*, maj6
zztrsiepnyu Jid. 57, drabü wonyu Hrad. 46^, nyemkynyu za
zenu mieti DalC. 41 . . . neben: opirznyl ysy swatynu jeho
ZWittb. 88, ustavil swatynu svii 77, swatynu boii 88 (niemals
jotiert), inbed ju za knhienbu poj6 DalH. 41, suknu tunicaoi
Boh. 355; — f: vyvedl j6 na pustiu ZKlem. 86^ skrzö pustyu
112^; — j: nadiegyu svü ÄWittb. 77, nadiegiu mii ÄKlem.
56*, nadiegiu svü 59^, mohlo to b^ti v rsiugiu Pil., stagyu
mieväcbu DalC. 11, tepiecbu jej v sygyu jeho LAl. 423; budu
jmieti nadiegu 2Wittb. 70, m6l nadiegu LAl. 421; jm^l nadieyu
ZWittb. 51, jmiechu nadieyu eb. cant. Deuter.
Sing. Instr. m: nad zemiu ^Elem. 6^, nad nebem i zemyu
122*, svü zemyu DalC. 10; — c: plakänim hi tssehzicziu
ApS. 334, Durink döfätku bradatyczyu hlavu stö DalC 21;
— S: pföd swietlonossiu urodil sem th ÄKlem. 93*, smiluj so
nad me panie dussyu Pass. 339; — l: tot jest jeho woliu bylo
Hrad. 57^, s wolyu DalC. 95; — ii: vlddneme swatinyu boiiu
2Klem. 66*; — j: s pfövelikii zbroyu AlxH. 2*, aby vypsAny
byly (rööi) v knihich rafigyu äeleznü ZKlem. 145*.
Dual. Gen. Loc. [: v§e po najii wolu bude Mast. 2*.
6. Declination der t/a-Stämme.
Sing. Acc. r: pro bratrsiu mü ^Klem. 107% bratrsm i
sestry na§d 140*, na bratrzyu DalC. 36, bratrzyu poznali 15;
— n: tu panyu mniec näbo^uicku Hrad. 103^.
Üobttr die weichen d-, o- and u-Silben im Altbfthmisclien. 321
7. DeclmatioD der b-Stämme.
Sing. Instr. v: opoju stfßly me krwyu Z Elem. 130^, svii
krwiu ApS. 332; — c: myslil jsem noczyu ^Wittb. 76, ty
vlädne§ moczyu mofskü 88, opäsali sh moczyu cant. Annae,
mociu morskii ZKIem. 70% se väiu mociu 112% vSiu wiecziu
Jid. 69, 8VÜ wietziu AlxB. 86, jeho pomocziu Apn. 333,
moczyu diablovü Hrad. 103% moczyu DalC. 9 . . . neben:
opdsän moczu ZWittb. 64, s moczu cum potentia 88, moczu
Z QIoss. (Psalm 88), vSü wieczu Alx H. 1% vSü moczu P, dnem
i noczu 2% umräl nählu smczczu Bob. 349 (so statt smrcu, wo
c dialektisch für f); — 6: rzieczyu nenävistivü obkliöili mS
ZWittb. 108, tii rsiechziu Ano. . . . neben: rzeczu sermonibus
ZGloss. 249, tato mö uzdravila svu rzeczu Bob. 340, kteru
rzeczu 343, rzeczu 348; — r: kräsnj^ twarzyu nad syny clovS-
<!^imi ZWittb. 44, nad materzyu svii 130, twarzyu bieäe tak
nebesk& L AI. 423 (kann auch als Gen. du. aufgefasst werden),
dei matersiu jest neskryta AlxB. 88; — l: myslyu sviho
srdcS, rozprdSil pySnä raysliu ZElem. 133^, myzzliü jinamo
chylil Jid. 156, ana mysliu vidy pfi tobö Hrad. 4P . . . neben:
zblüdi so myzlu AlxH. 2*, — ü: s piesnyu ZWittb. 68, se
tf^siechu baznyu 2 Elem. 8^ . . . neben: pr6d sienhu sve
kIeJDoty bösta schovala DalH. 39; — d: s synoma a s czcle-
dyu Pass. 292; — f: obkliöil si mß radostyu 2 Wittb. 29, tukera
a tucznostyu 62, nelytostyu svü 72, s nahlostyu 77, nenawistyu
nenavidöl jsem jich 138, czstiu koronoval si jej ZElem. 4^,
nenawistyu zlostmi 16% s velikü zadostyu Pass. 415, pröd svü
zzmyrtyiu ApÖ, 333, s veliku chzctyu eb., poztatyu AlxBM.
1% 8 miloztyu eb., chutoztyu AlxB. 85, smrtiu tvrdü Hrad.
51% milostiu 40*, tu mastyu Mast. 3^, svü mylostyu Jir. 35,
pyetyu pramenöv bude kvisti DalC. 6, kto2 sü byli vinni tu
smrtyu 30, s veliku cztyu 29, Istyu 11, zalostyu 15.
Dual. Oen. Loc. S: v sluchu usiu poslüchal mne ZElem.
11% ie vssyu nejm^jiose DalC. 20; — 6: v ocziu nasiu
ZWittb. 117, V obezföniu ocziu jeho ZElem. 10^, v naäiu
ocziu 97^, oczyu mü LAl. 422, nemoc v ocziu Hrad. 143*.
8. Declination des Pronomen personale.
Dual. Gen. Loc. j: nayu vina jest velika AlxBM. 1%
Dauß nayu Pass. 362, väe po nayu wolu bude Mast. 2^.
Sitznngsber. d. phil.-liist. Ol. XOIII. Bd. II. Rft. 21
322 Oebaner.
9. Pronominale Declination.
Sing. Acc. fem. s: chei v&m noe syu Je2i§S jieti Hrad.
78**; — «: na hlavu nassyu ZWittb. 65, ve wssyu zemi väel
zwuk jich 18, nade wssyu zemju 46, nade wssyu zemi 56, nade
wssyu chvdlu 70, ve wssiu zemju ZKlem. 12*, wsiuczknu
postelju 30% tys nassyu prosbu potupil Pass. 453 (das u in
nassyu ist zum Theil ausradiert), na nassiu öest AIxBM. 2%
wssiu hrözu 1*, wssiu noc 2% wssiu moc AlxB88, pro wassiu
öesf 79, wssyuchnu podobjmöl anjelskü L AI, 423, wssyu zemju
DalC. 7, wassyu biedu 19 . . . neben: v tu wssu vlast AlxH.
1*, wsuczku (öioäu) DalH. 30, wsuczku zemju sddiese Dal Hr.
3, nassu zemju i^ena südi 3; — n: upadli su v niu ^Klem. 42*,
pro nyuz (vöc) Hrad. 40*, na nyu (Ludmilu) DalC. 26 . . .
neben: upadl v nu (jämu) AlxH. 2^, radöjie v nu (srarf)
upadnu AlxBM. P, knie^ata so za nhu (ciesai*ovnu) primlu-
vichu DalH. 39, pusfte vodu na nu (na lüku) Boh. 354; —
j: na cöstß, yuz vyvolil Z Wittb. 24, yuz (sif) skryl 34, du56,
yuz si vyküpil 70, föö moyu AlxBM. 1*, boli yu zz^rdcze
Jid. 153, io yu kizal rozrSzati Ap D. 104, yusto (zradu) skutil
ApS. 331, obdirzie yu acquirent eam ZGloss. 235, inhcd iu
za knienu pojö DalH. 41, kdza yu v 2alÄf* vsaditi Pass. 319,
kdza yu obnaziti 322, jizto by yu vzyvali eb. . . . zapojil jsi
gyu ZWittb. 64, tys swirchowal gyn perfecisti eam 67, gyu
68, by giu otnesli Z Klem. 30*, popadni gyu 3% v jämu, giuzto
jest uöinil 4*, obuv mogiu 44 , giuzto (piosn) jest sloi^ila Hrad.
66^, aby gyu zaddvila (Ludmilu) DalC. 25.
Sing. Instr. fem. S: se wsiu mociu ZKlem. 112*", vlada
wssiü komorü Jid. 56, wssiü vöciu 69, wssiu postatiu AlxBM.
1*, wsyu trojici Hrad. 63*, jemuä bj^ti wassyu hospodü DalC.
4 . . . neben: wssu mocü AlxH. P, wssu vöcü 1*; — w;jenz
s6 s nyu stiece Pil., s nyu byti Hrad. 48^, s nyu DalC. 13...
neben: aby pod nu horkost stydla AlxH. 1** (pod orlici); —
j: öesf, giuz so stydie Hrad. 97% bych gyu (pilü) vä6 ieleza
Idmal 131 ^
Dual. Gen. Loc. S: diela rukü nassyu 2 Wittb. 89, v ociii
nassyu 117, dielo ruku nassiu ZKlem. 73*, v nassiu oöiu 97^;
— n: z nyus (röky a potoka) mösto jraene dobylo Pil., ot nyuz
(rukü) Hrad. 41* . . . neben: clovöky oba bohatd, v nus 8$
Üeber die winchen a-, o- nnd u-Silben im AUböhmiscben. 323
sta velikä ztr&ta ÄlxB. 83; — j: slovem ieyü PiL, na geyu
öbü ramenii Pass. 337, Labui^ ]h %h iu süditi Dal Hr. 3 . . .
Libuäß j6 86 gyu suditi DalC. 3, ka^dj^ gyu Hrad. 61^, gegiu
äila AlxB. 83.
10. Zusammengesetzte Declination (mit Einschluss der-
jenigen Adjectiva^ die aus der t/i-Declination herübergenom-
men sind).
Sing. Acc. fem. s: psu müchu ^GIoss. 244; — c; ohH
hlassonossiuciu 2Elem. 17^; — &: chvälu boziu 2 Eiern. 12",
na horu boziu 15*, bosiu chvÄlu svD. 56; — §: krev nasle-
chetnyeissiu ^Elem. 128^, naykrassyu ladu DalC. 13 . . .
neben: horssu vnadu AlxH. 2*: — l: möjieSe öest welyu DalC.
72; — «: polnocznyu stranu ZWittb. 88, pozzlednyu radu
ApS. 331, uzföv zornyu hv^zdu AlxBM. 1*.
Sing. Instr. fem. i: vlddneme svatyniu boziu ^Elem. 66*;
— «: s lepssiu priöinü AlxBM. P.
Dual. Gen. Loc. 6: diela rukü czlowiecziu ZRlem. 95*.
11. In der Endung der 1. Pers. sing.
Ij '^« 3' jAz znayu 2Wittb. 50, wzpieyu 56, kak vy znayu
AlxBM. 1^, tohof znayu Pass. 325, znayu so v tom 467, jdf
znayu 352, hospodina na so s§ hnSvajice ncczyyu 465, jd
znayu {^h ausradiert) 452, . . . skrygyu obliööj m6j ZWittb.
cant. Deuter., umygiu rucö raoji ^Klem. 17*, hofem neczugyu
sehe Mast. 4** . . .; zusammengezogen : jiz zabyu Z Wittb. cant.
Deuter., ja zabyu a jd 2iva uczynyu ZElem. 130^, wiliu
modlitvu mü 117*, nepotupi ani zabyu jazyka svöho DalC. 63,
d. i. zabiu, vyliu; die Länge der zweiten Silbe ist als eine
Folge der Zusammenziehung zu gewärtigen und ebenso berech*
tigt, wie in den übrigen Personen, z. B. ty mö zabyess Pror.
88^, nezabyemy tebe 89*, dokad nezabiete Pass. 273 u. ä., wo
sie durch die später eingetretene Verengung (zabi§ setzt langes
zab^el voraus) bestätigt wird.
ni, 1. j: donudz nezemdlegyu ZWittb. 57, urozumyegiu
ZKlem. 55^, lifajS neomdlegiu 17*, . . . aö zlacznieyu !2Wittb.
49, zemdleyu i zahynu ^Rlem. 4*".
III, 2. p; näsil (sie) trpyu ZWittb. cant. Ezech., näsilä
trpiu 2Klem. 124*; — z: neaastyzyu so 2Wittb. 34, jehoi so
feci nezzthyziu AlxBM. 2*, ju2 to wiziu eb., co4 viziu Pil.,
21*
324 Oebftner.
2'newiziu AnÖ., ju2 vyzyu LAL 422, jui wyzyu DalC. 21, ...
neben: wyzuth syna Mast. 4*, jaki c5 wyzu Boh. 353; —
c; chcziu pfivisti Jid. 43, chcziu tomu ApD. 104, Äe jö chczyu
Yzkriesiti Jif. 35, chczyu 86 biti DalC. 18 . . . neben: tu smrf
chczu prijieti DalH. 30, radSji sg chczu smieti 41, nechczu
2iva byti 39^ nechczu tebe za sMcu jmieti Dal Hr. 3, jÄz
nechczu mluviti 3, chczu f toho häjiti Hrad. 104*, chczu tvöj
byti Mast. 1*, chczu Hei 5*; — 5: jAz byezu Mast 1»; — ^:
uslissin jej l^Klem. 74% zzljl^ssiu Pil., jak2 slyssiu AlxBM. 1^
. . . neben: zlyssu AlxH. 1*; 6: mj^lchziu o jin^m Pil., krzyczyu
LAL 424; — f: nevzrzyu ölov^ka 2 Wittb. cant. Ezech., urzsiu
nebesa 2Klem. 4^, kdyS prozrsiu 98*, vzrzyu syna LAl. 422;
— d: boie k tobö bdyu ad te vigilo ^Elem. 45^ (statt bzju,
das assimiliert im Pass. zu finden ist: e2 s6 hfieSna pobzy 451);
— ^': jeho2 8§ boyu Z Wittb. 26, pro6 so wzboyu 49, snad toho
nedozto^u AlxBM. 1*, bofv sözl^ho DalHr. 8, jdf stoyu Pass.
276, jÄ Jena tuto stoyu 458, proto sfe smrti boyu 310, velmi s^
V
boyu 359, . . . nezbogiu sß jeho ZElem. 15^, kdei jAz stogyu
Mast. 4% ted pfSd tobü stogyu Jif. 35.
IV. b: sliubiu s6 bohu ZKlem. 52*, chvdliti budu a vzbel-
biu (sie) 52*; — p: jäz potupyu nepfdtely m6 Z Wittb. 117,
prsiestupiu zed ^Klem. 11*, uchopiu 11*; — v: wypra^yu
2 Wittb. 54, ja zgiewiu s6 ^Klem. 9*^, wslawiu jm^ni tv6mu
V
4% jd ustawiu 71*, postawyu aedificabo ZGloss. 243, tohoX se
nezbawiu ApD. 105, co vem prawiu 105, coX so neoprawiu,
V tom so sv4 östi zbawiu AlxBM. 2*^, jAz tö zbawyu zivota
tv^ho DalC. 40, co2 prawyu Mast. P, . . . neben: jdz tß zbaw
(w = vu) 2ivota tveho DalH. 40; — z: proö smuten chczyu
2 Wittb. 42, ani uskozyu nocebo 88, wzbuzyu cant. Deuter.,
af s§ prochlazyu 38, proc smuten choziu 2Klem. 31^, nepostiziu
86 20^ shlaziu j6 IP, utwrziu 2P, razyu DalC. 10, jdz sß
hozyu Mast. 1* . . . neben; possazu ponam Z Wittb. 131,
posazu ZGloss. 243, af s5 prochlazu eb. Psalm 38, razu Hrad.
126*, jdz chozu Mast. 4*; — c; obeti, jhi wraczyu 2 Wittb. 55,
wraczyu tobS 65, böh jeho obraczyu 88, otplaczyu jim 40, sljuby
mi nawraciu 2 Eiern. 14\ obraciu so 11*, nasiciu so 9^, oplacziu
3^* . . .neben: sluby m6 wraczu ^ Wittb. 115, obraczu 67 (2),
nebo so muczu 08, öso zaplaczu 115, wraczu pomstu mA a
otplaczu cant. Deuter., kyjem v tobö kosti zmlaczu nebo te
Ueber die weichen a-, o- und u-SUben im AUbAhmiechen. 325
pföwraczu Mast. 6^; — 5; jäz przylozyu 2Wittb. 70, uloziu
rady v duSi ÄKlem. 7», poloziu 71», jmö mu zzlosiu Pil., jdzf s€
biisiu Apb. 333, jiz tob6 sluzyu DalC. 30 . . . neben: newi-
stiezu so non emigrabo 2Wittb. 61, dofiud2 nepolozu 109,
obnazu evaginabo ZGloss. 234, j4z tob6 räd sluzu takto ti
posluzu DalH. 30, — i: uslyS modlitvu mü kdy4 prossyu
2Wittb. 63, u boha m^ho wzprossyu 29, milosrdie m^ho
nerozprassyu 88, jAz wzwyssyu mylosirdye tv^ 58, ohiassya
divy tvö 70, prossyu tebe hospodine ^Klem. 143*, powissiu
tebe 19% prossiu ApS. 333, musiu reci ApD. 104, pro üe2to
väs prossyu Pass. 331, prossyu tebe Mast. 4^, 2alovati musyu
LAL 421, juz mussyu visöti DalC. 21; — 6: popy jeho
zoblaczyu spasenim 2Wittb. 131, zprosczyu t6 49 (Infin. zpro-
stiti, also eigentlich zpro^cju, aber sc geht in solchen Fällen
schon im Altböhmischen in S6 über), obkliucziu oltdf tvöj
^Klem. 17*, naucziu vy 23*, jAz tö uleczyu Mast 5*, . • .
neben: zuby zviefßcie upusczu v n& 2lWittb. cant. Deuter.
(Inf. upustiti); -— r: podol6 rozmierziu ZKleip. 90*", wierziu
vidßti 18*, aö sdm sobö wiersiu ApD. 104; — f: jdz chwalyu
pravdu tvü 2Wittb. 70, vzchwalyu jmö tve 144, wzbidlyu v
stanu tväm 60, wzdielyu 59 (Inf. wzdöliti), wzweselyu so i
rozdielyu 107, jiz pomyslyu za hriech möj 37, wzmislyu jako
hoIubicS cant. Ezech., wzwoseliu so k tobö ^Klcm. 4% k tob6
wzmodliu s6 2% pomysliu o mem hrieäS 28*, bidliu incola ego
sam ^Gloss. 241, 2e so tobö nie nemiliu Jid. 163, (jäz) s6
nedyeliu ApS. 330, co jd nynie myslyu Pass. 295, . . . neben:
wzweselu s6 exultabo ^Gloss. 240, v tom chwalu mu26 toho
vSka DalC. 11 (wohl ein Schreibfehler); — ü: rtöm mym
nebranyu ZWittb. 39, zabranyu protegam 90, napilnyu je 80,
ani opirznyu 88, jdz vczinyu ^Elern. 124*, obranyu jej 74*,
otvof usta tvd a naplniu j6 65*; — d: shroraazdyu na nö zld
ZWittb. cant. Deuter., jd rozdrazdiu jö ^Klem. 129*; —
t: mutyu s6 ^Klem. 5P, wiprostiu jej 74*, opustyu 141»
(wobei jedoch bemerkt werden muss, dass in dieser Hand-
schrifi t und c schwer zu unterscheiden sind); — j: na-
pogyu Sipy m^ 2Wittb. cant. Deut., opogiu ströly m& krviu
2;Klem. 130^
V. 1. j: wzpowiedayu 8§ i wzczakayu 2 Wittb. 51, k tobö
wolayu 29, v hospodina vflfayu 10, obliööjö tviho wzhledayu
326 Gebftner.
26, zachowayu se ZKIem. 10^, wzdobiwayu exquiram ^Gloss.
241; prolewayu effundam 244; dawayu Jid. 97, ie k vam
douphayu AlxBM. 1^, na 2ivot ti otpoviedaiu i o dcent nids
netbaiu DalH. 39, toho wzywayu Pass. 314, v tom amysl vas
wystrziehayu eb. 315, af jeho ohledayu 326, hledayu 339, hledayu
diabla358, j& svöj 2ivot dokonayu 363, dawayu jiin Ieii08t416, za-
klinayu väs 418, co2 po^nu to skonayu 452, na va§6 dary netbayu^
ale otplaty od rneho Jezukrista czakayu 455, netoliko neza-
dayu, ale yoz na to nie netbayu, a yuz sv^tskä ehvÄly nehle-
dayu, pf^d niöim2 nebiehayu 467 (im Citat aus den Soliloquia
des hl. Augustinus), bohu y&s poruczyeyu 315, jaki brzo skon-
czyeyu 316, poruczieyu 339, tuto pokussieyu 417 . . . k tobß
wolayyu 2Wittb. 27 . . . wolagyu pr6s den 2Wittb. 21, kdyz
wzwolagiu itKlem. 2*, wzpowiedagiu so tobe 11*", vfagyu u
m6ho boha Jif. 35, na 2ivot otpowyedagyu i o dcefi nie net-
bagyu DalC. 39.
V. 2. £: pfidu i pokazyu b6 2Wittb. 41, jamä pokazyu
jemu 49, pröstati kazyu cant. Deuter., ukaziu jemu zdiavie
2Klem. 37^ 74% ac selziu 71\ pokladyf ukazyu Pass. 429,
jäz t& mazyu a kazyu Mast. 5% to vem kazyu DalC. 7 . . .
neben: aö selzu si mentiar ZGloss. 254; — S: wzdysyu LAl.
421 ; — 6: placziu LAl. 421, toho pyczyu 423; — [: zuby
zvieföcie wessliu vnö 2 Klim. 129^, jdz slyu andda Pass. 277.
V. 4. j: newzlagyu tobö 2Wittb. 49 (2), ani sS posmiegiu
ZKlem. 16% j4z przyegyu DalC. 49, przyegyu smrti pohanöm
27 . . . nadyeyu s5 Pass. 359.
VI. j: j4z zwiestuyu 2Wittb. 74, jd s6 nestrachuyu Pass.
320 (u ist etwas radiert), j&t obietuyu 347 ... ja slubugu
Boh. 346 . . . zwiostugyu ZWittb. 37, tobö obietugyu 115,
wzradugiu sfe ZKlem. 4% podiekugiu hospodinu 8^, dyekugj'u
tob6 Mast. 5*, dyekugyu tvöj milosti DalC. 30.
12. In der Endung der 3. Person plur.
I. 7. j: nepoznayu väickni 2Wittb. 13, af nedieyu v
srdcich sv^ch 34, vzbojie b& i dieyu 41, ti znayü svD., dyeyü
Pil., kam s6 peniezi d^eyü Jid. 138, jiejito (föcö) Mozella
dyeyu Pass. 330, kako tobö dyeyu 383, jiÄto nezzdyeyu AlxB.
90 . . . af nedyegyu 2 Wittb. 113, poznagiu vsickni 2Klem. 8*,
Uebor die wciobeii a-, >>• uud u-äilb«u im Altböhmificbcn. 327
Jobius mi dyegyu Jif. 35, kläSteru Zdbor dyegyu DalC. 24,
ac znagyu Hrad. 143^.
III. 1. j: chrziepj mayu 2 Wittb. 113, pohanstvo za to
gmayu AlxH. 1% ... magu jemu ddci Boh. 354, . . . üsta
magyu 2Wittb. 113, zapolegiu so 2 Klein. 3^, nöktefi cäku
gmagyu DalC. 35.
V. 1. j: lüde wzpowiedayu so tobe 2 Wlttb. 44, jii vffayu
V t6 30, mnozi rziekayu mnö 4, hledayu duSö m6 39, vSickni,
ji^ przisahayu 62, ustrzieleyu a nevzbojie so 63, ti ludie
nevmierayu AlxH. 1*, z jich rodu nemoci gmieuaiu, druzi sS
wzthiekaiu DalH. 30, z chlap6v slechtici biuaiu a ^lechtici
syny chlapy gmieuaiu 41, jemuito rziekayu Troja Pass. 328 . . .
kdyä lamagyu so kosti ZWittb. 41, kdyi dielagyu nespravedl-
nost 53, jii vffagiu a s^ chlubie 48, ji^to vfagiu ^Elem. 3*,
jiito dyelagiu zlost 8*, vrabata (vz)dwihagiu se AnÖ., vole
zpleskagyu Mast. 3*, hnyewagyu se bozi DalC. 19, sevci przic-
bywagyu, lagyu Hrad. 124*.
V. 2. c: jii sobü mecziu a vSady lecziu AlxBM. 2* . . .
kosti so troskoczu Hrad. 143*; — £: selziu tobe nepfietele
tvoji ^Klem. 47^, a' ni slovo bo2ie kazyu Pass. 407, kazyu
DalC. 9; — $: radostiu sS skdly opassyu ZWittb. G4, skaly
opassiu so ^Klem. 47^, f-öky wzplessiu 78*'; — 6: placzyut
mnoho v KimS LAl. 423; — l: klepani mlyni lepe melyu
DalC. 72.
V. 4. j: wzsmiegiu so ZKlem. 38^, jomu2 se bldzni sniye-
gyu DalC. 19 . . . ji2to tobö prsieyu AlxBM. 2*.
VI. j: üsta md zwiestuyu ZWittb. 70, . . . jako zkussygu
striebra eb. 65 . . . jiz obraczygyu eb. 84, ji2 se wzdalygyu
j^ U IM
ot tebe 72, jii so otehylugyu 118, ji2 milugiu jin6 tve ZKlem.
3», ji2to zamucziugiu me 9^, nebesa wyprawugyu 12*, zwiestugyu
Hrad. 62*.
13. Im Partieipium praes. act.
I, 7. j: äöenci Ivovö rziugiucz ZKlem. 83^ . . . v zalosti
sehe neczygucz Pass. 287, wyguezi rukama plakdse Boh. 342,
neznagucze tebe 353.
in, l. j: magyuczy DalC. 92, gmagiucze AlxS. 338 . . .
maguez peöu Boh. 1**.
328 Oebftaer.
III, 2. Viele Participia dieser und der folgenden Classe
haben in der Endung des Stammes statt und neben dem ver-
langten ie (asl. ^) einen weichen ti-Vocal: trpdti Part, trpiec-
(asl. trbp^t-) und trpmc-; choditi Part, chodtec- (asl. chode§t-)
und chodtuc- oder chozti«C'. Die letzteren Formen kommen
auch dialektisch vor, z. B. zdälo se RanoSi na Io2i leiucej,
Sudil, moravskä ndrodni pisnö 186, moja najmilejSi v komftrcc
seduci eb. 206, und sind als Analogiebildungen zu erklären:
unter dem Einflüsse der Formen pekuc-, pijuc-, pi§it£<;- . . .
ist neben trpiec-, chod/ec- auch trptuc-, chodtuc- aufgekommen,
und weil die Participia peküc-, trpiuc- . . . dem Praesens peku,
ti*pju . . . gegenüberstehen und darauf zu beruhen scheinen,
so entstand auch choziuc- durch Veranlassung des Präsens
chozju. Am häufigsten sind mir solche Bildungen im ^Klem.
vorgekommen; die regelmässige Form ist hier ziemlich selten
zu finden, p: trpiuci ZElem. 74^, nepravost trpiucim 81^,
kHvdu trpiucim 120^; — i: voda bieziucie ZKlem. 42*; —
5; ölovek neslisiuci 2Klem. 27*, slissiuci 109*; — n: v zvon-
ciech dobrö wznyucich ^Klem. 123*; — d: nenawidyucie mne
ztratil si ZKlem. 11*, nenawidyucie ieho u böh obricju 71*, z
ruky nenawidiucich 86*, sediucym ve tmich 88*, sediuci v sade
107»; — f: ot sttely letiucie eb. 73*, jako orlice letiuci 128»';
— j- boyuczym 2Wittb. 21, boyuczi hospodina 2Klem. 8*...
bogiuci tebe 101*, bogiucym jeho 16*, bogiucim jeho 82*, bo-
giucym sS jeho 133*, nad bogiucimi 22*, stogiucie biechu
nohy 106*.
IV. t;; wymluwyucze ^Qloss. 240, üsta mluwiucich 2Klem.
46*, diwiucich se 109*, slawiucim 50»; — z: prsichoziucie
2Klem. 15», otchoziuci 61» . . . vsickni chozuczy 2Wittb. 88
(chodiuc- folgt weiter unten); — 8 siehe 5/ — i: blas rozra-
zyuczy püäöi 2Wittb. 28 (Infinitiv rozraziti) kann rozra2iuci
und rozraziuci gelesen werden; — S: obef hlassonossiucm
2Kiim. 17* lässt ebenfalls zwei Lesarten zu, hlasono*iuciu und
-«iuciu, . . . zikon da hrziessuczym 2Wittb. 24; — ^: nade
vä6 ucziucie ^Klem. 102*, potlacziucze mö 42»; — r: wierziucim
eb. 133» . . . wierzuczie 2Wittb. 92; — l: wesseliucich ß6
pfiebytek 2Klem. 69», vsickni bidliuci 22», mnohych bidliucich
20*, s bidliucimy 106*, bidlyuczich 2Wittb. 106 .. . quüuczy
2Wittb. 34; — n: czinyuczi divy ^Klem. 68», czynyuczieho
Ueber dio weichen a-, o- nnd «-Silben im AltbÖhmiechen. 829
nepr&vost 25^, ot czinyucich zlost 43*, otplaty czinyucim pychost
2l\ nad czinyuciiny 23* . . . ot honuczich mne 2Wittb. 141;
— d: 8 chodiuciemy ^Klem. 69% prsichodiucie 73% chodiuci
79% prsichodiucich 127*", sud skodiucie mnö 23% plodmci 47%
bolesti rodyacich 35*; — j: öieäö m& zapoyuczie inebrianB
ZWittb. 22 . . . strast opogiucie 15^.
V. 1. j: hledayuczy duSS me ZWittb. 34, blas zlamayuczi
cedry 28, pisayuczieho 44, bywayucze svD., chzakayucze AlxH.
1% yid6ch dievku biehaiucze DalH. 8, sladkc piesni slychayuci
Pas8. 341, klekayucze Hrad. 88^, . . . u modlitbu ad poruczi-
guce Hrad. 8^, zäponky prodawagucz 101% . . . hledagiuci
ZKlem. 5% ufagiucic 9% wolagyucze Jif. 35, dawagiuce
Hrad. 86*.
V. 2. p: jako krop^ kapiucie 2 Klein. 54* . . . jak2to
krope kapuczie ZWittb. 71; — c; zamyeczucze (Inf. zamietati)
Hrad. 118*; — 5: tebe tiezuczy (Inf. täzati) Hrad. 44% kazucze.
109*; — S: pisare pissiucieho ZKlem. 33% wzdtssiuczi Jid.
158, wzdissiuczl AnS.; — ^: jak2to placziuci ZKlem. 24%
plachziuczi AnÖ., slysal 2enu plachziucze ApD. 105, placzyucz
LAl. 423 . . . 2ena plachzuczi Jid. 105, placzucze Hrad. 39%
videch dievku krev loczuczie Dal Hr. 8.
V. 4. j: layuczy ZWittb. 36, laiucze DalH. 41, neprsie-
yucze AlxBM. 2%
VI. j: raduyuczym ZWittb. 27, patruyucze AlxH. 1*
przizluhuyucze 1^, uzziluyucze ApD. 105, vSöcky miluyuczye
Hrad. 34*, . . . kamli so döl miluguczy Hrad. 37*, . . . ra-
dugyuczich ZWittb. 112, bidligyucze 106, mylugyuczich 118,
mylagyuczym 121, oplaciugiucim ZKlem. 3^, salugiuczi AnS.
14. Im Praesensstamm der VI. Classe. z: neotpusyuy
ZWittb. 118 (Inf. otpuzovati) . . . wzbuzuge eb. 73, rozsuzugie
81, pocbozugyczym 67, proö zapuzugess 87, nepohrzuy prosbü
mü ZKlem. 39% zbuzugye so Modi. 89^, bolest zbuzuges Hrad.
58% Ben jim oßlazugy Pass. 416; — c; neotwraczyuge se Z Wittb.
77, neotwraczyuy 50, proö smuczyuges me 41, roznyecziuge
80 chudy ZKlem. 5^, nezatraciuy mne 18% jiäto zamucziugiu
mh 7^, ji2 zamuciugiu mö 17^, jiÄ otplacziugiu zlym 28*, opla-
ciugiacim 3^, oswieciuge oöi 12*, hospodiu oswiecyuge slepd
120^, pohlciuy 51**, otwraciuges 7*, otwraciuy 51^, obraciuge
3 JO G e b a u e r.
12* . . . proö obliöSj otwraczugcss 2Wittb. 43, neotwraczuy
68, 89; 131; nawraczugesB cant. Deuter., zamuczuges 64, jdz
otplaczugy cant. Deuter., jeii2 wyplaczuge 102, nezatraczug
hymn. Ambr., zamuczuges mg ^Klem. 31^ (3), zamuczugiucich
18*, uezatraczuy 17*, otwraczuy 18*, ty oswieczuges 11*, masem
s6 nasiczugete 144^, nesmuczug s6 Boh. 349, k tobS du§i svü
obraczugy Modi. 8P, sv^tlo, jeni oswyeczuge 86^, kdy2 sä
zamuczugy (1) 99*, zatraczuge 110^, smuczuges Hrad. 58^, ne-
otwraczuy 8Ö 44^; — z: tohoto ponyziuge 2Klem. 57^, sdrziu-
giuci 25^, prsibliziugiu s6 zlostivi 17^, ktefi2 s5 neprsibliziugiu
21^ . . . hospodin ponyzuge hrieSnö 2KIem. 121», swlazuge
hory 83*, prziblyzuyuciemu !& Gloss. 245, protoi^ so kaidy
* wzhrozuge Pass. 322, ukrzyzuyte Hrad. 52^; — S: ty utyssiuges
^Klem. 70^, motovüz, jfm^to s^ opassiugiu 92*, jako pokussiugiu
striebra 48*, zkusiuges ho 141*, £e powissiuges ho 141^,
powisiuges mne 5*, tohoto powissiuge 57^, otnossiuge 34^, prsi-
nassiugete dary 58* . . . otnossugy (i) präva jeho ZWittb. 9,
ty wzwysugess hlavu mü 3, okrasuy ji jak2 chceä Pass. 467,
oben smolü potrussugycz zazeci 363, tuto s5 rozhrziessugy (i)
417, opassugy Modi. 5 — 6: obkluczyumy obliöSj jeho 2Wittb.
94 (Imperat., vgl. nezatraczyu du§§ me ob. 25, nezatraczyu
mne 27, neotwraczyu obliödje tvöho ote mne 101, ni se ukro-
czyu neque compescaris 82) . . . otluczugyczo ^Wittb. symb.
Äthan., obkluczuge 54, wyprosczuge chudeho ÄKlem. 24* (sc
für 8c), nazamlczuy 24^, 29*, 91*, neopusczuy m6 53*, dokavad
neotpusczuges mi 141*, vßci mö v svötlosti so zraczugy Pass.
431, ossoczuge mö Boh. 350; — r: dokuda^ oborzuge sß ZWittb.
61, otworzuge list sv^ch 2Klem. 27^; — l: af se nenawese-
lyugi (i) 2Wittb. 34, nenaweselyute so Imperat. 34, newzda-
lyuy pomoci tve 21, smyliug s6 ^Klem. 107*, proö neotchiliuges
141*, stien schiliuge 92*, schiliugiucieho 79**, obweseliugiucie
12*, plamen spaliugiuci 66*, jii&to so pochwaliugiu 77*^ . . .
kraluy 2Wittb. 44, hospodin kraluge 95, smyluy s6 nad nämi
ÄKlem. 140* (in einem zum Psalter nicht gehörigen Gebete),
jiÄto schilugiu 98^, s nim kralugi na vöky Pass, 333, kraluge
383, smiluy so nade mnü Hrad. 13^, jen2 kraluge 23*, newz-
daluy so 381, jen2 kralugess Modi. 60^, jen2 kraluge 27», jenz
den a noc rozdyelugess 108* (corrigiert aus rozdyelygess),
smyluy se 87^ u. ö.; — n: zabranyugeme ZKlem. 135», nepo-
Ueber die weichen a-, o- and u-Silben im AUbAhminchen. 331
banyuy mne 103^^ hlas poplanyugiuci concutiens 19^^ . . . 2e
jsi nepromyenugyczy Modi. 61% sv. Mari naplnuge sv^t vesele
Sequ. 360; — d: ehromazdyuge 2Klem. 28*", huspodin dowo-
dyuge do pekia a otwodyuge 124^; — t: neopuetyuy mne
iiEiem. 18», neopustiuy mne 98% 116% opustyugiucie lOO,
wiprostiugiu se (1. sing.) 11% pomstiuge 79»; — j: boyugie
iWittb. 55, boyuyyczym cant. Habak., boyuyucim l^Gloss. 241,
boyugete Hrad. 94^ . . . mu2 bogiugiuci 2KIem. 125% wibogiuy
wibogiugiucie 23^.
15. Endlich bringe ich für Wurzel- und andere bisher
nicht besprochene Silben des Wortes folgende Belege:
Bruch, büjuch: brzuch m6j ZWittb. 30, z brzucha matefe
me 21, brzuch Boh. 40 ... z brziucha ^Klem. 14% plod
braiucha 108^, vbrziusse (sie) ApD. 104.
Cudny: czudn^ pasec Hrad. 99*.
Citzi, cjuzi: u boziech czuzich 2Wittb. cant. Deuter.,
ciizi extraneus 2G1oss. 256, czuzeho sbo^ie Pass. 397, lidem
czuzym 315, je&to rädi berete czuzie Hrad. 16% czuze usile
107% . . . synov czyuzych 2Wittb. 143 (2), czyuzi vstali
proti mnä 53, ciuzi uöinen sem 2Klem. 51% synöv ciuzich
118^, cziuzich krajov sv.D., czyuzy knöz DalC. 34, czyuzy
nepfist&pajte 85.
Cuzolotnikj cjuz- : s diuzoloznyki 2Klom. 37*.
Cuzozemec, cjuz-: jinym czuzozeracziom Hrad. 20*, ka-
kyms czuzozemcziem 25* . . . mn6 sü ciuzozemcy podddni
2Klem. 44\
Celusty 6elju8f: czelust Boh. 40, czeliusti Ivove ZElem. 42^.
CüS, öiuS: to chzusto Pil., ten chzuss jen2 Jid. 118,
chzusto AlxBM. 1% zda by toszus uöinil AlxB. 80, jemu bylo
priti (pfijiti), chzus kozlu eb. 87, chtö szuss so pobiti AlxH.
2^^ to czus Hrad. 35* . . . sve zräde povolil, tej chziuss zradö,
juito skutil ApÖ. 331, ot poroda nevelmi ddvn^ho, ot tri let
czius tficdteho Hrad. 58*", bohdaj bychom t6i ddli, chvÄlili
czius hospodina 66*. Dieses Adverbium ist wahrscheinlich aus
cujeij Infin. dilti entstanden.
düti, Siuti: na tobe to chzugem AlxBM. 2% hofem neczu-
gyu sehe Mast. 4^, neczugiesse Hrad. 30% tak czug sentiat
332 Oobaver.
2t Wittb. Bjmb. Äthan. . . . chziuyu to po tvöm vzdj-
chani, 2e s^ tobe nie nemilju Jid. 162, had sh plodem sboüen
chziuge AnS.
Donttdi, donjudi: donudz nevendu ^ Wittb. 72, donudz
neurodila eb. cant. Annae . . . donyudz DalC. 32.
J&uty ßSjuf: v§6cka giessut Ä Wittb. 38, v giessuty svej
51, milujete giessuti 4, gessuti mluvili sixt 11, nenävidöli
chovajiicich giessuty 30 . . . aby nejmenoval jmene jeho v
giessiut Hrad. 118^.
JSSutenstvie, -Sju-: giessiutenstwie 2 Wittb, 118.
JSSutnosf, 'Sju-: giessutnosti Hrad. 49^ . . . milujete giessiu-
tnost iKlem. 2».
JeSutny, -Sju-: gesutna pomoc Ä Wittb. 59, v süatku ge-
sutnem 25, pro gessutnu chvälu Pass. 384 . . . giessiatne jest
zdravie ölovßöio ^Elem. 91», ot giessiutne chväly 188**,
giessiutnye boha vz^vä Hrad. 95^.
Jeiws, -^iuS: v iezussi mcm 2 Wittb. cant. Habak., giezus
Hrad. 42^, giezusye s^ domniä eb., . . . u boze iezyussiu mem
2Klem. 127^, giczius Hrad. 42^, gieziusio s' iidala 43\
Juda: yuda kräl moj 2 Wittb. 59, pokolenie iudowo 77.
Juddi : ^udas Jid. 44, losem yudy miesto vzaty ApS.
331, iudas Hrad. 74^ . . . giudas Hrad. 75*.
Junoch: yunochu DalC. 72.
JunoSe: dv6 ste yunoss AlxH. P, pf6de vS^mi yuno-
ssiemi eb.
JunoSice: Benjamin yunossyczie 2 Wittb. 67.
JunoSstvo: v yunosszztwie AnS.
JuH: svat^ Jurzi Jif. 34, skrzö sv. Jurzie diela 35, okolo
SV. yurzye DalC. 45 ... k svatömu gyurzyu DalC. 32, u sv.
gyurzy 45.
Juika: Jutka DalH. 42 . . . knSz Gyutku z klä&tera vy-
vede DalC. 42.
Jutrni: vyStie yutrznye 2 Wittb. 64, ot 8tr426 yutrznye
129 .. . giutrsnie ÄKlem. 19».
Jutro: z yutra 2 Wittb. 48, k yutru 29, jak iutrzie bude
räno AlxH. P . . . ot gyutra DalC. 20, za gyutra 92.
üeber die woichan a-, o- and u-Silben im AltbAhmiachen. öOO
Ju£e, ju&: jaki jest iuse vfiady zv^sto Pil., gdyXto iuse
7 ten d61 stiipi ApS. 331, iuz sem byl 2iv dosti DalH. 30,
yuz vBtanu ÄWittb. 11, yuz patnäcte let Pass. 319, j^us Mast.
2», yuz vizju LAl. 422, yuzt Hrad. 53^ guz 2^, guz sd mosim
vdzici Boh- 354 . . . gyuzt Mast. 5% gyuz Hrad. 53% gyuz
vizju DalC. 21.
KIM, kliu6: klucz Boh. 49.
Eubiti, Uubiti, Mh chluby nelyuby DalC. 18, mSstifite b6
mu lyubyesse 46.
Euboaf^ Ijubosf: w lubost 2Wittb. 72 . . . dobri liubost
bude jemu 2tKlem. 121% nedä liubosti 35^.
Eubuii, Ljubuii: Lubussie je se süditi Dal Hr. 3.
Luhy, Ijuhy: co lubeho AlxB. 85, tato v6c budf vim luba
90 . . . liubo jest hospodinu ÄKlem. 121% novina Hubssi jest
Jid. 70, co2 krdlovi lyubo DalC. 83.
Ltidj Ijud: nad ludem sv^ ÄWittb. 3 (nie jotiert in
l^Wittb.), lud populus Boh. 47, aby lüde slyäeli 340, svoj lud
AlxBM. 2% z chud^ch ludy 1^, luda seho AlxH. 1% s mälem
luda AlxB. 86^ ludu svemu DalH. 41, j6 s6 na ludhi volati
30, t§mi ludmi AlxBM. 2* . . . sbor liuda ZElem. 4* (nie
unjotiert in ÄKlem.), liud AlxÖ. 337, liudye 339, svj^m
liudem toho poprieti 340, liud s6 svinu ApS. 331, mnoho
liudy 332, liudem hrozen ApD. 105, mnoho lyuda LAl. 422,
k lyudem 424, vesken lyud Pass. 391, k svym liude®m Pil.,
«vfm liude®m Jid. 18, vSdie liudyß 28, po liudeeh svD.,
kakj^ lyud DalC. 18, j6 so lyudy dob^vati 22, lyudy vSecky
19, lyudmy 18.
Budmila, Ljudmila: svatä Lyudmylo ZKlem. 138% sv.
lyudmylla DalC. 26.
Ludskyy Ijudsky: sbor ludsky ÄWittb. 7, synove ludsczy
4, ludska ruka 2G1oss. 248, ludzky dävcö AlxH. 2* . . . syny
liudßke ZKlem. 7% liudzke viny ApS. 332, liudzke rßöi AnS.
LMicSj Im-: Vlasta lyutycze DalC. 15.
Lütost, liu-: nad lutost 2Wittb. 51, lutosty tv6 24.
LiUostiv, liu-: ty lutosty w byls ÄWittb. 98.
E'&tosiny, liu-: lutostne milosrdie ZWittb. 68.
334 Gebaner.
Lutovati, Iju-: i' neliutowal ApD. 104.
Lüiij, Hu-: luthi Boleslav DalH. 31, luthi 32, z lutheho
32 . . . y duchu liutem ^Klem. 35% liuteho pohanstva Äp^.
332, Hute zvin ApD. 104, Boleslav lyuty CalC. 32.
Maluöky, -Iju-; zviefata maliuczka 2Elim. 83**.
Neklvd, 'kljtid: mnoho necluda AlxB. 86.
Obklüöitij -liti-: sbor obkluczy tö ^Wittb. 7, oklaczili sü
ni6 2 Klein. 14^ . . . nepfietelö okliuczili sii ^Klem. 9% sbor
okliuczi t6 4% obkliuczili sii 9^.
Obklu6ovatif -Iju-: noe obkluczuge ju ÄWittb. 54.
Oblubiti, 'liu-: obliubis oböti ÄKlem. 38^
Oblubovatif -Iju-y jako bratr oblyubowach ÄWittb. 34.
OklüHti s. obkl'6J6Ui,
Plüti, pliu-: plyugyucz tvd? na jeho L AI. 423.
PohM£en, -Hu- in : pohrziussen sem u bahnS 2 Klem. 50^
statt pohvu^en, Infin. pohruziti asi. pogr^ziti. Die Form ist
unregelmässig und durch Einfluss des Intransitivum u-hfiezti,
u-hfaz-nüti asl. gr^zn^ti entstanden; neuböhm. poh^en neben
pohrouien.
Pokluditi, 'Iju-: zle s6 pokludi AlxH. 2^.
Polubitij 'liu-: polyubywsi jej LAl. 423.
Prelüty, -liu-: prsielute zvefi AlxB. 85, prsieliutym po-
hanem Ap S. 330.
Proaititiy -du-: proczutyw Pass. 382, kn62na proczutywssy
336 (2), ta pani je sna proczutywssy 340, ti sv6ti ze sna pro-
czutywsse 366.
nehAcha, -fju-i siem6 vlaskö rzierziuchy cardamomum
Rostl. 392.
Rozlutj,ti, 'liu-: ot rozliucenye 2 Klem. 3^, v rozliucenyu
tv^m 3».
6üje, Huj?.: mohlo to b^ti v rsiugiu Pil.
UM, Hxtr: jeXto (zv6f) rsula AlxB. 85, rzugiech ot sto-
ndnie srdcö m^ho ZWittb. 37 . . . Sßenci Ivovi rziugiucz
2 Klem. 83% Vlasta wzrzyu äalostiu jako nedv6dic6, d. i. vzrju,
aor. DalC. 15.
SktudiH, sklju-: chtö sß zkludyty AlxH. 2^.
ü(«ber die weichen a-, o- and u-Silben im Altböhmischen. 33«)
Slub, sljub: sluby m6 2Wittb. GO, sluby mc vricu 115,
V slubu m^m 55 . . . sliubi me navricju ^Klem. 14^, slyuby
yelik^ 6iniechu Dal C. 43.
Slvhiii, sliu-: pak sobß vieru slubichu Dal Hr. 9, ie s6
oev^stkäm slubyty 2ädd§ Mast. 6% sluby se jemu DalC. 31 . . .
ze sg sliubie 3. pl. ^ Eiern. 12^ dievku zzliubil Pil., oba sob6
se zzliubista, d. i. sliubi§ta Jid. 54, ta dva slyabysta to
uäniti DalC. 25, co ta dva jioj slyubyla 2G, knßz slyuby
aöiniti 18.
Slubovati, alju-i jA slubugu Boh. 346 (2) . . . sliubowach
se ÄKlem. 24\
Slutovatij slju-: ty sß sliutuges ÄKlem. 47*.
Suminiej Sju-: ssyumenye rßky ZRlem. 34*.
Tisüc, -amc: tysuczow lidi ÄWittb. 3, tissuci milliaÄQloss.
250, nad tisucie eb., po tissuczy Hrad. 8», 19**, dvadcßci
czizuczow AlxH. 1% P, czizucz 2^ (2) . . . desßt tyssiuczow
:?;Klem. 41)^
Tocii8 8. cii^.
UlMi, 'tiu-: by uczyuli a urozumöli ZElcm. 129^.
Vnutif', -nju-: öso wnutrz mne jest 2 Wittb. 102, vnö a
wnutrz cant. Deuter., wewnutrz jeho 108 . . . ze vna a wnyutrz
ÄKlera. 129^
Vnuz, vnjui oder vniid: wnus by s6 trasl svöt AlxH. 1*,
wnus ten jen2 P, 2**, wnus by byl z 2eleza skovän AlxB. 82,
wnus les neb häj poruben^ 83 . . . wnyus ten Jid. 83, wnyus
po plene PiL, wnjus AnÖ. (diese Form spricht für langes
miui), wnyuz ptAk Hrad. IP, wnyuz ziifav^i 30*, Polenö wnyuz
na zemi uderichu DalC. 71.
Vhidy, 'Sju-: wssudy bojovö, wssudy neprietele Modi. 13^,
86 vSßch stran a wssudy 106*.
ZajutHe: na zayutrzie Hrad. 83*.
Zdruj, -rjuj: zarzwy September Boh. 27.
Wessen uns diese Beispiele auf den ersten Anblick be-
lehren, ist die Thatsache, dass der Vocal der weichen «-Silben
ungleich geschrieben erscheint, bald u^ bald tu oder yu, selbst
in solchen Handschriften, die sonst (bei e, a, o) die gehörige
336 Oebaaer.
Regel entweder genau oder wenigstens in dem Sinne befolgen,
dass sie die Jotation nicht als bloss graphisches Erweichungs-
zeichen anwenden; morphologisch identische Formen werden
in verschiedenen Handschriften; ja manchmal in derselben
Handschrift verschieden geschrieben, z. B. der Acc. sing. asl.
duS^: dusu DalH. 30 und dussyu DalC. eb., dussyu 2Wittb.
48 und dussu eb. 88.
Auf die Frage, wie diese Ungleichheit zu erklaren ist,
kann auf zweifache Weise geantwortet werden : die Jotation,
d. h. das in -m, -yu geschriebene t, y hat entweder phone-
tische Geltung und geschriebenes -iu, -yu wurde -ju (in kurzen)
oder 'tu (diphthongisch, in langen Silben) ausgesprochen, oder
die Jotation hat keine phonetische, sondern bloss graphische
Geltung, sie gehört zu dem vorhergehenden palatalen Conso-
nanten und deutet dessen weiche Aussprache dem Auge an.
Nach der ersten Erklärung wäre geschriebenes dussu = dniu,
geschriebenes dussyu = duSju auszusprechen und der Unter-
schied wäre lautlich; nach der anderen sollte dussyu ebenso
wie dussu = dxxSu ausgesprochen werden und der Unterschied
wäre bloss in der Schrift, indem der Laut S das erste Mal
durch SS, das andere Mal durch ssy dargestellt wäre. Zwischen
diesen beiden extremen Erklärungsweisen liegen alle übrigen,
namentlich auch die, wornach die Jotation einen höheren Grad
des Palatalismus anzudeuten hätte und dussu ^^r dnSn mit einem
härteren, dagegen dussyu = du^'u mit einem weicheren S aus-
zusprechen wäre.
Zur Würdigung und Prüfung dieser Erklärungsweisen ist
es nothwendig, diejenigen Momente in Betracht zu nehmen,
welche für die eine oder andere Erklärung angeführt werden
oder angeführt werden können, und ihr Zeugniss abzuwägen.
a) Der Name des Apostels Judas wird Hrad. 74^ ttidas
und auf der folgenden Seite (Ttudas geschrieben. Sollte im
zweiten Falle -iu == -ju sein, so wäre es schwer begreiflich,
wie die ganze erste Silbe giu- zu lauten hätte, denn der erste
Buchstabe g- bezeichnet auch einen y-Laut. Plausibler er-
scheint die Erklärung, die ganze erste Silbe sei in beiden
Fällen ju- zu lesen und der Schreiber habe im zweiten Falle
die Jotation als graphisches Mittel angewendet, damit der
Leser unjotiertes gu- nicht nach lateinischer Art ausspreche
üeb«r die weichen a-, »• nnd u-Silben im Altböhmischen. 337
(au(^tt8tu8)^ dafür könnte auch der Umstand sprechen^ dass die
Jotation in der /te-Silbe nur in dem Falle zu finden ist, wenn
zur Bezeichnung ihres Consonanten der Buchstabe g verwendet
ist, also nur in giu-, gyu- (mir ist eine einzige Ausnahme be-
kannt, vielleicht ein Schreibfeliler, wolayyu ÄWittb. 37). Es
könnte noch eine andere Erklärung gegeben werden, die unten
(unter X) zur Sprache konmien wird und wornach -iu in giuisA
einen dem späteren -i in 3iAi& sich nähernden Laut bezeich-
nen würde. Mag nun die eine oder die andere Erklärung
richtig sein, so viel scheint mir gewiss, dass die Jotation in
Gtadas (neben iudas) und ebenso in gyutka Dal C. 42 (neben
iutka DalH. eb.}, g^urzy DalC. 45 (neben yurzye eb.), gyuz
Hrad. 53^ (neben yuz eb. und guz 2^), wolagyu ÄWittb. 21
(neben wzwolayu 29, 1. sing.) und überhaupt in kurzen j'u-
Silben einen besonderen Laut j nicht bezeichnet.
ß) Dieses in Betreff des geschriebenen giu, gyu gemachte
Zugeständniss dehnt man auf alle weichen u-Silben aus und
will die bloss graphische Geltung ihrer Jotation dadurch be-
weisen oder wenigstens wahrscheinlich machen, dass man auf
die Armuth des den altböhmischen Schreibern zur Verfügung
stehenden lateinischen Alphabets hinweist, dessen Buchstaben
zur Bezeichnung der böhmischen Laute nicht ausreichten; in
dieser Noth griffen die Schreiber zu verschiedenen Mitteln,
namentlich auch zu dem, dass sie zur Bezeichnung gewisser
Laute Verbindungen von Buchstaben anwendeten, z. B. die
Buchstabenverbindung rz für den Consonanten f, chz für
6 u.dgl.; zu solchen Complexionen sei auch der Buchstabe i
und y verwendet worden, z. B. in zy für if, so dass przylozyu
^Wittb. 70 = pfiloiu, und nicht = pSlo;^u, u. s. w. Dieser
ganze Analogieschluss wird aber als unrichtig erkannt, wenn
man bedenkt: 1. dass jotierte t^-Silben auch in cyrillischen
und glagolitischen Handschriften vorkommen, wo die Schreiber
nicht in der Nothlage waren, sich durch Buchstabenverbindun-
gen aushelfen zu müssen; 2. dass in altböhmischen Hand-
schriften die Jotation auch bei solchen Consonanten vorkömmt,
welche eine ihnen eigene graphische Bezeichnung bereits
hatten und für die es also nicht nothwendig war, neue Com-
plexionen zu bilden, z. B. bei ^ im Acc. zorzyu ÄWittb. 73
asl. zorj%, bei 6 in chziuyu Jid. 162 asl. öuj^ und 6juj^; und
SitsoBgiber. d. pUl.-hiit. Gl. XCm. B4. U. HA. 22
338 Oobaaer.
3. dass die erwähnte Buchstabennoth nicht nur vor dem Vocal
u, sondern in demselben Grade auch vor e, a, o hat fühlbar
sein müsseni und dass also die zu Hilfe genommenen Com-
plexionen in der Schrift auch vor e {= asl. e oder h^ oder
euphonischer Ein8chub)| a und o zu finden sein sollten ; dies
ist aber in Handschrifteni aus denen unsere Belege für die
u-Silben genommen sind, nicht der Fall.
7) Im Gegentheil befleissen sich die Schreiber der von
mir benutzten Handschriften einer offenbaren Genauigkeit in
dem SinnO; dass sie die Vocale e, a, 0 nicht praejotieren^
wenn die Jotation nicht lautlich berechtigt ist, und dieser Um-
stand macht es zum Mindesten sehr wahrscheinlich, dass sie
auch bei u die Praejotation nur dann anwendeten, wenn in
der Aussprache ein Grund dazu vorlag. Wenn man bedenkt,
dass z. B. im 2Wittb. die Jotation vor e, a (fUr o gibt es
kein Beispiel) regelmässig nur in solchen Fällen sich geschrieben
findet, wo sie auch in der Aussprache vorhanden war, so wird
man kaum die Meinung fär richtig halten, dass in derselben
Handschrift die Jotation vor u ein blosses Erweichungszeichen
ohne lautlichen Werth sei; es ist nicht denkbar, dass der
Schreiber, welcher regelmässig uczynan d. i. uöi^en 17, scze-
nata d. i. ^öe^Eata 103, uhlö ohnowo d. i. oh^vo 17 u. s. w.
schreibt und nicht das Bedürfniss empfindet, den Palatalis-
mus des Consonanten fi durch angehängte Jotation anzudeuten
und uczynyen oder uczynien u. s. w. zu schreiben, dass der
Schreiber, der den Grundsatz hat, die Jotation bei e, a, 0 nie
als blosses Erweichungszeichen anzuwenden, bei u sich das
Gegentheil zum Grundsatze gemacht, die Jotation als blosses
Erweichungszeichen gebraucht und AMssyu statt des gehörten
ixxiu u. s. w. geschrieben hätte.
l) Es könnte die Möglichkeit, dulu und Am^ju u. b. w.
in der Aussprache deutlich zu unterscheiden, bezweifelt oder
in Abrede gestellt und hieraus ein Grund gegen die phone-
tische und ftir die bloss graphische Geltung der Jotation ge-
schöpft werden. Dies wäre aber unrichtig. Die altböhmische
Aussprache unterschied ganz deutlich ^e und H (rze)s\ Pass.
280 und r^ißka 312), !te und Ü (kaze praedicat 292 und kan«
praedicans 411), ie und iS (pi««e scribit 275 und ^issye scri*
bens 486), ^<s und ^S (placze plorat 374 und plac^ie plorans
Üflber die weichen a-, o- and «»Silben im AUMhmiechen. 339
309); üe und ni (pro nezto zahanbenie propter quod 429 and
pro »yezto sc. hfiechy propter quos Modi. 93*), de und di
(shromazdönye Modi. 42* und zh\edye\ 54*), fe und tS (czten
DalC. 76 und ztrsitye 4); war aber diese feine UnterBcbeidung
in der altböbmischen Aussprache möglich, so war eine deut-
liche Unterscheidung zwischen fa und fju, iu und iju u. s. w.
nicht unmöglich.
e) Weiche u-Silben mit inlautender Praejotation sind nicht
nur in altböhmischen, sondern auch in altrussischen und alt-
slovenischen Handschriften zu finden; s. Miklosich, Vergl.
Gramm. I. 108, III^ 19, Altslovenische lautlehre» 283, 291 u. a.;
Leskien, Beiträge 6. 161—164. Sie sollten, nach der Schrift
zu urtheilen, auch im Russischen und Kleinrussischen vor-
kommen, nach Potebnja, ZamStki o malorusskom^b nar&öii 9
und Archiv fiii' slav. Philologie 3. 366, ist aber eine solche
Deatong der geschriebenen Form unrichtig und es soll die
Jotation ,nicht einen selbstständigen Laut, sondern die pfdatale
Natur des vorhergehenden Consonanten^ bezeichnen. Die Rich-
tigkeit dieser Beobachtung wird hier nicht in Zweifel gezogen,
insofern sie sich auf russische Dialekte bezieht; auf das
Ältböhmische aber kann ihre Deutung nach meinem Dafür-
halten nicht angewendet werden, der oben unter y angeführte
Grund macht sie unzulässig: wenn musterhafte Schreiber die
Jotation bei e, a, o nicht als blosses Erweichungszeichen an-
wenden, selbst nicht in Fällen, wie shromaze^enye d. i. shro-
md^^isnie Modi. 42*, dyefatko d. i. d^^tko Pass. 278, uhlä
ohnowo d. i. ohüovo ÄWittb. 17 u. ä., wo die Nothwendig-
keity die palatale Natur des Consonanten anzudeuten, offenbar
vorliegt, so ist es nicht glaublich, dass sie diesem Grundsatze
zuwider die Jotation bei u nur als ein blosses Erweichungs-
zeichen anwenden sollten, öfters ganz überflüssig, wie z. B. in
Fällen wie prossyu Pass. 331 asl. pro§^, zorzyu Acc. 2Wittb.
73 asl. zoij^, wo die Complexionen ss, rz zur Darstellung der
palatalen Consonanten §, ^ hätten hinreichen sollen. Mir
scheint dagegen für die Werthschätzung der hier betrachteten
Praejotation der n- Silben der Umstand besonders wichtig zu
sein, dass altböhmische, altrussische und altslovenische Schreiber
in diesem Punkte übereinstimmen, trotz der Verschiedenheit
des Ortes, der Sprache und des Alphabets. Zugegeben, da8&
22*
340 Gebanef.
sie durch die z. B. in der Silbe ^ju- geschriebene Jotation nur
die palatale Natur des Consonanten ij und zwar im Gegensätze
zu ^u- gleichsam einen höheren Grad von Palatalismus hätten
andeuten wollen, so muss gefragt werden, wie es denn ge-
kommen ist, dass sie zum Zweck einer solchen Andeutung
alle zu demselben Mittel der Praejotation gegriffen haben?
An eine Verabredung ist nicht zu denken. £ine Beeinflussung
und Nachahmung konnte nur stellenweise stattgefunden haben;
sicherlich hat z. B. der altböhmische Schreiber, welcher zuerst
den Dat. sing, otc^u schrieb, vom altslovenischen otBc/u nichts
gewusst. Auch war es nicht so nahe gelegen und selbstver-
ständlich, zur Bezeichnung des Palatalismus eben die Jotation
zu verwenden, wenigstens für altböhmische Schreiber nicht;
die Entwickelungsgeschichte der böhmischen Orthographie
bietet einen für mich unwiderlegbaren Beweis, dass unter den
alten Mitteln zur Bezeichnung der palatalen Natur eines Con-
sonanten die Jotation sich nicht befand, dass diese erst mit
der Zeit (seit der zweiten Hälfte des XIV. Jahrh.) zu einem
solchen wurde, und zwar nicht durch Speculation der Schreiber^
sondern durch den oben angedeuteten Sprachverfall: geschriebenes
nyemj asl. n^uvb mutus wurde noch im XIV. Jahrh. Mmj
ausgesprochen, die Aussprache änderte sich aber in nemf um,
das geschriebene ny- wurde als eine Complexion für ü und
die Jotierung als ein Mittel zur Andeutung der palatalen Aus-
sprache aufgefasst. Kann aber die in Rede stehende lieber-
einstimmung der altböhmischen, altrussischen und altslove-
nischen Schreiber weder durch Verabredung, noch durch Beein-
flussung und Nachahmung, noch auch dadurch erklärt werden^
dass unter den graphischen Mitteln, die palatale Natur eines
Consonanten anzudeuten, die Jotierung am nächsten liegen und
sich gleichsam von selbst verstehen sollte, so weiss ich keine
andere Erklärung als die, dass die betreffenden Schreiber in
der wirklichen Aussprache ihrer Landsleute und Zeit-
genossen Anlass gefunden haben, weiche t«-Silben zu prae-
jotieren, dass fiir sie eine in den weichen ti-Silben inlautende
Praejotation hörbar war. Ist dies richtig, so hat diese Jota-
tion auch in den hier berücksichtigten altböhmischen Hand-
schriften selbstständigen lautlichen Werth und nicht eine bloss
orthographische Bestimmung.
üeber die weiehen a», o- and U'Silben im AltbAhmischeii. 341
l) Unter den jotierten weichen ti-Silben der altböhmischen
Handschriften gibt es auch viele solche, die durch Zusammen-
Ziehung entstanden sind und deren Jotation aus der uncon-
trahierten Form herstammt, folglich etymologisch und lautlich
berechtigt ist. Z. B. im Dat sing, k svat^mu Gyurisj^ti DalC.
32 ist die Endung aus älterem -iju entstanden, Jufiju nach
asL Jariju; aus -Kju hat durch Zusammenziehung sowohl -ft^
als auch -iriu (oder -fjü) entstehen können; findet sich aber
-rzyu geschrieben, so wird wohl Niemand behaupten, es sei
■H zu lesen, vielmehr wird man die Jotation in -rzyu als
sicheres Zeugniss für die Aussprache -^iu (oder i^jü) gelten
lassen. Dasselbe gilt vom Dat. Loc. sing, zzboslu Jid. 156,
d. i. shoHu aal. -iju, Äcc. sing, tu panju Hrad. 103^, d. i.
pantu asl. -ij^, Instr. sing, piesnju 2Wittb. 68, d. i. piesmu
asl. -ij^, Gen. Loc. du. ussyu nejmSjieSe Dal. C. 20, d. i. uHu
asl. -iju, Äcc. sing. mSjieSe öesf welyu DalC. 72, d. i. veliu
asl. 'ij%, jiz zabyu 2Wittb. cant. Deuter., d. i. zabtu statt
zabiju u. s. w. Nun machen aber selbst die genauesten
Schreiber keinen Unterschied zwischen diesen Silben mit einem
etymologisch berechtigten /-Laut einerseits und anderen weichen
u-Silben andererseits, sie schreiben z. B. ciesarzyu DalC. 58
ebenso wie Gyurzyt^ 32, was sie wohl nicht gethan hätten,
wenn sie in der Aussprache einen so durchschlagenden Unter-
schied bemerkt hätten, wie er zwischen -fu und -Hu u. s. w.
offenbar besteht. Die gleiche Schreibung wird erklärlich,
wenn wir annehmen, dass auch in ciesar^yu . . . praejotiertes
u gesprochen wurde.
Y)) Hier liegt die Einwendung nahe, dass die etymolo-
gische Berechtigung und folglich auch die phonetische Geltung
des i in Fällen wie Dat. Jui^m, Dat. Loc. shoiiu, Instr. piesntu
u. 8. w. zweifelhaft ist, indem sich auch unjotierte Beispiele
vorfinden, wie na ztracenhu DalH. 39, d. i. na ztrsLceüü statt
nivj k skonczienhu 42, d. i. k skonö^u statt -niv, na skoncienu
2;G1o8s. 255, k radowanu 2 Wittb. 105, vSii moczu AlxH. 1\ d. i.
mocü statt moct«, k odpustzenu im Fragmentum concionatorium
(aus der zweiten Hälfte des XV. Jahrb., Archiv für slav. Philol.
1.618), d. i. k odpSöentu st. -nit*, radostzu (eb. 619), d. i. s radosct^
st. -du u. ä. Diese Beispiele sind freilich kein Zeugniss für das
lautliche Vorhandensein eines % und folglich auch nicht fUr den
342 Oe bauen
etymologischen Ursprung dieses Lautes, aber sie sind auch kein
hinreichendes Zeugniss dagegen. Sie kommen verhältniss-
mässig sehr selten vor und die Mehrzahl von ihnen ist theils
durch die abweichende Aussprache zu rechtfertigen , theils
durch unvollkommene Orthographie zu erklären. Von den
Abweichungen der Aussprache wird weiter unten die Rede
sein. Was aber die Orthographie betrifft, so darf man nicht
übersehen, dass ihre Mittel bis gegen äas Ende des XIII. Jahrh.
sehr ungenügend waren, dass sie sich erst mit der Zeit ent-
wickelten und vervollkommneten, und dass in Folge dessen
auch die Jotierung, selbst wo sie etymologisch berechtigt ist,
in der Schrift erst dann gehörig durchgeführt werden konnte^
als die orthographische Kunst schon genügend entwickelt war.
Es gilt hier dasselbe, was von den weichen <3-Silben; z. B. in
hrziessyl Pass. 397, d. i. hf^Sil asl. greSil^b, hat sich das e
sicherlich nicht erst um das Jahr 1300 entwickelt, es war
hier sicher lange vorher und gewiss schon im XIII. Jahrh.^
und doch liest man in einem Liede aus dem Ende dieses Jahr-
hunderts blosses e: Evino zressenie statt zhfeäenie (Gas. Cesk.
Mus. 1878, 293).
6) Es liegt ferner auch die Einwendung nahe, dass in
der Mehrzahl der Fälle die Jotation ohne etymologische Be-
rechtigung ist. In Fällen wie Dat. sing, ehoiiu aus sboziju,
zabtu aus zabi/u u. dgl. ist die Jotation aus der uncontrahier-
ten Form herübergekommen und demnach berechtigt; dies ist
aber nicht der Fall im Acc. mezu, 1. sing, pro^ u, s. w.;
zwar ist auch hier einst ein etymologisches j gewesen, indem
diese Formen aus *med/u, *pro*/u ... zu erklären sind, das j
ist aber in den erfolgten Lautveränderungen dj-z, */-i . . .
aufgegangen und bietet keine Berechtigung zur Jotation im
altböhm. mezju, proSju . . . Die Einwendung fragt also nach
dem Ursprünge des j in mQzju, froSju . . .; sie bestreitet,
dass er etymologisch wäre, und erklärt darauf hin diese Jota-
tion für ein bloss graphisches Zeichen ohne selbstständigen
lautlichen Werth. Dieser Schluss ist aber unrichtig. Selbst
wenn man zugibt, dass die hier besprochene Jotation un-
organisch ist, so ist deswegen ihr lautliches Dasein doch nicht
in Abrede zu stellen, denn sie hat, was wahrscheinlich ist
(Schmidt, Beiträge 6. 131 flF., Miklosich, Altsloven. lautlehre »
TJeber die weichen a-, o> und «-Silben im AUbShmiflcken. 343
292); als Parasit aufkommen und sich festsetzen können. In
manchen Fällen hat falsche Analogie mitgeholfen. So konnte
z. B. tfa^tuci, öini zemju trzassiuciu 2Klem. 84^ (falls es nicht
ein Schreibfehler ist), als Nachahmung des Participium no^iuci
oder no^'tici, oböf hlassonossiuciu eb. l?'^; entstanden sein; so hat
man für asl. pogr%2en:b nböhm. pohroi«2en, daneben aber auch
poh^ien und aböhm. poh^*ti2en; pohi*ziu8sen sem u bahn§
2Klem. 50^; letzteres gebildet unter dem unberechtigten Ein-
flösse des intransitiven poh^/ezen asl. pogr^zen^b Infin. po-
gr^n^ti demergi; ufid so könnte auch ti^ic aböhm. tisiuc neben
üsüc asl. tys^ta erklärt werden, wenn sich die vermittelnde,
dem asl. tys^Sta und russ. tysjaöa entsprechende altböhm.
Form *ti«i6C nachweisen liesse. Für parasitischen Ursprung
des j-Lautes in den hier gemeinten Silben kann auch der
Umstand angeführt werden, dass in den Handschriften jotierte
and anjotierte weiche u-Silben neben einander vorkommen,
z. B. Accus, sing, dussyu 2iWittb. 34 und dussu eb. 88,
pasczyu 94 und pusczu 138, tuto stolyczyu Mast. 1^ und hny-
lyczu 6^, smuczyugess m6 41 und zamnczuges 64, smyliuy 86
2Klem. 107* und smyluy sS 140* u. s. w. Diese Ungleichheiten
können zum Theil von inconsequenten Schreibern verschuldet
sein, die gehörtes du^'u einmal richtig dussyu, ein anderes
Mal aber unrichtig dussu geschrieben haben; in der Mehrzahl
der Fälle darf aber angenommen werden, dass den Ungleich-
heiten der Schrift Schwankungen der Sprache zu Grunde
liegen, und diese letzteren wird man selbstverständlich finden,
wenn man annimmt, dass die Jotation parasitisch ist; der
Parasit tritt Anfangs nur in einzelnen Fällen auf, verbreitet
sich dann mit der Zeit und allmählich, und diese Phase seiner
allmählichen Verbreitung ist für die Sprache eine Phase von
Schwankungen.
t) Der Vocal der weichen u-Silben geht im Böhmischen
durch Assimilation in i, i über; z. B. Acc. sing. duSi für
älteres du^ii und du^u, Instr, du§{ für älteres dnUu und du§i2.
Ein ähnlicher Lautwandel ist auch im Altslovenischen und
Bulgarischen zu finden, indem inlautendes ju in i übergeht,
z. B. asl. pl;t<n^ti — phn%ti spuere, kl/uvati — kUVati rostro
tundere, -Ijuho libo -Übet, *r/M- — n'kati rugire, *gju
2ij^tiim:B mandentibus, bulg. kl/uö — kliö clavis, \juhh —
344 Gebaner.
k'bB amo, pl/H)^ ^ pl\j^ spuo; s. Miklosich; Gramm. I 25 und
266, Asl. lautl. 3 167. Der Unterschied zwischen der Assi-
milation im Böhmischen und der ähnlichen Lautverwandlung
im Altslovenischen und Bulgarischen ist nur quantitativ, was
dort als Regel gilt, ist hier auf wenige Fälle beschränkt;
qualitativ ist es offenbar dieselbe Veränderung, böhm. \juho —
Ifbo = asl. Ijuho — h'bo = bulg. \juhh — libb. Ist diese
Gleichstellung richtig, so folgt daraus für unseren Zweck, dass
auch das böhmische assimilierte i eine jotierte u-Silbe voraus-
setzt, dass z. B. du§i aus dud/u entstanden ist, und dass daher
die in dussyu 2iWittb. 34, dussiu ApS. 333 u. s. w. geschrie-
bene Jotation lautlichen Werth hat.
x) Das assimilierte i setzt also ju voraus und die Assi-
milation ist die Wirkung des j'-I^autes; s. Miklosich, Altslov.
lautl. 3 167, und Schmidt, Beiträge 6. 133 ff. und 137. Dies
schliesst auch den Satz in sich, dass die Assimilation nur in
jotierten Silben habe zu Stande kommen können, nicht aach
in unjotierten, und dass in nicht assimilierten Silben das Aus-
bleiben der Assimilation durch den Abgang des j'-Lautes wird
erklärt werden können: du§/u ging durch die Wirkung des j
in dvL&i über, du&u aber blieb unverändert, weil das die Ver-
änderung bewirkende j fehlte. In der heutigen Sprache finden
wir assimilierte und nicht assimilierte Silben neben einander,
piSt neben pi§2/, duSt neben povyfiuje . . ., und es kann zur
Bewahrheitung des obigen Satzes gefordert werden, dass man
nachweise, dass die Thatsachen der heutigen Sprache dem
Postulate des Satzes entsprechen, dass die heutigen nicht assi-
milierten weichen u-Silben mit den alten nicht jotierten, da-
gegen die heutigen assimilierten t-Silben mit den ehemaligen
jotirten n-Silben wirklich zusammen gehören, dass z. B. das
heutige nicht assimilierte duäu Nachfolger des alten nicht
jotierten du§ti^ dagegen das heutige assimilierte du§t Nachfolger
des ehemaligen jotierten dxiJkju ist. Eine solche Zusammen-
gehörigkeit lässt sich auch wirklich nachweisen oder wenigstens
sehr wahrscheinlich machen, wenngleich nicht für jedes ein-
zelne Beispiel, so doch im Allgemeinen und für gewisse sehr
wichtige Fälle. Folgende Auseinandersetzung soll die Sache
deutlicher zeigen.
ÜAber die weicheii a-, o- und u-Süben im Altbftkniiseheii. 345
1. Die heutige böhmische Sprache (im weitesten Sinne)
spaltet sich bezüglich der in Rede stehenden Assimilation in
zwei Dialekte; den i-Dialekt (duSt, in Böhmen) und den i/-
Dialekt (duäu, Mähren, Schlesien und Slowakei). Im Sinne des
obigen Satzes ist der heutige i-Dialekt eine Umwandlung des
ehemaligen ^t^-Dialekts (duS/u^ altböhmisch im engeren Sinne)
and es ist daher zu gewärtigeUi dass altmährische, altschlesische
und altslovakische Handschriften (wenn sich welche vo]*finden)
anjotiertes, altböhmische dagegen jotiertes u bieten werden.
Dieses theoretische Postulat wird durch die Denkmäler Boh.
und das freilich ausserhalb unseres Beobachtungskreises lie-
gende Fragmentum concionatorium (Archiv fttr slav. Philol. 1.
617—620) thatsächlich bestätigt. Diese Denkmäler, denen
vielleicht auch das Fragment AlxH. beizuzählen ist, beweisen
es anderweitig, dass sie mährischen oder mährisch-schlesischen
dialektischen Ursprunges sind — nämlich durch häufiges dz
und c für ef und f: dwadczieczi czizuczow AlxH. 1^ und 1^,
d. i. dvadcSci cisüc6v statt dvacSd äsiuc6v, czizucz 2^ (2), d. i.
cisuc statt tisiuCy m&mt dzyekowaczi Boh. 354, d. i. e^z^kovaci
statt dhkovsUi, podlä ludzj 352, d. i. Indzi statt Ijudi, hfSchy
odpostziczy Frag. conc. 620, d. i. odpuscici statt odpustiti u. ä.
-- und sie entsprechen auch unserem Postulate, indem sie
regelmässig unjotiertes u haben: Boh. bietet es ohne Aus-
nahme, AlxH. hat eine einzige Ausnahme in po przirozenyu
2^, d. i. po p^irozenm, also in einem Falle, wo die Jotation
etymologisch berechtigt ist (-tu aus 'iju), und das Fragm.
coDcion. hat wiederum nur unjotiertes und kein jotiertes u.
Z. B. na fararzu Boh. 351, swyetlnyczu Accus. 348, peczu
343, d. i. p6öu, przu 353, na zemu 340, rzeczu Instr. 340,
d. i. feöA, wyzu 1. sing. 353, lud 347, zirdczu svSmu AlxH.
2^, jednu zemiczu 1% majüc pechzu P, wssu moczu P, hör-
88U vnadu 2*, zlyssu 1% k odpustzenu Frag, concion. im Archiv
1. 618, d. i. k od^u&iieM, za dussu 619, wassu modlidbu 618,
B radostzu 619, obcczu spowet 620 . . ., wogegen z. B. DalC.
na orzyu 21, skonczyenyu tak^mu 18, na onu studnyczyu 19,
0 pokoji peczyu m6jie§e 58, v nedyelyu 32, kde2to moczyu
nedoteku 9, wassyu biedu 19, wassyu hospodü 4, wyzyu 21,
lyad 23 u. s. w. hat. — Das Fragm. concion. hat freilich auch
assimilierte Formen, z. B. k mil^mu spasitely 618, d. i. spasi-
346 aebaner.
teh*^ ktefii^ praczugy eb., d. i. pracujz u. ä.; diese sind dadurch
entstanden, dass der Schreiber bemüht war, in der böhmischea
Schriftsprache zu schreiben, wie dies auch seine Correctaren
verrathen : daty 618, d. i. däti corrigiert aus daczy, bogiez 619
corrigiert aus bogucz. Dasselbe ist auch in anderen Denk-
mälern der Fall. Dieses i statt u ist aber keine Ausnahme
von der hier betrachteten Regelmässigkeit; ihr würde nur das
widersprechen, wenn eine Handschrift, die sich durch andere
Zeichen für mährisch - dialektisch ausgibt, weiche t<-Silben
regelmässig jotieren würde, und dieses findet sich in keiner
der hier benutzten dialektischen Quellen. — Dagegen finden
sich jotierte u-Silben als Regel in solchen Texten, die keine
Spuren dialektischen Ursprunges tragen und die wir also für
böhmisch (im engeren Sinne) halten können. Sie bilden unter
den alten Handschriften die bei weitem grössere Mehrzahl,
was man als natürlich erkennen wird, indem das geistige Leben
und schriftstellerische Wirken seit jeher in Böhmen reger war,
als sonst auf dem böhmischen Sprachgebiete, und weil auch
ausserböhmische Schreiber es sich angelegen sein Hessen, sich
der Formen der Schriftsprache zu bedienen.
2. Es gibt aber auch im Bereiche des eigentlichen böh-
mischen t-Dialekts Fälle, wo die Assimilation unterblieben ist,
und der oben ausgesprochene Satz soll sich auch hier bewahr-
heiten: es soll sich zeigen, dass in den Fällen, wo der neu-
böhmische '/-Dialekt unassimilierte Formen hat oder assimilierte
neben nicht assimilierten gebraucht, auch die altböhmische
Sprache nach dem Zeugnisse der Handschriften ausnahmsweise
unjotierte neben regelmässig jotierten t«-Silben gehabt oder
zwischen beiden geschwankt habe. Das zeigt sich auch in
der That: Es gehört hieher namentlich — abgesehen von
einigen einzelnen Beispielen, wie nböhm. vSudy aböhm. vjudy,
wssudy Modi. 13** ... — das u der weichstämmigen Verba
der VI. Classe, povySwje . . ., und die Endung der 1. Person
sing, und 3. plur., pi§u, piiou . . .
a) In der Suffixsilbe der VI. Classe povystije ... hat
das Neuböhmische nie Assimilation, weder im Dialekt, noch in
der Schriftsprache. Hiemit stimmt auch das Altböhmische in-
sofern überein, als es nach dem Zeugnisse der Handschriften
theils zwischen jotierten und nicht jotierten (povys/wje und
üeber die weichen a-, o> und M-8ilben im AltbAlmieehen. S47
povySuje, im 2Wittb. und ^Klem.); theils zwischen assimi-
lierten und nicht assimilierten Formen (povyStje und povySuje,
Pass.y Hrad. und Modi.) schwankt. Die Schwankungen nahmen
am das Jahr 1400 ein Ende, als sich die Schriftsteller für die
nicht assimUierten Formen entschieden und die assimilierten,
bis dahin nur zum Theil und vielleicht nur in der Bücher-
spräche beliebten Formen vollständig aufgegeben haben. Merk-
würdig ist für diesen Fall das Passional dadurch, dass es in
dieser Silbe (fiir neuböhmisches nicht assimiliertes u) nie
jotiertes u hat, während es sonst (für nböhm. assimiliertes i)
regelmässig jotiertes u bietet (ausgenommen ct«zi^ procütiti und
die Silbe ju : zneju . . .), z. B. $u = nböhm. Su in okrassuy
467, potrussugycz 363, rozhriessugy 417 neben äju" = nböhm.
H- in mssyu släi^iti 453, mssyu öta 453, nassyu prosbu 453,
iu = nböhm. Su- in v^ci m& s6 zraczugy 431 neben iju- =
nböhm. öi- chcmy o tobä peczju mieti 284, lu = nböhm. It^
in kraluge na vöky 383, newzdaluy sä 381 neben Iju =
nböhm. li- in jdz slyu andela 277, £u- = nböhm. iu- in protoi^
8$ ka2dy wzhrozuge 322 neben iju- = nböhm. ifi- in pokladyf
ukazyu 429 u. ä.
b) Die Endungen der 1. Fers. sing, und 3. plur., die im
Ältböhmischen mit einer weichen ti-Silbe ausgelautet haben,
sind im Neuböhmischen, insoferne nicht andere Veränderungen
eingetreten sind, in der Umgangssprache ohne Assimilation, in
der Schriftsprache dagegen assimiliert: z. B. 1. sing, piäu —
piM, 3. plur. fi^au — piäi, und ebenso ma2u — ma2t, maiot«
— maii, pUöt^ — pläöi, pläöou — fl&6i, st&üu — st&nt, st&üou
— stftni. Dieser Unterschied kann sich nur mit der Zeit ent-
wickelt und festgesetzt haben; es darf angenommen werden,
dass die Sprache zu einer gewissen Zeit beide Formen zu-
gleich gehabt und als gleichberechtigt gebraucht habe, piäii
und (da pi§i aus pi^ju erklärt wird) piSjM, wovon die erstere
in der Umgangssprache sich festgesetzt hat, während die letz-
tere in der Schriftsprache beliebt geworden ist. Diese An-
nahme aber, die an sich wenigstens nicht unwahrscheinlich
ist, erhält durch die Schwankungen der Handschriften that-
Bächliche Bestätigung: so wie die gegenwärtige Sprache
zwischen pi§z4 und piSi . • . schwankt, so hat auch die alte
Sprache geschwankt, wie es die Beispiele wyzu Mast. 4* neben
348 Oebaner.
wyzyu DalC. 21, wraczu ÄWittb. 115 neben wraczyu 65,
nepolozu 109 und przylozyu 70, zoblaczyu 131 und upusczu
mittam cant. Deuter, u. s. w. beweisen. Die Verschiedenheit
der Verbalclasse ist hier ganz gleichgültig, es gilt von piju —
pijt, piJM — pij/, slyStt — slySi, chozu — chozt, k&itu — käii . . .
immer dasselbe.
Auf diese Weise wäre es also wenn nicht nachgewiesen,
so doch sehr wahrscheinlich gemacht, dass die böhmische
Assimilation u — i eine Wirkung des j-Lautes ist, dus/u —
dual, und wären auch die unassimiliert gebliebenen u-Silben
durch den Abgang der Jotation erklärt. Aus allem dem folgt
aber wiederum, dass die in altböhmischen Handschriften ge-
schriebene Jotation lautlichen Werth gehabt haben müsse.
Wer diese Wahrscheinlichkeit und die aus ihr fliessende
Folgerung bestreiten wollte, miisste im Stande sein, die von
uns theoretisch postulierte und durch Thatsachen bestätigte
Uebereinstimmung zwischen dem unjotierten u des Böhmischen
und des unassimilierten u des heutigen mährischen Dialekts,
und ferner zwischen den Schwankungen der altböhmischen
Handschriften und den entsprechenden Schwankungen der
neuböhmischen Sprache anders zu erklären, als durch Zufall,
und anders als es oben geschehen ist.
X) Es ist noch der eigenthümliche Fall zur Sprache zu
bringen, wo jotiertes oder auch unjotiertes u statt eines ur-
sprünglichen i oder i geschrieben vorkömmt. Ich finde dies,
was hervorzuheben ist, am häufigsten im Passional, seltener in
anderen Handschriften, und führe hier alle Beispiele an, die
mir bekannt sind; die im Pass., 2Wittb., 2Klem. und Hrad.
vorkommenden trachtete ich alle in dieses Verzeichnis zu be-
kommen.
VSöch svat^ch lidyu Pass. 277 statt lidi, netähle sta sS
przitulityu 278 statt pritulitt, poöö otci radytyu 282 (u ist
radiert), tdhl do te wlastyu 282, zl6 duchy z lidyu vyhänie^e
283, almuznu käza datyu 284, chcmy o tobS pe6u myetyu 284,
käza ju po Hei bityu 285, jejie syny kiza väöckny zbityu 285,
kÄza jemu hlavu styetyu 295, od zlj^ch lidyu 302, 315, to jich
J^ivota pamatov&nie czynyu ndm v srdci velike zahanbenie 318
statt öini, tenf jest je§to mezi dvefmi sedyu 324 statt sedt,
divi B& tomu mysl czlowieczyu 320, od hladu a zyznu 336,
Ueber di« weichen a-, o- and tt-Silben im Altböhmischen. 349
(Man Magdalena) ölov^ka newidyewssyu 342, kdy^ mu jeho
wodyucz pov^dö 343 statt vodiö^ tak sß bohov6 moyu rozhn^-
Tali 345 statt moji^ an yuch f*56 usly&av 354 statt jtch, yuch
jazyka 361, osmaötyfic^ti buskupow 376, moyu (u ist etwas
radiert) nepf'ietele 381, vSichni jini hrziessyu 397 statt hf^äi,
komu ste sluzuii 413 statt slü2{li, oczyu jako plamen biedta
413 statt o6i, ötyfie z n&s vmrzietyu maji 414 statt umHet/^
toho buoh vtyessyu 420 statt ut^^ tr^zü m& trpietya 421, aby
ndm pomohl swityezytyu 435, kdyS to badete hledatyu 457,
poöö 8 velikii radosti chtyetyu tomu slovu rozumietyu 469; —
ot töch yuz vstdvajü na m^ Z Wittb. 17, zvSstuj to väiej zemyu
eb. cant. Isa., otpustyu mi 38 statt otpusti (Imperat., wohl
kaum statt otpu§6juj, VI. CL), newzweselyu s6 neprietel m6j
nad m^ 40 statt nevzveseU non gaudebit, na postelyii mej 62,
czyzyu uöinen jsem bratfi mej 68, pHzfi k dussyu mej 68, v
zemyu egipskey 77, nad tussyczie 83, tyusicz a desöt tyusicz
90, slova j52 rozk&zal v tisic pokolenyu 104, slova snamenyu
BVj^ch 104 statt znamen/, otczyu naSi nerozumSli div6v tv^cfa
105, jen£ udinil divy v zemyu EamovS 105 statt v zemi, bydlnj^
jsem jdz na zemyu 118, abychom jednoho boha v troyuczy a
troyuczy y jednotö östili symb. Äthan, statt troj?*ci, k öiöeniu
prawedlenstwyu tvj^ch 118 statt pravedlenstvi; — tölo mi
odpoßine v nadieyu ZKlem, 8^ statt nad^ji (in spe), den dnyu
vyfehuje slovo 12*, prawiuciu svü 78* statt pravfeju, nad
tiussiuce zlata 101% tyussiucz 129^ (2) und am häufigsten im
sing. Dat. Loc. gmenyu tv6mu 12», 95», 114*, 116», 117« (neben
gmeny tvimu 4^), gmenyu svatämu 81», 120», ve gmenyu boha
12^, ve gmenyu tvim 32» (2), 45^ ve gmenyu svatim 84», ve
imenyu bo^iem 97», ve ymenyu bo2iem 97^ u. ä. (neben ve
ymeny bo2iem 109»), v ramenyu 112^; minder wahrscheinlich
wäre die Erklärung, dass dies Casus von t;o-Stämmen wären,
wie pojmenie (poym«nye feci Hrad. 46»), nböhm. pHjmeni, und
wie B^menie (bez muSskiho syemenye Modi. 155»); — ausser-
dem: tyusycz by nalezl tak^ch AlxV. 164* statt ttsic, tyusycz
se jich febfie chvÄti 163^, v nuzyu nie lepSieho nenie DalC.
19 statt V nüzt, odpusti§li mi, hrzessyuss 37 statt hHl^ü, mistr
jeji prziezaduczyu Hrad. 47» statt pf*62&ddci, jakz wnyude
boiie mäti 65», tfie kräli inhed s sv^ch konyu ssSdechu 68^
statt koni, kdy2 poslüchaji zl^ch piesnyu 97» statt piesni.
350 Oabsuer.
Diese Erscheinung kann auf mannigfache Art erklärt
werden.
1. Sie ist vielleicht ein rein mechanischer, aber beliebt
gewordener Schreibfehler: das ältere du&ju war in duSs über-
gegangen, die in älteren Handschriften dussyt«, dusst«^ dassu
geschriebene Form wurde der neueren Sprache entsprechend
dual gelesen und hieraus wurde gefolgert, dass jedes beliebige,
selbst auch das ursprüngliche t in der Schiift durch yu, tu, u
bezeichnet werden könne, dass man auch wodyucz Pass. 343 statt
vodiö, prawmciu ^Elem. 78* statt pravicju, tussyczie ZWittb.
83 statt tfsicö u. s. w. schreiben könne. Ohne Beispiel wäre
dieser Fehlschluss im Altböhmischen nicht. Zur Zeit der Laat-
wandlungen uo~ü, ati— om, aj — ej, ie — i hat man auch z. B.
celuo ves Accus, sing, statt ce\ü^ daufati statt doufati aas
do-ufati, nq/sem statt ne/sem aus ne-jsem, ^eöen^ch d^dictvie
statt d^dictv/ pl. Gren. u. s. w. geschrieben und glaubte sicher-
lich dies mit demselben Rechte thun zu dürfen, wie wenn
kt/oö, saudf pq/cha, vtera statt des gehörten kuö, sot^d, pa/cha,
vira geschrieben wurde; vergl. Listy filologickö 1874, 50 — 51.
Allein für die hier betrachteten Handschriften und namentlich
fUr den in sonstiger Beziehung so genauen Schreiber des Pass.
scheint mir die Annahme eines so plumpen Schreibfehlers un-
billig und ungerechtfertigt.
2. Es verdient offenbar die Erklärung den Vorzug, die
die Ursache dieser abnormalen Schreibung in der Aussprache
sucht. Im Sinne einer solchen Erklärung könnte man an-
nehmen, ursprüngliches i sei auch im Altböhmischen manch-
mal in ju oder u übergegangen, wie dies nach Miklosich,
Grramm. 1. 266, im bulgarischen ^jurok neben gtrok latus,
i/aveJTb neben ÄiVej'L vivo der Fall ist. Bedenkt man aber,
wie vereinzelt diese Beispiele dastehen, und dass sie der vom
Ende des XIU. bis zur Mitte des XIV. Jahrh. sich allgemein
vollziehenden Assimilation (dui;« — dü§i) gerade entgegen-
gesetzt sind, so wird man diese Annahme kaum wahi*scheinlich
finden. Dann bleibt aber nichts Anderes übrig, als anzunehmen,
das in diesen Fällen geschriebene yu, iu, u bedeute weder
den ursprünglichen jotierten oder unjotierten Vocal u, noch
den nach vollzogener Assimilation ihn vertretenden Laut t,
sondern irgend eine Uebergangsstufe zwischen 0)u und i, analog
Üeber die weichen a-, o- und «-Silben im AltbMimifchen. 3&1
dem von Schmidt; Beiträge 6. 137, angenommenen t-ähnlichen
;«; welches in Entlehnungen das griechische ü vertritt, K6pio?
— kjurE; und dem von Miklosich, Altsloven. lautlehre ^ 167,
in Fällen wie \juho — U'bo als Mittelglied zwischen asl. ju
und i angesetzten jz. Aehnliches findet sich auch für den
Uebergang a-S, dufia — daS^; das z. B- in Tesla^ne (Erben,
Regesta, in eiher Urkunde vom Jahre 1228), Mesea (eb., Urk.
1184) u. a. geschriebene ae (oder §) und ea darf wohl als die
beiläufige Darstellung eines zwischen a und fliegenden lieber-
gaogslautes betrachtet werden. Ein ähnlicher Uebergangslaut
hat, nehmen wir an, die Assimilation ju-i vermittelt, und da
es zweckmässig erscheint, ihn in der Schrift durch einen ein-
fachen Buchstaben andeuten zu können, so wählen wir hiezu
das Zeichen y. Nach dieser Auffassung würde wodyucz Pass.
343 statt vodiö u. ä. nicht aufhören ein Schreibfehler zu sein,
aber das Fehlerhafte an ihm wäre bedeutend gemildert. Eine
solche Milderung stimmt aber ganz gut zu dem ganzen Cha-
rakter des Pass., das unbedingt zu den musterhaftesten Denk-
mälern der böhmischen Sprache zu zählen ist und dennoch
diesen Fehler so häufig bietet, und seine also gemilderten
Fehler sind wiederum ein Zeugniss für den einstigen Bestand
des angenommenen Mittellautes y. Als weitere Zeugnisse
könnten die Reime lyudsuyidsL LAl. 422, prziezaduczi/u : vSe-
mohücf Hrad. 47* und folgende Imperative des ÄWittb. an-
gefahrt werden: nezatraczyu duSö m^ 25 statt nezatrac/ti/^
nezatraczyu mne 27, neotwraczyu obliööjö tveho ote mne 101,
ni 8ö ukroczyu neque compescaris 82, obkluczyumy obliööj
jeho 94 statt obkluß/w/my und nenaweselyute s6 34. Bei hart-
stäramigen Verben dieser Classe ist mir eine solche Imperativ-
form nicht vorgekommen, etwa radu statt Ta,duj\ radtite statt
rad«;te; dagegen werden die altböhmischen Imperative I. 7
pij, pijte . . . gewöhnlich nur so geschrieben, als ob sie pi,
pite . . . lauteten; es ist demnach anzunehmen, dass dem
Schreiber des ÄWittb. der Imperativ der weichstämmigen
Verba der VI. Classe nicht mit einem solchen -uj lautete, wie
es im harten rs^duj^ ra,dyjte gehört wird, sondern mit einer
Silbe, die wir mit -yj bezeichnen und die eine solche Zusam-
menziehung zuliess und an die Hand bot, wie wenn ptj in p^
zusammengezogen wird; es wäre aber nicht richtig, wenn man
352 Oabaaer.
meinen würde^ f sei von dem aus -ju- durch Assimilation ker-
^OT^gzsk^eskeTk i nicht verschieden und -yj- habe hier ganz so
gehiutety wie -ij- in py-, denn es wäre in diesem Falle der Um-
stand unerklärlich, dass diese Silbe im 2Wittb. nur einmal
mit I geschrieben erscheint, zkussygu stnebra 65.
Ist die Annahme des Mittellautes ^ richtig, so könnten
auch die gyu^ giu geschriebenen Silben (s. oben a) als jy ge-
deutet werden.
Pl) Endlich könnte unter Hinweisung auf den eben be-
sprochenen Schreibfehler auch die Einwendung vorkommen,
dass geschriebenes dussj^ti und dussi« = du^t zu lesen sei,
dass das geschriebene yu, tu immer und überall den Vocal i
oder i bedeute, und dass es weiche ii-Silben mit inlautender
Praejotation nicht gegeben habe. Sollte aber diese Einwendung;
richtig sein, so wäre es unbegreiflich, warum dieses geschrie-
bene yuy iu tausende Mal dasjenige t oder i bezeichnet, welches
ein älteres u vertritt, und dagegen nur ausnahmsweise ein ur-
sprungliches i oder i; mir sind ausser den oben angeführten
beiläufig achtzig Beispielen sonst keine vorgekommen. Die
Einwendung muss also fallen. Wohl aber bleibt unentschieden,
wann geschriebenes -iuy -yu =: -ju oder -iu, und wann darunter
der Uebergangslaut ^ zu verstehen ist.
Wenn ich alle eben zur Sprache gebrachten Momente
zusammenfasse, so glaube ich mir das Verhältniss und die Ge-
schichte der böhmischen weichen u-Silben also vorstellen zu
dürfen :
1. Die altböhmische Sprache hat weiche u-Silben ohne
und mit inlautender Praejotation gehabt, letztere nur mit org^a-
nischer, d.' h. aus der älteren Form des Wortes herübergekom-
mener und etymologisch berechtigter Praejotation; dusu, sboitu
(aus sboityu).
2. Mit der Zeit ist auch in ursprünglich unjotierten Silben
eine parasitische Jotation aufgekommen: du§;u neben ixj&u; und
ist umgekehrt die organische Jotation geschwunden: sbo^u
neben sboitu.
3. Diese also verschiedenen Formen waren theils Merk-
male zweier verschiedener Dialekte: des u-Dialekts (dusii.
sbozii^ in Mähren u. s. w.) und des j ti-Dialekts (dus/u, sboztu,
üeber die weichen a-, o- und ti-Bilben im AUbfihniichen. 353
in BöhmeD); theils bestanden sie auf demselben Dialektgebiete
in gewissen Fällen gleichberechtigt neben einander, und zwar
bestanden u-Formen im Bereiche des ju-DisAekts: povysf/je
neben povyä/uje, po§Iu n. po^u, po^Iu n. poslt», piSu n. pi^^ti,
cuje n. 6/ttje, vSttdy n. v&judy u. s. w.
4. Die jotierte Form duiju^ shoitu . . . ging durch die
vom y-Laute bewirkte Assimilation in i über, aus dem J« -Dia-
lekt wurde ein t-Dialekt: du§t, sbo^i . . .
5. Der Uebergang von -ju zu -i, du&jti — dusi, war aber
nicht unmittelbar, sondern durch einen Uebergangslaut ver-
mittelt, der fehlerhafte Schreibungen wie wodyucz Pass. 343
statt vodiö möglich gemacht hat.
6. Die unjotierte Form dusw, sbo2i2 . . . dagegen ist un-
verändert geblieben, weil sie den die Veränderung bewirkenden
j'-Lant nicht hatte; sie besteht als charakteristisches Merkmal
des neuböhmischen n-Dialekts (in Mähren u. s. w.) und hat
sich auch im i-Dialekt (im eigentlich Böhmischen) in gewissen
Fällen erhalten, theils alleinig geltend, theils in der Umgangs-
sprache gebräuchlich anstatt der assimilierten Form der Schrift-
sprache, und zwar in denselben Fällen, in denen auch schon
der alte ^ii-Dialekt zwischen u- und yw-Formen schwankte:
povys?/je (nicht povySije), poslu neben veraltetem po§k', pis?*
neben grammatischem pi&i, ipÜou neben pis/^ öiyw neben 6ijf,
CHch neben ö/ch u. ä. —
Zum Schlüsse noch eine Bemerkung über den Werth der
durch die Untersuchung der weichen, e-, a-, o- und «-Silben
gewonnenen Resultate. Er ist in doppelter Hinsicht zu schätzen :
für die Geschichte der böhmischen Sprache und für die alt-
böhmischen Handschriften.
Für die Geschichte der Sprache hat die Betrachtung der
e-Silben ergeben, dass im Altböhmischen zwischen e und- e
(lang e und ie) ein etymologischer Unterschied bestanden habe,
und dass in dieser Hinsicht die organischen Wechselbeziehun-
gen zwischen der böhmischen Sprache des XIII. und XIV. Jahr-
hunderts einerseits und den übrigen Slavinen, namentlich aber
dem Altslovenischen andererseits viel deutlicher und lebendiger
waren, als man geahnt hat. Ferner hat die Betrachtung der
tt-Silben die Spaltung der böhmischen Sprache in den heutigen
SitzongBber. d. pliil.-hist. CA. XCIIl. Bd. II. Hft. 23
354 Oebaner. ' lieber die weichen a-, o- nnd n-Silben in Altbftbmtaclieii.
u- und t-Dialekt beleachtet. Ausserdem ist die lautliche Gel-
tung der gehörig angewendeten Jotation constatiert.
Was aber die altböhmischen Handschriften, namentlich
die ^strengen' aus dem Ende des XIII. und der ersten Hälfte
des XIV. Jahrh. betrifft, so ergibt sich aus unseren Unter-
suchungen, dass sie in der Wiedergabe des Lautes über die
Erwartung genau sind, und dass ihr Zeugniss für die böhmische
Grammatik alle Berücksichtigung verdient.
Petiehenig. Boiträ^o zur Textkritik dor Scriptores historiftc Ang^stae. 355
Beiträge zur Textkritik der Scriptores historiae
Augustae.
Von
Br. Michael Fetachenig,
ProfeesoT am k. k. zweiton Staatsgymnasinm in Graz.
oeitdeiQ Jordan -Eyssenhardt and Peter das handschrift-
liche Material zu den Scriptores historiae Augustae gesammelt
und in ihren Ausgaben niedergelegt, sowie durch zahlreiche
Emendationen den Text berichtigt haben, wurde diesen sprach-
lich wie geschichtlich gleich wichtigen Schriftdenkmälern des
Aherthums ein reges Interesse zugewendet, von welchem die
stattliche Reihe der bisher vorliegenden Einzelschriften auf dem
Gebiete der Geschichts- und Quellenforschung, der höheren
und niederen Kritik, der Lexikographie und Grammatik Zeug-
niss ablegt. So sind nur fUr die Wortkritik allein, mit welcher
sich auch die folgenden Blätter beschäftigen sollen, die Arbeiten
von Oberdick (Zeitsch. f. d. öst. Gymn. 1865, 1868, 1873),
Vielhaber (ebend. 1867), Bährens (Jahrb. f. class. Philol. 1871),
Kellerbauer (ebend. 1878), Madvig (Advers. critic. II, p. 630 —
651), femer die Programmarbeiten von Gemoll (Wohlau 1876)
und Golisch (Schweidnitz 1870 und 1877) zu erwähnen, nicht
zu gedenken der kleineren in Zeitschriften zerstreuten Beiträge.
So erheblich nun auch die Förderung sein mag, welche der
Text durch diese vielseitige kritische Behandlung erfahren hat,
so gilt doch noch heute der Satz, welchen Kellerbauer an die
Spitze seines oben erwähnten Aufsatzes gestellt hat: ,Wer sich
auch nur oberflächlich mit den sogenannten scriptores historiae
Augustae beschäftigt hat, wird zugeben müssen, dass auch
nach Eyssenhardt, Jordan, Mommsen, Peter, Bährens für die
Kritik noch manches zu thun übrig bleibt.' Der Grund hievon
liegt vor Allem in der Beschaffenheit des handschriftlichen
23*
356 Petiohcnig.
Materials selbst. Die zwei besten und allein massgebenden
Codices, der Bambergensis und Palatinus, * ersterer aus dem
neunten, letzterer aus dem zehnten oder elften Jahrhundert
stammend, gehen nämlich auf einen bereits lückenhaften und
an vielfachen Schäden und Verderbnissen leidenden Archetypus
zurück. Kaum geringer sind die Schwierigkeiten, welche durch
den Charakter und die innerliche Beschaffenheit der Schrift-
werke veranlasst werden. Diese sind stii- und regellos in der
stark verderbten Sprache der Diocletianischen und Constanti-
nischen Epoche abgefasst und bilden somit ein wichtiges Denk-
mal des Vulgärlateins. Wie weit aber die Freiheiten dieser
Sprache in Wortbildung und Satzfügung reichen, welche De-
clinations- und Conjugationsformen ihr erlaubt oder eigen-
thümlich sind, welche Veränderungen bis zu jener Zeit die
Wortbedeutung erlitten hat, dafür fehlt noch vielfach der sichere
Massstab. Als Vorarbeiten sind zu betrachten: C. Paucker's
Schrift De latinitate scriptorum historiae Augustae meletemata,
Dorpat 1870, und J. Plew's Inaugural-Dissertation De diversi-
tate auctorum historiae Augustae, Königsberg 1869. Allein
Paucker beschränkt sich auf das lexikalische Gebiet, Plew
gibt nur eine dürftige Skizze der wichtigsten formellen und
syntaktischen Eigenthümlichkeiten. So lange daher das Sprach-
material nicht in erschöpfender Vollständigkeit gesichtet vor-
liegt, sind wir darauf angewiesen, uns in zweifelhaften Fällen
mit der Ueberlieferung der Handschriften zu bescheiden und
eine befriedigende Lösung von eingehenderen Studien zu er-
warten. Dass dieses Verfahren seine volle Berechtigung hat,
soll zunächst an einer Reihe von Beispielen gezeigt werden.
Den Anfang mache eine Aufzählung solcher Fälle, wo
man die W^ortbedeutung nicht erkannte und daher irrthüm-
licher Weise zu Conjecturen die Zuflucht nahm. Had/r, 2, 10
ist überliefert: denique stafim suffragante Suva ad amicitiam
Traiani pleniorem redü. Für statim schrieb Peter pritmtim;
Bährens wollte affatim, Oberdick iiistanter. Allein die Ueber-
lieferung ist vollkommen richtig. Denn wenn Peter (Exercit.
* Im Folgendon bezeichnet B den ßambergensis, P den Palatinas, /?' oder
P^ die mamis prima n. §. w. Die Citate «ind nach Peter's Ansehe
gegeben.
B«itrAge zur Textkritik der ScriptoreB kistoriae Angustae. 357
critic. p. 1 — 2) erkläi*t ^neminem fugtet . . . non posse conciliari
uerha ,deHique* et ^statim'; aut enim illud aut hoc diceiidum fuit%
80 ist dagegen zu bemerken, dass denique an unserer Stelle
keineswegs im temporalen Sinne zu fassen ist, sondern als
copulative Partikel, wie sane, bloss zur Anknüpfung des Satzes
dient, ganz dem deutschen ,nun' entsprechend. Vergl. Maix.
14, 6, Seuer. 15, 2, Albin. 3, 2, Trig. 24, 3, Claud. 6, 4, Aurel. 23,
5. ' Peter's zweites Argument, statini könne schon deshalb nicht
richtig sein, weil sich Traian erst nach einiger Zeit mit Hadrian
werde ausgesöhnt haben, ist eben so leicht zu widerlegen;
üatim hat nicht die Bedeutung ^soforf^ sondern wird hier wie
an anderen Stellen synonym mit mox, non multo post, deinde,
postea gebraucht. Belehrend ist in dieser Hinsicht Marc, 16, 1:
Jam in suos tanfa fuit heiiignitate Marcus ut cum in omnes pro-
pinquos cuucta honortim omamenta contulerit, tum in ßlium et
qmdem scelestum atque inpurum cito nomen Caesaria et mox
sacerdotium statimque (= et deinde) nomen imperatoris. Man
vergleiche ferner Hadr, 23, 13: quem praetura honorauit ac
statim (= deinde) Pannoniis inpoeuit. Did. JuL 2, 3: atatim
{=■ paulo post) enim mors Pertinacis secuta est, Seuei\ 3, 9 :
uxorem petit, Juliam scilicet ... ex qtui statim (= breui) pater
f actus est. Seuer. 19, 5: eiusdemque etiam ianude in Transti-
berina regione ad partam nominis suiy quarum fo}*ma intercidens
statim (=. mox) usum publicum inuidit. Maximin. 21, 4 : exarsit
txerdtus et odium taütum in tempus distulit, quod loco suo statim
f= postea) prodidit. Ferner ist nicht zu übersehen, dass statim
und denique auch sonst verbunden erscheinen. Iladr. 13, 6:
denique cum post Africam Romam redisset, statim ad orientem
profectus. Moßrin, 5, 1 : Statim denique arripuit Imperium.
Maximin. 5, 5: statim denique illum . . . in haec uei*ba prouexit.
Hadr. 13, 5 bieten die Handschriften : nee quisqiuim fere
principum tantum terranim tantum celeriter yeragrauity während
die Ausgaben tarn celeriter lesen. Wenn auch zuzugeben ist,
dass tantum möglicher Weise durch das vorangehende tantum
tenrarum veranlasst wurde, so ist dies doch kein hinreichender
* Zink, Der Mytholog Fulgentius, Ö. 58 : JJenique steht (bei Fnlgentius) mit
ziemlich abgeschwächter Bedeutung als copulative Coujunctiou zur Satz-
Verknüpfung oft schon zu Anfang dos zweiten Satzes einer Mythendeutung'.
358 Petsebenig.
Grund; um von der Autorität der Handschriften abzugehen,
da tantum für tarn, quantum fiir quam sich auch sonst nach-
TV eisen lassen. Heliog. 2j 1 : Hie tantum Symiamirae matri dediius
fuit. Porph. ad Horat. Od. III, 9, 15: quantum carum habeat
Calain. Augustin. epist. ad Honorat. (bei Possid. uit. Augustin.
c. 30) c. 10: nam quantum necessanum fuetit ecclesiae quan-
tumque profuerit, quod uir ille mansit in came, Fulgent MytL
II; 13: tantum stultua.
Gallien. 3, 1 liest man jetzt: Turhata Interim rep. totoque
penitus orbe t&rrarum. In BP ist vollkommen richtig toto über-
liefert; denn diesen Schriftstellern sind imperium Bomanum und
orbia terrarum identische Begriffe; für sie ist es kein Wider-
spruch, wenn sie sagen ^auf dem ganzen Erdkreise gerieth der
Staat in Verwirrung^ Zum Beweise dienen folgende Stellen:
Valer, 5, 1 : imperatar ßeret . . . iure meritorum et quasi ex totius
orbia una sententia, Gallien. 5, 6: ex diuersis partibus pesti-
lentia orbem Romanum uastaret, ibid. ß, 7: sie denique de Om-
nibus partibus mundiy cum eas amitteret . . . iocabatur. Trig.
12; 6: ut te Romanus orbis factum principem gaudeat, ibid.
12; 8 : iuuenes aliqui sunt quaerendi . . . qui ex diuersis partibus
orbis humani rem p. restituant. AureL 32, 4: princeps igitur
totius orbis Aurelianus. Flonan, 3, 6 : orbemque terrarum paca-
tissimum gubemauit. ibid. : qui si diutius fuisset, orbis terrae
barbaros non haberet,
Trig. 1, 2 liest man: in unum eos libdlum contuli et qui-
dem breuem. In JSP fehlt et. Wenn die Partikel nothwendig
ergänzt werden muss und man nicht gelten lassen will, dass
quidem für et quidem steht, warum schreibt man dann cap. 12,
16: EgOy p. c, bellum Persicum gerens Macinano totam rem p.
credidi quidem a parte militarif
Trig. 11, 5: Extat etiam nunc epigramma Graecum in
hanc formam, BP haben extitit, welches die Berliner Heraus-
geber mit Recht beibehielten; denn die Perfectform von Com-
positis des Verbums stare findet sich auch sonst in der Prae-
sensbcdeutung gesetzt, Vei^gl. Porph. ad Horat. Od. III, 19i
1: de Inachi autem uirtutibtis nulla extitit historia. Lactant.
de ira dei 11, 1 : quoniam constitit (so Bünemann*s Handschriften
bis auf eine, welche constat liest) de proxiidentia, sequitur ut
doceamus, utvumne multorum esse credenda sit.
Beitrftge xur Teitkritik der Scriptores historiae Aagngtae. 3ö9
Trig, 18, 10: quue omnia sutU BaUigtae cansilia, qui ex
quaque prouincta unain tantum specieni praeberi iussit, quod ea
redundaretf atque ab ea milites mbmoueri. Ueber den Sinn der
Stelle kaon kein Zweifel sein. Nach Ballista's Rath sollte,
damit keine Provinz zu sehr belastet würde, jede für die Be-
därfnissc des Heeres gerade den Artikel liefern, welchen sie
hauptsächlich producirte. Ist somit der Begriff des qaaqiLe
hier am Platze, so entsteht nur die Frage, was mit dem hand-
schriftlichen quadam anzufangen sei. Denn quadam einfach in
qwique zu ändern, ist ein gewaltsames Verfahren. Dass qui-
dam auch die Bedeutung ,jeder' haben könne, dafür weiss ich
allerdings nur Ein Beispiel beizubringen. Bei Victor Vitensis
de persecut. Vandal. IV, 2 werden Bestimmungen gegen die
Ketzer angeführt, unter welchen auch diese sich findet, die
Ketzer sollten nee ecelesias aut in urhihus aut in quibusdam
paruissimis locia penitua obtinere neque construere. Hier steht
quibusdam für quibuslibet,
Aurel, 29, 2 — 3. Vopiscus erzählt, der Perserkönig habe
dem Aurelianus einen Purpurmantel von himmlischem Glänze,
welchen er aus dem Inneren Indiens erhalten, zum Geschenke
gemacht : hoc munus rex Peraarum ah Indis iuteri&i'ibus stimptwn
Aureliano dedisae perhibetury scribena: ySume purpuranij qimlis
apud no8 est^. . . . nam postea diligentissime et Aurelianua et
Probus et proxime DiodeUanus missis diligentisaimia confectaribus
reqmaiuerunt tale genua purpurae nee tarnen inuenire potuerunL
Die durch Punkte bezeichnete Lücke, welche Eyssenhardt und
Peter vor nam annehmen, wurde in den älteren Ausgaben
nach einer Ergänzung des Egnatius durch die Worte aed hoc
falsum fuit ausgefüllt. Hätten die Herausgeber sich im Vo-
piscus genauer umgesehen, so würden sie bei ihm einen eigen-
thümlichen Gebrauch der Partikel nam gefunden haben. Wenn
derselbe im Leben Aurelian's cap. 35, nachdem er erzählt hat,
dass Aurelian Weizenbrode in Kranzform austheilen Hess, fort-
fährt: nam idem Aureliantia et porcinam cai*nem p. R, diatnbuitj
so liegt es auf der Hand, dass nam an dieser Stelle nicht be-
gründend ist, sondern wie das griechische ds, das lateinische
autem oder aed zur blossen Anknüpfung dient. Dasselbe ist
cap. 27, 1 der Fall, wo Peter nam eingeklammert hat : Hac
epiatula accepta Zenobia auperbina insolentittaque rescripait quam
360 Patsclieiiiir*
eiu8 fortuna poscebat, credo ad teri'orem, nam eins quoque epi-
stulae exemplum iiididL In dieser Weise nun, bald zur blossen
Satzverknüpfung wie autem, bald mit leichtem Gegensatze wie
sed oder uero^ findet sieh nam bei vielen Schriftstellern der
späteren und spätesten Zeit verwendet; so bei CommodianuB,
DracontiuS; Anthimus, sehr häufig bei Victor von Vita. Ist
demnach an unserer Stelle nam postea gleichbedeutend mit
postea aiitem oder sed postea, so entfallt jeder Grund zur An-
nahme einer Lücke.
In des Vopiscus Carus 8, 5 lesen wir : tanti turbinis subito
exorta tempestas est tU caligarent ornnia, neque alter aUerum
nosceret. In BP steht alterutrum, eine Form, für welche nach
dem mir vorliegenden Material keine Emendation, sondern nur
eine Erklärung nöthig ist. Es gab in der Volkssprache ein
Adverbium alterutrum, welches neben inuicem zum Ersätze dos
griechischen iXXt^jX(i)y und des classisch-lateinischen alter-aUeritis^
-alterij -alterum, -altero diente. So findet es sich in der Vul-
gata etwa zwanzigmal in mannigfachen Casusverhältnissen ver-
wendet. Gen, 13, 11: diuisique sunt alterutrum (= alter ab
cUtero) a fratre suo, I Reg, 20, 41 : et osculantes st alterutrum
(=. alter alterum), ßeuet'unt pariter. Jud. 5, 26: dicentes ad
alterutrum (— alter ad alterum). ßap. 18, 23: super alterutrum,
Marc, 4, 40: dicebant ad alterutrum (sXsyov xpb^ aX^ijAouc); 8,
16 : ad alterutrum dicentes; 15, 31 : ad alterutrum dicebant. Ad,
7, 26: utquid nocetis aÜerutrum (Tva v, xlvfjsXxt aXXTjXcjc). Rom.
15, 5: in alterutrum (sv aXXi^jXo^)^ 15, 14: ut possitis alterutrum
monere (iXXTJXou; vcjOstsTv). / Tliess, 5, 11: consolamini inuicem
et aedißcate alterutrum (TcapaxaXeiTs aXXijXou«; xat oix5Bo|i.£it£ sie
Tbv Iva). Jac. 4, 11: nolite detrahere alteititrum ([Jitj xoraXaXsi^t
iXXt^Xwv); 5, 9: ingemiscere in alterutrum (xai' aXX-jJXwv); 5, 16:
conßtemini ergo alterutrum (aXXi^jXcic) peccata uestra, I Petr, 4,
10: in alterutrum {tl^ sauiou;). / Joan, 3, 11: ut diUgatis al-
terutrum; 3, 23: et diligamus alterutrum; 4, 11: nos debemus
alterutrum diligere, II Joan, 5 : «^ diligamus alterutrum. Femer
erscheint es bei Lactant. de ira dei 13, 14 pleonastisch neben
inuicem: Inuicem sibi alterutrum (= alteitim alteri) conexa mnt.
Zu dieser Stelle citirt Bünemann aus TertuU. de resurrect.
carn. ,membra alterutrum (= alter altenus) sumus', aus Cyprian
,alterutrum onera austinete', aus Isidor ,uelut canes alterutrum
Beitr&ge zur Textkritik der Scriptotes hintoriüc Augostae. 361
86 latranif. Desgleichen findet es sich bei Fulgentius; vgl.
Zink S. 41, der es mit Unrecht unter den ^Fulgentianischen^
Adverbien aufzählt. Ist somit alterutrum an der Stelle des
Vopiscus unanfechtbar; so erübrigt nur noch die Erledigung
eines Punktes. Es ist nämlich fraglich, ob der Singular nosceret
richtig ist, während an allen bisher angeführten Belegstellen
der Plural steht. Hierüber geben drei sehr merkwürdige Stellen
bei Porphyrion Aufschluss. Ich schicke voraus, dass ich die-
selben so citiro, wie sie im Codex Monacensis stehen, nicht
wie sie in den Ausgaben corrigirt erscheinen. Wir lesen also
zu Ep. I, 8, 41 (gratia sie fratrum): dum alterutrum sequitur
Studium; ibid, u. 61: tamdiu nomina simulata 8ei*uantur, donec
(nee Cod. Monac.) alterutrum uincat; Ep, II, 1, 59 (uincere
CaeciUus grauttate Terentiua arte): utrum alterutnim uincit an
ceteros uniuersosf — Hat man da ein Recht anzunehmen, dass
utrum einmal für aüerumy ein zweites Mal für xkter und ein
drittes Mal wieder für alterum verschrieben läei? Die Antwort
kann nur verneinend lauten. Man wird vielmehr im Hinblick
auf die so merkwürdige Uebercinstimmung der Stelle des Vo-
piscus mit den soeben aus Porphyrion citirten mit vollem
Rechte den Schluss ziehen, dass, nachdem einmal das ursprüng-
liche aüer alterum in altei*utrum übergegangen war, zunächst
noch der Subjectsb^riff alter überwog und demnach das Ver-
buni in den Singular gesetzt werden konnte; später erstarrte
die Form vollständig zu der Bedeutung , einander, gegenseitig^
Somit ist die handschriftliche Ueberlieferung ,neque altenUrum
noscereV vollkommen richtig.
Diese Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, dass die
Beachtung der Wortbedeutung für die Kritik der Kaiser-
geschichtschreiber nicht unwesentlich ist. Wir wenden uns
nun zu einem anderen der in den Einleitungsworten berührten
Punkte, um einige von den Handschriften überlieferte Formen
mit Hinweis auf Analogien bei anderen Schriftstellern der späten
Zeit zu vertheidigen. Hadr. 5, 6: qtiamuia Crasaum postea
procurator , . . iniu^su eius occid^rit Das in BP überlieferte
iniusso ist durch analoge Bildungen hinlänglich geschützt. Vgl.
Commod. 3, 6 cun^o = curruy ibid. 3, 9 fiei^etque contempto
f= contemptui) ; iusso Theoderici steht beim Anonymus Valesii
56 (Cod. Meermann. saec. IX). Zahlreiche Beispiele sind
362 Petichenig. .
angeführt von Rönsch; Itala und Vulgata, 2. Aufl., S. 260—
262, und von Schuchardt, Der Vocalisnius des Vulgärlateints,
II. Bd., S. 188.
Pitu 10, 4 liest man bei Peter: facilius fuit Apollonio a
Calchide Ramam uenive quam a domo sua in palatium. Hier
bietet B chalchida, P ccilchida. Zweifellos haben wir es da
mit der bekannten Form der Heteroklisie zu thun, nach welcher
griechische Substantiva der dritten Declination im Lateinischen
in die erste umlauten; Beispiele findet man zur Genüge bei
Neue, Formenlehre, I. Bd. S. 329 ff. Zu schreiben ist also
Cakhida, desgleichen Gallien. 1, 1 mit BP Persida. Für letz-
teres fand ich folgende Beispiele: Commodian. carm. apolog.
925 : de Persida homo immortalem esse se diciL Porph. ad Horat
Od. II, 2, 17: a rege Cyro, qui pHmus in Persida (so Cod.
Monac.) regimuit Comment. Bernens. in Lucan. III, 256:
Tigris et Eufrates ariuntur in Persida, — Hadr. 12, 4 bietet
B tarraconam, P tan-aconem, aber die beiden letzten Buch-
Stäben in Rasur, wonach die Lesart des Archetypus unzweifel-
haft Tarraconam war. Sehr wahrscheinlich ist auch Maximin,
8, 5 nach BP zu schreiben: alii Scironam . . . mulH Tyfonam
uel Gigantam, obwohl griechische Masculinformen seltener
umlauten. Doch findet sich Fulgont. Myth. III, 2 Perdica
(nom. propr.) für Perdix, Hygin. f. 155 Arcada für Areas, —
Marc. 25, 12 bieten BP alexandre, was jedenfalls auf die Form
Alexandreae fuhrt.
Oo7*d, 2, 4: ipse post consulatum , . . ad procofisulatum
Africae missus est. Statt ipse post überliefern die Handschriften
ipsos, Kellerbauer hält dafür, dies sei aus Versehen für post
geschrieben worden; ich glaube vieiraehr, dass es durch Buch-
stabenvcrsetzung aus is pos entstanden ist. pos ist in Hand-
schriften so häufig statt post überliefert, dass es unbedenklich
als berechtigte Nebenform gelten kann. Vgl. Schuchardt, Vo-
calismus I, S. 122, Rönsch, It. u. Vulg.2 S. 470 und 525.
Wir haben es im Vorstehenden versucht, eine Anzahl
von Wortformen durch Analogien zu stützen und zu vertheidigen.
Es wäre jedoch keineswegs gerechtfertiget, wollte man das
Princip der Analogie auf alle Stellen ausdehnen, an denen un-
gewöhnliche Formen überliefert sind. Manche Vulgai'ismen,
welche man als solche erkennen wollte und zu registriren nicht
Beitrige zur Textkritik dor Scriptares hisfcoriae AugustM. 363
yersäaiDte^ verdanken ihr Entstehen einzig und allein einer
Verderbniss des Textes. Auch hievon ein paar Beispiele.
Gmimod. 11, 6: deorum templa poUutua stupris et hiimano san-
pine. Trotz vielfacher Analogien, welche dafür sprechen, dass
pollutus = poUuit sein könne, erweckt diese Form hier einiges
Bedenken. Man erwäge doch nur, wie leicht poUutu^stupris
aus poüutastupris in den Handschriften der Scriptores entstehen
konnte, in welchen die Zahl der Dittographien Legion, die
Verwechslung von a und u häufig genug ist. Der einzige
Grand, hier ein Deponens polluoi' anzunehmen, kann nur auf
dem Umstände basiren, dass in allen übrigen Sätzen dieses
Capitels ,Commodu8* als Subject erscheint. Warum hat man
dann aber Piua 10, 9 Edita munera nicht geändert, ^ obwol
in jenem Capitel genau derselbe Fall vorliegt, wie hier, wenn
polluta an die Stelle von pollutus tritt? Ein weiteres Beispiel
des raschen und unerwarteten Subjects- Wechsels steht Gard.
29, 4 — 5: sed Philippus etiam hoc addidit ut rumor em per
wüites spargeret, adulescentem esse Oordianum, irnperium non
posse regere, melius esse, iUum imperare qui militem guhemare,
qid rempublicam sciret, corrupit praeter ea etiam principes, efr
fectumque, ut palam Philippus ad imperium posceretur, Ist
somit der Subjectswechsel nicht auffallend, so wird man sich
schwerlich mehr bedenken, eine Monstrosität zu entfernen,
deren Entstehung so leicht zu erklären ist.
Diadum, 7, 4: ut scirent omnes, Antoninos pluris fuisse quam
deos ac triam prvicipum amore, quos sapientia honitas pietas
consecraia sit: in Antonino pietas, in Vero honitas, in Marco
sapientia. So Peter mit den Handschriften. Sehen wir von ac
ab, welches Jordan ti*eflFend in ab verbesserte, so interessirt
uns hier vor Allem die Anmerkung des Salmasius, auf dessen
Autorität hin an dieser Stelle ein Deponens consecror erscheint.
Er bemerkt nämlich zu der früheren Lesart quo . . . consecrata
sit: yUitiosa lectio, cuius hie est uitiosus sefiisus: per amorem
Ulorum prindpum sapientiam, bonitatemy pietatem consecratam
^sse, quod quid tidit non satis intellego. nam potius uidetur tres
ülos principes pi'opter sapientiam, bonitatem, pietatem fuisse con-
secratoh^. Vielleicht an keiner Stelle hat Salmasius mit Schein-
^ Mommseti wollte allerdiogs eduiit für edila.
364 Petschenig.
gründen in solcher Weise und mit solchem Erfolge gekämpft
wie hier. Denn — und dies hat Salmasius nicht geahnt^ Jordan
aher recht wohl gesehen — erkennt man die Lesart quos . . .
consecrata sit als die richtige an, so sind die folgenden Worte
unhaltbar, ausser man hält folgenden Gedanken für möglich:
in Antoniao pietaa Antoninum conseerauitj in U&ro honitas üeram
et reL Das einzige Wörtcheu quos hat also nicht bloss ein uner-
hörtes Deponens consecror erzeugt, sondern auch Veranlassung
gegeben, eine ganze Zeile des Textes als unhaltbar zu ver-
werfen. Ist aber die Lesart qtu) in der That so verkehrt, wie
Salmasius und mit ihm die neuesten Herausgeber annehmen?
Ich meine, der Gedanke, dass die Liebe des Volkes drei
Fürsten und mit denselben zugleich ihre hervorragendsten
Eigenschaften vergöttert habe, sei gar nicht unpassend, sondern
im Gegentheile sehr schön und würdig und zeuge von einer
höheren, philosophischen Auffassung der Eaiser-Consecration.
Also nicht die Frömmigkeit, Güte und Weisheit hat den An-
toninus, Verus und Marcus vergöttert, sondern das Volk in
seiner Liebe vergötterte diese drei und in ihnen ihre Tugenden.
Nicht selten kommt es vor, dass der ungewöhnliche Ge-
brauch einzelner Redetheile, die Anwendung seltener
oder seltsamer Structuren angefochten und durch Conjectur
beseitigt wird, während gerade hier die grösste Vorsicht geboten
ist. Denn wir sind über kein Gebiet des Lateins so wenig
unterrichtet wie über die Syntax der Vulgärsprache. Rechnet
man dazu noch die Licenzen, welche der Eigenart des Schrift-
stellers ihren Ursprung verdanken und die oft nur durch sorg-
faltiges Studium als solche erkannt werden können, so wird
man geneigt sein, der Ueberlieferung ein grösseres Gewicht
beizulegen, als dies bisher der Fall war. Das Ungewöhnliche
einer Construction beweist noch nicht entfernt, dass dieselbe
nicht thatsächlich gewagt wurde. So lesen wir z. B. Hadr.
22, 6 in den Ausgaben: sederi equos in ciuitatibus iwn siuit
Kellerbauer, der dies für unmöglich hält, will zVi equia lesen
und fuhrt zum Belege für seine Vermuthung fünf Stellen aus
den Scriptores an. Dennoch ist die Emendation nichts weniger
als richtig, da sich sedere oft genug als Verbum transitivum
gebraucht findet. Vgl. Hygin. f. 61: quadrigam sedens, Anth.
Lat. I, 350, 4 (Riese): sederat umbra uiam, Optat. Müeuit
Beitrüge sur Textkritik der Seriptores historiae Angnstap. 365
de schism. Donatist. I, 15: cuiiis fn cafhedram sedes. Desgl.
11,2; II, 3. Fulgent. Myth. III, 1: qvalem equwn sedet Victor
Vit. II, 3 : ttt sunm nequaquam sederet thronum.
An einer ganzen Reihe von Stellen, wo sich hi oder his
mit darauf folgendem Relativ findet, hat Peter theils zuerst,
theils nach dem Vorgange Anderer für hi entweder i oder ii, für
hü aber is geschrieben. ^ Untersucht man aber die Ueberlieferung
an diesen Stellen genauer, so wird man die Berechtigung zu
diesen Aenderungen entschieden läugnen müssen. In der Mehr-
zahl der Fälle, nämlich ßlmal, '^ überliefern die Handschriften
hi oder his; an fünf Stellen ^ haben jB und P, an zwei Stellen *
bat B allein hii, was aber eben so gut für hi als für ii ver-
schrieben sein kann; ausserdem steht Heliog. 19, 9 in j5 bis
statt his. Während also die Schreibung hi und his durch mehr
als sechzig Stellen gesichert ist, steht is nur Heliog, 6, 6 und
10, l,'"^ wobei wiederum zu bemerken ist, dass dies eben so
gut iur his als für iis gesetzt sein kann. Ausserdem hat Peter
sein Princip an drei Stellen <* nicht zur Anwendung gebracht
and his stehen gelassen. Die handschriftliche Ueberlieferung
spricht alscf dafür, dass statt ii und iis vor einem Relativum
die entsprechenden Formen von hie in Anwendung gekommen
sind. Vereinzelte Beispiele hievon finden sich schon bei den
Classikern; häufiger wird dieser Gebrauch im silbernen Zeitalter,
und ist in der späten Latinität ganz allgemein. So findet sich
* Vorflichtig'er verfahren die Berliner Herausgeber; vgl. JordAD^fl Praef.
p. XXV: commimi cormlio relinuimua iUa ,hi qui* et fhin qni* »atia opinor
comviendata üfift Jiuius quV et Jiaec quae*.
» Hadr. 6, 2. 17, 2. 18, 11. HeL 3, 8. 5, 3. 7, 3. Piu« 6, 3. 12, 7.
Marc. IG, 4. 19, 6. Cammod, 5, 15. 14, 8. 20, 5. PerL ö, 4. 7, 8. 7, 9.
12, 8. Niff. 7, 8. 9, ö. Carac, 2, ö. Oet, 7, 4. HeJiog. 4, 3. 14, 1.
15, 1. 27, 4. 30, 8. 35, 7. AI. Seuer. 4, 3. 31, 1. 37, 7. 39, 3. 43, 7.
46, 2. 54, 6. 55, 3. 57, 3. 58, 2 (zweimal). 69, 6. Maximin. 2, 5. 15, 5.
QaUien. 3, 2. 9, 3. 20, 1. Trig. 18, 9. 31, 8. 33, 3. Claud. 11, 5. 11, 7.
Aurel 13, 2. 31, 6. 36, 6 (zweimal). 37, 1. 40, 2. 41, 2. 41, 5. Proh.
14, 1. Firm. 6, 3. Saturnin. 11, 3. Proad. 12, 1.
^ Pert. 10, 3. Conimod. 14, 1. 14, 6. Gord. 14, 3. Trig. 30, 9.
* Seuer. 14, 9. Peii, 11, 3.
* An der erstgenannten Stelle schreibt Peter m, Jordan-Eyssenhardt A»>,
aber ohne dass man von einem der Herausgeber erfahrt, was die Hand-
schriften bieten.
* Amd. Ca»M. 3, 1. Did. Jul. 3, 8. Diadum. 5, 1.
366 Potsehonig.
in des Pacatus Panegyricus auf Theodosius hü mit folgendem
Relativ elfmal, Jd . . qutims einmal, in des Mamert. grat. act.
c. 1 ki8 . . quibusj c. 14 his qui, in des Nazar. Paneg. in Con-
stantin. hü qui zweimal. Aehnliches gilt von der Medieina des
sogenannten Plinius und von des Gargilius Martialis Medicinae,
wo freilich Rose gegen die Autorität der besten Handschriften
dasselbe Verfahren wie Peter in Anwendung brachte. 2iahU
reiche Beispiele bieten die Schriften der Kirchenväter. Vinc.
Lirin. Commonit. c. 2: si ab hü sengibus nuüatenus recedamw,
qtM8 sanctos maiores . . . celehrasse manifestum est; c. 11: hi
ipsi qui rodebantur; c. 12: horum quos supra memaraui; c. 14:
hi qui agunU Ambros. de poenit. I, 2, 5 : sed negarU hü opor-
tere reddi communionem qui praeuaricatione lapsi sunt; 5, 21:
si his quibus fuerit iratus ignoscat; 5, 24: hü , • qui; ibid.
his . . qux}s; 5, 26: hi qui. Vgl. ferner Pacat. paneg. c. 22:
hae . . quas; Garg. Hart. 36: haec quae; Capitolin. Clod. Alb.
1, 5: hoc quod; Garg. Mart. 34: hoc quod; Vinc. Lirin. 14: quod
agebat, hoc etiam esset; Cyprian. de lapsis 5: hoc omne qttod
gestum est; TertuU. de poenit. 1: hoc genus homimim quod ei
ipsi retro fuimus. * Dagegen findet sich im Singular meist is qui
{Macrin. 3, 4; Maximin. 25, 2; Plin. See. medic. I, 5; Pacat.
paneg. c. 16; Mamert. grat. act. c. 2, c. 18, c. 29), ebenso eos
qui (Commod. 9, 6; Pert. 10, 8; Pacat. paneg. c. 1; Mamert.
grat. act. c. 14).
Bisher haben wir nur das vorausweisende Demonstrativum
ins Auge gefasst. Zurückverweisend finden sich is und Ate neben
einander an folgenden Stollen: Diadum. 8, 5: sperans eos uel
amiciores tibi futuros, si his (Peter: is, Jordan-Eyssenhardt:
iis) parceres. Anrel. 19, 2: eos (libros fatales) semper inspectoSy
neque prius mala publica esse finita quam ex his (Peter: is)
sacrijiciorum processit auctoritas. Firm. 3, 5: sed eosdem dentes
postea Carinus mulieri . . . dedit, quae lectum ex his (Peter: is,
Jordan-Eyssenhardt: eis) fecisse narratur. — hie allein steht
im rück weisenden Sinne Aurel. 48, 2: Etrwriae per Aureliam
. . . ingentis agri sunt hique (Peter: ique) fertiles ac sibtosi.
Wenn an den früher citirten Stellen wegen des unmittelbar
vorausgehenden eos noch einiger Grund zur Aenderung des
darauf folgenden his vorhanden war, so entfällt dieser hier
gänzlich. Vgl. Auid. Cass. 9, 1: cum primo Antiochensibus
Beiträge znr Textkritik der Scriptores historiae AugQKta«. B67
gramier irntus esset hisque spcctacula sustulisset. Gallien, 20^ 3:
nam cttm cingula sna fleinque militantinm . . . ponerent . . .
Sahnimis , . . his . . . balteos rapuisse perhibetnr, Trig. 1, 2:
wd quoniam tanta obscitritas eorum kominum fuity qui ex diuersis
Oi'hifi partOms ad impet'ium co7iuolabantf ut non mvlta de his
ud dici possinL Anreh 21, 6: interfecti sunt enim nonnuUi etiam
nobües senatoreSj cum his leue quiddam . . . t^tis obiceret; ibid.
23, 2: cum milit£s . . . euersianem urbis exposcerent, respondit his.
Fassen wir die vorstehende Erörterung zusammen^ so
zeigt sich uns folgendes Ergebniss: Das Demonstrativuni is
wird im späten Latein^ ,wo der Gebrauch der Demonstrativa
immer schwankender wird' (Drag. Hist. Synt. I, S. 71), sehr
häufig durch hie ersetzt, hauptsächlich im Nominativ, Dativ
und Ablativ Pluralis und vor einem Relativsatze.
Hadr. 4, 6: quinto iduum August, die legatvs Suriae litteras
adoptionis accepit. BP bieten hier quintum, was die Heraus-
geber ändern, während sie an einer anderen Stelle den Accu-
sativ stehen lassen; Pert, 6, 4: tertium nonarum diem . . . milites
Triarium . . . ducere in castra uoluerunt. Danach ist also wahr-
scheinlich quin tum .,, diem zu schreiben und ebenso Com-
mod. 11, 13 das handschriftliche quartum iduum Octobrium mit
den Berliner Herausgebern beizubehalten. Wie sehr der Sprach-
gebrauch bei diesen Datirungen schwankte, wie der Tag bald
durch den Ablativ, bald durch den Accusativ, die kalendae,
nonae und idus bald durch den Accusativ, bald durch den
Genetiv bezeichnet werden, mögen einige Beispiele aus Ammia-
nus zeigen. XV, 8, 17: die octauo iduum Nouemb. XXH, 2, 4:
fertio iduum Decembrium. XXII, 13, 5: quarto nonas Decembres.
XXIII, 3, 3: diem sequuturum^ qui erat quaHum decimum kal.
Äprües, XXIV, 8, 5: sextum decimum kalendas Julias. XXV,
ö, 1: principio lucis secutae, quae ei'ot quirttum kalendas Julias.
XXVI, 10, 15: diem duodecimum kalendas Augustas.
Auch der Gebrauch der Conjunctionen ist nicht
immer gebührend beachtet worden. So liest man jetzt Maximin.
6, 4: sed cum eum quidam tribuni reprehenderent dicentes . . .
üle dixisse fertur. Da B repprehendent, P reprehendunt bietet,
ist ohne Zweifel das letztere richtig. Ebenso ist c. 24, 4 der
Indicativ Praesentis nach cum sichergestellt, indem mit BP
gelesen werden muss : Dtci uix pofesty qnanta laetifia fnerit,
368 Petschonig.
cum Eomam yei^ Italiam caput Maximim fertur, — AL Seuer.
14, 4: et primum quidem sortibus . . . intellecium est, qnod inter
diuos etiam referretnr, BP bieten referetur, welches nicht zu
ändern ist. Denn da q\tod den Accus, c. Inf. vertritt^ in dieser
Construction aber nothwendig relatum iri stehen müsste, ist
das Futurum gerade am Platze.
Mcmdmin. 14, 4 bieten BP: inde per Carthaginem uenit
(Gordianus) cum pompa regali et proteetoribus et fascibtts lau-
reatis. Fast dasselbe steht Gord, 9, 6: Post hoc Carthaginem
uefitum cum pompa regali et fascibus laureatis. Beide Stellen
sind aus Herodianus herübergenommen. VIII, 6, 1: i<; ty;v
Kap;rYj56va if:v.y^^ . . . (2). enreTO Be auTw icaaa i^ ßaffiXixt; i:o[Jin^„
TWV jJL^V STpaTtWTWV . . . Iv CXT^fiÄTl TWV KOTÄ T*JV T(i)|JLY)V BopffpWV
•irpoVovTwv • ai xe potßSot sSa^vr^^ipouv. Ist nun per corrupt, oder ist
per Carthaginem die Uebersetzung des griechischen e? Kapx^';-
oova? Es ist unbedingt das letztere anzunehmen. Vgl. Maximin.
23, 3: misernt p'a^terea (senatus) per omnes ciuitates praetorios
et qnaestorios uiros. Max, et Balb. 10, 1: senatns per omnes
regio 71 es consulares . . . tiiros misit Die Bibelstello Luc, 10,
32: *0{xo((i)^ B^ xai Asuitti?, '^z'ii^v^o^ yjxzol tov tottov C= cum ad eum
locum uenisset) gibt die Vulgata mit der Uebersetzung wieder:
Similiter et Leuita, cum esset secus locum; der Codex Vercel-
lensis dagegen bietet: cum transiret per eodem loco. In des
Dracontius Medea heisst es V. 194 — 5: sie fata per aras üirgo
cruevta molam perfert; d. h. Medea trägt das Opferkorn zum
Altare. Gleich darauf (V. 199) heisst es von Jason, der im
Tempel der Diana seinen Tod erwartet: Forte oculos per tecta
leuaty nidet ecce uolantem Atqne salutantem puerum. Dies kann
nur den Sinn haben : ,er erhebt die Augen nach oben zur
Decke und sieht Amor herabfliegend
Ungemein häufig ist die Ellipse einzelner Formen von
e««e; namentlich fehlt est gerne im Perfectum. Vgl. Hadr. 2,
2—3; Pert, 4, 10. Um so mehr fallt es auf, dass die Heraus-
geber Pert, 3, 1 quare etiam dictis popularilms lacessitus ein
est vor lacessitus einschieben. Auch erat wird manchmal w^-
gelassen; z. B. Comm^d, 10, 4: in iods quoqtie perniciosus. Da-
nach ist Maxim, et Balb. 7, 6 zu berichtigen, wo man jetzt
liest: \dni cibf Ueneriae anidus, uestitu cultus, nee qmcqttnm
defuit quod illum. pop%do non commefi\dabilem redderet Für non
Beiträge zur Textkritik der Scriptoree histonae Angnstae. 369
rermuthete Kellerbauer Rom(ano). Indesseu Hesse sich die
Negation vielleicht durch die Analogie mit nihil abest quin
schätzen ; allein defuit, welches offenbar Eellerbauer's Bedenken
hervorgerufen hat, steht nicht von erster Hand in BP, und es
ist nicht einzusehen, weshalb man diese Ergänzung eines Cor-
rectors aufnehmen sollte^ so lange der ursprüngliche Text sich
halten lässt. Dies unterliegt, sobald man die Ellipse eines erat
annimmt, keiner Schwierigkeit.
Aurd. 26, 5 schreiben die Herausgeber mit Salmasius:
ted credo adiuturos Romanam rem p, tieros deos. Allein das
statt ueros in den Handschriften stehende uir ist sicher aus
uere verderbt, welches im adjecti vischen Sinne gebraucht ist.
Vergl. Carus 2, 2, wo nach GemolFs treffender Emendation zu
schreiben ist: ut a Romulo indpiam, uere patre ac parente rei
p. (BP: uero). Demgemäss schreibe ich Aurel. 24, 3: Apollo-
mum Thyanaeumy celebej^rimae famae auctoritatisque sapientem,
väerem philosophufn, amicum uere deorum (BP: uir; vulgo:
umim). Weitere Beispiele des adjectivischen Gebrauchs von
Adverbien sind AI. Seuer, 35, 1: Melioi'um retro prindpum;
Aurd. 6, 3: Priuatim huiua multa extant egregia facinora, wo
priuatim zu facinora gehört. Freilich liest man nach Salmasius
hier gewöhnlich priuati; vgl. jedoch Liv. I, 39, 3: ingefitis pu-
blice priuatimque deco^is; VI, 39, 6: maxirrw priuatim periculo,
nvüo publice emolumenio, und die reichen Sammlungen bei
Kühner, Ausfuhrl. Gramm. II. Bd. 1. Abth. S. 166 und bei
Drager, Hist. Synt. I, S. 111—12.
Ab und zu finden sich bei unseren Autoren anakolu-
thische Constructionen. Heh 7, 5: de quo iddrco non tacui,
quia mihi propositum fuit omnes, qui post Caesarem dictatorem,
hoc est diuum Julium, uel Caesares uel Augv^ti uel prindpes
appellati sunt, quique in adoptationem uenerunty uel imperatorum
ßii aut parentes Caesarum nomine consecraii sunt, singulis libria
exponere meae satisfaciens conadentiae, etiamd multis nulla
«< necessitas talia requirendi, — Clod. Alb, 3, 4 — 5: Nee negari
potest , . . hunc animum Seuero primum fuisse, ut , . , Pes-
cennium Nigrum et Clodium Albinum dbi substitueret, sed postea
et filiis iam maiusculis studens et Albini amori inuidens sen-
tentiam mutaase (Uebergang von Accus, c. Inf. zum Nom. c. Inf.).
— Heliog, 23, 2: serpentes per Marsicae gentis sacerdotes colle-
Sitzaagaber. d. phil.-hiet. Ol. ZCIU. Bd. II. Hfl. 24
*
370 Petichenig.
gisse fertur, eosque subito ante lucem . . . effudisse, mul-
tosque ad f Udos morsu et fuga (Uebergang vom Nom. zum
Acc. c. Inf.). — Prob. 22, 1: Conferenti mihi cum aliis impe-
rntoribus principem Probum . . . intellego hunc uinim aut
parem fuisse et rel. Während an der letzteren Stelle Jordan-
Ejssenhardt den Handschriften folgen, änderte Peter die An-
fangsworte in conferens ego. Die erste Stelle (Hei. 7, 5) ist
sonderbarer Weise keinem der Herausgeber aufgefallen; erst
Plew (p. 36) sah ein, dass dort ein Anakoluth vorliege. In
der That wird Jeder, der die Stelle aufmerksam betrachtet,
gewahr werden, dass satisfadens dem Sinne nach nur zu den
Worten mihi propositum fttit exponere gehören könne, nicht
aber zu non tacui. Ist nun an diesen' beiden Stellen die Ueber-
Heferung richtig oder verderbt? Diese Frage werden die fol-
genden Beispiele bis zur Evidenz entscheiden^ indem sie zeigen,
dass das Anakoluth in Schriftwerken des vierten und fünften
Jahrhunderts schon ganz gewöhnlich geworden ist. Porph. ad
Horat. Od. IV, 4, 18 : hi Vindelici sedibus ab Amazonibus eiecti
et ex Thracia in exilium se contulisse Alpiumqiie loca insedisse
dictintur et, quod potentissima in se tela secures Amazonum ex-
perti fuissent, ipsos quoqne iisum ea3*um in beÜo accepisse; vgl.
ad Od. IV, 12, 7. — Optat. Mileuit. de schism. Donatist. 11,
4: Interea Victor Oarbensis, ut hinc prior mitteretur —
non dico lapis in fontem, qnia nee ualuit puritatem catholicae
multitudinis perturbare — sed quia quibusdam Afris urbica pla-
cuerat commoratio et hinc a uobis profecti uidebantur, ipsi
petierunty ut aliquis hinCy qui illos colligeret, mitteretur,
missus est igitur Victor. — ibid.VIy 3: deniquecum ducenta
et quinquaginta turibula, quae sacrilegorum et peecatontm
manibus portabantur, cum eosdem peccatores absorberet ten%
remanserunt de manibus eorum excussa turibula, et dum dvhi-
taret Aaron et rel. (Regelrecht: denique cum d. e. q. turibula
remansissent . . . excussa, Aaron, dum dubitaret et rel.); vgl.
VI, 6 fin. — Possid. vit. Augustin. c. 18: Et Uli diuinitus
condonatum est ut de laborum suorum fructu . . . gaudere proue-
nisset, prius quidem in Hipponensi ecclesia . . . pace perfecta,
deinde in aliis Africae partibus . . . multiplicaiam fuisse domi«*
ecclesiam peruidens; ibid. c. 28: sed altius et profundius ea eon-
siderans et . , . praeuidens . , . fuerunt ei lacrimae panes;
B«itrftffe snr Textkritik der Scriptores hiitoriae Aagnttae. 371
Tgl. c. 14, c. 24. — Ein bisher noch gar nicht gewürdigtes
Beispiel der Nicht - Congruenz des attributiven Particips findet
sich bei Porph. ad Horat. Od. I, 5: Pyrrham meretHcem adlo-
({aituTj cuius caUiditatem ignorans ait se quoque in amorem
eins inplicitum. Die Richtigkeit dieser Ueberlieferung ist nach
den eben angeführten Beispielen nicht mehr zu bezweifehi und
findet ausserdem ihre schlagende Bestätigung durch eine ganz
ähnliche Stelle bei Victor Vit. II, 16: Laetum . . . incendio
concremauit, aestimans tali exemplo timorem incutiens reliquos
elisurum^; vgl. auch V, 16, fin.: 8ed neque Antonium haec
res ab insania poUiit reuocare, seien 8 se magis imperio regis . . .
posse placere. Dergleichen Licenzen, in längeren und ver-
wickelten Perioden noch erklärbar und zu entschuldigen, gehen
sehr bald in den Barbarismus des Nominativus absolutus über
und die Begellosigkeit wird geradezu zur Regel, bis in Schriften
wie sie die zweite Hälfte des sogenannten Anonymus Valesii
repräsentirt, die vollständige Auflösung der Schriftsprache zum
Durchbruche kommt. Einzelne Beispiele liefert schon PosBidius,^
sehr zahlreiche Fulgentius '^ und dessen Zeitgenosse Victor von
Vita, bei welchem sich Sätze finden wie folgender (I, 1): Irans-
iens igitur quantitas uniuersa, calliditate Oeiserici ducisy ut
famam suae terribilem faceret geiitis, ilico statuit omnem
multitvdinem numerari (Regelrecht: cum igitur q, u. transüsset,
Geiseiicus dux qua erat calliditate . . . ilico statuit et reL).
In den Scriptores h. A. lässt sich gleichfalls ein Beispiel
dieser absoluten Participial-Construction nachweisen. In
des Lampridius AI, Seuer, 28, 7 lesen wir: uolehat uideri ori-
ginem de Romanorum gente trahere, quia eum pudebat Syrum dici,
maxme quod quodam tempore festOj ut solent, Antiochenses Ae-
gyptii Alexandrini lacessiuerant conuidolis, et Syrum archisyna-
gogum eum uocantes et archiereum. In den Handschriften fehlt
das letzte et, was wegen der vorausgehenden Silbe es leicht
erklärlich ist. Statt lacessiuerant aber steht in BP laces-
»itu8 erat. Zu der Annahme, dass dies aus dem ersteren ent-
standen sein sollte. Hegt nicht der geringste Grund vor. Wir
^ Vit. Angnstin. c. 1 : protinusque ipse in fide catholica confirmatus,
prqficiendi in religicne ei dem amoris ardor innatus est.
- Vgl. Zink S. 4'9.
24*
372 Petschenig.
haben überhaupt kein Recht uns einem übereifrigen Purismus
hinzugeben, am allerwenigsten bei Autoren von dem Kaliber
unserer Scriptores, denen man doch sonst alle möglichen Soloe-
cismen und Barbarismen nachzusehen pflegt. Warum sollten
also die Handschriften nicht Recht haben? Warum sollte Lam-
pridius nicht haben schreiben können qw>d quodam tempore
frustra,^ ut solent Antlochenses Aegyptii Alexandrini, lacessitus
erat conmciolis, et Syrum archisynagogum eum uocantes et
archiercnm, während man Aehnliches bei Anderen in Hülle und
Fülle findet? Vgl. Fulgent. Myth. lU, 5: matei' deum dicta est,
ülnd nihilominus ostendere uolentes. Victor Vit. I; 1: et sie
eadem atque iterum taÜ ci-vdelitate furentesy ab eorum conta-
gione nullus remanait locus immunis; ibid, H, 14: cognoscentes
igitur qui aderamus simidqtte legentes, contritum est extempb
cor nostrum; ibid. V, 2: Qui . . . dum . . . pender et, nunc in
sublime tollentes^ ictu celeri dimissis . . . cannabinis super
silices platearum . . . conruebat
Für eine Anzahl von Stellen, an denen die Ueberlieferang
zu belassen ist, kann man keine bestimmten Gesichtspunkte
aufstellen; sie sollen daher nach der Reihenfolge der Vitae
behandelt werden. Marc, 19, 9: dos autem quid habebatur m>t
imperium, quod ille ab socero uolente Hadriano adoptcUus acce-
perat nisi fehlt in BP. Es dürfte daher einfach ein Frage-
zeichen nach habebatur zu setzen und der folgende Satz als
Antwort aufzufassen sein, wodurch die Stelle zugleich eine leb-
hafte rhetorische Färbung erhielte.
Marc. 28, 10: fertur ßlium mori uoluisse, cum eum talem
uideret futurum, qualis extitit post tius mortem. BP: quitalis.
Dies lässt sich im Hinblicke auf andere Stellen halten, an
denen gleichfalls ein und dasselbe Wort, welches hervorge-
hoben werden soll, sich wiederholt. Vgl. Uer. 6, 3 — 4: nam et
Uolucri equo . . simitlacrum fecerat . . cui quidem passas uuas
. . in pi'oesepe ponebat, quem sagis . . coopertum . . adduci
iubebat, cui mortuo sepulchrum . . fecit. Tacit. 16, 6: Nunc
' In den Handschriften steht nSmlich friula^ eine ganz gewöhnliche Ver-
Schreibung für fnutra, die sich auch noch Maximin. 22, 1 und Äurd.
21, 7 findet Da nun frustra auch den Sinn von teniere oder (jiiiT^v haben
kann, ist jede Aenderung der handschriftlichen Lesart überflüssig.
Beitrig^ zur Textkritik der Scnptoree historiaa Anguetae. 373
nohis adgrediendus est Probus, uir dornt foiis (so BP ; forisque
Edd.) conspicuusy uir Aureliano . . praefer^ndus.
Seuer. 9^4: Antiockensibus iratiorfuit^ quod et administrantem
se in orientem riserant et Nigrum etiam uictu iuuerant. Mit
Recht haben die Berliner Herausgeber das handschriftliche
tddum stehen gelassen. Denn es ist sicher^ dass Niger' s Sache
auch nach seiner Niederlage von seinen Anhängern längere
Zeit vertheidigt wurde. Vgl. §. 5: Neapolitanis etiam Palaesti^
nensibus ius ciuitatis tuUt, quod pro Nigro diu in armis fue-
runt. £benso wird noch c. 15; 4 der reliquiae Pescennianae Er-
wähnung gethan: inter haec Pescenniancis reliquias Plautiano
auctore persequebatur. Derselbe Fall ti'at nach dem Siege über
Älbinus ein; vgl. 12^ 5: tnulti sane post Albinum fidem ei sei--
uantes bello a Seuero superaii sunt Für uictum spricht auch
Dio's Bericht. Nachdem er 74, 7 die für Niger verderbliche
Schlacht bei Issus geschildert, fährt er im achten Capitel fort:
iXo^or;; Se t^<; 'Avitoxs^a^; ob xoXXw öciepov (nach jener Hauptschlacht)
Gallien, 2, 3: Piso igitur in Thessaliam se recepit. ubi
missis a Ualente militibus compluribus (quam plurimis Eyssenh.)
interfeetus est Ich sehe nicht ein, was gegen cum plurimis^
wie ßP lesen, sprechen sollte. Zu militibus ist compluribus
oder quam plurimis ein ganz müssiger Zusatz. Auch Trig.
21, 2, wo von derselben Sache gesprochen wird, heisst es nur:
Ualens, qui ad eum percussores misisse perhibetur. Dagegen ist
es recht wol denkbar, dass Manche mit ihm umkamen, die-
jenigen nämlich, von denen Trig. 21, 1 gesagt wird, dass sie
seine Partei ergriffen: atque illic paucis sibi consentientibus
mmpsit imperium. Natürlich ist an unserer Stelle plurimi=multi,
worüber Rönsch, Ital. u.Vulg.^ S. 417 zu vergleichen ist.
Trig, 30, 13: uiant regali pompa. more magis Persico ad--
orata est. Da in BP pompae steht, ist e more zu schreiben.
Claud, 5, 2: his accedit quod rogantem Aureolum et foedus
petentem Imperator grauis et serius rvon audiuit, responso tali
repndiaium: ,Haec a Oallieno petendo fuerantj qui consentiret
moribus; poterat et timereK Alles ist richtig bis auf die Inter-
punction. Nach fuerant ist ein Kolon zu setzen und dann
fortzufahren: qui consentiret moiibus, poterat et timere.
374 Petschenig.
Aurel. 11 y 1: Interest epistolas nosse Aureliano scriptas et
ipsam adrogationem. Sonderbarer Weise hat man hier das hand-
schriftliche de vor Aureliano, welches allein richtig ist^ ganz
ignorirt. Yopiscus theilt zwei Briefe mit^ von denen der erste
allerdings an Aurelian, der zweite aber an den praefectus aerarii
Aelius Xifidius gerichtet ist. Beide aber betreffen den Äurelian.
An manchen Stellen^ wo der Bambergensis und Palatinus
verschiedene Lesarten darbieten, ist es schwer die richtige
herauszufinden. Ich lasse einige Fälle folgen, in welchen mir
die Herausgeber geirrt zu haben scheinen. Hadr. 5^ 1 schreiben
Jordan und Peter mit B operam intendit, während P impendü
hat. Letzteres halte ich mit Salraasius für das Richtige. Vgl.
Marc, 3, 7: tantumque opei'ia et lahoris studiis inpeiidit. Trig,
15, 7: capiendis leanibus et pardis ursis ceterisque siluestribus
animalibus sudwem officii uinlis inpendit, Lactant. diuin. instit.
I, 1, 1 : quidquid lahoris poterat impendi,
Hadr. 21, 9: a miliiibus propter curam exercitus nimie
multum amatus est, simul quod in eos Überalisdmus fuit B hat
nimiae, P nimiam. Die letztere Lesart ist entschieden vorzu-
ziehen, da curam eines hervorhebenden Attributes kaum ent-
behren kann, während multum bei amatus vollkommen hinreicht.
Vgl. Oet. 4, 4: his accedehat Bassiani fratris nimia crudelitas.
Natürlich ist nimius im Sinne der späten Latinität gleichbe-
deutend mit magnus.
Heliog. 5, 1 : Ergo cum hibernasset Nicomediae atque omnia
sordide ageret inireturque a uiris et subaret BP^: subigeret.
Obwohl bereits Jordan-Eyssenhardt die richtige Lesart auf
genommen haben, dürfte doch eine Verweisung auf Dio 79, 2
nicht überflüssig sein: xat ^kp ^vSpi^exo (subigebat) xa\ eOv;XuyeTs
(inibatur)* xai eÄparre xai hzxT^vi huki^z affeXYscraia.
Eine zahllose Menge von Fehlern in BP ist auf die Ver-
wechslung und Verschreibung einzelner Buchstaben zurückzu-
fuhren. Hei, 4, 5: nunc tamen cum eum consolaretur. Statt nunc
ist sicher tunc zu schreiben; vgl. Did. JuL 3, 1. 7, 1. 7, U.
Seuer. 3, 4. .10, 7.
Piu8 5, 5: Alanos moUentes saepe refrenauit Von einer
mehrmaligen Bekämpfung der Alanen unter Antoninus Pius
kann wol kaum die Rede sein; vielmehr düi*fte statt saepe
zu schreiben sein: saeue.
Beitrige zur Textkritik der Soriptorei kiitoriaa Anguetae. 375
PiU8 7, 3: a quo conscios requiri uetuit In BP ist von
erster Hand conscio überliefert. Setzt man das folgende r =^ 8,
80 erhält man consctosequiri, wonach ursprünglich wol conscios
exquiri gestanden haben mag.
Häufig sind a und u verwechselt. Pitts 8, 9 bieten BP:
$ed Repentintis famosa percusaus est, wofür Peter famosis p. 6.
schrieb. Das Richtige ist ohne Zweifel fama superfusus. Indem
man n« = «a las und zum vorhergehenden Worte zog; ent-
stand durch eine gleichfalls nicht seltene Verwechslung von o
und a famosa aus famasa, und aus peifusus ward percussiis.
Vgl. Liv. 45; 9 : fama superfundit deinde se in Asiam,
Ein ganz ähnliches Versehen scheint Pius 12, 5 vorzu-
liegen : Marco Äntonino rem puhlicam . . . commendauit For-
tunamque auream . . . transferri ad eum iussit, Signum tribuno
aequanimitaiis dedit et rel. Hier steht in BP signatum, welches
ich mir aus Signum tum entstanden denke, indem in signütum
der Strich nicht beachtet imd a für u gelesen wurde. Vgl.
Marc, 7, 3, wo dasselbe berichtet wird : signo aequanimitatis
tribuno dato. Die Berliner Herausgeber schreiben signa tum;
aber der Plural lässt sich hier nicht rechtfertigen.
Commod, 2, 9: aurigae habitu currus rexit, gladiatoribiM
conuixit. Das letzte Wort rührt von P^ her, während in BP
coniusit überliefert ist. Das heisst doch wol conlusit. Dass
ludere von Gladiatoren gesagt werden könne, beweist Äuid,
Cass, 6, 3 : exercitium septimi diei fuit omnium miUtum, ita ut
tt sagittas mitterent et armis luder ent,
Pert, 1, 1 : qui filio nomen ex continuatione lignariae ne-
gotiationiSy quod pertinaciter eam rem gereret, inposuisse fate-
tvr, fatetur kann, wenn die Ueberlieferung richtig ist, nur
den Sinn des griechischen 6(JLoXoYeTTat, des lateinischen probatur
haben. Da aber in B fateatur steht, dürfte vielleicht putatur
zu schreiben sein; pu konnte sehr leicht als fa gelesen werden;
war dies einmal geschehen, so ergab sich die Aenderung von
a in 6 von selbst.
Pert 7, 1 : delaiores convictos grauiter puniri iussit et tarnen
. moUius quam priores imperatores, unicuique dignitati, si dela-
tionis crimen incurreretj poenam statuens. Da Pertinax fiir Per-
sonen jedes Standes und Ranges, wenn sie sich der delatio
schuldig machten, eine bestimmte Strafe festsetzte^ ist statt
376 Petschenig.
des handschriftlichen delatores uinctos wahrscheinlich delatores
cunctoa zu schreiben.
Seuer. by 3: deinde firmatis quas post tergum relinquebat
prouinciis Romam iter contendit. Ob sonst iter contendere vor-
kommt {tetendit deinde iter Prob, 16, 3)^ ist mir unbekannt.
Jedenfalls wäre diese Verbindung nicht zu vergleichen mit
Cicero's tantum itineris contendere (pro Rose. Amer. 34, 97).
Uebrigens ist in BP nicht iter, sondern item überliefert, wo-
nach ich idem vermuthe (t = d), Beispiele dieses eigen-
thümlichen Gebrauches von idem, welches im Spätlatein ganz
tonlos zur blossen Andeutung des Subjectes steht, sind Nig,
11, 1: Idem in omni expeditione ante omnes militarem cibum
aumpsit ; ibid. §. 3 : idem in contione iurauit. Daher hat
Bährens auch Nig> 8, 4, wo man bei Peter liest item, cum quae-
siium esset, quis Uli successurvs esset, respondisse itidem Graeeo
versu dicitur, mit gutem Grunde idem vermuthet.
Seuer. 7, 3: fuitque ingressus Seueri odiosus atque terri-
bilis, cum milites inempta diriperent. Die sonderbai'e Wendung
inempta diripere, welche den Gedanken involvirt, als ob man
auch gekaufte Gegenstände rauben könne, ist schwerlich richtig
und wahrscheinlich inempto zu schreiben. Vgl. Heliog, 25, 4
simulato, 17, 4 adfectato, femer indebito, indubitato, insperato
bei Paucker p. 69, Anm.
/Seuer. 14, 6: Palaestinis poenam remisit quam ob cau-
sam Nign meruerant BP: nigro, wol entstanden aus Nigri
(e) meruerant.
Seuer. 21, 7: qui nouercam suam — et quid nouercamf
matrem quin immo . . . uxorem duxit Sollte hier nicht ecquid
am Platze sein?
Nig. 4, 1: haec de Pescennio Seuerus Augustus. De hoc
adhuc milite Marcus Antoninus ad Comelium Balbum. Hier sind
die Worte de hoc von Peter ergänzt. Es fehlt jedoch kein
Wörtchen, denn adhuc ist entstanden aus addehoc = at de hoc.
Wie durch Verwechslung von at und ad Fehler in den Hand-
schriften entstehen konnten, zeigt auch Aurel, 41, 7: respirare
certe post infelicitatem Ualeriani, post Gallieni mala imperante
Claudio coeperat nostra res p., ad eadem reddita fuerat Aureliano
toto penitus orbe uincente. Hier ist ganz einfach ad = atj
wie schon die alten Herausgeber erkannten, und Conjecturen
B«iirig6 snr Textkritik der Scriptoree bistoriM AugnttM. 377
wie uita denuo (Peter) oder ea demum (BähreoB) sind iiii-
Döthig.
Maerin. 14, 1 : Sed cum eins uüitatem hamines antiquam
cogitarent, erudditatem morum uiderent. BP haben mirum. Wenn
auch SalmaaiuB bemerkt ^quiuis uideat legendum: ct-udeb'tatem
morum', so ist diese Schreibung doch nicht über jeden Zweifei
erhaben; denn wenn mir am (u = a) sich halten lässt, ist
kein Grund zu weiterer Aenderung vorhanden. Nun wird
mirus nicht selten synonym mit magnus oder summua gebraucht,
z. B. bei Porph. ad Horat. Serm. I. 5, 73: mira energia hie
9ensus explidtua est»
HeUog. 17, 5: appellatus est poat mortem Tiberinue et
Tractatitius et Inpurus et multa, si quando ea erant designanda
quae eub eo facta uidebantur. Der Ausdruck multa . . appelr
latus est statt multis nominibus ist gerade nicht gewöhnlich.
Doch finde ich nicht, dass er den Gelehrten der älteren und
neueren Zeit sonderlich aufgefallen wäre; nur Casaubonus
erwähnt mit der Bemerkung ,non displiceat^ eine Conjectur
LoiseFs, welcher muüa in mulier ändern wollte. In der That
erwartet man statt multa einen bestimmten Namen, analog den
vorher genannten. Diesen finde ich, ohne dass eine Aenderung
nöthig ist (u = a)^ in Malta, welche Bezeichnung auf Helio-
gabalus passt wie kaum eine zweite. Vgl. Porph. ad Horat.
Serm. I. 2, 25 (Malthinm tunicis demiseis). suh Malthini no-
mtne quidam Maecenatem suspicantur significari . ab re tamen
nomen finxit . maltha enim malacos dicitur. Non. 37, 7:
naltas ueteres molles adpellari uoluerunt^ a Graeco quasi {xaX-
O^fxcui;. Ludlius Hb, XXVII insanum uocant, quem malt am ac
fminam dici uident (Lucil. fr. XXVII, 30 Müller). Nebenbei
Bei bemerkt, dass die Lesart malacus = (xaXaxoa(;, welche alle
Handschriften des Nonius bieten, durch die Stelle des Por-
phyrion ihre volle Bestätigung findet.
Heliog, 18, 4: ea pvodenda censui quae ad luxuriam per-
tinebant, quorum aliqua priuatusj aliqua iam Imperator fecisse
perkibetur, cum ipse priuatus diceret, se Apicium, imperator
Neronem Othonem et Uitellium imitari, BP: imperatorem uero
oüumem. Danach ist mit eben so leichter als sicherer Aen-
derung zu schreiben: cum ipse (e) priuatis diceret se Apicium,
imperator um uero Othonem et Uitellium imitari.
378 PetBchAnig.
Heliog, 30^ 4 : ceUArauit item tale conuiuium ut apud amicos
singulos singuli miaaua appararentur, et, cum alter maneret in
CapitoUo, alter in Palatio, alter super aggerem, alter in Cadio^
alter trans Tiberim, et ut quieque mansisset, tarnen per ordinem
in eorum domibua eingula fercula ederentur. Da appararentur
und ederentur durch das vor cum stehende et verbunden sind,
ist et vor ut pleonastisch ; ich schreibe daher utut quisque
mansisaet (Mommsen tilgte das erstere et).
AI, Seuer. 10, 5: Antoninua item primua Marcum et item
Uerum iure adoptionia uocauit. In BP steht Antoninua idtm
aepiua, woraus die Vulgata idem Piua entstand ; item rührt von
Ursinus her, primua ist Peter's Conjectur. Dem Richtigen ist
Mommsen auf der Spur gewesen, dessen Conjectur Antoninoa de
ae Piua von den Berliner Herausgebern aufgenommen wurde.
Ich möchte jedoch das handschriftliche idem = item nicht missen
und nehme nur den Ausfall eines u =^ a hinter item an, wo-
nach die Stelle lautet: Antoninua item (a) ae Piua Marcum et item
Uerum i. a. uocauit Ueber uocare a ae ^nach sich benennen^,
brauche ich wohl Nichts weiter zu bemerken. Mommsen's
Antoninoa ist zwar sehr passend, aber doch nicht unbedingt
nothwendig.
AI. Seuer. 15,5: tribunoa^ qui per atellaturaa milMbus ali-
quid tuliaaent, capitali poena adfedt. Da pei' in BP fehlt, ist
atellaturia zu schreiben. So ist Marc. 6, 1 in BP baiaa statt
baiia überliefert, und Peter selbst hat Pert. 3, 5 liUeria für das
handschriftliche litteraa geschrieben.
AI. Seuer. 37, 10: pomia uehementer indulait, ita ut aecunda
menaa Uli aaepiua ponerentur^ unde etiam iocus exstitit, non
aecundam menaam Alexandrum höhere aed aecundum. GemoU
hat mit seiner Bemerkung Recht, dass es ein frostiger Witz
sei, wenn man sage, Alexander habe keinen Nachtisch, son-
dern tafle zum zweiten Male. Allein seine Conjectur ,ii(m nisi
aecundam menaam Alexandrum habere aecundum' finde ich auch
nicht witziger. Oder ist es ein Witz, zu sagen, der zweite
Alexander habe nur einen zweiten Tisch? Noch weniger ein-
leuchtend ist Mommsen's Vorschlag ,non aecundam menaam
Alexandrum habere aecundum'. Vielleicht ist aed fecund am
zu schreiben^ die Stelle gäbe dann den Sinn, Alexander habe
nicht einen Nachtisch, sondern einen Obsttisch, d. h. einen
Beitrftge sar Textkritik der BoripfeoreB hiftoriM AngutM. 379
Tisch, auB dem förmlich Obst wie yon einem Baume heraus-
vachse.
Qord. 24, 2: per illos qui amici tibi uidebantur (erant
auttm uehementes inimici)j omnia uendehantur. £b ist wol
vehementer zu schreiben (a = r), Qord. 25, 2 hat P* cohostibua
statt cohortibuSf Gord. 32, 8 bieten BP hoatis statt hortis,
Trig, 30, 19: in ministei^io eunuchoa grauioris aetatis habuit,
puellaa nimis raras. BP: rara, d. i. raro. Auch Trig* 18, 8
überliefern die Handschriften frumenta statt frumento,
ÄureL 9, 6 : salis sextarium unum, herbai*um holerum quantum
sat est Das handschriftliche herbas ist wohl aus herbae ent-
standen.
AureL 23, 5 : diuitem hominem negare non poasumj sed eius
bona eiv8 liberis reddidiy ne quis me causa pecuniae locupletem
hominem ocddi passum esse criminaretur. Statt des ersten eius
steht in BP cuius. Ohne Zweifel muss es heissen : . . . possum,
sed huius bona et ius liberis reddidi. Vgl. cap. 14, 7: iube
igituTj ut lege agatur, sitque Aurelianus heres sacrorum nominis
et bonorum totiusque iuris ülpio Crinito.
Aurel. 28, 5. Als Aurelianus nach dem Siege über Zenobia
den Orient zu seinen Füssen sah, benahm er sich auch den
Persem, Armeniern und Saracenen gegenüber herrisch und
anmassend. tunc allatae uestes quas in templo Solis uidemus
consertae gemmisy tunc Persici dracones et tiarae, tunc genus
puipurae, quod postea nee ulla gens detulit, nee Romanus orbis
vidit Da in BP iUae statt allatae steht, lese man: hinc illae
uestes ... hinc ... tiaraSj hinc genus purpurae.
Claud, 17, 3: ut eum facias a Grato et Herenniano placari,
nescientibus hoc militibus Dadscianis, qui iam saeuiuntj ne grauiter
res erumpat ipse et reL Statt res erumpat, wie Salmasius schrieb,
steht in BP reserum. Schwerlich ist hier ein Anlass zu der An-
nahme, dass die Silbe pat ausgefallen sei. Setzt man f •=. f^
um =. ant, so ergibt sich aus referum die leichte Aenderung
rem f erant.
Carus 2, 5: adoleuit deinde usque ad tempora Gallicani
beut, sed quasi quodam mersa naufragio capta praeter arcem
urbe plus prope mali sensit quam habuerat boni. In BP steht
tumebat statt habuerat; Gruterus vermuthete tum habebat.
Sollte nicht tum erat genügen?
380 P6tfch6nif.
Ein in Handschriften häufig vorkommendes Versehen ist
die Auslassung von Silben und ganzen Wörtern^ indem sich
der Abschreiber durch einen unmittelbar vorbeigehenden oder
nachfolgenden gleichen oder ähnlichen Buchstabencomplex
täuschen Hess. Auch für diese Art von Verderbniss liefern
die Scriptores zahlreiche Belege. Marc, 1, 6: cuius famüia in
originem recurrejia a Numa probatur sanguinem traherej ut
Marius Maximtis docet; item a rege Sallentino Malemnio. Der
Umstand, dass hier die Abkunft von Königen betont werden
soll, sowie das Unbestimmte des Ausdruckes in originem rt-
curren» machea es sehr wahrscheinlich, dass hinter originem
das Attribut regiam durch einen in diesem Falle leicht er-
klärlichen Irrthum ausgefallen ist.
In ganz ähnlicher Weise ist Uer, 7, 3 zu verbessern, wo
man liest: egit . . . Uerua hiemem Laodidae, aestcUem apud
Dafnen, reliquam partem Antiochiae. Es ist nämlich anni vor
dem folgenden anthi (BP bieten anthiociae) ausgefallen.
üer. 3, 2: mediusque inter Pium et Marcum idem reBedit.
BP: se resedity woraus wol idem (ip)8e resedit zu machen ist.
Auid. CasB. 2, 1: Epistulam tvam legi, soUicitam potius
quam imperatoriam et non nostri temporia. qtuim fehlt in BP
und ist von P^ ergänzt. < Es ist jedoch nicht quam, sondern
non vor der Silbe im ausgefallen. Vgl. Lactant. diuin. instit
I, 11, 17: Itaque illa potius ßcta sunt, quae tamquam de diiij
non illa, quae tamquam de hominibus locuti sunt ibid. V, 20, 11:
bono potius adducendi homines ad bonum fueranty non malo.
Zu letzterer Stelle citirt Bünemann Augustin. de ciu. dei 1, 10:
ut Christum potius diligere discerent . . . non aurum et argentum,
Auid. Cass. 2, 6: eius autem exemplum ponere mcdui quam
Domitiani, qui hoc primus dixisse fertur. Tyrannor%tm enim etiam
bona dicta non hahent tantum auctoritatis quantum debent Das
in BP fehlende malui ist wieder von P^ ergänzt, wahrschein-
lich so wenig richtig wie quam an der eben behandelten Stelle.
^ Es ist auffallend, wie oft Peter diesem Corrector selbst gegen seine
bessere Ueberzeu^ng folgt: denn er sagt über denselben (pnief. p. VII):
tertia denique manu» seculi tertii deeimi uel quavti decinU (Py ex exemplo
aliquo deierioris familiae multas scripturaa^ quae pronus nulliu* tunt
preti, (uUcripilt »aepe ud eranis primae mantia liUeri».
Beitrftge tiir Textkritik der Scriptore« hiiitoriae Augnstae. 381
Ich vermuthe^ dass urBprünglich geschriebeD stand: ponere e
re quam. Die Auslassung von magia ist hier um so weniger
auffallend^ da in der Phrase e re est schon ein Comparativ-
begriff liegt. Andere Beispiele der Ellipse von magin gibt
Dräger, Eist. Synt. II, S. 618 f.
Did.Iul,5j9: ipse autem lulianus praetarianaa in campum
deduci iubet^ munirt turres. Das schwerfällige Asyndeton ist
ohne Zweifel durch den Ausfall des et hinter iubet ent-
standen. Vgl. Clod. Alb. 14, 2, wo mit Casaubonus zu schreiben
ist: ita ui nonnulli etiam Pertinad auctores fuerinty ut eutn tibi
»ocium (xdscisceret, {et) apud lulianum de occidendo Pertinace
vpnus plurimum auctoriUu ualuerit.
Nig. 3, 9: Miserum est, ut imitari eius discipUnam mili'
tarem non possimus quem per bellum uicimue, BP bieten den
Indicativ passumus, welcher unbedenklich zu belassen ist. Der
Indicativ in indirecten Fragen hat im späten Latein eine solche
Ausdehnung, dass es hier genügt, ein Beispiel aus Spartianus
zu geben, üer, 9, 9: quid per duces nostroa gestum est, in
Morel vita plenissime disputatum est. Statt per bellum steht in
BP bloss bellum, wonach weder belh mit B^^ noch per bellum
mit P^ zu schreiben, sondern der Ausfall eines in nach quem
anzunehmen ist. in mit dem Accusativ statt mit dem Ablativ
findet sich bei den Scriptores nicht selten. Seuer, 12, 8: Com-
modum in senatum et contionem laudauit; Nig, 5, 3: nee tamen
in senatum quicquam de Nigra Seueims dixit. Vgl. Gallien, 4, 9;
Trig. 12, 12; Claud. 15, 2. Eine reiche Beispielsammlung,
die sich aber beliebig vermehren liesse, gibt Rönsch, Ital. und
Vulg.2 S. 410 S,
Nig. 3, 10: saltant bibunt cantant et mensuras conuiuiorum
uocant Uli hoc sine mensura potare, — Uli schrieb Peter für
das bandschriftliche cum; Eellerbauer vermuthete uocant, cum
hoc (sit) sine, Jordan tilgte cum mit Salmasius. Wenn man an-
nimmt, dass uocant cum aus einem ursprünglichen uocant
{tan)tum entstanden ist, und nach hoc ein Komma setzt, so
ist Alles in schönster Ordnung.
^tgf. 5, 3: cum iam audisset de eius imperio, ipse autem
profidsceretur ad conponendum orientis statum tantum, sane
iUud fecit proficiscens ut legiones ad Africam mitteret et rel,
Die früheren Ausgaben zogen tantum zum folgenden Satze.
382 Petichonif.
Indessen ist auch mit der neuen Interpunction, die man
Mommeen verdankt, tantum noch nicht völlig klar. Ich ver-
muthe daher statum (nu) tantem. Vgl. Max. et Balb. 17, 9:
ita ego precor, ut in eo stcUu nohis rem p. serueni in quo eam
uos adhuc nutantem collocaritis. Gallien, 1, 1: nutante re p.
1, 2: cum Romanum in Oriente nutaret Imperium. Oberdick
hatte dem Sinne nach richtig , aber paläographisch unwahr-
scheinlich turhatum vermuthet.
Nig, 11, 5: Scribe laudes Marii uel Annihalis ud aliui
duda optimi uita functi. Statt uel alius, wie Jordan und Peter
schreiben, steht in BP bloss cuiua. Wenn man erwägt, wie
leicht nach der Silbe iu8 ein uia ausfallen konnte, dürfte man
sich begnügen, zu schreiben: laudes Marii uel AnnibaUi,
cuiuBuie ducis optimi. Vgl. Clod. Alb. 12, 9: ah hoc speratis
cuiusuia magistratua insignia,
Carac. 1, 1: Ex duobua liheris, quos Septimius Seuerus
reliquid Getam et Basaianum Antoninoa^ quorum unum exercitus
aüerum pater dixit, Geta hoatia eat iudicaiua^ Baaaianua autem
optinuit imperium. In BP fehlt Antoninoa und am Schlüsse
steht baaaianum autem optinuit ae imperium. Prüfen wir die
Versuche, die zur Entfernung der vorliegenden Schwierig-
keiten gemacht wurden, so zeigt es sich zunächst, dass das
von Richter ei^änzte Antoninoa dem Sinne nach nothwendig
ist. Gewaltsamer ist das von Golisch eingeschlagene Ver-
fahren, welcher durch Aenderung von quorum in Caeaarem der
Stelle aufhelfen will. Indem ich also mit Richter in der
Sache einverstanden bin, will mir nur der Ausfall des Wortes
Antoninoa zwischen Baaaianum und quorum nicht recht ein-
leuchten. Nimmt man aber an, dass Antoninum hinter quorum
unum weggelassen wurde, so wird der Ausfall erklärlicher. —
Noch weiter auseinander gehen die Versuche, den Schluss der
Stelle zu emendiren. Während die alten Ausgaben den Spuren
der Handschriften folgten und, indem sie Baaaianum autem ob-
tinuiaae imperium schrieben, nach dem letzten Worte conatat
einschoben, Jordan und Peter dagegen den mitgetheilten Text
bieten, vermuthete letzterer ausserdem noch Baaaianua aut^m
optinuit rei p. imperium; Mommsen wollte Baaaianua autem
optinuit a(enatua) c(onaulto) imperium, Bährens optinuit Seueri
imperium. Ich sehe jedoch, um das handschriftliche baaaianum
B«itrt|:6 BOT Textkritik der Scriptore« historiae Angusta«. 383
und opHnuit se zu retten ^ kein anderes Mittel ausser der An-
nahme; dass autem aus notum verderbt ist. Die Stelle würde
demnach lauten: Ex duohus liheris, quos Septimius Seuerus
rüiquid Oetam et Bassianwnj quorum unum (Antoninum) exer-
cüus aUerum pater dixit, Geta hoatis est iudicatus, Bassianum
notum optinuisse Imperium,
Carac. 3, 5: multos, qui caedis eins conscii fuerantj inter-
enUt. eum qui imaginem eius hanorauit *** post hoc fratrem
patruelem Afrum, cui pridie partes de cena miserat, iussit occidi.
Ich scbliesse mich hier ganz der Meinung des Salmasius an,
welcher eum zu interemit zieht; denn er bemerkt mit Recht
,et haec fuerit uarietas morum in Antonino, ut modo conscios
fratemae neds ocdderet, modo fautores eiu»^. Vgl. Geta 7, 6:
uarietas autem tanta fuit Antonini Bassiani, immo tanta sitis
caedis, ut modo fatUores Getae, modo inimicos ocdderet, quos
fors ohtulisset. Nur erscheint mir die Setzung eines et oder
auch eines blossen Komma nach interemit nicht ausreichend,
da doch ein gewisser Gegensatz zwischen mtiUos qui . . . con-
scii fuerant und eum qui . . . honorauit obwaltet. Ich nehme
daher den Ausfall von item zwischen — it und eum an und
schreibe: multos . . . interemit; (litem) eum^ qui . . . honorauit,
Carac. 5, 5: Deorum sane se nominibus appellari uetuit,
quod Commodus feceratj cum Uli eum^ quod leonem aliasque
feras occidisset, Herculem dicerent quod fehlt in BP, Wie
Jordan richtig gesehen hat, ist nach dem vorhergehenden
uetuit einfach ut ausgefallen; im Folgenden aber ist sicher zu
achreiben: cum (rwnn)uUi eum.
Diadum. 5, 5: mulier quaedam propinqua dicitur excla-
masse ^Antoninus uocetur^, sed Macrinus timuisse, quod nuUus ex
eius genere hoc nomine censeretur, abstinuisseque nomine impera-
torio. Da que nicht in den Handschriften steht, vermuthete
Peter timens , , . abstinuisse. Es ist jedoch zu schreiben:
timuisse et, . . . abstinuisse.
Heliog. 19; 2: deinde aestiua conuiuia coloribus exhibuit,
ut hodie prasinum, uitreum alia die, uenetum deinceps exhiberet,
BP: et deinceps. Dieses et lässt sich nur erklären, wenn man
annimmt, dass zwischen die und uenetum ein dein ausgefallen
ist. Demnach ist zu emendiren: uitreum alia disy (dein) uene-
^um et deinceps.
384 PetBckenig.
AI. Seuer, 6; 1 : quam priusquam praeferanij tnseram etiam
adclamationes aenatua. Das in den Handschriften fehlende
inseram hat Jordan ergänzt. Kellerbauer glaubte in etiam die
Spuren eines ursprünglichen intexam oder innectam zu finden.
Ich meine, dass nach praeferam oder proferam (so Jordan)
nur referam ausgefallen sein könne.
Maximin, 14, 1 : hie per rusticanam plebem, deinde et
quoadam milites interemptus est f per eo8 qui rationalem in
honorem Maocimini defendebant. Diese Stelle hat zahlreiche
Conjecturen veranlasst. Casaubonus wollte inter eo8y Qmtenis
propter (= prope, iuxta), Peter ptdsia statt per eoa, Bährens
praeter. Die meiste Wahrscheinlichkeit hat wol super für
sich, da die Silbe su hinter est leicht ausfallen konnte. Natür-
lich ist super in dem Sinne von praeter (,ausser, nebst') zu
nehmen.
Maximin. 27, 7 : arrae reffiae, quae tales (ut lunius Cordw
loquiturj harum rerum persecutor) fuisae dicuntur. In BP steht
persecutor^. Dies kann ich mir nur in der Weise erklären,
dass nach loquitur ein ut^ und das t der Copula est vor dem
folgenden fuisse ausfiel; ich lese demnach ut harum rerum
persecutor est. Ganz ähnlich ist Aurel, 4, 7 in BP idem auctores
statt idem auctor est überliefert.
Gord. 11, 1: Interest, ut senatiis consultum, quo Gordiani
imperatores appellati sunt et Maximinus hostiSj litteris propa-
getur. quo fehlt in BP. Man hat daher auch nicht dieses
Wort zu ergänzen, sondern den Ausfall von cum hinter con-
sultum anzunehmen. Diese Construction beruht allerdings auf
einer Ellipse, indem etwa folgender Gedanke vorschwebt: ut
senatus consultum, (quod factum est,) cum et rel. Allein etwas
Aehnliches lesen wir auch in des Pollio Claud. 17, 1 : Ite/nx
epistola Gallieni (ergänze: quam scripsit), cum nuntiatum esset
. . Claudium irasci.
Gallien, 2, 5: Et Macrianus . . . Asiam primum uemt
lUyricumque petit. Da BP illyricum bieten, ist offenbar uenit
et zu schreiben.
Gallien. 12, 6 : Scythae . . . cum praeda in solum proprium
reuerterimtf quamuis multi naufragio perierint [nauali hello
superati sint]. Die Schlussworte hat Peter eingeklammert,
Beiir&ge zur Textkritik der Scriptores historiao Aagn!<lae. 385
während die älteren Ausgaben sinf wegliessen^ Jordan — Eyssen-
hardt dagegen nach Salmasius multi vor naiiali einschoben.
Peter hat nun allerdings Recht, wenn er (exerc. crit. p. 19)
darauf hinweist, dass diese Expedition mit der im nächsten
Capitel erzählten nicht identisch ist. Auch das ist richtig,
dass dieser Zug glücklich endete. Trotz alledem lässt es sich
recht gut annehmen, dass ein Seetreffen stattfand; nur darf
man den Ausdruck superati sint nicht zu stark betonen. ]^an
weiss ja, was von sehr vielen römischen ,Siegen' über die
Barbaren zu halten ist. Es ist daher recht wol denkbar,
dass ursprünglich im Texte stand: perierint aut nauali hello
iuperati »inU Uebrigens vergleiche man Claud, 9, 4: mulfi
naufragio perierunt^ plerique capti reges, captae diuersarum
gentium nobilea feminae.
Trig, 30, 20: filios Latine loqui iusserat, ita ut Grraece vel
difficüe uel raro loquerenttn\ Für ita haben BP id. Es muss
daher geschrieben werden: iusserat {ad) id, ut et reL
Claud. 7, 4: qui contemptu Gallieni principis a re p. de-
ftcerunt. Da in BP alio statt Gallieni überliefert ist, hat man
wahrscheinlich contemptu (inu) alid (t) principis zu emen-
diren. (Eyssenhardt schrieb talis,)
Saturnin. 7, 4: sunt enim Aegyptii . . . mathematiei hani-
»pices medici. (5) nam sunt Christiani Samaritae et quibus prae-
setitia semper fempora cum enormi libertate dinpliceant. — nam
mnt schrieb Peter für das handschriftliche nam eis; in der
Berliner Ausgabe steht iam et. Ich möchte lesen nam (in) eis
Christiani.
Numei-ian. 13, 3: autis mens rettulit interfuisse contioniy
cum Diocletiani manu esset Aper occisus; dixisse autem dicebat
Diocletianumj cum Aprum percussisset. — cum Aprum fehlt in
BP; nach dem, was vorher gesagt ist, genügt es, nach Dio-
clettanum ein cum einzuschieben.
Numei'ian. 13, 5: nam et yLepus tute es, pulpamentum
(ptaeris^ Liui Andronici dictum est, multaque alia Plautus Caeci-
liusque posuerunt. BP: est multa alia quae. Demnach dürfte
zu schreiben sein: Liui Andronici dictum est (et) multa; alia-
qm Plautus Caeciliusque posuerunt.
Den soeben behandelten zahlreichen Stellen, an denen
der Ausfall ganzer Silben und Wörter zu constatiren war, fuge
Sitznngsber. d. phil.-lii^t. (Jl. XCIII. Bd. ir. Hft. 25
386 P«tRchenig.
ich einige an, welche möglicher Weise anders zu beurtheilen
sind, als dies bisher geschehen ist. Pius 2, 10: Inc in omni
jyrivata uita in agris frequentissime uixit In BP fehlt uifa.
Obwol nun das Ausfallen dieses Wortes nach —unta sehr
leicht erklärlich ist (auch Pert 12, 2 ist in B uita nach pri-
vaia weggelassen), so ist die Möglichkeit einer Ellipse des
Substantivs doch nicht unbedingt abzuweisen, da sich Aehn-
liches nicht selten findet. AI, Senar. 11, 1: plvrimas et agens
pJ. habens fehlt grntias; Gord, 4, 3 fehlt clauum hinter latunij
Max, et Balb, 12, 1 agro (oder ciuitate) bei Raiienvati, Maximiv.
25, 2 ciuitate bei Aquileiensi, Max, et Balb, 7, 6 m bei Uene-
riae, Trig, 10, 8 rß bei militari (uir in militaH semper pro-
batus)^ Macrin, 2, 1 res bei priuatas (qui antea priuaia^ curarat),
Tacit. 16,2 donw bei in Quintiliorum,^ Diese Analogien bieten
eine bedeutende Stütze für die Möglichkeit der Ellipse von
uita. Unter der Voraussetzung, dass die ITandschriften an
unserer Stelle das Richtige bieten, lässt sich auch die Ueber-
lieferung im Leben des Geta cap. 1, 1 — 2 halten. Dort heisst
es: de ciiius (Getne) priusquam uel uita uel nece dicnmy disse-
ram, cur et ipsi Antonino a Seiiero patre sit nonien adpositum
neque enim multa in eius (so BP; in eins uita Edd.; in eim
Golisch) dici possunf, qui pmus rebus hwhiams exemptns est,
quam cum fratre teuer et imperitim.
Von etwas anderer Art ist die häufig vorkommende Aus-
lassung des Participiums factu4i in der Phrase iam. imperatnr
,al8 er schon Kaiser war'; der Ausdruck erscheint nicht nur
im Nominativ {Seuer, 3, 7; Nig, 3, 8; Heliog, 18, 4; 27, 2),
sondern auch in den übrigen Casus. Auid, Cass, 14, 1 : exint
epistula eius , , , iam. imperatons. Diadum, 1, 3: id ubi Ma-
crino iam imperatoH nuntiatum est. Pert, 13, 6: qui ad mm
confluxefi'ant iam imperatorem. Aurel. 10, 2: ab imperatore iam
Aureliano. Darnach könnte man auch den umgekehrten Fall
dass nämlich impefrntcrr bei facttt-s fehlt, für denkbar halten.
Trig, 33, 2 lautet nämlich nach BP: Post omnes tarnen honares
' Dio hier anfgozälilten ßeispicle fehlen bei Dräjjer, Hist. Synt. I, S. 47—51,
und sind auch von Plew, der p. 22 — 23 achtzehn weitere Beispiele der
Ellipse des Substantivs ans den Scriptores h. A. anführt, mit Ausnahmp
zweier Stellen (3/aa:iwt7?. 25, 2 ; 7*or»7. 16, 2) nicht berückaichtigt worden.
Beitrüge znr ToxtVritiV der Scriptores biBtoriae Ängustae. 387
am in agro tnio degeret senex niqkie uno pede ckiudicans nulnere^
quod hello Persico UaUriam temporibus acceperat, f actus et
(est BP) scinrarum ioco Claudius ajypeUatus est. Vgl. Trig, 2/>,
l~S\ Occupatis partibus Gnllicants . . . Afri quoqne . . . Celmm
mperatarem appellauenmt peplo deae Caelestis oimatum, hie
priuntus . . . hi ngi^ sriis uiuebaf, sed. ea iustitia , , . ut dignus
uideretur imperio. quare creatus per qunndam mulier em . . .
sepHmo imperii die inferemptiis est.
Wie durch die Aehnlichkeit der Schriftzeichen in un-
mittelbar auf einander folgenden Silben und Wörtern der
Ausfall eines ganzen Buchstaben complexcs veranlasst wurde,
80 trat auch häufig der umgekehrte Fall ein. Nachlässige und
unachtsame Abschreiber wiederholten irriger Weise einzelne
Schriftzeichen und ganze Wörter und brachten dadurcli oft
recht schwer zu entdeckende Fehler in den Text. Auch hievon
liefern unsere Handschriften Beispiele. Marc. 11, 7: Hispanis
exhmistis Italien adlectione contra ** Traianique p^*aecepta uerp-
cunde constduit. Die Worte Italica adlectione lassen eine ver-
schiedene Auslegung zu. Casaubonus zog sie zu consuluit und
dachte an eine Bevölkerung der durch Truppenaushebungen
erschöpften spanischen Städte mit italischen Colonisten. Andere
verstehen unter adlectio die Truppenaushebung und beziehen
It/dica auf die in Hispanien angesiedelten Italiker, welche
gemeinhin Italici genannt werden. Vgl. Hadr, 12, 4: omnibus
Hispanis Tarraconavi in cmiuentum uocatis dilectumqun ioadaritf^r
' . . retiactantibu^ Italicis, uehementissimc ceteris. Sonach stünde
hier Italica für Italicoi-um , ganz entsprechend dem Sprach-
gebrauche der Scriptores, die den Genetiv eines Nomen pro-
prium sehr häufig durch das Adjectiv ersetzen; vgl. Paucker
p. 4. Eine dritte Meinung geht dahin, dass unter Italica ad-
lectio eine Recrutirung in Italien zu verstehen sei. Gestützt
wird diese Ansicht dadurch, dass unter Marcus in der That
eine ausserordentliche Truppenaushebung in Italien stattfand ;
vgl. Marquardt, Rom. Staatsverw. , II. Bd., S. 521, Anm. 6.
Allein diese Auffassung lässt sich mit den folgenden Worten,
wo die Handschriften contra tranique prnecepta lesen, nicht in
Kinklang bringen. Für tranique mit den früheren Ausgaben
einfach Traiani zu schreiben, geht wegen des q^ie und wegen
des Plurals praecepta nicht an. Allein auch Bälirens' Con-
25*
388 Potschcttig.
jectur contra Traiani Hadrianique praecepta ist aus sachlichen
Gründen zu verwerfen. Denn erstens wissen wir von keinem
Erlasse Trajans, welcher die Trappenaushebung in Italien ver-
boten hätte; diese hatte vielmehr schon seit Äugustus, besondere
Fälle ausgenommen, aufgehört. Zweitens müssten wir, selbst
wenn an unserer Stelle mit klaren Worten contra Trafani prae-
cepta überliefert wäre, die Richtigkeit dieser Ueberlieferung
bezweifeln. Denn es wäre doch mehr als seltsam, wenn schon
der nächste Nachfolger Trajans ein so wichtiges Verbot igno-
rirt hätte. Wie wir nämlich anderweitig erfahren (Marquardt
a. a. O.), hat auch unter Hadrian eine Aushebung in Italien
stattgefunden. Müssen wir sonach annehmen, dass weder ein
derartiges Verbot Trajans, noch auch Hadrians existirte, so
lässt sich vielleicht durch eine andere Beurtheilung der Ueber-
lieferung ein befriedigender Sinn gewinnen. Betrachtet man
nämlich tra in tranique als durch Dittographie aus contra ent-
standen, so ergibt sich die leichte Aenderung contra [tra]
iniqua praecepta, und der Sinn der Stelle ist: ,Marcus schaffte
dem durch Aushebungen unter den Italikern erschöpften
Hispanien Abhilfe gegen unbillige Anforderungen^
Seuer. 4, 5 — 6: proficiscens ad Germanicoa exerdtus hortos
spatiosos conparauit, cum antea aedes breuissinias Romas hahuisset
et unum fundum in uicinUu in his hortis cum humi iacens epula-
retur cum filiis parca cenaj pomaque adposita maior filius, qui
tunc quinquennis ei^at, conlusorihus puerulis manu largiore iini-
deretf paterque illum reprehendens dixlsset: ,parcius diuide, non
enim regias opes poaaides^, quinquennis puer respondit: ,8ed
possidebo* inquid. Diese Stelle leidet an einem bisher noch
nicht mit Sicherheit geheilten Gebrechen. Statt der Worte in
uicinia, welche Peter aus Conjectur aufnahm, steht in BP in-
uenit etiam. Dafür vermuthete Salmasius in Uenetia, Jordan
in vicinitate, Kellerbauer in prouincia. Vor Allem ist hier die
Argumentation des Salmasius abzuweisen, welcher, um seine
Vermuthung zu rechtfertigen, die Frage aufwirft: ,8ed unde
Romae fundi ? aut quis unquam agros et fundos Romae possidere
dictua estf Als ob der Genetiv Romae ebenso mit fundum ver-
bunden werden müsste, wie mit aedes! Gesagt ist also keines-
wegs, dass Seuerus dieses Landgut zu Rom besass, aber sehr
wahrscheinlich ist es nach dem Zusammenhange, dass dasselbe
BeitrAgo zur Textkritik der Scriptorcs liistoriae Augnsta«. 389
in der Nähe der Stadt gelegen war. Dies yorausgeschickt, ist
die EmendatioD der Stelle nicht so schwierig. Die Worte
fundum innenit der Handschriften sind nämlich durch die
doppelte Schreibung des m aus fundum (e) uenit entstanden.
Es ist demnach hinter fundum zu interpungiren und dann
fortzufahren euenit etiam in his hortia: cum humi iacens epula-
retur et rel. Nach euenit sollte man allerdings ein %d erwarten ;
aber die leichte Anakoluthie ist durch die Länge der folgenden
Periode veranlasst, und ich finde es daher auch nicht für
DÖthig, zu der nahe liegenden Vermuthung euenit etiam (id) in
Jas kortis die Zuflucht zu nehmen.
Seuer. 9, 6: in multos saeue animaduertit, praeter ordinem
senatoriumj qui Nigrum fuei'ant secuti, multas etiam duitates
eiusdem partis iniuriis adfedt, BP bieten ae statt aaeue. Wahr-
scheinlich ist dem folgenden multaa etiam entsprechend zu
schreiben: in multoa et animaduertit. Aus der Dittographie
muUoa aet war multoa ae entstanden.
AL Seuer, 55, 1 : cum ipae comua ohiret, militea admoneret,
mb ictu teli ueraaretur. BP: aubiectuatu teli, was auf ein ur-
sprüngliches auhiectva felia hinweist.
Die Scriptores h. A. sind von Glossemen und Inter-
polationen mannigfacher Art nicht frei geblieben. Gallien,
11, 3: Cum, tarnen aiM militea dignum pnncipeni quaererent,
GaUienua apud Athenaa archon erat, id eat aummua magiatratua.
Schon die Thatsache, dass unsere Autoren sich zahlreicher
griechischer Wörter bedienen (vgl. die Zusammenstellung bei
Paucker p. 38—48), lässt darauf schliessen, dass PoUio weder
fiir sich selbst, noch für seine Leser einer Erläuterung des
Wortes archon bedurfte. Die Vermuthung wird jedoch da-
durch zur Gewissheit; dass an anderen ähnlichen Stellen die
Hand eines Interpolators mit Sicherheit erkannt werden kann
und auch erkannt worden ist. Auid, Caaa, 3, 7: aed per ordi-
nem paraeneaeoa [hoc eat praeceptionum] pet" triduum diaputauit.
Max. et Balh, 8, 6: ut ciutum aanguine Utato apecie pugnarum
^^Nemeaia [id eat uia quaedam Fortunae] aaiiaret Nach diesen
Beispielen ist es nicht zweifelhaft, dass die Worte id eat
9ummua magiatratiia als Interpolation aufzufassen und zu ent-
fernen sind.
390 PetAchenig.
AL Seiler. 15, 3: iure iurando deimle se constrhixit , ne
quem ndscrijdum, id est nacantiuumy haheret. Es ist nicht
(«glaublich, dass Lampridius den in der Militärsprache gewiss
sehr geläufigen oder vielmehr (wie adscripiidus, adscriptitm)
üfficiellen Airsdruck adscriptus durch einen mindestens nicht
geläufigeren erklärt haben sollte. Die Worte id est uacantiuum
sind ohne Zweifel interpolirt und zu streichen. Vgl. Trig, 18, 11,
wo mit J. J. Cornelissen ' zu schreiben ist: Est et alia eins
epistola qua gratias Ballistae aitj in qua docet, sibi praecepta
gnbeniauJae rei p. ah eodem data, gaudens^ quod eius consiKo
nidlum ad Script icium [id est uacantemj haheret [etj trihunum,
nulluin stipatorem qui non uere aliqvid ageret, nulluni militeni
qtU non uere pugnaret,-
Zum Schlüsse lasse ich eine Reihe von Emendationen
und Vermuthungen folgen, welche aus verschiedenen Gründen
nicht in den Rahmen einer systematischen Behandlung ein-
gefügt werden konnten.
//ac/r. 11, 1: reditns sollerter explorans, vt, si alicuhi quip-
piam deesset, expleret. — si fehlt in B^ P^ und ist erst von
dritter Hand beigefügt. Vielleicht stand ursprünglich ut
ilico, uhi.
Iladr. 11, 3: Septicio ... et Suetonio . . . multisque aliisj
quod apud Sabinam uxareni iniussu eins familiarins se tnnc
egerant quam reuerentia d^mius aulicae postulahat, successores
dedit, uxorem etiani ut morosam et asperani dimissurus. Mit
Recht bemerkt Peter zu iniussu: ,mihi suspectum^. Denn es ist
entschieden widersinnig, zu sagen, man habe gegen die Kaiserin
,ohne einen Befehl' des Kaisers einen zu vertraulichen Ton an-
geschlagen, da der Kaiser ja einen solchen die kaiserliche
Würde herabsetzenden Befehl überhaupt nicht hätte geben
können. Zudem steht auch nicht iniussu in BP, sondern uni-
ussu. Ich glaube nicht zu irren, wenn ich annehme, dass
darin die Worte nimio usu stecken. So erhalten wir einen
vortreflflichen Erklärungsgi'und zu den Worten familiaritts s*'
' Coiiioctanea latina, Daventriue 1870, p. 65.
- Dio Bezcicliiiuii{2feii nacamt uud ucLcantimis scheinen einer späteren Zeit
anzuj^cliörcn ; sie finden sicli erst bei Ammianus, Vejj^etius uud Syuesius
(,3a/.avTrji5oi) j vpl. Marquardt^ Köm. Staatsvervv. II. Bd., S. 447.
Beitrüge zur Textkritik der Scriptoreb historU« Aoguetae. 39 L
Urne tgerant. Der häufige (nimiua = viagnus) Verkehr mit
Sabioa erzeugte unwillkürlich einen vertrauteren ToU; als
schicklich war. Die Begriflfe mus und familiariUis werden
überhaupt gerne verbunden. Cic. ad fara. XIII, 23, 52: con^
innctits magjw usu familiaritatis. Liu. 40, 21 : insinuaret se in
quam maxime familiärem usum.
Hadr, 22, 5: diligentia iwlicis suniptus conuiuii consiituit
et ad anticum modum redegit. Es ist hier von der Soi^falt die
liede, mit welcher der Kaiser die Ausgaben für seine Tafel
cootrolirte und die Spartianus auch an einer anderen Stelle
erwähnt; 17, 4: ad deprehendendaa ohsonatomm fraudes, cum
plurimis simmatibus pasceret, fercula de aliis mensis etiam ultimis
quibusque adponit Was hat nun mit der Sorgfalt eines guten
Rechenmeisters und Hauswirthes die Gewissenhaftigkeit eines
Richters zu schaffen? Dass iudids unpassend sei, scheint auch
Mommsen gefühlt zu haben, da er sumvia (aus dem vorher-
gehenden summissa) diligentia in dies vermuthete. In den
Handschriften steht iudices, welches, wenn man das durch
Dittographie aus dem folgenden sumptus entstandene s weg-
lässt, recht wol aindice gelesen werden kann. Damit wäre
die Achtsamkeit des haushälterischen Kaisers, der, imi die
Ehrlichkeit seiner Köche zu prüfen, selbst kleine Mittelehen
nicht verschmähte, ganz treffend charakterisirt. Bezüglich des
adjectivischen Gebrauches von uindex verweise ich auf Kühner,
Aiisführl. Gramm. L Bd., S. 357, wo drei Beispiele aus Dichtern
angeführt sind. Dass diese Verwendung aber auch der späten
Prosa nicht fremd war, ergibt sich aus Optat. Mileuit. de
schism. Donatist. II, 19: navi iidem canes . . . ipsos dominos
«uos , . . deute aindice . . . laniauefi'unL
Marc. 1, 2: auus Annius Ueriis iterum consuL Da dies
mit der Angabe des Dio (69, 21 'Awicu BiQpou, tcj -zpiq OxaTE'jaavTs^
Aal zoXiapxT^icavTo;) nicht stimmt, vermuthete Peter ter. Der
Ueberlieferung näher liegt tertinm, welches nach dem Sprach-
gebrauche der Scriptores in dem Sinne von ter stehen kann ;
vgl. Paucker p. 89 ff.
Marc, 13, 4: tunc autem Antonini lege» sepeliendi sepvl-
chrorumqv-e asperrimas sanxerunt, qnando quidem cauerunt ne
quisqui» iielhit fabricaretur sepulchrum. BP: ne quis uelle ab-
fahricaretur sejndchrum. Zu dieser Stelle bemerkt Madvig,
392 PctMchcnig.
Advers. critic. II. Bd., p. 632: ,Scriptum fuisse opinar: „»e
quis uillae applicaret sepulchrum^^ ; nisi quis „adfabiicaretur^*
retinere audet'. Da ich gleichfalls uillae adfahricaretur ver-
muthet hatte, erachte ich es auch nach Madvig nicht für über-
flüssig, eine Begründung dieser Schreibung zu^ geben. Dieselbe
empfiehlt sich zunächst aus sachlichen Gründen. Bekanntlich
war es ein ganz gewöhnlicher Gebrauch, die Grabdenkmäler
neben den Villen anzulegen; ein Verbot, dieses zu thun, ist
daher zur Zeit einer heftigen Epidemie etwas so Natürliches,
dass darüber weiter kein Wort zu verlieren ist. Der Umstand
ferner, dass adfahricari vielleicht ein Smoi!^ stfr|{ji£vov ist, kann
nicht gegen diese Emendation sprechen. In den Scriptores
finden sich weit über hundert xkol^ XEvofxsva, darunter (nach
Plew p. 27 f.) dreizehn Verba. Die Bildung eines Deponens
adfabricor in dem Sinne von ,dazu-^ oder ,anbauen' ist aber
um so weniger auffallend, da das einfache Verbum auch bei
Vopiscus als Deponens erscheint. Prob, 20, 6: orhis terrarum
non arma fabricabitur, Uebrigens ist wenigstens ein Participium
affabricatus (von affabricare) nachgewiesen, und zwar bei
Augustin. de mus. 6, 7: constietudo qucLsi secunda et quasi
affahncata natura dicitur.
Marc. 16, 3—4: Post üeri obitum Marcus Antoninus solus
rem ijublicam tenuit, mxdto melior et feracior ad uirtutes, quippe
qui nullls Ueri iam impediretur aut simulatis callidae seueritatiSf
qua nie ingenito uitio laborabat, erroHbus aut his qui praedime
displicebant Marco Antonino iam inde a primo aetatis suae
tempore uel institutis mentis prauae uel moribus, Dass dem
Verus nicht mit Unrecht der Vorwurf der Härte gemacht wird,
zeigt die Charakteristik des Victor, der ihn ingenii asperi nennt,
wie des Eutropius, der von ihm sagt (VIII, 10): uir ingenii
purum ciuilis^ reuerentia tamen fratris nihil unquam atrox ausus.
Was aber eine seueritas callida sei, darauf vermag ich mit Sal-
masius keine Antwort zu geben. Vielhaber vermuthete rfw-
simvlatis callide, nicht besonders glücklich; denn wenn Verus
die Fehler seiner angeborenen Rauhheit zu verhehlen wusste,
so waren sie nicht mehr erkennbar und bildeten demnach für
Marcus kein Hinderniss. Ist simulatis richtig, so muss es seinen
Gegensatz haben; dieser findet sich, wenn wir lesen: qui nulUs
ueris iam impediretur aut simulatis callide seueritatis .» ,
Beiträge zur Textkritik der Scriptores historiae Augusiae. 398
erroribus. Demnach würde unterschieden zwischen Fällen wirk-
licher Strenge des Veras und zwischen solchen, wo er sich
derselben in schlauer Weise nur als einer Maske bediente,
offenbar zu dem Zwecke, um gegenüber der übergrossen und
vielfach getadelten Milde des Marcus in einem anderen Lichte
zu erscheinen. Haupt vermuthete cumulatis calidae ueritatiSj
quo. Ich glaube jedoch, dass die uerlfas, selbst wenn man
das Wort mit , Grobheit' übersetzt, keinesfalls unter die uitia
gerechnet werden könne.
Marc, 16, 2: quo quidem tempore ipse imperator filio ad
triumphalem curmm in drco yedes cucurrit, — ipse, wie Peter
nach Obrecht schreibt, wie des Salmasius Conjectur senex
können nur als zweifelhafte Nothbehelfe für das handschrift-
liche sine dienen. Ich erkenne in diesem die unseren Scriptores
80 geläufige Partikel saiie, welche, wie Plew p. 35 treffend
bemerkt, ,8ine certa uUa notione' bloss zur Satz Verknüpfung
verwendet wird. Was ihre Stellung im Satze betrifft, so findet
sie sich selten zu Anfang desselben, meist an zweiter oder
dritter Stelle. Vgl. Marc, 18, 5: et parum sane fuit; 23, 9:
famafuit sane; Commod, 10, 3: si quis sane; Trig, 3,8; AureL
18, 3: accepta est sane.
Marc. 18, 4: Hie sane uir tantus et talis ac diis uita et
motte coniunctns filium Commodum dereliqxdt; quiy si felix
fuisset, filium non reliquisset. Wenn man diese Worte liest,
ftihlt man sofort, dass das logische Verhältniss zwischen Be-
dingung und Bedingtheit geradezu umgekehrt ist. Es ist
daher wahrscheinlich zu emendiren: qtd sie felix fuisset, (si)
ßium non reliquisset.
Marc. 25, 1 : relicto ergo Sarmatico Marcomannicoque hello.
Die Lesart der Handschriften relecto führt eher auf reiecto,
Auid. Cass, 1, 1 : Auidius Cassius, ut quidam uolunt, ex
familia Cassioi'um fuisse dicitur per matrem, homine nouo genitus
Auidio Seuero, qui ordines duxerat et post ad summas dignitates
peruenerat. Mit diesen Angaben steht Dio's Bericht in voll-
ständigem Widerspruche; 71, 22: 6 Bs Syj Kaaatoq 26po; jisv iv,
"r^; K'jpcü ?jv, avY)p os opt^TOi; v^vfexo , . . 'jtXyjv y.a8' oaov 'HX'.oSwpou
T'-vo;, aYöncTQTc!)? £•(; tyjv ttj«; Aiyuttcoj -fi'^eiJ.ovixf e^ eji-TCStpiai; ^rjTopix^^
"psywpT^cavTcg, u'.b; y^v. Während also nach Vulcatius der Vater
des Avidius den Namen Avidius Severus führte und nach einer
394 Potöchenig.
militärischen Laufbahn zu hohen Würden gelangte, nennt Dio
denselben Ileliodorus und deutet mit den Worten i^ £(i-£tp{i:
pir;TopaT]; eine ganz andere Laufbahn des Mannes an; auch sein
dYaTDQTü); stimmt schlecht zu des Vulcatius summas digniiaUs,
Ein solcher Widei*spruch lässt sich nicht einfach dadurch
lösen, dass man annimmt, derselbe habe mit seinem vollen
Namen Avidius Cassius Heliodorus geheissen, oder dass man
die Berichte des Dio und Vulcatius auf verschiedene Quellen
zurückführt. Dio verdient schon an und für sich entschieden
mehr Glauben als der späte Vulcatius; für ihn spricht auch,
dass ein Sohn des Cassius (ohne Zweifel der älteste und des-
halb auch gefährlichste, da er allein von allen Rindern des
Cassius deportirt wurde) Heliodorus hiess; vgl. Marc. 26, 11.
Zudem beruht der mitgetheilte Text der Stelle des Vulcatius
nur auf Conjectur, während die Handschriften bieten: per
marem tarnen nouo genitus. Man hat daher statt notw schon
frühzeitig atto vermuthet, was sich trotz des entschiedenen
Widerspruches des Salmasius recht gut halten lässt. Zwei
Argumente sind es hauptsächlich, auf welche sich dieser Ge-
lehrte stützt. Zunächst bestreitet er, dass man sagen könne:
auo genitus. Darauf ist zu erwidern, dass genitxis von den
Scriptores h. A. manchmal im Sinne unseres ,abstammend'
oder ,horstammend' auch mit Länder- und Städtenamen ver-
bunden gebraucht wird. Vgl. AI, Seuei\ 1,2: arbe Arcena genituf^;
AureL3y2: Moesia geiiitum. Ferner meint Salmasius, dass man
zunächst nicht den Namen des Grossvaters, sondern des Vaters
erwarte, da es die Qewohnheit dieser Geschichtschreiber sei,
vor Allem über die Eltern der Regenten Aufschluss zu geben.
Auf diesen Einwand kann man erwidern, dass die Scriptores h. A.
dort, wo ihnen das Material vorlag, alle Verwandten zu nennen
pflegen, wobei der Grossvater fast niemals fehlt, dass aber auch
Fälle vorkommen, in welchen die Eltern nicht genannt werden,
entweder weil sie nicht bekannt waren, oder weil dies un-
wesentlich schien. Manchmal scheint aber hierbei auch die
reine Willkür oder der Zufall gewaltet zu haben. So nennt
Capitolinus den Vater des Maximus, obwohl derselbe aus der
Plebs war, den des vornehmen Balbinus aber nicht, sondern
nur dessen Ahnherrn Baibus Cornelius Theophanes. Von noch
geringerem Gewichte ist die Behauptung des Salmasius, dass
Beiträge znr Textkritik dor Scripte reu historiae Angastoe. 39o
Avidius Severus, wenn er der Grossvater des Cassius war,
unter Marcus schwerlich mehr am Leben war; denn dies
konnte in dem Falle, als er des Cassius Gross vator von
mütterlicher Seite war, doch leicht möglich sein.
Um nun wieder auf die Stelle des Vulcatius zurückzu-
kommen, so acceptire ich die Vermuthung auo für nouo und
schreibe mit einer weiteren leichten Aenderung: ex familia
Cassiaruvi fuisse dicitur per matreni tantunij auo genitus Auidio
Stuero, So erkläi't sich auch der Name Avidius Cassius. Den
ersteren führte er nach seinem Grossvater, den andern nach
der gens, von der er mütterlicher Seits abstammte oder ab-
stammen sollte.
Auid. Ca88. 14, 3: Marcus homo sane optimiis, qui dum
Clemens dici cupit. In BP steht dementes, was offenbar aus
dementem se (clementese) entstanden ist; vgl. Pert, 15, 8, wo
Jordan — Eyssenhardt mit Recht nach den Handschriften
schreiben: quam (epistuUim) ego ins er i oh niviiam longi-
tudinem nolui,
Commod, 9, 6: debiles pedibus et eos qui ambulare non
posbeiit in gigantum modum foimauity ita ut a genibus de pannis
et Unteis quasi dracones degererentur. Die Berliner Herausgeber
lesen nach einer Vermuthung Mommsen's: quasi in dracones
redigerentur. Nach Dio's Bericht (72, 20) : xavxa? toI>^ twv tcoBwv
£v TTj TziiXti 'J7;b varou t) hipaq Tivb<; cjujjL^opi^ saTSpr^Ixivou«; dOpotaac
:p2/i*/T(ov i£ Tiva auTC^ ciBr^ T:s.p\ Ta -(z^toLix izzpiiizXi^c ist ohne
Zweifel tegerentur zu schreiben, üeber de = Abi. instrum.
vergleiche man die reiche Sammlung bei Rönsch, Ital. und
Vulg.2, S. 393—395, wo diese Stelle gleichfalls citirt ist.
Commod, 10, 4: iiavi eum quem uidisset albescentes inter
nigros capillos quasi uermiculos luJjere, sturno adposito, qui se
i^vmes secfari cred&ret, capite suppuratum reddebat obtunsionibus.
Das letzte Wort ist durch Conjectur von Casaubonus her-
gestellt, während in BP ohtunsioneiis steht. Dass dies nur
obtunsione oris (,durch die Stösse des Schnabels') gelesen
werden könne, ist an und für sich kaum zweifelhaft und wird
ausserdem durch Commod, 9, 6 bestätiget: cum Anubim portaret,
capita Isiacorum grauitefr ohtundebat ore simulacri,
Commod, 14, 1: Per haue autem neglegentiam, cum et an-
nonam uastarent hi qui iunc rem puhlicam gerebant, etiam inopia
396 Petacbeni?.
ingens Romae exorta est, cum fruges non deessent. Dass trotz
des Vorhandenseins von Qetreidevorräthen eine Noth entstehen
konnte, ist jedenfalls seltsam und erweckt den Verdacht^ dass
der Text nicht richtig ist. Herodianus schiebt zwar die Hungera-
noth einzig und allein dem Kleandros in die Schuhe (I;12;4).
Allein bei Dio lesen wir von einem thatsächlichen Getreide-
mangel, der nur durch das ränkevolle Gebahren des Getreide-
praefecten Papirius Dionysius noch gesteigert wurde. Er be-
richtet nämlich 72, 13: £y^v6to jjlsv ^ap xat aXXwq la^ypi cits-
S£(a, £7:1 ^rXeicTOv S' auTr^v HocRipioi; Acsvjffio; iirt toj aiiou TSTarfl^Evs;
£wrj'j5t;ff£v, Tv* w«; attidiTaTov au-rij? tov KXeavSpov . . . %a\ jjLiriJffWJ'.v z\
T(i){jLa?ci xal Sia^OfipioGi. Da somit der Mangel an Lebensmitteln,
gleichviel ob durch das Verschulden des Praefecten oder aus
anderen Ursachen, ein wirklicher und thatsächlicber war,
müssen die Worte cum fruges non deessent unrichtig sein.
Zudem bieten BP cum fruges et non deessent. Ich vermuthe,
dass zu schreiben ist: cum fruges emendae essent (tn = m,
0 = e),
Pert. 6, 3: sane tarn postero kalendarum die cum statuae
Commodi deicerentur, gemuerunt milites. Für tawi, wie Peter
schrieb, steht in BP cum. — sane cum dürfte wohl aus sane-
quam entstanden sein.
Did. Jul. 2, 3: et semper ab eo collega est et successor
appellatuSf maxime eo die cum filiam suam lulianus despondens
adfini suo ad Pertinacem uentsset idque intimasset. dixit: ** que
dehita reuerentia, quia collega et successor meus est. Zu dieser
Stelle bemerkt Casaubonus: deest aliquid manifestissime sup-
plendum in hanc sententiam: ,dixit tum iuueni PertinaXy Hunc
tu obserua dehita reuerentia, quia c* Allerdings drückt sich
Capitolinus Pert. 14, 4 deutlicher aus: nam cum ei Didius
lulianus fratris filium obtulisset, cui despondebat filiam suam,
adhortatus est luuenem ad patrui obseruationem et adiecit: Ob-
serua collegam et successorem meum. Indessen dürfte es doch
möglich sein, dass in que der Ueberrest des Imperativus pro-
sequere zu suchen ist. Dann wäre nach appellatus ein Punkt,
nach intimasset ein Komma zu setzen und darauf fortzufahren
dixit: Prosequere dehita reuer entia. Vgl. Lactant. diuin. instit.
VI, 9, 24: hie est sapientiae gradus primus, ut scianius, quis sit
nobis uerus pater, eumque solum pietate dehita pi^osequamur ;
Beitrige zur Textkritik dor Scriptores hiKtoriae AugUBtae. o97
VII, 5, 5: ü tienim patrem suum dehüa ueneratione pro-
wquitur.
Seutr. 14; 4: i-umore deinde belli Parthici extincti patn
matri auo et vacori prion per se 8tatv4i8 conlocauit. Der erste
Theil dieses Satzes kann nicht richtig sein, da wir im §. 11
desselben Capiteis lesen profectus dehinc ad bellum Parthicum
est, und da auch im Weiteren nur von den Vorbereitungen
und der Abreise zu diesem bereits ausgebrochenen Kriege die
Rede ist. Vgl. 15, 1 : Erat sane in se^-mone uolgaH, Parthicum
helhm adfectare Septimium Seueinim gloriae cupiditate, non all'
qm necessitate deductum (necessitate [de] ductum^). traiecto
denique exercitu a Brundisio continuato itinere uenit in Syriam
Parthosque summouit. Zwar hatte Severus auch schon nach
dem Siege über Niger mit den Parthern gekämpft, aber da-
mals hatte der Krieg mit ihrer Niederlage geendet, cap. 9, 9 :
deinde circa Arabiam plura gessit, Parthis etiam in dicionem
redaetis. Von diesen Worten an ist bis zu unserer Stelle von
den Parthern nicht mehr die Rede, so dass man durch die
Worte i-umore belli PaHhici extincti förmlich überrascht wird.
Nach Dio (75, 9) hatten die Parther, während Severus den
ÄlbinuB bekämpfte, Mesopotamien erobert und Nisibis be-
lagert. Der Krieg war also thatsächlich ausgebrochen, bevor
Severus zur Bekämpfung der Feinde in den Orient zog. Man
erwartet daher an unserer Stelle das gerade Gegen theil des
Gesagten; nicht das Gerücht von der Beendigung des Krieges,
der kaum erst angefangen hatte, sondern nur das Gerücht vom
Ausbruche desselben konnte sich damals verbreiten. Es muss
daher die Stelle nach BP, wo extiti statt extincti überliefert
ist, so geschrieben werden: rumor deinde belli Parthici ex-
titit, patri matri et rel.
Seuer. 19, 8: leguminis patrii auidus. Ob in Afrika und
Bpeciell in der Tripolis Hülsenfrüchte von besonders guter
Qualität gediehen oder ob mit legumen patrium eine bestimmte
Hülsenfrucht bezeichnet werden soll, ist ungewiss. Ich zweifle
an der Richtigkeit der Lesart und vermuthe leguminis porri
auidus,
Nig. 3, 11 : emenda igitur primum tribunos, deinde militem,
^em quamdiu non timueris, tamdiu timeberis. sed scias idque de
^tgro, militem timere non posse, nisi integri fuennt tribuni et
398 Petaclxenig.
duces militum, Peter hat zum Theile die Emendation des
Salmasius angenommen, welcher no7i ergänzte, und timehms
statt des handschriftlichen timehia nach der Vulgata geschrieben.
Jordan — Eyssenhardt geben mit BP : quem quamdiu timmm
tamdiu timebis, Mommsen vermuthete tamdiu (non) timdnt.
Da auf das timere der Soldaten, wie der folgende Satz beweist,
ein besonderer Nachdruck gelegt wird, ist mit möglichstem
Anschlüsse an die Uobcrlieferung zu schreiben : quem^ quamdin
timuerit, tamdiu tenebis. Vgl. Tac. Ann. I, 29: rdhil in
uulgo modicum; te^Tei^e, ni paueant ; uhi pertimuerintj in-
pune ontemni.
Clod, Alb. 2, 5: sane ut tibi insigne aliquod imperial^
maiestatis adiciam, habebift utendi coccini pallii facultMeim f me
praeseiüem et ad me et cum mecum fueris, habiturus et purpiirnm
sed sine auro. In BP steht accedam. Die älteren Ausgaben
schrieben accedat^ Jordan addam, Qolisch vermuthete annectnm.
Ich ändere: insignia aliquot . . . accedanty da im Folgen-
den zwei Attribute der Kaiserwürde, coccini pallii facultas und
jnirpura, erwähnt werden. So erklärt sich das accedam der
Handschriften auf die einfachste Weise, insignia wurde vor
aliquot nach Auslassung des schliessenden a leicht zu insigne.
Was aliquod = aliquot botriflFt, so verweise ich darauf, dass
quot in BP meist quod geschrieben wird; vgl. Heliog. 27, 4 und 6;
Maximin. 13, 2; AI Seuer. 41, 3; 42, 4; Gord. 21, 4; Trig.
10, 11; Prob. 12, 5 (zweimal). — Im Folgenden vermuthete
Peter facultatem perpetuam et absque me et cum, Jordan vie
praesidente, eandem et cum. Ich möchte schreiben: facultatem
et in praesente statione et cum meaivi fueris.
Clod. Alb. 13, 1: Fuit statura procei-us, capillo renodi et
cHpso , fronte lata et candore mirabili, ut plerique putent, quod
ex eo nomen accepevit. BP: et ut, was wol nur aus it{a) «/
entstanden sein kann. — Ebend. : in luxuHe uarius, nam snefe.
adpetens uini, frequenter abstinens. Da in BP luirium steht, ist
vielleicht zu schreiben: uarii amans, saepe.
Clod. Alb. 13, 5— G: Si senatus p. R. suum iüud ueinn
haberet impemum, nee in unius potestate res tanta consisterei,
non ad Uitellios neqti^ ad Nerones neque ad Domitiwios publica
fata nenissmi, ih imperio consulari nostrae illae gente^ Ceioniornm
Albinorum PostnmionCm, de quibus patres ueMri, qai et ipsi ah
Beiträge zur Textkritik der Seriptores hiRtoriae Aagnstae. 399
am suis nudierant, multa dtdicerunf, et cevte Africam Ronimw
impetio senahis ndmnxii, Gallinm senatns suhegif et Hisjyamafty
wientalibus popuUs senatus dedit legesj Parthos temptauit senatvs.
So Peter; aber in dieser Fassung ist die Stelle ganz unvei*-
ständlich. Nimmt man an — und dies ist das natürlichste —
dasB der Nachsatz zu dem conditionalen Vordersatze mit den
Worten nmi ad UitelUos beginnt, so ergibt sich die zweifache
Uuzukömmlichkeit, dass in dem Satze in imperio . . . Postumio-
rum die Ellipse von essent anzunehmen ist, und dass dieser
Satz nicht in den Zusammenhang passt. Denn der Gedanke:
jWenn der Senat, nicht aber Einer herrschen würde, so wäre
ein Vitellius und Nero unmöglich gewesen und unsere alten
Geschlechter wären im Besitze der consularischen Gewalt'
entbehrt aller Logik, da die Nachsätze nicht zusammenpassen.
Daher hatten die früheren Herausgeber Recht, wenn sie njich
uemssent stark interpungirten. Freilich bleibt auch so die
harte Ellipse stehen, und das folgende rfe quibiis . . . didicerunt
ist vollkommen sinnlos, ausser man schreibt mit Obrecht didi-
dertint. Ich glaube den Schwierigkeiten auf eine andere Weise
abhelfen zu können. Liest man nämlich adiecerunt fü^ didice-
nmtj und nimmt man an, dass dieses Verbum zu gentes gehört,
so fehlt zwar das Verbum in dem Satze de quihus patres uestii;
allein aus dem Zusammenhange lässt sich leicht ein dixerunt
oder locufi sunt ergänzen und diese Ellipse mit Beispielen ver-
wandter Art belegen.^ Die ganze Stelle aber wird so voll-
kommen verständlich : hi impei'io cotisulan nostrae illae gentes
Cevmiorum Allnnoriim Postumionim , de quibns patres uestri
(locuti sunt), qui et ipsi ab auis suis audierant, multa ad-
ifterunt: et certe Africam Romano impei'io senatum adtnnxity
Gallinm senatus subegit et Hispanias et reL Der Sinn ist:
,Weun der Senat herrschen würde, so würden nicht so verächt-
liche Menschen, wie ein Vitellius, ein Nero, ein Domitian, die
* Vgl. Tt'iff. 8, 4: aed de hoc niTtiis multa (erg. dixi), de quo itlud ad-
didi»»e »Otts eat. Trig, 32, 1 : Docef. Dexippiu, nee Jlerodianwt tacet omne»-
qne qui tdlia leqenda poHeris tradidtrunt (erg. dinwif). Claud, 1,1: uenlum
^M ad prinripem Claudinm, qui nohis intuihi Constanti CaeaaHa cum cura
in liUei'as digerenduA eaf, de quo ego idctrco rectisare non potui (erg. quo
mimit in littera.t digereremj. Mehr bei Plew p. 56.
400 Pptscheniß.
Macht besitzen. Ferner verdankt das Reich seine Erweiterung
auch nur den senatorischen Familien. Jene haben Vieles
hinzugewonnen. Der Senat war es, der Afrika dem römischen
Reiche einverleibte, der Senat hat Gallien und Hispanien
unterworfen' u. s. w.
Carac, 2, 5 : dixit praeterea in castrisy fratrem sibi iiewaiwm
parasse, matn eum inreueventem fuisse. Hier dürfte wol etiam
für eum zu schreiben sein.
Carac. 5, 8: naufragii periculum adit antemna fracta, ita
ut in scafam cum protectoribus uix descenderet. Statt uix steht
in BP ita, wofür Golisch cito wollte. Vielleicht ist uitae zu
schreiben.
Carac. 8, S: et fertur quidem Papinianus, cum raptus a
militibus ad Palatium traheretur occidendus, praedivinasse diceuSj
stultissimum fore qui in suum subrogaretur locum, nisi adpetifam
crudeliter praefecturam nindicaret, BP haben dicentem, die
älteren Ausgaben Papinianum . . . dicenteni. Ich vermuthe
dicena eum.
Oeta 5, 1 : fuit in litteris aasequendis tenax ueterum scripfo-
rum. Da in BP et tenax steht, ist offenbar zu schreiben: in
litteiis assequens et tenax.
Macrin. 3, 9: alii uero tantum desiderium nominia hxdus
fuisse dicunt^ utj nisi populus et milites A7itonini nomen audirenfj
imperaforium no7i putarent. Für imperatoHtim ist wahrschein-
lich imperatorem eum (Diadumenum) zu schreiben.
Macrin. 4, 4: donatum autem anulis aureis, patrodnante
sibi conliberto suo Festo, aduocatum fisci factum sub Uero Anto-
nino. Der Name Uei^tAS hat den Kritikern viel zu schaffen
gemacht. Peter, welcher »t*/; Caracallo Antonino vermuthete,
hat insoferne Recht, dass, nachdem im §. 3 davon die Rede
war, dass Macrinus von Severus nach Afrika verwiesen wurde,
hier kein Kaiser gemeint sein könne, der vor Severus regierte,
sondern nur dieser oder Caracallus. Die Möglichkeit aber,
dass aus Caracallo ein Uero geworden sei, muss trotz aller
compendia scripturae denn doch bezweifelt werden. Casau-
bonus, welcher sub Seueiv uel Antonino vermuthete, war auf
der richtigen Spur. Nur ist uel überflüssig und einfach suh
A^ewero iljifonmo zu schreiben. Vgl. cap. 3, 6: inde est quod se
et S euer US Anfoninum iiocauit, ut plurimi fernnt. Heliog.
beitrig« inr Textkritik der Scriptoree hiatoriae AngaatM. 401
17; 8: lauacrum in uico Stdpicio, quod Antonini (so BP;
Antoninus Edd.) Seueri ßliua coeperaL Dass Severus sich
nach Pertinax, weil er ihn verehrte, nennen liess, wird aus-
drücklich bezeugt; Seuer, 7, 9: se quoque Pertinacem uocari
xumt; vgl. cap. 14, 13. Wenn man nun erwägt, wie sehr er den
Kaiser Marcus Antoninus verehrte, nach welchem er ja seine
Söhne benannte, in dessen Familie er adoptirt sein wollte,^
Id dessen Grabmal er beigesetzt wurde, ^ wenn ferner von
einem Traumgesichte erzählt wird, in welchem sich Severus
in den Olymp unter die Antonine versetzt sah (Seuer. 22, 2),
so ist wol an der Richtigkeit der Nachricht , dass er sich
Antoninus nannte, nicht zu zweifeln. Ueberdies ist die
Schreibung sub Seuero Antonino auch deshalb unanfechtbar,
weil Hacrinus schon unter diesem Kaiser wieder zu Gnaden
aufgenommen wurde, wie Dio bezeugt (78, 11): incb tou K(X(i>vo^
e^2iTY}9apL6vou aurbv acoOei^ icpoq |x^v toT^ toO Zeßi^pou i^^pLaai TÖt^ xardc
Macrin. 5, 9: Ad senatum dein litteras misit de morte
AfUonini diuum illum appellans excusansque se et iurana, quod
de caede illitis nescierit, ita 8cel&i*i suo more hominum perditoi'um
iunxit periurium [a quo incipere decuit hominem improbumj,
cum ad senatum scriberet. Peter hält die eingeklammerten
Worte ftir ein fremdes Einschiebsel. Sie lassen sich jedoch
halten, wenn man decuit in de decuit ändert und die Stelle
80 versteht : ,So fügte er zu seinem Verbrechen einen Meineid,
mit welchem der ruchlose Mann sein Schreiben an den Senat
anständiger Weise nicht hätte beginnen sollend Es ist also
enge zu verbinden a quo, cum ad senatum scriberet ^ incipere
dedecuit. So erhalten wir eine moralische Bemerkung, die
hier ganz am Platze ist und sich den vielen ähnlichen Gemein-
plätzen in dieser Vita würdig anreiht.
Macrin. 8, 1 : Appellatus igitur imperatoi' f susceptos contra
Pai-ihos profectus est magno apparatu, studens sordes generis et
' Seiter. 10, 6: ideirco illum Äntoninum appeUatum, quod Seuertu ipte in
Mard famiUam traruire uoluerU,
^ Seuer, 19, 3: inlatus sepulchro Mard Antoninif quem ex omnilnu impera-
toribu9 tantum coluit, ut et Commodum in diuaa referret.
Bitinngsber. d. phil.-hiat. Gl. XCUI. Bd. 11. Hft. 26
402 Petscheuig.
prioms uitae infamiam uictoriae inagnitvdine aholere. — 8U9cepfo8
lesen die Handschriften , nur ist das schliessende 8 in P aus-
radirt. Die älteren Ausgaben begnügten sich^ mit der Ed. princ.
suscepfo htllo zu sehreiben, immerhin mit mehr Wahrscheinlich-
keit; als den Conjecturen stLspectos (Bährens), infestos (Peter)
oder gar seTiatua coiisulto (Kellerbauer) zugesprochen werden
kann. Vielleicht lässt sich die Stelle durch Vergleichung mit
Mitx. et Balh, \2, 7 emendiren. Dort heisst es: exercitu
igüur snacepto Maximmi ad urbem cum ingenti pompa ä
multitudine Maximus uenit; d. h.: ^nachdem Maximus das Heer
des Maximinus an sich gezogen hatte, kam er nach Rom'.
Kann nun miscipere exercitum gesagt werden, so dürfte auch
suscepto . . . magno apparatu zulässig sein, da ja magno
apparatu von magno exercitu im Wesentlichen nicht verschieden
ist. Vgl. AL Seuer. 55, 1 : Magno igitur apparatu inde in Pergas
profectus f' 61, 8: sed omnis apparatus miUtaiis, qui postea est
ductus in Germaniam a Maximino^ Alexandri fui{ et potentisfd-
7nu8 quidem per Ai'menios et Osdroenos et Parthos et omnis
generis hominum.
Diadum. 7, 7: ut et ille Antonini meritum effingat, et ego,
qui sum pater Antonini, dignus omnibus uidear. Man sagt wol
uirtutes effingere, ,die Tugenden eines Anderen in sich nach-
bilden oder nachahmen', man kann aber nicht Jemandes Ver-
dienst nachbilden, sondern ihm nur nahekommen oder es er-
reichen. Ich schreibe daher attingat
Diadum, 8, 4: nam cum quidam defectionis suspidonem
incurrissentj et eos Macrinus saeuissime punisset filio forte ah-
sente, atque hie audisset, auct&res quidem defectionis occisos,
tamen qui eorum dux Armeniae erat et item legattis Asiae atque
Arahiae ob antiquam familiaHtatem dimissos, his Utteris con-
uenisse pafrem dicitur. — qui eorum schrieb Salmasius nach
dem handschriftlichen quorum; ich halte qui tum für wahr-
scheinlicher. Ferner lässt sich legatus kaum halten, da man
ergänzen muss et item qui legatus Asiae atque is qui legatus
Arahiae erat, was mehr als hart ist. Mit Recht haben daher
die älteren Ausgaben legatos geschrieben.
Heliog. 3, 2: erat praeterea etiam rumor, qui nouis post
tyiannos solet donari principihus, qui nisi ex summis uirtutibus
non permanet. Für exsummis vermuthe ich eximiis.
Beiträge zur Textkritik der Scriptoren historiae Augustae. 403
Hdiog. 6, 7: cuvique seriam quasi ueram rapuisset, quia ei
uirgo maxima faUam monstraiterat, — quia ei uirgo ist des
Salmasios Emendation fUr das handschriftliche quamquisgo. Ich
möchte verbinden: quasi ueram • . . quamque uirgo.
Heliog. 9, 1: dictum est a quibusdam, per Chaldaeos et
magos Antoninum Marcum id egisse, ut Marcomauni p. S.
iemper deuoti essent atque amici^ idque factum carminibus. et
consecrationem cum quaererety quae illa esset uel ubi esset, sup^
pressum est. Im letzten Satze ist entweder consecrationem oder
illü nicht richtige denn man erwartet entweder et consecrationem
cum quaereret, quae esset ^ oder cum quaereret, quae illa con-
iecratio esset Ich halte daher den Text der Berliner Ausgabe:
amici, idque factis carminibus et consecratione. cumque quaerei*et
— im Ganzen für richtig; nur ist statt des handschriftlichen
/actus nicht factis, sondern sacris zu schreiben.
Heliog, 10; 2: Zoticus sub eo tantum ualuit ut ab omnibus
ofßdorum principibus sie haberetur quasi domini maritus. Hier
ist zweifellos dominae zu schreiben^ wie schon Casaubonus
erkannte. Es war ein Lieblingsvergnügen des Heliogabalus,
sich als Weib zu geberden, wovon Lampridius und Dio die
BcandalöseBten Dinge zu erzählen wissen. Dio 79, 14: ffir^ Se
xal ejatpfixov Ttva av8pa It/vk ibid. fin. : xai teXo^ . . . xai 6Yi^j|xaT0,
Yy'fl^ T6 tm Seenot va ßaaiXtq ts ü)vofjLa!^eTO.
Heliog. 19, 7 : strauit et triclinia de rosa et lectos et porticus
ac sie deambulauit, idque omni floi'um genere, liliis uiolis hya-
dnthis et narcissis. In BP ist überliefert: sie eadembulauit.
Dies hat schon die dritte Hand des Palatinus völlig richtig in
sie ea (Abi. loc. = m rosa) deambulauit geändert. Dass idqus
unverständlich ist, haben Jordan und Peter erkannt. Ersterer
vermuthete atque, während Peter entweder idque , . . narcissis
auswerfen oder umstellen will: strauit et triclinia et lectos et
porticus de rosa atque omni . . . narcissis a^ sie deambulauit.
Ich schreibe deque für idque.
Heliog. 25, 7: gladiatores ante conuiuium pugnantes sibi et
pictas frequenter exhibuit. Da das letzte Wort in BF fehlt,
vermuthete Peter uidit für sibi. Es dürfte jedoch zu schreiben
sein: pugnare siuit.
Heliog. 26, 5: et cum ad meretrices muliebri omatu pro-
cessisset papilla eiecta, ad exoletos habitu puerorum qui pro-
26*
404 Petachonig.
stituuntuT, post contionem pronuntiauit his quasi miUHbus temos
aureos donatiuum peütque ab hia ut a dia peterentj ut cJios
haheret ipsis commendandos. Ich gestehe, dass mir die letzten
Worte völlig unklar sind. Bezieht sich ßlios auf exoletos und
mei^etrices, so wird die Stelle geradezu einnlos; denn wie sollte
Heliogabalus exoUtoa und msretrices einander empfehlen? Und
dann der Ausdruck commendare im Munde des immerhin als
Kaiser sich fühlenden Heliogabal gegenüber Leuten der
niedrigäten Classe ! Bezieht man alioa aber auf aweosj so ist
commendandoa nicht richtig und man wird dann wol mit
GemoU zur Aenderung commodandos = dandos geneigt sein.
Nur entsteht dann die neue Schwierigkeit, wie Heliogabal
diesen Menschen gegenüber sich auf einmal so arm stellen
konnte, dass er sie auffordert, die Götter zu bitten, ihm so
viel zu geben, dass er Jedem nochmals drei Goldstücke
schenken könne. Alle Schwierigkeiten haben jedoch ein Ende^
wenn man schreibt: ut alias haherent ipsi (ipse B^) commen-
dandos, Heliogabal fordert sie auf, recht viel Proselyten zu
machen, damit er möglichst viele Streiter seiner Art habe
und beschenke. Jeder, der des Lampridius Vita oder Dio's
Darstellung gelesen hat, wird zugeben, dass dies der Art jenes
verworfenen Menschen vollkommen entspricht.
Heliog. 29, 7 : si ius autem displicmsset, itAebatj ut semper
id comesset, quamdiu tarnen melius ifiueniret Hier ist wol
qfjuimdiu tan dem zu schreiben.
Heliog. 29, 9 : amabat sibi pretia maiora dici earum verum
quae mensae parabantur. BP: pretia verum maiara. Es ist un-
richtig, dieses verum als irrthümliche Wiederholung des folgen-
den aufzufassen; es ist vielmehr aus uevofm] maiora ent-
standen (pretia maiora vsro pretio),
AI. Seuer. 5, 1: Alexandri nomen accepit, quod in templo
dicato apud Arcenam urbem Alexandra magna natus esset, cum
casu illuc die fesio Aleocandri cum uxore pater eius sollemnäatis
inplendae causa uenisset, uenisset fehlt in den Handschriften
und statt pater eius bieten dieselben patiis. Emendirt man
dieses Wort in pater issety so ist Alles in Ordnung.
Ah Seuer. 9, 4 : cum per populi et honestorum Coronas una
nox esset, hunc inepte Antoninum dici. inepte ist Peter's Ver-
muthung für das handschriftliche inte; die älteren Ausgaben
Beiträge lar Textkritik der Soriptorea hintoriae AngnstM. 405
bieten non rite, Bährens wollte iniuate. Am nächsten kommt
der Ueberlieferung inpie^
AI. Seuer. 9, 5: uidsti uiHa, uicisti crimina, uicisti (26*
decora, Antonini nomen omabis. Da uicisti an dritter Stelle in
BP fehlt und die Handschriften ornauiati bieten ; schrieb
Jordan: nicisti crimina, dedecora, Antonini nomen oimauisti.
Derselbe vermuthete ausserdem noch decore Antonini n. o. Ich
halte gleichfalls dedecora für corrupt und schreibe: uicisti
crimina dedecorosa (ps ist nach or ausgefallen).
AI. Seuer, 41, 7 : palumborumy quos habuisse ut ad XX milia
dicitur. Trotz der Bemerkung des Salmasius ,sic Graeci loquuntwr:
b)^ ovx etxofft xi^taSotg' dürfte es doch bedenklich sein, diesen Graecis-
mus ohne weiters zu statuiren. Gemoll wollte usque, was von der
Ueberlieferung zu weit abliegt. Ich glaube in dem ut ein steigern-
des uel zu erkennen.
AI. Seuer. 42, 3: medicus süb eo unus palatinus salarium
accepit, ceterique omnes usque ad sex fuerunt, qui annonas binas
aut ternas accipiebant, ita ut mundas singulas consequerentur,
alias aliter. iudices et rel. BP bieten alter , B mundus; aliter
emendirte Casaubonus yobsequutus Politiani libro^. Ob der Aus-
druck mundae annonas, der nur an unserer Stelle vorzukommen
scheint, auch richtig ist, möchte ich bezweifeln. Nimmt man
an, dass in mundus (B) das schliessende s durch Dittographie
des folgenden entstanden, dagegen ein i nach alter wegen des
folgenden iudices abgefallen ist, so erhält man die einen vor-
trefflichen Sinn gebende Schreibung: ita ut mundi {bcW. panis)
mgulas consequerentur^ alias alteri (= sequentis). Vgl. 37, 3:
paiiis mundi pondo triginta, panis sequentis ad donandum pondo
qitinquaginta. lieber die Heteroklisie der Pronominal-Adjectiva
handelt Kühner, Ausf. Gramm. I, S. 408 £F. Ein Beispiel aus
den Scriptores ist der Dativ eodem Nig. 4, 7.
AI. Seuer. 45, 3: iam enim inde tacebatur, et omnes am-
hdabant, ne dispositionem Bomanam barbari sdrent. Dass am-
hulabant keinen Sinn gibt, fiihlten Alle, welche sich mit der
Kritik der Scriptores beschäftigten. Unter den mannigfachen
Emendationsversuchen ist aber nur das von Golisch vor-
geschlagene elnborabant erwähnenswerth. Ich dachte einmal
an omnes (»)imulabant, welches wenigstens den Schriftzügen
der Ueberlieferung ziemlich nahe kommt.
406 Petschenig.
AI. Seuer, 50, 5: qiws falangarios 'oocari iusserat et cum
qtdbus midtum fecit in Pei'side. BP: inter Perside. Darnach
dürfte vielleicht in terra Perside zu schreiben sein; vgl.
cap. 56, 7: ut eum terra Persarum fugientem uideret.^
Ah Seuer, 51, 4: ülpianum . . . quem saepe a miUtum ira
obiectu purpurne suue defendit. In BP ist summae überliefert,
welches Casaubonus und Gruterus vergebens zu schützen
suchen. Zu schreiben aber ist ohne Zweifel summe, als Ad-
verbium zu defendit.
Maximin. 2, 2: ferus monhusy nsper superbus contemptor,
saepe tarnen iustus. Dass Capitolinus blosse Anwandlungen von
Gerechtigkeitsgefühl den schlimmeren Eigenschaften Maximin's
gegenüber hervorgehoben haben sollte, ist nicht recht glaub-
lich; er schrieb wol: semper tarnen iustus.
Maximin. 6, 2 — 3: quinta quaque die iiibebat milites de-
curre7*e, in se stmulacra bellorum agere, gladios loricas galeas
scuta tunicas et omnia aiyna illorum cottidie circumspicere ; calcia-
menta quin etiam prospiciebat, prorsus autem ut patrem militibus
praeberet. Für in se vermuthete Madvig inter se. Ich möchte
jedoch lieber hinter decurrere stark interpungiren und dann
fortfahren: ipse simulacra bellorum, agere; vgl. §. 5: exercebat
cum militibus ipse luctamina, bellorum ist natürlich im Sinne
von pugnarum oder proeliorum zu fassen, worüber man Paucker
p. 137 vergleichen möge. — Im Folgenden bieten BP ut antem;
letzteres ist wahrscheinlich aus amantem entstanden. Vgl.
AI, Seuer. 50, 3: iam uero ipsi milites iuusnem imperatorem sie
amabant ut fratrem ut filium ut parentem.
Maximin. 13, 1 : fuerunt et alia sub eo bella plurima ac
proelia. ac ist von Peter ergänzt; Andere tilgen mit Salmaeius
proelia als Glosse zu bella. Die Sache verhält sich jedoch
ganz anders. Nicht in proelia, sondern in bella liegt das Ver-
derbniss, und zu schreiben ist sub ea belua. So nennt näm-
lich der Senat selbst den Maximinus; cap. 15, 6: a tristissima
belua; ibid. §.8: ad illam beluam atque illius amicos per-
sequendos. Ausserdem vergleiche man Maximin. 5, 4; 9, 2;
10, 1; 11, 6; 17, 1; AI. Seuer. 53, 6; 56, 6.
* Caes. B, G. I, 30, 2: ter7'ae GaHiae; B. A/r. c. 3: terra Africa; Liu. 25, 7:
terra Italia.
Beiträge zm* Textkritik der Scriptores historiae Angastae. 407
Meiximin. 24, 3: post hoc ingens ex Aquileia eommeatus in
castra, quae laborabant fame, propere traductus refectisque
militibus alia die ad contionem uentum est, et omnes in Maximi
et Balbini uerha iurarunt, Oordianos priores diuos appeUantes.
Statt propere steht in BP p; ich glaube, dass dies einfach ein
Versehen für p ist und schreibe demnach perfraductua, eine
Bildung, welche durch das im Spätlatein häufige pertrarmre
geschützt ist. Auch für refectisque bieten die Handschriften
andere Lesarten, B fectisque^ P fecistisque; die älteren Aus-
gaben lesen fessisque. Ich halte im Hinblick auf die Huldigung
allein festisque für richtig. Zum Ausdrucke vgl. man Tac.
Ann, n, 69 : festam Antiochensium plebem per Itctores proturbat
Maximin, 25, 1 : Interest sdre, quäle senaius consulium fuerit
ml qui dies urhis, ctim est nuntiatus interemptus Maximinus, Die
Worte qui dies urhis sind schwerlich richtig; denn der Sinn:
jWelch' ein Festtag für die Stadt', welchen sie doch haben
müssten, lässt sich nur errathen. Ich schreibe mit Rücksicht
auf §. 3, wo es heisst: et fwte dies ludoi-um erat, die Stelle so:
uel qui dies, urbi cum est riuntiatus L M.
Maximin, iun, 2, 10: quod iddrco indidi, ne qui Cordum
legeret me praet£rmisisse crederet aliquid quod ad rem pertinereU
Das in BP überlieferte quis ist nicht einfach als Verschreibung
für qui zu betrachten, sondern es ist zu emendiren: ne qxtis,
st Cordum legeret Vgl. cap. 7, 4 : quod. ideo testatum posui, ne
quis . . . crederet
Gord. 21, 3: Haec de Oordiano iuniore digna memoratus
comperimus. B hat memoratus, in P ist s wegradirt. Bekannt-
lieh findet sich dignus nicht selten mit dem Genetiv verbunden.
Besieht man jedoch die übrigen Stellen der Scriptores, an
denen sich dieselbe Wendung findet, so wird man memoratus
ebensowenig für richtig halten als Prob. 24, 6 den Dativ
wmoratui. Es erscheint nämlich sonst überall nur die Form
memoratu: dignum memaratu Trig, 2, 4; memoratu dignum Trig.
4, 2; memoratu digna Macrin. 1, 1; digna memoratu Diadum.
6, 1, Heliog. 18, 4, AureL 1, 9, Tac. 16, 5, Firm. 6, 1, Procul.
13, 6. Fasst man nun Stellen in's Auge wie Valer. 5, 1 digna
cognitu, oder Gallien. 20, 5 digna et memoratu uidebantwr et
cognitUf so kann man sich der Erkenntniss nicht verschliessen,
dasB memoratu und cognitu nicht Substantiva, sondern Supina
408 Petscbenig.
sind. Wird nun dignus an diesen zwei Stellen mit dem Sapinum
verbunden^ so ist nicht einzusehen, warum anderswo dieselbe
Form anders aufzufassen sein sollte; warum diese Schriftsteller
in einer ganz feststehenden Phrase einmal das Supinum, ein
zweites Mal den Ablativ eines problematischen Substantivums,
ein drittes Mal den Genetiv, ein viertes Mal den Dativ dieses
Substantivums gesetzt haben sollten.
Qord. 26, 5: illic frequentibus proeliis pugnauit et uicit
Sapore Persarum rege summoto. In BP steht aesaporej wonach
a 86 Sapore zu emendiren ist.
Gard. 30, 8: iterum cum secum ipse (Phüippus) cogüaret
amorem popuK 22. et senatua circa Gordianum et totius Africae
ac Syriae totmsque orbis Romani, cum et nobilis esset et nepos
ac ßlius %mperatoi*um et bellis grauibus totam rem p, liberasset,
posse fierif ut flexa guandocumque militum uobmtate Gordiano
redderetur Imperium repetenti, cum in Gordianum irae militum
famis causa ueh^entes essent, clamantem e cofispectu dud iussii
ac dispoliari et ocddi. Diese Stelle leidet an mehreren Ge-
brechen. Zunächst fällt die kleine Inconcinnität auf, dass von
cogitaret zuerst amorem, dann posse fieri abhängt, wo man
posseque oder eine andere Wendung erwartet. Es dürfte daher
zu schreiben sein: cogitaret, amore populi posse fieri,
— flexa ist Peter's Conjectur statt des in BP überlieferten
ficta, wofür Salmasius reficta schreiben wollte. Wenn man
ficta = fida setzt und den Ausfall von in nach ut annimmt
(infida), so ist dem Sinne wie der Ueberlieferung Genüge
geleistet, quandocumque ist natürlich mit infida zu verbinden:
,es könne der Fall sein, dass bei irgend einmal eintretender
UnZuverlässigkeit der Soldaten Gordianus wieder zum Throne
gelanget Endlich ist noch Peter's Vermuthung repetend als
verfehlt zu bezeichnen. Denn da in iJ* ganz deutlich rerecenti
steht, während in P recenti, aber mit einer Rasur vor dem
Worte, überliefert ist, so kann kein Zweifel obwalten, dass
re recenti (:= statim) zu schreiben ist.
Gord, 31, 1: Imperauit Gordianus annis sex. Atque dum
haec agerentur, Argunt Scytha^'um rex finitimorum regna uastahai.
Statt atquf. bieten BP asne; ich vermuthe Asiae. Wie auf
die Frage wohin? Ländernamen im blossen Accusativ stehen
(Plew p. 37), so kommt, auf die Frage wo? auch der Genetiv
Beitrif« mr Textkritik der Scriptoret hietorise Angnstae. 409
vor; AureL 48y 2: Etruriae per AureUam uaque ad Alpes mari-
timas ingentis agri sunt.
Max. et Balb. 4, 4: praefeetura urbi in Sabinum canlata
est, uirutn grauem et Maximi moribus congntentem. In BP^ ist
maxmum überliefert, was sich allerdings auch aus der Ditto-
graphie des tn erklären lässt, eben so gut aber aus einem
arsprünglichen Maximo in moribus entstanden sein kann.
Max. et Balh, 5, 10: post haec (Maximus) praefectus urbi
prudentissimus ingeniosissimus et seuerissimus adprobatus est
^lare f ueluii senatus ei, homini, quod non licebat, noutte famiUae
imperinm tarnen detuLit, Casaubonus vermuthete uelut dixiy
Peter uel cunctus, Eyssenhardt gar rei p. salutL Ansprechender
ist Madvig's Aenderung: quare uitanti senatus ei omne, guod
non licAat nouae familiae. Ich möchte am ehesten uel iure
für passend halten.
Max. et Balb. 12,5 — 6: ex quo quidem Balbinus subb'atus
estj dicenSy Maximum minibs quam se laborcusey cum ipse domi
tanta bella compressisset ^ ille autem otiosus apud Rauennam
sedisset sed tantum ualuit uelle^ t^ Maximo, quia pi-ofectus est
contra Maximinumj etiam utctoria decerneretur, quam impletam
lue nesciuit. Der Sinn der Stelle ist klar: der blosse Zug des
Maximus gegen Maximinus, der schon zu Ravenna in's Stocken
kam, genügte, um dem Maximus den Sieg zuzuerkennen, an
dem er keinen Antheil hatte. Aber nesciuit lässt sich schwer-
lich halten, da ja bekanntlich Maximus durch einen Eilboten
von dem Tode Maximin's und der Unterwerfung seines Heeres
in EenntnisB gesetzt wurde; vgl. Maximin. 25, 2. Berück-
sichtigt man ferner cap. 16, 7 : cum . . . ne Maximus quidem contra
Maximinum puf/nasse doceatur, sed resedisse apud Rauennam
atque illic patratam audisse uictoi^am, so bleibt kein Zweifel
mehr, dass entsprechend den Worten illic patratam audisse
uictoriam zu schreiben ist: quam impletam illic resciuity d. h.
von dessen Zustandekommen er erst nachträglich in Ravenna
Eenntniss erhielt.
Gallien. 5, 6: occupatis Thracüs Maeedoniam uastauerunt,
ThessaUmicam obsederunty neque usquam spes mediocriter salutis
ostentata est. In BP ist überliefert: neque usquam quies medio-
criter salutem ostentare est. Hiernach ist wahrscheinlich zu
schreiben: ne qua tuquam quies m. s. ostentaret.
410 Petfchfnig.
OaUien, 13^ 4: Oallienus sane ubi ei nuntiat um^ Odenatnm
interemptum , bellum Persis ad seram nimis uindictam patris
parauit B hat gallienos and ei, P gallieno und ubi enuntiatum.
Da gallienos in B ohne Zweifel aus gaüienofs] sane entstanden
ist; ist an der Schreibung von P festzuhalten, nach welcher
es heissen muss: QalUeno sane ubi est nuntiatum.
Trig, 22, 2: saepe illic ob neglectaa salutatioties, locum in
balneis non conceseuniy eamem et olera sequestrata, ccdeimnenta
seruüia et cetera talia usque ad stimmum rei p. periadum sedi-
tionesy ita ut armarentur contra eas exercitus, peruenerunt. Wenn
man nicht peruenerunt in dem Sinne von euenerunt fasst, ergibt
diese Schreibung den schiefen Sinn: ,Die Aufstände in Aegypten
erreichten aus geringfügigen Ursachen den höchsten Orad von
G-efährlichkeit', während offenbar gesagt werden sollte: ,In
Aegypten brachen oft aus geringfügigen Ursachen die gefähr-
lichsten Aufstände aus^ Peter hätte daher auch pemenerunf
in prouenerunt ändern sollen. Es ist aber yielmehr das hand-
schriftliche Uli sowie eos festzuhalten und nur in nach pericu-
lum einzuschieben : snepe Uli . . . usque ad svmmum rei p, peri-
culum (in) seditiones . . . peruenerunt
Trig. 22, 11—12. Pollio berührt die merkwürdige That-
sache, dass den römischen Fasces der Eintritt in Aegypten
verwehrt war, und fährt fort: cuius rei etiam Ciceronem, cum
contra Gabinium loquitur, meminisse satis nouimus. denique non
extat memoria rei frequentata^, quare seire oportet Herennium
Celsum, uestrum parentem, cum consulatum cupit, hoc quod de-
siderat non licere. Der Satz denique . . . frequentatae ist nicht
verständlich. Wenn man mit Closs übersetzt: ,Ueberhaupt
findet sich kein Beispiel in der G-eschichte, dass solches (d. i.
das Betreten Aegyptens mit Fasces) jemals geschehen wäre^,
so thut man dem Wortlaute Gewalt an. frequentare ist nicht
facere, sondern sa^e facere. Ferner hätte in diesem Falle
res jedesmal eine andere Bedeutung. Das erste Mal heisst es:
,der Umstand, dass den Fasces der Eintritt in Aegypten ver-
boten war' (§. 10: fasces consulares ingredi Alexnndriam non
licere) ; an der zweiten Stelle aber müsste es den Sinn haben :
,das Betreten Aegyptens mit Fasces'. Allen diesen Schwierig-
keiten wird durch Verwandlung von non in nunc ein Ende
gemacht, denique nunc extat memoi'ia rei frequentatae heisst
Bditrftge snr Textkritik der Scriptores hiatoriae AngnatM. 411
nämlich: ^Demgemäss hat sich die Erinnerung an eine so
vielfach besprochene und allgemein bekannte Sache bis zur
Gegenwart erhaltend Und eben deshalb, f&hrt Pollio fort,
sollte flerennius Celsus wissen, dass er Unstatthaftes verlange,
wenn er als Statthalter Aegyptens das Consulat und somit die
Fasces zu erhalten wünsche. Zu frequentatae vgl. Trig. 33, 5:
exiat eins familia^ Censorinorum nomine frequentata, d. h.: ,all-
gemein bekannt unter dem Namen der Censorini^
Trig, 32, 7: Longius mihi mdeor processisse quam res
posttäabat. sed quid faciam f adentia natvrae facilitate tterbosa
est Was hier unter naturae facilitate zu verstehen sei, vermag
ich nicht zu erkennen. Vielleicht lässt sich durch die Schreibung
vatura etfacultate ein befriedigender Sinn herstellen. Das Wissen
ist wortreich vermöge seiner Natur, indem es eine UeberfüUe
von Gedanken zum Ausdrucke zu bringen hat, dann auch ver-
möge seiner Fähigkeit, sich über alle Materien leicht und un-
§[ezwungen auszudrücken (facultas = dicendi facultas),
Claud. 4, 4: ,Claudi Auguste, tu nos ah Aureolo uindica^.
dictum quinquies, ,Claudi Auguste, tu nos a Palmyrenis uindica^,
dictum quinquies. yClaudi Auguste^ tu nos a Zenobia et a üitruuia
lihera^, dictum septies, ,Claudi Auguste, Tetiicus nihil fecit^, dictum
septies. Nach des Salmasius Vorgang erklärt man nihil fecit mit
nihil commisit und erblickt darin eine leise Mahnung des Senates,
den Tetricus auch fernerhin in der Regierung seiner Provinzen
zu belassen. Doch hievon kann in diesem Zusammenhange nicht
entfernt die Rede sein. Der Senat musste vielmehr schon der
Natur der Sache nach die Wiedervereinigung aller getrennten
Glieder des Reiches wünschen und konnte ausserdem den Kaiser,
der eben den Thron bestiegen, nicht dadurch vor den Kopf
stOBsen, dass er ihm einen Nebenbuhler geradezu zu erhalten
wünschte. Ohne Zweifel muss daher der Schluss der Adclamatio
ursprünglich einen ähnlichen Sinn gehabt haben, wie die voran-
gehenden Zurufe. Dies hat auch Mommsen eingesehen und dem-
nach nihil egit vermuthet. Ich möchte schreiben : Claudi Auguste,
T^Hcus nihil faciet, d. h. Tetricus wird Nichts ausrichten, dir
nicht Stand halten.
Claud, 12, 1: Fuerunt per ea tempora et apud Oretam
Scythae et Cyprum uastare temptabant, sed ubique morbo atque
fame exercitu laborante superati sunt. Das in den Handschriften
1
412 Petsebenig.
fehlende fam/R ist von Salmasias ergänzt. Aber cap. 11, 3, wo
davon die Rede ist^ dass eine Barbarenschaar in Tkracien jam
ac pestilentia lahorauity ist noch kein Beweis, dass anch hier
fame ausgefallen ist. Ich schreib^: sed ubique morbo utique
exercitu laborante superati sunt.
Aurel. 1, 9. Nachdem Vopiscus sein G-espräch mit Junios
Tiberianus und dessen Aufforderung, die Geschichte Aurelians
zu schreiben, erzählt hat, fährt er nach BP fort : parrumipiane
praeceptiSf accepi libros Graecos et omnia mihi necessaria in
manum sumpsi. Das monströse Anfangswort suchte man auf
verschiedene Weise zu emendiren. Die älteren Ausgaben lesen
parui ipse quidem, Salmasius wollte parui Valeriani oder parni,
mi Piane; Eyssenhardt schrieb pai^i eis sane, Peter parui
Tiberiani nach einem Laurentianus sec. XV, in welchem panti
tiberiane steht. Wahrscheinlich ist einfach zu schreiben: parui
plane praeceptis. Vgl. Trig. 15, 7: ille plane cum uxore Zenohia
non solum arientem . . . sed et omnes omnino totius orbis partes
reformasset
Aurel. 11, 1 — 2: Si esset, Aureliane iucundissime, qui Ulpii
Criniti uicem passet implere, tecum de eius uirtute ac sedulitate
conferrem, hunc tecum requirere potuissem susdpe bellum
a parte NicopoliSy ne nobis aegritudo Criniti obsit. Die Ansichten
über diese Stelle gehen weit auseinander. Während nämlich
Casaubonus bemerkt: ^locus est mutilus^ erwidert Gruterus:
^Locus minime defectuosus. Dicit emm, qu^muis Kcuisset confeire
cum Aureliano de su,ccessore digno uirtutibus Criniti, nullum
tarnen inueniundum qui ei praeferretur^. Wir wären in der That
sehr dankbar, wenn das, was Gruterus will, hier wirklich gesagt
wäre. Allein wo steht etwas davon, dass es dem Valerianus
möglich gewesen wäre, den Aurelianus zu Rathe zu ziehen?
Wo ist ferner der vor Allem nothwendige Uebergang zwischen
potuissem und susdpe zu suchen? — Auch Salmasius hält das
Verderbniss nicht für sehr arg und will schreiben : jSi esset
cdius (so vulgo), A. i,, q. U. C. u. possit (?) implere, tecum . . .
conferrem : hunc tecum requirere potuissem. Aber auch bei dieser
Lesung ist der Uebergang zu susdpe ein ganz unvermittelter,
da Salmasius selbst folgenden Gedanken ergänzen muss: ^non
est autem alius qui possit. igitur ipse susdpe^. Madvig vermuthete,
ansprechend wie immer, aber mit zu gewaltsamer Aenderang
Beitrige sar Textkritik der Scriptore« hiitorifte Augutae. 413
der UeberlieferuDg conferre nee te requirere potuissem. Viel-
leicht läsBt sich die Stelle dadurch emendiren^ dass man nach
cmiferrem stark interpungirt und dann fortf&hi*t: nunc tu, cuvi
requirere {non) poiuüsemy suscipe bellum. Der Gedankengang
ist folgender : , Wenn ich Jemanden wüsste^ der den Posten des
ülpiuB CrinituB übernehmen könnte ^ so würde ich dich über
seine Befähigung und Thatkraft zu Rathe ziehen. Nun aber,
da ich keine Erkundigungen hinsichtlich eines solchen Mannes
einziehen konnte, übernimm du den Oberbefehl bei Nicopolis'.
Aurel. 14, 6: hoc igitur^ quod Cocceiua Nerua in Traiano
adoptandoy quod Ulpius Traianua in HadrianOf quod Hadrianus
in Antonino et ceteri deinceps proposita suggestione fecerunt, in
adrogando Aureliano, quem mihi uicarium iudicii tui auctoritate
fecistij censui esse referendum. Ich vermuthe repetendum.
Aurel. 32, 3: nam Aegyptum atatim recepit atque, ut erat
ferox animiy cogitatione multv^j uehementer iraecena . . . ocdden-
Um petit atque ipso Tetrico exercitum auum prodente . • • legiones
optinuit. Salmasius suchte in der Note z. d. St. zu beweisen,
dass multus hier synonym sei mit seuerue und tetricus; allein
die Stellen, die er beibringt, sind ganz anderer Art und nicht
im entferntesten beweiskräftig. Die Phi*ase cogitatione multus
könnte vielmehr weder für sich allein, noch in diesem Zu-
sammenhange anders gefasst werden als in dem Sinne ,viel
und gerne nachdenkend^ Dass dies weder zu ferox animi
und uehementer irascens, noch zum Charakter Aurelians über-
haupt passt, ist einleuchtend. Daher wollte Oberdick cogita-
tione non muUua schreiben; Eyssenhardt setzte cogitationem
vltu8 in den Text und nahm eine Lücke an. Ich glaube
jedoch, dass cogitatione aus concitatione verderbt ist; concita-
Hone multus aber heisst ,heftig, aufbrausend, leicht erregbar^
Vgl. Gallien. 14, 8, wo Bährens treffend concitatis militibus
statt des überlieferten cogitatis m. schrieb.
Aurel, 41, 8 : ille nobis Gallias dedit, ille Italiam liberauit,
iUe Uindelicis iugum barbaricae seruitutis amouit. Da in BP
ille inde Uindelicis steht, ist wohl ille de Uindelicis zu schreiben.
Tacit 16, 1 : Tacitus congianum p, 22. intra sex menses uix
dedit, Eyssenhardt schrieb sexies (VI); vermuthlich ist aber
das handschriftliche uix aus bis entstanden, indem u für b
geschrieben und dann uis als uix gelesen wurde.
414 Petioheoig.
Numerian. 11, 2: nam et cum Olympio Nemesiano ccn-
tendit, qui iXieuTixa )wviQY€Tixa et vauTtxdi scripsit inque omnt6iM
colonia inlustratua emicuit. Ich halte das handschriftliche colonis
mit Casaubonus für verderbt Denn was soll hier der Hinweis
auf die Colonien? War Nemesianus blos in diesen berühmt?
Ich glaube aber nicht, dass des Casaubonus Vermuthung caroni$
das Richtige trifft, sondern dass hier coloHhus am Platze ist
Vopiscus will sagen, dass Nemesianus sich in allen Gattungen
des poetischen Stiles auszeichnete. Endlich muss mit den
Handschriften (quinque BP, quique P^) und den früheren Aus-
gaben quique statt inque gelesen werden.
Beitrige snr Textkritik dtx Scriptoreu historiae Angustae.
415
Verzeichniss der behandelten Stellen.
Seite
Hadriannfl 2, 10 356
4, 6 367
6, 1 ....... 374
„ 6, 6 361
„ 11, 1 . 390
. 11, 3 -
, 12, 4 362
, 13, 5 367
21, 9 374
, 22, 6 ....... 391
, 22, 6 364
HeUufl 4, 6 374
Pias 2, 10 386
, 6, 6 . . 374
, 7, 3 376
. 8, 9 —
„10, 4 362
,12, 6 375
Marcus 1, 2 391
1, 6 380
, 11, 7 387
, 13, 4 391
n 16, 2 393
, 16, 3—4 392
, 18, 4 393
, 19, 9 372
» 26, 1 393
j, 26, 12 362
„ 28, 10 372
Veras 3, 2 380
„ 7, 3 -
Avidias Cassias 1,1 393
« 2, 1 380
2, 6 -
„ 14, 3 396
Commodns 2, 9 376
» 9, 6 396
10, 4 -
„ 11, 6 363
11, 13 367
„ 14, 1 395
Pertinax 1, 1
3, l
. 6,3
n 7, 1
Seite
376
868
396
375
Didius Julianus 2, 3 396
, 6, 9 381
i Severas 4, 6—6 388
i „ 6, 3 376
7, 3 -
9, 4 373
9, 6 389
„ 14, 4 397
„ 14, 6 376
„ 16, 1 397
n 19, 8 . -
„ 21, 7 376
Niger 3, 9 381
„ 3,10 -
n 3, 11 397
r, 4, 1 376
, 5, 3 381
„ 11, 6 382
Albinas 2, 6 398
r, 13, 1 -
„ 13, 6—6 —
Caracallas 1, 1 382
2, 6 400
„ 3, 6 383
5» 6 -
„ 6, 8 400
8, 8 -
Geta 1, 1-2 386
„ 6, 1 400
Macrinus 3, 9 —
4 4
„ 5, 9 401
n 8, 1 -
„ 14, 1 377
Diadamenus 6, 6 383
n 7, 4 363
7, 7 402
416
Petichenig.
Diadumenus 8
Heliogabalu« 3
5
6
10
17
18
19
19
26
26
29
29
30
4
2
1
7
1
2
5
4
2
7
7
6
7
9
4
Alezander Sevenis 5
6
9
9
«
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MaximiDi duo
n
n
«
11
2
6
6
8
13
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14
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2. .
2—3
4. .
1.
1.
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10,
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3.
3.
5.
4.
1.
5
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402
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389
406
367
362
406
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368
407
367
407
384
407
Gordiani tres 2, 4 362
- 11, 1 384
Seite
Gordiani tres 21, 3 407
24, 2 379
26, 5 408
30, 8 -
31, 1 -
Maximufl et Balbinns 4, 4. . .409
n n I» ö, 10. . . —
r „ „ 7, 6. . . 368
12, 5-6 . 409
Gallieni duo 1, 1 362
„ 2, 3 373
„ 2, 5 384
„ 3, 1 358
ö, 6 409
11, 3 389
12, 6 384
„ 13, 4 410
Triginta tjranni 1, 2 368
11. 6 -
18, 10 359
„ 22, 2 410
„ 22,11 — 12 . . . -
30, 13 373
„ 30, 19 379
„ 30, 20 385
32, 7 411
„ 33, 2 386
Claudius 4, 4 411
5, 2 373
7, 4 385
» 12, 1 411
„ 17, 3 379
Aurelianus 1, 9 41*2
6, 3 369
9, 6 379
« 11, 1 374
11, 1-2 ili
14. 6 413
23, 5 379
, 24, 3 369
26, 5 -
27, 1 359
„ 28, 5 379
„ 29, 2-3 359
32, 3 413
Beiträge xnr Textkritik der Scriptorei historiae Augustae.
417
Seite
Anrelianüfl 41, 7 376
41, 8 413
Tacittts 16, 1 —
Satnrninus 7, 4—0 385
Carus 2, 6 379
, 8, o 360
NnmerianuR 11, 2 414
Seite
NumerianuB 13, 3 385
13, 6 -
Porphyrion ad Horat. Od. I, 5,1 371
£p. 1,8,41 361
Ep. 1,8,61 —
„ „ Ep. II, 1,59 -
Noniiw 37, 7 377
if
9
n
Grammatischer Index.
Seite
adfabncari, verb. act 392
ad id = usque eo 385
Älexandrea 362
allen = alterius (?) 405
alUnUrum, adv., steht für alter —
altefiu» n. s. w. (aXXi]Xa>v) . . 360
Anakolntb 389
„ d. attrib. Participiums 369
Anaphora 372
a 9e uocare aliquem 378
.4*1*0« = in Asia 408
euseqwn» in liUeria 400
belva, Maximinos 406
Oalchida = CaUhia 362
eoneilatione muÜua 413
ccntudere gladiatortbu» 375
coiueeror, kein Deponens. . . . 364
comtitU = eonstat 358
cum tempor. mit dem Ind. Praes. 367
de = Abi. instrum 395
deambulare rosa 403
dentgue dient zur blossen Ver-
knüpfung der Sätze .... 357
digntu mit dem Supinnm auf -u . 407
diligentia uindiee 391
ecQHid 376
Ellipse des Hubstantivums . . . 386
Sitningsber. d. phil.-biRt. Cl. XCIII. Bd. II
Seite
Ellipse einer attrib. Bestimmung
vor einem Temporal-
sätze 384
f, eines verbum dicendi . . 399
„ von erat 368
„ von est —
„ von /actus 386
„ von imperator bei creatua 387
ff yonimperatorheX f actus {^) 386
„ von magis 381
emerere poenam 376
e more 373
e re 381
eoctitit = extat 358
fmstra = temere 372
Genitivus von Ländernamen auf
die Frage wo? 408
genitus = oriundus 394
Qigantam = Oiganta 362
hie, steht häufig für is 365
idem^ ist tonlos und dient zur
blossen Andeutung des Sub-
jects 376
impendere operam 374
in mit dem Aceusativ = in mit
dem Ablativ 381
in morihus congruens 409
nft. 27
418 Petächenig. B«itr&ge siir Textkritik der ScriptorM hintoriae AnguBtM.
Seite
IndicativnB in indlrecter Frage. 381
inempto 376
inituao = iniwnt 361
malta — (xoXoxtf^ 377
mirtis 5= magnu» —
nam =» «ed, autem 359
nimiu9 = magnua 374
Nominativus absolataB 371
obtunsione ori» 395
orbis terrarum = iniperium Ro-
mamum 358
per = ad (£?) 368
Peraida == Perm 362
pertrcidMcere 407
plurimi ^= multi 373
pollutua, steht nicht für poüuU . 363
poa = poat 362
potiua — non 380
priuaHmy adjectivisch 369
qtianhim = quam 358
quidam = quüibet 359
Seile
quidem = ef quidem 358
^tn^ttin K2ttttiti Auguat. dient . . 367
quod c. Ind. fat. = Acc. c. Inf. fat. 368
re recenti = atatim 408
aanCf dient znr blossen Anknüpfung 393
aanequam 396
Sdronam = Sdrona 36*2
aedere, verb. trans 364
ataUm = mox, paulo poat . . .357
at^ieciua Ulla 389
aumme defendere 406
auper, ausser, nebst 3S4
auperfouua fama 375
auacipere apparatum 40'J
tantwn = tarn 358
Tarracona ■= Tarr€iCo 362
terra Peraia 406
tertium = ter 391
Ty/anam = Tyfona Ut
vehementer inimici 379
iicr«, adjectivisch 360
Die Sitzungsberichte dieser Ciasse der kais. Akademie
der Wissenschaften bilden jährlich 10 Hefte, von wel-
chen nach Maassgabe ihrer Stärke zwei oder mehrere
einen Band bilden, so dass jährlich nach Bedürfhiss
2 oder 3 Bände Sitzungsberichte mit besonderen Titeln
erscheinen.
Von allen grösseren, sowohl in den Sitzungsberich-
ten als in den Denkschriften enthaltenen Aufsätzen
befinden sich Separatabdrücke im Buchhandel.
^o€S)(5^o-
WIEN, 1879.
DRUCK VON ADOLF H0LZHAU8EK
K. K. UNIVRKffITÄTS.RUCifDRUOKKRKI.
6
^Ci>
--^€S>@?o^
AuBgeg^eben am 14. Mai 1870.
-vO^QtÖäC^
SITZUNGSBERICHTE
DEK KAISERLICHEN
4H4DENIE DER WISSENSCHAFTEN.
PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE CLASSE.
XCIII. BAND. HEFT III— IV.
JAHRGANG 1879. — MÄRZ, APRIL.
^
^ WIEN, 1879.
IN COMMISSION BEI KARL GEROLD'S SOHN
BCCHHÄin>LER DER KAIS. AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN.
®
?
INHALT.
Seite
VI. Sitzung vom 5. März 1879 421
Uorawitz: Briefe des Claudius Cantinncula und Ulrich Zasins.
Von 1521—1533 , 425
VIL Sitznn? vom 12. März 1879 4G3
VIII. Sitzung vom 19. März 1879 4G5
Werner: Die Psychologie, Erkenntniss- und Wissenschaftslehre
des Roger Baco 467
IX. Sitzung vom 2. April 1879 579
Kremer: Ihn Chaldun und seine Culturgeschichte der islamischen
Reiche 581
Sickel: Beiträge zur Diplomatik VII 641
X. Sitzung vom 16. April 1879 739
SITZUNGSBERICHTE
DRR
KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN.
PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE CLASSE.
XCIII. BAND III. HEFT.
JAHRGANG 1879. — MÄRZ.
«tniigsber. d. pMI.-hiat. Cl. XCIII. Bd. Ul. Hfl. 28
Ans^geben am 26. Juni 1879.
VI. SITZUNG VOM 5. MÄRZ 1879.
Das k. k. Ministerium für Cultus und Unterricht über-
mittelt die von der spanischen Regierung herausgegebenen und
der kais. Akademie gewidmeten ,Cartas de Indias^
Von dem Bürgermeister der Haupt- und Residenzstadt
Wien wird ein Exemplar des zweiten Bandes der im Auftrage
des Gemeinderathes herausgegebenen ^Wiener Geschichtsquellen'
übersendet 3 endlich schickt
Herr Dr. Friedländer in Eanitz ein Exemplar seines
Werkes: ^Geschichtsbilder aus der Zeit der Tannaiten und
Amoräer' für die akademische Bibliothek ein.
Herr Dr. E o h u t in Fünf kirchen erstattet den Dank für
die ihm bewilligte Subvention zur Drucklegung des zweiten
Bandes des ,Aruch-Lexikons'.
28*
422
Die Central- Direction des kais. deutschen archäologischen
Institutes zeigt das am 21. April d. J. in Rom stattfindende
Jubiläum der Anstalt an.
Das w. M. Dr. Pfizmaier legt eine für die Denkschriften
bestimmte Abhandlung: ^Darlegung der chinesischen Aemter' vor.
Das c. M. Herr Prof. Dr. Krön es in Oraz übersendet
eine Abhandlung des Herrn Gymnasialprofessor Dr. Arthur
Steinwenter zu Oraz, welche betitelt ist: ^Beiträge zur
Geschichte der Leopoldiner' und um deren Aufnahme in das
Archiv der Verfasser ersucht.
Herr Gymnasial-Professor Dr. K. F. Kummer in Wien
hält einen Vortrag über ,das Ministerialengescblecht von Wil-
donie' und ersucht um Aufnahme der Abhandlung in das Archiv.
Das Preisgericht der Grillparzerstiftung für das Triennioin
1878 — 1881 besteht aus den Herren: Moriz Carriere in
München, Franz Freih. v. Dingelstedt in Wien, Hermann
Hettner in Dresden, Johannes Nordmann und Kobert
Zimmermann in Wien.
423
An Druckschriften wurden vorgelegt:
Akademie der Wissenschaften, königl. Preussische, zu Berlin: Monats-
bericht. November 1878. Berlin, 1879; 80.
— der Wissenschaften, königl. Bayerische, zu München: Sitzungsberichte
der philosophisch-philologischen und historischen Classe. 1878. Band II.
Heft 1. Mfinchen, 1878; 8«.
Akademija, Jugoslavenska znanosti i umjetnosÜ: Rad. Knjiga XLY. U Za-
grebu, 1878; 8«. — Starine. Knjiga X. U Zagrebii, 1878; 8«. — Stari
pisci hrvatski. Knjiga X. U Zagrebu, 1878; 8^.
Ateneo dl Brescia: Commentari per Tanno 1878. Brescia, 1878; 8^.
Friedlander, M. H. Dr.: Geschichtsbilder aus der Zeit der Tanaiten und
Amoräer. Brunn, 1879; 80.
Gesellschaft, k. k. geographische, in Wien: Mittheilungen. Band. XXII.
(N. F. XII.) Nr. 1. Wien, 1879; 4«.
Ministe rio de Fomento: Cartas de Indias. Madrid, 1877; Fol.
Observatory Dudley: Annual Report of the Director for 1878. Albany,
1879;' 80. — Bemarks on the Dudley Observatory, observations of the
Transit of Mercury, May 6, 1878. Albany, 1878; 8^.
,ReYue politique et litt^raire* et ,Revue seien tifique de la France et de
TEtranger*. VIII« Ann^e, 2« Serie. Nros. 33, 34 et 35. Paris, 1879; 40.
3ociet& italiana di Antropologia, Etnologia et Psicologia comparata: Archivio.
VIIIo Volume, fascicolo 3 e 4. Firenze, 1878; 8«.
Verein von Alterthumsfreunden im Rheinlande: Jahrbücher. I. — LIX. Heft.
Bonn, 1842 — 1876; 8^ und 4^. — Das Siegeskreuz der byzantinischen
Kaiser Constantinus VII., Porphyrogenitus und Romanus II. und der
Hirtenstab des Apostels Petrus, von Ernst aus'm Weerth. Bonn, 1866;
fol. — Die römische Villa zu Mennig und ihr Mosaik, von Domcapitular
von Wilmowsky. Bonn, 1865; fol. — Der Mosaikboden in St. Gereon
zu Cöln, von Ernst aus*m Weerth. Bonn, 1873; fol. — Kunstarchaeo'
logische Betrachtungen über das Portal zu Remagem, Festprogramm zu
Winkelmann*s Geburtstage, 9. December 1859. Bonn, 1859; ^^. — Das
Portal zu Remagem. Programm zu F. G. Welcker's fünfzigjährigem
Jubelfeste, am 16. October 1859. Bonn, 1859; 49, — Zur Geschichte der
Thebaischen Legion, von J. W. J. Braun. Bonn, 1855; 4^. — ApoUon,
der Heilspender. Bonn, 1848 ; 4^. — Der Hildesheimer Silbeirfund. Bonn,
1868; 40. — Der Grabfund von Wald- Algesheim. Bonn, 1870; 4». —
424
Vicus Ayrelii oder Oehring^en zur Zeit der Römer. Bonn, 1871 ; 4^ —
Das Medusenhaupt von Blariacum. Bonn, 1874; 4^. — Die mittelalter-
liche Kunst in Soest. Bonn, 1875; 4<^. — Die Burg-Kapelle zu Ibeo.
Bonn, 1869; 4^. — Der Wüstenroder Leopard, ein römisches Cohort«o-
zeichen. Bonn, 1857; 4^. ~ Erklärung eines antiken Sarkophags zn
Trier. Bonn, 1850; 4«. — Jupiter Dolichenus. Bonn, 1852; 4<' - Das
Judenbad zu Andernach. Bonn, 1853; 4^ — Die Ezternsteine. Bono,
1858; 4*^. — Die Trojaner am Rheine. Bonn, 1856; 4^ — Die Grips-
walder Matronen- und Mercuriussteine. Bonn, 1863; 4^. — Die Lanen-
forter Phalerae. Bonn, 1860; 4^. — Das Bad der römischen Villa bei
Allenz. Bonn, 1861; 40,
Horawitz. Briefe des Claudias Cantiancala und Ulrich Zaeias. Yon 1521 — 1533. 425
Briefe des Claudius Cantiuncula und Ulrich Zasius.
Von 1521—1533.
Von
Adalbert Horawitz.
Juristenbriefe sind es, die ich im Folgenden mittheile.
Durch A. Ki vi er 's Claude Chansonette (Jurisconsulte Messin
et ses lettres in^dites, Bruxelles 1878. Extrait du tome XXIX
des M^moires couronn^s et autres Memoires publies par
l'Acadämie royale de Belgique) neuerdings auf Claudius Can-
tiuncula aufmerksam gemacht, fand ich in meinen Excerpten
über J. Faber, J. A. Brassicanus, Camers und Cantiuncula
auch Briefe des genannten Juristen und drei Schreiben des
Ulrich Zasius verzeichnet, die ich nach der Durchsicht voll-
ständig zu ediren beschloss. ^
Denn nicht blos die Schreiber dieser Briefe sind berühmt
^enug, um ihrem Nachlass Beachtung zu sichern, auch der
Inhalt des Vorliegenden schien meist so bedeutend, dass er als
Ergänzung für Rivier's Werk und Riegger*s Sammlung der
ZasiuB-Briefe wohl eine Edition verlohnen mag.
Im Oanzen sind es sechszehn Stücke, die hier mit-
getheilt werden; dreizehn Briefe des Cantiuncula an
J. A. Brassicanus, Joh. Faber, Heinrich von Idstetten, Joh.
BrotephuB, den Seci'etär von Strassburg, drei von Ulrich
Zasius an J. Faber.
Die Briefe sind aus den Jahren 1521 — 1533 und stammen
also aus einer Zeit voll der grössten Wandlungen und Er-
schütterungen ; jene Epoche war es ja, in der sich Humanisten
' Die Originale befinden sich in den Codices 9735, 9737 g und 8987 der
k. k. Hofbibliothek zu Wien.
426 Horawiti.
und Reformatoren schieden^ die im Anfange der gewaltigen
geistigen Bewegungen zusammengingen. Jene Epoche war es
ja, die Erasmus und seinen Kreis den Wittenbergern entfremdete;
das Jahr 1525 wird gewöhnlich als das Scheidejahr beider früher
geeinten Richtungen angenommen. Ueber dem Dräuen der
,Schwarm- und Rottengeister', dem ,höllischen Wüthen' der
Bauern, den Wiedertäufer-Gräueln und alle dem zogen sich
die Aengstlicheren, Weicheren, Feineren unter den Männern
der neuen Bildung zurück ; tief verstimmt war vornehmlich der
Basler Gelehrtenkreis, begann ja daselbst eine formliche Aus-
wanderung vor dem Eindringen reformatorischer Gedanken, als
dieselben in die Wirklichkeit übersetzt wurden.
In mehreren früheren Schriften habe ich auf den psycho-
logischen Prozess in der Entwicklung unserer grossen Philo-
logen hingewiesen, Manchem kostete es schwere Mühe, ihn
durchzumachen, keiner wohl hat mehr davon zu leiden gehabt
als der Grösste unter ihnen — Erasmus. Andere fanden sich
leichter mit ihm ab, sie blickteh einfach auf ihr grosses Vor-
bild und ahmten es nach, so z. B. Michael Hummelberger. In
den vorliegenden Briefen der zwei grossen Juristen gewahrt
man keine Anstrengung Seelenbewegungen zu meistern, in dem
Bildungsgange und den persönlichen Verhältnissen — ich will
nicht sagen, in der Betrachtungsweise des Rechtsgelehrten — lag
es wohl, dass sie conservativ wie sie waren, lieber beim Alten,
bei den seit Jahrhunderten anerkannten festen Gewalten in
Kirche und Staat verblieben. Die Auffassung des Romanen
— denn als solchen müssen wir Oantiuncula fassen, auch sein
Latein trägt Spuren davon ^ — wie des Schweizers ist in dem
Einen gleich: sie stehen noch vielfach auf mittelalterlichem
Boden, der Humanismus ist für sie nur ein wissenschaftliches
Element, dem sie nicht allzu viel Einfluss auf das Leben, nur
den formalen auf die Sprache und Anlage ihrer* Briefe und
Schriften gestatten. So zeigt sich denn auch in diesen Briefen
festes Halten an eben angegriffenen Institutionen, ein vor-
sichtiges Vermeiden jener Gesprächsstoffe, die doch alle Welt
beschäftigten und selbst in Klosterzellen und Gelehrtenstuben
Aufregung, Begeisterung oder Zorn erzeugten.
1 betae z. B. ist doch gewiss kein guter lateinischer Ausdruck.
Briefe dee Claadios G»ntiancnla and Ulrich Zuins. Yen 1581—1533. 427
Doch bevor der Inhalt des Mitgetheilten einer kurzen
Besprechung unterzogen wird, einige Worte über den ersten
der genannten Juristen; über Claudius Cantiuncula. Ich
kann mich dabei um so kürzer fassen, als sich das oben ge-
nannte neue Werk über ihn ausführlich und mit dankeswerther
Genauigkeit verbreitet.
Freilich mehr Hess sich über seine Geburt auch dort nicht
feststellen^ als dass Cantiuncula in den letzten Jahren des fünf-
zehnten Jahrhunderts zu Metz geboren ward, wo sein Vater
Notar gewesen. Er studirte in Löwen, kam dann 1517 nach
Basel, wo er 1521 Professor (Ordinarius legum) wurde. Aus
den Biographien des Erasmus, Beatus Rhenanus u. A. weiss
man, was Basel damals für die Pflege der gelehrten Studien
bedeutete, die berühmtesten Gelehrten trafen sich hier, die
Officinen Amerbach's und Froben's versorgten die gelehrte Welt
mit zahlreichen und werthvoUen Novitäten. Begreiflich, dass
sich Cantiuncula's Talent hier bald entfaltete, dass der junge
Jurist in rege Beziehungen zu L. Bär, Glarean, Bonifacius
Amerbach u. A., ja selbst zu dem grossen Erasmus trat. Das
UrtheU des Erasmus ist für ihn ausserordentlich ehrenvoll. In
seinem ,Ciceronianus^ sagt er: ^ Nosti Claudium Cantiunculam
Metensem Cantiuncula ut est ingenio festiuo, in quouis
argumento tractando suauissime canit, praesertim oratione prosa,
quantum ualeat carmine nescio, nee infeliciter properat ad
exemplar Ciceronis. Fluxum, perspicuitatem , copiam ac
iucunditatem M. TuIIii propemodum assequutus est, sed iam-
pridem in Principum legationibus fabulam agit motoriam, quum
hoc negocium altissimam quietem desideret et tamen ita quo-
tidie seipsum uincit, quasi per terras mariaque uolitans, Musas
omnes secum ducat comites. Habet hoc eximium, quod Juris
prudentiam ac Philosophiae cognitionem eloquentiae conciliauit.
In der Vorrede zu J. Chrysostomus Enarratio in epistolam ad
Galatas (1527), die dem Cardinal Johann von Lothringen ge-
widmet ist, '^ erwähnt er, dass ihn Cantiuncula zu dieser Ueber-
setzung gebracht habe: Ut tale quid anderem, crebro mecum
egit Claudius Cantiuncula, minimumque abfuit, quin perpulerit.
' Opera I, 1012 A.
2 Opera VIII, 266.
42S Horftwitz.
Quid enim est omninO; qüod ille non facile cuiuis persuadeat,
uir tali praeditus ingenio, tarn non uulgari tum philosophiae
cognitione, tum utriusque iuris prudentia, tum bonarum etiam
iitterarum peritia praeditus: adde bis omnibus, praeter eam
dicendi facultatem, quam rhetorüm praeceptiones confenint,
naturalem quandem facundiam, ut optimo iure^ si non unicum
(nam id fortasse dictu inuidiosum) certe rarissimum uestrae
Lotharingiae exemplum et ornamentum dici possit, nee sine
causa tibi talium dotium perspicacissimo iudici praecipue carum
habeaturJ
Aber auch zu Ferneren trat er in Beziehungen, so zu
Wilhelm Bud^^ der ihn einen ,Homo eximius' nennt, zu Ulrich
Zasius, dessen Beistand und werthvoller Rath ihn bei seinen
1520 erschienenen ^Topica' unterstützten, der dem jüngeren
Freunde einen Theil seiner Lucubrationes widmete und ihm
stets gewogen blieb.- Eben die ,Topica' waren es aber, die
Cantiuncula einen Namen gaben und ihm den Ruf des be-
deutenden Juristen verschafften. In dieser Zeit wohl knüpfte
sich seine Verbindung mit dem Tübinger Humanisten Johannes
Alexander Brassicanus, von der die anliegenden Briefe
(Nr. I, II, III, IV, V, VI, IX, X) Zeugniss geben. So viele
Erfolge er aber auch aufzuweisen hatte, so viel Glück er genoss,
es litt ihn doch nicht länger in Basel, wo die Sache der Re-
formation solche Fortschritte machte. Er war nur noch bemüht,
seinem Freunde Bonifacius Amerbach ^ seine Stelle als Professor
zu verschaffen und begab sich sodann in die Dienste Ferdinand I.
In den Jahren 1525 — 1531 hielt er sich zumeist in Vic auf,
jedoch brachte es sein Beruf mit sich, dass er viel auf Am-
bassaden auswärts war. In den Jahren 1535 — 1541 fungirt er
dem Namen nach als Professor an der juridischen Facultät in
Wien, war aber auch von hier aus in Gesandtschaften ver-
wendet. Im Elsass, in Tirol, in Sachsen und Preussen, in
Böhmen, Frankreich und in Spanien erscheint der überaus thä-
tige Mann, der trotz aller Oesandtschaften, Sitzungen und Rechts-
gutachten noch Zeit genug fand, die Bibliotheken zu durch-
» Vgl. auch in den Briefen III, 332 B, C. 962, A. D. 963 A.
2 Cf. darüber Stintzing a. a. O. 202 ff. Urtheil über die Topica 205 f.
3 Die Correspondenz mit diesem theilt Rivier 1. c. p. 32 ff. mit.
Briefe des CUndina Cantinncalft and ülrieh Zasim. Von 1521—1638. 429
forBcben^ eine Reihe von Werken * herauszugeben und mit seinen
Fanden den Gelehrten zu dienen.
Seine Paraphrasen der Institutionen (1533 ff.) machten
aufs Neue Aufsehen in der gelehrten Welt; um 1542 gewahren
wir ihn an der Spitze der k. Kanzlei zu Ensisheim, 1543 auf
dem Tage zu Speier^ 1546 auf dem zu Regensburg, 1547 auf
dem zu Augsburg; über seinen Ausgang ist Nichts überliefert,
auch sein Todesjahr lässt sich nur annähernd bestimmen —
Rivier setzt es vor 1561 oder 1562 an. — Jedesfalls war
Cantiuncula ein Mann von grosser Vielseitigkeit des Wissens
und ausgezeichneter Formvollendung — man vergleicht ihn in
dieser Hinsicht mit Muretus — es gereicht wohl zu seinem Ruhme,
dass ihn so grosse Männer hochhielten und von ihm nur lobend
sprachen. Die von Rivier, sowie die von mir mitgetheilten
Schreiben, zeigen ihn aber auch als einen sehr artigen und
urbanen Mann, der im Umgange mit den Grossen sich an
entgegenkommenden Meinungsausdruck gewöhnt hatte.
Der Codex Pal. Vindob. 8987 enthält eine Reihe von
Aufschreibungen, die sich auf Cantiuncula beziehen. Es sind
diess : von Fol. 1 a — 6 a ein mit C. Cantiuncula Juris consultus
unterzeichnetes ,Responsum ad quaestionem, in qua specie flo-
renorum facienda sit redemtio arcis et oppidi Kulsen quam
Theodoricus archiepiscopus Moguntinus cum pacto reluitioni«
Johanni a Witstat uendiderat et archiepiscopus Albertus a. 1533
redimere cupiebat.^^ Diesem Responsum folgen dann verschiedene
Aufzeichnungen, ein Brieffragment (fol. 6 b) das sub XIV er-
scheint, und endlich ein Gutachten über den Friedensbruch
Franz von Sickingen (Sicinius) (von fol. 7 — 18 a), der dem
Kurfürsten absagte. In diesem weitläufigen, frisch geschriebenen,
reichlich mit Allegationen versehenen Rechtsgutachten, ^ das
nach Sickingens Tod verfasst ward, erklärt sich Cantiuncula
für die Rechte und Forderungen der Kinder jenes Ritters und
* Rivier gibt ein Verzeichniss derselben S. 28.
> Tabalae Codicnm Mss. Bibl. Pal. Vindob. V, 317.
' Ulmann, Franz von Sickingen, Leipzig, Hirzel, kennt das Schriftstück
nicht, das wohl edirt werden sollte.
430 Horawitx.
kommt zu dem Schlüsse: ,Cum itaque Siciniiis neque contra
rempublicam Romanam neque contra principem Romanum
hostili fuerit animo, certum est^ eum non recte neque iure per-
duellionis insimulari/ Ganz am Ende rechtfertigt er den Land-
friedensbruch gewissermassen aus dem Usus, der in Deutschland
bestehe. ^Alioqui', sagt er, ^quis recensere possit numerum hos-
tium et perduellionum inter Germanos atque adeo in ipsis Ger-
maniae uisceribus ? Nam ut late Germania patet, sie complureis
habet, quos palam est etiam iniussu Principis Romani fiiisse
in quasdam Germaniae ciuitates o£Penso ac plane hostili animo.'
Fol. 19 — 20 enthält eine Aeusserung, die mit den Worten:
Quaesitum est a me, ubi in iure probetur eum, cui* quotidie
honor sit exhibendus, non postulare debere, ut tanta diligentia ei
honor exhibeätur quanta cui raro impenditur ^ überschrieben ist
Fol. 22 — 30 folgt Claudii Cantiunculae Interpretatio Tituli
de Regulis Juris. Am Rande findet sich von anderer Hand —
vielleicht von der des Brassicanus — folgende interessante
Notiz, die von seiner Thätigkeit in Vic Zeugniss gibt: Hanc
interpretationem legit ipse Cantiuncula in Vico Austrasiae qui-
busdam sacerdotibus uti ab ipso audiui idiotis et ignauis, sie
tandem etiam ipsis fore desperantibus et plus uentri et potatio-
nibus inuigilantibus, tandem deseruit lectionem, et aliam scri-
bendi materiam incepit iu Titulum de officio Judicis, quam
etiam in lucem uti Paraphrases dabit.'*^
Auf fol. 32a— 35b folgen die Epistolae aliquot seu
Missiuae Cl. Cantiunculae, von denen die erste an Bonifacius
Amerbach bei Rivier S. 35 abgedruckt ist:^ die anderen vier
werden unter Nr. VIII, XI, XII, XIII mitgetheiit.
Fol. 35 b — 37 a enthält einen bisher ungedruckten Brief
des Erasmus an König Franz I. von Frankreich, — den ich
mit anderen Erasmianis später publiciren werde — samnit
der französischen Uebersetzung desselben durch Claudius
Cantiuncula.
* Unterschrieben: Haec obiter et celeriter iu grAtiam optimi uiri Magistri
Johannis leser conscripsit Cl. Cantiuncula.
a Krschien 1543 in Basel, 1584 in Venedig.
5 Der Wiener Codex variirt von dem Basler im Einzelnen z. B. statt doc-
tissime W.C. optime, de quo saue nihil ambigo; statt hanc uacationem W.C:
nunc, statt alterius W. C : alterum, statt exscribatur W. C. excubatur u. a.
Briefe des Claadiiu CantinacaUt nad Ulrich Zäsium. Von 1591—1533. 431
Auf fol. 38a — 56b folgen verBchiedene juridische Excerpte,
z. B. ad Institutiones, ad Topica Cantiunculac, Zusammen-
stellungen von Worten und Phrasen, die sich keiner guten La-
tinität erfreuen; von den Juristen aber doch gebraucht werden,
wie pistrinarius, teque certiorauero, ad ratiunculam meam proue-
nisse, inaedificare, regimentum, praebitio u. A., sodann die Folge
der in den Pandekten vorkommenden Kaiser u. s. w. Dass
die fiinf Gedichte auf Karl von Bourbon (fol. 57 a — 58 a) und
die Conuentiones Pacis sanctissimae promulgatae inter inuictissi-
mum Caesarem Carolum et Franciscum Christianissimum Galliae
R^em auch aus Cantiuncula's Feder herrühren, kann man wohl
nicht annehmen.
Die folgenden Briefe Cantiuncula's richten sich in ihrer
grossen Mehrzahl an den Tübinger Humanisten Johannes Ale-
xander B ras sicanus (geboren 1500), den Sohn des bekannten
Philologen J. Brassicanus, der sich später ganz der Jurisprudenz
widmete und zu Wien 1524 Lehrer derselben wurde, ^ wo er
auch 1539 (27. November) starb.
£r schrieb eine Reihe von Originalwerken, von denen
die Commentare zu Politians Lamia, der Dialog in diuum
Carolum (Aug. Vind. 1519), die Epigrammata in obitum Casp.
Ursini Velii (Vienn. Panon. 1539), Üiv-Omnis (Francof. ad
Moenum 1519), de re rustica (1539), Proverbiorum . . . symmicta
(Viennae 1529), In Gallum nuper profligatum (Viennae 1525),
Hymnus in ApoUinem, Argentorati (1523), de uanis mortalium
studiis (Norimb. 1523), Caesar Augustus (1519) genannt werden
mögen. Ausserdem veranstaltete er Ausgaben von Calpumius
ludi literarii (Hagenoae 1519), Eucherius: Lucubrationes (Basileae
1531), Gennadius Scholar. Dialogus de uia salutis humanae
(Viennae 1530), Lucianus, libellus de longaeuis (Tubingae 1525)
desselben aliquot lucubrationes (Viennae 1527) und Tragoediae :
Podagra et Ocypes (Viennae 1527), Potho de statu domus dei
(Hagenoae 1532) Saluianus de uero iudicio dei (Basileae 1530
auch Paris 1575), Salonii dialogi duo (Hagenoae 1532). Juri-
1 Er hätte auch die Lehrkanzel der Bhetorik erhalten sollen. Cf. Kink,
Geschichte der Wiener Universität. Beilage II, 1S9.
432 Horftwits.
dische Werke hatte Brassicanus ebenfalls im Sinne; um 1522
schrieb er an Michael Hummelberger : ,H&^^l>is olim e iureperitis
non infimum professorem tuum Brassicanum. Sic enim subinde
cristas erigit, tametsi nihil tale merito Cl. mens Cantiuncula noatri
saeculi iure consultorum primas. Ad quem nuper gustum ali-
quem dedi mearum epiphyllidum in quosdam PandectaFum locos,
incitatuB huc et a Budaeo et ab Alciato nostris Papinianis; aut
si qnod magis excelsum ac aeque honorificum in illos dici
potest. Hierum si non exprimo, tarnen uestigia semper adoro.' *
Brassicanus galt bei Cantiuncula sehr viel, dagegen wünschte
Brassicanus sehr, dass Cantiuncula ein Compendium abfassen
sollC; eine Bitte, die derselbe auf mannigfache Weise ablehnt
Er möge — meint er wohl (in unserem Briefe I) — das lieber
von Zasius oder Alciat, den Papinianen des Zeitalters, erwarten,
seit Cicero könnte dies ja Kiemand leisten als die Genannten.
Cantiuncula weigert sich übrigens nicht zu jener Arbeit bei-
zutragen, doch habe er weder Zeit noch Kraft, jene Aufgabe
zu leisten, für die Zasius die richtige Persönlichkeit sei. Auch
in anderen der mitgetheilten Briefe wehrt sich Cantiuncula auf
das Entschiedenste gegen Brassicanus wiederholte Bitten, sich
an die Abfassung des Compendiums zu machen, er entschuldigt
sich mit seiner geringen Kenntniss der lateinischen Sprache —
was gewiss allzu bescheiden ist — und dem Mangel einer
Kenntniss des Griechischen, klagt über seine Ueberbürdung,
schildert die Schwierigkeit der Aufgabe und geht so weit zu
sagen: Desine rogare et si me amas hac de re deinceps ne
uerbum quidem ad me scripserisl Dagegen will Cantiuncula
durch Brassicanus ,Nachlesen' (racemationes nennt er sie, Brassi-
canus spricht von epiphyllides) zu den Pandekten, von denen
er gehört, belehrt werden, auf die langweiligen Buchhändler
will er nicht warten, dringlich erbittet er die üebersendung
jener, für deren Sicherheit er sich verbürgt (Nr. ÜI).
Diese Bitte wiederholt er auch an anderen Orten (Nr. IV), wo
er von literarischen Erscheinungen, dem Briefe des Erasmus
an Brassicanus und der Erkrankung des ersteren spricht, wo
er Frobenius lobt und die ,Paraphrasis in Matthaeum' ,Christiano
* Cf. meine Analecten zur Geschichte der Reformation and des HamaniBmos
in Schwaben. Wien 1878, S. 69 (161).
Briefe des Claadiaa Caotiancala nod Ulrich Zasia«. Von 1581—1533. 433
spiritu plenissimam^ nennt. Endlich erhielt Cantiuncula das
erste Capitel der ersehnten Racemationes, ,dici non potest, sagt
er, quam arrideat (sc. primum caput)', er wünscht Brassicanus
ganz und gar bei der Jurisprudenz zu sehen, denn er ver-
spricht sich sehr viel von ihm. In dem früheren Schreiben
frug Cantiuncula auch um Privatverhältnisse des Brassicanus,
ob nemlich dieser verheirathet sei, in diesem Briefe gratulirt
er ihm zur neuen Ehe, wodurch wir über Brassicanus Familien-
beziehungen eine bisher nicht bekannte Notiz erhalten. —
Cantiuncula äussert in diesem Schreiben die grösste Anhäng-
lichkeit an den jungen Freund und malt in heiterer Phantasie
das Glück eines innigen Zusammenlebens und Zusammen-
wirkens aus. Nach der Fortsetzung der Raccmationen begehrt
er auch jetzt wieder. Damals (1522) scheint sich Cantiuncula
der Hoffnung hingegeben zu haben, Brassicanus in Basel sehen
zu können, wohin er dann zum Verdrusse des Zasius, Bonifaz
Amerbach brachte. Die gelehrten Anmerkungen lobt er auch
in einem anderen Briefe (Nr. VI) : quae tales sunt, ut umbram
esse cognoscam quicquid conati sumus, si ad tua conferatur.
£r muntei-t ihn auch neuerdings auf, bei der Jurisprudenz zu
verbleiben, um die er sich so verdient gemacht, in eingehen-
der Weise bespricht er die zwei Capitel, die ihm Brassicanus
geschickt. Viel habe er sich von ihm versprochen, aber er
habe alle seine Erwartungen weitaus übertroffen, was ihn ,
sowohl in seinem, als im Interesse der Gesammtheit innig freue.
Er bittet ihn endlich, in Tübingen zu bleiben, damit sie sich
näher seien. Fort und fort feuert er den Freund an, sich nicht
länger mehr bei den Vorspielen aufzuhalten, sondern adgredere
nunc iustam, quae tibi dudum in legibus decreta est, prouin-
ciam. Er billigt allerdings des Brassicanus Adagien, doch
wünscht er nicht, dass diese Beschäftigungen das eigentliche
Hauptwerk verzögern (ep. IX). Und stets mahnt er dazu, die
Schrifterklärung den Theologen, die Grammatik und Rhetorik
den dazu angestellten Lehrern zu überlassen und sich ganz
der Rechtsgelehrsamkeit zu widmen. Diess sei sein Gebiet,
viel Rühmenswerthes finde er an den Adagien, aber seine
Scholien seien ihm doch viel angenehmer, ihnen sehe er es an,
dass die Jurisprudenz dem Brassicanus einst so viel verdanken
werde, wie jetzt dem Budaeus, Alciat oder Zasius.
434 Horawitc.
Bemerkenswerth ist es, dass der Briefwechsel zwischen
Brassicanus und Cantiuncula durch einige Jahre völlig unter-
brochen war, 1531 wurde er wieder aufgenommen ; leider aber
konnte ich keine weiteren Beweise für den brieflichen Verkehr
beider Männer vorfinden.
Die übrigen hier mitgetheilten Briefe an Johannes Faber
(VII); Ludwig Bär, der ihm ein Geschenk gemacht, an seinen
Verwandten Heinrich von Jetstetten, dem er vieles über
seine Familie mittheilt und dem gegenüber er sich treffend
über das Hof leben ausspricht, sowie endlich die Briefe an den
Metzer Brotephus, den er mit Lobsprüchen überhäuft, und den
Stadtschreiber von Strassburg, enthalten über Cantiuncnla's Ver-
hältniss zu Brassicanus nichts mehr.
A.
Briefe Cantiuncula's.
I. Claiidins Cantiuncnla au J. Alex. Brassicanus. Basel, 23. Mai 1521.
II. Claudius Cantiuncnla an J. Alex. Brassicanus. Basel, 11. Juni 1521.
III. Claudius Cantiuncnla an J. Alex. Brassicanus. Basel, 11. November 1521.
IV. Claudius Cantiuncula an J. Alex. Brassicanus. Basel, Noyember 1521.
V. Claudius Cantiuncula an J. Alex. Brassicanus. Basel, 24. Januar 1522.
VI. Claudius Cantiuncula an J. Alex. Brassicanus. Basel, 28. Juni 1522.
VII. Claudius Cantiuncula an Joh. Faber. Basel, 27. Januar 1524.
VIII. Claudius Cantiuncula an Ludovicus Berns. Vic, 31. Mai 1526 (?).
IX. Claudius Cantiuncula an J. Alex. Brassicanus. Homburg, 11. Januar
1531.
X. Claudius Cantiuncula an J. Alex. Brassicanus. (?) 20. Juni 1531.
XI. Claudius Cantiuncula an Heinrich von ledstettcn. Nikolashafen, 12. Ja-
nuar 1532.
XII. Claudius Cantiuncula an Johannes Brotephus. (?) 7. Januar 1533.
XIII, Claudius Cantiuncula an den Secretär von Strassburg. Vic, 12. April 1533,
Briefe des Clandias CantranenU und Ulrich Zasins. Von 1521— 15S3. 435
Basel. I. 23. Mai 1521.
Claudius Cantdunoula Joanni Alex« Brassicano S. D.
Crede mihi roi Brassicane (iam enim nos amicitia alterum
alterius facere coepit) non uulgariter iucundae grataeque fuerunt
literae, quas ad me (quae tua est singularis comitas) etiam ultro
misisti. Quo uno symbolo ita me tibi auctoratum reddidisti, ut
totus esse tuus gestiam. Porro quas in me laudes tarn libera-
liter congeris, a te uel in Zäsium uel quemlibet alium summae
doctrinae uirum conferri potuissent; nihil ego herum in me
agnosco; quae tu admiraris. Et ut uoluntas mea pro communi
utilitate prona sit^ ingenii certe doctrinaeque uiribus destituitur.
Quapropter de scribendo iurisprudentiae compendio per omnem
amicitiam rogatus, ne me admoneas; equidem ei prouinciae
nimis quam sum impar etiamsi belle omnem excusandi ansam
praecipere pares sie enim scribis: Scio^ dices: in hoc campo
dudum sudarunt alii. Dico sane^ idque me tanto magis ab
omni talis aleae conatu deiicit. Egone quod tanti uiri prae-
stare nequiuerunt praesertim docta hac aetate, exhibere qaeam?
Non ita me parum noui doctissime Brassicane; haec prouincia
Zasios uel Alciatos ^ nostrae tempestatis Papinianos ^ postulat.
Istiusmodi enim quippiam Cicero cogitabat olim, uidelicet ut
iuris ciailis disciplinam in artis rationem formamque redigeret;
quod quidem si per turbulentissimae reipublicae fata licuisset^
Don dubito quin effecisset. Quid enim (ut ille ait) non expli-
care potuisset illa uis ingenii ? Quid non illustrare ille orationis
splendor? Quid denique non enarrare exuberans illa rerum
omnium praesertim politicarum copia? Caeterum Cicerone
mortuo a nomine id officii iure sperabitur; nisi ab iis^ quos
paulo ante dicebam. Non ignoro quam Zasio nostro sis in-
' Ueber Alciat, den grossen Rechtslehrer, cf. Stintzing U. Zasius 211.
^ Nabeliegender Vergleich, cf. GrjnSus an Fichard S. 363 in Stintzing^s
oben genanntem Werke. Erasmus vergleicht Zasins mit Politian. Erasmi
Epp. familiäres. Bas. 1779, p. 7 und im ersten Briefe an Zasios.
SiteuigtbOT. d. phiL-bift. Cl. ZCIII. Bd. m. Hft 29
436 Horawitz.
sinuatuSy tantum satagito, ut eum ad honestissimam illam pro-
uinciam alacriter sabeundam permoueas. Si uelit, poterit, nolet
autem, ut spero, si tu caeterique amici rogauerint. Ego si quid
succenturiari potero, non suffuratas (quod petis) sed legitiinas
Studiorum horas conferam ; nisi id iure uereamur^ ut quod alio-
qui futurum erat opus aureum totum admixtione mearum oper-
ularum aes Corinthium reddatur. Atque adeo longe satias
est, uni Zasio negotium mandari. Is enim hanc curam honeste
sortiri potest, quando nee humerorum meorum tantum onus est,
nee otii. Sed quando nugarum satis habes! Vale, tibique per-
suade, Claudium sie esse tuum, ut ab eo nihil frustra sis postula-
turuS; quod ex bono et aequo praestare ualeat. Iterum uale
eruditissime Brassicane. Basileae (sed ut uides percelere) X.
Eal. Junias. Ann. MDXXI. Rogo inter nos firma sponsio
interueniat ultro citroque mittendarum epistolarum ; nam candor
ille tuus in literis tuis relucens mihi uehementissime placet et
indicat ingenuitatem animi singularem.
Eximio bonarum literarum adsertori, domino Joanni
Alexand. Brassicano suo candidissimo Tubingae.
Von TengnageFs Hand : Claud. Cantiuncula ic (iur. cons.)
celeberrimus Basil. 1521.
Ans dem Cod. pal. Vindob. 9735, fol. 1.
Basel. II. 11. Jnni 1521.
Claudius Cantiuncula an J. A. Brassicanus.
S. Video sane Alexander humanissime quo artificio, quo
ductU; quibus etiam cuniculis me petas adgrediarisque, dum
id quod musicorum est in me torquere uideris. li enim ut
ille ait nunquam indueunt animum cantare rogati. ^ Simile quod-
dam tibi persuades, ut scilicet diu rogatus facturus sim tandem
quod primum tantopere detrectauerim. Nam ut epistolae tuae
uerba referam: hunc campum (inquis) tibi subeundum etiamnum
censeo; nisi tu credas occultam musicam plus prodesse quam
apertam. Sed uides, quam toto coelo erres. Prioribus literis
i Hor^ 8at. I. 3. 2.
Briefe des Claadias Cantianenla und Ulrich Zasina. Von 1521—1533. 437
respondi, id oneris non esse meorum humerorum. Eius responsi
tantum abest ut me poeniteat ut si etiam poenituisset, grauem
et meritam essem acturus poenitentiam poenitentis. Die mihi
per amicitiam nostram^ si ,nauem agere ignarus nauis timet;
Äbrotanum * aegro non audet nisi qui didicit dare^ tune mihi
auctor, tune suasor sis, ut ingens hoc saxum uiribus destitutus
Qoluere moliar ? Egone tarn sinuoBas legum Banctiones^ senatus
coDsulta, edictorum interpretamenta, homo parum latine, graeee
nihil doctus compendio explicare ualeam? Egon' omnia nune
naga et sparsa ac nulla certae artis ratione circumscripta ratis
fixisque iustae artis praeceptis, praesertim tanta mole negotiorum
obratus; concludere possim ? Desine rogare et si me amas hac
de re deinceps ne uerbum quidem ad me scripseris; nisi tibi
eo numero sum^ quem libere citraque personam ridere consti-
tueris nonnihil tale etiam fortasse meritum, qui Topicorum^
simias inauspicatius docta hac aetate emiserim. Quid enim
aliud suspicari licebit, si isthac in re nos denuo urgere pergas?
qoi id genus negotii ei mandes^ cui deest praestandi facultas,
quique obeundae prouinciae neutiquam idoneus est, perinde ac
si excubias nudo mandares.
Memineris mi Brassicane, eam quoque amicitiae legem esse,
ne quid petamus, quod ex bono et aequo negari ualeat. Caeterum
elegantissimi tui Elegi^ dici non potest ut me delectarint.
Habeo et ago ingentem gratiam, nam pari moneta referre non
est in meis facultatibus. Dn. Symlerum Tubingae uestrae
columen^ maximumque ornamentum etiam atque etiam meo
* Abrotannm = aßp^tovov, Stabworz (Artemisia Abrot.), Kraut von ange-
nehmem Gerüche als Gewürz und Arznei gebraucht. Cf. Hör. ep. 2. 1. 114.
' Es sind die Topica Glaudii Cantiunculae juris consnlti in Basiliensi
Academia legnm professoris. Ex inclyta Basileae Academia 127 S. fol.
Am Ende Basileae apud Andream Cratandmm Mense Junio anno MDXX.
Das Vorbild dazu waren Cicero*s Topica, deren Eintheilung beibehalten
ist Cf. Stintzing Ulrich Zasius S. 205.
' Sind damit die Gedichte in divum Carolum gemeint?
* Georg Simler aus Pforzheim, Philolog und Jurist, Lehrer Melanchthon*s,
Franz Irenicus u. y. A., wurde nach den Universitätsacten von Tübingen
1522 als Professor auf Lebenszeit in der juridischen Facnltät angestellt,
seine Kenntnisse im Griechischen standen in besonders gutem Rufe, cf.
Geige r*8 Reuchlin, S. 185; Melanchthon bei Kr äfft, Docnmente 177.
Gesner Bibliotheca u. A. Ausführliches über seine Werke, besonders
29*
438 Horawits.
nomine salutabis. Uale et saepius scribe; nee te uiliB papjri
iactura uellicet. Basileae III. eid. Junias MDXXI.
£x animo tuus Claudius Cantiuncula.
Eminentis Doctrinae uiro Dn. Joanni Alex. Brassicano
Musarum (sacerdo) ti atque amico suo antesignano. Tubingae.
TengnageVs Hand: Claud. Cantiuncula J. C. celeb.
Aus dem Cod. pal. Vindob. nr. 9735, fol. 2.
Basel. III. 11. November 1521.
Claudius Cantiuncula Brassicano S.
Si quid loci meis precibus apud te est Brassicane dnl*
cissime rogo unum a te impetrem. Est enim quod bona fide
mihi credere possis et ego pari uelim accipere. Quid autem
rei est inquam? Vidi quae ad Cratandrum Bcripsisti, inter
caetera parasse te quasdam racemationes seu annotameota in
quosdam Pandectarum locos. ' Qua de re dici non potest quam
sim gauisus, quam tibi gratulatuS; qui rem te dignam egregie
meditaris; tantum id dolui quod ea de re nihil in tuis ad me
literis erat. Rogo des ad me proximo tabellario exemplum
earundem annotationum tuarum. Equidem calcographorum
moras praestolari, mors quaedam mihi foret. Proinde, si me
amas^ amas autem fac, ut quamprimum habeam. Integra fide
spondeo me nuUi ^ e meis manibus traditurum ^ sed curaturaro,
ne quid in ea re detrimenti patiaris. Si id apud te impetro
(impetrare uero plane confido), tu tuo quodam in me iure non-
nihil audentius exigere poteris. Bene uale animae meae plas
quam semis et cura ne hae meae preces repulsam apud te
patiantur. Basileae sed ut uides celerrime. Die Martini festo
anno 1521. Rescribe ocius ac soles. Farce literis!
Tengnagel : Cantiuncula.
über seine Stellung^ znm griechischen Unterricht habe ich in meinen
«griechischen Studien* gebracht, die in einiger Zeit erscheinen werden.
> Wohl nur handschriftliche Notizen, eine Ausgabe dieser Annotamento
konnte ich nicht erhalten. Sie sind wahrscheinlich nicht gedruckt, TgL
die Stelle in meinen Analecten. S. 69;
* Ein Wort gestrichen.
* Ein Buchstabe gestrichen.
Briefe des Claadins CantiancnU nnd Ulrich Zeaiiif. Von 1591—1533. 439
Legalis prudentiae omniumque bonarain diBciplinarum
studiosiBsimo Dd. Joanni Alexandro Brassicano (am)ico buo
incomparabili Tubingae.
Ans dem Cod. pal. Vindob. 9735, fol. 3.
Basel. IV. November 1521.
Claudius Cantiuncula Dn« Joanni Alexandro Braasicano in-
comparabili amico suo.
Quando in id genus asistati > incidimus y Brassicane
doctissime (quod rhetorea aequale nominant) ut paribus locis
et accaset alter et alter se tueatur missa controuersia, eam inter
nos amicitiam agnoscamuS; quae nee uerboram accessione ful-
ciatur, nee eisdem deficientibus minuatur, sed airtute coepta^
animorum coniunctione firmata^ quibus initiis, quo progressu
constiterit, ita maneat. Asperiusculas a me literas (id quod
ingenue fateor) accepisti^ at humanissime rescripsisti nihilque
in tais literis est, quod non prudentiairi, doctrinam et modestiam
prae se ferat. Verum bene habuit mea qualiscunque obiurga-
tiuncula. Primum quae elegantem illam tuam epistolam exten-
siorem solito extorsit; quippe tuis literis dum sunt uel foliatae
nimium quam delector; deinde quod eum comperior amicum,
quicum uel in tenebris micem ^, ut qui tantopere te in re modi-
cula expurgesy tantopere uerearis te quasi lineam transiisse.
Noli noli amicissime Brassicane angi, noli laborare; nihil in
te uel umbrae inuenio quo in amicitiae leges peccasse uideare !
Tantum id postulabam atque etiamnum postulo, ne rogare
pergas, quae me negare oporteat. Consultius huiusmodi conatum
in dominum Symlerum Tubingensis Aeademiae primum decus
reiiceretur. Is enim securus opinionum uariantium sensa ueriora,
doctrinas fundatiores egregie posset exhibere. Quod si factum
intellexerimus, nos ut succedanei qua licebit opella sequemur.
Tua etiam apud me obtinebit humanitas, bona quidem ex parte,
quod rhetorico lenocinio impetrare nequisti. At uide, ut magis
sis mutuB quam piscis. Dominum Sjmlerum meo nomine
^ asiBtati vom Griechischen dauaiaio;, nicht zu einem Ganzen vereinigt
oder sieb vereinigend. Rhetorischer Terminns ; vgl. Fortunatiani art. rhet.
I. 2. (Bhetores latini minores ed. C. Halm, p. 82.)
2 cf. Cicero de oflf. lU. 19. 77.
440 Horawits.
saluam esse jubebis, cui etiam nisi defuisset argumentam
scripsissemus. Caeteram qua de re ad me scripseras^ sie
habet. Tumultus ii bellici hactenus omnia uersarunt atque
adeo de studiis instaurandis nihildum apud nos consuli potuit.
Video autem futurum propediem ut ad gymnasia et nostra et
alia conquisitis undique angulis uiros doctos uocari oporteat^
praesertim qui iuuentutem melius ac seiet instituant. Haec
censeo coniectura diuinationeque non improbabili. Confide
igitur et aliquamdiu perge tua statione contentus esse. Si quid
occurrerit quod tibi commodaturum existimem; curabo quam-
primum rescias. Interea significa quo statu sis reliquo^ uxorine
an sacris alligatus^ an uero liberam sortem retinueris. Non
frustra peto, redde me certiorem. Vale. Basileae nescio quota
Novembris. Anno MDXXI.
Tengnagel: Cantiuncula.
Viro moribus ac literis humanissimo Dn. Joanni Alexandro
Brassicano P(oetae) laureato bene merito (amico?) sno
antesignano Tubingae.
Aus dem Cod. pal. Vindob. 9735 fol. 4.
Basel. y. 24. Januar 1522.
Cantiuncula an J. A. Brasaicanus.
S. AgnoBco mi Brassicane probum te alieni aeris adser-
uatorem, qui non sortem modo sed etiam foenus ipsum egregie
reponas; adeo tuam hanc morulam (quae tarnen nonnihil me
soUicitum reddidit) ex composito tua purgarunt epistola, car-
mina, racemationumque prima foetura. Plenam fateor ansam
fusius ad te scribendi praebuisti, uerum ita negotiorum procellis
agitor, ut nonnisi summatim ad te scribere ualeam iustam
propediem epistolam accepturum. lUud primum quod te maxime
scribis exoptare soluam. Dn. Erasmo urbis nostrae summo
decori tuas reddidi literas, aegro sane ac pituita non uulgariter
laboranti ; mihi enim et paucis ad cum liberior est aditus. Im-
petraui tandem has ad te atque alium literas ' idque precibus
propemodum importunis, quandoquidem ea morbi sors erat, ut
* Leider konnte ich diesen Brief nirgends finden.
Briefe des Clandini CantianoaU und Ulrich Zaains. Yon 1581— 1533. 441
fragiles inter digytulos non satis calamus haereret. Iccirco
non ut mihi^ sed ut tibi quamquam et mihi quoque gratum
faceret; schedolas istas, hoc est^ quantum licuit aut potuit,
BcripsitJ Tu boni spero consules, ego magni facerem rerum
conditione pensata. Frobenio redditae sunt literae tuae, Cratandro
similiter^ an rescribat nescio, neque etiam uacat explorare;
nam senatui studendum est. Farrago quae plurimum aucta
sub prelo est nondum absoluta; Alciati opera nondum impressit
Cratander^ imo ne orsus quidem est. Dn. Erasmus (ut in agro
Christiano assiduus est Evangelista) paraphrasim scripsit in
Mattheuni; Christiano spiritu plenissimam. Res est profecto,
quae omnem possit inuidiam superare. Videbis propediem
miraberisque maturam prudentiam; iam imprimitur. Quod ad
me attinet^ nihil rei literariae tractO; ita rebus praesentibus hoc
est Martialibus agitor. Scis autem, durum esse Musis inter
gladios sica rios^ uersari etc. Expectanda porro est fortuna
prosperier qua liceat se dignum aliquid promere. Utinam fata con-
cessissent aut uero concederent olim (quod etiam spero) ut una
simus. Magnam de te in adiuuandis studiis spem concepi, mutuis
operis inuicem adiutaremur. Racemationum tuarum primum caput
dici non potest quam arrideat^ atque etiam si dici ualeat nolo,
ne amicum et consacraneum incompositis laudibus onerare
uelle uidear. Hoc unum aperio^ posse me ex his unguibus
non tenebricosum Accur(sium)3 sed leoneiH ualentissimum ,ac
diligentissimum aestimare, qui ungues fidenter nee minus pru-
denter ^ soleat in pensitandis restituendisque Pandectarum ^ locis
admouere, neque illarum Scabies aduenticia contagium habet.
Vides quae miscellanea scribam, neque enim otium datur^ istud
Caput carissime ignis et aquae obseruatione pleno ore meritisque
praeconiis efferre. Hoc propediem uel cum iudicio fiet. Hoc tan-
tum rogO; si me amas^ amas autem ^ de bonis praesertim legalibus
studiis macte uirtute uir perge bene mereri; nihil te dignius aut
' Ad marginem : Superscriptionem non scripsit Erasmus, sed illios amanuensis.
^ Die Hs. hat glad. sie.
' Fr. Accursius, der bekannte Jurist aus Bologna.
* et docte gestrichen.
^ Im Codex: Abkürzung für pandectarum: II.
^ tuum gestrichen.
^ Die Hfl. hat aut.
442 Horawiis.
horum candidatis acceptius potes efficere. Nouo coniagio faosta
omnia precor et auguror^ ea tarnen lege, ut si quando ad nos
eas ^ Ulpiani decretum obserues,^ quod ille procos. praescripsit.^
Quando nobis nihil bis ministeriis (sie enim alio loco Ulpianus
uoeat) opus est. Ludere me putas ? Serio loquof; quod si mihi
parum habeas fidei quem ad me tuis numeris obduetum genium
dedisti subscribet ipse iudex uel intra parietes arbiter esto.
Tabellarium tuum domi meae non licuit habere, quando
fors alios obtulerat hospites antiqua mihi tessera iuratissimos;
at illum in diuersorium praeclarum duci praecepi, idque meis
expensis, ne nihil ex bis, quae me rogaueras, praeterirem.
Tuus enim sum, speroque futurum, ut meus aliquando fias ut
de nobis uel inuidi canant:
Yixere unanimes, anis in aedibuB, idem
Census, amor, Stadium, uita duobus erat. *
Sed quando nugarum satis! peluim fortasse (quod aiunt)
postulas. Certe mi Brassicane scribo, nee tamen scribere licet,
quandoquidem uel aliud agens scribo ^ neque satis scio, quando
nuntius ad te dabitur. Proinde etiam atque etiam oro et per
nostram amicitiam obtestor, ^ (uide, ne me fallas) ut reliquorum
capitum in II exemplar ad me des. Probe apud me asserua-
buntur nee iniussu tuo nunquam communicabuntur. At hoc
impetratum uolo, ne in mensem alterum differas rem, sed priino
tabellario ad me dato. Brassicane mi, cessare nequeo, ita
gestit animus dies integres et noctes tecum fabularier.
Equidem uidere uideor, si una essemus, studia nostra
unum spectatura scopum. Quam ob rem tuam (oro) mentem
semel aperi, an ad me uoeatus uenturus sis necne; neque enim
ascisci te uolo, nisi in rem (ut arbitrabor) tuam. Vale et
literis parce. Basileae Vigilia Conuersionis Pauli; sed ut uides
percelere. Anno MDXXII a partu Virginis. Scriptum in
Senatu.
Candide tuus Claudius Cantiuncula,
Juris consultus.
1 P. g. gestrichen.
2 L. obsernare ff. de off. procos. et leg. (ad marginem).
' i. e. proconsuli cf. Digest I. tit. 16. 4.
* Ad marginem: non sensus, qoi in te (dono deorum) maior est.
^ Proinde gestrichen.
^ Auf diese Worte wird durch eine Hand ad marginem hingedeutet
Briefe dM CUndini CantinneiiU und Ulrich ZmIhb. Von 1581—1533. 443
Ni&i statim reliqua racemationum capita mittaB, dicam
tibi uiolatae amicitiae grandem impingam.^
Cam tuas uel literas uel lucubrationes praesertim race-
mationes ad me dabis^ si forte non sim Basileae (ut frequenter
contingit) cura^ ut Frobenio reddantur literae et quicquid mi-
seris; est enim tibi et mihi amicissimuS; cui nihil earum rerum
non credi possit. Cantiuncula.
Omnium bonarum disciplinarum studiosissimo et coadser-
tori candidissimoy Dn . . Alex. BrassicanO; poetae (l)aureato
amico incomparabili Tubingae.
Tengnagel: Claud. Cantiuncolae literae.
Aus dem Cod. pal. Yindob. 9735, f. 5 und 6.
Basel. VI. 28. Juni 1522.
Claudius Cantiuncula an J. A. BrassioanuB,
Tu qaoque feliciter perage, optime Brassicane; si me
energia numeri tantum permoueri credideras, non quaternario
sed quinario fidendum erat. Quamnis enim suo quaternario
Pythagorei nihil non tribuerint^ proditum tarnen a ueteribus
accepimuS; quinarii numeri uim tanto haberi quaternario au-
gustiorem^ quanto animatum inanimato praecellentius creditur.
Verum huiusmodi uerborum aucupiis inter nos sat sit usum.
Non est ea arte uel concilianda uel retinenda uera amicitia,
ut artificio rhetorico semper egeat. Causaris, me nihil ad ternas
tuas respondisse, causor ego tabellariorum nescio quorum impro-
bitatem^ qui sese depositum non reddentes mandataque suscepta
non implentes infamiae alligarunt. Scripsi semel^ bis atque
iterum, praesertim quod ad tuas eruditissimas annotationes ad-
tinebat^ certe quae tales sunt, ut umbram esse cognoscam quic-
quid conati sumus, si ad tua conferatur. Perge rogo de legali
prudentia bene mereri. Video equidem, ni fallor iudicio, genium
in hanc rem tibi patrocinari omniaque scitu digna sufficere;
ego abs te tamdiu rogatus et plane exoratus utcunque succen-
turiabo. Restitutus sum studiis, quae me relegarunt annum
integrum, aut ego illa. Eo quippe anno multas scripsi, sed
illiteratissimas literas, ita ut iam uel rubigo ipsa dictionis (ipse
* Cf. Terent. Phormio II. 3. 92.
444 Horftwitz.
iudicare potes) meum faabeat occupatum calamuin. Mutatam
esse conditionem in caice literarum intelliges; nactus sam diu
multumque desideratam, qua fruar, donec parens reuocarit ad
86 ipsum; id enim nihilque praeterea uereor^ quamuis esse
molestum non oporteat uolenti secundum naturam parentibus
debitum referre pelargycura.* Sed ad tuas annotationes redeo.
Duo capita ad me dedisti; prius ignis et aquae mysteria docet,
in altero mihi alter es Apelles. Prioris capitis dictio (ut
omnes tuae epistolae) prae se fort beatissimam facilitatem
fluitque genuina ubertate luxurians; contra alterius character
pressior concinniorque et ex breuitate laconica concludens
astrictins. Quae capita ubi confero, uideris mihi uirtute diuersa
laudem parem consecutus fidemque fecisti amplissimam; eiusdem
artificis esse (quod diuus Erasmus docuit) breuiter et copiose
dicere. Vis tamen libere loquar? Nescio illud unde, sed prioris
capitis imitatio mihi magis est cordi. In altero floridus^ breuis
et succulentus sed aliquanto subobscurior ; prior dulcem, candidam
et copiosam, a qua tamen demi nihil possit, orationem et qaem-
dam non iniucundum gustum prae se fert. Verum ego egregie
ineptus sim, dum haec nugor; nempe quod dici solet: sus Mi-
neruam. Res ipsas^^ hoc est iudicium illud tuum acerrimum^
nunquam satis laudauero. Crede mihi^ mi Brassicane^ multa
mihi de te spoponderam^ sed meam expectationem ualde quam
superas, quo nomine et mea et publica causa maxime laetor,
mea, qui te amicum tam sincerum tamque candidum habeani;
publica, quod tantae spei, animi et diligentiae uirum legalis
disciplina meruerit adsertorem. Vide ne cesses aut talentum
a deo creditum in terram condas, qui sanctissimo feruore illud
excolere coeperis. Facito denique, ut cum primum ad me scribas,
reliquas etiam tuas annotationes ad me des, quicquid miseris
bona fide nee sine tuo honore seruaturum. Dedi Erasmo nostro
tuas literas; quid respondeat uidebis. Quantum iudico, tibi optima
vult omniaque fausta et iucunda pro tua uirtute precatur et
nee imprudens augur ominatur. Si preces meae nonnihil apud
te possent, rogarem Tubingae maneres, quo frequentiorea tu a
me et abs te ego de mutuis nostris studiis literas acciperemus.
^ cf. Schol. Aristoph. Aves 1354. Hesych. n. Saidas u. xsXap-jfixai vofiot.
3 Die Handschrift bat res ipsa.
Briefe dee CUadins Cantinncnla und Ulrich Zasins. Ton 1521—1583. 445
Commentariolum Buschii in Persium ex officina Frobenii nullum
prodiit. Si quid reliquum sit, quod desideres et ego praestare
possim, iube et meis ut labet operis utere. Vale basilice mi
Brassicane tibique persuade Claudium tarn esse tuuni; quam
ullius docti hominis. Kursus uale; sed ut uides percelere. IV.
Ealendas Julias Anno MDXXII.
• Tabellarius haesit hie dimidiam diem.
Rogo frequentior sis apud me tuarum eruditissimarum
litterarum ministerio.
Claudius Cantiuncula legum professor Ordinarius et aduo-
catus ciuitatis Basileae tuus ex animo.
Eruditissimae doctrinae uiro D. Joan. Alexandre Brassicano^
poetae laureato et equiti aurato benemerenti amicorum suorum
antesignano Tubingae.
Tengnagel: Cl. Cantiunculae epistula.
Aus dem Cod. pal. Vindob. 9735, fol. 7 b and 8.
Basel. VII. 27. Januar 1524.
Claudius Cantiunoula an Johannes Faber« ^
Clarissime doctor! Habeo gratiam^ quod per tot occu-
pationes publicas ac priuatas rescribere libuit. Agnosco tui in
me candorem animi, cui nisi mutuum affectum rependam omnium
fiierim ingratissimus. Quare si quid est in quo praestantiae
tuae ualeam subseruire, meis ut lubet operis utatur. Deinceps
non ero Basileae sed Metis apud patrem ; huc si quid scribere
uoles ad me literas consignabis, quod quidem pergratum fuerit
qui gestiam tanto uirO; quoad licuerit, gerere morem. Parce
festinanti calamo; nam eodem fere momento, quo dominus
JodoeuB (?) equum conscendebat abiturus^ hoc tumultuanter
exaraui. Boni consules; alias longior ero.
Basileae die Antonii. Anno 1524.
Excellentiae tuae tuus Claudius Cantiuncula.
^ Johannes Fabri oder Faber wurde 1478 in Lentkirch in Schwaben ge-
boren, 1518 war er Qeneralvicar des Pabstes, er starb als Bischof von
Wien 1541. Cf. Kettner dissertatio de J. Fabri nita et scriptis. Leipzig
1735 and meine Analecten zar Geschichte der Reformation und des
Hnmanismus in Schwaben S. 27.
446 Horawits.
ClarisBimo uiro domino doctori Joanni Fabri, sereniBsimi
principis et domini d. Ferdinand! Archidacis Austriae etc. Con-
siliario domino et praeeeptori suo obseruantissimo.
Tengnagel: Gl. Cantiuncula J. C.
Faber: D. Claudius Brieff.
Aus dem Cod« pal. Vindob. 9737 g, fol. 16.
«
Vic. VIII. 31. Mai 1526. (?)i
Claudius Cantiunoula an LudoviouB Berus.
S. Semper ego acceptor ero? nunquamne reponam?^ Adeo
me frequentibus muneribus et ornas et oneras, ut meae me
tenuitatis admodum pudeat. Quando enim cessasti esse in me
officiosus? ubi unquam apud te repulsam passae sunt meae
preces? non quoties libitum fuit, tua usus sum ac prope
dixerim abusus beneuolentia? Qua profecto tanto molestius
uti debueram, quanto eam nusquam non plenissimam expertus
sum. Et quod maximum est tuae in me beneficentiae auctarium,'
nullum est quod proferre queam pelargycon, nulla liberalitatis
tuae pensatio, quanquam hoc sanctissime contestari^ possim,
nusquam defuisse animi huius in te mei propensionem ; defuisse
uires. Kam quod semel me patrono usus es, exigua saue fuit
opera, si ad tam adsidua munificentiae tuae officia conferatur.
Ita enim (an in alios pari sis animo nescio) ratio liberalitatis
demum constare tibi uidetur, si de me nunquam desinas bene
mereri; quasi Pliniana sententia^ tibipassim ob oculos obuersetur:^
Natura (inquit) comparatum est^ ut antiqua beneficia subuertas,
nisi illa posterioribus cumules et quamlibet de homine bene
* Die Datintng dieses Briefes ist nicht genau möglich, er kann in die Jahre
1525—1531 fallen, da in dieser Zeit Vic der Aufenthaltsort Cantiancula's
ist; an inneren Anhaltspunkten Ifisst sich nichts gewinnen. Bfir, Ordinarius
der Basler theologischen FacultKt, starb erst nach 1536. lieber ihn
cf. Vischer, Geschichte der Universität Basel S. 227 ff. und meine
Analecten zur Geschichte der Reformation und des Humanismus in
Schwaben 20. Der Brief des Erasmus an Cantiuncula III, 962 f. legt
den Gedanken nahe, dass er aus dem Jahre 1526 herrühre.
> Cf. luuenal I. 1.
s Hs. auctorium.
^ Die Hb. hat constari.
* cf. Plin. epist. UI. 4. 6.
^ Hs. hat obtersetur.
Briefe des Claudius CantinncnU und Ulrich Zasins. Von 15tl— 1538. 447
meritus, si quid unum neges^ id solum meminerit^ quod negatum
est. Ex quo rerum genere ut me aliquando eximam. Agnosco
ueterem unum in me candorem, non modo multa me praeter
meritum accepisse. Exosculor amicissimi pectoris constantiam,
fateor (ut uno uerbo dicam) multa me tibi debere. De quibus
Omnibus et peculiariter de munere nunc accepto habeo gratiam
deaoueoque tibi quidquid id esse potest, quo domino Ludouico
Bero Claudius inseruire queat. Utere jure tuo! Saluta meo
nomine D. Cos. Miltinger, ' affinem meum. Dominum Erasmum
per alias litteras salutaui. Sed quid uetat sexcenties saluum
esse iubere? itaque eum meis uerbis iterum atque iterum
salutato. Vale. Ex Vico Austrasiae oppido, prid. Calend. Junias.
Aus dem Cod. pal. Yindob. 8987, fol. 32 b.
Homburjf. X. ll» Januar 1531.
Claudius Cantiuncula an Johann Alexander Brassicanus.
S. Quia uereor^ Brassicane clarissimC; ne tabellarius, cui
Angusta discedens literas meas ad te fratre tum nusquam
reperto credidi, fluxae fidei sit, uolui tibi nunc rursus per
occasionem eorum quae tum fusius scribebam capita recensere.
Agebam gratias tibi ingenteis et de amica congratulatione et de
munere lepidissimo. Rogabam ut qua coepisti pergeres studiis
ubiqne resurgentibus doctam tuam porrigere manum. Suadebam,
ut maiorum gentium theelogis sacrarum literarum interpreta-
tionem remitteres; rei grammaticae atque etiam rhetoricae
tractationem peculiaribus professoribus relinquereS; teque totum
Ulnstrando iuri ciuili adparares. Eam tibi creditam esse spartam,
qua derelicta dubitarem an aliena tractans decoro satisfaceres.
Quo enim nomine censendum putas eum^ qui ducis sui relictis
castris uersatur atque etiam militat in alienis? Valde mihi
placet Adagiorum tuorum spicilegium et eo libello cum dili-
gentiam tuam singularem, tum in utraque lingua peritiam ac
iudicinm tuum comprobasti. Sed mihi (fateor) aliquante magis
arridebat scholiorum tuorum ad me ante annos aliquot missorum
speeimen et indicatura. Et ex eorum gustu sperabam atque
etiamnum ualde spero futurum^ ut iuris ciuilis sapientia^ in
* Heinrich Meltinger wird auch um 1528 von Cantiuncula in dessen Briefe
an Amerbach erwähnt (cf. Biyier 39).
448 Horftwits.
cuiuB uerba iuratas es, tuae industriae non minus olim sit debi-
iura; quam nunc uel Budaeo ^ uel Alciato uel Zasio debere
possit. Nihil enim tibi eorum omnium deesse scimus, qnae ad
rei istius bene et cum laude gerendae ^ sunt necessaria. Habes
superioris epistolae argumentum. Huius autem est : ut in mei
gratiam commendatum habeas negotium Joannis ab Helmstat,
uiri non imaginibus modo priscis sed et animi generöse can-
dore elarissimi, quem hac aestate Viennae uidisti et cuiuB
tabellarius^ has tibi reddidit. Plurimum enim in hunc officii
isthic eonferre potes idque sine tuo detrimento. Äduocatum ac
procuratorem illius cohortari in loco potes, ut pergant, ut
necubi dormitent, ut ne qua in re uel motu uel precibus uel
diuersae partis adnotatione frangantur neue Demosthenico morbo
laborent atque, ut uno uerbo dicam, ut bonam in rebus omnibus
agnoscant fidem. Herum quaedam si ei tuapte uelut sponte
praestiteris; (nam si rogatus facias, suspicionis inuidiam excitabis)
non dubito eum in te futurum, qualem esse decet uirum aecepti
beneficii non immemorem. Yale Brassicane doctissime. Qaum
ad me scribere uoles, cura ut literae tuae Spirae reddantur in
manus doctoris Friderici Rey£fecks, camerae imperialis aduocati.
Is ad me porro perferendas procurabit. Ceterum constitui mecum,
nisi tu intercesseris, coeptam olim inter nos, nunc autem annos
aliquot intermissam literarum mittendarum uicissitudinem in
usum reuocare. Tu quid eo nomine factum uelis scribe ac
rursum uale. Ex arce Homburgensi HI. Eid. Januarias/Anno
a Christo nato MDXXXI. Parce lituris; quas puer amanuensis
annos p. m. XIH natus admisit.
Toto pectore tuus Claudius Cantiuncula D.
Clarissimo uiro D. Joanni Alexandro Brassicano L. L.
doctori, amicorum suorum candidissimo. Viennae.
Brassicanus Schrift: Claudius Cantiuncula. Accepi ann.
1531, Martii die 22.
Tengnagel: Cl. Cantiuncula J.C nobil.
Ans dem Cod. pal. Vindob. 9735, fol. 26.
1 lieber GuUlaume Bud6, den berühmten Philologen und Alterthumsforscher,
cf. Kebitt^, G. Budä and Egger rHellenisme en France.
' Ein Wort offenbar ausgefallen.
> gestrichen: secretarius.
Briefe dee Clandiu CMtinncala and Ulrich Zuios. Von 1581—1633. 449
? IX. 20. Juni 1531.
daudius Canünnoula an J. A. BrassioantiB.
S. Quam quam nunc tandem profligata barbarie studiisque
melioribus in suam possessionem reuersis magnum est inter tot
ac tantos rei praeclare gestae gerendaeque duces uel graroinea
Corona donari ac tantum non in postremis consistere, ampliorem
tarnen orbis spem de te concepit splendidiusque ingenii tui
specimen attulisti, quam ut in tertiis aut quartis tibi, quod ais;
coDsistendum sit. Qui enim, quod tu magna cum laude tua
fecisti, transmarinae Veneris ornamenta latinis studiis adiunxit,
qui iuris ciuilis ita Studiosus est, ut simul poetarum lusus ac
aenigmata, superioris aetatis historiaS; philosophorum sententias
et paradoxa cognita habeat perspectaque, tum in rebus quoque
theologicis haud uulgariter uersatus est atque ita (ut uno uelut
fasce omnia complectar) encyclopaediam absoluit, ab hoc certe
nihil non excellens ac numeris omnibus absolutum praesertim
in principe sibi facultate expectari par est. Itaque uanus est
mi Brassicane metus ille tuus, ne praestare id quod a te petitur
possis. Tantum adnitare; succedet. Satis diu in prolusoriis
haesisti; adgredere nunc iustam, quae tibi dudum in legibus
decreta est, prouinciam. Neque enim aliter tuam nobis fidem
liberaueris. Ädagiis tarnen tuis^ quominus tres illae centuriae
adiiciantur, tum de praenominibus antiquis libellus praemittatur,
haudquaquam intercedo, sed nolim id genus lucubrationes,
quantumlibet doctas et elegantes, operi iusto moram adferre.
Ego cuius conatus, si ad studia tua conferantur, umbra sunt,
nihil aeque in uotis habeo, atque olim posse quo frueris otio
literato frui, hac tantum fini, ut pro mea uirili symbolam ali-
quam studiis nostris [operam] conferre queam, quin et suffuratis
^ Es sind Brassicanus Adagien gemeint, die er unter dem Titel: Pro-
uerbiorum sjmmicta . . . Pjthagorae symbola etc. Viennae 1629 herausgab.
Cf. des Erasmus Urtheil darüber in dessen Briefe an Brassicanus [Opera
III, 1289], der wegen seiner Eenntniss in beiden Literaturen gerühmt
und zur Nacheiferung angeregt wird. 1533 fSUte Erasmus freilich ein
sehr wegwerfendes Urtheil über dessen Prouerbien und Briefe deren Aus-
bleiben er leicht ertragen könne [cf. Opera III, 1767].
450 Horftwitx.
ac subsiciuis horis meditor quiddam non omnino aspernandi
incoepti et in eo sum etiam aliquo usque progressus. Verum de
bis alias. Tu qua nunc coepisti perge et annotationes tuas ut
cumulatissime locupletatas propediem habeamus effice. In re
D. ab Helmstat quod tarn officiosus es habeo tibi gratiam
quam possum maximani; eamque tuam in ilium propensionem
non secus ac in me collatam tibi fero acceptam. Simul etiam
rogo ac pro nostrae amicitiae iure, si poteris, cxigo, eures
quantum potes ; potes autem plurimum, ut ei quod isthic nego-
tium per procuratores illos agit, saluum atque integrum sit
Nibil mihi unquam usquam gratius facere potes. Caeterum
uana roeo iudicio futilisque est illa super mandato disceptatio.
Scio ego oppidum sancti Naboris proprio tum sigillo caruisse,
cum scriptum mandatum est; idque ego fide bona uobis attestor.
Sed etsi proprium sigillum habuisset^ quid uetat alterius sigilli
usum recipere? praesertim sub comite notioris nominis apud
Germanos quam sit S. Naboris oppidum? * Hoc igitur negotium
non ut unum quodlibet e muitis; sed diligentissime tibi commendo.
Ego uicissim dabo operam^ ne in bominem ingratus et officiosus
fuisse uideare. De literarum uicissitudine redintegranda quae
adfers perplacent; sed prolixiores peto. Nam ut aliae res sie
epistola bona quo maior melier est. Et ego epistolas tuas
lubens lectitare consueui atque identidem in manus quasi nouas
sumere. Itaque tu si gratum mihi facere uis et fusissimas et
frequentissime scribe. Vale. E Vico ad XII. Calendas Julias
MDXXXI.
Claudius Cantiuncula.
Reuerendissimo domino praesuli ueatro ut me quam poteris
diligentissime comraendes oro, uiro sane felici atque beato.
Beatum enim Lysander appellabat; cuius uirtuti coniuncta For-
tuna esset etc.
Clarissimo eloquentissimoque iureconsulto D. Joanni Ale-
xandre BrassicanO; amico selectissimo. (Julii die 8 accepi anno
1531, von Brassicanus Hand) Viennae Austriae.
Aus dem Cod. pal. Vindob. 9736, fol. 23.
* St. Nabor das jetzige St. Avo in Lothringen.
Briefe des Clandiof CantianciUa «nd Ulrich Zaeins. Von 1581—1533. 451
Nikolashafen. XL 12. Januar 1532.
Claudius Gantiunoula an Heinrich von Jetstetten.
B. Henrico ab Jetstetten,
affin! sno
S. Video satis; quo praetextu silentii istius diuturnitatem
tegere omnemque in me culpam reiicere pares, adfinis longe
omnium charissime. Nempe quod Argentorati spem fecerim tibi^
futurum ut e Christianis castris reuertens ad uos disgrederer^
spem quidem fecisse haud infitior, nam nee ego diuorsum
speraueram; uerum quum stipulatio tua non ultra spei limites
progressa sit^ fraudi mihi esse non debet; si rerum necessitate
adactus nostrae utriusque expeetationi respondere nequiuerim.
Äio equidem atque affirmO; impossibile per principis mei negotia
fuisse mihi; uel tum, uel ab eo tempore^ uel etiamnum ad uos
ire. Cuius modi causam aliquam subesse^ quae me sponsionum
alioqai non negligentissimum alio raperet etiam reluctantem, cum
diuinare potueris^ iam non uideO; quam iustus esse queat prae-
textas ille fictus, quem ex incerto euentu ceu firmum recepisti;
siquidem tarnen ita recepisti ac non potius amici absentis obli-
uioni imputandum est hoc tuum silentium. Quur enim, quum
ad uos non ueni, non peculiarem ad me tabeilarium uel im-
pensis meis (ita enim aliquaudo inter nos conuenerat) ultro
misisti? Quiir^ si non placitis non satisfecisse putabas^ non
per litteras expostulabas? Aut numquid non^ fuit quo de me
certiorem facereS; uel rerum tuarum uel aui uel matris uel
sororis? Fuere profecto complura scribendi argumenta, sed
hoc ego pridem infortunio exerceri consueui; ut a selectioribus
amicis rarissimus accipiam. Itaque decreueram ipse proprium
Duncium breui ad uos transmittere, cum alius affinis hie meuS;
coDsobrinus tuus Joannes Leo a Brinningen^^ peropportune ob-
latus est, qui nostras ad uos tuto deferret, quibus lectis oro
mox nos de rebus omnibus et per singula capita copiose facias
certiorem. Tabeilarium tuum quanti locaueris scribe. Eins aucto-
ramentum ego mea fide esse iubeo. Soror tua ualde praegnana
^ Die Hs. hat nunquid nam.
^ Johannes Leon, von ,B7nnigen* wird am 1629 als Verwandter Cantiuncola^s
Ton diesem genannt (Brief an Bon. Amerbach bei Rivier 1. c. 45.).
Sitiaiigsber. d. phil.-1iist. Cl. XCIII. Bd. UI. Hft. 30
452 Horawitx.
domi est et me has scripsisBe ignorat; caeterum bene habet,
et Caspar restituitur. Aegrotauit enim peregrina quadam uale-
tudine^ sed quae nuUum habeat contagium. Satis mirari nequeo
quod neqae ab auo materno; neque ab auunculo uxoris quic-
qoam litterarum acceperiiD; saltem de puero aulae pueris ad-
scripto. Huius enim maxime intererat^ ut ipse arctioa auito
iussu contineretur. Est in aula ut alii quamplureS; nolli sin-
gulariter inseruiens uagatur, cursitat^ nihil facit et tarnen nihil
non facit eoruni; quae hi facere et possunt et solent^ qni ea
aetate nullis habenis, nullo metu cohibentur. Haec tu pru-
denter auunculo tuo, Martine Stör^ (ad quem etiam ea de re
scribo) uerborum tuorum ornamentis describere potes, meque Uli
et strenuo eins patri, auo obseruantissimo diligenter commendare
uelis. Reliquum est; ut priusquam tabellarium ad nos mittas,
Spirerio nostro,^ qui in Ältkirch agit; litteras hasce meas reddi
cureS; ut et ego responsum qua de re scribo accipiam. Vale ac
per otium dum in Altkirch itur et in Einsishejm rescribe Ion-
gissimas. E portu Nicolai tano pridie Eid. Januarias Anno 1532.
Aus dem Cod. pal. Vindob. 8987^ foL 34 f.
? XII. 7. Januar 1633.
Claudius Cantiunoula an Johannes Brotephus,
S. P. Quanquam subuereor ego, uir clarissime, ne de hoc
meo incepto ualde quam sis initio miraturus, aut etiam fortasse
id quidquid est audaciae uix boni consulturus, qui non satis
habita ratione ingentis istius publicorum molis negotiorum,
quibus tantummodo obrueris in palmae instar contra pondas
resurgens,^ sustineam tibi meis neniis obstrepere. Aeqoius enim
multo fuerat, si quid tibi subsiciui temporis uelut a rebus seriis
ferianti superesset, id ipsum istius animi tui redintegrandae inten-
tioni, quam nostris nugis legendis impertiri. ^ Attamen si quo
argumento huc impulsus sum expenderis, spero mihi hone meom
ausum apud te nee fraudi futurum et te cogitationis istius pro-
pensionem aequi bonique facturum. Nullum enim aliud fuit
argumentum, quam ex eo, quod a graecis sumptum latine dicitnr:
^ Ueber Jobann Spirer cf. Rivier 1. c. 35.
' cf. QeU. n. a. Itl. 6. Die H«. hat resurgeres.
' Die Hb. impartiri.
Briefe des Cl&adii» CantinncaU und Ulrich Zasins. Von 1521—1533. 453
Amicorum omnia esse communia. Sed ut amicitiae nexus non
tarn utilitatum gratia quam animorum coniunctione constat, sie
ea rerum omnium communitas non externis sed ueris illis in-
geniorom atque animi bonis metienda est; tum uero si omnium
Bocietatum uix ulla firmior quam eorum^ qui et similium stu-
diorum sacris et sanguinis aut adfinitatis iure coniuncti sunt,
non uolui, nee si uoluissem potui; nee si potuissem debui subli-
mem istam tamque latissime patentem nominis tui celebri-
tatem non obuiis quod aiunt ulnis suscipere. Nam si gaüdere so-
leo, ubiy quod mihi deest; amicis etiam uulgaribus uideo superesse;
quem fuisse atque etiamnum esse par est aurium oculorumque
meorum sensum, cum sentio adfinem esse me ei uiro, qui cum
summa iuris prudentia summam adiunxerit eloquentiam, adeo
ut quod de Ser. Sulpicio^ accepimus id tuo de te merito dici
oporteat: ^Eloquentium est iureconsultissimus, iureconsultorum
eloquentissimus' — uerum hie memet retineo equidem et satis
intellexi impatientem esse te laudum tuarum auditorem. Nam
et hac esse modestia solent, qui sunt laude maxima dignissimi,
nee meis aut aliorum calculis uiritim corrogatis eges, cui
pridem theatrum plaudit uniucrsum. Mihi tarnen imperare
uequiui, quin effusiore gaudio ac laetitia gestiens propemodum
exilierim, cum nuper aliquot tibi deuinctissimi magno silentio
libentesque referentem audiremus, quanta cum gloria idibus
Novembribus ^ prox. superioribus in frequentissima amplissimi
ordinis totiusque populi Corona de rebus grauissimis horis tribus
continuis copiosissime sapientissimeque dixisti atque ita dixisti,
ut uno omnium ore uel eorum etiam, quibus dicam impegeras
grandem in coelum usque laudibus ac uotis tollerere. Nee
dubito quin si suus, ut olim, esset uirtuti bonos, tibi isthic ex
S. C. ob rem in ciuili militia praeclare gestam statua dicata
esset. Adderem et alia quaedam ex uero, nisi religio esset,
committere ut quisquam credatur laudibus oneratus. In prae-
sentia mearum partium esse putaui, te isti Mineruae,^ quo fun-
geris et illud tibi gratulari. Comperio enim non modo uerum
esse quod paroemia dicitur, ,magistratus uirum indicat^ quin et
^ lieber Ser. Sulpicius cf. Cicero Brat. 41, 42 a. s. w.
' Die Hs. Nouembrifl.
' So die Hs. sieber mit Unrecbt, es wird entweder mnneri oder niinisterio
zn lesen sein.
30*
454 Horftwits.
,illud' uir magistratum. Macte igitur airtute uir perge qua
coepisti, neque cessato partim te reipublicaC; partim amicis
tuis; quod Plato docuit^ esse natum contestari; nominisque istias
toi famam ad trinepotes propagare. Quod ad me attinet, si
qua in re tibi subseruire queO; nihil es unquam usquam ^ a me
postulaturus, quod ab addictissimo gen tili clienteque debeat
expectari. Vale uir eminentissime. Datum VII. Eid. Januarias.
Anno 1533.
Aus dem Cod. pal. Vindob. 8987, fol. 33 f.
Vic. XIII. 12. April 1533.
Claudius Cantiuncula Domino Seoretario Argentinenai.^
S. Hoc momento absolui, quod mitto, nocturnis horis (cum
per Reuerendissimi domini Cardinalis aduentum interdiu non
liceret) meditatum, dispositum scriptumque responsum in
negotio recusationis ad me transmissae' etc. Tu sicubi lapsus
sim condonatum iri mihi pro nostra amicitia procurabis. Equi-
dem subsiciuis ac suifuratis horis, qua fieri potuit fide diligen-
tiaque congestum est. Tabellarium nuUum uulgarem nancisci
potui. Hie ut reuerendissimo domino Argentinensi inseruiret
ac mihi gratificaretur id oneris equo mutato udus^ subiit
Response meo non subieci nomen meum hac ratione motus
quod dominus praeconsultus suo se non subscripserat. Saluta
clarissimum dominum cancellarium atque ex eo sed uelati
sponte tua percunctator, quemadmodum probauerit uel impro-
bauerit aliud responsum super praescriptione iuris offerendi
uel ut quidam appellant prothjmiseos.^ Vale mi frater et amice
constantissime. Si quid certi habeas de dominis comroissariis
Spiram aduenturis an et quando uenturi sint, fac sciam. E Vico
Austrasiae, die resurrectionis dominicae. Anno 1533.
Aus dem Cod. pal. Vindob. 8087, fol. 35.
^ Der Sinn erfordert frustra.
3 Nach freundlicher Mittheilung des Prof. Dr. L. Spach in Strassburg hiess
derselbe Johann Meyer genannt Motzbach von Esslingen.
> So emendire ich den sinnlosen Text ire negotio .... transmisissem.
* Hs. hat udeus.
^ Die Hs. hat prothomiseos.
Briefe dee Claudias Cantinacnla und Ulrich ZMios. Yen 1521-1533. 455
B.
Briefe von Ulrich Zasius.
1. (XIV.) Ulrich Zasius an J. Faber. Freibarg^, 22. October 1520.
2. (XV.) Ulrich Zasius an J. Faber. Freiburg, 30. Januar 1521.
3. (XVI.) Ulrich Zasias an J. Faber. Freiburg, 27. October 1527.
lieber Zasius' Leben ist nach Stintzing's musterhafter
Arbeit hier wohl nichts zu sagen ^ nur sein Verhältniss zu
J. Faber mag besprochen werden. Zasius' Beziehungen zu
Faber waren sehr rege, er nennt ihn seinen mächtigen Patron,
semen Mercur; er rühmt ihn, wie er 1525 zu Freiburg vor
zahlreicher Versammlung zwei Predigten gehalten. Vir est
dignus aetemitate! ruft er da begeistert aus. ^ Faber war auch
sein Vermittler am königlichen Hofe Ferdinands, dem er
Zasius' Schriften übergeben solP und bei dem er viele Gunst-
bezeigungen für den Gelehrten erlangte.^ Zasius rühmt Faber
in seiner Dedicationsepistel an König Ferdinand zusammen mit
Spiegel : Atque adeo meliorum literarum cognitione undecunque
doctissimus Joannes Faber, Jacobus Spiegel, ambo iuris pro-
fessores famigerati, quorum hie a consiliis, ille a libellis tuae
inseruiunt Maiestati ambo eruditione insignes, rei latinae ele-
gantia inter selectos numerandi, humanitate, fide, amicitia,
integritate omnibus numeris absolut!, ut Interim alios taceant.^
1532 dedicirte er ihm die zweite Auflage seiner mit Rücksicht
auf die Haloandrische Pandektenausgabe durchgesehenen In-
tellectus iuris ciuilis singulares (Apud inclytum Germaniae
oppidum Friburgum Brisgoicum per Joannem Fabrum Emmeum
Jaliacensem anno MDXXXII). Das Dedicationsschreiben bittet
— ausser den üblichen Phrasen — den nunmehr zum Bischof
von Wien Gewordenen um seine Verwendung beim Könige
1 firiefsanunlnng des Zasius ed. Riegger 127, 128. Er will durchaus nicht,
dass Faber Geld für ihn auslege.
3 Cf. die Briefe 127, 129, 131, 133, 144. S. Intellectus singulares. Basel
1526, ist Ferdinand gewidmet cf. 421.
» Cf. 146.
* p. 423.
456 Horawitz.
(meos hosce labores et commendares diuo Principi — quod et
antehac magna cum beneuolentia fecisti) und rühmt seine
Thätigkeit für die Beschirmung des katholischen Bekenntnisses.
Diese erhebt er noch mehr in dem unter Nr. XVI abge-
druckten Schreiben, in welchem er Faber mit Paulus vergleicht,
weil er keiner Mühsal ausweichend, Reisen und deren Gefahren
nicht scheue, um das wankende katholische Christenthum zu
stützen. Gewiss, sein Name sei sinnreich gewählt, denn mit
dem Hammer seiner Rede und seiner Schriften gehe er dem
Wahnsinn der Ketzer an den Leib. Nach ihm sehnt er sich
wie nach Keinem — nur der König macht eine Ausnahme —
um 1527 spricht er seine Hoffnung aus, ihn und den Fürsten
nochmals vor seinem Ende sehen zu können. Durch ihn sucht
er Erleichterungen für sein Alter zu gewinnen, bei ihm tritt
er für die im Villinger Streite arg bedrängte Universität ein,
bei ihm verwendet er sich endlich für seinen Beichtvater. —
Auch ausser dem Verhältnisse zwischen Zasius und Faber, fiir
das bisher nur jene Dedicationsepistel an Faber und einige
gelegentliche Bemerkungen in verschiedenen Briefen vorlagen,
bieten die drei Schreiben des gelehrten Romanisten Manches
Interessante. Die erste Nummer zeigt ihn uns noch in jener
halbgünstigen Stimmung fUr Luther, dessen gerades kerniges
Wesen dem ebenfalls oft derb dreinfahrenden Zasius so gut
gefiel, wie er dessen Zurückgehen auf die Quellen selbst nur
billigen konnte. So spricht er denn hier noch kein verwerfendes
Urtheil über den Wittenberger Reformator aus. Er wünscht
von Faber eine Aeusserung über seinen Brief an Luther —
(die Annahme der Echtheit dieses Schriftstückes wird durch
diese Erwähnung noch plausibler gemacht) — dessen Einfluss
er hoch anschlägt. Freilich fürchtet er, es sei nunmehr von
Luther die Gnade gewichen. — Er unterrichtet uns auch über
seine Collegien, deren er täglich zwei abhält, und wie es ihm
schwer falle, Studien und Unterricht zu verbinden; kurz auch
aus diesen drei Briefen gewinnen wir Neues, auch aus ihnen
blickt des Romanisten wohlbekannte Art. Ich lasse nunmehr
den Text derselben folgen.
Briefe des Clandins Cantinocala and Ulrich Zasias. Von 1621—1533. 457
Freiburg. XIV. 22. October 1520.
IJdalricus Zasius Joanni Fabri:
sese commendat. Hoc uelut momento; praestantissime et
pater et frater, se procinxit itineri Geruasius Souferus^^ com-
pater meuS; uir cum sincera doctrina sincerus^ istuc profecturus,
qui negauit abire, nisi literis ad te comitibus. Uelim uenera-
tissime pater hominem doctum^ ut soles in omneis humaniter
excipitO; et si quid poteris officii praestato. Nostrae uniuersi-
tatis a secretis uel ut uulgo notarius est^ uir nobis et obseruatus
et dilectus.^ Ceterum quid super epistola mea^ ad Lutherum
scripta (haue enim commonstrabit Geruasius) sentias, pande.
Desciui ab homine, ubi uenena mala miscet, antehac admiratus, *
ubi bona uenena temperauit Deum immortalem^ quam fragilis,
quam nichili res est homo sine gratia adiuuante! Quid non
potuit Lutherus cum gratia; nunc abeunte, ut uereor, gratia,
quid non confundit? Vale! Deum timere, nolle altum sapere
Pauli sententia est tarn aurea quam uera. Patrono meo Botz-
hemo ^ omnia mea plenis o£ferto ^ cophinis^ ei tarnen scribere non
licebat. Iterum uale ; uado ad consulares angustias. Ex Fry-
burgo XI. Kalendis Nouembris. Anno etc. XX.
' Gervasias Soupberns aus Breisach (am 16. November 1505 in Freiburg
immatrlculirt), 1521 Notar der Universität, musste der Reaction weichen.
^ Tengnagel ad margiuem: Epl. Zasü ad Lutherum.
^ Es ist der bekannte, vielfach zustimmende Brief (bei Biegger S. 394 ff.)
gemeint, den dieser wohl ohne Grund (cf. Stintzing 1. c. 320) bezweifelt.
Durch die Erwähnung des Briefes in einem sicher von Zasius herrühren-
den Schreiben ist das Factum, dass sogar der strenge Katholik an
den Wittenberger schrieb, zweifellos constatirt; freilich bei dem Mangel
an der Provenienz nicht möglich den Nachweis zu führen, dass Nichts
interpolirt worden sei. Vgl. übrigens Ranke, Deutsche Geschichte im
Zeitalter der Reformation I, 443.
^ Zwei Worte gestrichen.
^ Ueber Johann Botzhemus (Abstemius) Doctor und Canonicus zu Costnitz,
cf. meine Analekten zur Geschichte des Humanismus und der Refor-
mation 99, 100, 123, 134, 135, 170, 171, 176. Luthers Briefwechsel von
Burckhardt gibt ein Schreiben des Botzheim vom 3. M&rz 1520 an. Cf.
J. G. Schelhorn's kleine Schrift über B. Memmingen (Meyer) 1769.
^ Ein Wort gestrichen.
458 Horawiti.
Thomam Blaurer^ * nisi migrauit, meo nomine saluto. Tuus
ZasiuB (Tengnagel: Udalricii Zasii epistola de Luthero). Venera-
bili et praestantissimo uiro domino Johanni Fabri J. U. doctori
reuerendisBimi domini mei ConBtant[ien8i8] uicario uiro unde-
cunque doctissimo patrono suo selectissimo.
Aatograph aus dem Cod. pal. Vindob. 9737 g foL 4.
Freiburg. XV. 30. Januar 1521.
IJlrioh Zasius an Joannes Faber.
S. P. D. Qui ad te patronum et amicum meum selectisBimum
debebam literiB eBse freqaentiBsimuS; rariBsime Bcribo et nee id,
niBi efflagitanti negotiO; quod non leiÜB oBse criminiB praestan-
tiBBime patrone non infitior^ ut Bio habeas (quod in controuersiis
expetitur) confitentem reum^ Bitque haec cauBa eo nomine asystata,
quod defensionem uel non reeipit prorsus, aei difficile recipit.^
Ergo ad asBumptiuam BtatuB Bpeciem (si saltem Btatos est,
quod multi negant) niteris et ueniam precor et noxiam deprecor,
quorum Bi neutrum impetrauero ^ poenae Bubiicio, sed quae et
temperetur ex uenia et a noxia recedat; sunt etenim^ quae
ad ueniam reBpiciant: lectionum, quas duaB per diem obeo,
grauis moloB, item iaeiÜB ex labore (ut in homine sene) defectio,
Bi fori interim negotia tacuero. Sed quorsum haec? Nempe
ne te uirum ingenii amoenisBimi importunuB adisBe uidear culpa
non excuBata. ProficiBcitur ad te homo integer et ad aBsem
probus JoanncB praesentium exhibitor, ex quatuor illiS; qui a
cura Bunt noBtrae ecclesiae paBtori^ confesBor (ut uocant) raeus ;
Bacerdotio prouisuB est Brisaci a ciue^ qui se pro patrono et
gerit et juste gerit. Verum antebac non praesentauit; quippe^
* lieber Thomas Blaurer, den Bruder des Reformators Ambrosius Biaurer,
der bei Zasius studirte, sich dann nach Wittenberg beg^b, von wo er
durch Luthers Schriften seinen Bruder für die Beformation gewann, cf.
Pres sei, Ambrosius Biaurer und meine Analekten 96, 99, 100, 136, 137,
147, 165.
3 cf. Aurel. August, de rhetor. I. 16. (Rhetores lat. minores ed. Halm p. 146.
24. SS.)
3 Ein Wort gestrichen.
^ Dies quippe ist Yon Zasius ad marginem geschrieben.
Briefe des Clftadins CaDtiancnla und Ulrich Z«niu. Yon 1581-15S3. 459
homo iuueDis, qai improuida illa minoram aetate iura sua
securabat; id est non curabat, ut interea^ quaedam ut uocant
fraternitas semel praesentarit^ sed nullo iure^ quod euidenter
patet. Cardo in hoc est, ut confessor meus ad praesentationem
sine proscriptione^ quam vos proclamationem nominatis^ insti-
tuator; ut sie et consequatur posseBsionis praerogata et con-
sequatur ex titulo; ne non^ si proscriptum Beu prociamatum
faerit, aduersarÜB comparentibus bonus uir iuris sui impediatUT;
eique praecurrat aduersariorum cuicuimodi sit possessio, quae
tarnen nescio an sit possessio nominanda, quae euidenter uel
ipsis nitro confitentibus titulo caret, sed quando nostrae pro-
fessionis scita etiam praedonis possessionem ^ tuentur,^ vereor, ut
bonus uir, quod abominor, in lite succumbat, si non iam titulus'
saus institutione ordinaria fultus fuerit. Nisi forte cum hac
causa petitorium patroni cum possessorio retinendae concurrat,^
sententia quidem umbratilis pro possessore detur, ceterum in
exequendo praeferatur petitor, quod aequitatem haberet et
ex corde meo ^ dilectus dominus candidatus prope ^ fundari
posse uideretur maxime ubi patroni ius et patet euidenter et
possessoris ruina sit manifesta. In qua tamen re obiici mihi
uideo, quod in causa mea(?)^ olim ibidem in dorsum pugnari
posse intelligitur. Isthaec concertationis pericula euitari possent,
si ad praesentationem institutio sequeretur, qui mos, dum prima
ego aetate in foro tuo uersarer, obtinuerat. Tu patrone prae-
Btantissime, quicquid ofücii cum iustitia conferre in hominem
Optimum possis, ex animo peto, conferas, siquidem mihi ipsi
collatum putabo, ne amicus meus fori insuetus paci et orationi-
bus asBuetior litigare cogatur. Me si unquam tuus fui, nova
domini causa tibi asseres, ut sie quod mirabile sit, quod nitro
tuum est iam magis tuum esse incipiat. Vale asylum literatorum,
omamentum® doctrinarum omnisque et rarum et uerum bene-
ficentiae exemplum. Alexandrum Brassicanum, humanissimum
uirum, ex me saluum ornatis uerbis uelis. Ex modicis etiam,
1 taemiir gestrichen.
' Von Zasins Hand ist ,tnentar* ad marginem geschrieben.
' Ans yconcorratur* von Zasius emendirt.
* Die Handschrift hat c m.
^ Die Hs. hat d\ cän ^p.
^ Utteramm gestrichen.
460 Horawitz.
quae ad me scripsit, tanquam ex linea ducta pictor melioris
doctrinae iustam effingo imaginem et uelut ex plantae uestigio
(ut olim in Hercule) totum hominein dimetior. Vale ex Fri-
burgo 3*® Kaien. Februarias* anno etc. XXI.
Von Zasius eigener Hand:
TuuB Huldarhicus Zasius legum et doctor et Ordinarius
Fryburgensis.
Quae praeterea in Lutheri re ad te scribenda ueniunt
cum succedaneo Episcopo, quem su£fraganeum nominant, uiro
bumanissimo scribam.
Egregio et praestantissimo uiro, domino Job. Fabri, utriiis-
que iuris doctori^ reuerendissimi domini mei Const(antiensis)
uicario; uiro in melioribus doctrinis et omni suauitate expoli-
tissimo^ meo selectissimo patrono.
Aus dem Cod. pal. Vindob. 9737 g fol. 5, 6.
Freiburg. XVI. 27. October 1627.
Udalrioua Zasius Joanni Fabri
sese commendat. Saluum te a remotissimo terrarum tracta
ad serenissimam regiam maiestatem, splendidissime et amplissime
uir, patrone selectissime^ rediisse merito omnes, qui tibi cupiui-
muS; qui a tua salute pendemus, ex animo laetamur speramus-
que fore, ut et ad nos aliquando feliciori postliminio sis redi-
turus. Fabri nomen multum in ore, muitum in praeconiis
nostris uersatur. Nee enim in consessu uUo praestantiom
uirorum et uel maxime doctoris Jacobi Spiegel,^ uiri ad assem
doctiy qui nobiscum agit, de uiris eminentibus fit mentio, in
quo tu non primas feras et id quidem iure et debito, qui unus
labori nullo parcis, uiarum discrimina^ maris et terrae pericala
uelut alter Paulus subire non dubitas, ut nutanti propemodum
fidei domino adiuuante opem praestes subsidiariam. Fabri nomen
fato quodam accepisti, argumentoque tam insignis nominis
doces uerum esse, quod olim Apollinaris ex Piatone uel Plato
ipse docuit, nomina non temere sed fatali indi solere prouidentia.
1 Hs. Febrnarii.
3 Jacob Spiegel aus Schlettstadt, kaiserlicher Ratfa, Freund der meisten
elsässischen und schwäbischen Gelehrten.
Briefe des Clandine Cantiancnlft und Ulrich Zaeins. Von 1521— 15SS. 461
Quid enim aliud quam et uocis et scriptorum tuorum malleo
haereticorum pertundis insaniam? Dii igitur te sanum et pro-
sperum uelint, te tueantur, te dirigant, ut nostris adesse rebus,
sanctissimaeque fidei causam indefecto uigore adfouere possis.
Equidem te tarn desideranter expecto, ut praeter serenissim^im
et felicissimum regem et principem nostrum a deo nobis datum
non Bit ullus in orbe*homo, quem uidere cupidius optem. Senem
Zäsium prope iam septuagenarium naturam tum felicius solu-
turum credito, si et principem meum, quo meliorem orbis uni-
uersus non gerit, et te patronum selectissimum ante mortem
uidere contigerit. Pro honore magni principis et commodo
stttdiosorum laboramus quantum possumuS; ut in futurum annum
iogenii mei non poenitendam foeturam edam in publicum. Quies
eam in rem ^ necessaria admodum foret, quam diui principis
indulgentia praestare posset; lectioni enim incumbere et studia
adiuuare, utraque haec seni perquam sunt difficilia. Ceterum
patrone praestantissime nostra uniuersitas ab oppido Vilingen
misere affligitur, qui non contenti suis nostra quoque appetere
alimenta, diuorum principum largitiones usurpare pergunt.^
Eamque in rem decreta seu iussa aliqua a serenissimo principe
nostro, dum in tanta festinatione in terras remotas plenam in-
formationem dare non potuimus obtinuerant.^ Quo nomine damno
non modico et tantum non intolerabili affligimur et nisi sere-
nissima regia maiestas reducto duriori hoc calculo urbi solita
subueniat dementia nostrique et necessitatum nostrarum rationem
benigniorem habeat, de rebus et commodis nostris studiique
tarn excellentis uigore actum esse ueremur. Siquidem non
solum alimenta, quibus uiuimus, hoc turbido^ negotio pertur-
bantur, ^ sed et ceteri confines uicini, a quibus ex diuorum prin-
cipum et fundatorum nostrorum largitate decimas percipimus,
Vilingensium exemplum secuti nostras obuentiones, alimentaque
nostra simili machinatione resecturi et diminuturi esse redduntur.
^ admodnm gesti:^chen.
' Ueber die Villinger Streitigkeiten hat Riegger in seinen Analecta academiae
Friborgensis ein eigenes Capitel ,de rebus Villinganis* p. 106—144.
Vgl. Ferdinand's I. Entscheidungen darüber (ib. 8. 136).
^ Von Zasius Hand ad marginem: obtinuerant.
* seculo gestrichen.
^ Die Handschrift hat perputantur.
462 Horawits. Briefe des Clftudins CftotiaacaU und Ulrich ZMins. Yon 15X1^1533
sicuti haec et alia in instructione nostra ad dominum Joannem
Maium data latius cognosces. Rogo ego^ cliens tuas deuotissimus
quam possum instantissime, nos patrone adiuues, nee ulla occa-
sione permittas, ut tarn gloriosa uniuersitas (quam et honorificam
tuae praestantiae nutritiam fuisse gloriamur) laicorum insolentiae
exponatur et obuentionibus deplumata tandem in interitum sit
uersura, hactenus non dedecori laudatissiibae domui Austriae,
dum diuis principibus tot annos consiliis publicis et prioatis
adsumusy totque praestantes uiros in laudem totius Germaniae
peperimus. Hanc tarn laudatam Uniuersitatem a diuis prio-
cipibus tarn paterne institutam tanta prouidentia fundatam et
semper ex animis complexam Maximus Ferdinandus princeps
inuictissimuB subuerti non patiatur. Vale o et praesidium et
dulce decuB nostrum. Ex Fryburgo sexto Kai. novembris
Anno etc. XXVII.
Von Zasius Hand:
Tuae R. P. subiectissimus Udalricus Zasius, legum et doctor
et Ordinarius Fryburgensis.
Reuerendo insigni et amplissimo uiro, domino Johanoi
Fabri, iuris pontific. doctori Basiliea(Bi) et Constan(tiensi), eccle-
siarum canonico, diui regis nostri consiliario inter primos prae-
rogato domino obseruatissimo.
Tengnagel: Udalricus Zasius.
Aus dem Cod. pal. Vindob. 9737 g fol. 23— 2i.
/"■
VII. SITZUNG VOM 12. MÄRZ 1879.
Herr Dr. Joh. Jarnfk, Docent der rumänischen Philo-
logie an der Wiener Universität^ ersucht um eine Subvention
zu einer Reise nach Rumänien behufs des Studiums der dortigen
Volkssprache und Volksliteratur.
Herr Dr. Franz Martin Mayer in Graz übersendet eine
Abhandlung unter dem Titel: ,Ueber die Verordnungsbücher
der Stadt Eger^ (1352—1482) und ersucht um Aufnahme der-
selben in die akademischen Schriften.
An Druoksohriften wurden vorgelegt:
Academia real de la Historia: Boletin. Tomo. I. Gnaderno III. Febrero
1879. Madrid, 1879; 8».
Acad^mie imperiale des Sciences de St.-P6tersbourg: Tome XXY. (Feuilles
lö— 20). St-P^tersbourg, 1879; 4».
— royale des Sciences, des Lettres et des Beaux-Arts de Belgique. Bulletin
47« Ann^e, 2« S^rie, Tome 46. Nr. 12. Bnixelles, 1878; 8^. — Annuaire.
1879. 45« Ann^e. Bruxelles, 1879; 12».
Accademia Reale delle Scienze di Torino: Atti. Vol. XIV. Disp. 1* (Noyem-
bre-Dicembre 1878). Torino, 1878; 8^.
Akademie der Wissenschaften, königl. Schwedische: Oefversigt of För-
bandlingar. 35. Jahrgang. Nr. 6, 7 und 8. Stockholm, 1878; 8^.
— der Wissenschaften in Krakau: Monumenta Poloniae historica. Tom III.
Lw6w, 1878; 4^. — Acta historica res gestas Poloniae illustrantia.
Tomus I. W Krakowin, 1878; 4^. — Starodawne Prawa Polskiego
464
Pomniki. Tom V. czesc^ I. Cracoviae, 1878 ; 4°. — Archiwom do Daejöw
literatury i oswiatj w Polsce. Tome I. w Krakowie, 1878; 4^*. — R02-
prawy i Sprawozdania z posiedzeu wjdzialu bistoriczno-filozoficznego.
Tom. IX. W Krakowie, 1878 ; 8^. — Bozprawy i Sprawozdania z posie-
dzen wydzialu filologicznego. Tom VI. W Krakowie, 1878; 8«. - Po
Ucieczce Henryka dzieje bezkr6lewia 1574 — 1676 przez Wincentego
Zakrzewskiego. W Krakowie, 1878; 80.
Central-Commiasion, k. k. statistische: Statistisches Jahrbuch für das
Jahr 1876. V. und Vm. Heft. Wien, 1879; 40. — Nachrichten über In-
dustrie, Handel und Verkehr. XV. Band. IH. Heft. Statistik des öster-
reichischen Postwesens im Jahre 1877. Wien, 1878; 4^.
— k. k. zur Erforschung und Erhaltung der Kunst- und historischen Denk-
male: Mittheilungen. V. Band. 1. Heft. Wien, 1879; gr. 4».
Littr^, i: Conservation, Revolution et Positivisme. Paris, 1879; 12^.
Mittheilungen aus Jnstus Perthes* geographischer Anstalt von Dr. A.
Petermann. 26. Band, 1879. H. Gotha, 1879; 4^.
OssolinskTsche Bibliothek: Pamietnik Zbigniewa Ossolinskiego Wojewodjr
Sandomierskiego f 1623. We Lwowie, 1879; 8^^.
Revue politique et litteraire, et Revue scientifique de la France et de
l'Etranger. VIII« Annee, 2« S^rie. Nr. 36. Paris, 1879; 4«.
Schuchardt Hugo: Limba Romanä Vorbitä intre 1650—1600. Tomnia I.
Bucuresci, 1878; 8«. — Ueber B. P. Hasdeu*s „Altrumänische Texte und
Glossen. Bukarest, 1878; 4^
Verein, historischer für das Grossherzogthum Hessen: Die vormaligen geist'
liehen Stifte im Grossherzogthum Hessen, von G. J. Wilhelm Wagner.
II. Band. Provinz Rheiuhessen. Darmstadt, 1878; 8^
VIII. SITZUNG VOM 19. MÄRZ 1879.
Die Commission der Teplilzer Gewerbe- und Industrie-
Ausstellung ladet zur TheÜDahme eiu.
Herr Regierungsrath Dr. Constant Ritter von Wurzbach
übersendet den 38. Theil des ^Biographischen Lexikon des
Eaiserthums Oesterreich' mit dem Ersuchen um Bewilligung
des üblichen Druckkostenbeitrages.
Das w. M. Herr Professor Dr. Werner legt eine fUr die
Sitzungsberichte bestimmte Abhandlung vor, welche den Titel
fuhrt: ,Die Psychologie, Erkenntniss- und Wissenschaftslehre
des Roger Baco^
An DruokBohriften wurden Torgelegt:
Gesellschaft, k. k. geographische, in Wien: Mittheilongen. Band XXII.
(N. F. XII.) Nr. 2. Wien, 1879; 40.
Königsberg, Universität: Akademische Gelegenheitsschriften. 1878/9. Acht-
zehn Stücke 40 und 8^.
Mittheilangen aus Justns Perthes* geographischer Anstalt von Dr. A.
Petermann. Ergänznngsheft Nr. 57. Gotha, 1879; 4^.
3evne politique et litt^raire* et ,Reyue scientifique de la France et de
rätrangerS VIII« Ann6e, 2« S^rie. Nr. 37. Paris, 1879; 40.
Society, the American geographical: Bulletin. Nr. 2, 3 und 4. 1878. New-
York; 4«.
— the Astatic, of Bengal: Ribliotheca indica. Fasciculi Y, VI. Calcutte,
1878; 8«.
466
Society, the royal geographica!: Proceedings and montbly Becord of Oeo-
graphy. Vol. L Nr. 3. March 1879. London; 8«.
— the rojal, of Victoria: Transactions and Proceedings. VoL XIII and XIV.
Melbourne, 1878; 8^.
Verein, militär- wissenschaftlicher, in Wien: Organ. XVIII. Band. 3. Heft,
1879, Wien; 8«.
— croatisch- archäologischer: Viestnik. Godina I. — BR. 1. U Zagrebo,
1879; 80.
Wissenschaftlicher Clnb: Jahresbericht 1878/79. III. Vereinsjabr. Wien,
1879; 80.
Werner. Die Paycliologie, Erkeiintnise- n. Wiisenicbaf talehre d. Boger Bmo. 467
Die Psychologie, Erkenntniss- und Wissenschafts-
lehre des Roger Baco.
Von
Dr. Karl Werner,
wirkl. Mitgliede der k. Akademie der Wissenschaften.
XVoger Baco hat einen bleibenden Namen in der Ge-
schichte der Wissenschaften als ein Mann von aussergewöhn-
licher Begabung , welcher in einem von Auctoritäten und
UeberlieferuDgen abhängigen Zeitalter in mehr als einer Be-
ziehung seine eigenen Wege zu gehen versuchte, und seinen
Zeitgenossen namentlich auf dem Gebiete der Naturkunde neue
Einblicke zu erschliessen bemüht war.
Ohne die Wissenschaft durch Ermittelung neuer Methoden
fruchtbringender Forschung zu bereichern, wendete er doch
allem erfahrungsmässigen Wissen das lebhafteste Interesse zu,
und wies mit Energie und Nachdruck auf den Werth und die
eminente culturelle Bedeutung der experimentalen Forschung
hin; von Irrthümern und Vorurtheilen nicht frei, griff er
ahnungsvoll über seine Zeit hinaus, und schaute die folgen-
reichsten Entdeckungen und Erfindungen der neueren Natur-
kunde mit prophetischem Blicke voraus.
Von dieser Seite betrachtet wäre vor Allem eine Dar-
stellung seiner physikalischen Weltlehre von Interesse. Diese
lässt sich jedoch nicht im Zusammenhange wiedergeben, ohne
dass auf seine allgemeinen methodologischen Vorschläge und
erkenntnisstheoretischen Anschauungen zurückgegangen wird,
die ihrerseits wieder mit den ihm eigenthümlichen Anschauungen
über Wesen, Begabung und kosmische Stellung des Menschen
aufs Engste zusammenhängen. Eine geordnete Ueberaicht der
kosmologisch-physikalischen Lehren Baco's lässt sich sonach nur
Sitxnogeher. d. phil.-hist. Ol. XCIII. Bd. III. Hft. 31
468 Werner.
auf Grund seiner psychologischen und erkenntnisstheoretischen
Lehren und Anschauungen bieten. Wir beschränken uns in
dieser Abhandlung vorläufig auf den fundamentalen Theil der
betreffenden Aufgabe^ nämlich auf die Darlegung der Psycho-
logie und Erkenntnisstheorie Baco's^ welche letztere, in eine
encyklopädische Skizzirung des Inhaltes aller Wissens&cher
auslaufend; zugleich auch Gelegenheit bietet, das Wesentlichste
aus seiner physikalischen Weltlehre beizubringen. Eine Dar-
stellung der Psychologie und Erkenntnisslehre Baco's hat
nebstdem ihre Berechtigung als Aufweisung einer der mannig-
fachen speciellen Modificationen der scholastischen Behandlungs-
art der beiden Disciplinen angehörigen Fragen und Probleme,
und fiigt sich der Gesammtgeschichte der scholastischen Seelen-
und Erkenntnisslehre als ergänzender Beitrag ein.*
Anknüpfend an den metaphysischen Satz, dass dem all-
gemeinsten Genus des logischen Denkens ein allgemeinstes,
in allem Geschaffenen sich findendes Substrat des determinirten
und formirten geschöpf liehen Seins entsprechen müsse, ^ geht
Baco in seiner Psychologie von dem Satze aus, dass die
* Wir benutzen für unsere Darstellung die gedruckten Schriften Baco'a in
den Ausgaben yon Jebb und Brewer; das von Jebb edirte Opus majns
(London, 1733) citiren wir nach dem zweiten zu Venedig (1750) ver-
anstalteten Abdrucke desselben. Die in Brewers Publication (Fr. Rogeri
Bacon opera quaedäm hactenus inedita. London, 1859) aufgenommenen
Schriften Bacons sind: Opus tertinm, Opus minus, Compendium philo-
sophiae sammt einem Wiederabdrucke der Epistola de secretis operibos
artis et natnrae. Die von Brewer unter dem Titel Opus tertiam edirte
Schrift citiren wir unter demselben Titel, obschon der von Brewer edirte
Text derselben ausreichende Indicien dafür bietet, dass er nicht dem
wirklichen Opus tertium Bacons angehören könne; vgl. Op. tert, c. 40,
woselbst der Autor mit ausdrücklichen Worten auf sein Opus tertiam ver-
weist, femer c. 75, woselbst Brewer (p. 304, Anm. 1) bemerkt, dass ron
den Worten: in hoc tertio opere, in einer der von ihm zu Bathe ge«
zogenen Handschriften das Wort ,hoc* fehle. Umständliche Nachweisungen
über das vor der Hand noch ungedruckte wirkliche Opus tertiom bei
Charles : Roger Bacon, sa vie, ses ouvrages, ses doctrines (Paris, 1861),
p. 82 sqq., ebenso Auszüge aus demselben, p. 358 sqq. Eine Abtheiinng
des wirklichen Opus tertium bilden die in einem Pariser Codex (Cod.
Nr. 127 der Bibliotheque Mazarine) enthaltenen Communia Katarslinm
Fratris Rogeri Bacon (vgl. Charles p. 65, 73, 358 sqq.), deren Ver-
werthung für die vorliegende Abhandlung mir gütigst verstattet worden ist.
2 Op. tert., c. 38.
Die Psychologie, Erkenntniss- and Vfistenscliaftslebre des Roger Baco. 469
Seele ein aus Materie und Form zuBammengesetztes Wesen
sei.^ Damit soll nicht ihre Geistigkeit in Abrede gestellt
werden; im Gegentheile ergibt sich als erste Grundtheilung
des geschöpflichen Seins die Unterscheidung zwischen un-
körperlicher und körperlicher Substanz. 2 Die körperliche Sub-
stanz wird weiter in die himmlische und in die elementarischen
getheilt, aus welchen letzteren die mannigfaltigen irdischen
Körper zusammengesetzt sind. Die geschaffenen Substanzen sind
wesentlich geformte Substanzen; das göttliche Wesen allein
ist rein nur Forni^ als das durch nichts determinirte ^ all-
determinirende Wesen. Mit diesem letzterem Satze bekundet
sich Baco als ächter Schüler seines vielgepriesenen Lehrers
Robert von Lincoln, welcher Gott als Forma prima und
Forma omnium bezeichnet.^ Wir werden am Schlüsse dieser
1 Teneo pro certo, quod anima est coinposita ex materia et forma sicat
angeli ; eadem enim est quaestio de angelis et de animalibus rationalibus
.... Omne, quod non est accidens, et fit Teruzn subjectum accidentis,
est substantia vera . . . Sed angelus et anima non sunt accidentia et
substant accidentibus nt scientiae et virtuti et hujnsmodi; ergo oportet,
quod sint verae substantiae, et ideo oportet, quod sint in praedicamento
snbstantiae. Sed non sunt in eo sicut principia ut materia et forma ; ergo
sicut principiata et species. Quare componuntur ex materia et forma.
Item: Angelus et anima sunt in potentia de natura sua ad multa, et
possunt recipere et pati multa; et ex alia parte sunt in actu multiplici
et operatione. Sed actus et agere debetur rei ratione formae, et potentia
et pati et recipere ratione materiae, sicut vult Aristoteles in libro de
generatione .... Quod autem aliquae auctoritates philosophicae ex-
ponunt, quod sint substantiae simplices et separatae a materia, omnes in-
telligendae sunt de materia sensibili et corporali. Commun. Natur. Lib. I.,
Pars 4, fol. 82 et 83.
^ Si substantia spiritualis non sit species substantiae, tunc non fiet divisio
generalissimi in species; nam contra substantiam corporalem non cadit
aliquid in diyisionem, nisi substantia spiritualis. Ceterum sie idem esset
substantia in commuui et corpus ; et tunc corpus est genus generalissimum
in praedicamento substantiae, quod est absurdum et contra Aristotelem
et omnes. 1. c. fol. 83.
' Als durch nichts determinirtes Wesen steht Gott ausserhalb aller Kate-
gorie: Creator^non est subjectum accidentis, et ideo nee substantia, nisi
aeqnivoce dicatur substantia. Ibid.
^ Vgl. Roberti Grosseteste Epistolae (London, 1861, ed. Luard) £p. 1:
Forma est, qua res potest esse id quod est, velut humanitas qua homo
est homo, forma hominis est. Deus antem seipso est id quod est; seipso
enim Dens est, quia Deltate Deus est et Deitas Dens est ... . Item,
31»
470 Werner.
Abhandlung sehen^ wie Baco's höchstes Denkideal ganz und gar
mit dieser Auffassung des göttlichen Wesens verwachsen ist.
Um den Unterschied zwischen geistigen und körperlichen Sub-
stanzen aufrecht zu halüsn, muss Baco natürlich die Lehre
von der Einheit der Materie alles Geschaffenen verwerfen,
wie er denn in der That diese Lehre als den schlimmsten und
bösesten aller philosophischen Irrthümer bezeichnet. Wir
wissen sonach, dass wir uns unter der Seelenmaterie etwas
von der Materie der körperlichen Substanzen durchaus Ver-
schiedenes zu denken haben. ^ Er macht aber die Unter-
scheidung verschiedener Materien auch im Gebiete der Eörper-
welt geltend; auf den Satz sich stützend, dass jede Form ihre
besondere Materie, wie umgekehrt jede besondere Materie
ihre besondere Form haben müsse. ^
Ausser dem allgemeinen metaphysischen Grunde für die
Nothwendigkeit eines Zusammengesetztseins der Seele aus
Materie und Form fuhrt Baco auch einen anthropologischen
Grund an. Die menschliche Seele ist das höchste Complement
des ihr eignenden Leibes; der Leib ist aber aus Materie und
Form zusammengesetzt, und bedarf desshalb eines Complementes
von gleicher Zusammensetzung, auf dass sowohl die Materie
als auch die Form des Leibes durch eine höhere Materie und
Form vollkommen gemacht werde. ^ Diese Bemerkung zielt
quis noD concedet, Dernn formosnm et speciosam esse? Ergo ipse forma
et species est, cam nihil sit in ipso, qaod ipse non sit . . . . Item, qoid
est forma nisi completio rei sive perfectio? Dens autem est completio
incompletibilis, perfectio imperfeetibilis, et ideo forma non formabilis, quia
penitas sine defectn et incommutabilis. Dens igitur est perfectio per-
fectlssima, forma formosissima et species speciosissima.
^ De anima vulgariter loquimar et eam nescimns, quia spiritoalis materia
nobis est occulta. Commun. Natur., fol. 83.
^ Si materia est nna numero et forma appropriat sibi materiam, nt Aristo-
teles dieit (et certnm est qnod materia propria requirit propriam formam
et e converso, nam materia asini non potest capere animam rationalem nee
materia hominis animam asini) — et ideo, si materia est eadem in Omni-
bus secundum essen tiam, et forma erit eadem in omoibus. Et ita omnia
erunt unnm et idem ; et angelus sie erit lapis, et bomo asinus, et coeliun
terra, et quidlibet erit quidlibet. Op. tert, c. 38.
3 Subjectnm g^enerationis est compositum, et ideo compositum gener&tnret
non forma tantum : itaque subjectum generationis vadit semper per gradas
oppositos acqnirendo semper esse compositum plus et plus perfectam,
Die Psychologie, Erkenntaiis- ond Wistenechaftalelire des Boger Baco. 471
offeobar auf die Baco eigenthümliche Erklftrungsart des Zu-
standekommens des seelischen Erkenntnissactes ab; wie wir
weiter unten des Näheren sehen werden; auch bei Duns
Scotus hat die Unterscheidung zwischen Materie und Form
des Seelenwesens eine erkenntnisstheoretische Bedeutung; nur
in anderer Weise als bei Baco. Beide aber haben die ihnen
gemeinsame Auffassung der metaphysischen Beschaffenheit des
Seelenwesens aus Avicebron geschöpft, und Duns Scotus mag
durch seinen Landsmann und Ordensgenossen Baco auf diesen
ihnen Beiden gemeinsamen Ausgangspunkt ihrer psychologischen
Grundanschauungen hingeführt worden sein.
Der Unterschied zwischen Baco und Duns Scotus tritt so-
fort in der verschiedenen Art und Weise hervor, wie Beide
das Verhältniss der drei Beseelungsprincipien: Anima vege-
tative, sensitiva, intellectiva zu einander sich denken. Baco
geht von dem Satze aus, dass bloss die Anima intellectiva
anmittelbar von Gott geschaffen, die Anima vegetativa und
sensitiva aber durch *den Zeugungsact der Eltern causirt
werden. 1 Er stimmt hierin mit Thomas Aquinas und dessen
Schülern überein, welche als christliche Aristoteliker dasselbe
lehren.^ Er widerspricht ihnen aber, wenn sie die niedere
Seele in der nachfolgenden höheren, die vegetative in der ani-
malischen, und beide in der zuletzt eintretenden intellectiven
nsque oltimus gradns complementi yeuiet, qni erit compositum sicut ceteri.
Sed hie Ultimos gradus in aliquibus fit per operationem naturae, in aliis
per opus super naturam ut in hominibus. Cum ergo anima rationalis sit
ultimum complementum embryonis humani, quod est compositum, patet
qnod haec anima sit composita, ut ejus forma perficiat formam embryonis
et ejus materia compleat materiam embryonis. Commun. Natur.» fol. 83.
* Commun. Natur. I., Pars 4, fol. 79.
^ Anders wurde die Sache von Albertus Magnus gefasst (siehe unsere Ab-
handlung über den Entwicklungsgang der mittelalterlichen Psychologie
in den Denkschriften der phil.-hist. Cl. XXV. Bd., S. 120 und 125 f.;
Separatabdr. 8. 62 und 67 f.). Die Irrung Alberts scheint also Baco vor-
nehmUch im Auge zu haben, wenn er ausruft: Tota philosophia clamat,
quod solus intellectus creetur; et omnes theologi alicujus valoris et philo-
Bopfaantes ante viginti annos, et adhuc omnes Anglicani, qul sanctitatis
ante alios homines sunt et fuerunt Studiosi. O. c, fol. 80. — Ebenso
foL 79 : Omnes ante viginti annos posuerunt, quod sola anima intellectiva
detur, et quod vegetativa et sensitiva in homine producantur de potentia
matris per viam naturae.
472 Werner.
Seele als einziger Wesensform des sensiblen Leibesgebildes unter-
gehen lassen. Die Thomisten lassen sich hierin durch den Ge-
danken bestimmen; dass das werdende und das gewordene sinn-
liche Leibesgebilde stets nur Eine Form habe. Das werdende
Gebilde existirt zuerst als pflanzenhaftes, dann bei weiter-
schreitender Entwicklung als animalisches Gebilde; wenn letzt-
lich die auf dem Wege des Naturprocesses vor sich gehende
Gestaltung des Körpers so weit gediehen ist, dass er die
intellective Seele in sich aufnehmen kann^ ist diese unmittelbar
durch sich selber Wesensform des formirten sensiblen Leibes-
gebildes. In dieser Auffassung liegt nun allerdings etwas,
was den Gedanken nicht zur Befriedigung gelangen lässt.
Für Thomas Äquinas, welcher sich die terrestrischen Lebens-
processe durch die siderischen Einflüsse dirigirt dachte, hatte
allerdings das Untergehen und Verschwinden der niederen Form
nach Eintritt der höheren nichts Störendes^ weil nach seiner
Anschauung der einmal ins Werk gesetzte sinnliche Lebens-
process unter dem Einfluss der siderischen Causalitäten auch
nach Verschwinden jener Formen fortdauernd gedacht werden
konnte. Vom Standpunkte der mittelalterlichen Welt- und
Naturlehre Hess sich also gegen diese Anschauungsweise im
Wesentlichen nichts einwenden. Die Frage war nur^ wie man
sich die Kräfte der vegetativen und sensitiven Seele in der
nachfolgenden intellectiven Seele aufgehoben denken sollte.
Baco meint, es würde hiebei angenommen, dass der Menscli
nach dem Untergange der auf natürlichem Wege erzeugten
Anima vegetativa und sensitiva zwei neue, zugleich mit der
intellectiven Seele geschaffene Seelen erhalte; diese müssten
nach ihrer Trennung vom Leibe als Intellectus in actu gedacht
werden ^ und gleich der Anima intellectiva unvergängliche Dauer
haben. Diese Folgerungen sind, wie sich unschwer zeigen
lässt, nicht zutreffend, oder wenigstens nicht denknothwendig;
vom thomistischen Standpunkt aus liess sich immerhin als
allgemein giltige kosmologische Wahrheit der Satz geltend
^ Si separentur com intellectiva, ut diciiiit, et Datae Bunt habere ene seyä-
ratam sicut intellectiva, tunc de proprietate earam est, qnod aint sab-
stantiae aeparatae sicut intellectiva. £t omnis substantia separata a materii
est in actu intellectus; et Aristoteles vult in 11 Metapfa., quod habent
necessario virtutem intellectivam. O. e., fol. 80.
Die Piychologie, ErkenntDiss- and Wissenschaftslehre des Roger Baco. 473
machen; dass jede höhere Wesensform die Kräfte der ihr
unterstellten niederen Formen in sich aufgehoben trage, dass
ferner das Wesen der intellectiven Seele nicht in ihren intellec-
tiven Functionen aufgehe, sondern auch das Vermögen anderer
bewusster und unbewusster Acte in sich schliesse, wie denn in
der That schon das natürliche unmittelbare Selbstbewusstsein
des Menschen sich gegen die Trennung der Seele in einen in-
tellectiven und empfindenden Theil derselben sträubt, während
unbewusste Actionen des in verborgenes Dunkel gesenkten
Lebensgrundes eben um dieser seiner, der bewussten Wahr-
nehmung sich entziehenden Verborgenheit willen nicht in Ab-
rede gestellt werden können.
Das Bewusstsein von der substanziellen Einheit des Seelen-
wesens hat denn auch in der peripatetischen Scholastik so
entschieden durchgegriffen, dass Duns Scotus, welcher mit
Baco dem Leibe eine von der intellectiven Seele verschiedene
Wesensform zutheilt, die sensitive Seele zugleich mit der in*
tellectiven von Gott geschaffen, und erstere zusammt dem vege-
tativen Principe wurzelhaft in der intellectiven Seele enthalten
sein lässt. 1 Nebstdem geht er auf eine ausdrückliche Wider-
legung der von Baco vertretenen Anschauungsweise ein, ^ welcher
gemäss die drei Seelen Partes integrantes des aus ihnen con-
stituirten Einen Seelenwesens sein sollen.^ Ein Totum inte-
grale — bemerkt Scotus — hört auf zu sein, wenn ein Theil
desselben zu Grunde geht. Nun sind aber der erwähnten An-
sicht zufolge die Anima sensitiva und vegetativa generable,
somit auch conuptible Theile des Totum integrale der Menschen-
* Vgl. unsere Abhandlung über die Psychologie und Erkenntnisslehre des
Duns Scotus in den Denkschriften der phü.-hist. Cl. XXVI. Bd., S. 351
(Separatabdr. S. 9).
' Ber. princip. qn. 11, art 2.
3 Si quaeritur cujnsmodi, partes sint — heisst es Commun. Natur., fol. 84
— dicendum, quod yirtuales, nt dicit Boetius .... Omnis pars vel est
subjectiya vel integralis, et haec duplex, quia aut in corporalibus, et sie
Tocantur partes qnantitatiyae, aut in spiritualibus et sie vocantur virtuales.
Diese Begriffsbestimmung berührt sich mit jener des tou Baco bekämpften
Albert, welcher die Vegetativa, Sensitiva, Intellectiva als Partes pote-
stativas der menschlichen Seele bezeichnet; vgl. unsere in der obigen
Anmerkung citirte Abhandlung: Denkschriften der phil.-hist. Cl. XXV. Bd.,
S. 350 j Separatabdr. S. 56.
474 Werner.
Seele; daraus würde also folgen, dass mit der Corraption der
beiden genannten corruptiblen Theile die Henschenseele selber
zu sein aufhören müsste. Duns Scotus beruft sich zur Be-
stätigung seiner Widerlegung auf das von ihm für Augustins
Werk gehaltene Buch de Spiritu et Anima, dessen Auctorität
aber freilich Baco, dem die Unächtheit desselben bereits be-
kannt war, nicht gelten lassen mag, ^ und eben so wenig jene
des gleichfalls nicht von Augustinus herrührenden Liber de
dogmatibus ecclesiasticis. Man finde in diesen beiden Büchern
allerdings den Satz ausgesprochen, dass die drei Principien,
das Intellectiv-, Sensations- und Vegetativprincip auf einmal ge-
schaffen werden; aber selbst wenn dieser Ausspruch von einem
Kirchenlehrer herrühren sollte — wer weiss nicht, dass die
altchristlichen Lehrer gewisse Gegenstände nur obenhin and
in populärer Sprechweise berühren, ohne über die philoso-
phische Natur derselben etwas entscheiden zu wollen. So spricht
Papst Gregor in einer seiner Homilien den Pflanzen die Be-
seelung ab, ^ und die Kirche verleiht seinem Ausspruche durch
die feierliche Verlesung jener Homilie beim Gottesdienste ge-
wisser Maassen eine perpetuirliche Dauer. ^ Und doch wissen
alle Theologen und Philosophen, dass die Pflanzen eine Seele
haben, und zwar im Unterschiede von den Thieren eine bloss
vegetative, während den Thieren zugleich eine sensitive Seele
zukommt. Die Verrichtungen beider Seelen sind im Menschen
dieselben, wie bei Pflanze und Thier; diess spricht dafür, dass
die vegetative und sensitive Seele im Menschen derselben Natur
seien, wie bei Pflanze und Thier, und dass sie auf demselben
Wege, wie beim Thiere erzeugt werden. Man sieht, Baco weiss
1 Auch Thomas wusste bereits um die Unächtheit dieser Schrift. Vgl.
Sum. 1 qu. 77, art 8.
3 Gregor spricht mit der Bibel bloss von Seelen der Menschen nnd Thiere:
Potest per animam omnis viventis jumentonun vita signari. Omnipotens
Dens jumentorum animam usque ad corporeos sensus vivificat, hominum
vero spiritum usque ad spiritualem intellectum tendiL In Job, Lib. XI,
c. 6 (ad. Job 12, 10).
» Baco citirt als Worte Gregors den Ausspruch: Plantae non habest ani-
mam sed viriditatem. Den Pflanzen eine Seele abzuerkennen, entspreche
der volksmfissigen Anschauung: Imo vulgus laicorum in multis regionibus
adbuc credit, quod soll homines animas habeant ünde derident clericos,
qui dicunt, canes et cetera bruta habere animas. Common. Natur., foL 80.
Die Psychologie, Erkenntniss- und Wissenscbafttlehre des Boger Baco. 475
sich in das übertbierische Wesen des Menschen nicht zu finden,
und weiss den an sich richtigen Gedanken der Naturiebendig-
keit des sinnlich-leiblichen Körpergebildes des Menschen mit
dem Wesensbegriffe der menschlichen Seele nicht zu veimitteln.
Auch vermag er die von ihm behauptete Substanzeinheit oder
metaphysische Einfachheit der Seele nicht zu erhärten.^ Wenn
die beiden generirten Seelen das Product eines physikalischen
Processes sind, so sind sie etwas dem Wesen nach von der gott-
geschaffenen intellectiven Seele Verschiedenes;^ wie können sie
mit dieser in Eine Substanz zusammengehen, und wie soll
diese Eine Substanz als eine nicht zusammengesetzte gelten
können? Baco behauptet, jene beiden Seelen seien keine Körper,
daher ihre Zusammensetzung keine körperliche Zusammen-
setzung, welche ein räumliches Äussereinandersein involvire;
somit bleibe die Einfachheit und Geistigkeit der Seele gewahrt. ^
Daraus ergibt sich indess nur, dass Baco vom Wesen des
Geistigen einen rein negativen Begriff, jenen der Unräumlich-
keit und Unkörperlichkeit hat. Wenn er ferner die von ihm
angenommene Zusammengesetztheit der Seele analogisch durch
die Zusammengesetztheit des seiner Substanz nach Einen orga-
nischen Menschenleibes zu erläutern versucht, so berührt er
* Seine Polemik gegen die Behauptung, dass die Potenzen der Seele blosse
Accidenzen der Seele seien, treibt ihn zur Annahme einer Substanzmehrheit
innerhalb der Einen Menschenseele : Vegetativum et sensitivum indncuntur
In esse per generationem; ergo earum substautiu prius introducitur, quam
snbst&ntia cujus intellectivum est potentia. Ergo non sunt potentiae ejus-
dem substantiae. Sed propter hoc ponuntur accidentia, quia in eadem
substantia ponuntur. O. c, fol. 84.
^ Diesft wird Ton Baco auch ausdrücklich behauptet: Concordat cum fide,
ut sola imado Dei creetar, et haec est anima intellectiva, O. c, fol. 79.
' Cum autem arguunt, qnod tunc erunt multae substantiae in anima, cum
tarnen auctores dicant, qnod est una substantia, dicendum, quod est una
substantia composita ex pluribus partibus sicut corpus, cujus partes sunt
diyersae per essentiam sicut partes corporis, tamen unum per essentiam
ex eis; et hoc est verum unum. Quia sicut in corpore resultat una forma
copnlans omnes partes in unitate essentiali, sie est a parte animae, cujus
una natura substantialis resultat ex partibus pluribus, in qua habent uni-
tatem essentialem. Et ex hac unitate patet, quod non potentiae animae
accidentia ejusdem substantiae, ut ponit opinio damnabilis Parisius; et
similiter alia, quae ponit medium inter substantiam et accidens, destrultur
per hoc idem. O. c, fol. 84.
476 Werner.
zwar eine an sich richtige und fruchtbare Idee, deren wahren
Gehalt er indess nicht erfasst. Das dem organisch gegliederten
Leibe entsprechende psychische Gebilde ist der vollentwickelte
ausgewachsene innere Seelenmensch; dessen Gliederung sonach
das Resultat eines^ aus einem anfänglich unentwickelten Keal-
principe heraus erfolgten Entwickelungsprocesses ist. Dieses
Gebilde des gewordenen inneren Seelenmenschen, welches sich
in der entwickelten Leibesgestalt plastisch abdrückt und aus-
drückty hat mit der von Baco hervorgehobenen Dreitheilung
der Seele nichts gemein.
Baco äussert sich wiederholt tadelnd über die Einmengung
der Imagination in die Gedanken von rein geistigen Dingen^
bleibt aber in Auffassung dieser Dinge bei einem abstracten
Spiritualismus stehen; weil er die im speculativen Vernunft-
erkennen zu Tage tretende innigste Einheit «der Verstandes-
und Phantasiethätigkeit nicht kennt, also das Wesen der den-
kenden Seele nicht in der Tiefe seiner concreten Lebendigkeit
zu fassen vermag. Der abstracto Spiritualismus seiner meta-
physischen Ratiocination hat seinen Grund in der ungerecht-
fertigten Abtrennung der intellectiven Seele von demjenigen,
was er mit den Scholastikern die Anima sensitiva und vege-
tativa nennt ; er weiss, mit einem Worte, das Wesen der Seele
nicht voll zu fassen. Diess zeigt sich auch in seinen Angaben
über den Modus der Präsenz der intellectiven Seele im mensch-
lichen Leibe. Er bleibt bei der Behauptung der Illocalität der
Seele stehen, um daraus zu folgern, dass die Seele nicht in
einem bestimmten örtlichen Punkte des Leibes, sondern im
ganzen Körper substanziell gegenwärtig sei; * denn es gebe kein
^ Op. tert., c. 49. — Vgl. hiemit die in der oben (S. 469, Anm. 4) citirten
EpiBtola Roberts von Lincoln enthaltenen Ausfährongen gleichen Inhalten:
Anima tota essentialiter ubique est in corpore quod vivificat .... Q^i
dicunt eam virtute sola per totom corpus diffnsam, imaginantnr eam sicnt
punctum lucis situm in corde yel in cerebro, undique a se per totum
corpus radios diffundentis. Haec imag^natio vana est; non enim ipsa
situalis est, cum sit pure incorporea Solet tarnen anima dici esM
vel situm habere in illa parte corporis, ubi inchoat motiones soas corpo-
reas quibus utitur in regimine corporis, utpote in corde, quia illinc inchoat
motiones corporeas, quibus utitur in viyificando corpore, vel in cerebro,
quia illinc inchoat motiones corporeas, quibus utitur in sentiendo vel
corpus suum localiter movendo.
Die Psychologie, Erkenntniis- ond Wissenschaftslebre des Roger Baco. 477
ProportionsverhältnisB des Geistes zum Körper oder zu irgend
etwas vom Körperlichen, also auch nicht zur räumlichen Loca-
litätJ Das vorherrschend mathematisch-physikalisch geschulte
Denken Baco's vermag sich in das positive Verhältniss des
Geistigen zum Leiblichen nicht zu finden. Die intellective
Seele als Form des Menschenwesens ist wohl dessen Vollendung
und Abschluss, aber nicht der lebendige Umschluss desselben;
sie ist wohl über den vom Leibe ausgefüllten Raum hinaus-
gerückt; aber der Leib nicht in die Seele als seinen Locus
proprius hineingerückt. So wenig als Baco im Leibesgebilde
eine in die Seele als ihren Locus proprius hineingenommene
Stoffbildung erkennt; eben so wenig erfasst er den Leib als
ein von der Seele aus sich herausgestelltes Qebilde; daher er
auch keinen Unterschied des mehr oder weniger Herausgestellt-
seins der einzidlnen Theile der organischen Bildung erfassen
kann, sondern die Seele gleichmässig in Kopf und Herz, Hand
and Fuss gegenwärtig sein lässt. ^ Aus der lilocalität der Seele
folgert BacO; dass sie während ihres Seins im Leibe ohne
örtliche Bewegung in den Himmel entrückt werden könne,
wie die Seele des Apostels Paulus oder des verzückten Proto-
martyrs Stephanus;^ er folgert weiter, dass die beim Sterben
vom Leibe sich trennende Seele ohne örtliche Bewegung sofort
im Himmel; im Purgatorium oder im Infernus sich befinde. Er
bezeichnet indess das Sein der Seele in den nach der Tren-
nung vom Leibe eintretenden Zuständlichkeiten doch auch als
ein Alibi esse/ woraus unbestreitbar folgt, dass Seele und
1 Vgl. hiezu die entaprechende AensseruDg Roberts (siehe vorige Anm.):
Si anima esset situalis, posset a puncto extra situm ipsius snmto dnci
linea ad ipsam, et meusurari et determinari certis mensuris spatiam inter
ipsam et panctom signatum. Quod magis ünpossibile est, quam lineam
posse daei a puncto signato in corpore ad ejus sanitatem vel elementorum
commensnrationem et proportionem.
2 Anima est nbique in corpore et in sing^lis partibus, sed tarnen non localiter
. . . non habet situm in toto corpore, nee in aliqua parte, nee occupat totum nee
partem localiter. Licet praesens cordi non abest capiti nee pedi, nee distat
ab eis; quia nulla est distantia corporalis spiritus annotanda. Op. tert., c. 49.
3 Op. tert., c. 60.
* In morte animam esse in coelo vel in purgatorio vel in inferno non est
per motum localem, sed absolvitur a nexu corporis quod rezit, et operatur
vel patitur vel glorificatur alibi sine suo motu locali, quia distantia localis
nulla est respectu illius. 1. c.
478 Weroer.
Raum in einem wesentlichen Verhältniss zu einander stehen.
Die Seele ist, wenn schon nicht selber räumlich ausgedehnt,
doch wesentlich raumfassend, und ihre Einrtickung in den
himmlischen Vollendungsstand wird wohl nichts anderes als die
vollkommene Actuirung ihres geistigen Raumfassungsvermögens
bedeuten^ während umgekehrt die jenseitigen Zustände des
Leidens und der Pein neben der inneren Zerrissenheit wohl
auch Coarctationen durch die Macht und Wucht der kosmischen
Wirklichkeit, zu welcher der von der Idee seiner selbst ab-
gefallene Mensch in ein unwahres Verhältniss gerathen ist, zu
bedeuten haben werden. Aus dem Gesagten ergibt sich die
Nothwendigkeit einer Vergeistigung des Raumbegriffes. Nur
darum, weil Baco bei der sinnlichen Raum an schauung stehen
bleibt, kann er die Ausserräumlichkeit der geistigen Existenzen
behaupten, während in Wahrheit eben die geistigen Mächte, die
in der kosmischen Wirklichkeit waltenden Bildungsmächte die
wirklichen realen Raumbegriffe und lebendigen Raumfassungen
sind, und zwar so, dass Gott die absolute Fassung der Dinge,
die Geister und Seelen aber die lebendigen Fassungen der von
ihnen beherrschten kosmischen Wirklichkeit sind, welche für
sie durch die derselben immanenten Gestaltungsmächte fassbar
gemacht wird. £s ist demzufolge unrichtig, wenn Baco sagt,
dass die geistigen Existenzen weder eines Locus salvans noch
eines Locus continens, die elementare Natur aber nur eines
Locus salvans und keines Locus continens bedürfe. Alles Ge-
schaffene hat seinen Locus proprius salvans et continens, indem
jedes Niedere nebstdem, dass es in sich selber befasst ist, auch
in einem ihm übergeordneten Höheren, zuhöchst aber in Gott
als Locus salvans et continens befasst ist.
Da alles Generable corruptibel ist, so ergibt sich bei
Baco als selbstverständlich der Satz, dass nur die intellective
Seele unsterblich ist, während die durch Generation entstandene
Anima vegetativa und Anima sensitiva ihrer Natur nach sterb-
lich sind. Die intellective Seele ist wesentlich eine denkende
und wollende, und als solche Geist; also nur die Geister sind
unsterblich, die Seelen als solche sterblich. Baco zieht diese
Consequenz nicht förmlich, weil er das intellective Denk- und
Willensprincip als Wesensform des Menschen nimmt; er unter-
scheidet ferner die menschliche Intellectivseele wesentlich von
Die Psychologie, Erkenntmss- und Wissenschaftslelire des Roger Baco. 479
den leiblosen Geistern, ^ wenn er ihr bloss einen Intellectus
possibilis zuerkennt, den Intellectus agens aber abspricht.^
Den Grund dessen bat man wohl in der Verbindung der in-
tellectiven Seele mit der Sensitiva und Vegetativa zu suchen;
da nun diese Verbindung offenbar eine Verkürzung des der
mtellectiven Seele an sich eignenden Intellectivvermögens in-
volvirt, so erscheint die Einsenkung des Intellectivprincipes
oder Geistes in die sinnliche Leiblichkeit als eine Art Degra-
dation desselben, woraus aber nur neuerdings diess hervorgeht,
dass Baco das specifische Wesen der Menschenseele als solcher
nicht erfasst hat.
In der Beschreibung und Erklärung der verschiedenartigen
Seelenthätigkeiten im Besonderen nnd Einzelnen hat Baco
natürlich die Functionen jedes einzelnen der im dreitheiligen
menschlichen Seelenwesen geeinigten Thätigkeitsprincipien zu
berücksichtigen. Der vegetativen Seele theilt er nach gemein-
giltiger peripatetischer Lehre die Functionen der Nutrition,
Augmentation und Generation zu. In Bezug auf die Erklärung
der beiden ersteren Vorgänge bekämpft Baco die Herbeiziehung
der Vorstellung vom Vacuum, die ein leeres Figment sei, so
wie die Annahme bestimmter besonderer Kräfte: Virtus attrac-
tiva, retentiva, expulsiva, zur Erklärung des Alimentations-
processes.3 Die Zuhilfenahme der Vorstellung vom Vacuum
zu bekämpfen, findet er sich veranlasst, * weil Aristoteles diesen
Punkt genügend zu erledigen sowohl in seinen Büchern über
die Physik,^ als auch in seinen Schriften de generatione et
^ Baco ch&rakterisirt das VerhäUniss der menschlichen Seele zu den leib-
losen Intelligenzen in folgender Weise: Dens respectu animae est sicut
sol respectu ocuU corporalis, et angeli sicut stellae. Op. tert., c. 23.
' Der Intellectus agens bedeutet nach Baco überhaupt nicht ein Geist-
vermögen sondern eine höhere Intelligenz, welcher die menschliche Seele
ihre Erleuchtungen yerdankt: Intellectus agens secundnm majores philo-
sophos non est pars animae, sed est substantia intellectiva alia et separata
per essentiam ab intellectu possibili (Op. maj., p. 20). — Intellectus agens
est Dens principaliter, et secundario Angeli, qui illumiuant nos (Op.
tert., c. 23).
^ Commun. Natur. I, Pars 4, c. 6.
^ Op. tert., cap. 43. 44.
* Siehe Aristot. Physic. IV, p. 213 a, Un. 21 flf.
480 Werner.
corruptione^ und de anima^ unterlassen habe. Wenn er sclion
durch seine Bemerkung, es lasse sich die Herbeiziehung der
Vorstellung vom Vacuum zu einem Argumente gegen die Ver-
theidiger des Vacuum formen, seine Ansicht deutlich zu er-
kennen gebe, so hat er doch nirgends gezeigt, dass die richtige
Erklärung des Nutritionsprocesses die Annahme eines Vacuum
geradezu ausschliesse; daher komme es, dass unter den La-
teinern, d. h. unter den zeitgenössischen Commentatoren des
Aristoteles, die verschiedensten und widersprechendsten Ad*
sichten zu Tage treten. Aristoteles sagte: Wenn das Aliment,
weil es als Körper nicht in die festen Theile des zu nährenden
Körpers eindringen könne, in den leeren Poren sich in Fleisch,
Knochen, Nerven u. s. w. soll verwandeln müssen, dann sei
es nicht Nahrung und Mehrung der genannten Theile des
nahrungsbedürftigen Körpers, sondern Erzeugung von Fleisch,
Knochen, Nerven ausser den schon vorhandenen bezüglichen
festen Körpertheilen, während doch diese die Nahrung und
Mehrung in sich selber als Ersatz für das Abgegebene und
Verlorene aufnehmen sollen. Dieser Bemängelung glaubten
Einige unter Anschluss an eine übel verstandene Aeusserung
des Avicenna aus dem Wege zu gehen, wenn sie den leeren
Poren, in welche nach Aristoteles die Nahrung nicht auf-
genommen werden kann, mit einer subtilen Flüssigkeit gefüllte
Poren substituirten, in welchen sich die Wandlung des Alimentes
in Fleisch, Knochen, Nerven u. s. w. vollziehe. Aber diesen
gegenüber bleibt die aristotelische Forderung einer Nutrition und
Mehrung der lebendigen Substanz von Innen heraus bestehen;
nur die Mineralien können sich durch Anbildung von Aussen
vergrössern. Andere sagen, das Aliment werde durch seine Ver-
arbeitung entstoflft und dringe als unkörperliches Nahrungselement
in die zu ernährenden und zu augmentirenden festen Körper-
theile ein. Aristoteles weist indess eine derartige Umwandlung
des NahrungsstoflFes entschieden ab, wie schwierig es auch sein
mag, den wahren Sinn des an der betreflfenden Stelle augen-
scheinlich corrupten Textes zu ermitteln. Die Nutrition in-
volvirt als Ersatz und Mehrung des verbrauchten Körperstoffes
1 Siehe Arist. Gen. et. Corr. I, p. 326, 326.
3 Aristot. An. II, p. 416.
Die Psychologie, Erkenntniss- und Wissenseliaftslelire des Roger ßaco. 481
eine quantitative Mehrung und Ergänzung desselben; alles
Quantitative aber ist körperlich^ also muss die Nahrung sub-
Btanziell in die zu nährenden Theile eindringen. Ein leichtes
Spiel ist es Baco^ die Ansicht zu widerlegen, dass das Ali-
mente statt substanziell einzudringen, als Species auf die zu
nährenden Theile wirke; Aristoteles lehrt und die Natur der
Sache bringt es mit sich, dass das Aliment durch seine Wand-
lung in die zu nährende Substanz seines Speciescharakters
beraubt werde, also statt zu wirken vielmehr passiv sich ver-
halte, und eine Aenderung erfahre, mittelst welcher es der zu
nährenden Substanz assimilirt wird. Die Assimilation oder
CoDversion des Nahrungsstoffes in die Substanz des zu näh-
renden Leibes vollzieht sich unter Obmacht der im Nährungs-
processe wirkenden Seele, welche das Aliment durch Verwand-
lung desselben in die Substanz des Leibes an sich zieht. Die
Verwandlung macht aus den zwei differenten Substanzen des
Leibes und des Alimentes Einen Körper, so dass die Frage,
wie ein Körper in den anderen eindringen könne, damit von
selber entfällt. Damit ist nun freilich die physikalische Seite
des Problems, die den Ausgangspunkt der Erörterung bildete,
ungelöst bei Seite geschoben. Die an sich vollkommen richtige
Bemerkung, dass das Aliment potenziell selber schon die Sub-
stanz des zu nährenden Leibes sei, bezieht sich auf die phy-
siologische Seite der Frage; bezüglich der rein physikalischen
Seite derselben begnügt sich Baco mit der Auskunft, dass
nicht etwa zwei Quantitates Eine Quantität, sondern bloss aus
zwei Quantis ein Quantum geworden sei. ^ So muss die ab-
stract formale Katiocination die logische Denkbarkeit des sach-
lich nicht Begriffenen darthun. An die Stelle der sogenannten
Vires occultae, nämlich der Virtus attractiva, retentiva, expul-
siva lässt Baco unmittelbar die Virtus der Anima vegetativa
treten; wenn nun nach seinen ausdrücklichen Erklärungen die
Anima vegetativa mit den beiden anderen Seelen, der Sensi-
^ Nee ideo quantitas potest convertere quantitatem in se, sed corpus quautum
convertit corpas qnantum. Conversio enim ent actio quaedam, quae non
debetur qnantitati nee materiae, sed formae et composito mediante forma.
Et ideo caro qnanta convertit in se alimentum qnantam; non tarnen
qnantitas convertit qnantitatem, sed substantia qnanta convertit snbstantiam
qnantam. Op. tert., c. 44.
482 Werner.
tiva und Intellectiva ein Ganzes constituirt und vom Körper
als solchem verschieden ist, so ist biemit der Stoff als etwa«
an sich Todtes erklärt und die natürliche Lebendigkeit der
sinnlichen Leiblichkeit verkannt, in deren Wesen es liegt, auf
die der Idee ihres stofflichen Gebildes gemässe Weise thätig
zu sein. Jene von Baco verworfenen Vires occultae involviren
immerhin eine wenigstens relative Anerkennung der organischen
Lebendigkeit, und waren daher nicht schlechthin als wesenlose
Figmente zu bezeichnen, wenn schon die Namen dieser Vires
einfach nur bestimmte empirisch wahrgenommene Vorgänge aus-
drücken.
Die Rangstufen der drei in Einem Seelenwesen geeinigten
Seelen entsprechen der Rangordnung der drei Haupttheile des
menschlichen Leibes: Unterleib, Brust, Kopf, welche die drei
specifischen Wirkungsbereiche der dreigetheilten menschlichen
Seele sind. Wenn die specifische Wirkungssphäre der mensch-
lichen Seele der Unterleib als Stätte des Verdauungs- und Ge-
nerationssystems ist, ^ so hat die Änima sensitiva, deren radi-
cale Basis das Herz ist, speciell die mittlere Region des Leibes
zu ihrem specifischen Wirkungsbereiche, obwohl sie ihre co-
gnoscitiven Apperceptionen mittelst der Gehirnnerven empfangt,
die aber gleichfalls grundhaft aus der Herzgegend entspringen. -
Baco unterscheidet niedere und höhere, primäre und abgeleitete
Sensationen. Die niederen Sensationen sind die rein sinnlichen
^ Bezüglich der generativen Thätigkeit bebt Baco einen speciellen Contro-
verspunkt seines Zeitalters hervor: Propter consangiiineitatem et cogna-
tionem voliint multi, quod semen, ex quo proles producitnr, non sit de
nutrimento sed de substantia corporis. Sed hoc est penitns contra Aristotelem
et Avicennam in suis libris de animalibns. Nam evidenter et patenter
docent, quod hoc esse non potest, et quod semen sit residuum nntrimeDti
optime digesti, quo non indiget corpus ad restaurandum derperditnm nee
ad augmentum. Quoniain post conversionem nutrinienti in corpus non
potest separari aliquid a corpore sine dolore et poena . . . sed decisio
seminis non est cum dolore etc. Commun. Natur. I, Pars 4, c. 7.
^ Baco behandelt die Lehre von den Functionen der Anima sensitiva sm
ausführlichsten in seiner dem Opus majns einverleibten Perspectira,
auf welche er in Commun. Natur. I, Pars 4, fol, 85 ausdrücklich zurück-
weist: Partes vero sensitivae virtutis ego posui cum omni diligentia in
primo perspectivae. Quod caput est unum, in quo totum vulgus erat medi-
corum, naturalium et theologorum, et est unum de difficilioribus capitnüs,
quia imprimis continens sapientiae potestatem.
Die Psychologie, Erkenniniss- nnd Wissonschaftclehre des Roger Baco. 483
Sensationen^ welche sich mittelst der besonderen Sinne theils
unmittelbar, theils unter Hinzutritt des die Aussagen der be-
sonderen Sinne ergänzenden Sensus communis vollziehen. Baco
zählt neunundzwanzig primäre oder unmittelbare Sensationsob-
jecte (Sensibilia per se) der niederen sinnlichen Wahrnehmung auf,
von welchen neun den besonderen Sinnen als solchen angehören,
die übrigen zwanzig aber unter Vermittelung der besonderen
Sinne durch den Sensus communis appercipirt werden. * Die speci-
fischen Objecte des Gesichtssinnes sind Licht und Farbe, jene des
Getastes das Calidum, Frigidum, Siccum, Humidum; das Gehör
appercipirt die Töne, das Riechbare und das Schmeckbare ge-
boren den nach ihnen benannten Sinnen an. Die übrigen zwanzig
Sensibilia sind: Remotio, Situs, Corporeitas, Figura, Magnitudo,
Continuatio, Discretio, Numerus, Motus, Quies, Asperitas, Le-
nitas, Diaphaneitas, Spissitudo, Umbra, Obscuritas, Pulchritudo,
Turpitudo, Similitudo, Diversitas. Die Sensibilia per se höherer
Gattung sind die Formae insensatae, d. h. diejenigen Beschafifen-
heiten der sinnlich appercipirten Objecte, welche nicht Gegen-
stand der unmittelbaren leiblichen Sinneswahrnehmung sind,
sondern durch das angeborne Gefühl der Convenienz oder
Disconvenienz des appercipirten Objectes mit dem subjectiven
Sein des Wahrnehmenden appercipirt werden. So flieht das
Lamm vor dem Wolfe, läuft aber anderen Lämmern zu. Diese
Handlungen des Thieres werden durch unmittelbare Empfin-
dungen der Furcht und der Zuneigung hervorgerufen, welche
in der Contrarietät oder Aehnlichkeit der Complexion desselben
mit der Complexion des schreckenden oder anziehenden Objectes
gerundet sind. Diese Complexionen oder die in ihnen sich
darstellenden substanziellen Naturen wirken auf ein Vermögen
der Anima sensitiva, welches durch die Apperceptionen der
leiblichen Sinne als solcher nicht excitirt wird, und sonach
ein Vermögen höheren Ranges ist. Man nennt es die Virtus
aestimativa. Ausser und über diesen ist aber der thierischen
Seele noch ein anderes Vermögen eigen, aus welchem die
Kunstfertigkeiten bestimmter Thiere, der Spinne, Biene u. s. w.
erklärt werden müssen. Diess ist die Virtus cogitativa, das
höchste unter den Vermögen der Anima sensitiva, welches im
^ Op. raaj., p. 193.
Sitzaogsber. d. phil.-hi«t. Cl. XCIII. Bd. III. Hft. 32
484 Werner.
Thiere die Stelle der meDSchlichen Ratio vertritt. Aber aacb
der Mensch entbehrt dieses Vermögen nicht; welchem alle
anderen Vermögen der sensiblen Seele dienstbar sind; es be-
thätiget sich besonders in der menschlichen Traumthätigkeit.
Die von Aussen in das sensible Leibesgebilde eintretende Anima
intellectiva verbindet sich unmittelbarst mit der Cogitativa der
Anima sensitiva, und bedient sich derselben als ihres Instru-
mentes; daher, wenn dieses durch Schädigung des Gehirnes
verletzt ist, auch die menschliche Denkthätigkeit gestört ist
Die Cogitativa ist im mittleren Gehirne locirt, während der
Sensus communis zusammt den Nervenendigungen der beson-
deren Sinne im Vordergehirn e, die Aestimativa aber in der
hinteren Gehimkammer ihren Sitz hat. Sowohl dem rein sinn-
liehen Apperceptionsvermögen als auch der Aestimativa muss
eine besondere Virtus retentiva zur Seite gehen, um die von
jenen beiden Vermögen appercipirten Species festzuhalten. Das
dem rein sinnlichen Apperceptionsvermögen entsprechende Re-
tentionsvermögen ist die Imaginativa (Einbildungskraft), das
der Aestimativa entsprechende Retentionsvermögen die Virtus
memorativa. Die Nothwendigkeit der Imaginativa neben dem
Sensus communis begründet Baco physiologisch aus der über
grossen Weichheit desjenigen Theiles des Vordergehimes, in
welchem der Sensus communis locirt ist; obschon die Imagina-
tiva gleichfalls im Vordergehirne locirt ist, hat sie doch ein
anderes unmittelbares materielles Substrat, welches wegen der
richtigen Mitte zwischen Weichheit und Härte die retentive
Function ermöglichet. Der Sensus communis und die Imagina-
tiva werden gemeinhin unter dem Namen Phantasia (sinnliches
Vorstellungsvermögen) zusammengefasst. Die Memorativa ist
gleichfalls mit der Aestimativa im Hintergehime räumlich ver-
gesellschaftet; für diese beiden aber hat Baco keine gemein-
same Bezeichnung. Die Cogitativa ist im Mittelgehirne locirt,
um sowohl die Species der Phantasia als auch jene der Aesti-
mativa oder Memorativa in ihren Bereich emporheben und
denkhaft verarbeiten zu können.
Baco hat seine, die Anima sensitiva betreffende psycho«
logische Terminologie aus Avicenna entlehnt, welcher ihm als
der beste Ausleger des Aristoteles und als der bedeutendste
Philosoph nach demselben gilt. Er beschwert sich, in den
Die Psyeliolosrio, Brkonntaiss- nad Wisaenscliaftsldbre des Roger Baco. 485
carsirenden lateinischen Uebersetzungen des Aristoteles eine
80 ungenaue Wiedergabe der aristotelischen Eintheilung der
Seelenvermögen gefunden zu haben. Es sei da nur von drei
Vermögen die Rede: Sensus communis^ Imaginativa, Memoria.
Auch auf die Uebersetzer der Schriften Avicenna's könne man
sich nicht unbedingt verlassen. So heisse es in der Ueber-
setznng der Schrift Avicenna's de animalibus, dass bei den
Thieren die Aestimativa die Stelle der menschlichen Ratio ver-
trete; man dürfe wohl zweifeln; ob Avicenna in dem genannten
Bache sich wirklich so ausgedrückt habe. Wenigstens sage er
anders in seinem Werke de anima, welches auch die bestüber-
setzte seiner Schriften sei; weil es den Uebersetzem weniger
Schwierigkeiten bot als seine übrigen Werke. Jedenfalls habe
man sich an diejenige Eintheilung und Benennung der Seelen-
vermögen zu halten; welche Avicenna in diesem letzteren Werke
feststellte; weil er in demselben ex professo seine Theorie der
Seelenvermögen entwickele. Baco setzt also voraus, dass in
diesem Werke Avicenna's die richtigste und genaueste Wieder-
gabe der aristotelischen Lehre von den Seelenvermögen zu
finden sei. Ob indess Avicenna's Interpretation mit dem Texte
der aristotelischen Schriften sich decke, ist immerhin noch die
Frage. Avicenna brachte die Theorie der sensitiven Seelen-
Vermögen mit der von den griechischen und arabischen Aerzten
ausgebildeten Lehre vom dreitheiligen Gehirn als Sitz der ein-
zelnen sensitiven Vermögen in Verbindung, und konnte dem-
nach nicht umhin; statt des Einen Gedächtnisses der sensitiven
Seele ein doppeltes anzunehmen, deren eines im Vordergehirne,
das andere im Hintergehirne locirt sei. Aristoteles ^ aber spricht
nur von Einem der Sinnenseele eignenden Gedächtniss, neben
welchem er nur sehr bedingter Weise, gleichsam accidentell,
allenfalls auch noch ein intellectives Gedächtniss zulassen will,
sofern nämlich auch intellectuelle Dinge, aber freilich nicht
ohne das Mittel sinnlicher Vorstellung Gegenstand der Er-
innerung sein können, die als solche ausschliesslich der Sinnen-
seele angehöre. Es wird wohl dieses zweite von Aristoteles
zugelassene Gedächtniss gewesen sein, welches Avicenna als
besonderes Vermögen fixirte und der Aestimativa coordinirte.
^ Vgl. Aristot. Memor. et Reminisc, p. 450.
32*
486 Werner.
Mit Recht konnte übrigens BacO; weniger vielleicht die ihm
vorliegenden ungenügenden Uebersetzungen des Aristoteles,*
als vielmehr die derselben sich bedienenden Interpreten des
Aristoteles tadeln, wenn sie neben der Imaginatio und Memoria
nicht auch die Aestimativa und Cogitativa als Vermögen der
Anima sensitiva hervorhoben. Denn in der That ist in der
eben zuvor citirten Stelle des Aristoteles auch von einer lil^
und 9psvY;aig der höher begabten Thiere die Rede, und zwar
im Zusammenhange mit der Erörterung über das accidentell
auch dem Intellecte zum Gebrauche dienende Gedächtniss der
Anima sensitiva.^ In seinem Werke über die Seele ^ nennt
Aristoteles das den Thieren (l^cdoii;) eignende Unterscheidungs-
vermögen (xptTixbv) ein Werk oder Resultat der Biovoia und ai-
a6T)ffi^, schreibt also indirect den höher entwickelten sinnlichen
Lebewesen eine Art Denkvermögen zu. Nur lässt sich nicht
strenge erweisen, dass er dasselbe als besonderes Vermögen
vom sinnlichen Vorstellungsvermögen (Phantasia) habe unter-
scheiden wollen, da es bei Aristoteles an Aeusserungen nicbt
fehlt, welche eine solche Unterscheidung geradezu auszu-
schliessen scheinen.^
1 Dass die Interpreten mitunter mit Unrecht getadelt wurden, würde sich
vielleicht durch manches Beispiel belegen lassen. So vermuthet z. B.
Albert d. Gr., welcher correctere Uebersetzungen der aristotelischen Schriften
▼or sich hatte als Baco, einen Uebersetzungsfehler in der ihm yoriiegenden
lateinischen Uebertragung der Stelle, Anim. III, p. 428 a, lin. 10: Videtnr
Aristoteles dicere formicas et apes non habere phantasiam, quod omnino
falsum est; cum talia animalia artificiose operentur casas et provideant in
futurum sibi et operentur in commune. Puto autem non ex vitio esse philo-
sophi, sed ex Titio translationis, quia translator non intellexit, nnllnm ani-
malinm qnae dixit Aristoteles phantasiam habere, et loco eomm transtnlit
formicas et apes, et corrumpit veritatem ex mala translatione. Albert de
Anima Lib. III, Tract. 1, c. 7.
' 'H 8k jiv?J{jlt] x»\ ii Ttüv vorjTwv oux fiv£u favidtajJiaTo; loTiv. coffre Tou vooü|i^voy
xaioc <n>|ißEßT)xb? 5v htj, xaO' auro tk tou TipojTou aloOrjTixou. 8io xai hipoi;
Tiaiv hizap-jKii twv I^(i)(ov, xai oO [itfvov avOpcoTCOt; xai touj ^ouai Stf^ov JJ !ppov»)atv.
Mem. et Reminisc, p. 460 a, lin. 12 ff.
3 De anima III, p. 432 a, lin. 16.
* Vgl. Anim. III, p. 433 a, lin. 9 ff.: <t>a{vrr0(i 8k yg 8uo t*ut« xivouvtä, l
^pt^ii ?) V0U5, eK Ti5 TT)v ^aviaaiav tiOe^t] w? vor^aiv iiva * 7n>XXa yop zapk ttjv
ijrianjjjLTjv axoXouOouai xai^ ^aviaaiat?, xai ev toTi; aXXoi^ ^(ooi; oO vorhat; oOos
)»0Y!au.b5 ioTiv, ÄXa ^avxaa/«.
Die Psychologie, Erkenntniss- and Wissenschaftslehre des Boger Baco. 487
Vergleichen wir die von Baco im Anschlüsse an Avicenna
festgestellte Zahl und Denomination der Vermögen der Anima
sensitiva mit jener bei Albert d. Gr. und Thomas Aq., so er-
sehen wir; dass auch Albert gleich Baco eine Fünfzahl der
Sensus interiores zu gewinnen bestrebt ist: Sensus communis,
Imaginatio, Aestimativa, Phantasia, Memoria*/ zugleich aber
bemerken wir, dass hier die Cogitativa ausfallt, und die von
Baco als Zusammenfassung der besonderen Sinne, des Sensus
communis und der Imaginatio genommene Phantasia als be-
sonderes Vermögen gezählt wird. Thomas Aq.^ reproducirt
aus Avicenna*s Werke de Anima die Fünfzahl: Sensus com-
munis, Phantasia, Imaginativa, Aestimativa, Memorativa, er-
klärt jedoch die Phantasia als identisch mit der Imaginativa,
daher ihm nur eine Vierzahl innerer Sensitivpotenzen verbleibt,
die er übrigens ganz in der von Avicenna und Baco ihnen
gegebenen Bedeutung versteht; denn er fasst die Imaginativa
als das dem Sensus communis, die Memorativa als das der
Aestimativa entsprechende Retentions vermögen. Die von Baco
als fünftes Vermögen aufgeführte Cogitativa spricht Thomas
der Thierseele ab, und erklärt sie als ein im Menschen an die
Stelle der thierischen Aestimativa naturalis tretendes rationales
Vermögen, welches auf vergleichenden Zusammenhalt sinnlicher
Einzel Vorstellungen beschränkt, dem Menschen den Instinct des
Thieres ersetze und Ratio particularis heisse.^
Diese Differenz zwischen Thomas und Baco hat eine
tiefer greifende Bedeutung, die sich in der beiderseitigen Lehre
vom Intellectus agens vollkommen aufschliesst. Indem Baco
diesen der menschlichen Seele abspricht, stellt er sich grund-
sätzlich auf den Boden eines psychischen Sensismus unter neben-
hergehender vollwuchtiger Betonung des reflexiven Erfahrungs-
denkens, in welchem er den eigentlichen Erzeuger der dem
Menschen in dessen irdischen Zeitleben erreichbaren Erkennt-
nisse und Ansichten sieht. Als Vertreter des psychischen Sen-
sbmus konnte er sich mit Grund auf die Auctorität des Pariser
' De anima III, Tract. 1, c. 9.
' 1 qtu 78, art. 4.
' Est enim collativa intentionam individaalinm, sicut ratio intellectiva est
coUativa intentionum universalium. L o.
488 Werner.
Bischofes Wilhelm von Auvergne berufen, ' welchen Baco zwei-
mal in einer feierlichen Versammlung der Pariser Doctoren
die Annahme eines der menschlichen Seele eignenden Intellectus
agens siegreich bestreiten hörte. ^ Als Vertreter des psychischen
Sensismus haben wir Baco zu .bezeichnen, weil er alle cognosd-
tiven Thätigkeiten der menschlichen Seele als Apperceptionen
des in der sinnlichen oder übersinnlichen Wirklichkeit Ge-
gebenen fasst. Durch die cognoscitiven Thätigkeiten der Anima
sensitiva appercipiren wir die sichtbaren Erscheinungen der
sinnlichen Wirklichkeit, durch die cognoscitive Thätigkeit der
intellectiven Seele die unsinnliche, unsichtbare Wirklichkeit,
die uns im Lichte der ewigen Wahrheit gezeigt wird. Daher
leitet Baco alle Philosophie aus Offenbarung und Erleuchtang
ab; ehe es Philosophen unter den Heidenvölkern gab, hat Gott
alle Weisheit der Philosophie bereits den Patriarchen und Pro-
pheten geoffenbart, ^ und von diesen haben sie die heidnischen
Philosophen überkommen, wie Aristoteles, der grösste unter
ihnen, in seinem Liber Secretorum ausdrücklich bekenne. * Aber
nicht bloss auf dem Wege der Ueberlieferung, sondern auch
durch besondere Erleuchtungen sind dieselben zur Erkenntniss
der philosophischen Weisheit gelangt; solche Erleuchtungen
sind ihnen vielleicht noch mehr wegen uns Christen, als um
ihrer selbst willen zu Theil geworden.
Demzufolge muss wohl auch die richtig verstandene Lehre
des Aristoteles vom Intellectus agens auf göttliche Erleuchtung
zurückgeführt werden. Die richtig verstandene Lehre des Ari-
stoteles aber, die zugleich auch vollkommen wahr ist, ist diese.
dass man zwar zwischen Litellectus possibilis und Intellectus
1 Op. tert., c. 23.
2 Vgl. nnsere Abhandlang über die Psychologie des Wilhelm von Anvergne.
Sitzungsber. LXXIII. Bd., 8. 305 (Separatabdr. S. 49).
5 Op. tert., c. 24.
* Im Opas maj. (p. 29) ISsst Baco den Avicenna die alttestamentliche Bibel
citiren and bemerkt gemeinhin : Omnes philosophi faerant post patriarcbas
et prophetas, et legenint libros prophetaram et patriarchanim qni rant
in sacro textu, et similiter alios libros, qnos fecernnt tangentes Christi
myateria at in libro Enoch et in Testaraento Patriarchanim, in libro
Esdrae 3, 4, 5, et in mnltis alüs libris Philosophi coriosi et
diligentes in studio sapientiae peragranint regiones diversas nt sapientiun
incjuirerent et libros Sanctorum perlegerunt et didicerunt ab Hebiieis.
Die Psychologie, Erkenntniss- und WisseDBchaftslehro des Roger Baco. 489
agens zu unterscheiden habe^ letzterer aber nicht ein Theil
oder Vermögen der Seele sei^ sondern von Aussen her auf
den menschlichen Intellect wirke und die Umbildung der sinn-
lichen Vorstellungen in Intellectivgedanken erwirke. In der
That haben auch — fährt Baco weiter — bis auf unser Jahr-
hundert herab alle Philosophen und Theologen Gott für den
Intellectus agens genommen; und auch dann^ als bereits die
gegentheilige Ansicht um sich griff^ welche den Intellectus agens
zu einem der menschlichen Seele eignenden Vermögen machen
wollte; traten die zwei bedeutendsten Oelehrten ihrer Zeit,
Robert von Lincoln und Adam de Marisco (Marsh) noch für
die einzig richtige Ansicht ein. ^ Dass man jetzt so hart-
näckig das Gegentheil behauptet; kann nur in einer falschen
Interpretation des Aristoteles seinen Grund haben, und wider-
legt sich aus dem Gesammtinhalte seiner Lehre. ^ Der In-
tellectus agens und Intellectus possibilis verhalten sich zu
einander, wie sich gemeinhin die Causa efficiens zur Materia
recipiens actionem efficientis verhält. Nun aber lautet eine
der Grundlehren des Aristoteles, dass die Causa efficiens mit
dem Stoffe, an welchem sie sich bethätiget, niemals eine Sub-
stanz ausmachen, nicht mit dem bearbeiteten Stoffe ein Idem
secundum numerum et speciem sein könne. Somit können
auch der Intellectus agens und possibilis nicht Theile oder Con-
stituenten des menschlichen Intellectes sein. Wenn nun eine
Stelle im dritten Buche des aristotelischen Werkes de Anima
so übersetzt wird, dass es den Anschein hat, als ob das Agens
und Patiens, welche beide, wie allenthalben, so auch im mensch-
lichen Intellecte vereiniget sind, in ihrem Zusammensein gleich-
sam die Natur des menschlichen Intellectes ausmachen,^ so ist
* Baco erzählt (Op. tert.^ c. 23) von seinem Ordensgenossen Adam von
Marsh: Quando per tentationem et derisionem aliqui Minores praesom-
taosi qnaesiyernnt a fratre Adam: Quid est intellectus agens? respoudit:
Corvna £liae, volens per hoc dicere, quod fuit Deus vel Angelus. Op.
tert, c. 23. Statt ,Corvus Eüae* lautet eine andere Leseart oder Version
dieses Spruches Adams: ,Curru8 Eliae', die yielleicht auch die richtigere
sein dürfte.
3 Op. maj., p. 20; Op. tert., c. 24.
3 Baco führt (Op. tert., c. 24) den Wortlaut der nach seiner Ueberzeugung
unrichtigen Uebersetzung an: Quoniam autem in omni natura est aliquid
quod agaty et aliqnid quod patiatur, ita erit in anima. Die entsprechenden
490 Werner.
die UebersetzuDg sicher unrichtig oder doch ungenau^ obschon
bei näherem Zusehen diese Ungenauigkeit nicht so gross er-
scheint, dass die wahre Meinung des Aristoteles völlig unkennt-
lich gemacht wäre. Denn offenbar ist in der bezüglichen Stelle
— f^hrt Baco weiter — nicht vom Wesen der Seele, sondern
von ihrer Thätigkeit die Rede; von dieser heisst es, dass sie
so vor sich gehe, wie wenn der Künstler einen Stoff gestaltet
oder die Sonne die Farben der Objecto sichtbar macht. Da
nun der Künstler gewiss von dem zu bearbeitenden Stoffe, und
die Sonne von den zu beleuchtenden Objecten dem Sein und
der Substanz nach verschieden ist, so muss auch der Intel-
lectus agens, der die im Intellectus possibilis vorhandenen sinn-
lichen Vorstellungen in Intellectivgedanken umsetzt, vom Intel-
lectus possibilis oder von der Seele, welche als Recipientin und
Bewahrerin der in Intellectivgedanken umzubildenden sinn-
lichen Species Intellectus possibilis ist, von diesem dem Sein
und Wesen nach verschieden, ein ausser und über demselben
Seiendes sein. Diess ergibt sich auch aus dem weiteren Ver-
laufe des Contextes, indem der Intellectus agens als ein vom
Intellectus possibilis nach Sein und Wesen getrennter bezeichnet
wird, der immer actu ist, was von keiner Creatur, sondern
einzig von Gott gilt.
Für zwingend kann man diese Beweisßihrung Baco's nicht
erachten. Wenn er sich für die Erhärtung des Satzes, dass
die Causa efficiens von dem Gegenstande, welcher ihr als
Stoff ihrer Bethätigung dient, stets substanziell verschieden sei,
auf das Anfangscapitel des zweiten Buches der Physik des
Aristoteles beruft, so muss wohl bemerkt werden, dass daselbst
zwischen äusseren und zwischen inneren dem gestalteten und
belebten Stoffe immanenten Wirkungsprincipien unterschieden
werde-, und die Frage ist dann, ob Aristoteles auch den In-
tellectus agens zu den äusseren auf den Intellectus possibilis
wirkenden Agentien rechne, oder ob er jene Leuchtthätigkeit
Worte des griechischen Textes, De aniraa III, p. 430 a, lin. 10 ff., lauten:
'Knei 5' MOTzip £v ajcacTT) tt] ^uaei iazi ti to piev uXtj Ixavxh» y^vei (touto ö£
OTi 7:avTa ouva(JL£i sxstva), Eispov Bk to aaiov x«i 7:ow}Tixbv tä jwieTv jravra,
oTov 71 ziyyyi Tzpo^ t^v öXi)V ::^ovOev, avayxT] xai sv tij <J»ux.5 ^^*p)f£W lauT»;
Ta; Sia^opa^. Man ersieht hieraus, dass die lateinische Uebersetzung den
Text zwar verkürzt, jedoch denn Sinne nach richtig wiedergibt
Die Psychologie, Erkenntniss« und Wisscnschaftslehre dos Boger Baco. 491
und künstlerisclie Gestaltungsthätigkeit, die er dem lutellectus
agens zuerkennt, nicht als ein der intellectiven Seele als solcher
zukommendes Vermögen ansehe. Daraus, dass der Künstler
von seinem Stoffe, die Sonne von den durch sie beleuchteten
Gegenständen substanziell verschieden ist, folgt noch nicht,
dasB auch die in der Seele die Intellectivgedanken actuirende
Kraft vom Wesen der Seele substanziell verschieden sein müsse.
Wenn Aristoteles dem thätigen Verstände die Prädicate xwpt<7:b;,
aTToOr;;, 0L\>.i'^(T,q ertheilt, so folgt hieraus strenge genommen nur
seine Erhabenheit über die Un Vollkommenheiten des in die
Zuständlichkeiten der sensitiven Seele mehr oder weniger hin-
eiDgezogenen Intellectus possibilis, der eben desshalb auch
passibilis heisst; und die peripatetisch geschulten speculativen
Scholastiker möchten nicht unrecht gehabt haben, wenn sie in
der von Aristoteles an der betreffenden Stelle vorgetragenen
Lehre über den NoO^ xo'.Y)Tix.b^ zwei Begriffe enthalten fanden,
neben jenem des Intellectus agens als constitutiven Seelen-
vermögens nämlich auch jenen des Intellectus adeptus als dessen,
wozu die Seele selber durch die Actuirung ihrer intellectiven
Erkenntnisskraft wird. ^ Baco ist gegenüber den von ihm be-
kämpften zeitgenössischen christlichen Auslegern des Aristoteles
nur so weit unbestritten im Rechte, als die Aussagen des Ari-
stoteles über die Beschaffenheit des Intellectus agens mit der
Idee des concreten menschlichen Seelenwesens sich nicht ver-
tragen; er entfernt sich aber von Aristoteles sicher weiter als
seine Gegner, wenn er die von Aristoteles dem leidenlosen In-
tellectus agens beigelegte Unsterblichkeit und Unvergänglichkeit
dem Intellectus possibilis zuerkennt, welchem diese Eigen-
schaften in der vorerwähnten Stelle des Werkes de anima von
Aristoteles ausdrücklich abgesprochen werden. Baco weiss sich
1 Bei Albertns Magnus De anima IIT, tract. 3, c. 11 heisst es: Intellectus
agens tribus modis conjungitur nobis, licet in se et secundum essentiam
suam sit separatus; a natura enim conjungitur nt potentia et virtus quaedam
animae, sed faciendo intellecta speculata conjungitur ut efficiens; et ex
his duabus conjunctionibus non est homo perfectus ut operetur opus
divinum. Tandem conjungitur ut forma, et causa conjunctionis ejus est
intellectus speculativus, et ideo oportet esse speculativum ante adeptum;
et tunc bomo perfectus et divinus effectus est ad suum opus, inquantum
bomo et non inquantum animal est perficiendum. Et sunt gradus in
intellectu speculativo, quibus quasi ascenditur ad intellectum adeptum.
492 Wernor.
mit dem unzweideutigen Wortlaute dieser Stelle nur dadurch
abzufinden; dass er^ zwischen Corruptio secundum substantiam
und Corruptio secundum esse unterscheidend, daselbst vom In-
tellectus possibilis nur eine Corruptio secundum esse ausgesagt
findet, welche von der Corruptio secundum substantiam sich da-
durch unterscheidet, dass sie nicht das Aufhören der Existenz
als solcher, sondern bloss das Aufhören einer bestimmten
Existenzweise des Seienden bedeutet. Corruptio secundum esse
bedeutet für den Intellectus possibilis das Aufhören jener Seins-
weise, welche ihm zufolge seiner Verbindung mit der Anima
sensitiva und vegetativa im sterblichen Menschenleibe eigen
ist; dem Leibe entrückt, tritt er aus dieser Verbindung heraus,
und existirt als blosser Intellect, während der Intellectus agens
als immixtus niemals anders denn als blosser Intellect existiren,
demzufolge eine substanzielle Einigung mit etwas unter ihm
niemals eingehen kann. Ob wohl Baco je daran dachte, dass
unter solchen Voraussetzungen auch die Incarnation des ewigen
Gotteswortes zu etwas Undenkbaren gemacht werde?
Baco stützte sich in der Interpretation des Aristoteles
auf die arabische Auslegung, als deren mustergiltiger Reprä-
sentant ihm Avicenna galt. Wir sahen bereits, wie enge er
sich in der Darlegung der Functionen der Anima sensitiva an
ihn anschliesst; und auch seine Behauptung von der Incomip-
tibilität des in der intellectiven Seele sich darstellenden Intel-
lectus possibilis darf als eine Entscheidung für die Auetorität
des Avicenna im Gegensatze zu jener de9 sonst immerhin auch
von Baco hochgehaltenen Averroes angesehen werden. Nur
hierin weicht er entschieden von Avicenna ab, dass er die in-
tellective Seele nicht als reines Formwesen nimmt, sondern
gleich allem Geschaffenen aus Materie und Form sich zusammen-
gesetzt denkt; damit steht in Verbindung jene Verwerfung der
metaphysischen Bedeutung des logischen AUgemeingedankens,
welche seinen Gegensatz zur Schule Alberts begründet, und
darin ihren Grund hat, dass er das mathematisch gebildete
Denken fiir das einzige dem Zeitmenschen zu Gebote stehende
Vehikel einer wissenschaftlichen Bewältigung des sinnlich-irdi-
schen Erfahrungswissens des Menschen ansieht. Ihm ist es
eben nicht um eine Bewältigung des in der sinnlichen Erfahrung
Gegebenen durch Allgeraeinbegriffe, sondern vielmehr um die
Die Psychologie, Erkenntniss- und Wiieensohaftslelire dea Roger Baeo. 493
Erkenntniss des in der Erfahrung Gegebenen als solchen zu
thun; er ist^ soweit es sich um die Erkenntniss der Natur-
dinge handelt; physikalischer Empirist, und nicht die allge-
meinen Formen, welchen sich die stofflichen Dinge einordnen,-
sondern vielmehr die Gesetze, nach welchen die dem geformten
Stoffe immanenten Kräfte wirken, sind der Gegenstand seiner
wissenschaftlichen Aufmerksamkeit. Nun hat er aber das Be-
wusstsein, dass in das Wechselspiel der Kräfte, welche in der
sichtbaren Wirklichkeit walten, auch die sinnliche Leiblichkeit
des Menschen hineingezogen, und durch diese letztere das
Wirken der Änima sensitiva des Menschen bedingt sei, welche
ihrerseits wieder die Thätigkeit der Anima intellectiva als deren
Instrument und Thätigkeitsmedium beeinflusst und bedingt;
damit geräth nun das rationale Denken gegenüber der sinn-
lich-natürlichen Erfahrungswirklichkeit in ein ähnliches Ab-
hängigkeitsverhältniss, wie es oben gegenüber der auf göttliche
Offenbarung zurückzuführenden metaphysischen Erkenntniss auf-
gewiesen worden ist. Baco ist durch und durch Empirist, und
bewährt diesen Charakter auch noch dadurch, dass er das
ganz und gar an die natürliche Erfahrung und geschichtliche
Ueberlieferung hingegebene Denken nur durch die unmittelbare
göttliche Einwirkung, durch den Intellectus agens über sich
selbst erhoben werden lässt. Die geistige Selbstständigkeit
des rationalen Denkens bestätiget sich nach seiner Auffassung
nur in der kritischen Sichtung und Reinigung der überlieferten
geistigen Wahrheit ohne Versehrung des substanziellen Inhaltes
derselben, sowie in der auf experimentale Forschung gegrün-
deten Sichtung und Erweiterung der überlieferten Natur-
erkenntniss. Er ist übrigens kein vulgärer Empirist, sondern
ein religiös gläubiger Empirist, der sich allenthalben, auf dem
Boden der sinnlich-natürlichen, der geschichtlichen, und der
psychisch-innerlichen Erfahrung einer göttlichen Offenbarung
gegenüber gestellt sieht, welche sich ihm in den Wundern der
Natur, in der überlieferten Weisheit der Vorzeit, in der ge-
heimnissvollen göttlichen Erleuchtung der Seelen offenbart.
Dass er ganz innerhalb des kirchlichen Bewusstseins seiner
Zeit steht, bekunden schon seine Ergebenheitsbetheuerungcn
gegen seinen Gönner Papst Clemens IV., in welchem er ein-
fach den Hort der gesammten kirchlichen Ordnung sieht; die
494 Werner.
gesittigte Gesellschaft geht ihm fast schlechthin in der Kirche
auf. Auch verschafft er seinem christlichen Bewusstsein Ge-
nugthuung durch entschiedene Zurückweisung der Irrthümer,
• welche er an den von ihm nach Aristoteles zuhöchst gestellten
Auctoritäten eines Averroes und Avicenna zu bemängeln hati
obschon er bezüglich des letzteren im Zweifel ist, ob die im
christlichen Abendlande bekannt gewordenen Schriften des-
selben, in welchen der äusseren Lebensstellung und Umgebung
ihres Verfassers Rechnung getragen wurde, seine wahre Meinung
aussprechen, die nach Baco*s Dafürhalten eine viel geläutertere
gewesen sein möchte. *
So weit man sich indess an jene Schriften halte, sei
nicht Weniges an Avicenna strenge zu tadeln. Baco bemängelt
den Emanatianismus desselben und dessen eigenthümUche
Fassung, welche den Intellectus agens zu einem höchsten Engel
und obersten Schöpfer aller übrigen Weltdinge macht ;2 für
Baco kann der Intellectus agens selbstverständlich nur mit
dem göttlichen Logos der christlichen Theologie, dem schöpfe-
rischen Gottesworte und Erleuchter der Seelen identisch sein.
Nicht minder verwirft er die an die origenistische Apokata-
stasis erinnernde Eschatologie Avicenna's,^ sowie die damit
zusammenhängende Verwerfung der christlichen Auferstehungs-
lehre, welche letztere Baco schon zufolge seiner empiristischen
Denkrichtung aus erkenntnisstheoretischen Gründen nicht preis-
^ Avicenna praecipuuB Imitator et expositor Aristotelis et complens philo-
sopbiam secandom qnod ei fuerit possibile, triplex volamen condidit
philosophiae unum vuigatum juxta commanea sententias philo-
sophorum peripateticorum, qui sunt de secta Aristotelis, aliud vero se-
cundum puram veritatem philosophiae, qnae non timet ictus lancearum
contradicentiam ut ipse asserit; tertium vero fuit cum termino vitae soae,
in quo exposuit secretiora naturae. Sed de his voluminibus duo non sunt
translata; primum autem secundum aliquas partes habent Latini, qnod
vocatur Assephae i. e. Über sufficientiae. Op. maj., p. 28.
3 Procul dubio in libro de philosophia vulgata (vgl. vor. Anm.) errores et
falsa continentur, ut in undecimo Metaphysicae ponitur error de mundi
productione, in quo dicitur Dens propter infinitam unitatem, quam habet,
et ne recipiat varietatem dispositionum, non potest creare nisi onum, seil,
ang^lum primum, qui creavit secundum cum coelo primo, et secnndas
tertium cum coelo secundo et ultra. Op. maj., p. 7.
3 Cum in undecimo ponit omne peccatum habere fines suae pargationis in
alia vita et animas peccatrices redire ad gloriam, manifeste errat L c
Die Psychologie, Erkenntniss- and WiBsenseliaftalehre des Roger Baco. 495
geben kann. Er lehrt in der That mit ausdrücklichen Worten,
dass selbst die bereits im Himmel beseligten Menschenseelen
erst nach der allgemeinen Auferstehung zufolge ihrer Wieder-
vereinigung mit ihren Leibern in das Licht der vollkommenen
Erkenntniss eintreten können. ^
Diese Aeusseruug stimmt nun freilich nicht zu Baco's
Ansicht, dass die intellective Seele von Aussen in das von
der vegetativen und sensitiven Seele belebte Leibesgebilde des
Menschen eintrete und im Tode von jenen beiden Seelen sich
trenne. Nun aber denkt er sich die intellective Menschenseele
jedenfalls tiefer locirt als den Engelgeist, und ihre gesammte
Entwicklung und Lebensthätigkeit ist durch ihr Zusammensein
mit dem sinnbegabten Leibe bedingt, so dass schliesslich auch
ihr höchster Vollendungsstand nicht ohne Zusammensein mit
dem Leibe gedacht werden kann. Baco mag sich den Spruch
seines Ordensgenossen Bonaventura angeeignet haben, dass die
Seele mit einem doppelten Angesichte begabt sei; das eine
dieser beiden Angesichter sei Gott und den göttlichen Dingen
zugewendet, das andere der Welt und den irdischen Dingen.
Die zur Anschauung Gottes gelangte körperlose Seele entbehrt
des Instrumentes, mittelst dessen sie ihren Blick in die sicht-
bare Wirklichkeit versenken könnte, um in dieser die un-
begränzt vielen variirten Reflexe der göttlichen Vollkommenheit
und Herrlichkeit zu appercipiren; somit muss sie wieder in den
Besitz des Leibes, der ihr einst eignete, gelangen, um mit dessen
lebendigen Sinnen und Sensationskräften die Grösse und Voll-
kommenheit Gottes auch in den sichtbaren Werken seiner
schöpferischen Macht und Weisheit appercipiren zu können.
Ist es dem Menschen überhaupt wesentlich, die geistigen Dinge
im reflexiven Lichte wie in einem Spiegel zu schauen, so
wird diese Erkenntnissweise, zu der ihr möglichen höchsten
Erkonntnissstufe erhoben, auch im zukünftigen vollendeten
Menschensein statthaben müssen. Alles geistige Erkennen ist
* Homo habet triplicem visionem: unam perfectam, qnae erit in statu gloriae
post resnrrectioDem; aliam in anima separata a corpore in coelo usque
ad resurrectionem, quae debilior est ; tertiam in hac Tita, qnae debilissima
est ... . Non complebitnr anima plenitndine visionis, anteqnam nniatur
•tio corpori .... Appetitus qnidam naturalis inest animae ad suum
corpus, qui perfici non potest nisi resurrectione. Op. maj., p. 268.
496 Werner.
wesentlich ein SeheO; und dieses geistig^e Sehen nach Analogie
des sinnlichen Sehens zu verstehen. Wie wir nun das sinnliche
Sehen mit Rücksicht auf seine Helligkeitsgrade dreifach ab-
stufen^ je nachdem der Sehstrahl geradlinig, gebrochen oder
reflectirt in's Auge gelangt, so haben wir auch ein dreifaches
geistiges Sehen im geradlinigen, gebeugten und reflectirten Lichte
zu unterscheiden. Das erste vollkommenste Sehen kommt spe-
cifisch Gott, das zweite minder vollkommene den Engelgeistem,
das letzte specifisch dem Menschen zu, womit aber nicht aus-
geschlossen ist, dass, wie der Engelgeist in seiner Weise auch
an der specifischen Art des göttlichen Sehens, so der Mensch
an jener des göttlichen Sehens sowohl als auch des englischen
participirt. Wir wissen aber bereits, in welcher Weise diese
beiden anderen Arten des Sehens dem Menschen zukommen;
das ihm mit den Engeln gemeinsame Sehen oder das meta-
physische Erkennen hat er nur zufolge seines geistigen An-
theiles an der auf göttlicher Offenbarung beruhenden tradi-
tionellen Erbweisheit des menschlichen Geschlechtes, die in
den überlieferten Lehren der Theologie und Philosophie hinter-
legt und unter die Obhut der Kirche gestellt ist. Das dem
Menschen unmittelbar mit Gott gemeinsame Erkennen setzt
sich eigentlich in einen unmittelbar durch Gott in der mensch-
lichen Seele gewirkten Erkenntnissact um, der nur insofern ein
Act des Menschen genannt werden kann, als ihn die mensch-
liche Seele in sich recipirt. Das menschliche Selbstdenken
beschränkt sich, wie schon bemerkt, auf kritische Analyse des
dem Menschen von Aussen suppeditirten Erkenntnissstoffes;
von einer Umsetzung desselben in die dem Wesen der den-
kenden Seele entsprechende Form und Gestaltung kann bei
Baco zufolge seines grundsätzlichen Empirismus keine Rede
sein. Die Idealform des Objectes wird in Gott geschaut, braucht
sonach nicht durch den menschlichen Intellect produciri zu
werden, der sich einzig auf Subsumtion des kritisch analysirten
Erfahrungswissens unter die im Lichte der göttlichen Wahrheit
geschauten Ideen der Dinge zu beschränken, oder vielmehr
sich zur rechten Empfänglichkeit für die zur Vergeistigung und
Ergänzung des an sich durchaus unzureichenden menschlichen
Erfahrungswissens nothwendigen Gnaden und Erleuchtungen
zu disponiren hat. Diese Gnaden und Erleuchtungen begründen
Die Psycliologie, Erkenntniss- und WistensebafUlehre dei Roger Baco. 497
und Termitteln aber nur eine zweite höhere Erfahrung, welche
ergänzend zu der ersten auf den sinnlichen Augenschein ge-
gründeten Erfahrung hinzutritt, und die an sich höchst be-
scliränkte natürliche menschliche Erkenntniss&higkeit über sich
selbst emporhebt, um die Seele dasjenige schauen zu lassen,
was sie durch sich selbst niemals zu schauen vermöchte J
Baco spricht von Graden der inneren Erleuchtung bis zu einem
höchsten hinan, bis zur Verzückung, und glaubt, dass die auf
diesen Wegen erlangten Erfahrungen nicht bloss der Theologie,
sondern auch den weltlichen Wissenschaften sehr zu Gute
kommen müssten.^
In diesen inneren Erfahrungen, welche dem Einzelnen
durch unmittelbare göttliche Hilfe zu tieferen und geläuteteren
Einsichten verhelfen, findet nun Baco auch den Rückhalt für
das von ihm in Anspruch genommene Recht einer kritischen
Berichtigung der schulmässigen Ueberliefernng der traditionellen
Erbweisheit der gesittigten Menschheit. Dieselben in der
^ Duplex est experientia. Una est per sensns exteriores, et sie experimur
ea, qnae in coelo snnt, per instrumenta ad hoc facta, et haec inferiora
per Opera certificata ad visum experimur, et quae non sunt pervenientia
in locis, in quibus sumus, scimos per alios sapientes, qni experti sunt
.... et haec est experientia humana et philosophica. Sed haec non
snfBcit homini, quia non plene certificat de corporalibns propter sui
difficultatem et de spiritualibus nihil attingit. Ergo oportet, qnod intellec-
tns hominis aliter juTotnr, ed ideo sancti patriarchae et prophetae, qui
primo dederunt scientias mundo, receperunt illuminationes interiores et
non solum stabant in sensu. Et similiter multi post Christum fideles.
Nam gratia fidei illumiuat multum, et divinae inspirationes non solum in
spiritualibus, sed corporalibus et scientiis philosophiae, secundnm quod
Ptolomaeus dicit in centiloquio, quod duplex est yia deveniendi ad noti-
tiam remm, una per experientiam philosophiae, alia per divinam inspira-
tionem, quae longe melior est, ut dicit. Op. maj., p. 337.
^ Sunt Septem gradus hujus scientiae interioris. Unus per illuminationes
vere scientiales. Alius gradus consistit in virtutibus. Tertius gradus est
in Septem donis Spiritus Sancti, quae enumerat Jesaias. Quartus est in
beatitndinibus spiritualibus, quas dominus in evangeliis determinat. Quin-
tus est in sensibus spiritualibus. Sextus est in fructibus, de quibus est
pax Domini quae exsuperat omnem sensum. Septimus consistit in capti-
bns et modis eorum, secundnm quod diversi diversimode capiuntur, ut
videant multa, quo non licet homini loqui. Qui in his experientiis vel in
pluribus eorum diligenter est exercitatus, ipse potest certificare se et alios
non solum de spiritualibus, sed omnibus scientiis humanis. 1. c.
498 Werner.
Unvollkommenheit^ Schwäche und Sündhaftigkeit des gefallenen
Menschen gelegenen Ursachen^ welche die normative Geltung
dieser auf göttliche Offenbarung gegründeten Erbweisheit zur
Nothwendigkeit machen, ^ erklären auch die mancherlei Mängel
und Gebrechen^ welche der menschlichen Vermittelung derselben
an die nachfolgenden Geschlechter anhaften. Diese Mängel
sind allbekannt und allwärts zugestanden in Bezug auf die
Lehren der Naturkunde, allgemeinen Weltlehre und Metaphysik.
Baco beruft sich auf Aeusserungen Seneca's^ über die Rohheit
und Unvollkommenheit der Vorstellungen der ältesten Physiker,
über die successiven Fortschritte der Physik, über die künftigen
Generationen vorbehaltenen Erkenntnisse und Einsichten, von
welchen die gegenwärtig lebende Generation noch gar keine
Ahnung habe. Von Aristoteles ist es bekannt, dass er die
Ansichten der ihm vorausgegangenen Physiker und Welt-
weisen einer umständlichen Prüfung unterworfen und Viele»
an ihnen berichtiget habe, sowie umgekehrt nicht wenige seiner
Behauptungen durch Avicenna und Averroes berichtiget wurden.
Dass auch diese bedeutenden Männer in nicht wenigen Dingen
irrten, wurde schon bemerkt; um so weniger darf man sich
wundern, auf Irrthümer der mannigfachsten Art bei anderen
Philosophen und Naturkundigen zu stossen, welche mit jenen
Männern nicht verglichen werden können. Die Ungewissheit
und Unsicherheit des menschlichen Erkennens ist so gross und
weitgehend, dass fast nirgends zwei Philosophen mit einander
vollkommen eins werden können, dass über die unbedeutendsten
Fragen Streitigkeiten und Meinungsdifferenzen sich laut machen^
nicht minder herrscht auf den Gebieten der Medicin, Chirurgie
und anderer weltlicher Berufs- und Studienzweige Uneinigkeit
1 Baco bezeichnet die aus der menschlichen Sündhaftigkeit entsprnogenen
vier Hanptnrsachen der menschlichen Irrthümer: Indignae et fragiUs
anctoritatis exempla, sensiis imperiti vulgas, diuturnitas consnetndinis,
obstinatio animi humani in solatium snae ignorantiae reprobans omnnia
quae ignorat. Compend. stud. philos., c. 3. — Mnnimen ad defensionem
contra hoc — heisst es Op. maj., p. 6, mit Beziehung auf diese vier Ur-
sachen — habere non possumns, nisi mandata et consilia Dei ac sriptnrae
suae et Juris canonici, Sanctorum et Philosophorum et omnium Sapientam
antiqnorum seqnamur. Et si bis mandatis es consiliis adhaereamns, non
possumus errare, nee dcbemus in aliquo reprobari.
2 Quaest. natur. Lib. III u. IV.
Die Psychologie, Grlconiitniss- nnd Wiisenscbaftslehre dos Roger Baco. 499
und Streit der Meinungen. Aber auch den Männern, welche
wir als die Väter der theologischen Wissenschaft verehren, ist
nicht selten Menschh'ches begegnet. Augustinus sah sich ver-
anlasst, Retractationen zu schreiben, Hieronymus entschuldigte
gelegentlich die Verstösse, welche ihm bei der raschen Eile
einiger seiner biblischen Interpretationsarbeiten begegnet waren;
er wendete sich aber auch berichtigend gegen eine grosse
Zahl ihm vorausgegangener berühmter christlicher Lehrer,
welchen er nachwies, dass sie sämmtlich die richtige Etymologie
des Wortes Israel nicht gekannt hätten. * Dass die Lehr-
anschauungen der alten christlichen Lehrer nicht durchgängig
Tdr zuverlässig und correct gelten dürfen, geht schon daraus
hervor, dass sie, wie z. B. Hieronymus und Augustinus, sich be-
kämpften. Und wenn ein so ausgezeichneter Mann wie Origenes
sich von vielen und bedeutenden Irrthümern nicht frei zu er-
halten vermochte, wie sollte man Aehnliches nicht auch bei
allen anderen, welche ihm an Qeist und Erudition nachstanden,
voraussetzen dürfen? In der That haben die christlichen Lehrer
unserer heutigen öffentlichen Schulen Vieles von den altchrist-
Hchen Lehrern Gesagte modificirt, und unter pflichtschuldiger
Wahrung pietätsvoller Rücksicht von jenem Rechte Gebrauch
gemacht, welches ihnen durch die Bekenntnisse und Aussprüche
der Weisen und Heiligen der Vorzeit über die Fehlbarkeit
aller menschlichen Auctoritäten eingeräumt war.
Auch Baco glaubt Von diesem Rechte angesichts der zeit-
genössischen Vertretung der theologischen Schulwissen schaffe
Gebrauch machen zu sollen. Seit vierzig Jahren — klagt er
a. 12712 — ist das theologische Lehramt Männern anheim-
gegeben, welche als unreife Jünglinge in einen der beiden Lehr-
orden der Dominicaner und Franciscaner einzutreten pflegen,
und ohne die nöthige Vorbildung in den weltlichen Wissen-
schaften, welche sie weder vor ihrem Eintritt in den Orden
sich erwerben konnten, noch innerhalb des Ordens sich an-
zueignen Gelegenheit haben, an die Theologie herantreten, um
^ Im Compend. stnd. philos. c. 6 sncht Baco die von Hieronymns gej^ebcne
Uebersetznng des Namens Israel: Princeps cum Deo, umständlich zu
rechtfertigen. Siehe Baconi Op. ed. Brewer p. 435 — 437.
^ In dieses Jahr wird die Abfassung des Compendium studii philosophiae
(c o) gesetzt. Vgl. die Preface zu Brewers Edition p, LV.
Sitzuogsber. d. phil.-hiit. Cl. XCIII. Bd. III. Hffe. 33
500 Werner.
sich in das Lehramt derselben einzuüben. Baco will den
Gliedern dieser beiden Orden, unter welchen er jedoch speciell
und vorzugsweise den Dominicanerorden im Auge hat/ weder
den wohlbegründeten Ruf musterhafter Disciplin, noch auch
das Geschick volksthümlicher erbaulicher Beredtsamkeit ab-
sprechen. Damit ist aber nicht auch schon die Befähigung zu
einer erfolgreichen Vertretung der theologischen Wissenschaft
gegeben, deren methodischer Betrieb die in jenen beiden Ordens-
genossenschaften vernachlässigten Grunddisciplinen aller welt-
lichen und geistlichen Bildung zu seiner Unterlage hat. Als
diese Grunddisciplinen, in welchen der Theolog eben so sehr
wie der Philosoph geschult sein müsse, bezeichnet Baco die
gelehrten Sprachen (linguae sapientiales), Mathematik, Perspec-
tive, Alchymie, Experimentalwissenschaft. Baco beklagt die Ver-
nachlässigung derartiger Studien in den Schulen beider Orden
um so mehr, da ihren Lehrern auch die Unterweisung der Säcular-
geistlichkeit anheimgefallen sei; die Säculargeistlichkeit habe
sich leider seit vierzig Jahren von der Pflege der wissenschaft-
lichen Theologie ganz zurückgezogen, ^ oder betreibe dieselbe
^ Hi sant pneri duorum ordinum studentium, ut Albertus et Thomas et
alii^ qui ut in pluribus in^ediantur ordines, quum sint viginti annoram
et infra. Coinpend. stnd. philos., c. 5. — Dass aber Baco nebstdem anch
den Franciscanerorden im Auge hat, geht ans seinen Aeusserungeu im
Opus minus (Baconi Op. ed. Brewer, p. 325 f.) liber die theologische
Summa des Alexander Halesius hervor, rücksichtlich welcher er indess
zweifelhaft IKsst, und in wie weit sie als Werk des nach seinem persön-
lichen Charakter von ihm hochgehaltenen Alexander gelten dürfe: Et si
eam fecisset vel magnam partem, tamen non legit naturalia nee meta-
physica, nee audivit ea, quia non fuerunt libri principales harum scien-
tiarum nee commentarii translati, quando rexit in artibus. Alexander sei
nämlich bei seinem Eintritt in den Orden schon ein bejahrter Mano
gewesen. Unter dem anderen noch lebenden Lehrer, von welchem Baco
sagt, dass er noch als Knabe in den Franciscanerorden getreten und der
erste aus dem Orden selber hervorgegangene Lehrer der Philosophie
gewesen sei (Op. c, p. 327), kann nur Johann von Rochelle (f 1271)
gemeint sein. Baco lobt seinen unermesslichen Lerneifer, spricht ihm aber
die für einen erfolgreichen Betrieb der Theologie nothwendigen Kenntnisse
ans den weltlichen Wissenschaften ab, und bedauert den ungenügenden
Unterricht, der ihm im Orden zu Theil wurde.
3 Saeculares a quadraginta annis neglexerunt Studium theologiae et philo-
sophiae secundum veras vias illorum stndiorum, occupati appetitu deli-
ciarum, divitiarum et bonorum, et corrupti causis ignorantiae praedictiS]
Die Fuycliologte, Erkenntniss- aud WitsenschaftsleHre des Bogor Baco. 501
einzig nach Anleitung ihrer nunmehrigen Lehrmeister. Die
schöne Zeit^ in welcher ein Robert von Lincoln, Thomas von
St. David; Adam de Marisco und Robert de Marisco, ein Wil-
helmus Lupus und Willielmus Shyrwood lehrten^ sei dahin, und
seither sei kaum mehr irgend eine theologische Leistung aus
den Kreisen der Säculargeistlichkeit zu Tage getreten.
Der von Baco so hoch gepriesene Bischof Robert von
Lincoln (Robeii Capito, Grosshead, Grosse-Teste, Grosset^te)
war gleich Adam de Marisco einer der Lehrer Baco's an der
Oxforder Schule gewesen ; ^ Beide waren durch sprachliche und
mathematische Kenntnisse ausgezeichnet, und hatten dazu bei-
getragen, dem Geiste Baco's die von ihm zeitlebens verfolgte
Richtung zu ertheilen. Adam, der bereits bejahrt in den Fran-
ciscanerorden eintrat, und durch sein Beispiel vielleicht auf
den gleichen Schritt seines Schülers Einfluss hatte, ist auch Ver-
fasser eines Commentars zu den pseudo-dionysischen Schriften,
deren Einfluss auf Baco in seinen oben beigebrachten Aeusse-
rungen über den specifischen Modus des englischen und mensch-
lichen Erkennens, so wie über den Einfluss der göttlichen Er-
leuchtung auf das menschliche Erkennen unschwer zu erkennen
ist. Wilhelm von Shyreswood, welcher in Oxford studirt hatte,
wirkte als Lehrer in Paris, und starb als Kanzler der Kirche
in Lincoln. Ob und wo Baco zu ihm in nähere Beziehungen
trat, lässt sich aus Baco's Aeusserungen nicht ermitteln; im
Opus tertium wird er noch als lebend vorausgesetzt,^ und mit
ita qnod totaliter dimiseruut vias aatiquoram sapientam. Comp. stud.
theo!., 5. — Unter dem Terminus a qao der erwähnten vierzig Jahre
yersteht ßaco augenscheinlich jene Zeit, zu welcher die Mendicanten in
den Besitz von Lehrstühlen der Theologie an der Pariser Universität
gelangen. Vgl. meine Schrift über Thomas v. Aquino I, S. 106.
' Baco stellt diese seine beiden Lehrer den berühmtesten Weisen aller
Zeiten zur Seite : Pauci sapientissimi fnerunt in perfectione philosophiae,
nt primi compositores et Salomon et deinde Aristoteles pro tempore suo;
et postea Avicenna et in diebus nostris dominus Bobertus episcopns nuper
Lincolnensis et frater Adam de Marisco^ quia hi fuerunt perfecti in omni
sapientia et nunqnam fuerunt plnres perfecti in philosophia. Op. tert.,
c. 22.
^ Daraus erhellt, dass a. 1249 nicht, wie es herkömmlich geschieht und bei
Prantl Gesch. d. Logik lü, S. 10, Anm. 29 reproducirt wird, Wilhelms
Todesjahr sein könne. Scribat sapientia vestra — schreibt Baco Op.
tert. c. 2 an Papst Clemens IV. — eis (d. i. den unmittelbar voraus-
33*
502 Werner.
Albertus Magnus zusammengenannt, jedoch so, dasa er über
diesen gestellt, ja sogar als der bedeutendste unter den cbrist-
lichen Philosophen der Gegenwart bezeichnet wird. ^
Einer der Gründe, aus welchen Baco Albert dem Grossen
keine voUgiltige wissenschaftliche Auctorität zuerkennen wollte,
war wohl dieser, dass Albert kein Sprachenkundiger, und dem-
zufolge in seinen philosophischen und naturwissenschaftlichen
Arbeiten auf die Benützung der nach Baco's Dafürhalten un-
genügenden Uebersetzungen der aristotelischen Schriften an-
gewiesen war. Nach Baco kann es weder dem Philosophen noch
dem Theologen erlassen werden, die Quellenschriften 'seiner
Wissenschaft im Urtexte zu lesen und zu verstehen.^ Er nennt
die Sprachen, deren Kenntniss für den Betrieb theologischer und
philosophischer Studien nothwendig ist, die Gelehrtensprachen,
deren er vier aufzählt: Griechisch, Hebräisch, Arabisch, Chal-
däisch. ^ Wie ohne Kenntniss des Hebräischen und Chaldäischen
kein correctes und erudites Verständniss der Bibel möglich ist,
so ohne Kenntniss des Griechischen und Arabischen kein cor-
rectes und irrthumsfreies Verständniss der Autoren, welche in
jenen Sprachen schreibend Leuchten und Auctoritäten gött-
licher Wissenschaft für alle nachfolgenden Zeiten geworden
sind. Baco nennt die erwähnten vier Sprachen Linguas sapien-
tiales; denn alle Weisheit, in welcher unmittelbar oder mittelbar
göttliche Wahrheit niedergelegt ist, hat ihre schriftlichen Zeug-
erwähnten beiden Gelehrten Albertus Magnus und Wilhelm Shyreswood)
articuloB opemm quae misi et quae tangam in hac tertia acriptura, et
videbitis, quod transibnnt decem anni, quam ipsi mittant vobis ea, quae
scripsi.
^ Non est mirum, si distuli in tractando. Quod probare potestis (siehe Torlge
Anm.) per sapientes famosiores inter christianos, quorum nnus est frater
Albertus de ordine Praedicatorum, altus est magister Gulielmns de
ShTTWode, thesaurarins Lincolniensis ecclesiae in Anglia, longe sapientior
Alberto. Nam in philosophia commnni nuUus major est eo. 1. c.
^ Vocabula infinita ponuntur in textibus theologiae et philosophiae de
alienis Unguis, quae non possunt scribi nee proferri nee intelligi nisi per
eoSf qui linguas sciunt. Et necesse fuit hoc fieri propter hoc, quod
scientiae fuerunt compositae in lingua propria, et translatores neu inre-
nerunt in lingua latina sufBcientia Tocabula. Op. tert., c. 25.
' Prima igitur est scientia linguamm sapientialium, a quibus tota Latinornm
sapientia translata est, cujnsmodi sunt Graecum, Hebraeum, Arabicnm
et Chaldaeum. Comp. stud. philos. c. C.
Die Psychologie, ErkenntnisB- und Witsenccliaftslehre des Roger Baco. 503
nisse und Bekundungen in jenen vier Sprachen erhalten. ^ Die
Lateiner haben aus sich nur die geistliche und weltliche Juris-
prudenz hervorgebracht. Das geistliche Recht ist jedoch einfach
aus der Bibel des Ä. T. und N. T. und aus Aussprüchen heiliger
Lehrer geschöpft; bietet somit nichts, was nicht aus den Quellen
des geistlichen Rechtes ohnehin schon bekannt wäre. Die
weltliche Jurisprudenz aber^ unter welcher Baco das zu Bo-
logna gelehrte römische Recht meint, ist eine entgeistete, ihrer
philosophischen Quelle völlig unbewusste Unterweisung in der
Fertigkeit, die Verhältnisse des bürgerlichen Lebens zu ordnen
und zu regeln.^ Die natürliche Folgerung aus dem Gesagten
ist, dass der lateinische oder occidentalische Geist nur insoweit
als er in jenen des Orients eingeht, sich Weisheit aneignen
könne; das nothwendige Mittel hiezu aber ist die Erlernung
der orientalischen Sprachen und des Griechischen, welches in
der Bibel sowohl und in den griechischen Kirchenvätern als
auch in Aristoteles ^ ganz von der Weisheit des Orients durch-
tränkt ist.
Diese Aeusserungen Baco's stehen in vollkommenem Ein-
klänge mit seiner schon oben erwähnten Anschauung, dass alle
Weisheit auf Offenbarung beruhe, und die Wissenschaft der
Gegenwart auf dem Grunde der aus der grauen Vorzeit auf
die nachfolgenden Geschlechter vererbten Weisheitsüberlieferung
^ Latini nulluni textum composuerunt, seil, neque theologiae neque philo-
flophiae. Omnes textus facti sunt primo in Hebraeo bis, tertio in Graeco,
quarto in Arabico. Op. c, c. 8.
3 Omnia, quae sunt in usu laicorum, sunt mecbanica respectu philosophiae
.... Qaapropter ars juris civilis laicorum est mecbanica respectu juris
civilis philosophiae et non est pars philosophiae .... Cum mechanici
omnes procedunt et negotiantur sicut bruta et sicut inanimata et sine
causarum et rationum cognitione, ut Aristoteles dicit, manifestum est,
quod juristae civiles laici, cum sint mechanici respectu philosophantium,
sunt respectu eorum bruta animalia et sicut inanimata, cansas et rationes
legum radicales ignorantes. Op. c, c. 4.
' Aristoteles in omni re constituit principium, medium et finem, sed in
Creatore patrem et paternam mentem et amorem utriusque mutuum unam
substantiam, deitatem indivisam in essentia, sed trinam in personis, sicut
a Piatone magistro suo didicit, sed perfectius a libris Hebraeorum et ab
Hebraeis sui temporis, apud quos viguit lex Dei, et a quibus omnem
sapientiam habuit, sicut ipsemet in libro de regimine regnorum asserit
evidenter. Op. c, c. 4.
504 Werner.
stehe. Zugleich nimmt er aber hievon Anlass, Stellung zu
nehmen gegenüber dem allgemeinen Bildungsstande der abend-
ländischen Kirche, seiner Zeit, von welchem er ein höchst un-
günstiges Bild entwirft. Dass hieran sein Widersatz gegen
den in der Theologie zur Herrschaft gelangten logistischen
Peripatetismus sehr grossen Antheil hat, ist nicht zu verkennen;
dieser Widersatz ist aber nicht zum geringsten Theile Ausfiuss
des Unabhängigkeitsgeistes der englischen Kirche, als deren
preiswürdigsten Repräsentanten Baco Robert von Lincoln ver-
ehrt. Das diesem Manne gezollte liob schliesst schon an sieb
die Kritik der Zustände des Zeitalters Baco's in sich, und ist
mit derselben bei ihm aufs Engste verwoben, so dass wir aus
dem, was er zum Lobe Roberts sagt, zugleich auch schon ent-
nehmen können, was er an den Zuständen der abendländischen
Kirche seiner Zeit als Mangel und Gebrechen zu rügen hat. Er
preist Robert als einen moralisch vollkommen selbstständigen
Mann heiligmässigen Andenkens,^ als mustergiltigen Typus
eines christlichen Weisen, als Repräsentanten einer leider unter
gegangenen besseren Zeit. Er steht nicht an, ihn den ersten
Gelehrten seiner Zeit zu nennen ;2 Robert habe alle Kenntnisse
vereiniget, deren Besitz nothwendig ist, um sowohl die alten
Weisen verstehen, als auch mit Erfolg die überlieferte Weisheit
der Alten weiterbilden zu können.^ Allerdings gelangte er
erst in vorgerückten Lebensjahren dazu, selbstständig grie-
chische Bücher ins Lateinische übertragen zu können; indess
wusste er der Wissenschaft auch in der früheren Periode seines
Lebens zu nützen. Da ihn nämlich die schlechten Ueber-
setzungen des Ai'istoteles an der Möglichkeit denselben richtig
zu verstehen verzweifeln Hessen, wusste er durch selbsteigene
1 Possnmus exemplnm ponere in domino Roberto episcopo Liucolnensi et
BanctiBsimae memoriae, cujus vitam pauci praelati imitantur, et cnjns
Stadium ordines studentes et saeculares penitus neglexerunt. Compend. stud.
philos., c. 5.
2 Solus UDUS sciyit scientias, ut Lincolnensis episcopus. Op. tert., c. 10. —
Nullus scivit scientias sicut dominus Robertus episcopus Lincolnensis per
longitudinem vitae et experientiae, et stndiositatem ac diligentiam. Op. tert,
c. 25. Aehnlich lautende Stellen aus anderen Werken Baco*s weiter ant«n.
3 Quia scivit mathematicam et perspectivam, et potuit omnia scire; simul
cum hoc, quod tantura scivit de unguis, quod potuit intelligcre sanctos
et philoaophos et antiquos sapicntes. Op. c, c. -'5.
Die Psychologie, Erkenntnis«- and Wissenschaftslehre des lioger Baco. 505
Forschung und durch Benützung anderer Autoren mehr als
hinlänglich das zu ersetzen, was aus Aristoteles zu gewinnen
war. ^ In den letzteren Jahren seines Lebens berief er des
Griechischen kundige Männer aus Süd-Italien nach England,
und liess Werke über die griechische Grammatik allwärts auf-
kaufen; er veranstaltete Uebersetzungen der Schriften des Dio-
Djsius, Johannes von Damask und anderer griechischer Lehrer.
Damit war freilich nur ein geringer Theil dessen geleistet, was
die Lateiner bis jetzt zu leisten versäumten;^ denn unzählige
Schriften der griechischen Lehrer und Exegeten harren noch
ihres Uebersetzers. Aehnlich steht es um die Schiiften des
Aristoteles, von welchen der weitaus grösste Theil bisher noch
unübersetzt geblieben ist.
Diese letztere Bemerkung lässt wohl erkennen, dass Baco
in seinen Klagen über die verderbten Zustände der abend-
ländischen Kirche seiner Zeit sich von Uebertreibungen nicht
ferne zu halten weiss, welche zum Theile auch auf Rechnung
einer unrichtigen und entstellenden Auffassung der gegebenen
Sachlage gehen. Aus der Lebensbeschreibung des Aristoteles ^
wissen wir — bemerkt Baco* — dass Aristoteles gegen tausend
Schriften (Volumina) verfasst habe; wir aber besitzen nur drei
Volumina von erklecklichem Umfange, nämlich die Logicalia,
Naturalia und Metaphysicalia. Nun lag es nicht allzuferne, zu
vermuthen, dass die ungefähr tausend Volumina etwa dann
sich ergäben, wenn bei den von Diogenes Laertius und
Anderen aufgezähltQn Schriften des Aristoteles die einzelnen
* Dominus Robertus .... per propriam experientiam et anctores alios et
per alias scientias neg^tiatus est in sapientialibas Aristotelis; et melius
centies miUesies scivit et seripsit illa, de qiiibus libri Aristotelis loquuntur,
quam in ipsius perversis translationibus capipossunt. Comp. stud. phil., c. 8.
^ Mirum est de negligentia ecclesiae; quia a tempore Damasi papae non
fait aliquis summus pontifex, nee aliquis alius inferior, qui sollicitns fuit
de promotione acclesiao per translationes nisi dominus praefactus epis-
copus gloriosns. 1. c. Diese Klage gilt namentlich auch dem Umstände,
dass seit Papst Damasus die Uebersetzung der Bibel aus dem hebräischen
und griechischen Urtexte völlig Ternachlässiget worden sei.
' Diese hat zu ihrem Verfasser einen vom Verfasser des Almagest ver-
schiedenen Philosophen Ptolomäus, der seine Angabe über die Zahl der
Aristotelischen Schriften aus Andronicus schöpfte. Vgl. über ihn die Notizen
in der Berliner Ausgabe der Opp. Aristot., Tom. V, p. 1469,
* Comp. stud. phil., c. 8.
506 Werner.
Bücher oder Theile verschiedener Schriften als besondere
Volumina gezählt werden; demgemäss konnte der bereits er-
rungene Besitz der Logicalia, Naturalia und Metaphysicalia
schon in quantitativer Beziehung in keinem so nachtheiligen
Verhältniss zu den übrigen noch nicht erworbenen Schriften des
Aristoteles stehen^ als Baco es scheinen machen will. * Freilich
vermisst Baco unter den Logicalien die zwei nach seiner An-
sicht wichtigsten Werke des Aristoteles^ die Poetik und Rhe-
torik, von welchen Hermannus Alemannus, der beide im ara-
bischen Texte kannte, das eine wegen der ihm entgegentretenden
unübei-windlichen Schwierigkeiten gar nicht zu übersetzen wagte,*
das andere aber so schlecht übersetzte, dass seine Arbeit völlig
unbrauchbar ist. Auch die Metaphysik des Aristoteles besitzen
die Lateiner nur unvollständig in zehn Büchern, da deren doch
weit mehr seien. ^ Die Thiergeschichte des Aristoteles besteht,
wie Baco aus Flinius ^ zu erhärten sucht, aus fünfzig Büchern,
welche Baco in der That im griechischen Texte gesehen haben
will, während die Lateiner deren nur neunzehn, und diese in
elender Uebertragung besässen. Da der heutige Text des Ari-
stoteles nur zehn Bücher Thiergeschichte aufweist, so ist die
Zahl von neunzehn Büchern wohl nur aus Theilungen der
einzelnen Bücher entstanden; wenn Aehnliches mit den übrigen
zoologischen Schriften des Aristoteles geschah, so mag die Zahl
von fünfzig Büchern sich ergeben haben, welche aber nicht
ausschliesslich Bücher der Thiergeschichte sein konnten. Auch
> Gemässigter drückt sich Baco im Opus majus p. 14 aus: Nee adhuc
medietatem, nee partem meliorem (seil, librorum Aristotelis) habemus.
' Librum Aristotelis de poetico argumento non ausus fuit ioterpres Her-
mauua transferre in latinum propter metrorum difficultatem, quam non
intellexit, ut ipso dieit in prologo commeutarii Averroi» super illnm
librum. Op. maj., p. 4-4.
3 De metaphystea non legunt Latini, nisi quod habent de decem libellis,
cum multi alii sint, et de Ulis decem deficiunt in tranalatione, quam
legunt, multa cai*itttla, et quasi liueae infinitae. Comp. stud. pbil| «. ö.
* Siehe Plin. Hist. Natur. VUI, 17: Alexandro Magno rege inöammato
cupidine animalium naturas noscendi delegataque hac coDMuentotione
Aristoteli summo in omni doctrina viro, aliquot millia hominum in toliua
AsLae Graeciaeque tractu parere jussa, omnium quos venatos, aucnpia
piscatusque alebant quibusquo vivaria, armenta, alvearia, piscinae, amna
in cura erant, ne quid usquam genitum ignoraretur ab eo; quos percunctando
quinquaginta ferme Volumina illa praeclara de animalibus composuit.
Die Psychologie, Erkcnntniss- und WisseDScbaftslehre des Roger Baco. 507
in Bezug auf die Zahl der ßüeher der Metaphysik zeigt sich
Baco unrichtig informirt, wenn er neben den bereits vorhandenen
zehn noch ^multos alios^ voraussetzt. ^ Auch fällt einigermassen
auf, dass Baco die im Opus majus ausgesprochenen Klagen
noch in seinen darauf folgenden Werken wiederholt, da er
dock mittlerweile zur Kenntniss dessen hätte gelangen können,
was in der That sowohl für die Erweiterung und relative Ver-
vollständigung der Kenntniss der aristotelischen Schriften als
auch für die Verbesserung des lateinischen Textes derselben,
und endlich, namentlich durch Thomas Aq. für die Erklärung
des Aristoteles geschehen war. Wii' müssen die Einschränkungen,
die seinem literarischen Verkehre durch die ihm missgünstigen
Ordensoberen sowie durch die nachfolgende zehnjährige Haft
auferlegt wurden, als Erklärungs- und Entschuldigungsgrund
gleiten lassen.
Baco bemängelt nicht bloss die ungenügende Kenntniss
der aristotelischen Schriften in der Gegenwart, sondern be-
klagt, dass sie von jeher in der lateinischen Kirche unbeachtet
geblieben und vernachlässiget worden wären. ^ Einen Haupt-
grund dessen will er darin finden, dass sie in Ermangelung
einer lateinischen Uebersetzung den lateinischen Lehrern fremd
bleiben mussten, während die Schriften Plato's, weil sie über-
setzt vorlagen, in den Händen Aller gewesen wären. Er kann
sich indess doch nicht verhehlen, dass auch die griechischen
Lehrer der altchristlichen Zeit, welchen kein sprachliches Hin-
derniss das Studium des Aristoteles wehrte, denselben mit ent-
scliiedener Ungunst behandelten, während umgekehrt Plato
sichtlich der Gunst derselben sich erfreute. Er erkjärt sich
diese unverkennbare Thatsache daraus, dass die Polemik des
Aristoteles gegen Plato sie im voraus gegen ersteren einnahm
und vom Studium seiner Schriften abhielt; ^ hätten sie diese
^ Wie Baco die Zahl der bis dabin bekannt gewordenen Schriften des
Aristoteles bei weitem nicht genügte, so schien er selbst die Zahl der
kanonischen biblischen Bücher einer Mehrung fähig zuhalten: Vidi duos
libros Machabaeorum in graeco, vldeiicet tertium et quartum, et Scriptura
facit mentionem de libris Samuel et Nathan et Gad Yidentis et aliorum,
quos non habemus. Op. maj., p. 34.
^ Op. maj., p. 14.
3 Qnia intellcxerunt, quod Aristoteles persecutus est sententias Platonicas,
Aristctelem in mnltis reprobant et dicunt rationem haereses congregasse,
508 Werner.
gekannt; so hätten sie auch ersehen müssen^ um wie viel Ari-
stoteles den Plato überrage^ ^ und würden nicht um des Wenigen
willen^ was aus Plato zu gewinnen war, den unermesslichen
Ueichthum der geistigen Schätze, welche die aristotelischen
Schriften in sich bergen, bei Seite haben liegen lassen. Baco
hält die pseudoaugustinische Schrift de Categoriis für eine Arbeit
Augustins und fragt, wie Augustinus, der schon dieser kleinen
Schrift des Aristoteles so hohes Lob zollte, über denselben
hätte urtheilen müssen, wenn er seine Leistungen in dem Um-
fange, wie die gegenwärtige Zeit sie überschaut, kennen ge-
lernt hätte! Indess beschränkten sich die altchristlichen Lehrer
mit einer gewissen Absichtlichkeit auf die das Denken und die
Sprache bildenden Seiten des philosophischen Studiums,^ und
Hessen die eigentliche Realphilosophie bei Seite liegen, oder
mahnten direct von der Pflege derselben ab, wie Ambrosius^
und HieronymuB ^ an gewissen Stellen ihrer Schriftcommentare.
sicut Augastinas dicit in libro de civit&te Dei (VIII, 12) ipsum adhae
magistro sao Piatone vivente multos in haeresln snam cong^egasse. Op.
maj., p. 14.
^ Omnium philosophantium testimonio Plato nullam comparationem respectu
Aristotelis noscitur habuisse. 1. c.
3 Sancti grammaticalia, logica et rhetorica et communia metaphysicae
multum effernnt et abundanter in sacris ntuntur .... sed de aliis paroin
et raro loqunntur, imo multum negligunt et negligi docent aliqnando. 1. c
3 Baco verweist auf einen der fKlschlich dem Ambrosios zugeBcbriebenen
Commentare über die Paulinischen Briefe, und hat hier die Glosse des
Pseudo-Ambrosius zu Eol. 1, 3 im Auge: Omnem incredulum latet, in
Christo esse omnem sapientiam et scientiam, quia non legunt in Evan-
geliis astrologiam, non in Apostolo geometriam, non in Prophetis arithme
ticam nee musicam ; quae idcirco despecta sunt a nostris, quia ad salatem
non pertinent, sed magis mittunt in errorem et avocant a Deo, ut dorn
bis Student ratiocinationum disputationibus, animae suae curam non agant.
Quae enim tam vera sapientia, quam cognovisse quod prosit, et despexisse
quod obsit?
^ In dem von Baco citirten Commentar des Hieronymus zum Pauliniscben
Briefe an Titus finden sich ein paar Stellen, die sich hieher beziehen
lassen. Baco, welcher Divination und Magie hoch hielt, konnte sich durch
die Bemerkungen des Hieronymus zu Tit. 1, 12 über Epimenides und den
ihm zugeschriebenen Liber oraculorum nicht wohl angemuthet fühlen, Die
Glosse des Hieronymus zu Tit. 3, 9 betrifft den Aristoteles als Dia-
lektiker: Dialcctici, quorum princeps Aristoteles est, solent argomen-
tationum rctia tcndcre, et vagam rhetoricae libertatem in syllogismoruni
Die Psychologie, ErkenntDiss- nnd WisseoschaftiileUre des Roger Baco. 509
Der Grund der Abneigung war der Widerstand, welchen das
Heidenthum eben mit seiner natürlichen Vernunft- und Welt-
weisheit dem neuerstandonen Christenthum allenthalben ent-
gegenstellte. So kam es, dass die Kirche von der Welt- und
Katurkunde einzig nur für unumgänglich nothwendige praktisch-
kirchliche Zwecke Gebrauch machte; die Regelung des Kirchen-
k&lenders machte die Pflege astronomischer Studien nothwendig,
zur Begelung und Ausbildung des Kirchengesanges bedurfte
man der Musikkunde.
Obschon Baco unverhohlen zu verstehen gibt, dass die alt-
christlichen Lehrer die Philosophie nur von ihrer mindest wesent-
lichen Seite gekannt hätten und in ihren eigentlichen Geistgehalt
gar nicht eingedrungen wären, so will er doch nicht, dass man
ihn des Mangels schuldiger Verehrung gegen sie', oder un-
gebührlicher Unterschätzung ihrer preiswürdigen Leistungen
zeihe. 1 Er gibt ihnen vielmehr das Zeugniss, dass sie von
dem, was sie aus der Philosophie sich aneigneten, den treff-
lichsten Gebrauch machten, und dass sie, wenn sie heute lebten,
die seither erschlossene Kenntniss der aristotelischen Philosophie
ganz anders zu fördern und zu verwerthen bestrebt sein würden,
als das gegenwärtige Geschlecht. Es war providentielle gött-
liche Fügung, dass sie die Scientias majores der Philosophie
nicht kannten; denn die Ueberzeugung von der heiligen Wahr-
heit des Christenthums sollte sich nicht durch die Mittel mensch-
licher Einsicht und Wissenschaft, sondern durch die Macht
des Glaubens begründen. Die vom ungläubigen Heidenthum
im Bunde mit der Philosophie gegen das Christenthum auf-
gebotene Macht magischer Künste sollte durch göttliche Wunder-
spiueta concludere. Hi ergo, qui in eo totas dies et noctes terunt, at vel
interrogent vel respondeant, vel dent propositionem,. vel accipiant, assu-
mant, confirmcnt atque concludant, qaosdam contentiosos vocant, qui ut
Übet non ratione sed stomacho disputent litigantinm. Si igitur illi hoc
faciunt, quid debet faeere christianus, nisi omnium fugere conteotionem?
* Si sancti habuissent usnm scientiarum philosophiae magnarum, nunquam
cinerea pbilosopliicos in tantum extulissent et ad sacros usus convertissent ;
quanto enim sancti meliores sunt et majores, tanto ad sacros usus aptiores.
Sed quia ad manus eorum non devenerunt libri nisi grammatici, logici,
rhetorici et de communibus philosophiae, ideo bis se juverunt secundum
gratiam eis datam; et quicquid poterant de his laudabiliter extrahere
converterunt copiosius ad luudcm Dei. Op. maj., p. 15.
510 Wtrner.
thaten bewältiget; die der göttlichen Wahrheit widerstrebende
natürliche menschliche Weisheit durch die Zeugnisse und Offen-
barungen der göttlichen Weisheit überwunden werden. Sie
widerstrebt aber nicht ihrer Natur nach Gott, gleichwie auch
die natürliche Magie nicht ihrer Natur nach etwas Gottwidriges
ist; Philosophie und Magie sind vielmehr ihrer Natur und Be-
stimmung gemäss höchsten, heiligsten Zwecken dienstbar, und
hatten demnach nach Ueberwindung des gottwidrigen Heiden-
thums zum Heile der menschlichen Gesellschaft und zur För-
derung der göttlichen Ehre in ihre angestammten Rechte ein-
zutreten. Die Einsetzung der Philosophie in ihre natürlichen
Rechte wurde indess durch die Saumseligkeit in der lieber-
tragung ihrer Quellenschriften nur allzusehr verzögert. Die
späteren Lehrer, ein Gratianus, ein Petrus Lombardus, ein
Hugo und Richard a Sancto Victore hatten eben so wenig als
die altchristlichen Lehrer von jenen QueUenschriften Kenntniss,
und vernachlässigten daher die Realphilosophie, legten sogar
die vorurtheilsvollste Eingenommenheit gegen dieselbe an den
Tag. Mit Recht hat man sich darüber zu wundern, dass das
Widerstreben gegen sie auch jetzt noch fortdauert, wo von
einem Nichtwissen um das Vorhandensein ihrer classischen Ur-
kunden und Quellenschriften nicht mehr die Rede sein kann.
An diesem Umstände tragen zum nicht geringsten Theile
unstreitig die schlechten Uebersetzungen Schuld, die in der
ungebührlichen Vernachlässigung solider grammatischer Studien
oder sonstiger Unzulänglichkeit der Uebersetzer ihren Grund
haben. * Zwar haben Gerard von Cremona, Michael Scotus,
Alfred der Engländer, Hermann der Deutsche, Wilhelm der
Vlamländer^ eine Masse Uebersetzungen von Werken aus allen
1 Op. tert., c. 25; Comp. stud. phiL^ c. 8.
3 Gulielmufl Flemingus. Dieser Benennang wird Op. tert., c. 25 die Be-
zeichnung substituirt: Translator Meinfredi nuper a domino rege Carolo
devicti. Beidemale ist der Dominicaner Wilhelm von Moerbeka gemeint,
der sich lange im Orient aufhielt und a. 1280 Erzbischof von Korinth
wurde. Er gilt gemeinhin als der Verfasser der auf den Wunsch des
Thomas Aq. angefertigten Uebersetzungen des Aristoteles aus dem grie-
chischen Texte, übertrug aber auch sonst Vieles, Schriften des Galenns and
Hippokrates, den Commentar des Simplicius über die Bücher de Coelo,
und mehrere Werke des ProkluS| deren Urtext seitdem verloren gingi
ins Lateinische.
Die Psychologie, Erkenntniss- and Wissenschaftslehre des Roger Baco. 511
Wissenscliaften geliefert; den Wertli derselben glaubt jedoch
Baco nicht tief genug stellen zu können. Schon der Umstand^
dass die genannten Männer mehr oder weniger der Gegenwart
angehören, ist für Baco ein Grund, über sie den Stab zu
brechen. Er hält diese Zeitangehörigkeit auch bezüglich Ger-
bards.von Cremona fest, welcher laut Angabe des italienischen
Chronisten Pipini a. 1187 starb, nach Baco jedoch noch von
einigen seiner Zeitgenossen in deren Jugend gekannt worden
sein soll. Dem Gerhard war der noch lebende Hermannus
Alemannus befreundet, welcher Baco gestanden haben soll, dass
er gewisse Bücher über die Logik aus dem Arabischen zu
übersetzen nicht wagte, weil er sich auf Logik nicht verstehe. *
Hermannus habe aber, fügt Baco bei, auch das Arabische nicht
verstanden, und sei seinem eigenen Bekenntniss zufolge mehr
Gehilfe beim Uebersetzungsgeschäfte, als wirklicher Uebersetzer
gewesen. An den Uebersetzungen, deren Verdienst Michael
Scotus sich zuschrieb, gebühre, wie allbekannt, der Hauptantheil
dem Juden Andreas. Wilhelm der Vlamländer will Ueber-
setzungen aus dem Griechischen liefern; alle Pariser Gelehrten
wissen, dass ihm jene Eenntniss des Griechischen, welche er
sich selber beilegt, abgeht, daher er Alles falsch übersetzt und
die Ursache unzähliger Missverständnisse wird. Allerdings hat
er versprochen, seine Uebersetzungsarbeiten zu verbessern und
neue zu veranstalten; Baco will sich aber durch Besichtigung
der verbesserten und neuen Arbeiten überzeugt haben, dass
Wilhelm sein Versprechen schlecht gehalten habe, und dasselbe
zn erfüllen überhaupt nicht im Stande sei. Es fehle ihm an
zureichenden Sprach- und Sachkenntnissen. ^ Dieser Vorwurf
gilt allgemein der gesammten zeitgenössischen lateinischen
Gelehrtenwelt. Das lateinische Abendland hat nur einen einzigen
sprachkundigen Uebersetzer aufzuweisen, den Boethius; und
' Comp. stnd. phil., c. 8. Uebcr die etwas anders lautende Version dieser
Erzählung im Opns majns p. 44 siehe Oben S. 506, Anm. 2. — Hermann
der Deutsche ist eine noch nicht hinlänglich aufgeklärte Persönlichkeit.
In der eben angezeigten Stelle des Comp. stud. phil. wird er znm Bischöfe
gemacht: Hereroannus Alemannus adhuc vivit episcopns.
' Dieses Urtheil ist relativ noch immerhin milder, als jenes über Wilhelms
Vorgänger, von deren jedem es bei Baco einfach heisst: Nee scivit
scientias, neqne linguas.
512 Werner.
nur einen einzigen wahrhaft tüchtigen sachkundigen Gelehrten,
den Robert von Lincoln. ^
Baco macht zur Erhärtung des Urtheiles^ welches er auch
noch über die letzten Uebersetzungsarbeiten des Vlamländers
Wilhelm aussprechen zu müssen glaubte, den Umstand geltend,
dasB es für die Lateiner ungemein schwierig sei, von Arabern,
Juden und Griechen als Feinden der Christen oder des latei-
nischen Kirchenthums correcte und unverfälschte Texte zu er-
hahen; und wer zudem auch wegen Mangel an sprachlichen
Kenntnissen von ihnen abhängig sei, sei überdiess noch der
Gefahr ausgesetzt, in der Interpretation correcter Texte durch
falsche Erklärungen getäuscht zu werden. Hier fallt Baco
sichtlich wieder in den Ton der Uebertreibung. Man sieht
nicht ein, welches Interesse die Griechen haben konnten,
Wilhelm durch gefälschte Texte oder unrichtige Interpreta-
tionen des Aristoteles zu täuschen; auch lässt sich an dem
einen oder anderem von Baco angeführten Beispiele von Text-
corruption oder ungeschickter Uebersetzung zeigen, dass er
eine Textcorruption irrig voraussetzt, oder dem Uebersetzer
unbilligen Tadel widerfahren lässt. ^ Richtig ist, dass, so
lange nur arabische Texte benützt werden konnten, die lateini-
> Bolus Boethiiis prinius interpres novit plenarie potestatem lingnarum. Et
Bolus dominus Robertus novit scientias. Op. maj., p. 34. — Aehnlich Comp,
stud. phil., c. 8.
2 Baco glaubt (Op. tert., c. 8), die Aeusserung des Aristoteles in Meteor,
lib. III (p. 372. a, lin. 26), dass eine Iris in den Mondstrahlen nur etwa
zweimal in fünfzig Jahren erscheinen möge, aus einer Entstellung durch
Textcorruption erklären zu müssen ; und doch steht diese Aeusserung auch
in dem heutigen, durch genaueste Prüfung der Textüberlieferung fest«
gestellten Texte. In der aristotelischen Schrift de Plantis lib. II (p. 821. a,
lin. 32 ff.) ist vom ßsX^viov die Rede. Die in Spanien aus einem arabischen
Texte angefertigte Uebersetzung setzte für das angeführte griechisclie
Wort das Wort belenum (spanisch: beleiio). Baco (1. c.) bemerkt dazu:
Belenus est hispanicum, et nullus Parisius aut in Anglia potest per
illam translationem scire, quid est belenum; cum tarnen diligenter quae-
sivi, inveni, quod est jusquiamus (französ. jusquiame = hyoscyamos) seu
semeu cassilaginis. In Op. maj., p. 34, woselbst er dieselbe Bemängeinng
beibringt, fügt er weiter noch bei: Quae sicut multa alia prius ab Hispanis
scholaribus derlsus, cum non Intel ligebam, quod legebam, ipsis vocabula
linguae maternae scientibus, tandem didici ab eisdem.
Die Psychologie, ErVenntnias- und Wiiisenschaftslelire des Boger Baco. 513
sehen Uebersetzungen derselben viele Wortcorruptionen, Corrup-
tionen der Personennamen und völlig unverständliche Be-
zeichnungen sachlicher Objecte aufwiesen. Die Schwierigkeiten
der Arbeit und die Gefahren des Irrens in derselben waren
eben für diejenigen, welche sie zuerst in Angriff nahmen,
zu gross, als dass das zweifelsohne mit vielem Aufwand von
Mühe und Anstrengung unternommene Werk sofort hätte
gelingen können. Den auf stoffliche Mehrung der Erfahrungs-
kenntniss gerichteten Sinn des Baco mussten allerdings die
in jenen Uebersetzungen enthalteneu Verstösse und Irrungen
auf das Unangenehmste und Peinlichste berühren; daneben
war aber nicht zu übersehen, dass das Verstau dniss der
philosophischen Gedanken des Aristoteles, sofern sich dieses
durch eigenes Nachdenken ermitteln liess, von der Beschaffenheit
jener Uebersetzungen nicht abhängig war, und zudem nicht
die Ermittelung der richtigen Meinung des Aristoteles, sondern
die Anregung des selbsteigencn Denkens durch seine Schriften,
und insgemein die Erweiterung des geistigen Gesichtskreises
durch die in seinen Werken dargebotene Encyklopädie des
menschlichen Gesammtwissens die Hauptsache war. Uebrigens
wurde auch im Laufe des dreizehnten Jahrhunderts für die
Sammlung und Mehrung des stofflichen Wissens sachlich so viel
geleistet, dass es einigermassen befremdet, Baco von der im Laufe
eben dieses Jahrhunderts eingerissenen Verschlechterung der
literarischen Zustände des lateinischen Abendlandes reden zu
hören. Die Herabdrückung Alberts d. Gr. auf Kosten Roberts von
Lincoln und anderer demselben näherstehender Männer beruht
auf einseitiger Voreingenommenheit, die man nur dadurch ent-
schuldigen kann, dass Baco etwas suchte und anstrebte, was
weit über sein Zeitalter hinausgreifend von ihm selber nur unklar
und dunkel, nicht so sehr gedacht als vielmehr geahnt wurde. Es
muss ausdrücklich gesagt werden, dass Baco im Irrthum war,
wenn er glaubte, dass das ihm vorschwebende Ideal tiefer Natur-
weisheit durch eine möglichst erschöpfende Ausbeutung der
£rkenntnissquellen der alten Weisheit des Orients verwirklicht
werden könne. Wir begreifen übrigens, dass ihn bei einer
derartigen Richtung seines Denkens die zeitgenössische Gegen-
wart unbefriediget lassen musste, und der in schwunghafte
Aufnahme gekommene logistische Peripatetismus ihm als eine
514 Werner.
bedauerliche Ablenkung von den Wegen und Zielen wahrer und
ächter Weisheit erschien.
Baco besteht darauf; dass Philologie und Sprachenkunde
der Schlüssel zur Eröffnung der Erkenntnissquellen der wahren
Weisheit sei. Die unentbehrliche Unterlage philologischer Ge-
lehrsamkeit und aller gründlichen wissenschaftlichen Bildung
insgemein ist eine solide Kenntniss der lateinischen Grammatik/
welche indess, wie aus Donat und Priscian zu ersehen, ohne
Kenntniss des Griechischen gar nicht denkbar ist.^ Baco hat
keine klare Vorstellung über das genealogische Verhältniss der
Linguae sapientiales zu einander, in welchen die gesammte
Culturtradition der Menschheit hinterlegt ist; er ist aber jeden-
falls der Meinung; dass der tiefere Einblick in den Zusammen-
hang der Linguae sapientiales zur Aufdeckung von Erkennt-
nissen und Wahrheiten führen müsse, welche dem auf die blosse
Kenntniss der lateinischen Sprache Beschränkten abgehen. Er
entwirft kein schmeichelhaftes Bild von den zu seiner Zeit
geltenden Auctoritäten auf dem Gebiete der lateinischen Gram-
matik: PapiaS; Hugutio, Alexander Neckam, Brito; er wirft
ihnen vor, und weist an einer Reihe von Beispielen nach, dass
sie in der etymologischen Ableitung und Erklärung verschie-
dener häufigst vorkommender Wörter, über deren Abkunft jeder
wissenschaftlich Gebildete sollte Rechenschaft geben können,
die crassesten Irrthümer sich zu Schulden kommen lassen, dass
sie urlateinische Wörter aus dem Griechischen oder gar He-
bräischen herleiten, umgekehrt aber an anderen Wörtern die
griechische Abkunft oder Herübernahme aus dem Hebräischen
nicht erkennen. Allerdings ist auch Baco selber über das Ver-
hältniss des Lateinischen zum Griechischen nicht im Klaren,
1 Nam illa est mater omnium »cientiarum, cujus potestaa descendit in omnes
scientias. Comp. stud. phil., c. 8.
* Baco versuchte sich in Abfassung einer griechischen Grammatik, von
welcher ein Bruchstück sich in Brewers Edition des Compend. stud. phil.
(cap. 9—11 und Fragment des cap. 12) mitgetheilt findet. Nach Charte«
(Roger Bacon p. 358) hefasste das Opus tertium als ersten Theil einen
Tratactus de grammatica, welchem als besonderer Abschnitt eine grie-
chische Grammatik angeliört^-; ein Bruchstück derselben fand Charles
an drei Orten, in Douai, London und Oxford auf. Vgl. die Notizen über
diese drei Codices bei Charles p. 66, 68, 76, sowie die Angaben über den
Inhalt derselben, p. 358—361).
Die PfycHologie, Erkenntniis- und Wisienscbaftslelire des Roger Baeo. 51 0
da er von der für beide Sprachen vorauszusetzenden Ursprache
noch keine Ahnung hat; er missbilliget dalier z. B. nicht die
Ableitung des lateinischen Dens vom griechischen Oec^, sondern
nur die verfehlte Erklärung der ursprünglichen Bedeutung des
griechischen Wortes^ ^ welcher er die bessere durch Johannes
Damascenus^ überlieferte zur Seite stellt.
Der Mangel an gründlicher philologischer Bildung übt,
wie Baco des Weitern nachzuweisen sich bemüht^ auch eine
nachtheilige Rückwirkung auf das Verständniss der Bibel. Ab-
gesehen davou; dass die lateinische Bibelübersetzung manche
hebräische Worte enthält, deren einige selbst in die liturgischen
Formeln der Kirche übergegangen sind, und natürlich nur von
den des Hebräischen Kundigen nach ihrer etymologischen Be-
deutung verstanden werden können, abgesehen forner davon,
dass, wo der Text der lateinischen Uebersetzung an Corrup-
tionen leidet, auf den Urtext zurückgegangen werden muss, um
die richtige £mendation corrupter Stellen zu ermitteln^ kommen
in der lateinischen Bibelübersetzung Benennungen sachlicher
Objecto vor, deren richtiger Sinn nur ermittelt werden kann,
wenn man Sinn und Bedeutung des entsprechenden hebräischen
Ausdruckes kennt. So verhält es sich insbesondere mit den
biblischen Pflanzen- und Thiernamen. Es werden z. B. unter den
unreinen Thieren aufgezählt: Chirogryllus, Nycticorax, Pelli-
canus, Porphyrie, Onocrotalus. Bei dem Worte Chirogryllus^
bemängelt Baco, dass dem des Griechischen unkundigen Vulgus
theologorum sowohl die richtige Schreibung des Wortes, als
auch der damit zu verbindende RealbegriflF unbekannt sei. Das
dem Griechischen entlehnte Wort bestehe aus fünf Sylben und
beginne nicht mit c (man schrieb cirogryllus), sondern mit ch;
bei den Griechen bedeute aber dieses Wort das Kaninchen,
^ Brito errat in prhicipali expositione vocabuli Theos, cum dicat illud
significare metum ; et sie dicit Ilugutio et Papias, et quod doleo, Isidorus
libro septimo (Etym. VII, 1). 1. c.
^ JoaDn. Damasc. De S. Trin. I, 5.
' XoipoYpuXXio;, die ans LXX in die Vulgata herübergenoramene Ueber-
setzung des hebräischen {Cl^ in 3 Mos. 11, 5; 5 Mos. 30, 2G. In Psalm
103, 18 übersetzt die Vulgata dasselbe Wort durch Erinaceus, in Sprichw.
30, 26 durch Lepus. Heute wird das hebräische \t't gemeinhin auf den
Hjrax Syriacus, Klippdachs, bezogen.
Sitzangsber. d. phil.-hint. Ci. XCIII. Bd. III. Hft. 3i
516 Werner.
und auch die Hebräer haben es in den biblischen Stellen^
welche von den unreinen Thieren handeln, so verstanden. Da
das entsprechende hebräische Wort mehrdeutig ist, so konnten
in die Glossas interlineares der Bibel andere Thiemamen ein-
dringen, welche jedoch ungehörig sind;^ in Sprichw. 30, 26
aber hat bereits der älteste lateinische Uebersetzer geirrt, wenn
er statt Cuniculus das Wort Erinaceus setzte. Eher Hesse sich
an der genannten Stelle die gleichfalls unpassende Uebersetzung
der LXX, welche dem Hieronymus zufolge einen den Hasen
bezeichnenden Ausdruck setzte, entschuldigen.^ In Bezug anf
die Deutung der vier übrigen Thiemamen muss, da die übrigen
Baco zu Gebote stehenden Auetori täten und exegetischen Mittel
nicht vollkommen ausreichen, Plinius den entscheidenden Aus-
schlag geben, und Baco's Deutung gegen jene des vielgetadelten
Brito erhärten. Dem Nycticorax der LXX hat im Lateini-
schen Bubo zu entsprechen,* nicht Noctua, wie Brito will; der
biblische Text nenne ausdrücklich die Noctua neben dem Nycti-
corax, und Plinius^ kenne nur zwei Nachtvögel: Bubo und
Noctua, daher Nycticorax mit Bubo indentisch sein müsse. In
Bezug auf den Pelicanus wird Brito von Baco beschuldiget,
denselben unter fälschlicher Berufung auf die LXX mit dem
Porphyrie zu identificiren, während die LXX ausdrücklich beide
Vögel neben einander nennen ; ^ richtig sei nur die Identification
beider in den Interlinearglossen. Wohl aber müsse der Peli-
canus als identisch mit dem Onocrotalus genommen werden,
weil die Vulgata dort, wo im Griechischen der Porphyrie und
1 Als solche ungehörige BezeichniiDgeii macht Baco namhaft: Erinaceas
und die Glosse: Animal spinosnm majus erluaceo. Dieses Thier wire,
bemerkt Baco, eigentlich das Stachelschwein (6triz, soll heissen Hjstrix)«
Er gibt von demselben folgende Beschreibung: Animal mediocris qoanti-
tatis, habens spinas longas aliquantulum, et cum irascitur, emittit e&s et
sagittat hominem infestantem. Comp. stud. phil., c. 8.
2 Secundnm Plintum (H. N. VIII, 81) nomen leporis est commune et habet
diversa g«nera, quorum cuniculus unua est I. c.
> In der That weist der revidirte Vulgatatext 3 Mos. 11, 17 Babo auf.
Das entsprechende hebrfiische D^S ist von den neueren Ezegeten nnd
Lexikographen auf mehrfache Art übersetzt worden.
* Plin. Eist. Nat X, 16.
5 ö Mos. 14, 17.
Die Psyohologie, Brkenntniss- und Wiuensebafislehre des Boger Baco. 517
Pelicanus zusammen genannt werden, ^ letzterem den Ono-
crotalas snbstituirt. Damit steht in Uebereinstimmung, dass
Plinius,^ welchen gewiss niemand der Un Vollständigkeit in der
Aufzählung der Thierspecies zeihen wird wollen; den Pelicanus
unerwähnt lässt, wohl aber den Porphyrie und Onocrotalus
nennt und beschreibt^
Wenn Baco die Nothwendigkeit einer sprachgelehrten
Bildung als des unerlässlichen Vehikels einer richtigen und
sachgetreuen Deutung der überlieferten kirchlichen und welt-
lichen Weisheitslehre und Wissenschaft urgirte, so nicht minder
die Nothwendigkeit der Mathematik, die ihm das zweite Haupt->
instrument aller wissenschaftlichen Erkenntniss ist. Er be-
gründet diese Bedeutung der Mathematik durch eine Reihe
von Argumenten, welche darauf ausgehen zu erweisen, dass
die Mathematik in allen anderen wissenschaftlichen Erkennt-^
nissen enthalten ist, und zu denselben als denknothwendiges
Prius sich verhält. Die philosophischen Realdisciplinen beleuchten
und erläutern ihre Sätze durch mathematische Exemplificationen,
weil die mathematische Wahrheit evidenter ist, als z. B. die
physikalische; so vermag Aristoteles den Begriff der Augmen-
tation als solcher nur durch ein mathematisches Beispiel zu er-
läutern, weil in der natürlichen Wirklichkeit die Augmentation
niemals rein d. h. ohne Beimischung von Alteration erscheint. ^
Die Erkenntniss der mathematischen Wahrheiten ist der Seele
gleichsam angeboren; dem Sokrates antwortete ein Knabe,
welchem er durch seine Fragekunst mathematische Sätze ent-
lockte, so als ob er die Mathematik schon einmal erlernt hätte. ^
1 5 Mos. 14, 17, 18.
2 Plin. Hiflt Nat X, 66.
' Baco sagt hier nichts von den entsprechenden hehräischen Benennungen
DIJ^ und rn^pn (avis pia), unter deren ersterem die heutigen Lexiko-
graphen den ägyptischen Erdgeier (yultur percnoptems), unter letzterer
den Storch verstehen. Der Erdgeier wird von Plinins (Hist Nat. X, 3)
8U den Adlerarten gerechnet; bei Aristoteles (Hist. animal. IX, 32) heisst
er 6pci7:Aapyoc (Bergstorch).
* Baco bezieht sich hiebei auf die Arist Categor. p. 15 a, lin. 29 ff. : "Dort
Tivi auSavo{jLEva , S oöx oXXoiouTai, oTov to TSTpoYwvov y^u>[t.o^o^ TiBpiTEÖ^vro;
rfi^ai {isv, aXXoiOTSpov 8k oO$lv •>(iyivrizai,
^ Diess ist entlehnt ans Cicero Quaest. Tnsc. I, 24, woselbst das oben
Erwähnte ans Plato, Menon p. 82 ff. initgetheilt ist.
34»
518 Werner.
Darum ist die Mathematik in allen ihren einzelnen Theilen:
Geometrie, Arithmetik, Musik, Astronomie die älteste aller
Wissenschaften, deren Ursprung bis auf Noe und Adam zu-
rückreicht. Sie ist die am leichtesten zu erlernende Wissen-
schaft, und bahnt als solche den Weg zur Erlernung der übrigen
schwierigeren Wissenschaften, daher es vom grössten Nachtheile,
und zugleich auch eine grosse Unehre wäre, sie zu vernach-
lässigen, da ungebildete Laien in ihr nicht unerfahren sindJ
Wir sollen von demjenigen, was ein Nobis notum ist, zur £r-
kenntniss der Nota naturae gelangen;^ die Mathematik ist, wie
Averroes sagt, das einzige Gebiet, innerhalb dessen die Nobi^
nota und Nota naturae in Eins zusammenfallen, somit bildet
sie das erste und grundhafte Band unserer Gedanken mit der
Wirklichkeit ausser uns, und ist die Grundlage unserer Er-
kenn tniss von derselben. Die Mathematik ist die gewisseste
aller Wissenschaften, weil sie ex causis propriis et necessariis
beweist, und die Wahrheit ihrer Erkenntnisse auf sinnlich an-
schauliche Art durch Zählen und Messen erproben kann. In
der Physik fallt die der Mathematik eigene Gewissheit ex
causis necessariis hinweg wegen der Wandclbarkeit der im be-
ständigen Werden und Vergehen begriflfenen Dinge. Die Meta-
physik kann überhaupt nicht ex causis, sondern nur ex effec-
tibus beweisen; denn das Geistige wird nur aus seinen sinnlichen
Wirkungen, der Schöpfer nur aus seinem Werke erkannt Die
Moral kann, wie Aristoteles lehrt, nicht ex causis propriis be-
weisen; und Logik und Grammatik lassen wegen mangelhafter
Realität ihres Erkenntnissobjectes ^ keine eigentlichen Demon-
strationen zu. Eine zweifellose Gewissheit können also alle
anderen Wissenschaften ausserhalb der Mathematik nur insoweit
erlangen, als sie auf Mathematik sich zurückführen oder mit
> Laici enim et omnino illiterati figiirare et compntare scinnt, et cantare,
et haec sunt opera mathematicae. I. c.
^ Nota natnrae sant male et imperfecte nobis cognita, qnia intellectus noster
se habet ad ea, qnae sunt nianifesta naturae, sicut oculus vespertilionis
ad Incem solis nt vnlt Aristoteles 2 Metaph., sicut sunt mazime Dens et
angeli et vita futura et coelestia et aliae creaturae nobiliores aliis, qai*
qnanto sunt nobiliores, tanto sunt nobis minus notae. Et haec vocantrzr
nota naturae et simpliciter. Ergo per oppositnra, nbi eadem sunt not*
nobis et natnrae, multum proficimus circa nota naturae. 1. c. .
' Propter dcbilitatem materiae, de qua sunt iUae scientiae. 1. c.
Die Fsjchologie, Erkenntntss- und Wissentcbaftslelire des Boger Baco. 519
derselben sich in Verbindung setzen lassen. Das Object der
Mathematik ist die Quantität als solche; welche sowohl vom
Sensus communis^ als auch von jedem der besonderen Sinne
appercipirt wird, so dass sie als das Sensibile per eminentiam
angesehen werden kann. Wenn nun alle Wissenschaft vom
Sinnlichen anhebt, so muss die Erkenntniss des Quantum und
der Quantität als solcher die Unterlage der wissenschaftlichen
Erkenntniss darbieten. Die Species der Sinnendinge werden
nach ihrem quantitativen Charakter im menschlichen Intellecte
recipirt, ^ dessen Erkenn tnissact sich selber, wie Aristoteles be-
merkt, nicht ohne eine Quantitas continua vollzieht, indem er,
wie an die Zeit, so auch an die Continuität gebunden ist.^
Die Quanta als solche, und die Körper als Quanta sind das
dem zeitlichen Menschenintellecte specifisch appropriirte Object
der Erkenntniss. Wir haben sonach nur vom Sinnlichen eine
unmittelbare natürliche Erkenntniss ; zur Erkenntniss des Ueber-
sinnlichen, welches allerdings auch Gegenstand der unmittel-
baren Erfahrung werden kann, erheben wir uns durch Schlüsse
vom Sinnlichen auf das Uebersinnliche und Geistige, welches
wir uns nur nach Analogie des Sinnlichen vorstellen können.^
Baco konnte selbstverständlich kein volles Genügen finden
in den Ergebnissen der Functionen des theoretischen Intellectes,
welche nach seiner Auffassung doch wesentlich nur apprehen-
siver Natur sind, während der substanzielle Inhalt der Erkennt-
niss rein von Aussen geschöpft wird. Wir wissen bereits, dass er
alle Erkenntniss hauptsächlich nach ihrem praktischen Werthe
schätzt; das praktische Interesse ist ihm aber zuhöchst kein
anderes als jenes des sittlich gestimmten Willens, der auf die
ewige Vollendung des Menschen in Gott gerichtet ist. Dabei
will er aber den Willen in innigster Einheit mit dem Intellecte
^ Vgl. Anstot. Memor. et Reminisc. I, p. 449 b, lin. 31 ffi: Noetv oOx soxiv
dcvEü ^avxaapiaTo; • au[i.ßa{vei yotp ib autb äöcOo« iv tä voetv oKip xai ev Tt|>
hia.ypd^ii'* .... x«^ b vooSv waauTw?, xSv jirj 7:oabv voi), TfÖExai npo^ o\k\L«na>t
7:oaov, vost B' ouy^ i) Tzo<y6>i,
2 Oüx ivB^/^eiai voeTv ouSkv «veu tou auvE^ou?, o05' dtveu xp^vou x« jjlIv ev XP^^H*
ovTo. 1. c. p. 450 a, lin. 8.
' Per viam argnmentationis et admirationis corporalium et quantonun
mvestigamos rerum incorporalinm notitiam, sicut dielt Aristoteles in
2 Metaph. Op. maj., p. 47.
520 Werner.
gefasst wissen, und erklärt sich im Geiste des psychischen Sen-
sismus, der eine Abscheidung der Seelenkräfte vom Wesen der
Seele verwirft, für ein innigstes Ineinandersein aller Kräfte der
cognoscitiven Seele, der Imagination, des Intellectes und Willens.^
Demnach ist der Zweck aller Erkenntniss wesentlich ein ope-
rativer Zweck, und zielt auf die Bethätigung des dem Menschen
von Gott verliehenen Machtvermögens ab. Das höchste Macht-
vermögen des Menschen ruht in seinem Worte, ^ welches aas
der Tiefe der Seele geschöpft und mit weihevoller Intention
gesprochen, Wirkungen zu setzen vermag, welche den Wir-
kungen der Seele auf den ihr eignenden Leib analog sind, und
das menschliche Wort dem göttlichen Schöpferworte verähn-
lichen. ^ Wie in der Seele, liegt auch in dem aus der Tiefe
der Seele geschöpften Worte eine magische Kraft, die dem
Weisen zu Gebote steht. Der Weise ist wesentlich ein Magus,
ein Könnender;^ im engeren Sinne schliesst der Begriff des
Magus jenen des Naturkundigen in sich. Wir ersehen hier
nun, wie sich die beiden von Baco empfohlenen und urgirten
Hauptinstrumente der menschlichen Erkenntniss und Wissen-
schaft: Sprachkunde und Mathematik aus seinem Weisheits-
ideale erklären, welches in die graue Vorzeit des Orients, nach
Chaldäa und Babylon zurückweist, und ihn als eine Art Neu-
1 Una est sabstantia, habens dWersaa operationes et divena nominal
qnoniam primo cognoscit et eadem appetit cognita, sicat Aristoteles vrilt^
quod intellectas specnlativns per extensionem fit practicas; qnis qnod
theologi vocant rationem et volantatem vel intellectom et affeetain,
philosophns vocat iDtellectum specolativum et practicnm Omnes
operationes qoicunqne vel quantamcanque divisae finnt ab eadem potenÜA
agente, dnmmodo bae operationes sint ad invicem ordinatae, nt Incere
et calefacere. ... In vannm potentia animae cognosceret veritatenii nisi
posset eam amare. Commnn. Natur. I, Pars 4, fol. 85.
2 Opas animae rationalis praecipuom est Yerbom, et in quo maxime delec-
tatur. Et ideo cum verba proferuntnr profunda cogitatione et magno
desiderio et recta intentione et cum forti confidentia, habent magnam
Yirtutem. Kam cum haec quatuor contingunt, excitatur substantia animae
rationalis ad faciendam suam speciem et virtutem a se in corpus aanm
et res extra et in opera sua et maxime in verba, qnae ab intrinaecns
formantur, et ideo plus de virtute recipiunt. Op. tert., c 26.
3 Verba babent maximam potestatem; et omnia miracula facta a prindpio
mundi fere facta sunt per verba. 1. c
* Per verba potest sapiens sapienter operari, et magicus magice. 1. c
Die Piyebologie, ErkenntniBt- und Wictenschaftilehre des Roger Baeo. 521
pythagoräer neben den mit Plato und Aristoteles sich ausein-
andersetzenden peripatetiscben Scholastikern erscheinen lässt.
In dem Weisheitsideale Baco's spricht sich o£fenbar auch ein
UDgenügen an den durch seine Zeit ihm dargebotenen Bildungs-
elementen aus; ein unruhiger Drang erfüllt sein ganzes Wesen^
er ist voll Klagen über die degenerirten Zustände der Gegenwart,
ohne dass ihm, der doch selbst ganz innerhalb seiner Zeit stand,
der tiefste innere Grund seiner Unzufriedenheit hätte klar werden
können. Wir fühlen im Lichte der neuzeitlichen Weltbildung
den Bann von uns hinweggenommen, dessen Druck auf Baco's
unklarem Sehnen lastete. Wir haben als den wunderthätigen
MaguB den Zauberstab der Poesie kennen gelernt^ welche als
nationale Dichtung an die Stelle der in den mittelalterlichen
Schulen als versificatorische Sprachkunst betriebenen latei-
nischen Poesie trat, und der antiken Ueberlieferung den leben-
digen Springborn der in heimisches Denken und Empfinden
getauchten, in den Lauten der ureigenen heimischen Sprache
sich austönenden poetischen Erfindung substituirte. Aus den
wechselreichen Phasen der nachscholastischen neueuropäischen
Philosophie hat sich der speculative Gedanke als das die
gegebene Wirklichkeit in deren innerem verborgenem Wesen
ergreifende und geistig beherrschende Weisheitswort der Seele
herausgesetzt, welches in der Erfassung der im Bereiche
des gegebenen Wirklichen sich offenbarenden göttlichen Ideen
dieselben schöpferisch reproducirt, und das menschliche Denken
den weltschöpferischen göttlichen Gedanken conformirt. Was
Baco von der Macht des mit der Imagination geeinigten
rationalen Gedankens sagte, ^ war eine ins physiologische
Gebiet abirrende Ahnung von der Macht des geistigen Ver-
nunftgedankens, in dessen Macht sich der Mensch als gei-
stiger Beherrscher der Welt, in die er gesetzt ist, bekundet.
Baco kannte das vernunftbegabte menschliche Seelen wesen
nicht als die lebendige Macht der tiefsten geistigen Innerung,
1 Secnndom qiiod Ayicenna docet octavo de animsUbus, natura obedit
cogitationibus animae; ut docet in exemplo de gallina, cui ex gloria
Yictoriae galli crevit cornn ex cmre. Ex hoc igitur cognovimos, qaod
natura obedit cogitationibns animae sensitiyae, nt ait; aed ionge mag^ '
obedit cogitationibas animae intellectivae, qnae est dignior creatoramm
praeter angeips. 1. c
522 Werner.
und wusste die ideal durchgeistete Phantasie nicht von der
sinnlichen Einbildungskraft zu unterscheiden, weil er zu
seinem eigenen Schaden sich von Flato völlig lostrennend
wesentlich Empirist war. Daher kam es, dass er der Magie
des phantasievollen Geistdenkens die magische Praxis einer
mystischen Naturweisheit substituirte, und in dem wahrhaft
Naturkundigon eine Art Zauberkünstler sah, der mit den durch
seine Einsicht ihm dienstbar gewordenen geheimnissvollen Natur-
kräften operirt.
Das specifische Object des menschlichen Erkennens ist
nach Baco das körperliche Quantum als solches, dessen Dimen-
sionen und Gestaltungen specifisch durch den Gesichtssinn
appercipirt werden. Demzufolge bildet die Theorie des sinn-
lichen Sehens die Unterlage seiner Erkenntnisstheorie, und diess
um so mehr, da er das geistige Sehen und dessen verschie-
dene Arten ganz nach Analogie des sinnlichen Sehens erläutert.
Er nennt die zur Unterlage seiner Erkenntnisslehre gewählte
Theorie des sinnlichen Sehens die Scientia perspectiva, als deren
classische Gewährsmänner ihm Claudius Ptolomäus, der Spanier
Alhazen, 1 in Bezug auf die anatomisch -physiologische Be-
schreibung des Auges auch der Mönch Constantinus und end-
lich Avicenna gelten. Der Mittler der Apperceptionen des
Gesichtsinnes ist der Sehnerv, der aus beiden Abtheilungen
des Vordergehirns, der rechten und der linken, von der die-
selben bedeckenden Pia mater in zwei Strängen ausgeht, und
zwar so, dass der von der rechten Höhlung des Vordergehims
herkommende Nerv ins linke Auge, der von der linken Höhlung
kommende Nerv ins rechte Auge gelangt. Baco lässt die beiden
Nerven sich im sogenannten Sehnervenloche des Schädelbeines
kreuzen, weil die auf Thierkörper beschränkte Anatomie seiner
Zeit den wahren, noch innerhalb der Hirnschale gelegenen Ort
der Kreuzung nicht kannte.*-^ Den Grund der Leitung des
' Alhazen (c. a. 1100), Verfasser einer Optik in «ieben Bfichem und einer
Schrift über die Strahlenbrechung, in welcher er das nach ihm benannte
Problem: ,Auf welche Stelle bei krummen Linien der Strahl von einem
Gegenstande fallen müsse, um zu dem an einem bestimmten Orte locirten
Auge reflectirt zu werden* zu losen versuchte.
2 Baco weiss überhaupt nicht um die Unterschiede zwischen dem Menschen-
auge und jenem gewisser Säugethiere, an deren ausgeschnittenen Augen
Die Pbychologie, Erkenotniss- and Wissenscbaftslehre des Roger Baco. 523
rechten Nervs ins linke Auge^ des linken Nervs ins rechte
Auge findet Baco darin, dass die Linie des Sehens eine gerade
sein muss; desshalb dürfen die an ihrem Kreuzungspunkte zu-
sammentreffenden Nerven nicht von der ursprünglichen Richtung
abbeugen. * Der Sehnerv besteht aus drei übereinander ge-
legten concaven Hüllen, deren innerste von der Mater pia, die
mittlere von der Mater dura ausgeht, während die dritte äussere
Umhüllung von der Cutis cranii herrührt. Aus diesen drei
Hüllen bilden sich die drei Hüllen des Auges, deren man auch
sechs zählen kann, wenn der rückseitige und der nach der
Vorderseite sich erstreckende Theil derselben Hülle von ein-
ander unterschieden werden. Von der äusseren Hülle des Auges
verbindet sich der rückseitige Theil mit dem Augenbein, und
heisst wegen seiner Härte die Sclerotica; der andere Theil, die
Conjunctiva oder Consolidativa (Bindehaut) dehnt sich nach
vorne bis zur Cornea oder der durchsichtigen Vorderseite der
mittleren Hülle aus. Die Cornea ist der zweite vordere Theil
der mittleren Hülle, deren . rückseitiger Theil, Seeundina ge-
nannt, aus Venen, Nerven und Arterien zusammengesetzt ist
(Aderhaut, Choroidea). Mit Venen, Arterien und feinen Nerven
ist auch der rückseitige Theil der inneren Hülle versehen, der
sich wie ein Hohlnetz ausbreitet (Retina), während der andere
dichtere Theil sich sphärisch bis zur Vorderseite des Auges
ausbreitet, aber in der Mitte der Vorderseite das Sehloch offen
lässt. Er erlangt damit die Gestalt einer von ihrem Stengel
abgerissenen Traubenbeere, woher sie auch den Namen Uvea
hat. Von der Vorderseite der Uvea geht ein kleines zartes
Netz einem Spinnengewebe ähnlich aus, in welches der Krystall-
körper gefasst ist (corpus glaciale, crystallinum vel grandino-
Bum). Dieser besteht aus zwei Theilen; der innere rückseitige
Theil, mit dem Nervenende sich berührend, gleicht geschmol-
er Beine Stadien über die Beschaffenheit des Auges machte. Vgl. Op.
maj., p. 202: Completa ostensio esset in corpore figfurato ad modam
oculi .... Ezemplnm ad hoc potest esse ocnlus bovis et aliomm ani-
malionii si quis vnlt experiri.
^ Si ille nerrus, qni venit a dextera parte anterioris cerebri, iret ad dexterum
ocnlum, jam fieret aogalus in nervo communi, nbi concurrunti et fieret
nervus cnrvas et non recte extensns ad ocalnm.* Sed hoc impediret visum,
qnia Visus semper eligit lineas rectas, quantnm potest. Op. maj., p. 197.
524 Werner.
zenem Glase, und heisst desshalb Humor vitreus. Der vordere
Theil, dem Eise, Krystalle oder Hagelkorne an Farbe gleichend,
heisst Anterior glacialis; ohne besonderen Eigennamen. Ausser-
halb der Spinnwebhaut erfüllt eine dem Albumen ovi ähnliche
Flüssigkeit die vordere Concavhöhlung der Uvea, und berührt
nach der einen Seite die Anterior glacialis, nach der anderen
Seite in convexer Rundung die durchsichtige Cornea; diese
Flüssigkeit heisst Humor albugineus. Das Auge hat sonach,
wie drei Hüllen, so auch drei Humores, und die Bilder der
Aussendinge werden durch diese drei Medien zur Endigung
des Sehnervs, durch diesen aber dem Gehirne zugeleitet. Der
Humor albugineus und Anterior glacialis sind heute als Ein
Körper erkannt^ welcher die Glasfeuchtigkeit heisst;^ die von
Baco's Gewährsmännern vorgenommene Dreitheilung der Hu-
mores ist wohl aus den Bestreben einer harmonisirenden Gleich-
ordnung der Dreizahl der Humores und der Hüllen des Auges
zu erklären. 2 Der Humor crystallinus heisst Pupille^ in welcher
die Virtus visiva zwar nicht grundhaft, aber doch initialiter
enthalten ist; das Organum radicale ist der Nervus communis,
d. h. der schon erwähnte Knotenpunkt der beiden vom Vorder-
gehirne ausgehenden Sehnerven.
Das Auge ist gemäss seiner Bestimmung, das Weltbild
in sich aufzunehmen, ^ ein sphärisch geformter Körper, dessen
Gestaltung auch die Hüllen und Humores des Auges sich con-
formiren. Der Humor vitreus und der Glacialis anterior sind
1 Der zwUcben die Iris nnd die Cornea g^efasste Humor aqneuB wird in
der yon Baco g^egebenen Beschreibnng des Aages Dicht als besonderer
Hnmor erwähnt, sondern als der die Cornea berührende Theil des Humor
albugineus genommen. Vgl. die mit der Beschreibung Baco's grossten-
theils zusammenstimmende Abbildung des Auges nach Alhasen in den
historischen Tafeln zur Anatomie des Auges Ton Dr. Hugo Magnus
(Rostock, 1877), Tafel IV.
3 Der Humor vitreus wird nach Avicenna durch das Blut ernährt, der
Humor crjstallinus durch den Humor vitreus, der Humor albugineus ist
ein Ueberschuss des Humor crystallinus. Op. maj., p. 199.
3 Cum oculus videt magna corpora ut fere quartam coeli nno aspectn,
manifestum est, quod non potest esse planae figurae, nee alicujas nisi
sphaericae, quoniam super sphaeram parvam possunt cadere perpendi-
culares infinitae, quae a magno corpore veniunt et tendunt in centmm
sphaerae, et sie magnum corpus potest ab oculo parvo videri. Op. maj..
p. 206.
Die Psychologie, Erkenntniss- und Witsenschaftslehre des Boger Baco. 525
blosse Sphärensegmente, und zwar Segmente zweier von ein-
ander verschiedener Sphären, wie sie auch zwei von einander
verschiedene Körper sind. Die Convexität des Vitreus ist gegen
den Qlacialis anterior gekehrt, daher das Centrum seiner Sphäre
gegen die Vorderseite des Auges fällt, während das Centrum
der Sphäre des Anterior glacialis nach rückwärts in den Mittel-
punkt des Augenkörpers flällt, welcher auch der Mittelpunkt
der Cornea und des Humor albugineus ist. Das Centrum der
Uvea fällt zwischen jenes des Humor vitreus und des Auges.
Alle diese Centra liegen jedoch in derselben geraden Linie,
welche von der Oeffnung der Uvea bis zu dem Punkte reicht,
wo das Auge des Sehnervs sich in die Retina entfaltet; der
Endpunkt des hohlen Sehnervs wird von Alhazen als das dem
Sehloche entsprechende rückseitige Foramen bezeichnet, durch
welches der in's Auge eingedrungene Strahl bis zum Gehirne
geleitet werden soll. Der Anterior glacialis muss wie die Cornea
und der Humor albugineus den Mittelpunkt des Auges zu seinem
eigenen Mittelpunkte haben, weil er so zu sagen das Auge im
Augenkörper ist^ und die Cornea und der Humor albugineus zu-
folge ihrer Diaphaneität die ihm unmittelbar dienenden Mittler
der Licht- und Farbenapperception sind. In das Centrum des
Auges kann aber nur der perpendiculär eindringende Licht-
und Farbenstrahl gelangen, d. h. derjenige Strahl, welcher die
Axe des Kegels constituirt, der durch die von den Endpunkten
des Anschauungsobjectes ausgehenden und convergirend ins
Auge einfallenden Strahlen, d, h. durch den kubischen Sehwinkel,
gebildet wird. Alle übrigen vom Objecte ausgehenden Strahlen
fallen schief ein, und müssten sich im Centrum des Auges
kreuzen, so dass der von der linken und von der unteren Seite
des Gegenstandes ausgehende Strahl im Auge nach rechts und
nach oben die Richtung nähme, und umgekehrt der von der
oberen und von der rechten Seite des Objectes kommende Strahl
die Richtung nach links und nach unten, wenn nicht alle diese
seitlich kommenden Strahlen im Humor vitreus derart gebrochen
würden, so dass sie von ihrer ursprünglichen Richtung abgelenkt
mit dem perpendiculären Hauptstrahle erst im Nervus communis
zusammentreffen. ^ Daraus erklärt sich nunmehr auch, wesshalb
^ Op. maj., p. 215.
526 Werner.
der Humor vitreus dichter sein, und die sphärische Krümmung
desselben eine andere als jene des Glacialis anterior sein muBs^
weil er nur unter diesen Bedingungen den bis zum Anterior
glacialis vorgedrungenen schief einfallenden Strahl brechen,'
und zwar so brechen kann, 2 dass derselbe an dem bezeichneten •
Punkte mit der Axe des vorerwähnten Kegels zusammentrifft
Baco hält die durch den Eintritt des Strahles in den Humor
vitreus veranlasste Brechung des Strahles für die einzige,
welche der zum Auge gelangte Strahl erleidet, und fügt weiter
noch bei; dass er keine andere als diese einzige erleiden könne,
weil der hohle Sehnerv ganz vom Humor vitreus erfüllt sei,
also das dem Auge zugemittelte Bild des Dinges in dem-
selben Medium bis dorthin bewegt werde, wo es Gegenstand
der Apperception für die Seele wird. ^
Das Auge verhält sich im Sehacte zugleich activ und
passiv;* passiv in der Reception der Farben- und Lichtein-
drücke, activ in der Ausstrahlung seiner Sehkraft, wodurch
die ans Auge herandringenden Licht- und Farbenbilder zur
Reception in dasselbe zubereitet werden sollen. Denn das Auge
ist ein edlerer JBLörper als die sinnlichen Objecte, deren Species
es in sich aufnehmen soll; von der Seele durchwirkt hat ee
^ Humor vitreufl est spissior anteriori glacialis, qaoniam oportet, qnod
species, quae non est perpendicularis, frangattir in eo inter perpeodi-
cularem dncendam a loco fractionis et inter incessum rectum. Op. maj.,
p. 205.
3 Est portio minoris sphaerae, quatenus centnim sphaerae ejus sit diversum
a centro anterioris glacialis, quoniam hoc necesse est propter fractionem
praenotatam. 1. c.
3 Et in hoc est miranda potestas virtutis animae — fügt Baco bei — qnod
facit speciem sequi tortuositatem nervi, ut secundum lineam fluat tortno-
sam, non secundum* rectam, sicut facit in corporibus animatis. Dum enim
est in medio inanimato, semper vadit secundum vias rectas; sed propter
necessitatem et nobilitatem operum animae species in medio animato tenet
incessum medii, et derelinquit leges communes multiplicationum natnralium,
gaudens privilegio animae speciali. Op. c, p. 215.
^ Aristoteles, qui voluit certificare de singulis secundum possibilitatem so!
temporis, reprobavit utramque opinionem de visu, seil. Stoicorum, qni
posuerunt enm esse tantum passivum, et Platonicorum, qui volaenmt
esse tantum vel principaliter activum et erronee. Sed unam seil. Stoicorom
libro de animalibus destruit, aliam Platonicorum libro de anima. Op.
maj., p. 216.
Die Psyebologio, Erkenntaiss- and Wiuenschafttilehre des Roger Baco. 527
gewisser Massen auch etwas von der Natur der Seele an sich,
es ist nicht ein roher, sondern ein seelenhaft durchgeisteter
Körper. Licht und Farbe sind zwar nothwendige Bedingungen
der Sichtbarkeit der zu sehenden Körper, stehen aber zum
eigentlichen Ziele des Sehactes, welches in der Äpperception
der Formumrisse und der Gestaltung des quantitativen Objectes
besteht, in einem rein werkzeuglichen Verhältnisse. Daher hat
denn auch der Humor glacialis, obschon der Farbe und des
Lichtes nicht entbehrend, von beiden nicht mehr eigen, als dem
Gesichtssinne zur Äpperception der durch das Licht sichtbar
gemachten Körper nothwendig ist, ^ und würde im entgegen-
gesetzten Falle von Licht und Farbe überwältiget gar nichts
appercipiren. ^ Er muss vielmehr durch die von ihm ausgestrahlte
Sehkraft die an das Auge von allen Punkten des gesehenen
Objectes herandringenden Licht- und Farbestrahlen so weit
durchgeisten, dass sie eine Äpperception der Formen des durch
sie dem Auge nahegebrachten Objectes zulassen. Wie von jedem
Punkte des beleuchteten Objectes Farbenstrahlen ausgehen, unter
welchen diejenigen, die in der Richtung zum Auge hin sich
bewegen, von diesem recipirt werden, so gehen umgekehrt von
der Oberfläche des Humor glacialis unzählige Sehstrahlen aus,
80 dass dem in das Auge von Aussen eindringenden Strahlen-
kegel ein vom Auge ausgestrahlter Strahlenkegel begegnet.
^ Mediam et senenfl non debent habere naturas sensibilium, qnorum species
debent suscipere, nt judicent de sensibilibus per eas; nnde hamor gla-
cialis non habet nataram aliquam lucis yel coloris sab illo gradn, quem
babent res visibiles extra. Nam licet oculus habet Incenif hoc est respectu
coloris yidendi, non respecta lucis, quia patiens non habet actu, sed in
potentia, quo assimilatnr agenti; nee habet glacialis anterior aliquem
gradnm coloris, quo assimiletur vere coloratis extra, de quibus habet
judicare, licet habeat oculns in suis hnmoribus et tunicis quoddam esse
coloris debile, per quod colores phantastici aliquando appareant
sed bene habet figuram et quantitatem et corporettatem et alia sensibilia
communia, qnae ei competunt, et ideo nee est natum recipere species
homm, nee ipsa sunt activa. Op. c, p. 228. 229.
^ Quamvis Aristoteles dicat in secundo de anima, quod ultima perfectio
omnis sensus est, quod ejus instrumentum est medium sensibilium, tarnen
ille gradus medietatis non invenitur in rebus sensibllibus, quia si inveni-
retur et fieret ejus species in sensum, non judicaret sensus de illa medie-
täte; et ideo visus non potest species rerum recipere, ut judicet per eas
de rebus, quarum naturae similes sunt in visu. Op. c, p. 229.
528 Werner.
welcher jene zubereitende Vergeistigung der ins Äuge ein-
dringenden Licht- und Farbestrahlen bewirkte Baco nennt diese
vom Auge ausgehende Strahlung die Species visuS; und lässt
von jedem Punkte der Oberfläche des Humor glacialis unzählige
Strahlen ausgehen; jedoch so, dass derjenige Strahlenkegel,
dessen Axe in der Hauptlinie des AugeS; d. h. der Centra der
sphärischen Krümmungen des Augenkörpers und seiner Haupt-
bestandtheile liegt; die Hauptstrahlung ist, mittelst deren die
Action des Sehens eigentlich zu Stande kommt. ^
Das Sehen ist ein judicativer Act, welcher aber Art- und
Gradunterschiede seiner Vollkommenheit zulässt. Das Sehen
ist entweder ein Erkennen solo sensu, oder ein Erkennen per
scientiam, oder endlich ein Erkennen per sollogismum. ' Bei
der Cognitio solo sensu handelt es sich lediglich um ein rich-
tiges Sehen und Erkennen des Dass oder des thatsächlichen
Vorhandenseins oder Statthabens von irgend etwas ; die C(^itio
per scientiam lehrt uns das Was eines Dinges oder das Sein
desselben im Unterschiede von anderen Dingen erkennen; die
Cognitio per syllogismum endlich ist die allseitig vermittelte
Erkenntniss des Dinges. Alle diese Arten des Erkennens können
beim physischen Sehacte statthaben, weil physisches und geistiges
Sehen beim Menschen aufs innigste ineinander verschlungen
sind; und das eine aus der Idee des anderen sich verdeutlichet^
und umgekehrt. Bezüglich des physischen Sehens ist der Unter-
schied jener drei Arten der Erkenntniss von der Art und Form
^ Species remm mnndi non sunt notae statim de se agiere ad plentm
actionem in visü propter ejus ignobüitatem. Unde oportet qnod jaTeotor
et excitentnr per speciem ocali, quae incedat in loco pjramidis TisiuIiSi
et alteret medium ac nobilitet, et reddat ipsum proportionale visni, et sie
praeparat incessnm speciei ipains rei yisibilia, et insaper eam nobflitat,
nt omnino sit conformis et proportionalis nobilitati corporis animati, qnod
est oculus. Op. maj., p. 217.
' Quamvis species ocali jaceat in forma pyramidis, cnjos conof est in
oculo, et basis stat super omnes partes rei risae, tarnen a saperficie
glacialis fiant pjramides infinitae, qusram omninm ana basis est, et
earum coni cadunt in siog^la puncta rei visae, nt sie Tideantar omnes
partes visibilis in ea fortitndine, qna fieri potest. Et tanien nna pjrsmif
est principalis, seil, illa, cujus axis est linea transiens per centnim omninm
partium oculi» quae est axis totins oculi; nam illa certificat omnia. l c.
' Op. mAJ., p. 329 ff.
Die Psyabologie, Erkeantniss- and Wistenscliaftfllelire des Boger Baco. 529
der mit dem Sehacte verbundenen judicativen Thätigkeit ab-
hängig, welche entweder eine blosse Thätigkeit des Sinnes, ^
oder ein Act der den Sinneseindruck verdeutlichenden und er-
klärenden Denkthätigkeit ist. Eine Cognitio per scientiam und
per syllogismum kann nach Baco auch dem Thiere nicht ab-
gesprochen werden, und ist demselben zufolge der Yirtus cogi-
tativa eigen, von welcher wir oben vernahmen, dass sie der
Anima sensitiva als solcher zukomme. Allerdings bemerkt Baco
ausdrücklich, dass nur jene Cognitio per scientiam et syllo-
gismum, welche beim judicativen Acte des Sehens statthabe,
dem Thiere zugeschrieben werden könne, nicht aber diejenige,
welche in den Functionen des logischen und mathematischen
Denkens oder des physikalischen Erkennens sich bethätige,^
80 dass also das rationale Erkennen als solches doch immer
ausschliesslich dem Menschen allein vorbehalten bleibt. Wenn
aber dieses durch Urtheil und Schluss vermittelt wird, so sucht
Baco zu erhärten, dass auch bei den Thieren eine den Thätig-
keiten des menschlichen Urtheilens und Schliessens auffallend
ähnliche Thätigkeit hervortrete, welche von jener des Menschen
sich dadurch unterscheide, dass sie nicht aus freier Deliberation,
sondern aus der natürlichen Strebethätigkeit des Thieres her-
vorgehe. ^ Der Unterschied zwischen Mensch und Thier be-
steht also wesentlich nur darin, dass der Mensch die geistige
^ Der Sinn orientirt sich an den perpendicnl&r einfallenden Licht- usd
Farbenstrahlen: Nam ocnlus ant non judicat ant male per solas lineas
non perpendiculares propter debilitatem speciei yenientis per illas, qnamyis
tarnen illae concorentes cum particnlaribns abtindantins operentur ad Cogni-
tionen! Yisibilis. Op. maj.y p. 209.
* Op. maj., p. 262.
' In Bezng auf das dem Thiere eigene Analogon des menschlichen Ratioci-
nations- und Schlussyermögens bemerkt Baco: Videmns simias offensas
parare insidias hominibns, et mnlta ordinäre ad hoc, ut seqnantnr yin-
dictam, et ideo collignnt nnnm, quod intendnnt, ex ronltis. Videmns etiam
araneas ordinäre telam, et non quocnnque modo, sed per yarias textaras
geometricas, nt muscae inyolyantnr de facili. Et lapus deyorat terram nt
Sit ponderosior, quando capit equum yel taurum yel ceryum per nares,
nt yi ponderis terrestris facilius deprimat animal atque detineat. Atqae
yidi rnnrilegum, qui desiderayit pisces natantes in magno yase lapideo,
et cum non potnit propter aqnam deprehendere eoB, abstraxit clepsjdram
et dednxit aqnam, don^c yas siccabatnr, nt sie in sicco pisces caperet;
plnra ergo opera hie concepit, ut finem intentum haberet. Op. c, p. 253,'
530 Werner.
Realität sieht, welche das mit einer blossen Sinnenseele begabte
Thier nicht zu appercipiren vermag. Aber wie appercipirt der
Mensch die geistige Realität? Wir hörten schon oben, dass
Baco die Unterschiede zwischen Visio recta, fracta und reflexa
des Sinnenauges auch auf das geistige Erkennen überträgt,
und dem Menschen im Unterschiede von Gott und den Engeln
bloss eine Visio reflexa der geistigen Dinge zuerkennt. Die
durch die Visio reflexa vermittelte Intellectiverkenntniss ist aber
keine andere als die durch die sinnliche Erfahrung vermittelte
Erkenntniss, * rücksichtlich deren nur zu fragen wäre, welche
Bedeutung den aus der sinnlichen Erfahrung geschöpften All-
gemeinbegriffen beizulegen sei. Denn Baco spricht auch den
Thieren die Apperception von AUgemeinbegriffen nicht ab^'
welchen also nur, wie wir ergänzend beizufügen haben, das
Bewusstsein um das Innehaben solcher Allgemeinbegriffe ab-
gehen würde. Hierauf indess reflectirte Baco nicht, und so
konnte er nur bei der vorerwähnten Frage stehen bleiben,
auf die er uns schon die Antwort andeutet, wenn er bemerkt,
dass auch beim geistigen Sehen das durch die sinnliche Em-
pirie ermittelte Resultat des Sehens ein sehr geringes sei, und
menschlicher Unterricht und göttliche Erleuchtung nachhelfen
müsse, um die auf dem Wege der Erfahrung angebahnte In-
tellectiverkenntniss zu dem für den Zeitmenschen erreichbaren
Vollkommenheitsgrade zu erheben.'^ Gehen die Modi des gei-
stigen Sehens jenen des physischen Sehens parallel, so muss
^ Sicat speculnm cooperatur ad visionem propter sttam aptitudinem, et dat
speciei occasionem multiplicandi se in oculum, ut fiat viaio, sie corpus
animatuiD anima sensitiva ex sua proprietate et idoneitate adjuvat animain
intellectivam in sna cog^itione, et dat ei cognitionem a parte ista, quam
intellectus ex sensu corporali deprehendet, et ideo coguitio hominis,
quantacunqne sit perfecta, est debilior angelica ex hac cansa, et merito
potest dici specularis propter dictam similitudinem. Op. c, p. 268.
^ Bestiae multae .... cognoscunt nnum nniversale ab alio, ut homineni
a cane yel ligno, et individua ejusdem speciei distinguunt. Op. c, p. 252.
3 Cum triplex est visio, seil, solo sensu, scientia et syllogismo, necesse e9t
homint, ut triplicem habeat visionem. Nam solo sensu pauca cognoscimiis
et parum .... Similiter accidit in visione spirituali; nam qnod homo
seit solo sensa, modicum est, quoniam indiget duplici cognitione praeter
istam, seil, per doctores a juventute usque* ad Senium .... et tertia
cognitione indigemus, quae est per divinam illuminationem. Op. c, p. 268.
Die Psychologie, Erkenntnisi- und WiesenseliAftslelire des Boger Bseo. 531
der mit dem physischen Sehen verbundenen Cognitio per seien-
tiam die göttliche Erleuchtung^ der in der Cognitio per syllo-
gismum vennittelten Sehapperception der allseitig orientirende
menschliche Unterricht entsprechen. Ist der menschliche Geist-
gedanke des Dinges ein Werk der göttlichen Erleuchtung, so
gehört er nicht der Seele als solcher an; er ist nur ein durch
das Sinnesobject vermittelter Reflex des göttlichen Gedankens
von dem Dinge in unserer Seele^ aber ein Keflex, zu dessen
Erzeugung in uns unmittelbar Gott selber concurrirt^ und uns
so den in ihm präsenten Wahrgedanken des Dinges schauen
macht. Diese Anschauung geht dem Thiere ab; das Thier
appercipirt wohl die Gleichartigkeit der unter eine bestimmte
Species fallenden Sonderobjecte, es fehlt ihm aber das Organ
für die Wahrnehmung dieser Gleichartigkeit als solcher und
unabhängig von der individuirten sinnlichen Erscheinung —
es fehlt ihm mit anderen Worten das geistige Auge^ dessen
Sehstrahlen das im individuellen Sonderdinge ausgedrückte spe-
cifische Wesen aufzugreifen haben, so wie in ihm'auch der Ort
fehlt, in welchem das geistig aufgegriffene Wesen des Sonder-
dinges hinterlegt werden könnte. Dieser Ort ist der Intellectus
possibilis; die aus dem menschlichen Intellecte auf das speci-
fische Wesen des Dinges fallende Geiststrahlung aber ist die
Lichtstrahlung des Intellectus agens oder des göttlichen Logos,
der, wie er das Ding wirkt, so auch den Gedanken desselben
in unserem Geiste hervorbringt.
Von diesem Gesichtspunkte aus haben wir nunmehr die
von Baco gegebene Kritik der conceptualistischen Universalien-
lehre zu verstehen, auf welche die speculative Scholastik sich
stützte. Baco verwirft nicht die metaphysische Wahrheit des
Ällgemeingedankens, * die ja selbst von der thierischen Seele
dunkel appercipirt wird ; aber die wesenhafte Realität desselben
fallt ihm mit jener des göttlichen Denkens zusammen, so dass für
sie ausserhalb dieses kein Ort bleibt. Die Gleichartigkeit eines
^ FaUa est propositio: Quicqnid est in singulari, est singulare. Nam Aristo-
teles in quarto Physicorum distingoit modos octo essendi in, et unus est,
sicQt singulare in universalis et alius sicut universale in singulari; ergo
contradicunt Aristoteli .... Item secundum hoc essent sola individua
sab genere et nuUa species, ergo toUeretur unum de universalibns famosis,
quod esse non potest. Commun. Natur. I, Pars 2, Dist. 2, c. 10.
SiUnngabar. d. phU.-hiit. Cl. XCUl. Bd. III. Uft. 35
532 Werner.
bestimmten Individuums mit einem anderen, zufolge welcher
das letztere als eine modificirte Wiederholung des ersteren er-
scheint, drückt einen bloss beziehungsweisen Charakter des
Dinges aus, welcher im rationalen Denken des Menschen auf-
gefasst wird, und seine letzte Erklärung in der Metaphysik
findet. Diese lehrt nun, dass alles Geschaffene aus Materie
und Form zusammengesetzt, die Materie aber ihrem Begriffe
zufolge als das an sich Unbestimmte nicht absolut in der Be-
stimmtheit einer numerisch singulären Form aufgehen kann,
also durch sich selber eine Mehrheit von Individuationen des-
selben Stoffes involvirt, und diess um so mehr, da in keiner
einzelnen Individuation der individuirte Gedanke absolut dar-
gestellt ist. Desshalb ist in den göttlichen Gedanken des Einzel-
dinges auch schon eine bestimmte Mehrheit seiner Individua-
tionen aufgenommen, aber nicht um dieser Mehrheit willeD,
sondern wegen der durch diese Mehrheit zu erzielenden voll-
kommeneren Darstellung des Gedankens vom Einzeldinge, so-
weit nämlich die demselben im Schöpfungsplane zugewiesene
Action nur durch eine numerische Vervielfältigung desselben
zu erzielen ist. So ist also die individuelle Mehrheit innerhalb
derselben Art keineswegs etwas Unwesentliches und Zufalliges,
immerhin jedoch etwas Secundäres im Verhältniss zu der
Bedeutung des Individuellen an sich, indem die Absicht des
göttlichen Schöpfungsgedankens auf das individuirte Sein als
solches geht, und in der That der Charakter des geschöpflichen
Seins dieser ist, dass es im Unterschiede vom absolut all-
gemeinen göttlichen Sein individuirtes Sein sei. * Wir sehen
also Baco innerhalb der Schranken des mittelalterlichen Peri-
patetismus die Richtung jenes philosophischen Individualismus
einschlagen, welcher sich später nach Abwerfung der peripate-
tischen Schuldoctrin in mannigfaltiger Weise je nach den philo-
sophischen Denkzielen und Denkstandpunkten mathematisch ge-
schulter Denker ausgestaltete, und schon innerhalb des Francis-
canerordens selber im Gegensatze zur Albertisch-Tho mistischen
Doctrin sich regte. Zur vollkommenen Ausgestaltung konnte
dieser Individualismus nur nach Abwerfung des peripatetischen
1 Compositnm habet rationem per se existendi in ordine entiam; non sie
materia et foruia. Commun. Natur. I, Pars 2, dist. 1, c. 1.
Die Payebologie, Erkenntoiss- nad Wisaenscb iftslehre das Roger Bftco. 533
Begriffes der Materie gelangen; Baco und Duns Scotus ermög-
lichen sich die theilweise Annäherung an ihn durch die von
ihnen vorgenommenen Modificationen am peripatetischen Be-
griffe der Materie, obschon Duns Scotus als Conceptualist das
von Baco fast ganz bei Seite gesetzte Moment der abstractiven
Allgemeinheit wieder zu höherer Geltung bringt, wenn er dem-
selben auch nicht mehr jenen speculativen Gehalt wie die
Thomistenschule zuzuerkennen vermag.
Für Baco hat der Allgemeinbegriff nur die Bedeutung
eines abgeblassten schwachen Wiederscheines des im Reflex-
Btrahle dem^ menschlichen Intellecte zugemittelten göttlichen
Gedankens eines bestimmten Dinges J Schon die Zusammen-
setzung des geschaffenen Dinges aus Materie und Form gleicht
einer trübenden Zersetzung des einfachen reinen Lichtes des
göttlichen Gedankens vom Dinge; demzufolge kann dieser durch
das geschaffene Ding dem menschlichen Intellecte nur unvoll-
kommen und in getrübtem Wiederscheine vermittelt werden.
Die dem diessseitigen menschlichen Erkennen erreichbare Klar-
heit und Helle ergibt sich durch distincte Auseinanderhaltung
der constitutiven Elemente des besonderen Dinges und durch Er-
forschung des Zusammenhanges seiner Existenz und Wirkungs-
weise mit jener der übrigen Dinge ausser und neben ihm;
Baco verweist uns hiemit auf die analytische Zergliederung
und pragmatische Erforschung des in der sinnlich-irdischen
Erfahrung gegebenen Erkenntnissstoffes, ohne indess auf die
in der peripatetischen Metaphysik dargebotenen Elemente syn-
thetischer Verknüpfung förmlich verzichten zu wollen, wie sehr
er auch diese seinem Individualismus zu Liebe beschränkt.
Die wahrhafte vollkommene Verknüpfung der verschiedenen
Elemente und Beziehungen der in der sinnlichen Erfahrung
gegebenen Singularitäten liegt in den göttlichen Gedanken der-
selben, und ist Gegenstand dereinstiger geistiger Anschauung
in einer zukünftigen vollendeten Welt und Wirklichkeit, welche
wir gegenwärtig im Glauben festhalten. Baco weist hierin ganz
und vollkommen auf seinen von ihm so hoch verehrten Lehrer
^ Intellectas est debilis; propter eam debilitatem magis conformatur rei
debUi, qnae est universale, quam rei, quae multum habet de esse, nt
singulare. Commun. Natur. I, Pars 2, dist. 2, c. 10.
36*
534 Werner.
Robert QrossetSte zurück, welcher sich die Anschauungen des
christlichen Glaubensbewusstseins von der zukünftigen himm-
lischen Welt im Sinne platonischer Denkweise zurechtlegt^
während er den durch die Sünde vordunkelten Verstand des
Zeitmenschen an die empiristische Erforschung der diessseitigen
Welt und Wirklichkeit verweist, die auf eine für uns unergründ-
bare Weise von der verborgenen Macht des Göttlichen durch-
wirkt ist. Der menschliche Intellect kann sich nach Robert
im irdischen Zeitleben nicht zur Anschauung der schaffenden
göttlichen Ideen erheben, und muss sich mit Erfassung des
Ausdruckes derselben in den geschaffenen Dingen begnügen,
der ihm zum Anhaltspunkte einer rationalen Erkenntniss der-
selben wird; sofern diese im Allgemeinbegriffe sich vermittelt.
Baco geht um einen Schritt weiter, wenn er dem in der logischen
Allgemeinheit gesuchten Haltpunkte der rationalen Erkenntniss
die active Wesensproprietät als Erreger derselben substituirt,
und die Aufgabe der rationalen Erkenntniss in die analytische
Zergliederung und pragmatische Aufhellung der Facta und Data
der menschlichen Erfahrungskenntniss setzt. Baco kann sich
indess trotz aller grundsätzlichen Beschränkung auf das er-
fahrungsmässig Gegebene der Metaphysik nicht entschlagen^
weil in der peripatetischen Anschauungsweise Wesen und Er-
scheinung des Dinges sich von einander nicht abtrennen lassen;
das sinnliche Einzelding muss als Individuation eines unsinn-
lichen Gedankens gefasst werden, der als göttlicher Gedanke
eben so durch seine individuirte geschöpfliche Darstellung auf
den menschlichen Intellect wirkt, wie er unmittelbar in dem-
selben hineinleuchtet. Es begegnen sich hier die sichtbare
Abschattung und das verborgene Leuchten desselben göttlichen
Gedankens in der Camera obscura der zeitlichen Erdenwelt,
in deren Dämmerschein der Mensch wie in eine Region räthsel-
voUen Zaubers sich hineingestellt sieht; die Mysterien dieses
Zaubers aufzudecken ist die in das Licht der gläubigen Er-
kenntniss gerückte Naturkunde berufen, die nach der einen
Seite, sofern sie dem geheimnissvollen Wirken der lebendigen
Kräfte der Natur forschend nachgeht, wahrhaft eine Arcan-
wissenschaft ist, während andererseits eben sie berufen ist,
Licht zu schaffen und nicht bloss die natürlichen Geheimnisse
der sichtbaren Schöpfung aufzuhellen, sondern ihre Lichtreflexe
Dia Psychologie, Erkanntnias- und Wissenscliaftslelire des Roger Baco. 535
auch in die höhere Kegion der übernatürlichen Glaubenswelt
zu werfen. Diese letzteren Aufschlüsse sind nun allerdings
nicht so belangreich, als Baco sie hinstellt;^ sie beschränken
sich in den von Baco gegebenen Proben auf einige analogische
Erläuterungen der höheren übernatürlichen Glaubenswelt und
der allgemeinen kosmischen Ordnung , so weit diese das Ver-
hältniss der sichtbaren natürlichen Wirklichkeit zur unsicht-
baren geistigen Welt^ und alles Gescha£Fenen insgemein zum
göttlichen Sein und Wirken betrifft. Die wesentlichsten^ aus
der mathematisch-physikalischen Optik Baco's geschöpften Er-
läuterungen dieser höheren allgemeinen Verhältnisse sind schon
im Vorausgehenden beigebracht worden; sie beweisen^ dass
Baco dem Piatonismus, welchen er auf erkenntnisstheoretischem
Gebiete abwies, gleich seinem Lehrer Robert auf dem Gebiete
der philosophischen Weltlehre die volle Berechtigung einräumte;
freilich ist es nicht der von Aristoteles bekämpfte Plato, sondern
der Neuplatonismus in der theils von Augustinus, theils von
den Arabern adoptirten Fassung, an welchen er sich anlehnt.
Die ihm mit Robert von Lincoln gemeinsame Anschauung vom
Intellectus agens als Erleuchter der Seelen bringt ihn auch in
ein näheres Verhältniss zu Wilhelm von Auvergne, welchem
er aber freilich wieder nach einer anderen Beziehung zufolge
seiner exclusiven Bevorzugung der Mathematik fast antithetisch
gegenübersteht. 2 Die ihm mit Robert und Wilhelm gemein-
samen Aeusserungen über die Schwäche des menschlichen In-
tellectes, welche der speculativen Logik des Conceptualismus
gelten, zielen bei ihm auf die Empfehlung der Mathematik als
des wahrhaften, eigentlichen Denkinstrumentes ab, und dienen
nebstbei seiner Betonung der Bedeutung der individuellen Sin-
gularität als des eigentlich Seienden. In beiderlei Beziehungen
steht er auch seinem Ordensgenossen Johannes Bonaventura
1 In scriptura nihil tantam miiltiplicatnr sicnt ea, qnae pertinent ad ocnlum
et visionenii ut manifestam est perlegenti ; et ideo nihil magis necessarium
est sensui naturali et spiritnali, sicut scientiae perspectiTae certitudo.
Op. maj., p. 266.
2 Vgl. uns. Abhandlung über Wilhelms ▼. Auvergne Verhältniss zu den
Platonikem des zwölften Jahrhunderts. Sitzungsber. LXXIV. Bd., S. 124 ff.
(Separatabdr. S. 6. ff.)
536 Werner.
nicht allzufeme, ' sofern dieser unter Verwerfung einer Plura-
lität der Ideen in Gott dem göttlichen Denken eine directe
und unmittelbare Beziehung auf das Einzelne als Solches gibt,
und die rhythmisch-musikalischen Verhältnisse des Weltganzen
als eines polysjmphonischen Nachhalles der absoluten Harmonie
des Einen und Einigen göttlichen Seins zum Inhalte des gött-
lichen Weltgedankens macht. Duns Scotus, der seine Abkunft
aus der Oxforder Schule deutlich zu erkennen gibt, weist eben
desshalb, wie wir bereits mehrfach hervorhoben, unverkennbar
auf Baco zurück; significante Kennzeichen der gemeinsamen
Schule sind das Interesse des Duns Scotus an der Grammatik
und seine mathematische Schulung; nur steht bei ihm das
Interesse an der Grammatik im engsten Zusammenhange mit
jenem an der Logik, und das Interesse an der Mathematik
ordnet sich jenem an der Ontologie und Metaphysik unter.
Für ihn ist nicht, wie für Baco, das quantitative Sein oder
die Quantität als solche, sondern das Sein als solches das dem
menschlichen Intellecte adäquate Denkobject; wohl aber tritt
in seinen Eintheilungen des Seienden die Quantität als die
erste aller Äccidenzkategorien und als die Mensur derselben
in den Vordergrund. ^ Daneben hebt nun freilich Duns Scotus
auch den relativen Vorzug der Qualitätskategorie vor der Quan-
titätskategorie hervor, 3 während Baco die Qualitätskategorie
in den beiden Kategorien der Substanzialität und Quantität
aufgehen zu lassen sich gewillt zeigt.
* Vg-l. uns. Abhandlung^ über die Psychologie nnd Erkenntnisslebre des
Joh. Bonaventura. Sitzungsber. LXXXII. Bd., S. 152 ff. (Separatabdr.
8. 48 ff.).
2 Ens dividitur prima sui divisione in ens, quod non est nisi esse purum,
et in ens, cui convenit esse seu quod habet esse .... Sicut autem ens,
cui convenit esse, est unum genus metaphjsicum ad decem praedicamenta,
sie accidens universaliter acceptum est genus roetapbjsicnm ad novezn
praedicamenta accidentium; et hoc genus dividitur sicut alia duo jam
dicta in accidens, quod est alicujus simpliciter absque alio addito, et hoc
est quantitas, et in accidens, quod est alicujus per aliud et sie per ad-
ditum, ut sunt omnia alia accidentia a quantitate, quae non insunt snb-
stantiae nisi per quantitatem. Rer. princip. qu. 19, art. 1.
3 Substantia et est subjectum accidentium, et est perfectius eis, quia causa
efficiens. Quoad primum est in potentia, quoad secnndum actu. Secun-
dum primum quantitas est immediatior, et secundum secundum qoalitas.
Theorem. 7.
Dia Paychologifl, Erkenntniss- nnd Wisienschaftslehre des Boger Baco. 537
Die absolute Bevorzugung der Quantitätskategorie vor
allen übrigen Äccidenzkategorien hängt bei Baco mit seinem
Bestreben zusammen^ die mathematische Schulung als die Fun-
damentalbedingung aller wissenschaftlichen Bildung zu erhärten.
Zu dem Ende sucht er alle übrigen Äccidenzkategorien auf
die Quantitätskategorie zurückzuführen;^ da nun letztere ohne
Mathematik nicht verstanden werden kann, so folgt hieraus, dass
auch alles unter die übrigen Äccidenzkategorien Fallende ohne
Mathematik nicht verstanden werden könne. * Der grössere Theil
der unter die Qualitätskategorie fallenden Aussagen gehört der
Quantitätskategorie an;^ die Kategorien der Zeit und des Ortes
sind Annexe der Quantitätskategorie, nicht minder tragen alle
nennenswerthen Relationsaussagen den Charakter von Quan-
titätsbestimmungen an sich. 3 In unserem natürlichen zeitlichen
Erkennen muss die Quantitätskategorie sogar das Medium für
die geistige Erfassung des der Substanzkategorie angehörigen
Seins darbieten; denn wir erkennen die geistigen Substanzen
nur nach Analogie der körperlichen, letztere aber fallen als
solche unter das Grundmaass der quantitativen Bestimmtheit.^
Hieraus ergeben sich nun eigenthümliche Folgerungen
betreffs der Werthbestimmung der Logik, in deren Bereich
die Kategorienlehre gehört. Die ganze aristotelische Logik ist
auf die Kategorienlehre als deren ontologische Voraussetzung
1 Op. maj., p. 45.
^ Major pars praedicamenti qnalitatis continet passiones et proprietates
quantitatum, quia omnia, qaae sunt in qnarto genere qualitatis, vocantor
qnalitates in quantitatibus, et omnes passiones earum, qaae absolute
debentur eis, sunt qualitates, de quibus magna pars geometriae et arith-
meticae constitnuntur, sicut sunt rectum et cnrvum et cetera quae lineae
debentur, et triangulatio et omnis reliqua figuratio, quae superficiei et
corpori assignantur, et primum incompositnm in numeris, ut docet
Aristoteles 5 Metaph. et ceterae passiones numerorum absolutae. 1. c
' ' Quicquid dignum est consideratione in praedicamento relationis, est pro-
prietas quantitatis, ut sunt proportiones et proportionalitates et medietates
geometricae et arithmeticae et musicae, et species majoris inaequalitatis
et minoris. 1. c.
* Snbstantiae spirituales non cognoscuntur per philosophiam nisi per corpo-
rales, et maxime supercoelesteSf secnndum quod docet Aristoteles 11 Metaph.,
nee inferiora cognoscuntur nisi per superiora, quia coelestia sunt causae
inferiorum, sed coelestia non cognoscuntur nisi per quantitatem, sicut
patet ex astronomia. 1. c.
538 Werner.
gebaut und mit Rücksicht auf die Bestimmungen derselben ent-
wickelt und ausgeführt; wenn nun die Eategorienlehre ohne
Mathematik nicht verstanden werden kann, so ergibt sich hieraus
mit unabweislicher Nothwendigkeit, dass die Logik ohne Mathe-
matik nicht verstanden werden könne und die Beweiskraft
des logischen Verfahrens von der Evidenz und Beweiskraft
des mathematischen Denkverfahrens abhängig seiJ In ein ähn-
liches Verhältniss wie die Logik, wird von Baco auch die
Grammatik zur Mathematik gestellt. Denn die Sprache weist
sowohl in der gebundenen als auch in der ungebundenen Rede,
in Vers und Prosa, in Wort und Ton, Rede und Geberden
lauter musikalische Verhältnisse auf, ^ deren Verständniss mathe-
matische Bildung voraussetzt. Da der Eindruck und die Ueber-
zeugungskraft der menschlichen Rede von den durch die Poetik
und Rhetorik ihr gelieferten Mitteln abhängt, so steht auch die
Logik, welche ihren Jüngern das Geschick überzeugender Rede
zuwenden soll, in einem teleologischen Verhältniss zur Musik-
kunst als Vollenderin der Logik. ^
Obschon Baco Grammatik und Logik zur Philosophie
rechnet, bezeichnet er sie dennoch nur als Partes accidentales
1 Virtas tota logicae pendet ex mathematica. 1. c.
> Orammatica pueris ministrat ea, quae vocis sunt, et proprietates ejas in
proBa et metro et rhythmo .... per viam narrationis, non per caasaa,
nee per rationes. Nam alterius scientiae est dare causas honim, seil,
illios, qaae vocnm naturam plenarie habet considerare, et haec est sola
mnsica, cnjas species et partes maltae sunt Nam ona est prosaica et
altera est metrica, et tertia est rhythmica et qnarta est melica in cantn.
Et praeter haec habet plures. Et prosaica docet cansas omninm elera-
tionam vocnm in prosa secnndum accentunm differentias et secundnm
cola et commata et periodos et hnjusmodi. Et metrica docet omnes
rationes et causas pedum et metrorum. Et rhythmica de omni modulatioDe
et proportione suavi rhythmorum docet, quia omnia ista sunt quaedum
genera cantus, licet non sie ut in cantu usnali. Op. maj., p. 44.
' Finis logicae est compositio argumentomm, quae movent intellectom
practicnm ad fidem et amorem virtutis et felicitatis futnrae. . . . S«d
haec argumenta debent esse in fine pulchritndinis, ut rapiatnr aaimiu
hominis ad salutiferas veritates subito et sine praevisione .... Etideo
tota utilitas logicae nascitur ex comparatione logicalium omnium ad hujn*-
modi argumenta, et ideo, cum dependeant ex musicalibns, neeesse est,
logicam mendicare potestatem musicae. Op. maj., p. 44.
Di« Psjchologi«, ErkenntniM- und WisMnsehaflslehre d«a Soger Baeo. 539
derselben; wesentliche Tfaeile der Philosophie sind nur die
philosophischen Realdisciplinen. Er fasst dieselben unter die
drei Hauptkategorien der Mathematica, Phjsicalia; Moralia.
Die Metaphysik wird von ihm als allgemeine Wissenschaft
gefasst, welche die Principien aller übrigen Wissenschaften in
sich schliessCy aber doch zugleich wieder in ein näheres Ver-
hältniss zu den physikalischen Wissenschaften gesetzt^ sofern
sie speciell die Principien in sich schliesst. ' Das Gebiet der
Metaphysik verengert sich schon dadurch, dass sie bloss theo-
retische Wissenschaft ist, und demzufolge einer bestimmten
Häuptclasse der Wissenschaften , nämlich der theoretischen,
sich eingliedert, während dieser Hauptclasse eine andere, jene
der praktischen Wissenschaften nicht bloss gleichberechtiget
gegenübersteht, sondern zufolge des Vorranges der operativen
Tbätigkeit vor der rein theoretischen sogar übergeordnet ist.
Uebrigens unterscheidet Baco weiter noch zwischen rein prak-
tischen Wissenschaften, und zwischen anderen, welche nach
der einen Seite theoretische, nach der anderen aber praktische
Wissensfacher sind. Solche doppelseitige Fächer sind die vier
mathematischen Disciplinen: Geometrie, Arithmetik, Astronomie
and Musik, welche in ihrer Doppelseitigkeit acht Disciplinen
ergeben. Unter den Naturwissenschaften erscheinen die Al-
chymie und Medizin unter diesem doppelseitigen Charakter.
In höchstem und vornehmstem Sinne praktische Wissenschaften
sind die Moralphilosophie mit Einschluss des Civilrechtes und
die Theologie mit Einschluss des kanonischen Rechtes, welche
beide auf die höchsten, absoluten Zwecke unseres Erdendaseins
sich beziehen.^
^ ExpoBni grosso modo scientias octo naturales, de quarum natura et pro-
prietatibus et aliarnm scientiaram composui tractatum de metaphjsica,
cujus proprium est distinguere omnes scientias, et dare rationem univer-
salem de Omnibus, quia est communis omnibus rebus et seien tiis specia-
libus, et in omnes suam influit potestatem. Commun. Natur. I, Pars 1.
dist. 1, c. 2.
^ Specialiter et autonomatice vocantur practicae, quae considerant opera
Tirtutnm et vitü, poenam et gloriam, cnjusmodi sunt theologia cum jure
canonico et moralis philosophia cum suo jure civili. Omnes aliae dicuntur
speculativae in comparatione istarum, quia opera principalia, quae valent
bominj, sunt ista quae ipsum ordinant in vitam aetemam et retrahunt ab
infemo. Comp. stud. phil., c. 1.
540 Werner.
Den tragenden Unterbau des gesammten Oebäades der
menschlichen Realerkenntniss constituiren die mathematischen
Disciplinen, welche nicht bloss eine unentbehrliche Vorschule
für die physikalischen Wissenschaften und für die Metaphysik
sind, sondern ein Guttheil derselben bereits in sich fassen, und
bestimmend und ergänzend in dieselben hinübergreifen. Baco
arbeitete ein Volumen verae mathematicae in sechs Büchern
aus, ' von welchen vorläufig das erste Buch, die Communia
Mathematicae enthaltend, handschriftlich aufgefunden worden
ist,^ und manche erwünschte Ergänzung zu den in den ge-
druckten Werken Baco's enthaltenen Bemerkungen über die
mathematischen Disciplinen enthält. Der von Baco gewählte
Titel seines Werkes über die Mathematik zeigt eine apologe-
tische Tendenz seiner Arbeit an; sie hat die Bestimmung, die
Würde und Unentbehrlichkeit der Mathematik gegen ihre Ver-
ächter zu erhärten. Denn der Teufel, der Urheber der schwarzen
Kunst, die gleichfalls eine Mathematik, aber schlechtester Art
in sich fasst,^ hat es zu Stande gebracht, dass auch die den
^ Charles (Roger Baco p. 84 f.) sieht es als ein Bestandstuck des au
einer Sammlong mehrerer Werke bestehenden Opus tertinm an. Sowohl
Charles als auch Brewer kennen bloss das erste Buch jenes Volainen
verae mathematicae. Brewer stiess auf dasselbe erst nach VoUendang
seiner Druckausgabe Baconischer Werke, und hält es für ein Bestand-
stück eines von Baco unter dem Titel Compendium Philosophiae geplanten
encyklopädischen Werkes (siehe Brewer p. L sqq.). Er theilt am Schlntse
der Prolegomena seiner Textpublication den Eingang jenes Bestandstückes
mit (p. C) ; Charles gibt Textstücke und Auszüge aus dem ersten Bache
des Volumen verae mathematicae (p. 361 — 368).
3 Die übrigen fünf Bücher behandeln laut den im ersten Buche enthaltenen
Angaben (siehe Charles p. 363) die vier mathematischen Wissenschaften
in der oben schon angegebenen Aufeinanderfolge, und zwar so, da» je
ein Buch eine der vier Disciplinen umfasst, mit Ausnahme der Astronomie,
welcher zwei Bücher, das vierte und fünfte, gewidmet sind.
3 Mathematica est duplex .... Una derivatur a {laOeat, et haec est pars
philosophiae, quae in nullo potest reprehendi. Alia derivatur a [lorrjsei
vel a {iavxt; vel a [lavTEta secundum Hieronjmum. Et haec est secnnd«
species artis magicae, quae sunt hae: p-aviuij, {laOrjjxaTtxiJ, maleficinm,
praestigfium, sortilegium, quarum quaelibet habet species multas. Et haec
sola damnatur a sanctis et philosophis similiter, non alia mathematica.
Nam haec sola in^ponit necessitatem libero arbitrio et docet homineni
fingere mores suos in coelo, et de omnibus nititur certum dare judidiun;
et haec est maledicta. Op. tert., c. 65.
Di« Pijohologie, Erkenntniss- and Wiaseascbaftslehre des Roger fiaeo. 541
höchsten und edelsten Zwecken der Wissenschaft und mensch-
lichen Wohlfahrt hilfreichst dienende ächte Mathematik in ihrem
Werthe verkannt und mit Missachtung bei Seite geschoben wird.
Unter den vier Disciplinen der mathematischen Wissenschaft
ist die Geometrie zwar die mindeste; allein bereits an dieser
lässt sich die hohe Bedeutung der mathematischen Erkenntniss
fiir die Lösung der höchsten und wichtigsten Fragen aller gött-
lichen und menschlichen Wissenschaft, für die Förderung der
Cultur, Wohlfahrt und Wohlordnung der menschlichen Gesell-
schaft schlagendst aufzeigen. Freilich mischt sich in Baco's
Ueberzeugung von dem hohen Werthe der Geometrie als gei-
stigen Bildungsmittels das Bedauern, dass zunächst die theore-
tische Geometrie unter den Lateinern von jeher so sehr vernach-
lässiget worden sei. Aber er hofft von der Zukunft Besseres,
und hat aus selbsteigener Erfahrung die wirksame Hilfe er-
probt, welche ihm das geometrisch geschulte Denken für die
Lösung der schwierigsten kosmologischen und metaphysischen
Fragen leistete. Mit Hilfe der Geometrie wurde ihm klar,
dass die Actionskraft eines wirkenden Dinges aus der Materie
desselben educirt werde , ^ dass sie von einem bestimmten
Punkte aus geradlinig nach allen Richtungen ausstrahle,^ und
ihre intensivste Wirkung in den nicht durch Brechung oder
Reflexion abgeschwächten Strahlen entfalte; ^ mit Hilfe der Geo-
metrie vermochte er die Falschheit der Annahme einer nume-
rischen Einheit der Materie alles Geschaffenen aufzuzeigen.^
Mit Hilfe der Geometrie machte er sich die potenziell ins
Unendliche gehende Theilbarkeit des Körperlichen^ und die
denknoth wendigen Grundgestaltungen desselben^ klar, nicht
minder die Lehren von der Einheit und Begrenztheit der Welt;''
mit Hilfe der Geometrie ergab sich ihm die Unmöglichkeit
eines Vacuum in der Natur ^ und die Nothwendigkeit des
' Probavi certitudinaliter, qaod haec virtus educitar de potentia materiae,
sicut aliae res natnraUter generatae. Op. tert., c. 31.
2 Op. c, c. 32.
» Op. c, c. 36.
* Op. c, c. 38.
* Op. c, c. 39.
* Op. c, c. 40.
" Op. c, c. 41.
* Op. c, c, 43.
542 Werner.
GebundenseinB der Bewegung alles Körperlichen an die Zeit. ^
Auch die Beantwortung rein metaphysischer Fragen^ welche
dem Gebiete der Pneumatologie angehören, wie jene über das
Verhältniss der leiblosen Geister zu Zeit und Raum, fordert ein
mathematisch gebildetes, an der Geometrie orientirtes Denken.
Nur dieses ist weiter befähiget, die in der Bibel dargelegten
Maassverhältnisse der Arche Noä, der Stiftshütte, des Salomo-
nischen, Ezechielischen und nachexili sehen Tempels und ins-
gemein die Symbolik der biblischen Maass- und Zahlenver-
hältnisse nach ihrer wahren Bedeutung zu würdigen.^ Der
Werth und Nutzen der praktischen Geometrie beweist sich
durch ihre Leistungen, deren Mehrung und Steigerung von
der eifrigen Pflege dieses Wissensfaches abhängt Sie zer&Ut
in zwei Theile, deren ersterem Baco alles auf die geordnete
Leitung und den rationellen Betrieb privater und öffentlicher
Gesellschaftsinteressen Bezügliche einordnet, während er dem
zweiten Theile die Anfertigung der verschiedenen mathema-
tischen Instrumente und Geräthschaften zuweist. £r nennt den
ersten Theil die Lehre von der Agricultur, ^ wohin er die Feld-
messkunst, das Planzeichnen aller Art, die Construction von
Modellen, die Anleitung zur Anfertigung kunstreicher Instru-
mente und Maschinen behufs Erzielung ganz aussergewöhnlicher
Wirkungen rechnet. Baco spricht von Fluginstrumenten, von
Vorrichtungen, mittelst welcher Wagen ohne Zugthiere mit
unglaublicher Schnelligkeit fortgetrieben, und Schiffe schneller
als mittelst der Ruder fortbewegt werden können. Um nicht
als Phantast oder Grosssprecher zu erscheinen, beruft er sich
auf thatsächliche mit Erfolg ins Werk gesetzte Versuche solcher
Art.^ Baco sagt uns nicht, ob diese Erfolge ausschliesslich
durch mechanische Constructionen, oder etwa unter nebenher-
gehender Anwendung des Druckes comprimirter Luft oder in
* Op. c, c. 42.
' Nähere Ausftihning dessen im Op. maj,, p. 98 — 102.
3 Geometriae practicae plarima pars pertinet ad scientiam re^ndi famili«
et civitates, quae vocatur Ag^ricultnra Licet Agricultura deoo-
minetur ab una particulari occupatione, extendit se ad ordinandum, qw«
pertinent ad regimen doronum et civitatitm, et in bis mnlta de practicis
Geometriae requirit, Ver. Mathem. I, dist. 3. Siehe Charles p. 366 f.
* Haec facta sunt in diebus nostris, ne aliquis subrideat aut obstnpescat l. c
Di« Psychologie, Erkeantniss- und Wiisensehafkslehro des Boger Baco. 543
Dunst verwandelten Wassers erzielt worden seien; auch lässt
er uns im Ungewissen darüber, ob er nicht etwa bloss embryo-
nische Versuche im Kleinen meine, welche in ihm und seinen
Freunden die freudige Hoffnung erweckten, dass dergleichen
dereinst auch im Grossen gelingen werde. Er spricht femer
von Vorrichtungen, mittelst welcher schwerste Insten durch
eine geringste Kraftanwendung in die Höhe gehoben werden
könnten; diess würde eben nicht überraschen, wenn er nicht
zugleich auch beifügte, dass der Mensch mittelst solcher Vor-
kehrungen sich selbst in die Höhe heben, aus einem Kerker
befreien, aus Höhen beliebig sich herablassen könne. ^ Dass
Baco auch an Kriegsmaschinen denkt, ist selbstverständlich;
er bleibt indess hier nicht bei Werken der mechanischen Kunst
stehen, sondern zieht auch die von der Ars perspectiva ge-
botenen Mittel herbei.^ Durch Sti*ahlenbrechung und Strahlen-
reflexion kann das Bild eines Gegenstandes vervielfältiget
werden; dieses Mittels könne man sich zur Täuschung und
Erschreckung des Feindes bedienen; dasselbe Mittel könne
zur Ausforschung des fremden Kriegslagers, der Bewegungen
und Unternehmungen des Feindes verwendet werden, wie Julius
Cäsar an der gallischen Küste mittelst riesiger Spiegel die
Lage der Städte und die kriegerischen Dispositionen seiner
Feinde auf der britischen Küste beobachtet haben soU.^
^ Cetenun — fOgt er bei — docet artem trahendi omne resistens ad quem-
cnnqae locam volumus in piano, ita quod nnus homo trahit mlUe contra
sensam eoram et consimiliai quae etiam nostris temporibus sunt peracta.
Fast wörtlich dasselbe, wie das im Vorausgehenden aus dem Vol. ver.
Matbem. Ausgehobene findet sich in der von Baco dem Pariser Bischof
Wilhelm yon Auvergne gewidmeten Schrift de secretis operibus artis et
naturae c. 4, woselbst auch von der Möglichkeit, auf dem Wasser zu
gehen und sich ungefährdet auf den Grund des Meeres hinabzulassen, die
Rede ist. Alezander der Grosse habe durch Leute, welche mit den nöthigen
Vorrichtungen hiezu versehen waren, den Meeresgrund erforschen lassen;
auch heute zu Tage werde dergleichen versucht, wie er sicher erfahren
habe. Nur die Flugmaschine habe er nicht gesehen, und kenne auch
niemand, der sie gesehen hätte, wohl aber einen Naturkundigen, der ihre
Construction ausgedacht habe.
^ Op. maj., p. 269; 8ecret. op. nat, c. 5.
3 Baco vergisst natürlich niclit auf die Brennspiegel des Archimedes. Von
Socrates weiss er nach glaubhaften Erzählungen, dass derselbe mittelst
544 W«rn«r.
Wie die Geometrie die unterste, so ist die Astronomie
die oberste der mathematischen Disciplinen. In die Astronomie
als Himmelskunde wird von Baco auch die astronomische Erd-
kunde und die Zeitkunde einbezogen; er unterscheidet ferner
zwischen mathematischer und physikalischer Astronomie^ so
dass die Astronomie ein integrirendes Glied sowohl der mathe-
matischen als auch der physikalischen Wissenschaften bildet
Die mathematische Astronomie zerfällt ihm in die theoretische
und praktische Astronomie ; die physikalische Astronomie fuhrt
er unter dem Titel Astronomia judiciaria ein. Die Aufgabe
der theoretischen Astronomie * ist, die Zahl und Gestalt der
Himmelskreise und Sterne festzustellen, ihre Grössen, Ent-
fernungen von der Erde und Dichtigkeiten zu bestimmen, Auf-
und Niedergang, Bewegungen und Eklipsen der Gestirne genau
anzugeben, die Grösse und Gestaltung der Erde zu bestimmen,
die durch ihr Verhältniss zur Himmelswelt bedingten klima-
tischen Unterschiede der Erdoberfläche, und die durch dasselbe
Verhältniss bedingten irdischen Zeiten auseinander zu setzen.
Der praktischen Astronomie gehört die Anleitung zur Ver-
fertigung der für die Functionen der theoretischen Astronomie
nöthigen Instrumente, die Anfertigung der astronomischen Tafeln
und Verzeichnisse, die Kenntniss der Regeln der astronomischen
Praxis an. Die Astronomia judiciaria^ erforscht die natürlichen
Kräfte der Himmelskreise und Gestirne, und deren Einwirkungen
auf die tellurische Welt; soweit sie zu einer praktischen Ver-
werthung der Kenntniss dieser Einflüsse anleitet, heisst sie
Astronomia operativa, die in ihrer Weise eben so hochbedeut-
sam ist, als die praktische Geometrie in ihrer Anleitung zu
sinnreichen und Staunen erregenden Erfindungen. Baco hebt
zuvörderst die Würde und Hoheit der astronomischen Wissen-
schaft im Allgemeinen hervor, und sucht sodann die Noth-
wendigkeit und hohe Wichtigkeit ihrer einzelnen Abtheilungen
zu erweisen. Er fordert die Werthschätzung der Astronomie
im Namen der christlichen Religiosität, welche die menschlichen
optischer Vorkehmngen eiDen in Klüften yerborgenen DracheOi deMen
Pesthaiich Thiere und Menschen tödtete, entdeckt habe.
» Op. tert, c. 30.
2 Commun. Natur. I, Pars 1, dist. 1, c. 2.
Die PsTChologie, ErkenntaiM- und Wiisenscliaftolehre des Boger Baco. 545
Gedanken himmelwärts zu erheben gebietet, * und die himmli-
schen Regionen als die wahre Heimat der Seele ansehen lehrt.
Er fordert sie ferner im Interesse der philosophischen und der
christlichen ErkenntnisS; da die irdischen Dinge aus dem himm-
lischen verstanden werden müssen;^ und die Qrösse Gottes
erst in der Erkenntniss des Sternhimmels sich unseren Ge-
danken vollkommen erschliesst. Mit Recht sage Avicenna;
dass dasjenige, was unter der Mondsphäre sich befindet, im
Vergleiche mit dem, was oberhalb derselben ist, wie zu einem
Nichts zusammenschwinde. Die Erde ist das Centrum, der
Himmel die Peripherie ; die vom Centrum nach der Peripherie
gezogenen Linien gehen um so weiter auseinander, je weiter
die Peripherie vom Centrum entfernt ist; daraus mag auf die
Weite des unermesslich hohen Himmels, dessen Umkreis von
einem Fixsterne trotz dessen unglaublicher Schnelligkeit erst
in sechsunddreissigtausend Jahren durchmessen wird, so wie
auf das Verhältniss des Raumumfanges der aus den Himmel s-
sphären uns leuchtenden Sterne zu jenem der Erde geschlossen
werden. ^ Ohne astronomische Kenntniss muss das Verständniss
der Bibel mangelhaft bleiben, welche so vielfach Gegenstände
der Himmelskunde und der mit ihr aufs engste zusammen-
hängenden astronomischen Erd- und Ortskunde berührt. ^ Die
* Op. maj., p. 84.
' Bnplex enim allatio solis sub obLiquo circuLo cum aspectibns planetamm
est caasa omninmi quae fiunt bic inferius. 1. c.
' Minima stellaram visu notabilium, ut dicit Alfraganns in principio Libri
sai, est major terra .... Et cum ex 8 ALmag. et ex Alfragano pateant
sex Stellarum fixarum mag^itudines, quaelibet iLlamm, quae sunt in prima
magnitudine, est aequalis terrae circiter centies et septles. Et iUarum
quaelibet, quae sunt in sexta magnitudine, est aequalis terrae decies octies.
Et sol est centies septuagies fere major tota terra, sicut probat Ptolo-
»
maeus qninto Almagesti. 1. c.
^ Auf die astronomische Erdkunde legt Baco das allergrösste Gewicht:
Forte nihil utilius de philosophia poterit inveniri, quoniam qui ignorat
loca mundi, ei multoties non sapit cortex bistoriae per infinita loca
et mazime propter falsitatem multiplicem bibliarum novarum; atqne per
consequens ad intellectus spirituales impeditnr ascendere et nonnisi im-
perfecte poterit eos explicare. Qai vero imaginationem bonam locorum
habuerit, et situm eorum et distantiam et altitudiuem et longitudinem,
latitudinem et profundum cognoverit, nee non diversitatem eorum in cali-
ditate et siccitate, frigiditate et humiditate, calore et sapore, odore et
546 Warner.
biblische Zeitenkunde und der kirchliche Festkalender ist ganz
und gar auf mathematische Astronomie gegründet Die mit
der astronomischen Erdkunde aufs engste zusammenhängende
Länder- und Völkerkunde dient den allerwichtigsten praktischeo
Interessen der Kirche. * Nicht minder aber als Religion, Theo-
logie und Kirche sind die weltlichen Wissenschaften an der
Pflege der Astronomie interessirt, und von derselben abhängig;
es gibt keine Naturwissenschaft ohne astronomische Begründung.
Diess gilt speciell von der Medizin, welche die mathematische
und physikalische Astronomie zu ihrer unentbehrlichen Voraus-
setzung und Unterlage hat,^ so dass, wie die geistige Wohl-
fahrt der menschlichen Gesellschaft und das Heil der Kirche,
so auch das Heil der Leiber durch den Betrieb der Astronomie
bedingt ist.
Die innige Verwachsenheit der Astronomie mit der Ge-
sammtheit der physikalischen Wissenschaften leitet uub von
selber auf das Gebiet der letzteren hinüber, welche Baco in
Gemässheit des von ihm aufgefassten Zusammenhanges der-
selben also aufeinander folgen lässt:^ Perspectiva, Astronomia
judiciaria et operativa, Scientia ponderum, Alchymia, Agricultunu
Medicina, Scientia experimentalis. Baco beklagt, dass in den
gemeinhin benützten naturwissenschaftlichen Werken des Aristo-
teles sich so Weniges über die speciellen Zweige der Naturwissen-
schaft finde.^ Von den physikalischen Special Schriften seien nur
pulchritndine, turpitudine, amoenitate, fertilitate, sterilitato et aliis con-
ditionibus expertus fuerit, et optiine placebit ei historia literalis, et de
faciLi atque magnifice potent ingredi ad intelLigentiam senBUum spiritualimn.
Non enim est dubium, quin viae corporales significent vias spiritoales, et
loca corporalia significent terminoB viarum spiritualium et convenientiain
locomm spiritnalium, quoniam locus habet proprietatem terminaiidl motom
localem et rationem continentiae. Op. c, p. 85.
^ Und zwar: Propter infidelium conversionem et propter negotta diversa
cum diversitate gentium tractanda ac propter ntilitates ecclesiae contra
furorem Antichrlsti et eorum, qui tempora ejus prae venire creduntur.
Op. maj., p. 14d.
3 Medici hujus temporis pauci' sciunt astronomiam, et ideo nee aoctores
suos multi intelligunt nee possunt intelligere, et ideo negligunt meliorem
partem medicinae. Op. c, p. 118.
3 Commun. Natur. I, Pars 1, dist. 1, c. 2.
* Omnia sunt communia, quae determinat in libris naturalibus Tnlgatla,
quum ul notuDi est omnibus, de communibus naturalium tractat in libro
Die Psychologie, ErkenntuisB- nnd WissenBchafUlehre des Roger Baco. 547
einzelne im lateinischen Abendlande bekannt^ und eine der-
selben, nämlich jene de impressionibus/ bloss dem Namen nach;
die uns überlieferten Schriften des Aristoteles lassen somit eine
empfindliche Lücke in Bezug auf den wichtigsten Theil der
speciellen Naturlehre fühlen, als welchen Baco, wie wir bereits
wissen, die Astronomia judiciaria ansieht. ^ Dieser muss jedoch
als erste Abtheilung der speciellen Physik die Perspectiva vor-
ausgehen, weil wir die Unterschiede der Dinge durch den
Gesichtssinn wahrnehmen, imd auf die durch das Gesicht wahr-
genommenen Unterscheidungen der Dinge alle weiteren spe-
ciellen Erkenntnisse der Natur gebaut sind. Da die ersten
Differenzen der sichtbaren Dinge in der Gestirnwelt sich aufthun,
und durch die Gestirnwelt alle Mannigfaltigkeiten der irdischen
Dinge causirt sind, so hat auf die Perspectiva selbstverständlich
die physikalische Astronomie zu folgen, auf diese aber die Lehre
von den Elementen, in welcher sich die Grunddifferenzen der
sublunarischen Welt aufthun, und welche zufolge der in den
Elementen grundhaft hervortretenden Unterschiede des Schweren
und des Leichten zur Scientia de ponderibus sich gestaltet. ^
Physlcomm, et de principüs et motu, et infinito et loco et vacno et
tempore et de aliis similibus; atque in aliis omnibiis libris fere in sua
philosophia vnlgata tradit et commnnia .... Et praeterea etiam adhuc
qnaedam necessaria, quae communia sunt, tractantur imperfecte. 1. c.
^ Baco weiss von dieser Schrift nur aus Averroes (2^° rerum mundi) so wie aus
dem Liber novem judiciorum und ein paar anderen Gewährsmännern. 1. c.
^ Ueber diese sei in den libris vulgatis des Aristoteles nichts zu finden:
Nihil docet in particulari de naturis substantialibus coelorum et stellarum,
neque de Tirtutibus, quibus agunt in haec inferiora. Wir seien indess für
diesen Mangel entschädiget durch andere Schriften, unter welchen Baco
den Liber pulchromm judiciorum rühmend hervorhebt.
' Unter den Gewährsmännern für diese Abtheilung der speciellen Physik
hebt Baco den Euklid und Thebit, einen zum Christenthum bekehrten Juden
des zwölften Jahrhunderts hervor, der ihm im Opus maj. p. 186 auch als
classischer Vertreter der Astronomia judiciaria gilt, und daselbst als der
bedeutendste christliche Gelehrte (inter omnes christianos summus philo-
sophus) gepriesen wird. Als Schriften desselben werden angeführt: De
significatione planetarum. De capite et cauda Draconis. De motu octavae
sphaerae. Demonstrationes in Almagestum. Additiones in sphaeram Me-
nelai. De difinitionibus. De imaginibus. De magia natural!. Schon die
Titel dieser Schriften zeigen an, dass er unter die von Baco vorzugs-
weise benützten Autoren gehörte.
SitEungsber. d. phil.-hist. Ol. XCIII. Bd. IH. Hft. 36
548 Werner.
An die Lehre von den Elementarkörpem schliesst sich die
Lehre von den aus ihnen zusammengesetzten unbeseelten und
beseelten tellurischen Gebilden an. Die Lehre von den on-
beseelten tellurischen Gebilden heisst Älchymie; Au%sbe der-
selben ist^ alle denkbaren elementaren Zusammensetzungen der
tellurischen Stofflichkeit kennen zu lernen, deren es hundert-
funfund vierzig gibt; femer die Erzeugung der Humores, Spi-
ritus und festen Gebilde^ auch jene der pflanzlichen und ani-
malischen Körper miteingerechnet. > Aristoteles behandelt die
Älchymie zwar nicht in den libris vulgatis seiner Naturlehre;
er hat ihr aber mehrere Specialschriften gewidmet, unter welche
seine Schrift de rebus inanimalis und sein Liber secretorum
gehören. Der Älchymie reiht Baco die Agricultura als physi-
kalische Speciallehre vom Irdisch-Lebendigen: Pflanzen und
Thieren an; er glaubt nämlich den gesammten Specialinfaalt
der Botanik und Zoologie mit Beziehung auf die vierfache £in-
theilung des Erdreiches in Feldgründe, Waldgründe, Weide- and
Wüstenland, Gartengründe erschöpfend behandeln zu können,
und setzt die specielle Botanik und Zoologie als praktische
Wissenschaft der generellen Behandlung beider entgegen. Die
generelle Lehre sei in dem im lateinischen Abendlande be-
kannten aristotelischen Werke de plantis et animalibus enthal-
ten, sei aber jedenfalls ungenügend; das aristotelische Special-
werk über die Thierkunde in fünfzig Büchern fehle gegen^värtig.
auf die specielle Botanik scheine er sich überhaupt nicht ein-
gelassen zu haben. Wir seien indess in dieser Hinsicht durch
die Naturgeschichte des Plinius und das Werk des Palladius
de Agricultura entschädiget. Wie die specielle Biologie ins-
gemein, so wird im Besonderen auch die anthropologische Bio-
logie von Baco als vornehmlich praktische Disciplin und Wissen-
schaft aufgefasst und behandelt; diess ist die Medicin.^
1 MediciniL mirabilis, quae docet mandare metalla viliora, ut fiat »uram,
argentam, extrahitor de spiritn occultato in parttboa animalinm et plan-
tarum, praecipue hominam, sicnt Aristoteles et Avicenna edocent vehe-
menter. Commun. Natur. I, Pars 1, dist 1, c. 2. — Ein Bruchstück der
alchymistischen Lehre Baco's in seinem unvollständig edirten Op. minns:
Bacon. Op. ed. Brewer p. 375-389.
2 Septima scientia est de anima rationali, seil, de homine, et praecipue de
sanitate et infirmitate ejus, et ideo de ejus compositione et generatione
Die Psfchologief Erkenntniss- und VfissenBchaftolehre des Roger Baco. 549
Die letzte der naturwissenschaftlichen Specialdisciplinen ist
die Scientia experimentalis; in welcher die gesanimte Naturweisheit
gipfelt^ indem sie nicht nur die Wahrheit aller übrigen Disciplinen
der Naturwissenschaft auf die für den Verstand des Zeitmenschen
überzeugendste Art nachweist und erhärtet, sondern auch die
höchsten praktischen Erfolge derselben erzielen lehrt. < Sie wird
in ihren höchsten Strebungen und Erfolgen gleich der Astronomia
judiciaria durch sich selber zur Oeheimwissenschaft, da der ge-
meine Haufen sie nur anzustaunen, aber nicht zu fassen ver-
mag, 2 und sie entweder aus Vorurtheil anfeindet oder umgekehrt
hin und wider auch in verruchter Gottlosigkeit zu missbrauchen
geneigt sein dürfte.
Die dem Vorurtheile des Unverstandes so wie der Gefahr
eines gottlosen Missbrauches ausgesetzten Qeheimwissenschaften
sind die Astrologie als Astronomia operativa und die Magie.
Den Verächtern der Magie gibt Baco zunächst zu bedenken,
dass eine geschickte Benützung der Kräfte und Eigenschaften
bestimmter Stoffe und Körper Wirkungen zu erzielen vermöge,
die allbekannt sind, und von niemand in Zweifel gezogen
werden; sie werden freilich nicht durch Magie zu Stande ge-
bracht, sondern verdanken einem glücklichen oder ingeniösen
Finden ihr Dasein, sind aber in ihrer Art so überraschend,
dass sie demjenigen, der nie von ihnen hörte, unglaublich
dünken möchten. Baco führt das griechische Feuer, den Pulver-
knall und anderes Aehnliche als Beispiel an, und meint, dass
bereits Gedeon^ in seinem Kampfe gegen die Midianiter explo-
dirende Angriffswaffen verwendet haben möge. ^ Er weist weiter
illins, sine quibos sanitas et infinnitas ejas non possnnt intelUgi nee do-
ceri. Constat vero qnod homo est res naturalis, et ideo scientia de ejus
natural! bus constituta inter naturales erit comprehensa. 1. c.
^ Abriss der Scientia experimentalis in Op. maj., p. 336 — 360.
3 Specnlativae scientiae tradi possunt cnilibet, ut grammatica secundum
quatuor artes ... et log^ca et naturalis philosophia vulgata et metha^
physica et scientia alchymiae speculativa et quatuor mathematicae specn-
lativae et perspectiva speculativa et naturalis philosophia et multae aliae ;
sed ubi sunt arcana naturae et artium magnalia, non deberent tradi multi-
tudini, quae nescit uti talibus, sed magis omnia pervertit. Op. tert., c. 17.
VgL auch Secret. op. nat., c. 8.
3 Vgl. Rieht. 7, 19.
* Secr. op. nat., c. 6.
36»
550 Werner.
auf verschiedene Analoga magischer Wirkungen hin^ welche
sich in den Eigenschaften und Wirkungsweisen von Pflanzen
und Thiereu; ja auch des Menschenkörpers finden. Aristoteles
erwähne, dass die Früchte weiblicher Palmen durch den Duft
der männlichen Palmen zur Reife gebracht würden; nach Solinus
sei der Hund, auf welchen der Schatten einer Hyäne fallt, am
Bellen verhindert; ein Basilisk vermöge durch seinen blossen
Blick zu tödten u. s. w. Vieles Andere ungleich Wunderbarere
werde im Liber Secretorum mitgetheilt. In seinem Buche de
Somno et vigilia sage Aristoteles, dass ein menstruirendes Weib
durch seinen Blick den Spiegel inficire imd in demselben eine
blutigrothe Wolke erscheinen mache; in Scythien gibt es nach
Solinus Frauen, welche in einem Auge zwei Pupillen haben, und
im Zorne tödtende Blicke versenden. Wir wissen aus Erfahrung,
dass gewisse Krankheiten contagiös sind, und umgekehrt ge-
sunde wohlcomplexionirte Menschen jüngeren Alters auf andere
Menschen einen nicht bloss seelisch erquickenden sondern auch
leiblich stärkenden Eindruck machen. Schlechtcomplexionirte
oder mit gewissen Krankheiten behaftete Menschen vermögen
durch die Energie eines boshaften Willens die von ihnen gehassten
Menschen zu inficiren. Es gibt also verborgene Ausströmungen
des Körpers, deren Wirkung durch die Macht des Willens
gesteigert werden kann. Damit werden nun auch gewisse durch
das menschliche Wort erzeugte Machtwirkungen denkbar und
glaublich, welche aber, wie Baco ausdrücklich hervorhebt, als
rein natürliche Wirkungen anzusehen sind. * Wie der Mensch
zufolge der Unterordnung der natürlichen Wirkungskräfte seines
Wesens unter den Willen seiner Seele durch die Macht seines
Wortes geheimnissvolle Wirkungen zu setzen vermag, die aber
ganz natürlicher Art sind, so vermag der Kundige, der einen
tieferen Blick in die verborgenen Kräfte der Natur gethan^
dieselben zu Wirkungsweisen zu veranlassen, welche der ge-
meine Haufen als Zauberei verschreit und ungläubige Spötter
als Trug und Täuschung beargwöhnen. Der Magnet beweist, dass
es sympathische Wechselbeziehungen der Kräfte und Körper
gebe; wer diese erforscht hat, dürfte wohl auch die Verwandlung
^ Non immerito dicitnr, qnod tox magnam habet virtutem (siehe oben
S. 620); non quia Ulam habeat virtutem, quam magici fing^nnt . . . . sed
secandum quod natura ordinavit. Op. c, c. 3.
Die Psychologie, Erkenntnies- and WissenBchaftolebre de« Roger Baco. 551
unedler Metalle in edle zu Stande bringen. Hirsche, Adler,
Schlangen und andere Thiere vermögen durch die Kräfte ge>
wisser Kräuter und Steine sich zu verjüngen; was im Vermögen
der ihrer nach sterblichen Thiere liegt, kann dem Menschen,
welchem in seinem Anfangsstadium das Posse non mori zukam,
nicht versagt sein. Es handelt sich eben nur darum, die verbor-
genen Heilskräfte der Natur kennen zu lernen, aus welchen das
Lebensverlängerungselixir zu bereiten wäre; Arteiius, welcher
die verborgenen Kräfte der Thiere, Pflanzen und Steine erforscht
hatte, brauchte es zu einem Alter über tausend Jahre. Baco
spricht von einer Lebenstinctur, ' deren Bereitung schon im
Alterthum angestrebt wurde, '^ und seither wirklich entdeckt
worden zu sein scheine.^
Die verborgenen Kräfte der Erdstoffe werden durch die
Einflüsse der Gestirne auf die Erdwelt erzeugt; demzufolge leitet
die Magie durch sich selbst auf die physikalische Astronomie
zurück, deren fundamentale Bedeutung für die physikalische
Wissenschaft wir Baco schon oben hervorheben hörten. Wie
die Gestirne jene verborgenen Kräfte des Erdstoffes erzeugen,
deren Wirksamkeiten den Operationen des Alchymisten dienstbar
werden und der Ars medica die heilskräftigsten Media darbieten,
so wirken sie auch unmittelbar auf den Menschen selber ein, und
beeinflussen die physische und psychische Constitution desselben,
daher die Kenntniss und Beurtheilung der siderischen Einflüsse
auf den Menschen nicht bloss für die Arzneikunde sondern für
die Menschenkunde in universellstem Sinne von höchstem und
^ Vgl. über das Lebenselixir und die Goldmacherkunst Op. minus (Op.
ed. Brewer) p. 313 ff.
^ Er reproducirt (Secr. op. nat., c. 7) die ErzShlung des Plinius Hist.
Nat. XXII, 24 (53) über PoLIio Bomilus, der gleich Anderen durch den Ge-
brauch gewisser Mittel sein Leben aussergewöhnlich verlfingert haben soll.
3 Rusticus effodiens in campis cum aratro invenit vas aurum cum liquore,
et existimans rorem coeli lavit faciem et bibit; et spiritu et corpore et
bonitate sapientiae renoyatus de bubulco factns est bajulus regis Siciliae,
quod accidit tempore regis Wilhelmi. Et probatum est testimonio literarum
papalium, quod Almannus quidam captivus inter Saracenos recepit medi-
cinam, qua nsqne ad quingentos annos yitam suam prolongarit. Domina
de Nemore in Britania majori quaerens cervam albam invenit ungueutum,
quo custos nemoris se perunxerat in toto corpore praeterquam in plantis ;
yixit trecentis annis sine corruptione exceptis pedum passionibus. 1, c.
552 Werner.
umfassendsten Belange ist. Aus der richtig aufgefassten und be-
urtheilten Wirkung der siderischen Einflüsse auf den Menschen
lässt sich mit psychologischer Wahrscheinlichkeit die Handlungs-
weise des Menschen wenigstens im Ganzen und Allgemeinen
vorausbestimmen. Sofern die solcher Art vorausbestimmten
Handlungsweisen gewisser Menschen zufolge der einflussreichen
und hervorragenden Stellung derselben von weitergreifender
Bedeutung sind, lassen sich weiter auch Schlüsse auf muth-
maasslich bevorstehende Ereignisse in der Geschichte der Völker,
Länder und Reiche ziehen; ja die Gesammtgestaltung des mensch-
lichen Zeitdaseins kann unter das Richtmaass einer derartigen,
auf höchste kosmische Influenzen recurrirenden Betrachtungs-
weise gestellt werden. ^ Man hat diese als irreligiösen und frei-
heitsmörderischen Fatalismus zu brandmarken versucht; dieses
Verdammungsurtheil beruht indess auf Missverstand und Un-
kunde der wahren Beschaffenheit der Astronomia judiciai*ia.
Schon Augustinus hat der Gestirnkunde das Vermögen, über
Gegenwärtiges, Vergangenes und Zukünftiges zu informiren,
zuerkannt.^ Die classischen Vertreter der Astronomia judiciana
aber verwahren sich ausdrücklich dagegen, dass sie mit unfehl-
barer Gewissheit alle irdischen Vorgänge im Besonderen und
Einzelnen aus ihrer Wissenschaft zu erklären gedächten. Ptolo-
mäus sagt im Eingange seines Centilogiums ausdrücklich, dass
die Judicia astronomica in dieser Richtung nur in ganz all-
gemeiner Weise zu verstehen seien, und die Mitte zwischen
dem Nothwendigen und Unmöglichen einhalten. Sein Commen-
» Op. maj., p. 112—126.
2 Vgl. Augufltin. doctr. christ. II, c. 29, n. 46. Die bezüglichen Worte
Angüstins lassen indess nicht zn, ihren Sinn in der von Baco versuchten
Art zu erweitem und zu verallgemeinern. Augustinus spricht bloss von
der Sicherheit der astronomischen Daten, aus welchen sich einstmals
gewesene und zukünftige Facta rein astronomischer Natur durch Berechnnog
eruiren lassen: Siderum cognoscendorum non narratio sed demonstratio
est ... . Habet autem praeter demonstrntionem praesentium etiam prae-
teritorum narrationi simile aliquid, quod a praesenti positione motuque
siderum et in praeterita eorum vestigia regulariter liefet recurrere. Habet
etiam futnrorum reguläres conjecturas, non suspiciosas et ominosas, sed
ratas et certas ; non ut ex eis aliquid trahere in nostra facta et eventa
tentemus, qualia genethliacorum deliramenta sunt, sed quantum ad ipsa
pertinet sidera. -
Die Psychologie, ErkenntnisB- vod WiMensehafteVBhre des Roger Baco. 553
tator Hali < erläutert an einem Beispiel e^ wie das in seiner All>
gemeinheit richtige Judicium astronomicum durch zufällige
irdische Sonderursachen, unter welche auch der freie mensch-
liche Wille gehöre^ seiner Anwendbarkeit auf einen bestimmten
concreten Fall beraubt werden könne. ^ Avicenna^ der Er-
gänzer der Arbeiten des Ptolomäus, hebt hervor^ dass das
anstäte Wesen der den Processen eines stetigen Werdens und
Veilchens unterworfenen irdischen Körperlichkeit eine durch-
greifende absolut bestimmende Wirksamkeit der siderischen
Potenzen nicht zulasse. Messehalak^ beleuchtet die Bedeutung
^ Aboazen Hali, ein spanischer Astrolog, dem dreizehnten Jahrhnndert an-
g'ehörig, classischer Repräsentant der Astrologie, Verfasser des Werkes
de judiciis astrormn. — Ausser diesem Hali gab es mehrere arabische
Aerzte mit dem Namen Hali oder Aii, deren zwei Baco gekannt haben
konnte. Der eine derselben, Ali £bn Abbas (f 994), Leibarzt des Chalifen
von Bagdad, ist der Verfasser eines Almaleci betitelten Werkes, welches
von Stephanus Antiochenus ins Lateinische übersetzt wurde, und unter
dem Titel: Regalis dispositionis theoroticae et practicae libri XX, auch
gedruckt erschien (Venedig; 1492 fol., Leyden 1523, 4.). Ein zweiter, nach
seiner Vaterstadt Tripolis benannter Hali: Hali al Tarabulsi (c. a. 1219),
hinterliess ein medicinisch-chemisches Werk: Zinal al hachim (Zierde
des Weisen), welches in vier Abtbeilungen von den Mineralien und deren
Zubereitung für Zwecke der Heilkunde, vom Nutzen der Theile des
Körpers nach den Ansichten des Galenus, vom Steine der Weisen und
ähnlichen Dingen handelt. Von daher möchte Baco Secret. op. nat.,
capp. 10 n. 11 entlehnt sein, die sich offen als Entlehnungen aus den
Schriften eines moslimischen Verfassers zu erkennen geben.
3 Hali .... addit exemplum, quod patre suo se abscondente cum aliis a
facie imperatoris astrologus visitans eiun quotidie praecepit poni concham
maximam aeneam plenam aqua, supra quam poneretur scabellum, consu-
luitque ei, ut desuper sederet in majore parte diei; et hoc ideo praecepit,
ut faceret errare astrologos imperatoris in existentia absconditorum. Dixerunt
enim, quod esset in medio maris propter similitudinem aquae conchae, cui
superiusederat. Distinguere enim inter hoc et iliud non poterant propter
continentis et content! similitudinem. Aqua enim nndique continebatur,
et vasis concavitas alvei marini concavitatem expressit. Op. maj., p. 114.
^ Messehala oder Macha- Allah, jüdischer Astrolog, der zweiten Hälfte des
neunten Jahrhunderts angehörig. Von seinen Schriften wurden im fünf-
zehnten und sechzehnten Jahrhundert gedruckt: De receptionibus plane-
tarum i. e. de interpretationibus. De revolntionibus annorum mundi. De
sdentia orbis motus. De elementis et orbibus coeli. Ausserdem sind
handschriftlich vorhanden: Astrolabium. De natura orbium. De judiciis
astrorum. Problemata astrologica. Themata ^enethliaca. Planetarum con-
junctiones etc.
554 Werner.
dieses Umstandes durch das Beispiel vom Magnet, welcher
seine Anziehungskraft nur in der gehörigen Distanz und unter
anderen nicht jederzeit zutreffenden Bedingungen ausüben könne.
Im Uebrigen sprechen diese classischen Vertreter der Astro-
nomia judiciaria ausdrücklich aus, dass die Wirksamkeit der
siderischen Potenzen absolut dem göttlichen Willen unterthan
sei, ^ und nebstdem auch durch den Menschen selber modificirt
und paralysirt werden könne. Die Aufgabe der Heilkunde
besteht ja, wie der Arzt Isaak in seiner Schrift de Febribas
hervorhebt, unter Anderem auch darin, den durch siderisebe
Einflüsse verursachten Seuchen zu begegnen.
Damit glaubt Baco die Astronomia judiciaria von dem
Vorwurfe eines irreligiösen und widersittlichen Fatalismus ent-
lastet zu haben. Es handelt sich nun aber weiter auch um den
Nachweis der Wahrheit und Berechtigung dieser hochwichtigen
Disciplin. Diese ergibt sich zunächst schon daraus, dass die
nach Verschiedenheit der Breitengrade verschiedene körperliche
und psychische Artung der Menschen einzig aus dem Ver-
hältniss des Erdkörpers zur siderischen Welt erklärt werden
kann.^ Auch der Unterschied der Längengrade kommt in
Betracht, obschon er sich wegen seines mehr verborgenen Ein-
flusses nicht so leicht ersichtlich machen lässt. Die nach Ver-
schiedenheit der Breiten- und Längengrade diversificirten side-
rischen Einflüsse sind freilich nur generelle Wirkungen, und
reichen demnach auch nur zur Beurtheilung und Erkenntniss
genereller Unterschiede aus, durch welche Menschencomplexe
ganzer Länder, Provinzen und grösserer Städte sich von ein-
ander unterscheiden; iudess gibt auch schon eine solche gene-
relle Erkenntniss bedeutsame Momente fiir die Beurtheilung der
^ Sciunt, quod ordinatio divina potest omnia mutare secuDdum Bui yolun-
tatem, et propter hoc adjuDg-ant semper in sais sententiis in fine, qnod
sie erit, äi Den» voluerit. Op. maj., p. 115.
- Ad omue punctum terrae incidit conus unios pyramidis a toto coelo, et
coui iäti suot diversi in natura, et pyramides similiter, quia diyersM
habent base» propter diversitatem horizontum; quoniam quilibet punctas
terrae est centrum proprii horisontis. Et ideo oportet omnium reruin
diversitatem ma^nam es hac causa oriri, etiam quantnmcunqae propiuqui
aint, ut ^raelli in eodem utero; et sie de omnibus prout videmna, qnod
a duobus puuctis terrae proximis oriuntur herbae dlversae secundum
speciem. Op. maj., p. 118.
Die Psychologie, Erkenntniss- nnd WissenAchftftolehre des Roger Bmco. 5öö
Volkscharaktere, sowie fiir die Prognosticirung wichtiger Er-
eignisse, politischer Entwickelungen, Kämpfe und Kriege an
die Hand. Es würde aber bei sorgfältiger Beobachtung der
in Betracht kommenden Momente auch möglich sein, Einzel-
personen in ihrem individuellen psychisch-physischen Wesen
grundhaft zu fassen und ihnen Zukunftsprognostika zu stellen. ^
Am schönsten aber und in wahrhaft erhebender Weise bewahr-
heitet sich der Werth und die Würde der Astronomia judiciaria
in ihrem Verhältniss zu Religion und Theologie. Es mag über-
raschen zu vernehmen, dass sie berufen ist, ein hochbedeutsames
Zeugniss für die Wahrheit des Christenthums zu liefern; dem
Kundigen erscheint dieses Zeugniss als selbstverständlich und
in der Natur gelegen, da die gesammte kosmische Ordnung
auf den Nachweis unserer heiligsten Ueberzeugungen angelegt
sein, und derselbe primär in dem höheren, vornehmeren, das
gesammte zeitliche Erdendasein normirenden Theile der sicht-
baren Schöpfung hervortreten muss. Der Sternhimmel wird
durch den Meridiankreis und durch fünf andere in Abständen
von je 30 Graden den Aequator schneidende Längenkreise in
zwölf Abschnitte getheilt, welche die zwölf Häuser^ des Himmels
heissen. In diesen Häusern herrschen die sieben Planeten, und
zwar so, dass im ersten Hause der höchststehende der Planeten
Satumus, im zweiten der nächstfolgende Planet Jupiter, im
dritten Mars u. s. w. herrschen, und im achten Hause abermals
Saturn, im neunten wieder Jupiter der Herrscher ist. Wie
Saturn und Mars schlimme unheilbringende Planeten sind, so
Jupiter und Venus wohlwollende, glückspendende' Planeten, mit
* Si velit considerare diligenter et sine errore horas conceptionam et nati-
▼itatum singtüariam personarum, ut sciatur dominiam coelestiB virtutis
ad horas illas, et diligenter consideret quaudo ad eas dispositiones venient
coelestia secundam singnlas partes aetatis cujuslibet, potest de omnibus
naturalibns, sicut de infirmitatibas et sanitate et hnjosmodi jadicare
snfficlenter, quandocnnque debent occidere et qualiter terminari, secondum
quod anctores non solum astronomiae, sed medicinae ut Hippocratea,
Qalenns, Hau, laaac et omnes auctores determinant 1. c.
^ Und zwar Domus accidentales (im Unterschiede von den Domna essen-
tiales, auf welche im Folgenden die Rede kommen wird). Dicuntur acci-
dentales, quia divisio earum est accidentalis , et non manent sectiones
in eodem loco coeli, quia non sequuntur motum coeli, et ideo mutantur
eorum loca in circulo seu coelo in omni hora. Op. maj., p. 122.
556 W«rn«r.
dem Unterschiede; dass die Gaben der Venus eich auf irdisches
zeitliches Glück^ jene des Jupiter hingegen auf die geistigen
ewigen Güter beziehen. Jedes Haus hat seinen eigenen Namen
und seine eigene Bedeutung. Das erste Haus heisst Domos
vitae^ das zweite Domus substantiae u. s. w., das neunte Haus
ist die Domus peregrinationum atque itinerum, fi.dei et digni-
tatis et religionis; ac domus culturae Dei, sapientiae, librorom.
epistolarum et legatorum, narrationum ac rumorum ac som-
niorum — also alles dessen, was auf die Religion sich bezieht
oder mit ihr in Verbindung steht. Wie jeder Planet^ tritt auch
Jupiter in seinem Hause in Conjunction mit den übrigen Pla-
neten. Die sechs möglichen Conjunctionen des im neunten
Hause herrschenden Jupiter mit den sechs übrigen Planeten
erschöpfen die sechs möglichen Formen und Gestaltungen des
religiösen Gedankens in der zeitlich-irdischen Menschenwelt
Die Conjunction des Jupiter mit dem Saturn, dem obersten und
gleichsam ältesten der Planeten bedeutet die jüdische Religion,
die älteste der Völkerreligionen, auf welche sich alle anderen
Religionen in irgend einer Weise zurückbeziehen. Die Con-
junction des Jupiter mit Mars bedeutet die Religion der fener-
anbetenden Chaldäer, die Conjunction mit der Sonne die Re-
ligion der Aegypter, welche das von der Sonne beherrschte
Himmelsheer adorirten, die Conjunction mit der Venus den
Muhamedanismus , der übrigens der Sache nach schon vor
Mtthamed bestand, ^ die Conjunction mit dem Mercur die christ-
liche Religion, die Conjunction mit dem Monde aber die Be-
ligion des Antichrist.^ Die Lex Mercurialis gilt Baco als das
* Unde in libro, qui adscribitur Ovidio de vitae suae matatioiie, cum
loqueretnr de secta venerea, quam hominibuB sui temporis legrem diiit
esse, dicit in metro suo:
In qua, si libeat, quodcunque licere putatur,
Scripta licet super hoc nondam lex inveniator.
Op. maj., p. 121.
3 Si Jupiter complectatnr Lunae, dicunt domini astronomiae, erit lex Lanae
et ultima, quia circulns Lunae est ultimus, et haec erit lex cormptionb
et foeda, quae violabit omnes alias leges et suspendet eas, etiam Mer-
curialem ad tempus. Lnna enim, ut dicunt, significat super nigromantiam
et mendacium, et ideo lex Lunae erit nigromantica et magica et mendo».
Et propter corruptionem lunaris motus et figurationum lunarimn ngni-
ficat super corruptionem istius legis, quae erit in se corrupta et a}i*?
Die Fsychologi«, ErkenntnisB- and Wisaenschftftslelm dM Boger Bmo. 557
christliche Religionsgesetz^ weil der mythologische Charakter
des Mercur auf ProphetiO; Glaube und Gebet Bezug hat, so
nie die verschlungene schwer zu entwirrende Bewegung des
Plaoeten Mercur auf die den menschlichen Intellect transscen-
dirende Tiefe des Lehrgehaltes der christlichen Religion; als
Bringer der Schrift und der durch die Schrift vermittelten
Weislieit deutet er auf den in der heiligen Schrift und in der
Philosophie hinterlegten Weisheitsgehalt hin, an welchem zu-
samrat den erleuchteten Christen alle Weisen der Völker vor
Christus participirt haben, und auch nach Christus unter den
noch nicht zum christlichen Glauben bekehrten Völkern parti-
cipiren. Denn sie stehen innerhalb des Bereiches der göttlichen
Offenbarung, weil sie auf dem Grunde der in den alttestament-
lichen Büchern niedergelegten Zeugnisse des göttlichen Wahr-
heitsgeistes stehen, der die Hiramelskundigen erleuchtet hat,
dass sie sogar das Mysterium der Geburt des Gottessohnes aus
der Jungfrau in den Sternen ausgedrückt fanden, ^ und die Zeit
seiner Geburt in den Sternen lasen. Der Hervorgang des
grossen Propheten aus der Jungfrau steht in einer inneren Be-
ziehung zur Lex Mercurialis, entsprechend der Mythologie und
der Beziehung des Mercurplaneten zum Sternbild der Jung-
frau. 2 Denn der Mercur hat alle seine wesentlichen und
principalen Potestates im Sternbild der Jungfrau, welches seine
Domus essentialis oder naturalis, ^ und zwar seine Domus
comiiDpenB. Non tarnen multum durabit, ut dicunt, qaia luna velociter
mntatur .... Et hoc, ut dicunt, statuetnr ab aliqao magno et potente,
qiil praevalebit aliis, et aeatimant astronomi fideles tarn moderni quam
antiqni, quod baec est lex Anticbruti, quia iUe ultimo in fine mondi
adveniet etc. Op. c, p. 123.
1 Omnes antiqui Indi, Chaldaei, Babylonii docuerant, quod in prima facie
Virginia aacendit virgo mondisaima nutritora puerum in terrae Hebraeo-
rum, cui nomen Jesus Christus, ut dicit Albumasar in majori intro-
ductorio Astronomiae. Op. c, p. 121.
2 CreatuB enim fuit in Virgine, et dignitates seu potestates seu virtutes seu for-
titudines quinque, qnae debentur plaoetis ratione signorum, habet Mercurius
in Yirgrine, ut sunt seil, domus, exaltatio, triplicitas, terminus, facies. 1. c.
^ Easentiales et naturales domus sunt duodecim signa, quorum divisio
naturalis est (siehe Oben S. ö5ö, Anm. 2), quia sectiones Zodiaci et
coeU manent in suis locis de circulo coeleati h. e. de firmamento, quam
divisionem signorum faciunt sex circuli sese interaecantes in polis Zodiaci
et dividunt totnm coelum et mundum in duodecim partes aequales. 1. c.
558 Werner.
principalis> constituirt, den Ort seiner Aufsteigung, ^ seine Tri-
plicitas,^ seinen Terminus^ und seine Facies* in sich fasst Abu-
masar lehrt mit allen übrigen Astronomen, dass es drei Con-
junctionen des Jupiter mit Saturn gebe, die Conjunction magna,
major und maxima. Die Conjunctio magna tritt in jedem
zwanzigsten Jahre ein, weil Jupiter, der seinen Umlauf in zwölf
Jahren vollendet, mit dem Saturn^ der denselben in dreissig
Jahren vollendet, innerhalb der Periode von sechzig Jahren drei-
mal in irgend einem Zeichen zusammentrifft. Nach viermaliger
^ Principalis domas planetae est, in qna creatus füit, ut Leo est domos
Solls, Cancer Lunae, Virgo Mercurii, Libra Veneris, Aries Martis secandom
quosdam, secundom alios Scorpius, Sagittarius Jovis, Capricomns Sa-
tami. Op. c, p. 122.
2 Exaltationes sunt hae: Sol exaltatur in A riete, Luna in Tanro, Satoniiu
in Libra, Jupiter in Cancro, Mars in Capricorno, Venus in Piscibns,
Mercnrius in Virgine. 1. c.
3 Triplicitas planetae dicitur, cum sit in signo, in quo creatus est, vel in
aliqno ejnsdem naturae cum signo, in quo creatus est. ünde sciendom,
qnod qnatuor sunt triplicitates signorum. Una est calida et sicca, qoae
continet tria signa calida et sicca, cujusmodi sunt Aries, Leo, Sagittarius.
Unde cum sol est in aliquo eorum, dicitur esse in sua triplicitate. Et
alia est triplicitas secunda ex Tauro, Virgine et Capricorno, et haec est
frigida et sicca; et Mercurius, quando est in aliquo istomm, est in tripli-
citate sua. Quia licet domioa istius triplicitatis in die primo sit Venus,
deinde Luna et in nocte primo Luna, postea Venus, et eorum particep«
in nocte et die sit Mars, tameu Mercurius participatur eis in Virgine
proprie, ut dicunt Astronomi, et ideo triplicitatem habet in Virgine proprie
sicut exaltationem et domum. Tertia triplicitas est ex Oeminis, Libn,
Aquario, quae est calida et humida. Et quarta est in Cancro, Seorpiooe
et Pisce, quae est frigida et humida. 1. c.
* Famosiores termini sunt Aegyptiorum. Jupiter habet sex primos gndos
Arietis, Venus sex sequentes, Mercurius octo, Mars quinque, Satamos
quinque, Venus adfauc octo primos Tanri, Mercurius sex sequenter, ita
quod Mercurius habeat Septem primos gradus Virginis pro termino, non
solum secundom Aegyptios, sed secundum Ptolomaeum, et hoc est qnod
nunc quaecimns. 1. c.
^ Facies signorum accipiuntur per diyisionem cujuslibet signi in tres partes
aeqnales, et unaquaeque constat ex decem gradibus, quae vocantur facies
et alio modo decani. Quamm facierum initium est a primo gradu Arietis
et terminatnr in decimo gradu ejusdem et dicitur facies Martis. Secnnda
usque in vicesimum, et dicitur facies Solls, quia Sol succedit ei in ordine
circulorum. Tertia est in finem Arietis et dicitur facies Veneris, et sie
de ceteris secundum ordinem, ut patet in tabula facierum, ita quod
Mercurius habeat decem gradus Virginus Ultimos pro facie. 1. c.
Di« Psycliologie, Erkenntnias- und Wiisenschaftslehr« des Rog«r Bmo. 559
Wiederholung dieser sechzigjährigen Epoche tritt die Conjunctio
major, nach deren abermaliger Vervierfachung die Conjunctio
maxima ein. Jede dieser Conjunctionen kündiget inhaltsschwere
Ereignisse an, ^ die Conjunctio maxima die allerbedeutungs-
vollsten. Eine solche (maxima oder major) hatte statt im vier-
undzwanzigsten Jahre des Kaisers Augustus, welche zugleich den
Eintritt des Lex Mercurialis verkündete. Von dieser Conjunctio
maxima spricht Ovidius in seinem Carmen de Vetula, und gibt
an, dass sechs Jahre nach derselben der Prophet aus der Jung-
frau geboren werden sollte. ^ Hienach wäre das dreissigste
Regierungsjahr des Kaisers Augustus das Geburtsjahr Christi.
Während der sechs Jahre vor Christi Geburt hatte eine Con-
junetion des Jupiter und Saturn im Zeichen des Jupiter statt;
wenn sie ganz nahe am Kopfe desselben stattgehabt haben sollte,
so war es eine Conjunctio maxima. Die Bedeutsamkeit der mit
Christus beginnenden Aera lernen wir aus Abumasar kennen,
welcher lehrt, dass die Vollendung in zehn Satumumläufen
mit dem Untergange von Reichen und mit der Entstehung und
dem Untergange von Religionen zusammenhänge. Eine solche
kritische Epoche fiel in die Tage des von Alexander des
Grossen besiegten Perserkönigs Darius. Nach zehn weiteren
Satumumläufen erschien Christus; von Christus bis Mani, und
von Mani bis Mahomed verliefen gleichfalls solche Epochen
von zehn Saturnusjahren. Aus Abumasar schöpft Baco die
' Magna conjunctio dicitur significare plnries saper sublimationem regum
et potentnm et super gravitatem annonae et super ortus prophetarum
.... Conjunctio major significat super sectam et mutationem ejus in
quibusdam regionibus .... Conjunctio maxima significat super muta-
tiones imperiorum et regnorum et super impressiones igpiitas in aere et
super diluvium et super terrae motum et gravitatem annonae. Op. c., p. 124.
^ Loquens Ovidius de conjunctione majore et fere maxima dicit in metro
suo hoc modo:
Una quidem talis fatali tempore nuper
Caesaris Augusti fuit anno bis duodeno
A regni novitate sui, quae significavit
Post annum sextum nasci debere Prophetam
Absque maris coitu de virgine, cujus habetur
Typus, uti plus Mercurii vis multiplicatur,
Cujus erat Concors complexio prima futurae
Sectae ....
560 Werner.
beruhigende Zuversicht, dass der Untergang des Muhamedanis-
mus nahe sei; Abumasar sage im zweiten Buche seines Werkes
über die ConjunctioneU; dass die Lex Mahometi nicht länger
als 693 Jahre dauern könne, von welchen gegenwärtig 665 Jahre
schon abgelaufen seien. Von da aus eröffnen sich Baco auch
Aussichten auf die Möglichkeit einer genaueren Bestimmung der
Zeit des Antichrist; denn vorausgesetzt, dass es den bereits aus
den Caspischen Thoren hervorgebrochenen Tartaren beschieden
sein sollte, das Gesetz Muhameds zu stürzen, so möchte wohl
aus ihnen jener Mächtige hervorgehen, welcher nach biblischer
und astronomischer Vorhersagung jenen schändlichen Cult voll
verruchter Zauberei, die Religion des Antichrist aufrichten wird.
Ethicus^ sagt in seiner Kosmographie ausdrücklich, dass der
Antichrist einem aus den Caspischen Thoren hervorbrechenden
Volke sich beigesellen und von demselben sich als Gott der
Götter ehren lassen werde. Es wäre zu wünschen, dass die
Kirche eine Nachforschung in der Bibel und in den Weissagungen
der Sibylle, des Aquila, ^ des Merlin, Sestio, Joachim und vieler
Anderer, so wie in den Historien und in den Büchern der
Philosophen veranlassen, und mit den Ergebnissen dieser Nach-
forschungen auch die astronomischen Indicien vergleichen lassen
möchte, um zur Gewissheit oder doch zu zuverlässigen Muth-
masBungen über die Zeit des Antichrist zu gelangen.
An diese Desiderien, deren Inhalt uns zufolge der oben aus-
einandergesetzten erkenntnisstheoretischen Anschauungen Baco's
nicht überraschen darf, aber auch, wie z. B. bei Albumasar,
auf christliche Alterationen des übersetzten Textee arabischer
Schriften aufmerksam macht, schliessen sich Baco's Klagen
1 Die nnter dem Namen des Ethicus Ister gehende Kosmographie wurde
bereits von Isidorns Hispalensis benützt. Der in ihr citirte Bischof Avitns
Alcimufl wird anch von Baco (Op. maj., p. 125) mit Ethicus in Verbindung
gebracht als Zenge für die astronomische Yorauskündigxing der Geburt
des Gottessohnes aus der Jungfrau.
2 Damit ist der jüdische Proselyt und griechische Uebersetzer der hebräischen
Bibel Aquila aus Sinope gemeint, welcher nach einer apokrypblscheD
Nachricht bei Epiphanius (Pond. et mensur. c. 14) früher Christ gewesen,
aber wegen Neigung zur Nativitätsstellerei und anderen ähnlichen Künsteo
aus der Christengemeinschaft ausgestossen worden sein solL In Baco's
Auffassung tritt an Aquila der Charakter eines abtrünnigen Christen
nicht mehr hervor.
Die Psychologie, Erkenntiiiss- und Wissenicbäftslehre des Bogfer Baco. 561
Über die Mängel und Fehler des üblichen Kalenders an. ^ Ein
erster Fehler ist, dass die Dauer des Jahres zu 36574 Tagen
angenommen wird, während sie in Wahrheit kürzer sei, so
dass in 130 Jahren bereits um einen ganzen Tag geirrt wird. ^
Ein zweites damit zusammenhängendes Gebrechen ist das Ueber-
sehen des Vorrückens der Nachtgleichen, und die falsche An-
gabe der Zeit der Nachtgleichen und Solstitien. In der alt-
christlichen Zeit hat man auf die Auctorität des Hippokrates
hin die beiden Solstitien des Sonnenjahres auf VIII Kai. Jan.
und Vni Kai. Jul., die beiden Aequinoctien auf VIII Kai. April,
und VIII Kai. Octobr. verlegt; seit Beda aber hält man con-
stant XII Kai. April, als Zeitpunkt des Frühlingsäquinoctiums
fest. Diese Angabe ist eben so unrichtig, als die altchristliche
Annahme, an deren Stelle sie trat. Ptolomäus hat in seinem
Almagest für das Jahr 140 p. Chr. XI Kai. April, als Zeit-
punkt des Frühlingsäquinoctiums und XI Kai. Jan. als Zeit des
Wintersolstitiums aufgewiesen; seit Ptolomäus sind eilf Jahr-
hunderte verflossen, in deren Verlaufe das Frühlingsäquinoctium
alle 125 Jahre um je einen Tag rückwärts gegangen ist, so dass
es gegenwärtig 3 auf III Idus Hart, föllt, das Wintersolstitium
mit Idus Dec, das Sommeraolstitium mit XVII Kai. Jul., die
Herbstnachtgleiche mit XVI Kai. Oct. zusammenföUt. Aus der
Ptolomäischen Angabe über das Wintersolstiz folgt aber weiter,
dass der Geburtstag Christi, als welchen die Kirche VIII Kai.
Jan. festhält, nicht mit dem Wintersolstiz zusammengefallen
sein könne, da dieses 140 Jahre vor dem durch Ptolomäus
astronomisch normirten Jahre mit X Kai. Jan. zusamnien-
gefallen sein muss. Aus dem Gesagten lässt sich ein dritter
Uebelstand des kirchlichen Kalenders ersichtlich machen. Da
das Frühlingsäquinoctium gegenwärtig auf III Idus Hart, fallt,
und dieser Tag im vierzehnten Jahre des neunzehnjährigen
Mondzirkels mit dem Vollmonde der Frühlingsnachtgleiche zu-
sammenfallen kann, so musste der Ostersonntag auf XIII Kai.
April, fallen können, während der gegenwärtige Kalender
XI Kai. April, als frühesten Ostertag gestattet. Dasselbe gilt
» Op. maj., p. 126—134; Op. tert cap. 67—71.
2 Bekanntlich ist der Irrthum etwas geringer, da er in 400 Jahren noch
nicht ganz drei Tage (2.980 Tage) betrfigt
' NSmUch a. 1267 als Abfassungszeit des Opus majus.
562 Werner.
vom dritten Jahre desselben Zeitzirkels, wie die auf die Ea-
lendas des März fallende goldene Zahl anzeigt ; ^ in diesem
Jahre muss Ostern längstens XII Kai. April, gefeiert werden,
kann aber auch früher fallen. In künftigen Jahrhunderten muss
aber; wenn an der Julianischen Bestimmung der Jahresdaaer
festgehalten wird^ die Osterfeier noch weiter sich rückwärts
schieben, woraus natürlich schliesslich die heilloseste Ver-
kehrung des ganzen Eirchenkalenders resultiren würde. Der
neunzehnjährige Mondeszirkel, die Unterlage der ganzen Oster-
berechnung ist gleichfalls falsch construirt, wovon Jeder sich
überzeugen kann, der die in demselben enthaltenen Neumonds-
angaben mit den jedem Bauer bemerkbaren Mondesphasen ver-
gleicht; jetzt schon tritt der Neumond constant um drei oder
vier Tage früher ein, als im Kalender verzeichnet ist Der
Zeitunterschied zwischen der im Kalender fixirten und der
thatsächlich statthabenden Neumondsphase beträgt in 76 Jahren
beinahe einen Dritteltag; in 4256 Jahren ist die Differenz
schon so gross, dass der Kalender Neumond anzeigt, während
in Wirklichkeit Vollmond statt hat. Der gemeinhin recipirten
Construction des neunzehnjährigen Mondzirkels liegt die Vor-
aussetzung zu Grunde, das jeder neue Monat mit dem Sichtbar-
werden des verdunkelt gewesenen Mondes beginne; diese An-
nahme ist aber für die calculatorischen Zwecke der astronomischen
Mondesphasenbestimmung völlig unbrauchbar, weil das abermalige
Sichtbarwerden des Mondes an keine stetige stets gleiche Zeit ge-
bunden ist, sondern bald früher, bald später eintritt. Die astro-
nomisch correcte Angabe der Zeitdauer des Monats findet sich im
Almagest, und ist von Arzachel unter Beseitelassung kleinster
nicht ins Gewicht fallender Bruchtheile adoptirt worden. Unter
Voraussetzung der von Arzachel angenommenen Dauer des
Monats fkllt der Monatsanfang nach Ablauf 30 arabischer Jahre
genau wieder in denselben Zeitpunkt, wie am Beginne derselben;
30 arabische Jahre umfassen 360 volle Lunationen = 10631 Tage.-
Wenn erst nach Ablauf dieser Epoche der Anfang des Monates
1 Siehe die TabeUe des immerwfihrenden Jnlianiichen Kalenders bei Ideler,
Lehrbuch der Chronologie, S. 514.
> Baco's Vorschlag, den nennzehnjfihrigen Mondencyclos durch den drefssig-
j&hrigen arabischen Cyclus zu ersetzen, rührt von Robert Ton Lincolo
her, wie Kaltenbmnner (Sitsungsber. LXXXH, S. 333 f.) aas der tod
Di« Psychologi«, ErkenntniM- and WuMiisehftftslehre des Boger Baco 563
wieder in denselben Zeitpunkt fällt, wie am Beginne derselben,
BD kann der neunzehnjährige Mondeszirkel der Lateiner keine
geschlossene Mondenepoche bilden. Das Wahre ist vielmehr,
dass dieser neunzehnjährige Zirkel, wenn er bloss vier Schalt-
jahre in sich fasst, um mehr als zwei Dritteltage hinter dem
vollkommenen Abschlüsse seiner letzten Lunation zurück-
bleibt, in drei darauf folgenden Zyklen aber, welche fünf
Schalttage in sich fassen, jedesmal um mehr als einen Viertel-
tag die Zahl der von ihm umschlossenen Lunationen über-
schreitet. Die Berufung auf die ehrwürdige Auctorität der
Nicänischen Synode, welche den neunzehnjährigen Mondes-
zirkel adoptirte, ist nicht stichhältig. Die Synode konnte ihn
adoptiren, weil dazumal seine Angaben mit den thatsächlichen
Zeiten der Lunationen zusammenstimmten; selbst zu Beda's
Zeit, der Alles aufbot, ihn zu rechtfertigen, waren die Discre-
panzen zwischen den wirklichen Mondzeiten und den Angaben
des Circulus decemnovalis noch nicht allzusehr fühlbar ; anders
liegt die Sache jetzt, wo es im Interesse der Ehre des christ-
lichen Namens geradezu geboten ist, an die nicht länger mehr
zu verschiebende Reform des Kirchenkalenders zu gehen, * und
auch an hiezu befähigten Männern kein Mangel ist. ^
Wie Baco seinem päpstlichen Oönner gegenüber die da-
malige Beschaffenheit des Eirchenkalenders als ein Aergerniss
bezeichnete, so sprachen sich nach ihm auf gleiche Weise Pierre
d'Ailly auf dem Constanzer Concil, Nikolaus Cusanus auf dem
Basler Concil aus. Wir erwähnen diese bekannte Thatsache
wegen gewisser denkverwandtschaftlicher Bezüge dieser beiden
Pierre d'Ailly dem Constanzer Concil vorgelegen Schrift über Reform des
kirchlichen Kalenders nachgewiesen hat
^ Debet aatem nunc temporis remedinm apponi propter istos errores mani-
festos et palpabiles atque propter scandalom multiplex in ecclesia. Nam
omnes literati in compnto et astronomi sciunt haec, et derident igno-
rantiam praelatorum, qui haec sustinent. Atqne philosophi infideles Arabes,
Hebraei et Graeci) qni habitant inter christianos ut in Hispania et
Aegypto et in partibns Orientis et in mnltis aliis mundi regionibus,
abborrent stultitiam qoam conspiciunt in ordinatione temporum, qnibus
atnntnr christiani in suis solennitatibas. Et jam christiani habent peritiam
astronomiae, per quam potest fieri certificatio. Op. c, p. 134.
2 Auch Baco hatte vier Jahre vor Zusammenstellung seines Opus majus einen
handschriftlich noch existirenden Liber de computo abgefasst, in welchem
er auf eine noch frühere Schrift de termino paschali sich zurückbezieht.
Sitrangtber. d. phil.-hiit. Ol. Xail. Bd. III. Hfk. 37
564 Werner.
MänDer zu Baco. D'Ailly hegte eine ausgesprochene Vorliebe
fiir astronomische und kosmographische Studien^ und trat gleich
Baco für die Astronomia judiciaria ein. Als Nominalist war
er selbstverständlich Individualist^ wenn auch nicht in jenem
Sinne, wie Baco, der in dieser Hinsicht eine mittlere Stelle
zwischen logistischen Empirismus D'Aillj's und dem specula-
tiven Individualismus des Cusaners einnimmt, sofern er näm-
lich an der durch den Nominalisrous zersetzten Realität des
metaphysischen Gedankens festhält, der ihm ja in den Begriffen
von Materie und Form die allgemeinen Unterlagen seiner meta-
physischen Weltconstruction darbieten muss und auch in die
Physik hinein seine Rechte geltend macht. Freilich nennt Baco
die der sogenannten allgemeinen Physik zugewiesenen rationalen
Grundbegriffe nicht mehr metaphysische Begriffe, da ihm das
Gebiet der Metaphysik sich auf den Bereich der spirituellen
Existenzen beschränkt, und die rationalen Grundbegriffe der
Physik sich auf etwas beziehen, was an sich unsinnlich doch
mit dem sinnlich Erscheinenden unzertrennlich verknüpft ist,
wie Zeit, Raum, Bewegung, Eraftäusserung. Er nennt aber
seine Gedanken über diese Erörterungsobjecte der allgemeinen
Physik nur darum nicht metaphysische Gedanken, weil jene
Objecto keine spirituellen Realitäten, und demzufolge für ihn
keine Objecto geistiger Intuition, sondern einzig ratiocinativer
Zergliederung sind. Wären sie Objecto geistiger Intuition, so
müssten sie in Gott urhaft aufgehoben sein, was aber nach
Baco zufolge der absoluten Geistigkeit oder Unsinnlichkeit
Gottes unmöglich ist. In Gott sind nur die Gedanken der
Dinge aufgehoben, an welchen die von der allgemeinen Physik
zergliederten Modalitäten derselben als denknothwendige Be-
stimmtheiten derselben erscheinen; wir denken aber diese Be-
stimmtheiten nur darum, weil sie sich zugleich mit den Objecten
der sinnlichen Erfahrungswelt uns unabweislich aufdringen.
Von einer metaphysischen Deduction jener Bestimmtheiten ist
bei Baco schlechthin keine Rede, sondern bloss von einer ratio-
cinativen Feststellung des mit ihnen zu verbindenden richtigen
Begriffes. Dagegen macht aber das metaphysische Denken,
ohne dass es Baco zugestehen will, bei seinen Erörterungen
über das Einzelne und Individuelle als solches seine Rechte
geltend. Es ist nicht Verwerfung einer metaphysischen Natur-
Die Psycholoffie, Erkenntniis- und WiBMnichftftslfthre des Boger Baco. 565
erklfirong, sondern nur eine anders modificirte Art derselben^
wenn er unter kritischer Abthuung der von ihm verworfenen
metaphysischen Bedeutung der Universalien das Singulare als
Solches als das wahrhaft Seiende und desshalb Wirkungs&hige
erklärt Die Materie ist ihm nicht reine Passivität, sondern Strebe-
verlangen (Conatus), welches durch die Formation der Materie
activ gemacht und seiner ursprünglichen Unbestimmtheit entrissen
zu einem Streben bestimmter Art gemacht wird. Dieses Streben
bestimmter Art entspricht der bestimmten Natur des Individuums
d« h. des Compositums aus einer bestimmten Form und aus einer
bestimmten Art der Materie, welche letztere nirgends in ihrer
unbestimmten Allgemeinheit, sondern allüberall als eine indi-
viduell bestimmte existirt, obschon man wegen des Zusammen-
treffens vieler Individuen in einer gemeinsamen Form auch be-
stimmte Arten der den verschiedenen Formen entsprechenden
Materien anzunehmen hat. Der Denkzusammenhang der Welt^
lehre Baco's nöthiget uns, zwischen ursprünglichen und abge-
leiteten Arten der Materie zu unterscheiden, d. h. zwischen
solchen Arten, die zugleich mit den Formen, in welche jede
derselben hineingebildet ist, durch einen ursprünglichen Crea-
tionsact gesetzt sind, und zwischen Materien, welche, wie jene
der irdischen Sonderwesen durch Superformationen der schon
vorhandenen sublunaren und irdischen Stofflichkeit gebildet
worden sind. Denn wir wissen bereits, dass für jede besondere
Wesensspecies auch eine besondere Art der Materie vorhanden
sein muss. Aus dem Gesagten folgt, dass die Engel, die himm-
lischen Körper und die Elementarkörper der sublunaren Welt un-
mittelbar durch Gott geschaffen sein müssen, während bezüglich
der verschiedenen Arten der tellurischen Sonderdinge ange-
nommen werden könnte, dass sie durch die Einwirkungen der
siderischen Welt aus der elementarischen sublunarischen Stofflich-
keit educirt worden seien, wenn nicht die Bedeutung, welche Baco
der Singularität als solcher beilegt, es nothwendig machen würde,
fiir alles Individuelle und Singulare, was die tellurische Sphäre
in sich fasst, gleichfalls eine primitive Creation durch Gott
anzunehmen, ^ und nur die Propagation der durch den göttlichen
Willen primitiv gesetzten Typen der verschiedenen Wesens-
* Prima individna animaliam et plantarnm non fuerunt generata sed vel
creata vel plasmata. Op. maj., p. 292.
37*
566 Werner.
species den Einwirkungen der siderischen Potenzen anheim-
zugeben. Baco steht, soweit er an diesem Verhältniss zwischen
himmlischer und sublunarischer Welt festhält, unter dem Ein-
flüsse der antiken Kosmologie und Physik, während sich in
seiner Betonung der Bedeutung des Individuellen und Singa-
lären der christliche Gedanke geltend macht. Dieses Ge-
dankenmotiv scheidet seinen Individualismus von dem empi-
ristischen Singularismus der Nominalisten ab, welcher auf die
Verwerfung der von Baco wenigstens relativ anerkannten meta-
physischen Bedeutung des Allgemeingedankens gegründet war.
Aber sowohl Baco als auch die mittelalterlichen Nominalisten
halten an der antiken Auffassung des Verhältnisses zwischen
himmlischer und irdischer Welt fest, und stehen daher in ebem
ihnen Beiden gemeinsamen Qegensatze zu Nikolaus von Cusa,
welcher durch die speculative Begründung, die er seinem In-
dividualismus gab, die Schranken der antiken Kosmologie durch-
brach, und bereits auch die physikalische Unrichtigkeit des
geocentrischen Weltsystems andeutete. Baco blieb durch sein
Festhalten am Geocentrismus innerhalb die Qränzen der mittel-
alterlichen Weltanschauung gebannt, während der Cusaner durch
seinen speculativen Individualismus den ersten Schritt über
dieselbe hinausthat. Baco's Individualismus ist nicht jener des
speculativen Gedankens, sondern einfach nur jener des christ-
lich-religiösen Creationsgedankens unter Verzicht auf den noch
ausserhalb seines Denkbereiches liegenden Versuch einer Ver-
mittelung der generischen Allgemeinheit mit der individuellen
Besonderheit in einem über beide hinausliegenden höheren
Denkelemente, in welches sich Nikolaus von Cusa durch seinen
speculativen Individualismus aufschwang, ohne freilich über
eine ontologisch abstracto Fassung und Lösung des von ihm
aufgegriffenen philosophischen Denkproblems hinauszugelangen.
Baco begnügte sich zufolge seines grundsätzlichen Empirismus
mit einem physikalischen Dynamismus^ der ihm die unmittelbare
Gewährschaft für die Richtigkeit seines Individualismus bot;
und ihm auch die orientirenden Gesichtspunkte für die Er-
mittelung des richtigen Verhältnisses zwischen Stoff und Form
als den grundhaften Componenten alles geschöpflichen Daseins
darbot. Denn alle Kraftwirkung geht von einem bestimmten
Centrum aus, welches als solches einen bestimmten Ort ein-
Die pNycboIogie, Erkenntniss- nnd Wissenscliaftslehre des Roger fiaco. 567
nimmt; und ein individuelles Dasein als Sitz und Hort der
Kraftwirkung involvirt. Eben hieraus folgt aber zugleich auch,
dass nur innerräumliche oder physische Existenzen Gegenstand
unserer geistigen Erforschung sein können, während die über-
räumlichen, illocalen geistigen Existenzen nur in dem Qrade, als
sie sich durch ihre Wirksamkeiten vemehmbar machen, und nach
den denknothwendigen Analogien ihres Seins und Wesens mit
jenem der sinnlichen Existenzen erkennbar sind. Dass wir diess
von ihnen wissen, verdanken wir nach Baco schliesslich nur der
Offenbarung in der oben schon auseinandergesetzten Weise.
Gleichwohl stehen wir als willensfreie moralische Wesen
ganz und gar im Bereiche jener übersinnlichen Ordnung, deren
Organisation und Gesetze wir im Lichte der inneren und der
historischen äusseren Offenbarung, so wie der aus dem Alter-
thum überlieferten Weisheitslehren zu erkennen haben. Die
Erkenntniss. dieser Ordnung ruht, soweit sie rationale Er-
kenntniss ist, auf der Metaphysik; diese geht für Baco, soweit
sie über die Metaphysik der Körperwelt hinausreicht, ganz und
gar in Theologie und Moral auf. ^ Baco gibt in einem Tractate
über Moralphilosophie, welcher die Schlusspartie seines Opus
tertium bilden sollte, ^ die der Moral mit der Metaphysik ge-
meinsamen Lehren an,^ welche die Unterlage der Moralphilo-
sophie als Rechts- und Pflichtenlehre zu bilden haben. Diese
Lehren sind lauter Lehren derjenigen Wissenschaft, welche
man heute zu Tage die natürliche Theologie nennen würde,
nämlich die Lehren von Gottes Wesen, von Gott als Welturheber
und Weltregenten, von den Engeln und Menschenseelen, von
der sittlichen Ordnung im menschlichen Zeitdasein und von
der ewigen Vergeltung in einem zukünftigen Leben, von den
pflichtgemässen sittlichen Beziehungen des Menschen zu Gott,
zu sich und zum Nächsten, von der Nothwendigkeit eines öffent-
lichen und gemeinsamen Cultes. Wie dieser Cult beschaffen
sein müsse, kann man nach Baco nur aus der Offenbarung
^ VgL bieza die oben S. 519 ff. angegebenen, hierüber orientirenden Bemer-
kungen Baco^s über das Verhältniss zwischen Vernunft und Wille, Intel-
lectus speculativufl und Intellectus practicus.
' In Baco*s handschriftlich vorhandenem Werke de phUosophia morali.
Siehe Charles p. 69 und 246—260.
3 De philosophia morali, c. 1. Aushebung dieser SStze bei Charles p. 260.
568 Wern«r.
wissen; Mittler der wahren und richtigen Erkenntniss des In-
haltes der Offenbarung ist der Papst als Oberhaupt der Kirche
und unmittelbarer Stellvertreter Gottes auf Erden. < Baco spricht
in diesem Satze aus dem unmittelbaren Bewusstsein seiner
Zeit herauS; deren Anschauungen, weil und soweit er in ihnen
lebt, für ihn die Geltung unmittelbarer rationaler Evidenz haben;
es ist ihm undenkbar, wie die nun einmal factisch bestehende
sittliche Ordnung auf Erden, die in der christlichen Gesellschaft
repräsentirt ist, ohne ihre centrale Zusammenfassung in einem
höchsten menschlichen Haupte Bestand haben könnte. Auch
hier berührt sich Baco merkwürdiger Weise mit einem Ge-
danken, welchen Nikolaus Cusanus in seiner späteren, auf das
Basier Concil folgenden Entwickelungsepoche seiner kirchlichen
Anschauungen entwickelte. In einer während des Frankfurter
Fürstentages a. 1442 abgefassten Schrift^ fasst er das Verhaltniss
des Papstes zur Kirche nach Analogie des Verhältnisses Adams
zum menschlichen Geschlechte, Gottes zur Welt. Wie die
Kraft der Einheit der menschlichen Natur aus dem das ganze
Menschengeschlecht umfassenden Adam sich auswickelte, and
Gottes Schöpferkraft in den Geschöpfen sich entfaltet, so die
verschiedenen Abstufungen der kirchlichen Gewalt aus ihrer
ursprünglichen ungeschiedenen Einigung in Petrus, dem gott-
bestellten Haupte der Kirche, welches aber, indem es die ver-
schieden abgestuften besonderen Gewalten aus sich entlässt,
die höchste und universale Gewalt ungeschwächt zu behaupten
fortfährt, und die aus ihm emittirten besonderen, ihrer Natur
nach beschränkteren Gewalten der Patriarchen, Metropoliten,
Bischöfe und Priester umschliessend in sich fasst, so dass es
im Grunde keine Gewalt ausser jener dieses Ersten (des Petrus
und seiner Nachfolger) gibt.
^ Der letzte der siebzehiii ans der Metaphysik zam Unterhan der Moni
entlehnten Sätze lantet: Qaod uni tantum fieri debet revelatio, qnod iste
debeat esse mediator Dei et hominnm et Ticarias Dei in terra, cni snb-
jiciatar totnm genus hominnm, et cui credere debeat sine contradictiooe
.... et iste est legislator et summos sacerdosi qui in spuritaalibns et
temporalibns habet plenitndinem potestatis tanquam Dens hnmanns, nt
dicit Avicenna in 10 Metaph., qnem licet adorare post Denm. De philos.
mor., c. 1.
2 Ad Rodericnm de Trevino Archidiaconnm.
Die Psychologie« Erkcnntniss- and Wissenschaftalehre de« Boger Baco. 569
Baco gliedert die PhiloBophia moralis in sechs Theile^
von welchen indess bis jetzt nur die drei ersten handschriftlich
aufgefunden worden sind. In diesen behandelt der erste Theii
die Principienlehre, der zweite die Gesellschaftslehre^ der dritte
die moralischen Verpflichtungen jedes Einzelnen als solchen. ^
Nach seiner eigenen Angabe verhalten sich diese drei Theile
zu einander, wie Cultus Dei, Bonum commune; Bonum privatum;
hiedurch ist auch die Rangordnung in ihrer Aufeinanderfolge
bestimmt. In der Gesellschaftslehre ^ entwickelt Baco unter
häufiger Verweisung auf Avicenna seine Theorie vom Staate und
dessen fundamentalen Einrichtungen, von den Gesetzen, durch
welche die eheliche Gemeinschaft, das Verhältniss zwischen
Obrigkeiten und Untergebenen, Herren und Dienern, Haus-
vätern und Familiengenossen, Lehrern und Schülern zu regeln
ist Als die drei nothwendigen Factoren zur Feststellung und
Herhaltung der rechtlichen Ordnung im bürgerlichen Gemein-
wesen bezeichnet er die Lenker, die Hilfsorgane der Leitgewalt
und die Gesetzeskundigen. Unnütze, arbeitsscheue Glieder der
bürgerlichen Gesellschaft sollen nicht geduldet, sondern aus-
gewiesen und unter besondere Aufsicht gestellt werden. Der
Staatsschatz, dessen Einkünfte in gesetzlich festgestellten Ab-
gaben, Strafgeldern und Kriegsbeute bestehen, soll neben der
Bestreitung der übrigen für das Gemeinwohl nöthigen Ausgaben
auch den Alten und Gebrechlichen zu Gute kommen; auch
die Lehrer des Gesetzes müssen durch denselben sustentirt
werden. Baco verbreitet sich weiter über Erbschaftsrecht und
Testamente, Verträge und Processsachen; keine Art unsolider
Schwindelei soll geduldet, Glückspiele und andere auf Aus-
beutung und Corrumpirung der bürgerlichen Gesellschaft ab-
zielende Unternehmungen sollen verpönt sein. Auch auf die Straf-
justiz und das Kriegswesen wirft er einen flüchtigen Blick.
Für die Succession in der Herrschaft soll Sorge getragen sein;
Baco erklärt sich für die durch Wahl zu bestimmende Suc-
cession. Der Staatslenker heisst bei ihm stets Legislator; er
^ Aach im Opus tertium (c. 14) scheidet Baco die Moralphilosophie in sechs
Theile. Der Inhalt des yierten und fünften Theiles bezieht sich auf die
Ekklesiastik ; der sechste Theil handelt de causis ventilandis coram judice
inter partes, at fiat jastitia.
3 Philos. mor., c. 7. Vgl. die Auszüge bei Charles p. S44 — 347.
5?Ö Werne*.
fasst also die Herrscher der Staaten in einer seiner Auffassung
der päpstlichen Würde analogen Weise auf. Die Freiheit der
Untergebenen wird bei dieser Auffassungsart durch das ihnen
eingeräumte Wahlrecht gewahrt, dessen Entscheidung er als
Gottes Urtheil ansieht; er räumt überdiess dem Volke das
Recht eiU; einen als unfähig und unwürdig Erkannten abzu-
setzen und anstatt desselben einen Anderen zu wählen. Die
bürgerlichen Einrichtungen der Staaten und Reiche können
durch natürliche Ursachen, durch die Philosophie und endlich
unmittelbar durch das christliche Gesetz normirt seinJ Als
natürliche Ursachen bezeichnet Baco die durch die siderischen
Einflüsse bedingten klimatologischen Zustände und psychisch-
physischen Dispositionen der Völker; die philosophische Ge-
setzesweisheit sucht Baco vornehmlich bei den alten Griechen,
unter welchen Plato und Aristoteles als philosophische Gesetzes-
lehrer hervorragen. Aristoteles habe ^ die sechs möglichen Formen
der socialen Ordnung vom ethischen Standpunkte eruirt. Es
komme nämlich darauf an, was als oberster Zweck und höchstes
Gut der Societät angesehen werde. Ist es die zukünftige jen-
seitige Seligkeit, so ergibt sich hieraus die Idee der christlichen
Societät, welche auch von Aristoteles und anderen richtig
Philosophirenden, wenn schon nur unvollkommen, erfasst worden
ist. Gilt zeitlich -irdische Wohlfahrt als höchster Zweck, so
können Wohlleben, Reichthum, Herrschaft, Unterjochung der
Völker, Ruhm als Objecte des Begehrens des Volksgeistes die
mannigfaltigen Formen des bürgerlichen Gemein- und Staats-
wesens bestimmen. Indem Aristoteles die Verderblichkeit dieser
Formen zeige und zugleich die Wege zur Abwendung derselben
und der mit ihnen verbundenen Schäden des Gemeinwohles
aufweise, habe er sich als einen ächten Gesetzes weisen bekundet,^
und biete auf wenigen Blättern mehr als das gesammte Corpus
^ Comp. 8tud. phil., c. 4.
2 Baco bezieht sich hier anf Aristot Pol. VII, c. 1 ff.
^ Aristoteles et ejus discipulus Theophrastus omnia compleyenint, ut dicit
M. Tullius qninto Acaderoieornm libro (vielleicht Versehen statt Fin. V, 4),
et ab his habnerant omnes Latini omnes leges principaliter; qnamqaam
Leges XII Tab. faemnt transscriptae ex dictis Sölonia Atheniensis. Sed
dolendam, qaod haec pars philosophiae non est apnd Latinos nsn nisi lai-
caliter, secandnm qnod imperatores et reg«8 statuemnt. Op. tert, c. 14.
Die Psychologie, ErkenntniM- and WisBenseliAftelehre doe BogAr Baeo. 57 1
Juris Romani. Auch im dritten Theile der Philosophia moralis,
in der Lehre von der Privatmoral, ist Baco's Hauptführer Ari-
stoteles, welchem die Lehre von den Tugenden entlehnt ist;
neben Aristoteles werden vornehmlich die moralischen Schriften
Cicero's und Seneca's als unerschöpflich reich an moralischer
Belehrung empfohlen. ^ Die aristotelischen Schriften über Ethik,
Politik und Rhetorik unter Hinzunahme eines dem Aristoteles
beigelegten Liber de regimine regnorum gelten Baco als der
vollständige Inbegri£F aller sechs Theile der Philosophia Moralis;
er findet bei Aristoteles die christlich-theologische B^ründung
der Philosophia moralis durch die Lehre vom dreieinigen Gotte,
welche Aristoteles theils von seinem Lehrer Plato, nach Aussage
des Liber de regimine regnorum noch vollkommener aus he-
bräischen Schriften und in persönlichem Verkehre mit den He-
bräern kennen gelernt habe. Seinen Charakter als Lehrer er-
habener Weisheit habe er nicht bloss durch Wort und Schrift,
sondern auch durch die That bewährt, indem er am Abend
seines Lebens mit seinen erlesensten Schülern Besitz und Heimath
verliess, um ausschliesslich der meditativen Beschauung, der Er-
wägung der göttlichen, ewigen Dinge und der jenseitigen zu-
künftigen Welt zu leben.
Baco denkt, wie wir oben^ hörten, nichts weniger als
vortheilhaft vom römischen Rechte; er bezeichnet es gleich
den in den meisten Ländern und Reichen bestehenden beson-
deren Gesetzgebungen als ein unphilosophisches Laienrecht,
welches rein natürlichen, und so weit es in den Erlässen der
Regenten begründet ist, zufälligen Ursprunges sei, und auch in
seiner Exsequirung auf eine rein mechanische, d. i. handwerks-
mässige Weise gehandhabt werde. Er stösst sich desshalb' an
dem Umstände, dass das römische Recht durch Kleriker gelehrt
^ Legantnr decem libri Etbicoruin Aristotelis et inuumerabiles Senecae et
Xallü et aliorum, et iiiTeniemus, quod somiis in abyase yitiorum, nt
dicamns: Gratia Dei salvavit nos. Summns enim zeloa castitatis et man-
anetadinia et patientiae et conatantiae et omniam virtutam fait apnd
philoaophoa. Nam non eat homo in aliqao vitio ita abaorptua, quin ai
legeret diligenter libroa hoa, illnd vitinm dimitteret; qnoniam ita potenter
alle^ant pro qualibet virtate, et contra quodlibet yitiiim quod non eat
finia. Op. tert., e. 14.
3 Siehe oben S. 508, Anm. 2.
> Comp. atad. phil., c. 14.
572 Werner.
werde^ oder dass die völlig weltlich lebenden Lehrer desselben
als Kleriker gelten wollen. Den Klerikern zieme es, sich dem
allgemein giltigen kirchlichen Rechte zu widmen, über dessen
Verhältniss zum weltlichen Rechte uns Baco freilich einiger-
maassen im Unklaren lässt. Wenn er < sagt, dass ein Reich,
welches gute Qesetze habe, nach Erkenntniss des besten Rechtes,
welches eben das christliche Recht ist, schuldig sei, dasselbe mit
Aufgebung des bisherigen anzunehmen, so möchte man daraus
folgern, dass den weltlichen Gesetzgebungen schlechthin das geist-
liche Recht der Kirche substituirt werden solle, oder wenigstens
erstere in absoluter Unterordnung unter das allgemeine kirchliche
Qesetz nur so weit fortbestehen dürfen, als die besonderen Landes*
Verhältnisse eine speciell modificirte Application desselben noth-
wendig erscheinen lassen. Baco scheint hier seinem philosophischen
Individualismus untreu werden zu wollen, und hat jedenfalls
noch keine Ahnung von der Herausbildung der besonderen
Staaten und Reiche als selbstständiger Individualitäten aus der
allgemeinen christlichen Völkerfamilie. Ihm ist, wie seiner Zeit,
die Idee des Culturstaates noch völlig fremd, weil alle Cultur
dazumal wesentlich noch die ausschliesslich kirchliche war; er
kennt noch keine Ablösung der Rechtsidee von der Sittlich-
keitsidee und beider von der religiösen Idee, und hat also auch
noch keine Ahnung von der weltgeschichtlichen Bewegung^
deren Verlauf ein relatives Auseinandertreten der von jenen
drei Ideen umfassten Qebiete herbeiführen sollte, um eine in
der Idee des Menschenwesens vermittelte Einigung derselben
anzubahnen. Daher seine Glorification des allerdings in seinem
Jahrhundert im Zenith seiner Machthoheit stehenden Papst-
thums; das Papstthum ist ihm nicht nur wie jedem Katholiken
für immer und alle Zeit die höchste Würde auf Erden, sondern
der Papst zugleich auch der oberste Weltherrscher und Regent
der Reiche.*
1 Pilos. mor.| c. 7 : Si aliqua civitas vel regnum bonaram ait consütatioDam
et legis, hoc uon adyersator ei, quin debeat recipere aliam legem, cajas
institntio quam optima est, quare dilatanda est per totam orbem, et in
hoc yerbo lex christiana innaitur.
' Sapientia humana ordinat hominem in yitam aeternam secundam posribili-
tatem philosophiae, et probat, qnod lex debet a solo Deo revelari, et uni
legislatori perfecto, qui est Ticarius ejus in terra, et qni habet toti mando
Die Psychologie, Erkenntnist- und Wittensebaftelehre dee Roger Baeo. 573
Die dem Papsttbum dargebrachte Huldigung steht bei
Baco in engster Verbindung mit seinen Plänen und Bemühungen
um Verwirklichung seines Wissenschaftsideales^ die er einzig
mit Hilfe des weltmächtigen allgebietenden Papstthum durch-
fuhrbar erachtete. Er spricht diess in dem Uebersichtsplane der
vierten Abtheilung seiner Philosophia moralis aus. ^ Sein Wissen-
schaftsideal ist die Aufnahme der gesammten Menschenweisheit
in die christliche Theologie, welche hiedurch zu einem Tempel
der gotterleuchteten Gesammtwissenschaft werden, und auf das
Fundament einer allumfassenden Weltkunde gestellt werden
soll. Da nämlich die geistigen Dinge nach Analogie der sinn-
lichen, die himmlischen nach Analogie der irdischen zu ver-
stehen sind, so muss ein in successiver Erweiterung und Ver-
tiefung begriffener Betrieb der Weltkunde durch sich selbst zu
einer stets vollkommeneren Aufhellung der christlichen Er-
kenntniss und ihrer Mysterien führen, und damit der Sieg des
Christenthums auf Erden über alle von ihm abweichenden
Völkerreligionen angebahnt werden. Baco muthete der Kirche
die Aufgabe zu, das von ihr im Beginne des Mittelalters über-
nommene grundlegende Werk des Unterrichtes und der geisti-
gen Bildung der Nationen durch sich allein mit den ihr un-
mittelbar zu Gebote stehenden geistlichen Kräften fortzuführen
und zu vollenden. Die Geschichte hat gelehrt, dass die Ange-
legenheiten des Unterrichtes und der Bildung, wenn die Völker
durch den erziehenden Einfluss der Religion bis zu einer ge-
wissen Stufe emporgehoben worden sind, selbsteigene Ange-
legenheit der christlichen Gesellschaft werden und das Laien-
thum die specifische Vertretung aller weltlichen Wissenszweige
zu übernehmen hat. Und diess rausste allüberall da eintreten,
wo an die Stelle und auf Grund der von der Kirche über-
lieferten antiken Bildung eine nationale Bildung trat, deren
Entwickelung mit der Erstarkung des Selbstbewusstseins des
Laienthums, und des mit dem geistig geweckten Nationalbe-
wusstsein engst verwachsenen Staatsgedankens zusammenhing.
domioari et omnia regna dUponere; et hie habet legem promalgare et
ordioare de sno snecessore, quem philosophi vocant summiini aacerdotem.
Op. tert, c. 14.
» L. c.
574 Werner.
Die fünfte AbtheiluDg der Pbilosophia Moralis hat es mit
der geistigen Einfiassnahme der Kirche auf das gläubige Laien-
thum zu thuD. Auch hier zeigt sich wieder, dass Baco nur
das geistig noch unentwickelte Laienthum seines Zeitalters im
Auge hat, welches die Kirche nach seiner Ansicht durch die
mündliche Predigt zu leiten und geistig zu beherrschen hat^
Baco hatte noch keine Ahnung von der durch die Erfindung
der Buchdruckerkunst zu bewirkenden geistigen Umwälzung
in der civilisirten Gesellschaft; er konnte also auch nicht von
ferne daran denken^ wie viele andere Mittel geistiger Beein-
flussung und Leitung der religiös-sittlichen Ueberzeugungen
der kirchlichen Predigt an die Seite zu treten hätten, um der
kirchlichen Predigt den von ihm beabsichtigten Einfluss zu
sichern und denselben zu unterstützen. Er zeigt sich übrigens
von der Predigtweise seiner Zeit durchaus nicht befriedigte^
nennt sie unphilosophisch, geziert, der Erkenntniss des wahren
Wesens der ächten Rhetorik entbehrend, und demzufolge aach
ohne Kenntniss der Mittel, den Menschen innerlich zu fassen
und durch die Macht des lebendigen Wortes zu beherrschen.
Er macht nur zu Gunsten einzelner geistlicher Redner eine
Ausnahme, unter welcher er den Berthold von Regensburg
mit Namen hervorhebt.
Baco unterscheidet zwischen der Rhetorica docens und
utens; die erstere weist er der Logik, letztere der Musik zu,
und sieht in der Musikkunst, diese im weitesten Sinne ver-
standen, ein Hauptmittel der Kirche in ihrer Wirksamkeit auf
Sinn, Gemüth und Ueberzengung der Gläubigen.^ Baco gibt
sich den weitestgehenden und höchstgesteigerten Erwartungen
über die Macht und Wirkung einer vollkommen ausgebildeten
Musikkunst hin, und scheint die poetisiFenden Erzählungen
^ Op. tert., cap. 15 et 75.
' Principalis intentio ecclesiae et ultimus finis est opns praedicationis, ut
infideles ad fidem couyertaDtor et fideles in fide et moribus conserventor.
Sed qoia utrumque modom valgtu ignorat, convertit se ad summam et
infinitam curiositatem, seil, per divisiones Porphyrianaa et per conso-
nantiaa ineptas verbomni et claosularum, et per concordantias rocales, in
quibuB est sola yanitas yerbosa, omni carens omata rbetorico et virtate
persnadendi. Op. c., c. 75.
> Op. tert, cap. 72—74.
Di« Piyehologie, ErkenntniM- and WisMnsckaftsklure des £oger Bmo. 575
des Alterthums hierüber als beglaubigte Qeschichte nehmen zu
wollen; er traut der Musik die Eigenschaft zu^ nicht bloss die
Leidenschaften der Menschen zu besänftigen, sondern auch die
Bestien zu zähmen; sie soll ein Mittel sein, lasterhaften Hand-
lungen Einhalt zu thim, die Uebung des Qesanges eines der
vorzüglichsten Gesundheitsmittel sein. Er ho£Ft von einem zu-
künftigen tiefsten Eindringen in die Geheimnisse der Musik-
kunde und von der Erfindung der solchen Einblicken ent-
sprechenden Musikinstrumente Erfolge, in welchen geradezu die
Zustände der verlorenen Paradieseswelt wiederhergestellt er-
scheinen würden. ^ Baco fasst übrigens Poesie tmd Musik in
unzertrennlicher Einheit, und erkennt nur in demjenigen einen
wahrhaften Musiker, welcher sich zugleich exact auf die Gesetze
der Metrik und Rhythmik versteht. Daneben verlauten wieder
die üblichen Klagen über den in letzterer Zeit eingerissenen
Verfall der kirchlichen Poesie und Musik; die Kenntniss der
Gesetze der Metrik und Rhythmik sei den heutigen Hymnologen
und kirchlichen Dichtern unbekannt, an die Stelle der aus der
Kirche überkommenen Harmonia enharmonica, welche die schöne
Mitte zwischen der rauhen, abgerissenen Harmonia diatonica
und der verweichlichten schnörkelhaften Harmonia chromatica
einhalte, sei das ungeordnete Gefallen an letzterer getreten, der
Gesang werde durch geschmacklose Künsteleien zur Unnatur
verzerrt, man vernehme widerliche Falsetstimmen. Auch hierin
sei also der kirchlichen Reformarbeit reichlicher Sto£F geboten.
Baco lässt alle höheren geistigen Bestrebungen in der Musik
als schlechthin Höchstem gipfeln, welches über alles mensch-
liche Denken und Selbstthun hinausgreifend ^ den Menschen
mit göttlicher Gewalt ergreife und über sich selbst erhebe, um
ihn der Macht des Göttlichen vollkommen dienstbar zu machen. ^
^ Gerte raperentar bmta in omnem volontatem nostram . . . simUiter animi
in quemlibet gradum devotionis raperentar, et in plenom cnjoBlibet vir-
tntis amorem ezcitarentur et in omnem sanitatem et vigorem. Op. tert., c. 73.
2 Mira musicae super omnes scientias spectanda potestas. Kam, nt ait
Boetina, aliae scientiae veritatis investigatione laborant; haec vero non
Bolnmmodo specnlationi sed moralitati coxgancta est, et naturam permntat
universam. l. c.
3 Sic beatos Fanciscus jussit fratri cytharistae at dolcius personaret, qoa-
teuus mens excitaretur ad harmonias coelestes, quas planes audivit. 1. c.
576 Werner. Die Fsjchologie, ISrkenntoiss- a. WiMenscliAftslehre d. Koger Baeo.
DieBO Auffassung steht in vollkommenem Einklänge mit Baco's
philosophischer Gesammtanschau ung^ mit seiner Vorliebe fiir
die Mathematik; mit seiner Betonung der moralisch-praktischen
Zwecke aller Bildung und Cultur^ mit seiner Ansicht von der
gleichsam theoleptischen Natur alles höheren Denkens und
ErkennenS; und seiner Abneigung gegen die auf die meta-
physische Wahrheit und Geltung des AUgemeingedankens ge-
gründete Vernunftwissenschaft der Scholastik. An die Stelle
der geistigen Apprehension der göttlichen Allgemeingedanken
als des wesenhaften Geistgehaltes der Dinge, tritt bei ihm die
Apperception von Harmonien, deren tönende Componenten die
singulären Dinge als solche sind, und gemäss der göttlichen
Weltconception zu einem planvoll gedachten Ganzen sich zu-
sammenfügend eine wundervolle Tonschöpfung, ein Gedicht
ewiger göttlicher Gedanken darstellen. Baco entdeckte jedoch
nicht den Zauberstab, der die wirklichen Dinge geistig berührend
in Offenbarungen schöpferischer göttlicher Gedanken sich ver-
wandeln macht; fiir ihn, den grundsätzlichen Empiristen blieb
jene wundervolle Harmonie ein blosses Postulat, eine blosse
Denkahnung, die erst dem ideal durchgeisteten Vernunftdenken
sich in eine lebendige Denkerfahrung, in eine wirkliche Appre-
hension der dem sichtbaren Weltganzen und der gesammten
Schöpfung eingegeisteten göttlichen Harmonien umzusetzen ver-
mag. Ihm fallen göttliche Inspiration und menschliche tsxvt;
unvermittelt auseinander; und so kam es gewissermaassen von
selbst, dass sein geistiges Beginnen, so gross es angelegt war,
von der auf die Selbstmacht des scholastischen Vernunftdenkens
sich stützenden Albert'schen Schule zurückgedrängt wurde, in
einem späteren Jahrhundert aber, wo die von ihm anticipirten
Gedanken mächtig wieder auflebten, bereits von der vorge-
schrittenen Zeitrichtung überholt erschien. An Bewunderem
und an Gläubigen hat es ihm in den auf das Mittelalter nächst-
folgenden Jahrhunderten nicht gefehlt; das wahrhafte und
bleibende Interesse an ihm kann jedoch nur das historische
sein, welchem gemäss seine geschichtliche Erscheinung aus den
Zuständen des Zeitlebens seines Jahrhunderts verstanden wird.
SITZimGSBERICHTE
DBB
KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN
PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE CLASSE.
XCIII. BAND. IV. HEFT.
JAHRGANG 1879. — APRIL.
IX. SITZUNG VOM 2. APRIL 1879.
Von der k. prenssischen Akademie der Wissenschaften in
Berlin wird der erste Band des Werkes: ^Politische Correspon-
denz Friedrichs des Grossen'^
von Herrn Hofrath M. A. Ritter von Becker in Wien
das fünfte Heft des zweiten Bandes der »Topographie von
Niederösterreich' übersendet.
Die k. bayrische Akademie der Wissenschaften in München
macht Mittheilung von den beiden Aufgaben^ welche zur Be-
werbung um den von Herrn Christakis Zographos in Konstanti-
nopel gestifteten Preis ausgeschrieben wurden.
Ferner zeigt dieselbe an, dass sie die ihr zur Verfügung
gestellte Zinsenmasse der Savigny-Stiftung für die Jahre 1877
und 1878 als Preis ausgesetzt habe für die Lösung einer Auf-
gabe, deren Thema lautet: ,Die Formeln des Edictum perpetuum
(Hadrianum) in ihrem Wortlaute und ihrem Zusammenhanget
Der Obmann der Grabreliefs-Commission Herr Hofrath
Ritter von Birk legt einen Bericht des c. M. Herrn Directors
Dr. Conze in Berlin über den Stand des Grabreliefunter-
nehmens mit dem Ersuchen um seine Veröffentlichung in dem
Anzeiger vor.
Das w. M. Herr Hofrath A. Ritter von Krem er in Cairo
übersendet eine für die Sitzungsberichte bestimmte Abhandlung
welche den Titel führt: ,Ibn Chaldun und seine Culturgeschichte
der islamischen Reichet
Von Herrn Dr. Adolf Bachmann, Privatdocenten der
Geschichte an der Prager Universität, werden ,Urkunden und
Actenstücke zur österreichischen Geschichte im Zeitalter Fried-
richs ni. und König Georgs von Böhmen 1440 — 1471' mit dem
Ersuchen um ihre Aufnahme in die ,Fonte8 rerum Austriaca-
rum' eingesendet.
Sitrangsber. d. phil.-Utt Gl. XCm. Bd. lY. Hft. 38
680
Das w. M. Herr Hofrath Dr. Sickel le^ eine für die
Sitzungsberichte bestimmte Abhandlang anter dem Titel: ,Bei-
träge zur Diplomatik VU; Kanzler und Recognoscenten bis
zom Jahre 953* vor.
Das w. M. Herr Professor Dr. Hartel legt eine für die
Denkschriften bestimmte Abhandlung des c. M. Herrn Professor
Kviöala in Prag vor, welche betitelt ist: ^Studien zu Euripides
mit einem Anhang Sophokleischer Analecta'.
An Druoksohriften wurden vorgelegt:
Acad^mie royale des Sciences, dea Lettres et dea Beanx-Aris de Belgiqne:
Bnlletin. 48« Ann^e, 2* S^rie, Tome 47. Nros. 1 et 2. Bnizelles, 1879; 8^
— des InscriptioDS et Belles-Lettres : Comptes rendiis des Seances de
TAnn^e 1878. IV* S^rie. Tome VI. Balletin d*Octobre k D^cembre.
Paris, 1879; 8».
Akademie, königl. Prenssische, der Wissenschaften zn Berlin: Monatsbericht
December 1878. Berlin 1879; 8«. — Politische Correspondenz Friedrichs
des Grossen. I. Band. Berlin 1879; 4». — Ueber die Anfänge des Axami-
tischen Reiches; von A. Dillmann. Berlin, 1879; A^ — Eim'ges cur
Japanischen Dicht- und Versknnst Ton W. Schott. Berlin, 1878; 4^.
Becker, M. A.: Topographie von Niederosterreich. II. Band. 5. Heft.
Wien, 1879; 40.
Bnrean, k. statistisch -topographisches: Beschreibnng des Oberamts Tutt-
lingen. Stuttgart, 1879; 8«.
Geschichts- nnd Alterthnms- Verein sni Leisnig: Mittheilnngcn. V. Heft
Leisnig, 1878; 8».
Gesellschaft, Deutsche morgenl2mdische : Abhandlungen für die Kunde des
Morgenlandes. VII. Band. Nr. 1. Leipzig, 1879; 8^
— historische, in Basel: Finanzverhältnisse der Stadt Basel im XIV. und
XV. Jahrhundert von Dr. Gustav Schönberg. Tübingen, 1879; 8"».
— fQr Salzbnrger Landeskunde: Mittheilungen. XVIII. Vereinsjahr 1878.
Salzburg; 8«.
Mittheilungen aus Jnstus Perthes* geographischer Anstalt von Dr. A.
Petermann. XXV. Band, 1879. IIL Gotha; 4^
Oppert, Gustav, Ph. D.: On the Classification of Langnages. Madras, London,
1879 ; 8«.
,Revuo politique et litt^raire* et ,Revue scientifique de U France et de
FEtranger*. VIII« Annie, 2« S4rie. Nros. 38 et 39. Paris, 1879; 4*.
Kren er. Ibn Chaldnii und seine Cnltorgescbiclite der ielamiseb«!! Reiche. 581
Ibn Chaldun und seine Culturgeschichte der
islamischen Reiche.
Ton
A. von Kremer,
wirkliebem Uitgliede der k. Akademie der Wistenschafteii.
I.
Leben und Werke.
JJbs ist eine beachtenswerthe Erscheinung im orientalischen
Mittelalter^ zu einer Zeit, wo die grosse Geistesthätigkeit des
arabischen Volkes schon ihren Gipfelpunkt überschritten hatte
and von allen Seiten die Anzeichen des Verfalles sich be-
merkbar machen^ einen kühnen, selbstständigen Denker auf-
treten zu sehen, der, den Entwicklungsgang der Civilisation
beobachtend, eine fär jene Zeit ebenso originelle als grossartige
Geschichtsauffassung sich zu bilden verstand.
Ibn Chaldun ist der Name des hervorragenden Mannes,
der unter den Historikern des Morgenlandes unbestritten die
erste Stelle behauptet, weil er nicht nur die Geschichte der
islamischen Völker nach einem ganz neuen und selbstständigen
Plane schrieb, sondern auch der Culturgeschichte seine be-
sondere Aufmerksamkeit widmete, und, wie er nicht ohne
Selbstgefühl hervorhebt, sie eigentlich erfand und begründete.
Die bewegte Zeit, in der er lebte, die einflussreiche j^olle,
welche er als Staatsmann und Gelehrter spielte, mögen viel
dazu beigetragen haben, seinem Geiste diese Richtung zu geben.
Geboren in Tunis im Jahre 1332 und einer der ange-
sehensten Familien von Sevilla entsprossen, nahm er schon in
seinem zwanzigsten Lebensjahre die Stelle eines Secretärs bei
dem über Tunis damals wenigstens dem Namen nach die
Herrschaft ausübenden Sultan Abu Ish^^ II. aus der Dynastie
der Haf^iden ein. Bald aber verliess er diese Stellung iind
begab sich nach Fez, der Hauptstadt der Sultane aus dem
38»
582 ' Kremer.
GescUechte der Meryniden. Hier erhielt er eine Stelle im
Secretariate des Sultans Abu 'Inän, fiel aber bald in Ungnade,
ward in den Kerker geworfen und erlangte die Freiheit erst
nach dem Tode des Sultans im Jahre 1358, worauf er wieder
eine nicht unwichtige politische Rolle spielte und schliesslich
von dem neuen Herrscher zu seinem Geheimsecretär ernannt
ward. Ein Aufstand stürzte den Sultan und unter dem neuen
Gewalthaber gerieth Ihn Chaldun in eine schwierige Stellang.
Er wandte sich (1362) nach Spanien, wo Ibn Ali^mar, der
König von Granada, dem er früher wichtige Dienste geleistet
hatte; ihn mit offenen Armen empfing. Ein Jahr später begab
er sich als Gesandter seines neuen Herrn nach Sevilla, der
Stadt seiner Ahnen, zu Peter dem Grausamen, König von
Castilien, bei dem er die zuvorkommendste Aufnahme fand.
Der König machte ihm den Antrag, an seinem Hofe zu bleiben
und wollte ihm sogar die in Sevilla gelegenen früheren Besitz-
thümer seiner Familie zurückerstatten.
Nach Granada zurückgekehrt, lebte er in den angenehm-
sten Verhältnissen, bis eine Verstimmung zwischen ihm und
dem Wezyr Ibn Chatyb ihn veranlasste, wieder nach Afrika
zurückzukehren (1365). Er Hess sich in Bigäja (Bougie) nieder,
wohin ihn der Haf^iden-Prinz Abu Abdallah eingeladen hatte.
Doch auch hier währte seine Ruhe nicht lange, denn ein
benachbarter Machthaber, der Fürst von Constantine, eroberte
die Stadt. Nur kurz verblieb Ibn Chaldun unter dem neuen
Fürsten und wandte seine Schritte nun nach Telmesan (Tlemsen),
wo er von dem Gebieter dieser Stadt, dem Prinzen Abu Hammu,
aus der Familie der Abd-alwäd, zum Secretär gewählt ward.
Im Jahre 1370, als sich eben ein Krieg zwischen seinem Herrn
und, dem Sultan von Westafrika aus der Dynastie der Mery-
niden vorbereitete, erbat er sich die Erlaubniss, nach Spanien
zu reisen und erhielt sie auch. Aber im Augenblicke seiner Ein-
schiffung ward er auf Befehl des Meryniden-Sultans Abdal'azjz
verhaftet, erlangte nach kurzem Verhöre die Freiheit, kam
schnell in Gnaden und trat nun in die Dienste dieses Fürsten,
der sich des grossen Einflusses gerne versicherte, den Ibn
Chaldun auf die arabischen Nomadenstämme ausübte, die da-
mals ein sehr wichtiges politisches Element bildeten. Als der
Sultan AbdaPazyz starb, blieb er im Dienste seines Sohnes
Ibn Chaldun und seine CaltnrgeBchichte der isUmlBchen Reiche. 583
Abu Bakr Sa*yd; der jedoch nur unter Bevormundung des
GroBBwezyrs die Herrschaft; führte.
Unterdessen erfolgte seitens des Königs von Granada eine
Einmischung in die innern Angelegenheiten des Meryniden-
Staates, indem er gegen den unmündigen Sultan sich erklärte
und einen Kronprätendenten aufstellte; es entbrannte der Krieg
zwischen Granada und den Meryniden. Der Kampf endete
damit, dass Abu Bakr Sa*yd der Herrschaft entsetzt ward und
an seiner Stelle ein anderer Prinz desselben Hauses den Thron
bestieg.
Unter diesen Verhältnissen erbat sich Ibn Chaldun die
£rlaubniss zur Rückkehr nach Spanien (1374), erlitt aber das
Missgeschick, auf Befehl seines früheren Gönners, des Königs
von Granada, ausgewiesen zu werden. In Afrika angekommen,
befand er sich in einer misslichen Lage. Die Staaten der
Meryniden wollte er nicht betreten und im Gebiete des Sultans
von Telmes&n, den er früher ziemlich schnöde verlassen hatte,
fühlte er sich nicht ganz sicher. Zwar fügte er sich dem Rufe
des Sultans und begab sich nach Telmesan, suchte aber dort
in einem Derwischkloster Sicherheit und benützte die erste
Gelegenheit, sich dem Machtbereiche des Sultans zu entziehen.
Er liess sich mit seiner Familie in l^aPat Ibn Saläma nieder,
einem abgelegenen Städtchen der heutigen Provinz Oran. Hier
blieb er vier Jahre in dem alten Schlosse, dessen Ruinen noch
jetzt sichtbar sind, und hier vollendete er seine Culturgeschichte.
Um Quellenstudien für seine allgemeine Geschichte zu
machen, begab er sich gegen Ende 1378 nach Tunis, wo damals
unter der Herrschaft der Haf^iden ein reges wissenschaftliches
Leben herrschte und in den Moscheen und Lehranstalten
reiche Büchersammlungen angehäuft waren. Der Sultan Abul-
*Abbas selbst nahm lebhaften Antheil an dem Zustandekommen
seines Geschichts Werkes. Er vollendete hier auch den Theil
desselben^ welcher die Berberen und die Zenäta-Stämme, dann
die beiden Dynastien der Omajjaden und Abbasiden, die vor-
islamische Geschichte behandelt und überreichte ein Exemplar
der Bibliothek des Sultans. Nach vierjährigem Aufenthalte
musste er aber wieder scheiden: um einer bei dem Sultan
gegen ihn eingeleiteten Intrigue auszuweichen, erbat er sich
die Erlaubniss zur Pilgerfahrt nach Mekka und segelte, seine
584 Kremer.
Angehörigen zurücklasBend, auf einem gerade im Hafen zur
Abfahrt sich bereit machenden Schiffe nach Alexandrien (1382),
von wo er nach Kairo ging und bald zum Oberrichter (l^&dy)
nach malikitischem Ritus daselbst ernannt ward (1384). Er
entwickelte in dieser Stellung grosse Strenge in Beseitigung
zahlloser Missbräuche, ging gegen die Dywansbeamten^ sowie
gegen die Rechtsgelehrten und professionellen Juristen^ g^g^n
die Bewohner der Derwischzellen, die sich unter dem Scheine
der grössten Frömmigkeit in alle weltlichen Geschäfte ein-
mengten, mit grÖBster Energie zu Werke. Aber er machte
sich auf di^se Art zahllose Feinde, die ihn bei dem Sultan
anschwärzten ; dazu traf ihn ein schweres Unglück, indem seine
Familie, die er zu Schiffe von Tunis kommen Hess, in einem
Sturme unterging. In dieser Lage sehnte er sich nach Erlösung
und erhielt endlich die erbetene Enthebung von seinem Posten.
Seine ganze Zeit widmete er nun wieder dem Studium und der
wissenschaftlichen Arbeit, die nur durch die Pilgerfahrt nach
Mekka unterbrochen ward.
Im Jahre 1400 begleitete er den Beherrscher Aegyptens
nach Syrien auf seinem Feldzuge gegen Tamerlan (Tymurlenk),
gerieth hiebei in dessen Gefangenschaft, erlangte aber bald die
Freiheit, kehi*te nach Kairo zurück, wo er noch mehrmals das
Richteramt bekleidete und am 15. März 1406 im Alter von
74 Jahren starb. —
Den wechselvollen Lebenslauf des Mannes muss man
kennen, um seine Geistesrichtung und seine wissenschaftliche
Thätigkeit zu verstehen. Er lebte in der Zeit des allgemeinen
Zusammenbruches der alten arabischen Welt. An die Stelle
des Chalifenreiches waren schon geraume Zeit vorher zahl-
reiche Sultanate und Feudalherrschaften getreten, die fast fort-
während mit einander in Fehde lagen und die allgemeine
Zersetzung des Bestehenden beförderten. Die Nationalitätsidee
trat schon stark in den Kämpfen der Berberen gegen die
Araber hervor und machte ihre Kraft als staatenbildender
Factor ziemlich deutlich bemerkbar.
Auf die Beobachtung solcher Vorgänge sich stützend,
stellte Ibn Chaldun seine Ansichten auf von dem Entstehen
und dem Verfalle der Staaten und von dem Einflüsse des
nomadischen oder sesshaften Volkselementes; hierauf begründete
Ibn Chaldnn und seine Calturgeschichte der iBlamisrhen Reiche. 585
er seine Auffassung der Geschichte, nicht als Darstellung des
Äufeinanderfolgens der politischen Ereignisse und des Lebens-
laufes der sich ablösenden Dynastien, sondern der geistigen
und materiellen Entwicklung der Völker.
,Die Geschichte hat den Zweck, Nachricht zu geben von
der socialen Gruppirung der Menschheit, das ist: der Gesell-
schaft^ sowie von den verschiedenen Zuständen, welchen im
naturgemässen Wege die Gesellschaft ausgesetzt ist, als: dem
wilden Leben, der Verfeinerung der Sitten, dem Gemeinsinn
der Familie und des Stammes, den verschiedenen Arten von
Ueberlegenheit, welche die Völker gegen einander erwerben
und woraus die Reiche und Dynastien entstehen u. s. w. end-
lich aber von allen Veränderungen, welche die Natur der Dinge
im Charakter dieser Gesellschaft bewirken kann.^ ^
An diese Definition dessen, was er füi* die Hauptaufgabe
der Geschichte hält, knüpft er seine Ansichten über die histo-
rische Kritik. Er bezeichnet als die letzte, aber nicht un-
wichtigste Ursache der vielfachen Irrthümer der Geschichts-
schreiber das mangelhafte Verständniss der Geschichte, die
Unkenntniss der Natur der durch die Gesellschaft geschaffenen
Verhältnisse. ^
Denselben Gedanken entwickelt er weiter, wie folgt:
, Unter so be wandten Umständen ist die Regel, welche man
anwenden muss, um in den Erzählungen die Wahrheit von dem
Irrthum zu unterscheiden und die sich auf die Unterscheidung
des an und für sich Möglichen von dem an und für sich Un-
möglichen gründet, das Studium der menschlichen Gesellschaft,
das ist der Civilisation ; dann die Unterscheidung einerseits
dessen, was in ihrem Wesen und in ihrer Natur begründet ist,
anderseits aber dessen, was accidentell und nicht weiter zu be-
rücksichtigen ist; endlich die Erkenntniss dessen, was von
vorne her ausgeschlossen ist.^^
Mit einer allerdings etwas kindlichen Zuversicht, die je-
doch in der lebendigen Einbildung des Arabers ihre Erklärung
My 71 (56). Die erste Zahl bezeichnet Band und Seite der in den Notices
et Extraits erschienenen französischen Uebersetzung von de Slane, die
zweite gibt die Seite des arabischen Textes.
2 I, 73 (57).
3 I, 77 (61).
586 Kremer.
und Entschuldigung findet^ meint Ibn Chaldun hiemit einen
unfehlbaren Probirstein der Wahrheit entdeckt zu haben: ,In-
dem wir auf diese Art vorgehen^ haben wir eine sichere Regel,
um bei den überlieferten Erzählungen die Wahrheit von der
Lüge zu unterscheiden^ das Echte von dem Falschen^ und dies
durch eine demonstrative Methode, die keinen Zweifel zulässt
Hören wir also von einem Ereignisse, das in der menschlichen
Qesellschaft sich zugetragen haben soll, so sind wir in der
Lage, sofort zu erkennen, was wir als wahr annehmen oder
als falsch zurückweisen sollen. Wir besitzen einen untrüglichen
Probirstein, mittelst dessen die Historiker die Thatsachen mit
Genauigkeit zu prüfen sich unterfangen können/ >
Man sieht, dass auch hier der Orientale und besonders der
unter der strengen Schuldisciplin der scholastisch-dialektischen
Methode stehende Araber zum Nachtheile des unbefangenen
Philosophen sich geltend macht; er stellt eine ziemlich allge-
mein gehaltene Regel auf und will a priori die Ereignisse
nach ihr beurtheilen, ohne zu bedenken, wie schwer es in
jedem gegebenen Falle ist, die Wahrheit zu erkennen, wie un-
möglich aber, die allgemeinen Kriterien derselben fäv alle Fälle
im Voraus zu bestimmen und dieselben in eine untrügliche
Formel zu fassen. Allein sehen wir von diesen Schwächen ab,
so werden wir doch in diesem Streben des arabischen Staats-
mannes nach Erkenntniss des Gesetzes der Geschichte eine
seltene Selbstständigkeit des Forschens und Denkens aner-
kennen müssen, die allein schon genügen, ihm eine hervor-
ragende Stelle imter den Geschichtsphilosophen des Mittelalters
anzuweisen, deren Reihe zu eröffnen sein unbestrittenes Ver-
dienst bleibt.
Auch darf nicht übersehen werden, dass trotz des Weges
der Deduction, welchen Ibn Chaldun mit Aufstellung der obigen
Regel zu betreten scheint, er sorgfältig die Thatsachen anzu-
führen bedacht ist, aus welchen seine Lehren ihre Bestätigung
erhalten. Er geht daher, im ganzen betrachtet, vorzüglich
inductiv vor, wie schon allein daraus erhellt, dass er, um seine
allgemeinen Ideen über Philosophie der Geschichte zu be-
gründen, umfassende Geschichtsstudien machte, deren Ergebnisse
1 I, 77 (61).
Ibn Chaldnn und feine Caltorgeeehichte der ielamisehen Reiche. ö87
in seiner allgemeinen Geschichte vorliegen. Dem vergleichenden
Ueberblicke der Thatsachen legte er den höchsten Werth bei;
was ihn jedoch nicht behinderte^ auch auf speculativem Wege
die Theorien begründen zu wollen, die er auf empirischem
Wege gefunden hatte.
Es ist also ein berechtigtes Selbstgefühl, wenn er von
seiner Arbeit sagt: ;Es ist dies eine Wissenschaft für sich,
denn sie hat vor allem ein ganz bestimmtes Object, nämlich
die Civilisation und die menschliche Gesellschaft, dann handelt
sie ferne rs von den verschiedenen Fragen, die dazu dienen,
allmälig Thatsachen zu erklären, welche mit dem Wesen der
Civilisation selbst zusammenhängen. — Die Abschnitte, in welchen
wir diesen Gegenstand behandeln, enthalten eine neue Wissen-
schaft, die ebenso merkwürdig ist durch die Originalität ihrer
Ansichten als durch die Grösse ihres Nutzens. Ich entdeckte
sie durch mühevolle Forschungen und tiefe Betrachtungen.' '
Es darf uns nicht überraschen und wir dürfen es auch
nicht für etwas anders als eine mohammedanische Redensart
ansehen, wenn Ibn Chaldun die neue Richtung der Geschichts-
forschung, welche er einschlägt, einer göttlichen Inspiration und
höheren Leitung zuschreibt, und mit dem Koran verse schliesst:
,Denn Gott leitet mit seiner Erleuchtung den, an welchem er
Gefallen findet'. (Sur. XXIV v. 35.)
Der Selbstständigkeit seiner Geschichtsauffassung ent-
spricht übrigens auch vollkommen der Plan des Werkes, den
er folgendermassen entwickelt: ,Der Mensch unterscheidet sich
von den übrigen lebenden Geschöpfen durch Eigenschaften,
die ihm eigenthümlich sind und hiezu gehören besonders die
folgenden : 1. die Wissenschaften imd Künste, welche ein Pro-
duct der Reflexion sind, wodurch sich der Mensch von den
Thieren unterscheidet; 2. das Bedürfniss einer Autorität, welche
Uebergriffe zurückhält, einer Regierung, die im Stande ist ihn
zu bändigen. Von allen lebenden Wesen ist der Mensch das
einzige, welches ohne dem nicht bestehen kann, denn wenn
auch die Bienen und Heuschrecken^ etwas einer Regierung
ähnliches zeigen, so ist dies doch nur das Ergebniss des
i I, 77 (61, 62).
2 Vgl. Sprüche 30, 27.
588 Kremer.
Instinktes und nicht der Reflexion und Ueberlegung; 3. die
Erwerbthätigkeit und die Arbeit; welche die verschiedenartigsten
Lebenserfordernisse liefern ; 4. der Associationstrieb, das ist das
Gefühl; welches die Menschen anregt; zusammen zu wohnen,
sei es nun in Städten, sei es unter Zelten. Es veranlasst sie
hiezu der Hang für die Gesellschaft und der Drang ihrer Be-
dürfnisse; denn die Natur drängt sie, gegenseitig sich zu unter-
stützen in der Verfolgung des Lebensunterhaltes ; 5. und 6. der
Zustand der Association in seiner doppelten Form; nämlich
a) dem Nomadenleben und b) dem sesshaften Leben. In beiden
Fällen erfahrt der Zustand der Gesellschaft Veränderungen von
grosser Bedeutung.^
;Diesem Plane entsprechend theilt sich dieses erste Buch
(unseres Geschichtswerkes) in sechs Abschnitte: L über die
menschliche Association im Allgemeinen; über die Verschieden-
heit der Menschenrassen und der von ihnen bewohnten Länder;
2. über die Association bei den Nomaden, unter Besprechung
der halbwilden Stämme und Völker; 3. über die Regierungs-
formen; das Chalifat; das Königthum und die in jedem Reiche
nothwendiger Weise bestehenden Staatsämter; 4. über die cha-
rakteristischen Merkmale der Civilisation des sesshaften Lebens
und über die Bedeutung der Städte und Provinzen hiefür;
5. über die Gewerbe und die verschiedenen Mittel den Lebens-
bedarf zu erwerben und Reichthum zu gewinnen; 6. über die
Wissenschaften und die Mittel sie zu erlernen und sich zu
unterrichten.' *
Es kann nicht der Zweck dieser Abhandlung sein; Ihn
Chalduns oben skizzirten Plan hier weiter zu verfolgen; es
genügt; seinen Gedankengang wiedergegeben zu haben und im
Folgenden das Bild seiner Geschichtsauffassung hieraus zu
entwerfen.
Jedenfalls ist schon aus dieser Anlage des Werkes ersicht-
lich; dass er; ganz in demselben Sinne wie die moderne euro-
päische Wissenschaft; unter Culturgeschichte die Darstellung der
gesammten Thätigkeit eines Volkes auf dem grossen Gebiete
des geistigen und materiellen Schaffens versteht. Und; wenn
uns etwas befremdet; so ist es der Umstand; dass er als
1 I, 85 (68).
Ihn Chaldan nad seine CnltnrKesehicbte der islamischen R«icbe. 589
Mohammedaner der Religion, als wichtigem culturgeschicht-
lichem Elemente, in seinem Plane keinen Platz einräumt und
im Verlaufe des Werkes zwar deren Bedeutung als politisches
Element anerkennt, aber die metaphysische, transcendentale
Seite gänzlich unberücksichtigt lässt. Auch in diesem Punkte
ist Ibn Chaldun der erste Vertreter einer Geistesrichtung, die
im Abendlande erst ein halbes Jahrtausend später sich Geltung
errungen hat.
II.
Einwirkung yon Klima and Ernährung auf die körperliche
und geistige Entwicklung.
Nach den Ausführungen des arabischen Culturhistorikers
ist mit Sicherheit zu erkennen, dass er den materiellen
Vorbedingungen des Lebens einen grossen und nachhaltigen
Einfluss auf die Ausbildung des Rassentypus, der geistigen
und körperlichen Bef&higung der Völker zuschreibt. Diese in
unserer Zeit neuestens vielseitig beleuchtete Frage ist also
schon vor fünfhundert Jahren von Ibn Chaldun besprochen
worden.
Allerdings ward derselbe Gedanke noch früher, aber
auch in unbeholfenerer Weise von dem bekannten Schriftsteller
Gahiz zum Ausdrucke gebracht, der in einer seiner Schriften,
gelegentlich der im Koran erwähnten plötzlichen Verwandlung
von Menschen in Thiere, sich hierüber in längere Erörterungen
einlässt. Er fasst die Meinungen der Philosophen (dohrijjah)
zusammen, wovon besonders die hervorzuheben ist, dass, wenn
auch eine plötzliche Umwandlung (mash) unmöglich erscheine,
doch eine allmälige Umgestaltung durch analoge Erscheinungen
in der Natur sich erklären lasse. Es wird darauf hingewiesen,
dass Luft und Wasser in der Länge der Zeiten in der That
einen bedeutenden Einäuss auf die Entwicklung der Menschen
ausüben müssen, wie man dies am besten an den Negern (zing)
und den Slaven (§a]j:alibah), sowie an den Bewohnern der
Länder von Jägug und Mägug (der Tartarei) beobachten könne.
— Wir sehen, fügt derselbe Autor hinzu, ähnliche Erscheinungen
an den arabischen Colonisten, die sich in Chorasan ansiedelten.
590 Kremer.
ebenso beobachten wir die eigen thümlichen Verhältnisse der
hochasiatischen Länder und wie die Eameele^ die Saomthiere
und air ihre zahmen oder wilden Thiere sich in ihrer Natur
jenen Verhältnissen anpassen; so sehen wir alle auf Gemüsen
oder Blumen lebenden Insecten grün gefärbt^ obgleich sie unter
andern Verhältnissen diese Farbe nicht haben; so sehen wir
in dem vulkanischen Landstriche (^arrah) des Stammes Solaim
alles schwarz gefärbt, sowohl Menschen als Thiere. Von vielen
Personen hören wir erzählen, dass sie Menschen von den naba-
täischen Bewohnern der Landschaft Mesene (maisan) gesehen
hätten, die geschwänzt gewesen seien : wenn auch nicht gerade
so wie das Krokodil oder wie das Pferd, noch wie die Schild-
kröte und der Maulwurf (gardän), so hätten sie doch so ent-
wickelte Steissknochen gehabt, dass sie wie Schwänze aussahen.
— Oft sahen wir auch, fugt Gä^iz hinzu, nabatäische Matrosen
auf den Tigrisschiffen, die wahre Affen schienen, und nicht
selten kann man Leute aus Westafrika zu Gesicht bekommen,
zwischen denen und den Thieren nur ein geringer Unterschied
bemerkbar ist. Es ist natürlich dies den Einwirkungen der
verdorbenen Luft und des schlechten Wassers, sowie des un-
gesunden Bodens zuzuschreiben, wo denn die Bewohner eines
solchen Landstriches, welche aus Anhänglichkeit an ihre Wohn-
sitze den Ort nicht verlassen, unter dem langjährigen Einflasse
dieser äusseren Ursachen so sich umgestalten, dass sie solchen
Haarwuchs, solche rothbraune Färbung und solche affenähnliche
Gestalten bekommen. ^
Ibn Chalduns Ansicht von dem Einflüsse der localen
Verhältnisse auf die Menschen und ihre Cultur ist zwar nicht
ganz so kindlich, stimmt aber im Grunde vollständig hiemit
überein. Er folgt den arabischen Geographen, welche die
bewohnte Erde vom Aequator gegen den Nordpol hinauf in
sieben aufeinander folgende Zonen eintheilen, von welchen
die zwei ersten vom Aequator nordwärts liegenden den Ein-
wirkungen der Sonnenstrahlen und der Hitze in hohem Grade
ausgesetzt sind, und deren Bewohner sich durch dunkle Haut-
farbe auszeichnen, während die zwei letzten, dem Pole zunächst
» Ga^iatKitÄb alhaiwAn fol. 196—196 der Handschrift der Wiener Hof-
bibUothek. Der Text dieser Stellen folgt im Anhange L
rbn Chaldnn vnd Mine Caltnrgeachichte der iiUniBchen Reiche. 591
liegenden sich durch ihre Kälte und die weisse Hautfarbe
der Bewohner unterscheiden. Die Bewohner der mittleren
ZoneU; der dritten, vierten und fünften zeichnen sich sowohl
in ihren körperlichen als geistigen Anlagen durch das richtige
Maass aus. Dies zeigt sich auch in ihrer Civilisation, ihrer
Lebensweise, ihren Wohnungen, den Künsten, Wissenschaften
und Staatseinrichtungen. Sie haben Propheten gehabt, bei
ihnen hat sich das Königthum entwickelt, sowie Dynastien,
Gesetze, Wissenschaften, Städte u. s. w. — Die Völker, welche
diesen Himmelsstrich inne haben, sind die Araber, die Römer,
Perser, Israeliten und Griechen^ sowie die Bewohner Indiens
und Chinas. ^
Um diese Ansicht zu rechtfertigen,- führt Ibn Chaldun
den heiteren, sorglosen, zum Uebermuthe geneigten Charakter
der Neger an, den er aus der heissen Temperatur ihres Landes
erklärt. Der Charakter der Bewohner der Küste Nordafrikas
nähere sich deshalb auffallend dem der Neger, namentlich finde
man ganz ähnliche Charakterzüge in dem Landstriche Biledul-
gerid (Biläd algaryd), der bekanntlich ausserordentlich heiss
ist, und auch bei den Aegyptern, deren Heimat in derselben
Breite mit der eben genannten Gegend liege, könne man diese
heitere Gemüthsstimmung, dieselbe Leichtlebigkeit und Sorg-
losigkeit beobachten. Hingegen haben die Bewohner von Fez
in Westafrika (Marokko) ganz entgegengesetzte Eigenschaften ;
umgeben von rauhen Hochebenen, sind die Einwohner von
Fez das gerade Gegentheil der Aegypter: sie sind ernst, voll
Vorsicht und Fürsorge; während in Aegypten Niemand daran
denkt, für längere Zeit Vorräthe einzulegen, sondern Jeder für
seine täglichen Lebensbedürfnisse sich ' einfach auf den Markt
verlässt, gehen die Fezaner so weit, oft für ein Jahr Vorräthe
aufzuspeichern. ^
Wer in der Lage war, die genannten Länder und deren
Bewohner näher kennen zu lernen, wird Ibn Chalduns Beobach-
tungen nur bestätigen können, denn hinsichtlich des Volks-
charakters der Aegypter, die ich durch langjährigen Aufenthalt
kennen gelernt habe, miiss ich vollständig dem oben Gesagten
t I, 173 (163).
5 I, 176 (156).
592 Kremer.
beistimmen. So elend stets dieses Volk regiert worden ist, so
schwer der Steuerdruck auch ist, der von jeher auf ihm lastet,
so besitzt es doch einen unverwüstlichen Vorrath von gutem
Humor und heiterer Lebenslust, die über alle Bedrängnisse des
Lebens obsiegen. Die Leichtigkeit der Befriedigung der unent-
behrlichsten Lebensbedürfnisse und das milde Klima tragen
hiezu gewiss das Meiste bei. Wie lange aber solche Verhält-
nisse fortwirken, zeigt der Vergleich der heutigen Zustände
mit jenen der Zeit Ibn Chalduns: obgleich zwischen beiden
Zeitpunkten ein halbes Jahrtausend liegt, hat sich hierin keine
wesentliche Aenderung vollzogen. *
Die Nahrungsfrage ist die nächste, mit welcher sich Ibn
Chaldun befasst. Vor allem hebt er die Thatsache heiTor,
dass die Wanderstämme, welche für ihren Lebensunterhalt fast
nur auf die Milch ihrer Heerden und das Fleisch derselben
angewiesen sind, die fast gar keine Cerealien gemessen, in
ihren körperlichen und geistigen Eigenschaften weit überlegen
seien den Bewohnern des Culturlandes, die in verhältnissmässig
viel günstigeren Bedingungen leben. Erstere zeichnen sich
durch gesündere äussere Erscheinung, durch kräftigere und
besser geformte Körper aus, sie haben einen festeren Charakter
und besitzen eine raschere Auffassung.^
An einer anderen Stelle sagt er im Gegensatze hieza
von den Städtern: ,Sie tragen die Schamlosigkeit offen znr
Schau und führen unanständige Reden, ohne sich durch die
Gegenwart ihrer Verwandten oder ihrer Frauen abhalten zu
lassen. Ganz anders ist es im Nomadenleben, wo die den
Frauen entgegengebrachte Achtung es verhindert, dass auch
nur ein unanständiges Wort vor ihnen ausgesprochen werdet ^
Aehnliche Gegensätze zeigen sich auch zwischen den
freien Thieren der Wüste und den zahmen Hausthieren, welche
die fetten Weidegründe bewohnen. Welcher Unterschied zwischen
Gazellen, Antilopen, Straussen, Giraffen, wilden Eseln und den
' Der in den ersten Jahrhunderten in Aegypten stark herrortretende Hang
für ascetiflche Lebensweise, ist nach meiner Ansicht eine Folge der da-
mals durch das Christenthum besonders empfohlenen Enthaltung von
dem Familienleben.
» I, 178 (158).
* II, 303 (268). Vgl. meine Culturgeschichte des Orien» II, 269.
Ibn Cbaldiin vvd seine Cnltnrgeschichte der iBtamischen Reiche. 593
zahmen Thieren, die ihnen am nächsten verwandt sind! Die
Gazelle ist die Schwester der Ziege, die Giraffe des Rameeles^
der wilde Esel und die wilde Kuh entsprechen den zahmen
Thieren desselben Namens, aber wie gänzlich anders sind nicht
beide, sei es hinsichtlich der Glätte des Felles, des Glanzes
der Haarbekleidung, der Körperformen, der Intelligenz ?i
Denn die Art der Ernährung wirkt auch auf die physischen
und moralischen Eigenschaften. In den Gegenden, wo üeber-
fluss herrscht, empfinden das religiöse GefUhl und die Frömmig-
keit die Einwirkung dieser äusseren Verhältnisse. Unter den
Landleuten, sowie den Städtern sind Jene, die ein frugales
Leben führen, die gewohnt sind den Hunger zu ertragen und
der Genüsse sich zu enthalten, viel religiöser gestimmt und
geneigter, sich einem frommen Leben zu ergeben, als die
Reichen und an den Luxus Gewöhnten. Deshalb enthalten die
grossen Städte wenig religiöse Leute, weil man daselbst zu
üppig lebt^ sich dem Genüsse des Fleisches, der Fette und des
Mehles ergibt, während auf dem Lande, wo man sich auf
frugalste Art ernährt, das Gegentheil der Fall ist. ^
Dieser Gegensatz der Einfachheit des nomadischen Lebens
und der Verfeinerung, der Genusssucht, die unter den Ver-
hältnissen des Lebens in festen Wohnsitzen, namentlich in den
Städten sich zeigt, ist nach Ibn Chalduns Auffassung die
treibende Kraft im allgemeinen geschichtlichen Entwicklungs-
gange der Menschheit. Auf der einfachen Lebensweise der
Hirtenvölker beruhen der kriegerische Sinn, die Unternehmungs-
lust, während im sesshaften Leben, namentlich in den Städten,
diese Eigenschaften verloren gehen. Die Nomadenstämme aber
schreiten allmälig von ihrem primitiven Zustande der Sitten-
einfalt zu grösserer Verfeinerung vor, sie werden sesshaft und
bilden nun für sich selbst eine staatliche Gemeinschaft, oder
sie bemächtigen sich durch die Gewalt einer solchen schon
bestehenden und werfen sich zu Herrschern über dieselbe auf,
indem sie hiemit auch dem Nomadenleben entsagen. ^ Unter
« r, 178 (159).
» I, 180 (160).
3 Von den zahlreichen orientalischen Dynastien, welche auf diese Art ge-
gründet wurden, genügt es hier auf die jüngste, nSmlich die der Kat-
scharen zu weisen, die Persien beherrscht.
594 Krener.
der Einwirkung der sesshaften Lebensweise, des Loxus und
der hieraus entspringenden Sitten verderbniss verlieren sie die
Eigenschaften, durch welche sie zur Eroberung und Herrschaft
befähigt wurden, und fallen selbst nun demselben Processe
zum Opfer.
Diese Auffassung des Verlaufes der Geschichte ist offenbar
einseitig, denn nur in den besonderen Verhältnissen des Orients^
bei gering entwickelten Culturzuatänden findet sie ihre An-
wendung, wenngleich wir nicht werden umhin können, Ibn
Chalduns Princip mit solchen Einschränkungen als richtig
anzuerkennen.
m.
Die idealen Ornndlagen des Tolkslebens.
Es gehört zu den Eigenthümlichkeiten der Geschichts-
auffassung Ibn Chalduns, dass er den moralischen Kräften,
den idealen Grundlagen des Volkslebens eine nicht geringere
Wichtigkeit zuerkennt, als den materiellen. Unter dem alles
nivellirenden Einfluss der mohammedanischen Weltanschauung,
welche sprachliche und intellectuelle Verschiedenheit der unter
das Joch des Islams geschmiedeten Völker so vollkonounen zu
missachten geeignet ist, muss es um so mehr überraschen, dass
er das trennende und abstossende Element, welches in der
Rassenverschiedenheit liegt, so scharf aufzufassen und so klar
zu beurtheilen verstand.
Ausser allen materiellen Gegensätzen, wie sie sich schon
aus der Gliederung der Gesellschaft in das sesshafte, städtische
und das ländliche, dem Ackerbau obliegende oder das noma-
dische Element ei^eben, findet er eine rein ideale Kraft, welche
die einzelnen Menschengruppen zusammenhält und diese be-
zeichnet er mit einem Ausdrucke, der am besten durch
Gemeinsinn übersetzt wird und diesen lässt er aus dem
Nomadenleben hervorgehen, in welchem er am wirksamsten
und deutlichsten zum Ausdrucke kommt. '
1 Das Wort 'a^abijjah, welches hier durch Qem einsinn übersetzt wird, gibt
de Slane durch esprit de corps wieder und es entspricht in vielen Fillen
fast ganz dem modernen Ausdrucke ,Nationalitätsidee^ Das Wort selbst,
Ibn Chaldan nnd seine CalturKeäChiclite der itlamtscben Beiohe. 595
Versetzen wir uns in die primitive Epoche des Nomaden-
lebens, wo die einzelnen Menschengi^uppen; jede für sich, ihr
unstätes Leben führten, stets besorgend angegriffen zu werden
und desshalb auch stets bereit Gut und Habe, Weiber und
Kinder, die Heerden und das Gesinde gegen feindliche Ueber-
f&Ue zu vertheidigen. Das Bewusstsein der Zusammengehörig-
keit wirkt unter solchen Umständen um so stärker und um so
kräftiger, da die meisten Mitglieder eines Stammes von Nomaden
in verwandtschaftlichen Beziehungen stehen. Jeder fühlt sich
als Theil des Ganzen und für einen stehen alle ein. Solche
Gefühle bilden sich am kräftigsten bei den Wanderstämmen
der Wüste aus und desshalb sind diese auch so stark und so
furchtbar, denn jeder einzelne Krieger eines Stammes hat nur
einen Gedanken, nämlich den, seinen Stamm und seine Ange-
hörigen zu schützen und zu vertheidigen; wer ohne verläss-
liche Helfer und Gefährten dasteht, muss unterliegen im Kampfe
des Lebens ! *
Da der Gemeinsinn, die Bereitwilligkeit zu gegenseitiger
Hilfeleistung und Unterstützung wesentlich eine Wirkung der
Familienbande, der Verwandtschaft und des Bewusstseins der
gemeinsamen Abstammung sind, so ergibt es sich von selbst,
dass die Heiligkeit der verwandtschaftlichen Beziehungen hoch
gehalten ward, dass man dieselben bis in die entferntesten Ver-
zweigungen verfolgte, denn hiedurch gewann ja der Stamm,
dem man angehörte. Ansehen, Einfluss und Macht dienten
und Sclaven galten als Familienglieder und betrachteten sich
selbst als solche^ indem sie an allen diesbezüglichen Rechten
und Pflichten theilnahmen. In diesem Sinne wird man nun
wohl auch den Ausspruch des Propheten zu würdigen verstehen,
welcher lautet: ,Lernet eure Genealogien, um zu wissen, wer
eure nächsten Verwandten sind^
obwohl von Ibn Chaldtm zuerst in dieser Bedeutung gebraucht, findet
sich bei Ibn Fftris (f 390 H.) dem Verfasser des Mogmal, noch nicht.
Hingegen hat es Oauhary im Sa|^&^ in der Bedeutung von : Parteinahme.
Es ist von 'a^abah abgeleitet, das die Verwandten von vfiterlicher Seite
beeeichnet nnd dieses Wort g«ht auf 'a^ab zurück, das die Muskelbänder
bezeichnet. Die Grundbedeutung der Wurzel 'a^b ist: binden, zusammen-
halten.
1 I, 269 (234).
SitsvngBber. d. phih-hist. CL XCIII. Bd. IT. Hft 39
596 Kremer.
Die grosse Bedeutung, die man im arabischeo Alterthume
nach übereinstimmenden Berichten der Kenntniss der Genea-
logien beilegte, wird hiedurch begreiflich; der Nachweis der
gleichen Abstammung konnte dem Stamme, so wie dem Ein-
zelnen Verbündete und Helfer in der Stunde der Gefahr ver-
schaffen. <
Eine andere Folge der vom Verkehr mit den Fremden
gänzlich abgeschnittenen Lebensweise der Wüstenstamme ist
es, dass sie meist nur unter sich heirathen und daher die Rein-
heit der Rasse bewahren ; nimmt die Vermischung mit Fremden
überhand, so verliert der Stamm dadurch die Eigenart, den
Sinn für die verwandtschaftlichen Beziehungen, es schwächt
sich der Gemeinsinn (das Nationalitätsgefühl) ab und allmälig
geht der Stamm seinem Verfalle entgegen. ^
Auf dieser durch die Schilderung der Stammesorganisation
gewonnenen Grundlage entwickelt Ibn Chaldun seine Theorie
über das Entstehen, die Ausbildung und den Verfall der Reiche
und Nationen.
Der wichtigste Factor ist hier, wie bereits bei dem Stamme
nachgewiesen wurde, der Gemeinsinn oder wie wir in der
modernen Ausdrucksweise sagen würden, die Nationalitätsidee.
Keine Herrschaft oder Dynastie, sagt Ibn Chaldun, kann be-
gründet werden ohne Unterstützung der Stammesangehörigen
(des Volkes) und des Gemeinsinnes (d. i. ohne einen starken
nationalen Gedanken). ^
Dieser Gemeinsinn ist es, der allein über die Lebens-
kraft und Dauer der Reiche entscheidet, denn er bildet ge-
Wissermassen den belebenden Geist des Staates, je stärker er
ist, desto stärker ist der Staat und desto länger ist sein Bestand
gesichert. Am besten aber entwickelt sich dieser Gemeiosinn
unter den grossen Massen.^
Der nächste ebenso wichtige staatenbildende Factor ist
nach Ibn Chaldun, der hierin getreulich die Erfahrungen der
morgenländischen Geschichte seit dem Auftreten des Islams
sich gegenwärtig hält, die Religion.
» I, 270 (234).
2 I, 273 (238).
=» 1, 818 (277).
♦ I, 386 (294).
Ibn Clialdnn und seine Cnltarj^escbichte der iBlamlsehen Reiche. 597
Durch die Eroberung, sagt er, werden die Reiche ge-
gründet 5 um Eroberungen zu machen, braucht der Führer der
Unternehmung eine starke Stütze und eine ergebene, von dem-
selben Gemeinsinne belebte Masse von Anhängern. Nun ist
aber die Religion das kräftigste Mittel, die Einstimmigkeit der
Gefühle und Ueberzeugungen herzustellen, besonders die Eifer-
süchteleien zwischen den einzelnen Stämmen eines von einem
starken Gemeinsinn belebten Volkes verschwinden zu machen.
Bekommt ein solches Volk, geeinigt durch eine religiöse üeber-
zeugung den Anstoss nach einer bestimmten Richtung hin, so kann
ihm nichts widerstehen. Die Bevölkerung des Reichs, dessen
Eroberung bezweckt wird, mag noch so zahlreich sein, getrennt
durch ihre Interessen, ohne einigende Idee, muss sie jenem
unterliegen. An einer andern Stelle sagt er : ,Bei den Kriegen
hängt . der Erfolg gewöhnlich von moralischen Ursachen ab,
die auf den Geist und die Einbildung wirken; die grössere
Truppenzahl, die Vorzüglichkeit der Waffen und die Uner-
schrockenheit des Angriffes genügen zwar manchmal, um den
Sieg zu sichern, aber diese Hebel sind minder wirksam als
die moralischen Eindrücket *
Besiegt, verschwindet das unterworfene Volk ausserordent-
lich rasch in Folge der verweichlichten Sitten und der Ent-
artung. ^
Es wird zu dieser Darstellung allerdings nicht unbemerkt
bleiben dürfen, dass, wenn er den Gemeinsinn und die Religion
als die maassgebendsten und die wirkungsvollsten Elemente
der Staatenbildung kennzeichnet, er doch sieb vollkommen
Rechenschaft davon gab, dass zwischen beiden ein grosser
Unterschied hinsichtlich der zeitlichen Reihenfolge ihres Auf-
tretens und Einwirkens besteht. Denn während er die Ent-
stehung des primitivsten Staatswesens ausschliesslich aus dem
Gemeinsinne der Stammesmitglieder und dem Bedüriiiisse des
gegenseitigen Schutzes ableitet und den Gemeinsinn als den
ersten Kitt dieser ältesten Gesellschaft anerkennt, weiss er
sehr wohl, dass in jener Urzeit von Religion keine Rede sein
konnte, dass also die Wirkung der Religion, als staatenbildenden
» II, 133 (120).
* I, 307 (268).
39*
598 Kremer.
Elementes, zeitlich weit später eintritt. Er bemerkt deshalb
auch an einer anderen Stelle seines Werkes : , Diejenigen Völker,
welche eine Offenbarung besitzen und den Vorschriften der
verschiedenen Propheten folgen, sind wenig zahlreich im Ver-
gleiche zu den Heiden, die keine Offenbarung besitzen. Diese
bilden den überwiegenden Theil der Bevölkerung der Erde
und trotzdem hatten sie ihre Dynastien und haben Denkmäler
ihrer Macht zurückgelassen^ ^
Er zeigt hiemit, dass, so wichtig auch ihm als gläubigem
Muselmann und als Kenner der Geschichte der mohammedani-
schen Staaten die Religion für die Entstehung und den Bestand
der Staaten erscheinen musste, er doch vollkommen von deren
untergeordneter Bedeutung als staatenbildendes Element gegen-
über der Nationalitätsidee überzeugt war. •
IV.
Die Formen der Gesellschaft.
Unter den im Oriente gegebenen geographischen Ver-
hältnissen, die auch in den der, arabischen Herrschaft unter-
worfenen Landstrichen Nordafrikas dieselben sind wie in Asien,
zeigt sich uns die Gesellschaft in zwei wesentlich verschiedenen
Erscheinungsformen: in dem nomadischen Zustande und im
sesshaften Leben. Beide sind die nothwendige Folge der äusseren
Bedingungen, unter welchen dort die Gesellschaft sich ausbildete.
Ein Blick auf jenes Ländergebiet, welches der Herrschaft
des Islams unterworfen ist, überzeugt uns, dass überall grosse
Strecken wüsten und culturunfähigen Bodens sich zwischen
das bebaute Land jeinschieben. Ganz abgesehen von Arabien,
dessen Cultui^ebiete fast wie Oasen in der sie umgebenden
Wüste erscheinen, zieht sich eine nicht minder ausgedehnte,
dem grössten Theile nach nur für Viehzucht verwendbare
Hochebene zwischen Syrien und dem Euphratgebiete hin.
Aegypten ist zu beiden Seiten des Nilthals von weiten, dem
Ackerbau unzugänglichen, theils steinigen, theils sanderfiillten
» I, 90 (72).
Ibn Chaldnn nnd seine Gultargeeebicbte der isUmiseben Beicbe. 599
Einöden eingeschlossen. Selbst Persien wird, trotzdem es im
Alterthume nächst Babylonien zu den bestcultivirten Ländern
gehörte, von weiten unbewohnten und dürren Landstrichen
durchzogen.
Seit den ältesten Zeiten der geschichtlichen Ueberlieferung
ist daher dieses vorderasiatische Ländergebiet, ebenso wie das
nordafrikanische Küstenland, der Sitz eines eigenthümlichen
Nomadenlebens gewesen, das sich von den Tagen der biblischen
Patriarchen, durch alle Jahrhunderte hindurch bis in die Gegen-
wart mehr oder weniger unverändert erhalten hat, während
auf dem culturfahigen Gebiete, oft in unmittelbarer Berührung
mit dem Nomadenthum und theils aus demselben hervorge-
gangen, uralte Städte und bürgerliche Gemeinwesen sich bil-
deten, die in ihrem Gebiete und so weit sie Schutz gegen die
Eingriffe der Nomaden gewähren konnten, auch sesshafte Land-
bebauer beherbergten.
Dieser in das höchste Alterthum zurückreichende Zu-
sammenhang und Wechselverkehr zwischen dem Nomaden-
element und den grossen Städten, sowie den sesshaften Gemein-
wesen, hatte auch die Folge, dass sich die höhere Cultur dieser
den wandernden Hirtenstämmen in gewissem Grade mittheilte
und unter ihnen ein regeres Culturleben sich zu entwickeln
begann, das schon in den ältesten Urkunden des hebräischen
Volkes deutlich zu erkennen ist und später bei den Arabern
einen ziemlich hohen Grad der Verfeinerung erreichte.
Es ist nach dem Gesagten leicht zu begreifen, wie es
kommt, dass der arabische Culturhistoriker die Erscheinungs-
formen des Volkslebens in die zwei grossen Classen des No-
madenthums und des sesshaften Lebens scheidet, ^ von denen er
ersteres natürlich als die ältere bezeichnet.
Er macht hiebei einen Unterschied zwischen den ver-
schiedenen, der ersten Classe angehörigen Völkerstämmen und
stützt sich auf seine eigenen Wahrnehmungen, denn zu seiner
Zeit bestand, sowie . noch heutzutage, das Nomadenthum in
Nordafrika und Vorderasien unverändert fort.
Die einen züchten Schafe, Rinder oder Ziegen und brauchen
für ihre Weideplätze saftige Gründe, aus welcher Ursache sie
I, 264 (220).
600 Krem er.
nicht weit in die Wüste vordringen. Unter diese Classe rechnet
Ihn Chaldun die Berberen, die Slaven^ Türken und die diesen
verwandten Turkomanen. Ganz anders aber verhält es sich
mit jenen Stämmen, die sich vorzüglich der Zucht der Kameele
widmen. Diese sind gezwungen, tief hinein in die Wüsten
sich zu begeben, denn das Kameel bedarf der Wüstenpflanzen
zur Nahrung, es muss das brackige Wasser der Wüste trinken
und sich in diesen Strichen im Winter aufhalten, wo es nicht
nur eine laue, trockene Luft findet, sondern auch jene mit
feinem Sande bedeckten Stellen benützen kann, um die Jungen
zu werfen.
Man weiss, dass das junge Kameel von der Geburt an
bis zum Augenblicke seiner Entwöhnung ausserordentlich schwer
zu erziehen ist und vor allem der Wärme bedarf. Diese mit
der Kameelzucht beschäftigten Nomadenstämme halten sich
also vorzüglich in der Wüste auf, welche sie nach allen Rich-
tungen durchwandern. Von den Grenzen des Culturlandes
zurückgewiesen, wo man sie fürchtet und hasst, sind sie fast
gänzlich auf das Leben in der Wüste beschränkt und gelten
deshalb bei den Städtern als wild, unbezähmbar und raub-
süchtig. Zu dieser Classe gehören die arabischen Nomaden-
stämme, dann die nomadischen Berberen in Afrika, die Kurden
und einige turkomanische und türkische Stämme im Oriente.
Am meisten aber von allen sind die Araber an das Wander-
leben der Wüste gewöhnt, weil sie fast ganz der Kameelzucht
obliegen, während jene ausserdem auch Schafe und Rinder
züchten. <
Diese Scheidung des Volkslebens in das nomadische und
das sesshafte ist von grosser Wichtigkeit für die Erkenntniss
jener Länder und es darf hiebei nicht vergessen werden, der
Unterabtheilung in Ganznomaden und Halbnomaden Rechnung
zu tragen, welch letztere die Uebergangsstufe zur sesshaften
Bevölkerung bilden, aus welcher das Städtewesen hervorge-
gangen ist. Es wird sich nämlich später zeigen, von welchem
Einflüsse auf die politische Geschichte der einzelnen Länder
des Orients es war, welches von diesen verschiedenen Volks-
elementen in jedem derselben die Oberhand hatte. Die Stab^^
> I, 257 (223).
Ibn Cbibldaii and sftine CnllargMobiehte dftr islamiMhen Reiche. 601
lität der politischen Einrichtungen des Orients stand nämlich
in directem Verhältnisse zu dem Ueberwiegen des Ackerbau
treibenden und städtischen Elementes über das nomadische.
V.
Entstehung und Terfall der Staaten.
Haben wir im Vorhergehenden gesehen, dass der arabische
Geschichtsphilosoph den Bestand der Reiche auf den Gemein-
sinn und die Religion gründet, so kann es uns nicht überraschen
und wir werden es nur als logische Folge dieses Vordersatzes
erkennen, wenn er weiters die Ansicht vertritt, dass in Ländern,
die von zahlreichen Stämmen und verschiedenen Völkerschaften
bewohnt sind, schwer ein Reich entstehen könne. Er begründet
diese Behauptung auch damit, dass eben in einem solchen
Lande eine Menge verschiedener Bestrebungen und Denkarten
herrschen, deren jede ihre Anhänger und Vertheidiger besitze,
aus diesem Grunde seien Aufstände gegen die bestehenden
Behörden äusserst häufig und wenn auch die Regierung sich
auf die Ergebenheit ihrer Partei stütze, so sei es doch vergeblich,
denn die unter ihrer Herrschaft stehenden Stämme besitzen jeder
für sich seinen besonderen Gemeinsinn (Nationalität) und jeder
hält sich für stark genug, um selbstständig sein zu wollen.
Als Beleg für diese Behauptung werden die Ereignisse
angeführt, die in Nordafrika vom Beginne des Islams bis in
die Zeiten Ibn Chalduns sich abspielten. ,Die Bevölkerung
jener Gegenden besteht aus Berberen, die in zahlreiche Stämme
sich scheiden, wovon jeder von einem lebhaften Gemeinsinne
beseelt ist. Als die Araber sie mit dem Schwerte unterworfen
und zum Islam bekehrt hatten, benützten sie jeden Anlass
sich zu erheben und den aufgedrungenen Glauben abzuschwören.
Nicht wenig trug hiezu der Umstand bei, dass die Berberen
nomadisch lebten und in Stämmen organisirt waren, wodurch
sich der Gemeinsinn der Familie und des Stammes äusserst
lebhaft erhielt.' »
» I, 337 (296).
602 Kremer.
,Ganz anders verhält es sich hingegen in jenen Ländern,
wo der Qemeinsinn und die Stammesverbrüdernng nicht be-
steht; dort hat der Machthaber keinen Aufstand zu besorgen,
denn Erhebungen sind dort äusserst selten. So ist es', fährt
Ihn Chaldun fort, ,in unseren Tagen in Syrien und Aegypten,
denn daselbst ist das Volk nicht in Stämme gegliedert. Vor-
züglich gilt dies aber von Aegypten: der Beherrscher dieses
Landes ist vollkommen sicher gegen Aufstände und Unbot-
mässigkeit. Es gibt daselbst nur zwei Parteien: den Macht-
haber (mit seinem Anhange) und an blinden Gehorsam gewöhnte
Unterthanen. Die Regierung, geleitet von einem Fürsten tür-
kischer Abkunft und von Schaaren von verlässlichen Anhängern
derselben Nationalität unterstützt, geht von einem Machthaber
auf den andern über.'^ — ,Ein ähnlicher Zustand der Dinge
besteht jetzt in Spanien, wo gegenwärtig Ibn Abmar herrscht.
Als die Dynastie dieses Fürsten zuerst auftrat^ war sie ziem-
lich schwach und hatte wenig Truppen. Sie entsprang aus einer
arabischen Familie, die im Dienste der Ommajjaden gestanden
war und von der nur mehr eine kleine Anzahl sich erhalten hatte.
Als die arabische Oberherrschaft gestürzt und durch die ber-
berischen Dynastien der Almoraviden und der Almohaden ver^
drängt ward, wurde die arabische Bevölkerung Spaniens durch
die siegreichen Berberen so hart und gewaltthätig behandelt,
dass sie gegen ihre neuen Beherrscher bald von Ingrimm und
Erbitterung erfüllt war. Als nun die Almohaden-Macht allmälig
ihrem Ende sich näherte, traten die Prinzen dieses Hauses
dem christlichen Könige von Castilien eine grosse Anzahl von
festen Plätzen ab in der Hoffnung von ihm Unterstützung zu
erhalten, um Marocco (die Hauptstadt des Almohaden-Reiches)
zurückerobern zu können (welche Stadt seitdem in die Qewalt
der Meryniden gekommen war). Diesen Anlass benützten alle
alten arabischen Familien, die noch in Spanien geblieben waren
und ihren nationalen Qeist bewahrt hatten, um sich zu ver-
einigen. Ihrem Ursprünge getreu hatten sie wenig Neigung
sich in den Städten niederzulassen und feste Wohnsitze zu
wählen, sondern blieben dem Kriegshandwerke zugethan. Ibn
Hud (der Fürst von Saragossa), Ibn A^mar (Fürst von Qranada)
* I, 338 (297).
Ibn Clialdan nnd seine Cnllargeeehlelite der ialMnitchen Beielie. 603
und Ibn Mardanjeh (Herrscher von Ostandalosien) entstammten
solchen arabischen Familien. Der erste riss die Führung an
sich^ Hess in Spanien die geistliche Oberhoheit der Abbasiden-
Chalifen proclamiren, rief das Volk zum Kampfe gegen die
Almohaden auf und trieb sie aus dem Lande. Bald aber
suchte der Fürst von Granada sich der höchsten Gewalt zu
bemächtigen und da er die geistliche Oberhoheit der Chalifen
nicht anerkennen wollte^ so Hess er Ibn Aby ^af§f, den Führer
der Almohaden in Afrika^ König von Tunis, als Souverän
proclamiren und für ihn, als solchen, das Öffentliche Gebet
verrichten. Es genügte ihm, um sich der Herrschaft zu be-
mächtigen, ein ziemlich schwacher Anhang grösstentheils aus
den Mitgliedern seiner eigenen Verwandtschaft bestehend; er
brauchte keine stärkere Macht, da der Stammgeist kaum mehr
unter der Bevölkerung dieses Landes bestand. Es gab daselbst
nur Herrscher und Unterthanen.' ^
r
Diese Bemerkungen über den Unterschied zwischen
Ländern, wo der Stammgeist fortbesteht und solchen, wo er
bereits geschwunden ist, lassen sich noch in anderer Richtung
vervollständigen. Vor aUem müsste auf Arabien selbst hin-
gewiesen werden, wo die Stammesorganisation in voller Kraft
sich erhalten hat, und aus diesem Grunde auch nie eine feste
Regierung sich für längere Zeit behaupten konnte. Aber selbst
auf andere Gebiete lässt sich derselbe Grundsatz anwenden,
denn worin sonst als in der Zersplitterung in einzelne mit
starkem Selbstgefühl ausgestattete Stämme, deren* jeder seine
Eigenart wahrte, liegt die Ursache der politischen und kriegeri-
schen Ohnmacht Griechenlands gegenüber den Römern? Und
derselbe Grund findet im vollstem Maasse auf die ganze mittel-
alterliche Geschichte Deutschlands im Vergleiche mit jener
Frankreichs seine Anwendung: hier starke Königsmacht und
eine geeignete Nation, denn in Gallien hatten schon die Römer
alle Stammesunterschiede verwischt und mit Blut und Eisen
die Nation zu einer compacten Masse zusammengeknetet,
während in Deutschland die uralte Staramesgliederung mit
mehr oder weniger stark ausgeprägter Individualität sich fast
bis in die Gegenwart erhalten hat und erst jetzt zu schwinden
I, 340 (298).
604 Kremer.
beginnt, nachdem die kriegerischen und politisohen £rfolge
der neuesten Zeit die Nationalitätsidee zur stärkeren Geltung
gebracht haben.
Es ist gut von Zeit zu Zeit sich solche Bücklicke zu
gestatten und hiedurch die Ueberzeugung aufzufrischen, dass
Verhältnisse, die vor tausenden von Jahren bestanden, auf die
Gestaltung der Gegenwart noch die entschiedenste Nachwukung
ausüben und dass die ganze Culturentwicklung der Völker
das Ergebniss eines nach unendlichen Jahresreihen zahlenden
Processes ist, dessen Anfang wir nur errathen, über dessen
Schluss aber wir in vollster Unwissenheit sind und auch bleiben.
Kehren wir nach diesen Bemerkungen wieder zurück za
unserem Geschichtsphilosophen und folgen wir ihm weiter in
der Entwicklung seiner Ideen, so ist seine Ansicht über den
Verlauf der Geschichte zunächst der Gegenstand, welcher
unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen muss.
Der natürliche Entwicklungsgang ist nach Ibn Chaldun
folgender: ,Entstehung der Gesellschaft in Folge des dem
Menschen angebornen Geselligkeitstriebes — Stammesbildong
— vorherrschender Einfluss eines Stammes und Entstehung
des. Eönigthums >— Ausbildung des Eönigthums, Uebergang
vom nomadischen Leben zum sesshaften — Entstehung der
Städte — Zunahme des Luxus mit zunehmender Civilisa-
tion — Verfall der Macht und endlich üntei^ang des Reiche«,
an dessen Stelle ein jüngeres, deshalb aber kräftigeres und
lebensfähigeres tritt. — Dieser Process wiederholt sich ins
Unendliche^
An verschiedenen Stellen spricht sich Ibn Chaldun in
diesem Sinne aus und deren Inhalt fasse ich hier zusammen:
,Die natürliche Lebensdauer des Menschen ist nach den Aerzten
und Astronomen von hundert und zwanzig Jahren und zwar
von jenen, welche die Astronomen grosse Mondjahre nennen.
Aber diese Lebensdauer ist nicht gleich bei den verschiedenen
Kassen, indem deren Länge bestimmt wird durch die Gestirn-
conjuncturen. Oefters überschreitet sie diese Jahreszahl und
manchmal erreicht sie dieselbe nicht. So leben manche, die
unter besonderen Gestirnconjuncturen geboren sind, bis hundert
Jahre, andere bis fünfzig und wieder andere bis achtzig oder
neunzig. Für die gegenwärtige Menschenrasse ist die Lebens-
Iba Chaldun nnd seine Culiargeschichte der iiUmischeo Beiche. 605
(lauer von sechzig bis siebzig Jahren^ wie dies auch in einem
Ausspruche des Propheten bestätigt wird^
yAuch die Dauer der Reiche wechselt nach den Conjunc-
turen der Gestirne, überschreitet aber in der Regel nicht drei
Generationen. Das Leben einer Generation hat die Länge der
mittleren Lebensdauer des Menschen, nämlich vierzig Jahre.^
,Die Dauer eines Reiches erstreckt sich nun gewöhnlich
nicht über drei Generationen. In der That, die erste Gene-
ration bewahrt ihren Charakter als Nomadenvolk, die rauhen
Gewohnheiten des wilden Lebens, die Massigkeit, Tapferkeit,
Raublust und die Gewohnheit der Theilung der obersten Gewalt.
Auf diese Ai*t bleibt der Stammessinn dieser Generation in
voller Kraft, ihr Schwert ist immer schneidig, die Nachbar-
schaft eines solchen Stammes ist gefurchtet und die fremden
Stämme lassen sich von ihm besiegen. Der Besitz der Herr-
schaft Und das daraus entspringende Wohlbefinden wirken auf
den Charakter der zweiten Generation : bei ihr werden die
Sitten und Gewohnheiten des nomadischen Lebens verdrängt
durch die des sesshaften Lebens, die Noth hat sich in Wohl-
stand verwandelt und die Theilung der Herrschaft in Auto-
kratie. £in Einziger übt alle Autorität aus, das Volk, zu
lässig um den Versuch zu machen dieselbe wieder zu erobern,
tauscht die Herrschlust aus gegen die Erniedrigung und die
Unterwürfigkeit. Der Gemeinsinn, der es belebte, schwächt
sich in gewissem Maasse, aber immer bemerkt man, dass diese
Generation, ungeachtet ihrer Erniedrigung, noch ein gut Theil
der Eigenschaften sich erhalten hat, die sie von der vorher-
gegangenen Generation überliefert bekam. Sie hat deren Sitten,
deren Stolz, ihre Ruhmsucht, die . Kampf lust gegen den Feind
gekannt; aus diesem Grunde kann sie den ursprünglichen Geist
nicht ganz einbüssen. Sie hofft sogar eines Tages alle diese
Vorzüge der ersten Generation wieder zu erlangen, vielleicht
schmeichelt sie sich sogar dieselben noch zu besitzen.^
,Die dritte Generation hat vollständig das Nomadenleben
und die einfachen Sitten der Wüste vergessen ; sie kennt nicht
mehr den Reiz des Ruhmes und des Gemeinsinnes, indem sie
gewohnt ist dem Gebote eines Meisters sich zu fügen; der
Luxus erreicht unter ihr die höchste Stufe, indem sie sich in
alle Genüsse des Lebens stürzt. Eine solche Volksmenge ist
606 Krener.
eine Last fUr das Reich; wie die Fraaen und Kinder brauchen
sie einen Schutzherrn; der Oemeinsinn ist bei ihnen gänzlich
erloschen, der Muth, sei es um die Ihrigen zu vertheidigen,
sei es um den Feind anzugreifen, fehlt ihnen gänzlich und
dessenungeachtet suchen sie die Masse zu täuschen durch
ihre kriegerische Ausrüstung, ihre Gewänder, schönen Pferde
und ihre ritterliche Gewandtheit. Alles das ist Spiegelfechterei,
denn sie sind gewöhnlich feiger als die Frauen; werden sie
angegriffen, so sind sie unfähig zum Widerstände und der
Fürst stützt sich nothgedrungen dann auf Fremde von aner-
kannter Kriegstüchtigkeit; er umgibt sich mit Freigelassenen
und Clienten in einer Zahl, die zur Vertheidigung der Herr-
schaft genügend scheint/
,Dies sind also die drei Generationen, im Verlaufe welcher
die Reiche altem und verfallen/
,In der vierten Generation schwinden die Macht und der
Glanz gänzlich/
,Die Dauer der drei Generationen ist hundertzwanzig Jahre
und gilt gewöhnlich für eine Dynastie, es sei denn, dass ans*
nahmsweise Zustände einwirken. Verlängert sich die Dauer des
Reiches noch mehr, so geschieht dies, weil Niemand daran denkt
es anzugreifen; aber es ist dies ein ganz zufälliger Umstand; der
Verfall erreicht es immer, wenn es auch von Niemand bedroht
wird. Hätte sich früher ein Feind eingestellt, so würde er
keinen Widerstand gefunden haben. Zuletzt kommt doch der
Zeitpunkt des Sturzes (des Reiches), den Niemand um eine
Stunde beschleunigen oder hinausschieben kann.'
,Die Reiche haben also, wie die Individuen eine Existenz,
ein Leben, das ihnen eigen ist, sie wachsen, erreichen die
Reife und beginnen dann zu verfallen.' ^
,Die Entwicklungsphasen, die jedes Reich durchzumachen
hat, sind mehrere. Dieselben üben auf den Charakter jener,
die das Reich stützen (der herrschenden Partei), einen Einfluss
aus und theilen ihnen Eindrücke mit, die ihnen früher fremd
waren, denn der Charakter der Menschen hängt von der Lage
ab, in der sie sich befinden. Diese Entwicklungsphasen im Leben
der Staaten können gewöhnlich auf fünf beschränkt werden/
1 I, 347 (306).
Ibn Chaldnn and seine Cnltnrgeschichte der isUmischen Beiehe. 607
yDie erste Phase ist der Zustand des Sieges, der Nieder-
werfung des Widerstandes^ des Vollbesitzes der Herrschermacht,
nach Entreissung derselben aus den Händen der früheren Herr-
schaft. Während dieser Periode theilt der Fürst die höchste
Gewalt mit den Mitgliedern seines Stammes: er lässt sie an
der Regierung und Steuereinhebung, sowie an der Vertheidigung
des Staates theilnehmen ; er misst sich durchaus keinen beson-
deren Vorrang bei, denn der Gemeinsinn, welcher das Volk
zum Siege geführt hatte und der noch in alter Kraft besteht,
zwingt ihn hiezu/
,In der zweiten Phase bemächtigt sich der Fürst aus-
ßchliesslich der Herrschaft, schliesst jene (d. i. seine alten
Stammgenossen) von der Theilnahme aus und schlägt die Ver-
suche jener zurück, welche die Macht mit ihm zu theilen
beabsichtigen. So lange diese Periode andauert, bemüht er
sich, durch Gunstbezeugungen der Unterstützung einflussreicher
Männer sich zu versichern, Clienten und Parteigänger in
grosser Menge an sich zu ziehen, um jeden Versuch der Wider-
setzlichkeit seines Stammes oder seiner Verwandten, die mit
ihm die Herrschaft theilen möchten, zu unterdrücken. Er sucht
sie allmälig von jeder Theilnahme an der Regierung auszu-
schliessen, bis die oberste Gewalt ihm allein gesichert ist, und
nur seine nächsten Familienmitglieder allein im Genüsse der
Herrlichkeit bleiben, die er für sie begründet. Er reibt seine
Kräfte auf in der Abwehr eben so sehr und noch mehr als
seine Vorgänger, welche das Reich eroberten. Diese hatten
nur ein fremdes Volk zu bekämpfen und hatten hiezu der
Beihilfe eines ganzen Stammes, der von demselben Gemein-
sinne durchdrungen war, sich versichert, während jetzt der
Sultan seine nahen Verwandten zu bekämpfen hat, ohne andere
Helfer als eine kleine Anzahl von Fremden (Soldtruppen).'
,Die dritte Phase ist die der Vollendung und der Er-
holung. Der Sultan erfreut sich nun der Früchte seiner Be-
mühungen, als Gebieter über das Reich kann er sich dem
Hange hingeben, der die Menschen antreibt, Reichthümer zu
erstreben oder dauernde Denkmäler ihres Ruhmes zu hinter-
lassen, oder sich einen hohen Namen zu erwerben; er thut
sein Möglichstes in Einhebung der Steuern, in ' der Controle
der Einnahmen und Ausgaben, in der Bemessung der Rationen
608 Krem er.
(und Gehalte), sowie der Oekonomie hierin, er baut prächtige
Palläste, feste Bargen und ausgedehnte Städte, hehre Tempel ;
er beschenkt königlich die an seinem Hoflager erscheinenden
Grossen der fremden Völker und Häuptlinge der Stämme; er
spendet Wohlthaten an seine Verwandten, schenkt Geld und
Ehren seinen Anhängern und Dienern, er inspicirt selbst die
Soldtruppen, weist ihnen regelmässig ihre Rationen zu und
zahlt ihnen ihre Löhnung Monat für Monat, so dass sich
die Wirkung davon selbst in ihrer Kleidung, Ausrüstung and
Bewaffnung an den Festtagen zeigt; er überbietet hiedurch
die befreundeten Mächte und flösst den feindlichen Schrecken
ein' u. s. w.
,Die vierte Phase ist eine Periode der Genügsamkeit und
der Friedensliebe: der Fürst, befriedigt mit dem von seinen
Vorfahren ihm übertragenen Ruhme^ lebt im Frieden mit den
andern Fürsten und ahmt sorgfältig das Verhalten seiner Vor-
fahren nach; durchdrungen von der Ueberzeugung ihrer Weis-
heit hielte er sich für verloren, wenn er von dem durch sie
ihm gegebenen Beispiele abwiche.'
,Die fünfte Phase hat die Misswirthschaft und Verschwen-
dung zur Begleitung, der Fürst gibt in Genusssucht und Schwel-
gereien die von seinen Vorfahren angesammelten Schätze aus,
verschwendet reiche Geschenke an seine Günstlinge und Ge-
halte an die Werkzeuge seiner Lüste, denen er hohe Aemter
überträgt, die auszufüllen sie unfähig sind. Er verletzt hiemit
das Selbstgefühl der leitenden Männer seines Volkes und jener,
die ihr Vermögen der Grossmuth seiner Vorfahren verdanken,
bis sie es ihm nachtragen und sich von ihm zurückziehen; bis
die Soldtruppen von ihm abfallen, weil er ihre Löhnung auf
seine Gelüste ausgegeben hat ohne sich je um sie zu bekümmern.
So zerstört er was von seinen Vorfahren gegründet worden
und reisst er nieder, was sie gebaut/ '
Der Verlauf der Geschichte ist also, wie sich aus obigen
Stellen mit Sicherheit erkennen lässt, ein Kreislauf und wieder-
holt sich fort und fort. Dass diese Ansicht nicht erst von
Ibn Chaldun aufgestellt ward, sondern schon früher von den
Denkern des Orients ersonnen worden sei, können wir daraus
1 I, 366 (.^14 ff.).
Ibn Chaldnn und seine Caltnrgesebielite der islamischen Reiche. 609
entnehmen, dass auch Ibn Sab'yn, der seiner Zeit hoch-
berühmte Philosoph, an welchen Kaiser Friedrich 11. eine An-
zahl philosophischer Fragen richtete, in einem seiner Werke,
welches vorwiegend die Ansichten des unter dem Namen des
Sufismus bekannten morgenländischen Mjsticismus zu vertreten
scheint, sich in ähnlichem Sinne geäussert haben soll. Auch
ist uns eine Stelle aus dem Werke eines seiner Schüler er-
halten, die besagt, dass durch Vermittlung der Prophetie die
Wahrheit und die Wegeleitung nach der Blindheit und der
Verirrung sich offenbare, auf sie folge das Chalifat (die ver-
einigte geistliche und weltliche Souveränität), dann das weltliche
Königthum, das in Despotismus, in Stolz und Selbstüberhebung
ausartet.
In übereinstimmender Weise behaupten die Suiys, dass
es im Plane Gottes liege, alles wieder zum Anbeginne zurück-
zufuhren, so müssten die Prophetie und Wahrheit wieder auf-
leben durch Vermittlung der Walys (der Heiligen), hierauf
folge das Chalifat, darauf die Herrschaft des Antichrists (Dag-
g41), statt des Königthums und der Souveränität. Nach Ab-
lauf dieses Cjklus kehre alles wieder zum Unglauben zurück,
wie vor der Prophetie. ^
Man wird jedoch bei dieser Lehre der Mystiker wohl
darauf achten, dass darin das religiöse Element, nämlich die
Wiederkehr des Propheten thums^, allerdings nur in der abge-
schwächten Form der Wiläjah, d. i. der Führung der Mensch-
heit durch die Heiligen, eine Hauptrolle spielt, während Ibn
Chaldun die religiöse Frage gänzlich bei Seite lässt und aus-
schliesslich seine Theorie auf den politischen und socialen
Entwicklungsprocess gründet. Einen gewissen Einfluss auf
seine Theorie scheint aber die Lehre des orientalischen Mysti-
cismus über die Rückkehr zum Anbeginn (alma'lldo 'ilä-lmabda')
immerhin ausgeübt zu haben, obgleich in dem Gedankengange
der Sufys es sich hiebei um den Ursprung und die Wieder-
auflösung aller Dinge aus und in der Gottheit handelt.
Die Civilisation, oder richtiger die städtische Civilisation,
ist in der Ansicht Ibn Chalduns die höchste Entwicklungsstufe
der Gesellschaft, welche, sobald sie bis zu derselben vorge-
» II, 192 (165).
610 Kraner.
«
schritten ist^ zurückzuschreiten und zu entarten beginnt, wie
dies mit dem animalischen Leben bei Erreichung einer gewissen
Altersstufe der Fall ist. <
Der Verfall der Reiche ist ein natürlicher Process, der
vollständige Analogie mit dem Verfall aus Altersschwäche
bietet. ^ Allerdings entwickelt manchmal ein Staat, der schon
in der letzten Periode des Verfalles steht, noch hinreichende
Kraft um glauben zu machen, dass sein Verfall zum Stillstand
gekommen sei: es ist dies aber wie das letzte Aufflackern
einer Lampe. ^
Es sind gewisse Anzeichen, die nach Ihn Chaldun den
Verfall begleiten und kennzeichnen; wir lassen ihm selbst das
Wort : ,Wisse, dass der Bau des Staates auf zwei Fundamenten
beruht, die durchaus nicht zu entbehren sind: das erste ist:
die materielle Gewalt und der Gemeinsinn und dies
findet seinen Ausdruck in der Kriegsmacht — das zweite
ist die Finanzwirthschaft, durch welche das Heer besteht
und die Bedürfnisse des Reichs in den verschiedenen Lagen
bestritten werden. Beginnt nun für den Staat der Verfall, so
macht er sich in diesen beiden Fundamenten (zuerst) bemerkbar.
Wir wollen zuerst den Eintritt des Verfalles in der materiellen
Macht und dem Gemeinsinne besprechen, dann aber denselben
in Bezug auf die Finanzen und die Steuereinhebung. So wisse
denn, dass die Befestigung des Reiches und dessen Begründung,
wie wir sagten, in dem Gemeinsinne beruht und dass unbedingt
ein höherer Gemeinsinn unentbehrlich ist, der die einzelnen
(niedereren) Gemeinbestrebungen in eine einzige zusammenfasst:
dies ist der Gedanke der Parteinahme für den Besitzer der
höchsten Gewalt seitens seiner Anhänger und Stammesange*
hörigen. Stellt sich nun bei der Regierung die Gewohnheit
der (unumschränkten) Gewalt, der Verweichlichung, der Nieder-
werfung der einzelnen Parteien ein, so sind die Ersten, welche
niedergeworfen werden, die Parteigänger und Stammesver^
wandten des Herrschers, welche mit ihm die Herrschaft theilen
wollen. Er wirft sie stärker nieder als die Fremden, aber
» II, 306 (260).
2 II, 120 (106).
» II, 121 (108).
Ibn Cbaldnn und seine Cultiir^ecbichte der isUniechen Reicbe. 611
auch die Verweichlichung (der Lnxus) beherrscht sie stärker
als Andere; wegen ihrer nahen Beziehungen zum Throne,
w^en ihres Stolzes und ihrer hervorragenden Stellung. So
stehen sie unter dem Einfluss zweier Elemente der Zerstörung:
und diese sind: die Verweichlichung (der Luxus) und die
Gewalt. Zuletzt kommt es in der Anwendung der Gewalt zur
Hinrichtung, indem ihre Stimmung gegen den Inhaber der
höchsten Gewalt sich immer mehr verbittert, je mehr sich
seine Herrschaft befestigt. Es verwandelt sich die Eifersucht
des Herrschers gegen sie allmälig in Furcht für seinen Thron :
er geht mit Hinrichtungen, mit Demüthigungen, mit Entziehung
der Habe und des Luxus, an den sie sich gewöhnt haben,
gegen sie vor. Sie gehen zu Grunde oder werden getödtet
und ihre Ergebenheit für den Machthaber schwindet; dies ist
aber die einigende Idee, welche die einzelnen Gemeinbestre-
bungen zusammenhielt und leitete. Es löst sich nun dieses
Band, es schwächt sich dieser Halt. Der Heri*scher aber
wählt statt ihrer Knechte seiner Gnaden und Creaturen seiner
Gunst: aus ihnen bildet er sich eine neue Partei, nur ist sie
nicht so stark wie jene, weil das Band der Verwandtschaft
und die von- Gott hineingelegte Kraft fehlt. Der Herrscher
verliert auf diese Art seine Parteigänger und Hilfsgenossen
sammt ihrem naturgemässen Opfermuthe. Dies bleibt von den
andern Parteien nicht unbemerkt, sie werden kühner gegen
ihn und seine Günstlinge. Der Sultan vernichtet sie, verfolgt
sie von Fall zu Fall mit der Todesstrafe und ernennt an ihrer
Stelle andere in Amt und Würden, ausserdem aber macht die
Verweichlichung auf sie ihre Einwirkung geltend, wie wir schon
oben bemerkten. So überwältigt sie die Vernichtung theils
durch die Verweichlichung, theils durch das Schwert, bis sie
das Gefiihl der Parteinahme (für ihren Fürsten) gänzlich ein-
gebüsst, deren Kraft und Schwung gänzlich vergessen haben.
Sie werden nun einfach Söldlinge zum Schutze (des Staates),
ihre Zahl nimmt ab und es vermindert sich also die Zahl der
Vertheidiger der Provinzen und Grenzlandschaften. Die unter*
worfenen Stämme fassen Muth, um sich in den Provinzen
gegen die Regierung zu erheben, Kronprätendenten und andere
Aufrührer eilen herbei, in der Hoffnung das Ziel ihrer Wünsche
zu erreichen, indem sich die Bewohner der Gegenden ihnen
SitiuDgaber. d. pbil.-liiet. Cl. XCUI. Bd. lY. Hft. 40
612 Kremer.
anschliessen und Bie sicher sind von den Truppen nicht erreicht
zu werden. Ununterbrochen dauert dieser Zustand fort, wäh-
rend die Machtsphäre der Regierung sich verengt, bis die
Aufständischen selbst in der nächsten Nähe der Hauptstadt
sich festsetzen. Oft zerfilUt in solchen Umständen der Staat
in zwei Staaten oder in drei nach Maassgabe seiner ursprüng-
lichen Kraft, wie wir schon gesagt haben, und es übernimmt
deren Führung eine andere Partei, die aber doch immer sich
der früher allein herrschenden Partei und ihrem natürlichen
Einflüsse fügen muss.' ^
,Hinsichtlich des Verfalles in finanzieller Beziehung aber,
sei dir kundgethan, dass jeder Staat im Anfange dem Nomaden-
zustande entspringt, wie schon früher bemerkt; der Charakter
der Regierung ist daher milde Behandlung der Unterthanen,
Maasshalten in den Ausgaben, Achtung vor dem Privateigen*
thum. Eine solche Regierung enthält sich der Strenge in der
Steuereintreibung, der Erpressung und Gewaltmaassregeln bei
Einhebung der Gelder und bei der Abrechnung mit den Be-
gierungsbeamten. Es besteht kein Anlass zu (grossen) Aus-
gaben und die Regierung braucht kein grosses Einkommen.
Aber später kommt die Vergewaltigung, das Königthum wird
gross und mächtig und verleitet zur Verweichlichung; hiedurch
▼ermehren sich die Ausgaben; die Ausgaben des Sultans und
der Staatsbeamten im Allgemeinen wachsen an und auch aof
die Bewohner der Hauptstadt erstreckt sich dies: hiedurch
stellt sich die Nothwendigkeit ein, die Löhnung der Truppen,
die Gehalte der Beamten zu erhöhen, denn das Volk folgt der
Regierung im Glauben und in den Sitten. Der Sultan mass
also Marktsteuem von den Verkaufspreisen auf den Bazaren ein-
führen, um die Einnahmsquellen reichlicher fliessen zu machen,
indem er einerseits hiebei die Verweichlichung der Stadt, die
den Beweis ihrer Wohlhabenheit liefert, im Auge hat, ander-
seits aber die Nothwendigkeit fUr die Auslagen der Regierung
und der Truppen Vorsorge zu treffen. AUmälig nehmen aber
die. Gewohnheiten der Verweichlichung immer mehr zu, die
Marktsteuern reichen nicht mehr aus; die Regierung wird nun
gewaltthätig gegen ihre Unterthanen, sie treibt Gelder ein von
» II, 123 (110).
Ibn Chaldun und seine Ciiltar(irc8chiehte der islftmischen Reiche. 613
dem Vermögen der Unterthanen^ sei es durch Marktsteaern oder
Monopole ^ oder in gewissen Fällen auch durch Uebergriffe
mit oder ohne (berechtigten) Vorwand. Die Soldtruppen über-
nehmen sich, da sie die Regierung so geschwächt und des
nationalen Gedankens beraubt sehen; indem man dies von
ihnen befürchtet, sucht man diese Gefahr zu bekämpfen durch
Löhnungserhöhung und Vermehrung der Auslagen für sie und
man findet kein Mittel sich anders zu helfen. Die Steuer-
einnehmer unter einer solchen Regierung werden in dieser
Periode sehr reich in Folge der Grösse der Steuereinnahmen
und der Verfügung über die Gelder in ihren Händen, oft über-
schreitet deshalb ihr Glanz das Maass und sie werden der
Gegenstand von Verdächtigungen wegen Unterschlagung von
Steaergeldern; aus Eifersucht und Neid verleumden sie sich
gegenseitig; die Folge davon ist; dass sie einer nach dem
andern (vom Sultan) mit Strafe und Vermögen sconfiscationen
heimgesucht werden , bis ihr Reichthum erschöpft und ihre
Lage gänzlich zum Nachtheil geändert ist. Aber auch die
Regierung büsst den Pomp und die Herrlichkeit ein, welche
jene ihr verliehen. Nachdem die Hilfsquellen dieser Classe
erschöpft sind, geht die Regierung auf die anderen wohlhabenden
Privaten über. Aber in dieser Periode hat gewöhnlich schon
der Verfall auch auf die materielle Macht seine Wirkung aus-
geübt. Die Regierung hat nicht mehr die Kraft für Ueber-
griffe und Gewaltmaassregeln. Die Politik des Sultans be-
steht nun in der Einäussnahme durch das Geld, er hält dies
fär nützlicher als die Anwendung des Schwertes, dessen un-
zureichende Wirkung er kennt. Es steigert sich denn sein Be-
darf an Geld, ausser dem was er für die regelmässigen Ausgaben
und die Löhnung der Truppen braucht und es reichen seine
Mittel nicht aus. Die Altersschwäche des Staates nimmt nun
zu, es treten die Bewohner der Provinzen kühner (der Regierung)
entgegen. Die Bande des Staatswesens lösen sich in jeder
dieser Perioden mehr und mehr bis zum schliesslichen Unter-
gange, bis sich jeder der Prätendenten bereit macht der obersten
' Es ist hieza die Bemerkung zu machen, dass nach den Theorien der
mohammedanischen Theologen und Juristen Marktsteuern und Monopole
für ungesetzlich erklfirt wurden.
40*
614 Kreffier.
Gewalt sich zu bemächtigen. Macht sich einer aber ernstlich
daran, so entreisst er die Regierung den früheren Machthabern,
wo nicht; so bleibt sie im Zustande der Auflösung, bis sie
von selbst zu Grunde geht, wie der Docht in der Lampe,
wenn das Oel zu Ende ging und die Flamme erlischt Gott
dessen Name gepriesen sei, ist der Inhaber der Dinge und
der Ordner der Ersqheinungen ; keine Gottheit ist ausser
ihm!'»
Jedes Reich muss eine gewisse Anzahl von Provinzen
haben, aber auch nicht mehr als bis zu einer gewissen Grenze.
Für diese muss es eine genügende Anzahl von Truppen be-
sitzen, um sie besetzen zu können. Hat die Regierung auf diese
Art über ihre Truppen verfügt, so bildet die von ihnen besetzte
Linie die Grenze. Dies gilt aber nur so lange das Reich
noch die urwüchsige Kraft des Nomadenthums bewahrt. All-
mälig erreicht es aber den Gipfelpunkt des Glanzes, die
Einkünfte fliessen reichlich, der Luxus nimmt zu und die
städtische Civilisation macht grosse Fortschritte, die Sitten der
Krieger verweichlichen, sie geniessen das Leben und gerathen
hiedurch in Verweichlichung, das städtische Leben entnervt
sie. Die weitere Folge ist das Erwachen des Ehrgeizes, der sie
anspornt, um den Vorrang zu streiten. Der Sultan macht dem
ein Ende durch Anwendung von Gewaltmaassregeln, die Emire
und Grossen gehen zu Grunde, es vermehrt sich die Zahl der
Untergebenen und Unselbsts tändigen. Diese Ereignisse aber
schwächen die Widerslandskraft des Staates. So erhält er
seine erste Schwächung in seiner Kriegsmacht. Hiezu kommen
noch die maasslosen Ausgaben des Sultans, die Einnahmen
des Landes genügen nicht mehr für die Ausgaben und so er-
leidet das Reich eine zweite Schwächung in den Finanzen;
dies zusammen mit der ersten fuhrt Entkräftung und Verfall
herbei. Manchmal entsteht auch zwischen den hervorragenden
Anführern Streit, obgleich sie bereits unfähig sind gegen die
benachbarten Völker, die auf den Verfall des Reiches sinnen,
anzukämpfen; auch die Bewohner der Grenzlandschaften be-
nützen die Schwäche der Regierung, um sich in ihren Gebieten
unabhängig zu machen. Der Sultan aber hat nicht mehr die
* II, 127 (113).
Ibn Cbftldnn und seine Cnltnrgetchicbte der isIftmiBeben Reiche. 615
Macht sie zurecht zu weisen. In diesem Zeitpunkte beginnt
die allmälige Einengung der Grenzen^ die das Reich in seiner
ersten Machtperiode erreicht hatte. Man zieht eine neue Grenze
innerhalb der alten, aber die Schwäche der Truppen, ihre
Fahrlässigkeit, der Geldmangel und der Rückgang der Ein-
nahmen haben auf diese neue Grenze dieselbe Einwirkung,
welche schon das erste Mal die Reichsgrenze eingeengt hat.
Der Sultan beginnt die bisher für die Heeresverwaltung, sowie
für die Finanzen und Provinzialverwaltung bestehenden Gesetze
zu ändern, um das Gleichgewicht zwischen Einnahmen und
Ausgaben herzustellen, die Kosten für das Heer und die
Provinzen zu bestreiten, die Steuern zur Bezahlung der Gehalte
zu verth eilen und in allem sich genau nach dem zu richten,
was in der ersten Periode des Staates Geltung hatte. Aber
ungeachtet dieser Aenderungen bestehen die Ursachen des Ver-
derbens fort. In dieser Periode wiederfährt dem Reiche dasselbe,
was ihm schon in der ersten Periode zugestossen war und der
Fürst ist gezwungen gegen dieselben Schwierigkeiten anzu-
kämpfen, die schon früher sich gezeigt haben. • Er wendet die
schon früher gebrauchten Mittel an und hofft so ein Uebel
bezwingen zu können, das immer wieder erscheint. Er zieht
eine neue, engere Grenze hinter der ersten, aber dieselben
Erscheinungen, die früher schon zur Verengung der Grenzen
geführt hatten, zeigen sich auch diesmal. ^
Gewöhnlich bezeichnet Uebervölkerung die letzte Periode
der Existenz eines Reiches, es treten Hungersnoth und Epi-
demien sehr häußg auf. ^
Neuentstandene Regierungen müssen nothwendiger Weise
mit Milde und Mässigung vorgehen. Ist das Reich aus religiösen
Gefühlen hervorgegangen, so verdankt es diese Eigenschaften
der Religion, sonst leitet es diese edlen Gesinnungen aus dem
Nomadenleben ab. Unter einer milden und gerechten Regierung
verbreitet sich Zufriedenheit und Wohlbehagen; das Volk geht
mit Eifer seiner Arbeit nach, die Bevölkerung vermehrt sich
aber es macht sich diese Zunahme nur nach einer Generation
oder mindestens nach zweien bemerkbar. Mit Beginn der dritten
t 11, 127 ff. (114).
2 II, 138 (124).
616 Kleiner.
Generation nähert sieh das Reich seiner Vollendung und die
Bevölkerung erreicht ihre höchste Zahl.
Hungersnoth . und Epidemien treten häufiger auf, wenn
das Reich in der letzten Periode sich befindet, denn Hungers-
noth ist die noth wendige Folge des Unterbleibens der Ackerbau-
arbeiten. Das Volk will aber nicht mehr den Boden bebauen,
weil die Steuern und Auflagen zu drückend geworden sind, oder
wegen der Ruhestörungen und Aufstände, die sich dann häufig
zeigen in Folge der (zunehmenden) Schwäche der Regierung.'
VI.
Bttckblick.
Kaum hat ein Religionssystem auf die Denkart, den
bürgerlichen Charakter, die politische und geschichtliche Ent-
wicklung der Völker einen so gewaltigen und dauernden Ein-
fluss ausgeübt, wie der Islam.
Er drückte allen Völkern, die ihm sich ergaben, seinen
Stempel auf und die Jahrhunderte zogen wirkungslos darüber
hin/ Es konnte deshalb auch eine vom religiösen Standpunkte
unabhängige Geschichtsauffassung sich nur schwer Geltung
verschaffen. Beherrschte ja doch in Europa der theologische
Gedanken die geschichtlichen Arbeiten bis in das spätere
Mittelalter herauf.
Dennoch macht sich zwischen dem Entwicklungsgange
des von den Fesseln des religiösen Systems mehr und mehr
sich losringenden Denkens im Abendlande und im Morgen-
lande ein sehr wesentlicher Unterschied bemerkbar. Während
hier rasch und ganz besonders in den Ländern arabischer
Zunge eine überaus reiche und mannigfaltige weltliche Lite-
ratur sich entfaltete, die in der grossen Masse der gebildeten
Classen der Nation eifrige Aufnahme fand, blieb im Abend-
lande die Schriftstellerei durch die erste Hälfte des Mittelalters
fast ganz das Eigenthum der Klöster und ihrer düsteren In-
wohner. Im Reiche der Chalifen ward die Literatur Gemeingut
aller Gebildeten, wozu Jeder, der Beruf und Lust hatte, sein
^ II, 139 (126).
Ibn Chaldan und seine CvUarg«8cbiehle der islamischen Reiche. 617
Schärflein beisteuerte. Im Occidente blieb sie das Vorrecht
einer Kaste, welche die ihr anerzogenen Vorurtheile und Lehr-
meinungen in die schriftstellerische Arbeit hineintrug und gegen
jede neue, selbstständige Geistesrichtung von vorne her abweh-
rend und feindlich sich verhielt. Das arabische Volk hatte daher
schon sehr früh sein eigenes weltliches Schriftthum; während
in Europa noch lange die ausschliesslich religiöse Richtung
vorherrschend blieb. Erst das grosse Völkerdrama der Ereuz-
züge, das im Orient eine allgemeine Keaction des Fanatismus
und der Intoleranz hervorrief, bewirkte in Europa durch die
hiedurch gegebene Anregung eine lebhaftere geistige Arbeits-
lust auch in weltlicher Richtung.
So kam es, dass lange bevor in den Klöstern der euro-
päischen Länder man daran dachte sich Rechenschaft zu geben
über den allgemeinen Verlauf des Stromes der Völkergeschichte,
schon von verschiedenen Denkern des Islams das grosse Räthsel
des Lebens und des Menschendaseins zum Gegenstande ernster
und selbstständiger Betrachtung gewählt worden war. Die
Entwicklung der arabischen Geschichtschreibung trug viel hiezu
bei, erhielt aber gleichzeitig auch ihrerseits durch die philo-
sophische Geistesrichtung nachhaltige Förderung; denn schon
im dritten Jahrhunderte der Hegira schrieb man in arabischer
Sprache universalhistorische Werke, worin man nicht nur die
Geschichte der mohammedanischen Völker, sondern auch die
der wichtigeren fremden, wie der Hebräer, der Griechen, Perser,
Indier und Byzantiner behandelte. Das Studium der in üeber-
setzungen schnell verbreiteten griechischen, persischen und
indischen Schriften brachte, trotz der Exclusivität des Islams,
den Arabern die Ueberzeugung von der hohen Cultur auch
der fremden, nichtmohammedanischen Völker. Und je mehr
man fremde Gesittung und fremde Cultur schätzen und achten
lernte, desto lebhafter griff der Drang um sich, das Getriebe
des Völkerlebens in seinem Zusammenhange kennen zu lernen
und desto tiefer empfand man die Sehnsucht in dem anscheinend
planlos und verworren von Jahrhundert zu Jahrhundert sich
fortschleppenden Laufe der Geschichte den Plan, den Zweck,
das Gesetz und das Endziel erfassen und verstehen zu lernen.
Der Islam hatte zwar auf dieses, wie auf alles andere,
seine entscheidende Antwort: ,Was Gott will, geschieht, die
618 Kremer.
einen macht er selig und die andern verdammt er, das irdische
Leben ist eitel und vergänglich, nur das jenseitige hat Werth
und ist von ewiger Dauert
So lange der Islam noch in seinem Heroenzeitalter sich
befand, beschäftigte die Eroberung und Verwaltung der Länder
das herrschende Volk in solchem Maasse, dass man weoig
Müsse und auch wenig Lust hfttte, über ernstere Fragen nach-
zusinnen. Man lebte frisch mitten in dem Thatendrange einer
Zeit voll nationalen Schwunges und bekümmerte sich nicht um
die Zukunft, denn die Beobachtung der äusserlichen Religions-
pflichten, des Gebetes, des Fastens u. s. w., sowie die Bekenntnis«
des mohammedanischen Glaubens genügte den Eintritt in das
Paradies zu sichern.
Allein kaum war die Zeit der ersten Heldenkämpfe vor-
über und kaum war der Stillstand der Entwicklung eingetreten,
so machte der Islam seine durch die Ausnahmszustande des
ersten Jahrhunderts nicht allgemein zur Wirkung gekommenen
Rechte auf die Geraüther geltend. Die Lebensanschauung, die
er in normalen Verhältnissen hervorrufen muss, ist eine düstere,
unbefriedigende, denn er legt alles Gewicht auf das Ausser-
weltliche, Ueberirdistshe und man findet bei ihm keine wie
immer genügende Antwort auf die Frage nach Werth und Ziel
des irdischen Lebens in seinem Gesamratverlaufe. Denn dies
alles erscheint als etwas ganz nebensächliches und werthloses.
So ist denn der Einfluss der islamischen Lebensanschauuog
ein düsterer und leitet in letzter Folge zur ascetischen Ver-
achtung der irdischen Dinge.
Daher kommt es, dass in den Werken mohammedanischer
Theologen und, unter ihrer Einwirkung, auch bei den Poeten
und Literaten durch alle Jahrhunderte das Thema von der
Verächtlichkeit der Welt, der Nichtigkeit des Erdenlebens
wiederkehrt. Es ist in den arabischen Gedichtsammlungen
nicht selten einer eigenen Classe von Gedichten zu be-
gegnen, die unter der Aufschrift: ,Zum Tadel der Welt'
(fy dämm ildonjä) zusammen gefasst werden. Je trostloser sich
die politischen Zustände des arabischen Weltreiches gestal-
teten, desto mehr Berechtigung fand diese pessimistische Welt-
auffassung.
Ibn Chaldnn und seine Cultnr^scbichte der flämischen Beiehe. 619
Mit dem Verlaufe der Jahrhunderte befand man sich aber
auf einer aolchen Höhe der Zeiten, dass man einen weiteren
üeberblick des bisher zurückgelegten Stück Weges auf der
Bahn der Geschichte gewonnen hatte. Es waren historisch
gesicherte Zeiten, über die man sich ein Urtheil bilden konnte,
aber das Ergebniss war selbst für die ersten zwei Jahrhunderte
der arabischen Weltherrschaft nicht besonders tröstlich oder
befriedigend. Allerdings hatte sich eine hohe, bewundernswerthe
Cultur in vollster Eigenthümlichkeit des orientalischen Volks-
lebens entwickelt; weit hinaus nach Ost und West, nach Süd
und Nord hatte das siegreiche Araberthum seine Eroberungen
ausgedehnt; von den Säulen des Herkules und dem grossen
Ocean des Westens bis zu dem fabelhaften Meere der Finster-
niss im fernsten Osten, wie die Araber den indischen Ocean
nannten, dehnte sich der von ihnen theils unterjochte, theils
doch erforschte Theil der Erde aus, aber trotzdem war der
geschichtliche Üeberblick nicht erfreulich. Das, was fehlte,
war die politische Stabilität. Das Chalifenreich war schon im
zweiten Jahrhunderte seines Bestandes in langsamer, aber un-
aufhaltbarer Zersetzung begriffen, aus den Provinzialstatthaltern
bildeten sich rasch halbsouveräne, zum Theil auch ganz unab-
hängige Dynastien. Die Aljiden bemächtigten sich in ein-
zelnen Landestheilen der Herrschaft, kühne Empörer, Secten-
streite, selbst communistische Bewegungen erschütterten das
Reich und rissen hie und da Stücke ab. Auch die unterjochten
Nationalitäten fingen an sich zu regen und aus ihnen gingen
allmälig verschiedene herrschende Familien hervor (Türken,
Perser, Berberen). Solche Fremdherrschaft, die der Araber
sehr schwer empfand, blieb seitdem im arabischen Oriente
mit wenigen Ausnahmen (Arabien) der normale Zustand. So
ist, um nur ein Beispiel anzuführen, Aegypten seit 868 Ch.
(Ernennung des A^med Ibn Tulun zum Statthalter), und mit
alleinigem Ausschlüsse der Periode der Fatimiden (969 —
1171), bis heute unter der Herrschaft türkischer Familien ge-
blieben.
Eine flüchtige Rundschau über diese Verhältnisse zeigt,
dass der Verfall des alten arabischen Reiches unaufhaltsam
sich vollzog und das, was an dessen Stelle trat, war weder
dauerhafter noch für das arabische Volksgefühl genugthuender.
620 Kremer.
Kann es uns überraschen, dass bei solcher Sachlage schon
in dem ersten arabischen Denker von Bedeutung, der über
die grosse Frage des Menschgeschickes, des Lebenszweckes
und Geschichtsverlaufes nachsann, der Pessimismus in seiner
schwärzesten Form auftritt, dass seine Philosophie nichts anderes
ist, als eine Philosophie der Verzweiflung, die mit dem Ende
auch die ersehnte Erlösung zu finden hofft? Für ihn ist das
Wirrsal des Lebens ein grosses Räthsel, das kein Weiser zu lösen
gewagt hat.
Den theologischen Standpunkt des Islams hat er längst
verlassen, aber er fand keinen Ersatz dafür, der ihn nur an-
nähernd befriedigt hätte. Nichts hat Bestand, alles ist bestimmt
zu vergehen, auch selbst die Religion des Islams: ,£s lehrte
Moses und ging dahin, worauf Christus erstund — dann kam
Mohammed und machte die fünf Gebete kund — ein neuer
Glauben soll später kommen, der diesen ersetzt — die Menschheit
wird so zwischen Gestern und Morgen zu Tode gehetzt'. *
Allerdings scheint er auch der Lehre von der Ruckkehr
des All zum Urzustände gehuldigt zu haben, denn an einer
andei'n Stelle desselben Gedichtes sagt er von der irdischen
Welt: ,Was immer dir in der Welt für ein Schicksal tagt, —
es bleiben dir Sonne und Mond doch immerhin unversagt —
ihr Ende soll dem Anfang gleichen, so ist es beschieden, — denn
Morgen und Abend bringen der Wunder viele hienieden.'^
Auch glaubte er an eine gewisse aufsteigende Veredlung
des Menschen, die ihn zu einem höheren Wesen umgestaltet^
wenigstens finden wir eine Stelle, welche diese Vermuthung
bestätigt: ,Drei sind die Stufen der Creaturen: erhabene Geister,
Menschen und unverständig Gethier, — übt der Mensch die
Tugend, so steigt er empor zur Natur der reinen Geister
(Engel), zieht ihn aber die Leidenschaft herab, so sinkt er zur
Stufe des Viehes hernieder und das ist wahrlich die tiefste
Stufe!'«
Das grosse Drama der Weltgeschichte sieht schon er
als ein endloses an, worin aber stets neue CombinationeD
1 MaWry: LozumijjAt.
2 Der Text des ganzen Gedichtes samrat Uebersetzung folgt im Anhange IL
3 Der Text folgt im Anhang III.
Il>n Chaldon und seine Cnltargeschichte der isUmischeii Beiche. 621
eintreten und nie das einmal Dagewesene in identischen
Formen sich wiederholt. So wenigstens fasse ich die folgende
Stelle auf:
Die Zeit, die ewig dahin rollt,
ist wie ein Gedicht,
Aber denselben Keim wiederholt
der Dichter nicht. ^
Wenn es gestattet ist aus solchen Stellen; die eben
dadurch; dass er ausschliesslich der poetischen Form sich be-
dient; immer etwas unbestimmt bleiben; einen Schluss zu ziehen,
so kann man daraus entnehmen; dass Ma*arry's Weltauffassung
die folgende war: die Frdenwelt ist vergänglich und ihr Ende
wird dem Anfange gleichen; dem Gesetze des Entstehens und
Vergehens ist alles unterworfen; endlos strömt die Zeit dahin ;
stets neues bringend; aber der Mensch kann durch Uebung
der Tugend sich veredeln und auf die Stufe höherer geistiger
Wesen sich emporschwingen.
Diese Anschauung ist mehr poetisch als philosophisch
und sie verdient nur deshalb besonders hervorgehoben zu
werden, weil der theologische Standpunkt hiemit gänzlich ver-
lassen ist. Es erhellt übrigens aus vielen anderen Stellen der
philosophischen Gedichte Ma'arry's, dass er einen Cultus der
Sittenreinheit mit the'istischer Grundlage lehrte, der deutliche
Einwirkungen des Buddhismus mit seiner reinen Moral und
seiner Sehnsucht nach dem Nirväna aufweist. Die folgende
Stelle eines längeren Gedichtes, worin er sein religions-philo-
sophisches Glaubensbekenntniss niederlegt; ist hiefür ent-
scheidend :
,Siech bin ich an Verstand und Glauben, doch höre von
mir die Kunde der Wahrheit! — Verzehre nicht in Rohheit,
was das Wasser ausgeworfen, und wähle nicht zur Kost das,
was geschlachtet worden, — auch nicht die Eier der Brut-
henne, deren Dotter ihr soll die Küchlein nähren, nicht aber
die schönen Frauen; — überliste nicht die Vögel, die nicht
hüten können ihre Brut, denn die Gewaltthat ist die ärgste
der Missethaten ; — lass auch unberührt die Waben der Bienen,
1 Den Text des Gedichtes sammt Uebersetzang habe ich in der Zeitschrift
der Deutschen Morgenläudischen Gesellschaft B. XXX S. 47 ver-
Öffentlicht.
622 Krener.
die sie emsig füllten aus duftigem Blumenseim; — nicht haben
sie dies aufgespart für Fremde und nicht sammelten sie es
für Geschenke und Freundschaftsgaben. — Von air dem wasche
ich meine Hand, ach! hätte ich doch früher mich besonnen,
bevor die Schläfen erbleichten! — O Zeitgenossen, kennt ihr
die Gehjeimnisse, die ich weiss? aber ich gebe sie nicht kund! —
Ihr wandelt im Irrthume, ach warum lasset ihr euch nicht
leiten durch die Verkündungen der erleuchteten Männer! — So
oft der Herold der Verblendung ruft, wie kommt es, dass ihr
willig folget in dem, was sie da vorspiegelt, jedem Rufer! —
Würden euch enthüllt die Wahrheiten eurer Religion, so
würdet ihr entdecken den schmählichsten Missbrauch. — Seid
ihr wohlberathen, so färbt nicht die Schwerter mit Blut und
senkt nicht die Sonden (d. i. die Lanzen) in die Tiefe der
Wunden. — Wohl gefällt mir die Sitte jener, die als Mönche
leben, nur nicht dass sie verzehren, was andere mit Mühsal
erwerben. — Besser fristen jene ihr Leben, die redlichem
Erwerbe nachgehen zu allen Stunden'. ^ —
Zeigt sich, wie aus obigem Bruchstücke erhellt, der
Dichter als unabhängig von der theologischen Denkart des
Islams, so bleibt er ihr doch darin treu, dass er dem irdischen
Leben keinen Wcrth zuerkennt und die Erlösung daraus als
eine Befreiung begrüsst, zu deren Herbeiführung er selbst
das heroische Mittel der Nichtfortpflanzung anempfiehlt. Auch
hierin kann man buddhistischen Einfluss erblicken.
Einsam steht Ma*arry mitten im grossen Kreise seiner
Zeitgenossen, wenige waren die Männer, welche solche Ueber-
zeugungen hegten und keiner ausser ihm wagte sie so unum-
wunden zu bekennen. Er mag jene Verse zwischen 403 — 413 H.,
also 1012 — 1022 Gh., geschrieben haben, und starb ungeachtet
seiner entschieden freigeisterischen Richtung unbehelligt, während
zur selben Zeit in Europa der blutige Vernichtungskrieg gegen
die Albigenser sich vollzog.
Jedenfalls liefern Ma'arry's Schriften den Beweis, wie
wenig die altislamische Weltauffassung dem Drange nach Er-
kenntniss des grossen Räthsels entsprach, wie wenig sie die
* Den Text des Gedichtes, dessen Schluss zum richtigen Verst&ndniss eines
Commentars bedarf} lasse ich im Anhange IV folgen.
Ibn Chaldnn nnd Mine Cvltnrge^ehicbte der ialainisehen Reich«. 633
Zweifel za lösen vermochte, sobald einmal der blinde Glauben
geschwunden war. So pessimistisch nun auch seine Philosophie
ist, so hatte er doch noch lange nicht die schlechtesten Zeiten
erlebt. Der Verfall der mohammedanischen Staaten führte noch
weit grössere Erschütterungen herbei und für den frommen^
seinem Glauben ergebenen Moslim musste jene Zeit noch ' weit
unglücklicher sein, wo der Islam durch die erstarkende
Macht der christlichen Völker langsaili, aber unaufhaltsam zu-
rückgedrängt ward.
Allmälig machte sich dies immer deutlicher bemerkbar
und besonders in Spanien: eine Stadt nach der andern ward
den Mauren entrissen, Toledo (1085), Huesca (1096), Tudela
(1114), Saragossa (1118), Cordova (1236), Sevilla (1248);
Sicilien, Sardinien, die Balearen gingen für sie verloren, während
im Osten die Heere der Kreuzfahrer im Herzen des Orients
selbst die christliche Herrschaft begründeten.
Diese Vorgänge mussten auf die denkenden Männer den
grössten Eindruck hervorbringen, denn trotz aller inneren
Zerrüttung hatte man sich daran gewöhnt die Araber und den
Islam als unter der besonderen Huld und Fürsorge Gottes
stehend zu betrachten; man wiegte sich gerne in der Ueber-
zeugung von dem Vorrange und der höheren Cultur der
mohammedanischen Völker, man hatte sich nie ernst mit dem
Gedanken befasst, dass der Augenblick nahen könnte, wo die
fremden Völker, die nach dem Wortlaut des Korans unter dem
Schwerte der Rechtgläubigen gedemüthigt werden sollten, die
Stärkeren sein und ihrerseits den Islam demüthigen würden.
Um so grösser war der Eindruck, als dies wirklich geschah.
In demselben Maasse als das Christenthum in Spanien
das ihm so lange entrissene Gebiet wieder zurückgewann,
wichen die Araber zurück und wer konnte, wanderte aus,
entweder nach den südlichen Theilen der Halbinsel oder, als
man auch dort sich nicht mehr sicher fühlte, nach der gegen-
über liegenden afrikanischen Küste. In den grösseren Städten
Nordafrikas entstanden auf diese Art zahlreiche Ansammlungen
maurischer Flüchtlinge, welche noch lange hier die Erinnerung
an die schöne andalusische Heimath bewahrten und den Verfall
der maurischen Herrschaft in Spanien, der sie in die Fremde
getrieben hatte, tief beklagten.
624. Krem er.
Einer solchen spanischen Flüchtlingsfamilie gehört Ibu
Chaldun an und wenn auch schon ungefähr achtzig Jahre vor
seiner Geburt Sevilla, die Vaterstadt seiner Familie, von den
Christen eingenommen worden war, so hatte sich die Fami-
lientradition doch noch in recht frischer Erinnerung erhalten
und die aus Spanien nach Afrika gelangenden Nachrichten,
welche stets neue Erfolge der christlichen Waffen meldeten,
waren wohl geeignet stdts aufs neue die Aufmerksamkeit dSr
mohammedanischen Welt, besonders in Nordafrika, auf jene
Vorgänge zu lenken.
Unter solchen Umständen ward Ibn Chaldun geboren
und unter solchen Eindrücken wuchs er auf. Früh in das Ge-
triebe des politischen Lebens gezogen, hatte er Gelegenheit das
Hofleben und die Politik aus eigener Erfahrung kennen zu
lernen. Durch seine Beziehungen zu den Herrschern der ver-
schiedenen Sultanate und Fürstenthümer des arabischen Theiles
von Spanien und Nordafrika lernte er die tiefen Gebrechen
kennen, an denen das mohammedanische Staatswesen schon
damals dahinsiechte, während er andererseits durch seine uni-
versalhistorischen Studien den Blick sich genügend schärfte,
um einen Vergleich anzustellen zwischen Einst und Jetzt Die
Schlüsse, welche er hieraus ziehen musste, führten ihn zur
Aufstellung seiner Theorie von dem Verfalle der Staaten nach
ihren Altersstufen.
Andererseits aber musste ihn die Wahrnehmung, wie
rasch 'überall neue, allerdings meistens nicht dauerhaftere^
politische Gebilde entstanden, zur weiteren Annahme von dem
steten und regelmässig erfolgenden Wechsel zwischen dem
Verfall und der Neubildung der Staaten zwingen. Aus solchen
Beobachtungen und überall auf die Vorgänge der Wirklichkeit
sich stützend, entstand Ibn Chalduns Theorie des geschichtlichen
Processes. Sie ist also rein auf realer Grundlage emporge-
wachsen.
Zur Uebersicht fassen wir hier die charakteristischen
Sätze zusammen.
I. Der Geselligkeitstrieb ist die erste Ursache
der Vereinigung der Menschen.
II. Daraus entwickelt sich die Familie und aus
dieser die Gemeinde und der Stamm.
Ibn ChaldDn nnd leine Cnltvrpcschiclite der islamischen Reiche. 625
III. Der Stamm bildet die Grundlage des politi-
schen Gemeinwesens.
Seiner vorwiegend empirischen Methode getreu, befasst
sich Ibn Chaldun nur ganz vorübergehend mit der Genesis
des Staates im allgemeinen und zieht es vor, jene Periode zu
studiren, wo schon der Schritt von der Familie zum Stamme
und von diesem zum politischen Gemeinwesen vollzogen ist,
diese beiden neben einander bestehen und im Kampfe um das
Dasein begriffen gedacht werden. Er liebt es nicht grübelnd
in die Tiefen der Vorzeit hinabzusteigen, um auf speculativem
Wege eine Theorie von dem Ursprung der Gesellschaft anzu-
stellen. Er sucht lieber mit positiven Thatsachen zu rechnen
und aus diesen seine Schlüsse abzuleiten. Nur in Betreff des
Eönigthums, der Einzelnherrschaft, des monarchischen Prin-
cipes, wenn man sich einer modernen Ausdrucksweise bedienen
will, geht er auf eine theoretische Begründung ein, die sich
übrigens schon bei früheren arabischen Schriftstellern (Tor-
tushy, Mä.wardy und Ghaz&ly) findet. Dieselbe ist wie folgt:
Das Königthum ist in der menschlichen Natur begründet; denn
es ist einleuchtend, dass die Vereinigung der Menschen in die
Gesellschaft allein ihnen das Leben und den Fortbestand sichert.
Um sich die Lebensmittel und andere Bedüi*fnis8e von allge-
meiner Nothwendigkeit zu verschaffen, sind sie gezwungen
sich gegenseitig zu unterstützen. Andererseits hat aber im
Naturzustande jeder den Trieb, das was er braucht zu nehmen
und seinem Nebenmenschen selbst zu entreissen; die Gewalt-
that und die Feindschaft sind Eigenschaften, die zu den natür-
lichen Trieben aller Thiere gehören. Indem dem Angriffe
Widerstand entgegengesetzt wird — denn der Begriff des
Eigenthums ist den Menschen angeboren — muss Streit und
Kampf die Folge sein. Es könnte also, wenn dieser Zustand
unbeschränkt fortbestände, die Ausrottung der menschlichen
Rasse daraus folgen. Aus diesem Grunde ist ein Gebieter,
ein Ordner unbedingt nothwendig, der die Masse in Schranken
zu halten vermag. Dieser Gebieter hätte keinen Einfluss, wenn
ihn nicht eine hinreichend starke Partei unterstützte. Dies ist
das Königthum und es ist in der That ,eine erhabene Würde,
welche allen Ehrgeiz entfesseln und deshalb, um dem Zwecke
626 K reiner.
ZU entsprechen, von einem starken Anhange gehalten and
gestützt werden muss.' ^
Dieses Königthum, und Ibn Chaldun unterlässt es nicht,
es strenge zu scheiden von dem Chalifate, das einen über-
wiegend religiösen Charakter hat, besitzt den Drang, und er
ist in seiner Natur selbst begründet, sich der obersten Gewalt
ausschliesslich zu bemächtigen. Es tritt dies ebensowohl bei
dem Gebieter über ein aus vielen Stämmen gebildetes Volk
hervor, wie auch bei den zu einem Stamme vereinigten Familien:
nur eine allein kann die erste Stelle einnehmen und ihr
Führer kann allein die höchste Gewalt ausfüllen. Bei meh-
reren gleichberechtigten Anführern wäre Streit und Hader un-
vermeidlich.
Sehr passend führt Ibn Chaldun hiezu den Koranvers an :
,Gäbe es im Himmel und auf Erden mehrere Götter,
so wären (jene zwei) schon zu Grunde gegangen' (Kor.
XXI. V. 22).' 2
IV. Im Stamme ist das erhaltende Element der
Gemeinsinn der Stammesmitglieder, der bei grösserer
Entwicklung und namentlich bei der Ausdehnung über
grosse Menschenmassen höhere Kraft gewinnt (Natio-
nalitätsidee).
Da der Gemeinsinn, das Gefühl der Zusammengehörigkeit,
besonders bei den Wüstenbewohnern, den Nomaden, am kräf-
tigsten sich erhält, so ist es klar, warum Ibn Chaldun, der
eben hierauf besonderes Gewicht legt, zu wiederholten Malen
die moralische und intellectuelle Ueberlegenheit der Nomaden
gegenüber der sesshaften Bevölkerung, namentlich den Städtern,
hochpreist ^
Stets im Kampfe mit der Noth, immer bereit Angriffe
zurückzuweisen, gewöhnt an das einfache, entbehrungsreiche
Hirtenleben, bildet sich in den Wanderstämmen der Wüste
der muthige, ausdauernde und kräftige Charakter, der sie zur
Herrschaft über die durch den Luxus und den Einfluss despoti-
scher Regierungen verkommenen Städter befähigt. Denn diese,
wenngleich ursprünglich vielleicht selbst aus dem Nomaden-
» I, 380 (338).
2 r, 341 (300).
> I, 263, 264 (229).
Ibn Chaldttn und seine CnllargeBCliichte der ieUmischen Reiche. 627
leben hervorgegangenen, entarten äusserst schnell; sobald sie
unter festen Begierungsformen leben. Eine despotische Regierung
entnervt das Volk und bricht dessen Energie. ' Nicht wenig
trägt hiezu auch das System der Erziehung bei, die Unter-
wüi*figkeit und UnSelbstständigkeit wird förmlich anerzogen.^ Aus
ähnlichen Gründen geht auch ein besiegtes Volk schnell seinem
Verfalle entgegen.''
Den Zustand eines solchen schildert er uns mit ergreifender
Wahrheit. Allerdings passt sei^e Schilderung nur auf das
orientalische Mittelalter, aber man sieht, dass er als genauer
Beobachter spricht, der noch lebendig den Eindruck vor den
Augen hat.
,Wenn ein Volk', sagt er, ,seine Unabhängigkeit verloren
hat, so geht es schnell zu Grunde. Die Ursache hierfür liegt
in der Niedergeschlagenheit, welche sich der Geister bemächtigt,
wenn es besiegt worden, durch die Knechtung ein Werkzeug
in der Hand eines anderen Volkes und von diesem abhängig
geworden ist; die Hoffnung schwindet und ermattet, ebenso die
Fortpflanzung und das Wachsthum der Bevölkerung. Denn
diese hängen von der Schwungkraft der Hoffnung und der
hiedurch hervorgerufenen Lebensfrische der körperlichen Kräfte
ab. Schwindet nun die Hoffnung in Folge der Niedergeschlagen-
heit, und schwinden die hiedurch bedingten Anlagen, ebenso
wie der Gemeinsinn in Folge der über sie ergangenen Macht
der Sieger erstirbt, so nimmt auch die Lebensdauer des be-
siegten Volkes ab, seine Erwerbsquellen versiegen ebenso wie
die Erwerbslust; es kann sich nicht mehr vertheidigen, nachdem
seine Kraft durch die Niederlage gebrochen worden ist, es
unterliegt jedem Feinde, es ist eine Beute für jeden der danach
begehrt. Es ändert nichts daran, ob nun dieses Volk früher
seine Herrschaft (einen Staat) gegründet hatte oder nicht. Es
ist aber hiebei noch ein anderes Princip zu beachten und
dies ist folgendes: Der Mensch ist in Folge seiner Natur be-
rufen Herr seiner Handlungen zu sein, indem er gewissermaassen
zum Regenten über die Natur (von Gott) bestellt worden ist.
Der Gebieter aber, der seiner Herrschaft beraubt, und seines
» I, 265 (230).
2 I, 267 (232).
5 I, 307 (268).
SiUangsber. d. phil.-hist. Cl. XCIU. Bd. IT. Hft. 41
628 Kromar.
Ansehens entkleidet wird, ermattet, so dass er selbst den
Hunger und Durst zu befriedigen vernachlässigt. Dies ist in
der Natur der Menschen begründet. Und selbst bei den Raub-
thieren soll etwas ähnliches sich beobachten lassen, indem sie
in der Gefangenschaft sich nicht begatten. Dergestalt tritt
bei dem besiegten Volk eine Abnahme der Kräfte und Auf-
lösung ein, bis es der Vernichtung anheim fällt.^ '
Nicht minder zutreffend sind die Bemerkungen über die
allgemein bei unterworfenen Völkern hervortretende Neigung
die Sieger in Haltung und Tracht, ja selbst in den Meinungen
und Gewohnheiten nachzuahmen. Er hebt hervor, dass dieses
Streben der Besiegten sich den Siegern anzuschmiegen überall
sich beobachten lässt. Aber selbst bei den nur benachbarten
(von einander ganz unabhängigen) Völkern zeigt es sich, dass
jenes Volk, welches die Ueberlegenheit des andern gefühlt
hat, dessen Sitten und Gebräuche nachzuahmen sich bestrebt
Ihn Chaldun fuhrt hiezu ein sehr merkwürdiges Beispiel an.
Er spricht nämlich von der arabischen Bevölkerung Spaniens
und ihren Beziehungen zu den christlichen Bewohnern der
Königreiche Leon und Castilien (galälilj:ah) und fügt bei: ,Du
wirst in der That finden, dass jene diesen in Kleidung und
äusserer Erscheinung zu ähneln suchen, und auch in Sitten
und Verhalten, selbst in der Gewohnheit die Wände mit
Menschengestalten zu bemalen, in den Schlössern und Wohn-
häusern. Wer mit denkendem Blicke diese Erscheinungen be-
obachtet, der sieht hierin das Zeichen der Ueberwältigung
(der im Verfalle begriffenen Nation)^-^
Es ist eine natürliche Folge der empirischen Methode
Ibn Chalduns, dass er auch Sätze aufstellt, wie die folgenden:
Halbcivilisirte Völker sind zu Eroberungen mehr geeignet
als solche, die bereits eine höhere Stufe der Gesittung ein-
nehmen. 3
Denn eben hiefiir bietet die * Geschichte des Orients
mehrere Beispiele, deren verschiedene Ibn Chaldun besonders
nahe lagen (Eroberungen der Araber, der Berberen, der Karden,
Turkomanen u. s. w.).
1 I, 307, 308 (268).
2 I, 307 (267).
3 I, 290 (251), 303 (263).
Ihn Chaldan und leine ünltnrgeschiohte der islUDiMhen Reiche. 629
V. Als zweites Bindemittel auch verschiedener
Stämme und deshalb als wesentlicher Factor bei der
Bildung und dem Fortbestande der Staaten ist die
Religion anzuerkennen.
Bei Aufstellung dieser Maxime war für Ibn Chaldun der
historische Vorgang der Begründung des arabischen Weltreichs
durch die unter dem Banner des Islams und durch die Religion
geeinigten arabischen Stämme maassgebend. Dieses Princip
formulirt er sogar noch weit schärfer in der Art, dass die
arabischen Wanderstämme unfähig seien ein Reich zu gründen^
es sei denn unter der Leitung eines Propheten oder eines
religiösen Anführers. ^
Diese Bemerkung entspricht vollkommen dem geschicht-
lichen Verlaufe; denn, nachdem die Araber das Chalifat ge-
gründet hatten und sich die Scheidung des arabischen Volkes
in das städtische, nunmehr zur Herrschaft gelangte und das
nomadische Element vollzogen iiatte, kehrte letzteres sehr rasch
in die alte Ungebundenheit des Beduinenlebens zurück und
wirkte nur mehr zerstörend und zersetzend.'^
Wenn weiters Ibn Chaldun behauptet, jedes von den
arabischen Wanderstämmen eroberte Land sei in kürzester
Zeit verwüstet, -^ sie seien deshalb unter allen Völkern am
wenigsten befähigt ein Reich zu beherrschen,^ so wird man
keinen Augenblick zögern dieses Urtheil dem noch frischen
Eindrucke zuzuschreiben, den die Verwüstungen der arabischen
Beduinen in Nordafrika daselbst zurückgelassen hatten. Es
handelt sich um den Einbruch arabischer Horden, der von
Aegypten her im Anbeginn des fünften Jahrhunderts der Hegira
stattfand und eine furchtbare Verwüstung jener Landstriche
zur Folge hatte. ^
VL Im Nomadenleben erhält sich die staaten-
bildende Kraft des Volksgeistes; im städtischen Leben
und bei zunehmender Cultur schwindet sie; die Dauer
» I, 313 (273).
2 Näheres hierüber in meiner Geschichte der herrschenden Ideen des Islams
p. 401 flf.
3 I, 310 (270).
* I. 313 (273).
^ I, 312 (272). Vgl. Geschichte der herrschenden Ideen p. 404.
41*
630 Kromer.
und der Bestand der politischen Gemeinwesen hängt,
abgesehen von sonstigen Umständen^ von der Kraft
des Gemeinsinnes ab.
Diese Maxime erfordert nach dem bereits Angeführten
keine besondere Begründung; der rasch sich vollziehende Um-
sturz der kleinen nordafrikanischen Dynastien durch einzelne
berberische oder arabische Stammeshäuptlinge und der schnell
eintretende Verfall solcher Neubildungen liefert hierfür den
besten Beleg.
VII. Der höchste Punkt der Civilisation ist auch
der Wendepunkt, von dem angefangen der Rückschritt
und der Verfall der Reiche eintritt.
VIII. Die Staaten haben ihre bestimmten räum-
lichen und zeitlichen Grenzen, welche sie nicht über-
schreiten können.
IX. Zerrüttung der Kriegsmacht und der Finanzen
sind die beiden Symptome des Verfalles.
Der nationalökonomische Verfall der orientalischen Staaten
äussert sich durch gewisse Erscheinungen, die Ibn Chaldun
eingehend darzulegen sich bemüht. Er stellt dafür gewisse
Kriterien auf. Eine oppressive Regierung führt den Verfall
des allgemeinen Wohlstandes herbei; denn sobald die Steuern
und Abgaben so hoch sind, dass sie dem Steuerträger keinen
entsprechenden Gewinn seiner Arbeit lassen, besteht für ihn
kein Anlass mehr zu arbeiten, es sinkt die Erwerbslust und
tritt die Verarmung ein. * Gewöhnlich haben demnach, wenn
ein Staat reif ist zu fallen, auch die Steuern eine unverhältniss-
mässige Höhe erreicht. ^
Kommt noch hinzu, dass der Fürst selbst für eigene
Rechnung Handelsgeschäfte mit einzelnen Artikeln macht
(indem er sie monopolisirt), so werden hiedurch die Interessen
der Unterthanen eben so sehr geschädigt, als die Einkünfte
des Staates geschmälert, ^ denn der Reichthum der Regierung
steht in directem Verhältnisse mit dem der Unterthanen. *
Neuentstandene Reiche zeichnen sich gewöhnlich durch Milde
» II, .93 (81), 106 (93).
2 II, 95 (83).
» n, 95, 96, (82, 83).
« II, 300 (255).
Ibn Chaldnn und seine CnltorgetoUehte der islanisclien Beiehe. 631
und MäsBigung aus^ alternde durch das GegentheiU Die
Civilisation aber ist um so vollständiger und dauerhafter je
länger die Herrschaft einer und derselben Dynastie sich erhält,^
indem durch den Umsturz und den Dynastienwechsel der
regelmässige Fortschritt gehindert wird. Ist aber einmal der
Verfall eines Reiches eingetreten^ so kann nichts mehr ihn
aufhalten. ^
Von dem Standpunkte, den wir durch die vorhergehende
Untersuchung gewonnen haben, lässt sich nun der geschichts-
philosophische Gedanke Ibn Chalduns in allen seinen wesent-
lichen Zügen erfassen. Er sieht in dem steten Wechsel der
Ereignisse, in dem fortschreitenden Verlaufe der Geschichte
die Aeusserung allgemeiner Gesetze, unter deren Herrschaft
das bürgerliche und politische Leben steht. Diese Gesetze
zu erkennen, ihren Zusammenhang zu erklären, indem er die
Gesammtheit der Erscheinungen des politischen und socialen
Ijcbens der Menschheit zu überblicken sich bestrebt, betrachtet
er als die höchste Aufgabe der Geschichtswissenschaft. Viele
jener Gesetze, die noch jetzt die Gesellschaft eben so gut be-
herrschen wie damals, erkannte er, andere, namentlich jene
des wirthschafüichen Verkehres, ahnte er wenigstens. Er hat
also ans diesem Grunde volles Anrecht darauf, als der erste
kritische Culturhistoriker anerkannt zu werden. Dabei ist
seine Methode durchaus auf Induction beruhend: er studirt
erst die wirklichen Vorgänge, leitet daraus die Gesetze ab und
nur selten erlaubt er sich in dieser Richtung eine kleine Ab-
weichung von der Bahn der unbefangenen Beobachtung auf
das Gebiet der Hypothese und der Speculation. Aber eben
diese empirische Richtung, verbunden mit den unmittelbaren
Eindrücken seiner Zeit haben die Folge, dass seine Geschichts-
philosophie eine fortschreitende Entwicklung der Menschheit
nicht anerkennt. Der geschichtliche Process vollzieht sich
nach seiner Ansicht nach festen Gesetzen immer in denselben
Bahnen des Entstehens und Vergehens, mit derselben Regel-
mässigkeit wie der Wechsel zwischen Tag und Nacht; zwischen
1 II, 138 (124).
2 II, 29Ö (2Ö1).
9 II, 120 (106).
632 Kremor.
Geburt und Tod fliesst das Leben dabin, eben so gut für die
Völker wie für jeden Einzelnen. Ma*arry's Philosophie igt
poetischer, Ibn Chaldun ist wissenschaftlicher und positiver.
Die grosse Frage, ob die Entwicklung des Menschen-
geschlechtes im Ganzen und Grossen in aufsteigender oder in
ebener Bahn sich vollziehe, wird kaum gelöst w^erden. Jeder
wird hierüber sich seine besondere Ueberzeugung bilden oder
mit dem Zweifel sich bescheiden müssen.
Ueberhaupt ist ja die Fortschrittsidee zwar vielfach be-
handelt, aber nie begrifflich genau bestimmt worden. Ibn
Chaldun versteht unter dem culturgeschichtlichen Fortschritt
in allgemeinster Bedeutung das Emporateigen der Völker von
einer niedrigeren Stufe der Gesittung zu einer höheren, die
Steigerung des Wissens und Könnens auf materiellem und
geistigem Gebiete, aber nicht den moralischen Fortschritt zam
Besseren, denn er vertritt die Ansicht, dass mit fortschreitender
Civilisation die Sitteneinfalt und Unverdorbenheit dem Genuas-
leben und der Verweichlichung unterliegen.
Aber solchen Ansichten gegenüber ist wohl die Frage
gestattet, ob wir denn überhaupt bei dem heutigen Stande
unseres Wissens die Culturbewegung in einem gegebenen Zeit-
räume bei der Gcsammtheit der Cultur Völker überblicken
können? Kann bei dem lückenhaften Stande unseres Wissens
von einer allgemeinen Culturgeschichte die Rede sein? Es ist
nicht schwer hierauf verneinend zu antworten.
Es wird jedenfalls noch lange und gewissenhafte Foi*schang,
besonders auf dem so wichtigen und dennoch so arg vernach-
lässigten Gebiete der Geschichte der Völker des Orients noth-
wendig sein, bis man genügend Einsicht in den Entwicklungs-
gang der Völker und in die Ursachen ihres Verfalles gewonnen
haben wird, um sich über so gewichtige Fragen bessere Rechen-
schaft geben zu können als jetzt. Man wird der vergleichenden
Völkergeschichte niohr und mehr sich zuwenden müssen, die
analogen Erscheinungen des Völkerlebens im Abendlande und
im Oriente prüfen imd die dieser Gleichmässigkeit zu Grande
liegenden Ursachen zu erforschen haben. Das Studium der
herrschenden Ideen auf religiösem und politischem Gebiete ist
hiezu vor allem uneriässlich. Dies richtig erkannt zu haben,
ist Ibn Chalduns grosses und bleibendes Verdienst.
Ibn Chaldtin und seine Cnltnrgescliichte der islamischen Reiche. 633
Wir werden deshalb auch nicht' mit ihm rechten über
den negativen Charakter seiner Philosophie; wie sollte er an
einen bleibenden Fortschritt glauben, der mitten in dem offen-
baren Verfalle des alten mohammedanischen Staatswesens lebte,
der deutlich die ünhaltbarkeit der Zustände seiner Zeit und
seines Volkes erkannte. Leider reichte sein Blick nicht über
die Grenzen des arabischen Cidturkreises hinaus und über
das, was jenseits der Grenzen des Islams vorging, hatte er nur
ungenügende Kenntnisse. Dennoch scheint er auch in dieser
Hinsicht durch keine Vorurtheile seines Volkes und Glaubens
beschränkt gewesen zu sein, denn er hebt es besonders hervor,
dass in den Ländern der Franken, soweit er davon Nachricht
erhalten habe, die Wissenschaften und Studien in voller Blüthe
stünden. ^
Auch darf es nicht unbeachtet bleiben, dass er die Mög-
lichkeit des Fortschrittes nicht in Abrede stellt, jedoch den-
selben von der Stabilität der politischen Verhältnisse abhängig
macht. 2 Und mit dieser Bemerkung trifft er das Richtige,
denn an dem Mangel von politischer Stabilität ging die orien-
talische Cultur zu Grunde. Hätten die mohammedanischen
Völker eine geregelte Erbfolgeordnung ihrer Dynastien be-
sessen, so hätte die Cultur des Orients sich ganz anders dauer-
haft gezeigt und gewiss würde dann auch der civilisatorische
Fortschritt weit nachdrücklicher sich geltend gemacht haben.
Die zersetzende Einwirkung der orientalischen Polygamie
hingegen blieb von Ibn Chaldun unerkannt.
Aber gewiss ist er einer der bedeutendsten Geister seines
Volkes und seiner Zeit und verdiente aus dieöem Grunde auch
bei uns mehr Beachtung zu finden, als ihm bisher zu Theil
geworden, denn mit Ausnahme Machiavelli's und Vico's ist er
allen älteren europäischen Politikern weit überlegen.^
Im Oriente ist ihm schon längst die höchste Anerkennung
gespendet worden. Schon unter Sultan Mahmud I. wurden
seine Prolegomenen (Mo%:addamah) ins Türkische übersetzt und
> JII, 128 (92).
2 II, 296 (251).
^ Rocholl, in seiner Philosophie der Geschichte (Göttingen, 1878), nennt
nicht einmal Ibn Chaldun nnd weiss über die Leistungen der orientalischen
Denker so g^t wie nichts zu sagen.
634 Kremer.
blieben seitdem das angesehenste Handbuch der Staatsweisheit^
welches kein türkischer Staatsmann ungelesen lassen darfte.
Dass sie aber keinen Nutzen daraus zu ziehen verstanden,
beweisen am besten die Regierungen der letzten Sultane, unter
welchen alle von Ibn Chaldun als Symptome des Verfalles be-
zeichneten Erscheinungen in der unverkennbarsten Weise in
Stambul zu Tage traten, allein vergeblich : denn es war wie
im Koran geschrieben steht : Jhr Qleichniss ist das desjenigen,
,der ein Feuer anzündete und als es erleuchtete die Umgebung,
,da nahm Gott ihr Feuer hinweg und Hess sie in der Finsternis»,
,so dass sie nichts sehen : taub, stumm und blind sind sie und
,kehren nicht wieder zurück (zum Heile)*. ^
1 Koran II, 16 (17).
Ibn Chaldvzi and seine Cnltaiyeecbichte der islmnischen Reiche. 635
ANHANG.
I.
Gat>?: Buch der Thiere Fol. 195 v".
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636
Kremer.
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(Fol, 196) Jl^ VyP^ (>^ J^ '^^ e'^T^'j ^**^^— ^
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II.
Ma'an'y: Philosophische Gedichte — ks^lLe^ü.
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Ibn Chaldnn und seine Caltatgtichickte der iilanilclien Reiche. 637
Uebersetzung:
Blind scheint mir der Sterndeuter
diever C^emeinde zu sein,
Denn er liest die beschriebeneu Rollen
durch Betastung allein.
Lang^ wfihrt seine Muhe,
ach wie langte müht er sich ab!
Mit Zügen der Schrift, deren Schreiber
längst schon ruhet im Grab!
Es lehrte Moses und ging,
worauf Christus erstund,
Dann kam Mohammed, der machte
die fünf Gebete kund.
Ein neuer Glauben soll später
kommen, der diesen ersetzt:
Die Menschheit wird so zwischen gestern
und morgen zu Tode gehetzt.
Ach dass doch aufs neue der Glauben
seine Verjüngung erlange
Und der Büsser vom Durste sich labe,
nachdem er gedurstet so lange I
Was immer in dieser Welt
für ein Schicksal dir tagt,
Dir lässt es Sonne und Mond
immerdar unversagt.
Dir Ende soll ihrem Anfang
gleichen, so ist es beschieden:
Morgen und Abend bringen
der Wunder viele hienieden:
Der Kinder fröhliche Ankunft,
das letzte .Scheiden der Greise,
Der Abschied vom häuslichen Heerd
und die letzte Grabesreise I
Pfui dieser Erdenwelt,
wie sie täuscht und besticht,
Mit Mitteln der List, wie im Streite
man gern sie dazwischen flicht!
Drrnn auch, spreche ich Unwahres,
so lass ich die Stimme dröhnen,
Doch sag ich die Wahrheit zumal,
80 Sprech* ich in leisen Tonen I
638
Kremer.
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Einige BemerkuDgen sind zum richtigen Verständnisse des
Gedichtes erforderlich. Bis Vers 13 bleibt es vorwiegend didac-
tisch. Plötzlich aber tritt nun die subjective Richtung hervor.
V. 16 schildert der Dichter in abschreckender Art sein eigenes
Ende. Unter dem Ausdrucke ^^t« J| i^S ist wol die Hyäne
oder der Geier zu verstehen, der seinen Leichnam verzehrt.
Hieran schliesst sich der nächste Vers mit dem Bilde der ver-
modernden Gebeine. V. 18 tadelt die Sitte durch Klageweiber
den Todten beweinen zu lassen. V. 19, 20 und 21 enthalten ein
kurzes Selbstbekenntniss. V. 22 und 23 aber beschliessen das
Gedicht mit einem schlecht verhehlten Hohn auf jene, welche an
eine Fortdauer na.ch dem Tode glauben, oder die, nach einer bei
den Mohammedanern ziemlich allgemeinen Ansicht, meinten, dass
nach dem Tode die Seele für einige Zeit bei dem Körper im
Grabe verweile. Es genügt hier auf das zu verweisen, was ich
hierüber in meiner Geschichte der herrschenden Ideen des
640 Kr ein er. Ibn Chaldun aad seine Caltargeeckkhte der islamiiiclioii Reiche.
Islams S. 273 und 274 bemerkt habe. Diesen Aberglauben
bespottet der Dichter, indem er sagt: Was frommt es dem
Todten, dass die Wolken ihren erfrischenden Regen nieder-
sendeO; wenn er einmal unter der Steinplatte liegt: wäre die
Nähe des Wassers erwünscht, so würden die Menschen sich
um Grabstätten im Sumpflande (batai]^) streiten.
Mit einer solchen Dissonanz schliesst Ma'arry gerne. Denn
eine solche ist auch der Schluss des unter Nr. II. gegebenen
Gedichtes; wo er sich rühmt die Wahrheit nur mit leiser Stimme
zu verkünden ; er will hiemit nur sagen, dass er die Welt
derselben nicht würdig erachtet; sie verdiene es nicht, dass man
ihr Wahrheit gewähre.
Sickel. Beiträge xur Diplomatik Yll. 641
Beiträge zur Diplomatik VlI.
Vou
Dr. Th. Sickel,
wirklichem Mitgliede der kaiserlichen Akademie der Wissenschafteo.
Kanzler und Becognoscenten bis zum Jahre 953.
oeit mehr denn zwei Jahrhunderten ist die Geschichte
der Kanzlei in Frankreich und Deutschland; denen in den An-
fängen auch diese Institution gemeinsam war, Gegenstand zahl-
reicher Untersuchungen und Darstellungen gewesen. Und doch
ist es seit Delanoüe und Mallinckrot, welche da den Reigen
eröffnet haben, kaum versucht worden, geschweige denn ge-
lungen, das eine Capitel dieser Geschichte zu schreiben, nämlich
das Capitel über die Geschäftsführung durch die Kanzlei.
Gewiss eine sehr dunkle und schwer aufzuklärende Partie,
zumal was die ersten Jahrhunderte anbetrifft. Doch davon ab-
gesehen, ist die Vernachlässigung derselben vielleicht noch
mehr darauf zurückzuführen, dass die ursprüngliche und eigent-
liche Thätigkeit der Kanzler sehr bald durch eine anderweitige
in den Schatten gedrängt worden ist. Anfänglich waren diese
lediglich dazu bestellt, die EntSchliessungen der Könige in die
rechte schriftliche Form zu bringen. Doch das schon war ein
Vertrauensamt, das nicht den schlechtesten Männern übertragen
wurde. Dass solche in der nächsten Umgebung des Königs
weilten, hob sie dann höher und höher. Zugleich wurde aber
durch bedeutende Persönlichkeiten auch das Amt gehoben und
mit der Zeit geradezu umgebildet: die Kanzler wurden nach
und nach die Rathgeber in den öffentlichen wie in den privaten
642 Sickel.
AngelegenheitcD, ja selbst die Leiter derselben. ^ Mögen nun
einzelne Kanzler sich auch später noch um die eigentliche
Geschäftsführung oder wenigstens um die Zusammensetzung
des zur Arbeit berufenen Personals gekümmert haben, oder
mögen bei Hofe neben den Kanzlern neue Beamte zur Be-
sorgung des Urkundenwesens bestellt worden sein, so hat sich
zu jeder Zeit letzteres Qeschäft fast im Verborgenen abgespielt
und hat sich den Augen der Zeitgenossen entzogen. Daher
begegnen uns in den erzählenden Quellen nur wenige und ver-
einzelte diesbezügliche Bemerkungen. Selbst Hincmar in seiner
Schrift über die Pfalzordnung geht auf das Wirken der Kanzlei
nach dieser Seite nicht ein. So ist denn auch von den späteren
Geschichtschreibern die Geschäftsgebahrung als minder glänzend
und als minder bekannt so gut wie gar nicht berücksichtigt
worden oder doch erst von der Zeit an, wo sie sich etwa an
der Hand noch erhaltener Kanzleiordnungen darlegen Hess.
Indem ich in diesen Beiträgen mich auf das Zeitalter der
Karolinger und der Ottonen beschränken werde, will ich an
zwei neueren denselben Jahrhunderten gewidmeten Werken
zeigen, was für Geschichte der Kanzler und der Kanzlei bisher
geleistet worden ist und was noch zu leisten ist. In den Jahr-
büchern des ostfränkischen Reiches und in denen Otto I. hat
Dümmler sehr eingehend von den damaligen Brzkanzlem,
Kanzlern und Notaren gehandelt. Alle Notizen, welche das
gesammte Quellenmaterial bietet, sind von ihm, man kann
sagen zu Biographien zusammengestellt worden. Jedem dieser
Männer ist der Platz angewiesen, den er in der Kanzlei, bei
Hofe, in Staat und Kirche, in der Gelehrtenwelt seiner Zeit
eingenommen hat. Aber welchen Einfluss auf oder welchen
Antheil an den Geschäften dieser oder jener Kanzler, dieser
oder jener Notar gehabt hat, das wird nicht einmal berührt.
Das gleiche Interesse für den Gegenstand hat Waitz be-
kundet. Nachdem er schon in den Ranke'schen Jahrbüchern^
' Das hat Lorenz recht anschaulich gemacht in dem allerdings nicht streng
wissenschaftlichen und deshalb mit Vorsicht zu benutzenden Aufsatze:
Reichskanzler und Reichskanzlei in Deutschland (Preussische Jahrbücher,
29. Band, wiederholt in Drei Bücher Geschichte und Politik 1, 52—86).
2 Otto I. in den Jahren 951 973, bearbeitet von Dönniges; aber Excurs 16,
S. 228 ff. von Wait«.
Beiträge xnr Diplomatik YII. 643
die Ergebnisse selbsteigener Forschung veröffentlicht hatte^ hat
er in der Verfassungsgeschichte mit Benatzang aller ein-
Bchlägigen Arbeiten die Entwicklung des Amts zu schildern
gesucht. Die allmähliche Fortbildung * desselben und die
Organisation in ihren Phasen stehen da natürlich im Vorder-
gründe. Daneben hat allerdings auch die formale Behandlung
der Geschäfte in einigen Bemerkungen Berücksichtigung ge-
funden, doch zu einer eigentlichen zusammenhängenden Dar-
stellung derselben hat es auch Waitz nicht bringen können,
da ihm fast noch gar nicht vorgearbeitet war. Indem ich somit
eine diesen Autoren nicht zur Last fallende Lücke in den be-
treffenden Abschnitten ihrer Werke constatire, bemerke ich
zugleich, dass ihre und Anderer Arbeiten mir es wesentlich
erleichtert haben, die Lücke auszufüllen.
Die Kanzlei in ihrer eigentlichen Berufsarbeit zu beob-
achten, das war und ist noch heute Aufgabe derer, welche
sich speciell mit den Diplomen als den Denkmälern der Thätig-
keit der Kanzler und ihrer Untergebenen befassen. Und
welchen Weg wir dabei einzuschlagen haben^ das hat uns
wiederum der Meister Mabillon gelehrt. Denn er zuerst ver-
suchte eine Geschichte des Amtes und der Amtsthätigkeit zu
schreiben und verwerthete zu dem Behufe nicht allein die
Namen und Titel in den Urkunden, sondern auch deren directe
Aussagen über die Functionen und was sich aus den ver-
schiedenen Formen der Vollziehung der Diplome folgern lässt.
Jede seiner Wahrnehmungen oder Bemerkungen über die iussio
regis, über dictare, scribere, offerre, recognoscere, subscribere, ,
sigillare u. s. w. bekundet den angebornen und in langer
Detailforschung entwickelten Scharfblick, und geljuag es Ma-
billon trotzdem nicht, zu vollem Verständniss der Dinge vor-
zudringen, so hatte das seinen Grund lediglich darin, dass die
wenigen ihm zu Gebote stehenden Daten noch nicht genügen
konnten, die verschiedenen Phasen der Entwicklung und den
Gang derselben durch viele Jahrhunderte hindurch erkennen
zu lassen. Dann aber, als das Material reichlicher floss, wurde
eine geraume Zeit der Vorgang Mabillon's kaum beachtet und
noch weniger nachgeahmt.
So wollen wir Diplomatiker in Deutschland in seine Fuss-
tapfen zu treten suchen. Sind wir doch mit der urkundlichen
Sitznngsber. d. phil.-hist. Cl. XCIII. Bd. lY. Hft. 42
644 Sickel.
Forschung an einem Punkte angelaugt, an dem wir uns jede
nach dem Umfang und der BeschaiFenbeit des Materials mög-
liche Aufklärung über den Gang der Arbeit in der Kanzlei zu
verschaffen streben müssen. Es bezeichnet einen wesentlichen
Fortschritt in unserer Disciplin, dass wir auch das Werden der
Urkunden in die Untersuchung einzubeziehen begonnen haben.
Hat sich da Ficker die besondere Aufgabe gestellt, den Spuren
allmählicher Entstehung nachzugehen, so sind Stumpf-Brentano
und ich, als wir zu gleicher Zeit uns dem Studium der Diplo-
matik zuwandten, unabhängig von einander auf den Qedanken
gekommen, dass, um die Mannigfaltigkeit und die Fortbildung
des Urkundenwesens zu begreifen, auch die Einflussnahme
einzelner Persönlichkeiten in Anschlag zu bringen sei. ^ Aber
in den Ergebnissen unserer Untersuchungen zweiten wir von
Anbeginn an und zweien wir noch.
Auf Qrund der Bearbeitung der Diplome Ludwig des
Deutschen nach streng inductiver Methode hatte ich in den
Beiträgen zur Diplomatik I. die Recognoscenten, die zumeist
auch Schreiber der Urkunden gewesen waren, als diejenigen
bezeichnet, welche damals innerhalb des durch die allgemeinen
Verhältnisse und durch die Tradition gezogenen Rahmens die
Variationen der Urkundenformen herbeigeführt hatten, also fiir
die Besonderheiten massgebend gewesen waren. Dagegen er-
hob mein Fachgenosse sofort entschiedene Einsprache.^ £r
^ Auf die Fragen, die ich hier zu berühren habe, sind andere Fachgenossen
noch wenig eingcgangmi. Deshalb möge es mir gestattet sein, nur unserer
beider Arbeiten hier zu erwähnen. Bios eine Ausnahme fühle ich mich
gedrungen zu machen, indem ich Huber's Verdienst betone. So weit es bei
der Beschränkung auf gedrucktes Material oder auf innere Merkmale der
Diplome möglich wfr, hat Huber in der Einleitung zu den Begesten
Karl IV. nicht allein alles, was sich auf die Organisation und den Por-
sonalstatus der damaligen Kanzlei bezieht, zusammengestellt, sondern
auch alles gesammelt, was die Urkunden über die Functionen der ein-
zelnen Personen besagen. Er hat damit den Beweis geliefert, dass auch
ohne das nicht jedem mögliche Zurückgreifen auf die Originale ein
grosser Theil der betreffenden Arbeit vollbracht werden kann und zwar
der, welcher gethan sein soll, ehe man an die Ausbeute aus den Kanzlei-
ausfertigungen geht.
2 In der Wiener Wochenschrift für Wissenschaft, Kunst und öflentlichea
Leben n«» 8 vom 22. Win 18G2. Ich gehe hier nicht auf die Detalla
Betrage znr Diplonlatik VIT. * 645
bezeichnete meine Behauptungen in einem Punkte als geradezu
dem objectiven Sachverhalte widerstreitend. Er erklärte, indem
er sich auf umfassendere Untersuchungen berief, erkannt zu
haben, dass ,alle wesentlichen Aenderungen und Abweichungen
in den diplomatischen Forinen nicht von den untergebenen
Schreibern, sondern von den Erznotaren abhängig seien^, dass
somit ,das ganze Urkunden wesen richtiger und zweckmässiger
nach Erznotar-, denn nach Schreiberperioden zu ordnen^ sei,
weiter, dass sich ,die Feststellung der Kanzleiperioden als das
hier massgebende Kriterium für die Beurtheilung wie als der
richtigste Schlüssel zur Lösung aller Zweifel^ vergebe. Als zwei
Jahre später Stumpf die ersten Bogen der Reichskanzler L
ausgeben Hess, constatirte er in dem Vorwort nochmals, dass
wir beide ganz verschiedenartige Wege eingeschlagen. Von
den mehreren Stellen dieses Buches, in denen er seine Ansicht
über den Sachverhalt bis in das zwölfte Jahrhundert hinein
ausspricht, wird es genügen, die eine (S. 12) anzuführen: Jedes
dieser Privilegien wurde von dem Kanzler durchgesehen und
durchgemustert (recognovit) . . . Fast über jede scheinbare
Zufälligkeit und Unregelmässigkeit in den Urkunden können
wir den zuverlässigsten Aufschluss zunächst durch die Urheber
derselben, d. i. die Kanzler und damit zugleich einen höchst
willkommenen Beitrag wieder zur Geschichte dieser erhalten.'
Als ich zur Prüfung der Urkunden der ersten Karolinger
überging, fand ich sie in mancher Beziehung anders beschaffen
als die des ersten, ostfränkischen Königs, und indem ich
wiederum von den Erscheinungen als den Wirkungen auf deren
Ursachen zurückschloss, legte ich gewisse Bestimmungen über
das Urkundenwesen jener Periode den Kanzlern und andere den
Recognoscenten bei. Damit und insoweit ich später auch bezüg-
lich des zehnten Jahrhunderts zugab, ' dass gewisse Neuerungen
als. von den Kanzlern ausgehend betrachtet« werden könnten,
nähei'te ich mich wohl den Ansichten meines Fachgenossen,
aber ohne denselben die für sie beanspruchte allgemeine Geltung
zuzuerkennen. Ja es drängte sich mir ebenso wie Ficker die
dieser ausführlichen Anzeige ein, sondern hognOgc mivh, di(; ITanpt-
differenz darzulegen.
• Beitrüge zuf Diplomatik 6, 483.
42*
646 SiQkel.
Anschauung von dem Gang der Entwicklung vom achten bis
zehnten Jahrhundert auf, dass sich die Kanzler mehr und mehr
von der Arbeit zurückgezogen und diese den Notaren über-
lassen haben.
Andererseits hält Stumpf an seinen Ansichten fest Noch
in seiner letzten Publication erklärt er: allerdings vindicire
ich den jeweiligen Kanzlern (freilich nicht gleichmässig allen)
neben anderweitiger Thätigkeit auch einen directen £influs8
auf das gesammte Urkunden wesen/ vor allem in unserer Epoche',
womit das zehnte und eilfte Jahrhundert gemeint ist. * Indem
ich nun wieder, soweit es sich um die Diplome der Ottonen
handelt, die ich in den letzten Jahren unter den allergünstig-
sten Umständen und in eingehendster Weise geprüft habe, zu
widersprechen genöthigt bin, ist die Diffefenz zwischen uns
heute mindestens eben so gross als vor sechzehn Jahren.
Ist das Problem, das wir uns beide gestellt haben, wirklich
zu lösen? Wenn das der Fall ist, haben die Kanzler in dem
Grade, den Stumpf annimmt, oder in der von mir vertretenen
Beschränkung das Urkundenwesen bestimmt? Lassen sich zeit-
liche Abschnitte machen in dieser innerhalb der Kanzlei sich
abspielenden Geschichte? Lassen sich die Grenzen erkenneo,
bis zu denen sich in den einzelnen Perioden die Einflussnahme
der Kanzler erstreckt hat und über die hinaus andere Personen
den Ausschlag gegeben haben? Diese und andere Fragen
müssen wir einmal zu beantworten suchen. Sollte es uns nicht
gelingen, wenigstens annähernd den Geschäftsgang und die
Arbeitstheilung in der Kanzlei festzustellen, so müssten wir
auf manches Kriterium Verzicht leisten, von dem wir mit ziem-
licher Zuversicht Gebrauch gemacht haben, ja auf den An-
spruch der Vorzüglichkeit unserer Disciplin. ^ Je mehr also auf
dem Spiele steht und je schwieriger unsere Aufgabe zu lösen
ist, desto mehr halte ich an meinem bisherigen Vorgange fest:
* Wirzburger Immunitäten 2, 63. Derselbe Gedanke wird sehr oft in diesen
beiden Abhandlungen wiederholt.
' Ich tausche mich nicht darüber, dass noch mancher Historiker von der
Dij^Iomatik eine geringe Meinung hegt. Selbst Böhmer scheint nach
seinem Briefe vom 4. April 1863 (Leben 3, 403) keine grossen Erwar-
tungen an Stumpfs und meine Forschungen geknüpft zu haben.
Beiträge siir Diplnmatik VIF. 647
ohne vorgefasste Meinung^ auch ohne mich durch die auf
anderem Gebiete liegende Thätigkeit der Kanzler beeinflussen
zu lassen^ suche ich aus den Urkunden zu entwickeln, worin
ihre eigentliche Berufsarbeit bestanden hat und inwieweit sie
dieselbe in Person oder durch Stellvertreter verrichtet haben,
und zwar prüfe ich zu dem Behufe Gruppe für Gruppe der
Urkunden.
Obgleich ich noch nicht alle Theile des Materials gleich
eingehend zu untersuchen in der Lage war, so hoffe ich
doch, dass man die von mir bereits gewonnenen positiven
Daten über Erwarten zahlreich finden wird. Trotzdem bin
ich weit entfernt, deren Gesammtwerth zu überschätzen. Der
Bau der Institutionen der Vergangenheit liegt in Trümmern.
Nur ein Theil der Bausteine ist erhalten und ein noch
kleinerer Bruchtheil ist es, welcher die einstige Verwendung
zu und in dem ganzen Gefüge erkennen lässt. Hier mass
also nach erfolgter Feststellung vereinzelter Thatsachen die
synthetische Arbeit des Historikers einsetzen, hier müssen
wir, wollen wir ein anschauliches Gesammtbild erhalten, wohl
oder übel reconstruiren. Ich sage gleich, welche Grund-
anschauung von dem Wesen der Institutionen der betreffenden
Zeiten mich dabei geleitet und mir als Prüfstein gedient
hat: die, dass man dazumal so gut wie nichts organi-
satorisch, nach durchdachtem Plan noch in der Form fester
Satzungen geschaffen hat, dass ;nan aber allüberall unter
dem Naturgesetz der historischen Entwicklung gestanden hat,
und dass alle Fortbildung herausgewachsen ist aus gegebenen
Vorstellungen und Vorbedingungen, dass sie durch die je-^
weilige Sachlage und durch einzelne massgebende Persönlich-
keiten bestimmt worden ist, dass sie bestimmten Bedürfnissen
und den Geboten der Zweckmässigkeit gedient haben muss.
Nach diesen Erklärungen kann ich dazu übergehen, das
Thema, das ich mir jetzt gestellt habe, zu entwickeln, die Wahl
desselben durch einige weitere Hinweise auf den jetzigen Stand
der Forschung zu begründen und über die. Behandlung in diesen
und weiteren Beiträgen zur Diplomatik einige Vorbemerkungen
zu machen.
Es ist aus den Kanzlerreihen, welche Stumpf den Ver-
zeichnissen der Diplome der einzelnen Könige vorausschickt^
648 Sickel.
ersichtlich und es ist zuletzt von Fickcr ' hervorg^ehoben worden,
dass das Jahr 1)53 einen wesentlichen Abschnitt in der Ge-
schichte der Kecognition bildet. Seit dieser Zeit werden nämlich
regelmässig die Kanzler als Kecognoscenten genannt, während
früher, und zwar gilt das auch von der Periode der Karolinger,
in gewissen Zeiträumen abwechselnd Kanzler und Notare, in
andern ausschliesslich die Notare als Kecognoscenten erscheinen.
Doch damit sind die Modalitäten noch nicht erschöpft. An-
fänglich sind Kecognoscenten und Subscribenten identisch ge-
wesen. Dann aber haben für die Kecognoscenten, mögen es
Kanzler oder Notare gewesen sein, häufig andere Männer, zu-
meist die gewöhnlichen Urkundenschreiber, unterfertigt. Folg-
lich werden bis 953 eventuell Kanzler, Kecognoscenten und
Subscribenten auseinanderzuhalten sein und wir werden erst
feststellen müssen, ob wir es in einem Einzelfalle mit einem,
mit zwei oder gar mit drei Individuen zu thun haben, ehe wir
die Autorschaft für diese oder jene Neuerung oder Eigenthüin-
lichkeit einer bestimmten Person zuschreiben dürfen. Einen
Anlauf dazu nimmt wohl auch Stumpf, wo sich ihm gelegent-
lich einer Wahrnehmung die Nöthigung aufdrängt: so z. B. in
Wii*zburger Immunitäten 1, 33 Anm. 58; aber er weicht einer
scharfen Scheidung sofort wieder aus, indem er sich mit dem
in diesem Falle sehr bedenklichen Ausdrucke ,die recognosci-
ronde Kanzlei' behilft.
Doch auf Stumpfs Aussprüche komme ich ohnedies zurück
und so will ich lieber hier an meinen eigenen Arbeiten zeigen,
wie wenig wir bisher über den Arbeitsantheil der Mitg'lieder
^der Kanzlei unterrichtet göwesen sind. In dem von mir vor
zwei Jahren vei-öflfentlichten Programme ^ habe ich noch die
Möglichkeit in Betracht gezogen, dass ein Kanzler Heinnch I.
und Otto I. selbst Keinschriften von Urkunden angefertigt
habe; ob das überhaupt für die Zeit nachweisbar ist oder nicht,
muss einmal entschieden werden. Ebenda wusste ich noch
nicht zu erklären, weshalb seit Arnulf bald die Kanzler, bald
die Notare als Kecognoscenten genannt worden. Ferner wai*
ich damals noch der Meinung, dass in der Kegel der Scriptor
' Beiträge zur Urkinidenlehre *i, 17).
2 Neues Archiv 1, 460.
RnitriifrA znr Diplonrntik VII. 649
auch der Concipient der Urkunden gewesen ; erst die Einwürfe
von Ficker* haben mich zu nochmaliger Prüfung der Diplome
auf diese Frage hin veranlasst, der ich nun in etwas neue Er-
gebnisse verdanke. Kurz es ist erst eine ganze Reihe von
Punkten aufzuklären, ehe wir sagen können, auf weissen Rech-
nung dieses oder jenes Moment zu setzen ist und wie in den
einzelnen P.erioden die Arbeit in der Kanzlei auf die Individuen
vertheilt und deren Zusammenwirken geregelt worden ist. In
manchen Fällen habe auch ich noch keine Entscheidung treffen
können und muss dahingestellt sein lassen, ob Andere nach
mir glücklicher sein werden. Indem ich aber in der Mehrzahl
der Fälle zu sicherem • Ergebniss gelangt bin und Kanzler,
Recognoscenten, Subscribenten, Scriptoren und Dictatoren zu
unterscheiden gelei*nt habe, kann ich jetzt daran gehen, jenes
Capitel, das ich in den bisherigen Geschichten der Kanzlei
vermisse, zunächst bis zum Jahre 953 und etwas darüber hinaus
zu schreiben.
In erster Linie ist die Lösung dieser Aufgabe allerdings
dadurch bedingt, dass uns Material .in grösserem Umfange
und in entsprechender Beschaffenheit zu Gebote steht. Schon
aus den abschriftlichen oder gedruckten Urkunden lässt sich
manches herauslesen. * Aber den rechten Schlüssel bieten doch
nur die Originale. In Folge dieses Umstandes hat mein Ver-
such, den Geschäftsgang in der Kanzlei von dem Jahre 751
bis zum Jahre 9ö3 zu ergründen, verschieden ausfallen müssen.
Ich habe nämlich fast sämmtliche Archetypa der Perioden
751 — 876 und 911 — 953 selbst untersucht, ^ dagegen aus dem
dazwischen liegenden Zeitraum nicht so viele, dass ich da
schon da6 letzte Wort zu sagen mich getrauen möchte. Immer-
hin glaube ich die Hauptmomente der Entwicklung auch in
den Jahren 876 — 911 richtig erkannt zu haben. Bei diesem
Stand meiner Vorarbeiten werde ich mich auch nicht scheuen,
die einzelnen Zeitabschnitte verschieden zu behandeln. Bei
^ Beitrage zur Urkuudeulehre 2, 27.
2 Hier begründet es noch einen Unterschied, dass ich einen Theil dieser
Diplome vor vielen Jahren, einen andern in den letzten unter den Hfinden
gehabt habe, denn erst mit der Zeit habe ich auf die Merkmale achten
gelernt, mit denen ich jetzt operire.
650 Sickel.
dem ersten (bis 876) kann ich mich kürzer fassen, d& ich 2. B.
was. wir von der Organisation und dem Personalstatns der
Kanzlei wissen, schon an anderen Orten geboten habe. Für
den zweiten Abschnitt (bis 911) habe ich das hier erst so weit
nachholen müssen, als es der Zusammenhang erforderte 9 da-
gegen habe ich hier einige Fragen nur formulirt und nicht be>
antwortet, weil ich zu letzterem Behufe umfassende Prüfung
der Originale hätte vornehmen müssen. Am eingehendsten habe
ich die Zeit von 911 — 953 behandelt.
Ich kann den Stoff in dieser einen Abhandlung nicht er-
schöpfen. Sie soll nur handeln von den Kanzlern* und Re-
cognoscenten bis zum Jahre 953. Zunächst werde ich einen
Ueberblick geben über die Phasen der Organisation der Kanzlei
und über deren Personalstatus bis zum Ausgang des neunten
Jahrhunderts. Dann schalte ich eine Untersuchung über die
ursprüngliche Bedeutung der Recognition ein. Endlich führe
ich die lange Reihe der unter und neben den Kanzlern fun-
girenden Recognoscenten und Subscribenten bis 953 vor. Vor-
behalten bleibt für die Fortsetzungen das Capitel von den Dicta-
toren und Scriptoren sowie das von den Erzkapellanen, wenn
icli auch hier schon mehrfach die Ergebnisse der nachfolgenden
Untersuchungen herbeizuziehen und zu -verwerthen genöthigt
war. Im Uebrigen werde ich mich in dem zuletzt genannten
Abschnitt nicht an die Zeitgrenze von 953 binden. Erst wenn
wir alle zur Kanzlei im weitesten Sinne zählenden Personen,
ilire Beziehungen zu einander lind ihre Functionen kennen ge-
lernt haben^ wird sich die Summe ziehen^ d. h. die Geschäfts-
führung in ihren mannigfaltigen Phasen darlegen lassen. Ich
mache den Versuch als Diplomatiker und fiir die Zwecke der
' Wie in alter Zeit demselben Beamten verschiedene Titel beigelegt worden
sind, so dann auch von den Historikern. Bo hat man die Vorsteher der
Kanalei der ersten Karolinger wohl Erznotare genannt und hat dann für
deren Nachfolger vielfach die Bezeichnung Vicekanzler gebraucht. Um
jedem Miss Verständnisse vorzubeugen, beperke ich, dass ich (und so jetzt
auch Stumpf) unter Kanzlern bis zum Jahre 854 die Vorsteher der
Kanzlei verstehe (s. Acta Karol. 1, 76), von da an aber die Leiter der
Kanzlei, obwohl sie fortan den Brzkapellanen, die eventuell auch Erz-
kanzler heissen, untergeordnet sind. — Vgl. übrigens, was ich 6. 661
über wirkliche Kanzler und Titularkanzler sage.
Beitr&ge lar Diplonatik VII. 651
Diplomatik. Aber indem ich ein Stück von der Geschichte des
Regiments bieten werde, glaube ich auch den Historikern einen
Dienst zu erweisen.
Von einer Geschichte der Kanzlei, wie ich sie zuvor ge-
fordert habe, wird allerdings die Zeit der Merovinger auf-
geschlossen bleiben müssen. Wir können da nur, wie es zuletzt
Stumpf-Brentano gethan hat,^ Listen der Männer aufstellen,
welche uns in den Diplomen oder auch von den Geschicht-
schreibern als mit der Besorgung des Urkundengeschäfts betraut
bezeichnet wurden. Wir können ferner einige Aussagen der
Diplome über den Arbeitsantheil der einzelnen Personen in
bestinmiten Fällen insoweit verwerthen, dass wir gewisse Ge-
bräuche der späteren Jahrhunderte als bis in graue Vorzeit
zurückreichend nachweisen. Aber dabei wird es sein Bewenden
haben müssen, da auch die Gesammtheit der vorliegenden No-
tizen nicht genügt, aus ihnen ein zusammenhängendes Bild von
der Einrichtung und von der etwaigen Fortbildung der Kanzlei
unter den Merovingem zu combiniren. Ueberdies, scheint mir,
bedürfen wir auch einer genauen Kenntniss der damaligen Insti-
tution nicht, um, was aus ihr in der Karolingerperiode geworden
ist, in das rechte Licht zu stellen. Denn um dieselbe Zeit,
da die Herrschaft im Frankenreich an ein neues Geschlecht
übergegangen ist, ist, wie ich aus dem Unterschiede der Eschato-
koUe der Diplome vor und nach dem Jahre 751 folgere,
auch die Stellung der Kanzlei eine andere geworden.
Gehen wir von der ältesten noch in Original erhaltenen
Urkunde Chlothar H. vom Jahre 625^ aus, welche wir als
Typus der vorherrschenden Kategorie damaliger Diplome be-
traüchten dürfen.^ Das Schlussprotokoll entspricht hier genau
den Worten, welche die Vollziehung des Diploms ankündigen:
manus nostre subscribsionebus subter eam decrevemus roborari.
^ üeber die Merovinger-Diplome in der Ausübe der Mon. Germ. hist. 25—27.
3 DD. Merov. n^ 10, wie ich hier die Stücke der von K. Pertz besorgten
Ausgabe citiren will.
3 Der Typus kehrt noch wieder in DD. Merov. n^ 95 yom Jahre 727. — Es
ist hier nicht der Ort, darzuthun, dass viele nur abschriftlich erhaltene
Urkunden der gleichen Gattung gerade im EschatokoU eine Modernisiruog
erfiahren haben.
652 sitk-i.
Zunächst wird in der Form eines Referats gesagt r8yggoleüus
optolit, d. h. da&s ein gewisser Schreiber das, wie es später
heisst, auf Weisung (iussus) geschriebene Präcept dem Könige
zur Unterzeichni^ng unterbreitet hat. ^ Dann redet der König
wieder wie im Context in der ersten Person: Chlothacharius
(M.) in Christi nomine rex hanc preceptionem subscripsi. Dem-
gemäss wird endlich das Jahr der Ausstellung mit anno XLI
regni nostri bezeichnet. Mit einem Worte: auch im Eschatokoll
tritt der König selbstredend auf.^
Ändera verhält es sich mit dem EschatokoU der Karo-
lingerurkunden. Freilich kündigt sich der Gegensatz zunächst
nur in dem einen wesentlichsten Punkte au und wird aus nabe-
liegenden Gründen erst mit der Zeit durchgeführt Indem
nänilich die Notare Pippins und seiner Söhne nach alten Formeln
arbeiten und diese nur so weit^ als absolut nöthig ist, abwandeln^
begegnen uns noch zahlreiche Wendungen^ welche ihre ur-
sprüngliche Bedeutung bereits eingebüsst haben. Das gilt unter
anderem von den letzten Worten der Corroborationsformel, die
erst allmählich durch neue, den neuen Bräuchen entsprechende
verdrängt werden j^ der, M^ie wir gleich sehen werden, von den
Karolingern in der Regel beobachtete Vorgang findet seinen adä-
quaten Ausdruck in den Worten : manu propriä subter firmavimu«
(richtig, 80 lange der Vollziehungsstrich im Handmal- von den
Königen eigenhändig gemacht wurde) et anuli nostri impressione
signare iussimus. Das gilt desgleichen von der Datirungs-
formel: die Änni regni nostri weichen noch langsamer den
anni regni domni regis illius oder der Participialconstruction:
regnante d. nostro rege illo.^ Und das findet seine Erklärung
1 Erflt mit der Zeit -werden die beiden Unterfertigungen in die umgekehrte
Reihenfolge gebracht.
2 Nur kurz will ich darauf hinweisen, dass auch in den der königlichen
Unterschrift entbehrenden Placita und Mandata die gleiche Vorstellung
festgehalten wird : ß. die Placita in DD. Merov. n"* 34, 49 u. s. w. oder die
Mandata u«" 61, 82. — Natürlich kann die Form der Urkunden zur
Charakteristik des Regiments nur der Zeit dienen, in welcher die Form
aufgekommen ist, und dass noch die letzten Sprösslinge des ersten
Königsgeschlechtes in den Urkunden als Selbstherrscher auftreteo, ist für
die Feststellung der geschichtlichen Wirklichkeit ohne allen Werth.
» A. Karol. 1, 193.
* A. Karol. 1, 218, tJ61, 281.
Deitraf^e zur Diplomalik VII. 653
•
darin, das» die Antraben über Zeit und Ort, gaoz abgesehen
von der speciellen Beziehung auf diesen oder je«en Act, zu
der im Context gebotenen Erzählung gehören, wie denn auch
in der Uebergangszeit häufig Context und letzte Zeile von
gleicher Hand stammen und vor der Unterfertigung geschrieben
sind, die Datirung somit als Fortsetzung der vom König selbst
in erster Person gegebenen Darstellung erscheint. Schliesslich
dringen doch auch hier die anni regni d. regis illius durch,
d. h. auch die Formel XII wird gleich den andern Theilen
des Schlussprotokolls behandelt. Den Ausschlag für dessen
Umbildung gab, dass die ersten Herrscher aus dem neuen
Geschlecht nicht lesen noch schreiben konnten. Daher wird
gleich in der ersten Urkunde Pippins die bisher eigenhändige
Unterfertigung des Königs ersetzt durch deren Ankündigung,
durch Signum f domno nostro Pippino gloriosissimo rege (P. 8).'
Obschon der Anlass zu dieser Aenderung nur ein vorüber-
gehender war, so wurde diese nicht allein bei der einen Foimel
beibehalten, sondern erstreckte sich nach und nach auf das
ganze Schlussprotokoll. Es ist fortan ein Mitglied der Kanzlei,
welches uns verkündet: das ist das Handmal unseres Herrn
und Königs. Zunächst und zumeist *ist es derselbe Beamte,
welcher uns in direeter Rede mit recognovi, relegi, subscripsi
die Urkunde ihrem ganzen Inhalte nach bezeugt. Mit der
neuen Datirungsformel vollzieht sich endlich die Umbildung
des ganzen Eschatokolls. Ich möchte dieses von der Zeit an,
um mich eines technischt^n Ausdruckes der späteren päpstlichen
Kanzlei zu bedienen, ein Certificat nennen.
Es leuchtet' ein, dass dem Personal der Kanzlei seit 751
. ganz andere Obliegenheiten und eine weit höhere Verantwoi-tung
auferlegt werden denn früher. Versieht der König der Vorzeit
seine Urkunde mit eigener Unterschrift, di'ückt er selbst ihr
den Stempel der Unanfechtbarkeit, auf, so hat die Wahl des
Schreibers und des Offerenten, möge es sich da um dieselbe
oder um 'zwei Personen handeln, wenig zu besagen. Dagegen
sind es, da Pippin und seine Söhne nicht persönlich dafür ein-
stehen können, dass das mit ihrem Handmal und ihrem Siegel
geschmückte Präcept in allen seinen Theilen der von ihnen
mündlich abgegebenen Willensäusserung entspricht, fortan die
Uecognoscenten, welche dem Könige wie dem Empfänger für die
654 Sickel.
Wahrheit des Inhalts^ die über allem Zweifel erhaben sein soll^
zu haften haben. Schon dadurch allein, dass die Recognition
an Umfang und Bedeutung gewann^ wurde auch die Stellung
der Kanzlei^ welcher sie oblagt eine andere. Es würde sich
so, meine ich, genügend erklären, wenn der Kanzlei erst von
diesem Wendepunkt an eine bestimmtere Gestalt und festere
Normen für ihre Functionen verliehen sein sollten. Dabei mag
die Einsicht in die neue Lage der Dinge und in deren Nöthi-
gung erst mit der Zeit gekommen und daher die wesentliche
Neuerung nur allmählich durchgedrungen sein. Als solche ho-
trachte ich, dass die Geschäfte der Kanzlei in 6ine leitende
Hand gelegt worden sind. Bekanntlich traten zuvor mehrere
Referendare zu gleicher Zeit auf. ^ Dasselbe Verhältniss scheint
noch in den ersten Jahren Pippins fortbestanden zu haben. ^
Aber im Laufe seiner Regierung oder spätestens bei dem Re-
gierungsantritt seiner Söhne hat eine Reformation der könig-
lichen Kanzlei stattgefunden.
Seitdem gab es nur je einen Kanzler: daran ist nicht
allein im Gesammtreich festgehalten worden, sondern auch im
ostfränkischen oder deutschen Reiche bis zu der Zeit, da fSr
Nebenreiche auch* besondere Kanzler bestellt werden mussten.
Berufen* auf den Posten wurden blos Freigeborne, angesehene
Männer, die sich der Gunst und des Vertrauens des Königs
erfreuten, die überdies die nöthigen Geschäftskenntnisse be-
sassen. Die eigentliche Arbeitslast jedoch und insbesondere
die Besorgung der Reinschriften (litterae grossae) wälzten
schon die ersten Kanzler Karl des' Grossen auf ihre Unter-
gebenen ab, die von Anfang an zahlreich und verschieden
gestellt gewesen zu sein scheinen. Unter diesen Schreibern
oder Notaren der Kanzlei finden wir allerdings hie und da
Männer, welche mit der Zeit es zum Kanzler bringen oder
sonst zu hoher Stellung und Einfluss gelangen. Aber die Mehr-
zahl derselben ist unbekannt geblieben. ^ Auch bei der Ver-
1 Waitz Verfassting^geschichte 2, 411.
2 Acta Karol. 1, 76.
> Es gilt von ihnen, was Hirschfeld Untersuchungen 1, 203 von den unter
den römischen Kaisern nach Claudius mit der cnra epistolarum betrauten
Personen sagt: kein einziger Name, der im höheren Sinne des Wortes
historisch siu nennen wäre, begegnet später in diesen Aemtem,
B«itrt«re xur Diplomatik YII. 655
Wendung in der Kanzlei erscheinen die einen den andern be-
vorzugt. Vielen ist nur das gewöhnliche Schreibgeschäft über-
tragen worden: sie sind für uns namenlos. Erfahren wir von
anderen, wie sie hiessen, so danken wir es zumeist eben dem
Umstände; dass ihnen auch die Recognition und Subscription
anvertraut worden ist.
Indem erst durch die Hecognition oder durch die eigen-
händige Subscription, welche damals als Erforderniss der Re-
cognition galt, eine Urkunde vollzogen wurde, gehörte dieser
Act zu* den wichtigsten der Beurkundung. Ihn vorzunehmen
war in erster Linie der Kanzler bestellt. Indem aber dieser
als der Vertrauensmann des Königs auch zu anderen Geschäften
bei Hofe oder auch in der Ferne verwendet wurde, ^ musste
im Verhinderungsfalle für Stellvertreter gesorgt werden, d. h«
auch die Notare wurden berufen, als Recognoscenten zu tun-
giren. Und dass diese Uebertragung solchen Mandats von den
Kanzlern auf deren Untergebene immer häufiger wurde, be-
kunden zwei Umstände. Fast von jedem Kanzler lässt sich
nachweisen, dass er im Beginne seiner Amtsführung diese
wesentlichste Function beinahe ausnahmslos selbst versehen
und erst im weiteren Verlauf darin nachgelassen hat. Des
weitern erscheint in der Reihenfolge der Kanzler so ziemlich
jeder in dieser Hinsicht fleissiger denn seine Nachfolger. Und
doch besteht Jahrhunderte hindurch ein wesentlicher Unter-
schied zwischen der Recognition durch den Kanzler und der
durch einen der Notare. Erklären und begründen kann ich
denselben erst in anderem Zusammenhange; aber in der Haupt-
sache muss ich ihn bereits hier betonen. Der Kanzler allein
ist berufen und ermächtigt, mit seinem Namen die Bürgschaft
für Inhalt und Form der Königsurkunde zu übernehmen, welche
unter anderem mit der Recognition bezweckt wurde. Dagegen
verlieh den Notaren ihr Amt, wenn von einem solchen überhaupt
die Rede sein kann, noch nicht .die fides publica im vollen
Umfange des Wortes und sie mussten in jedem einzelnen Falle
auch den Namen des Kanzlers, von dem sie delegirt worden
waren, als den ihres Gewährsmannes anfuhren. Also entweder
> Vgl. WM ich in Acta Karol. 1, 77 und 95 über Hitherins und Theoto
bemerkt habe.
656 Sickel.
hiess es: ille (d. fa. der Kanzler) recognovi^ oder es hiees: ill«
(notarius) advicem illius (cancellarii) recognovi. '
Seit im Jahre 819 Fridugis die Leitung der Kanzlei über-
nommen hatte, wurde nur noch die letztere Form der Recognition
beliebt. Es wurde nämlich damals noch als Erforderniss fest-
gehalten, dass die Recognition in der Reinschrift als eigen-
händige erscheinen müsse, und zugleich an dem Brauch, die
betreffende Zeile in verlängerten Buchstaben zu schreiben.
Mag nun dem Fridugis die Fertigkeit so zu schreiben abge-
gangen sein oder mag er die Mühe gescheut haben, kurz, er
und nach seinem Vorgange eine lange Reihe von Nachfolgern
nahmen gar keinen ftir uns erkennbaren Antheil mehr an der
Herstellung der litterae grossae. In Folge davon gab es fortan
nur die eine Form der Recognition an des Kanzlers Statt,
indem der Notar sich nach wie vor auf den Kanzler als auf
seinen Gewährsmann zu berufen hatte. ^ Kanzler und Recognos-
cent fallen also seit der Zeit auseinander.
Indem für Ludwig den Deutschen als König in Baiern
eine Kanzlei nach dem Muster der kaiserlichen eingerichtet
wurde, versah auch diese die Geschäfte in hergebrachter Weise
und unterfertigte gleichfalls die Diplome nach der seit 819
ausschliesslich angewandten Formel: notarius advicem cancel-
larii.** Erst mit dem Jahre 854 trat, indem die oberste Leitung
der Kanzlei mit der der königlichen Kapelle verbunden wurde, ^
*
^ In Merovingerzeit hat nur selten und zwar nur in Gerichtsurkunden der
Könige, ijämlich in Nr. 70, 78, 79, 04, «olche Stellvertretung Platz
gegriffen. — lieber die Stellvertretung unter den ersten Karolingern
8. Acta Karol. 1, 72 ff.
2 Was ich in Acta Karol. 1, 92 über die Stellung der Kanzler seit 819
bemerkt habe, hat Lorenz a. a. O. missverstanden. Dass der Kanzler
schon damals die politische Leitung übernommen, sage ich mit nichteii,
ja ich erkläre mich ibid. 102 sehr bestimmt gegen derartige Auffassung.
3 Um jeder Missdeutung vorzubeugen, bemerke ich auch hier, dass dieao
Titel erst später gebräuclilich geworden sind. Deshalb wird man sich
ihrer doch bedienen dürfen, wo es gilt, liier für ein bestimmtes Verhältuisa
einen kurzen Ausdruck aufzustellen. Ich kürze dann obige Worte noch
ab: N. adv. C.
* Beiträge zur Diplomatik 2, 152..— DOmmler Ostfränkisches Roich 1, 871. -
Waitz Verf. Gesch. 6, 284. — Mühlbachor die Urkunden Karls III.
Hei träge zur Diplomatie TU. 657
eine AenderuDg von grosser Tragweite ein. Sie bekundet sieh
zunächst darin^ dass neben der bisherigen Kecognitionsformel
eine zweite auftaucht: N(otariu8) advicem A(rchicapellan]). Ja
die frühere begegnet seitdem nur noch vereinzelt, ^ so dass die
Frage aufgeworfen ,worden ist^ ob es nach 854 einen zwischen
den Notaren und dem Erzkapellan stehenden Kanzler gegeben
habe oder nicht.
Habe ich diese Frage auch. schon früher bejaht, so glaube
ich doch wieder auf sie eingehen zu müssen, um einem Ein-
wände zu begegnen und um das Verhältniss in Hinblick auf
spätere Zeiten klar zu stellen. Dümmler bezeichnete nämlich
meine Annahme, dass Baldricus und Witgarius als Kanzler
dem Erzkapellan untergeordnet gewesen seien, als die ein-
fachste, meinte jedoch, dass erst dann jeder Zweifel behoben
sein würde, wenn sich z. B. ein von Witgar anstatt Grimolds
unterfertigtes Präcept nachweisen Hesse. Es liegt auf der Hand,
dass Dümmler den seit 819 aufgekommenen Brauch nicht ge-
kannt und nicht in Anschlag gebracht hat. Die von ihm er-
wartete Subscription war, so lange jener Brauch fortbestand,
geradezu ausgeschlossen. Dass statt dessen nur vorkommt
N. advicem Baldrici oder Witgarii spricht, sobald wir die seit
Karl dem Grossen bestehende Ordnung in Betracht ziehen,
gerade dafür, dass beide Männer den Kanzlei*posten bekleidet
haben. Für Witgar ist des weitern bezeichnend, dass an seiner
in Wiener S. B. 92, 344 ff. — Diese meine Beiträge VII waren znr
Hälfte geschrieben, ehe Dr. Mühlbacher seine Arbeit in Angriff nahm.
Als ich nach langer Unterbrechung an die Fortsetaung gehen konnte
und meine Abhandlung fast beendet hatte, ging mir die meines CoUogon
bereits gedruckt zu. Da habe ich allerdings allerlei Streichungen vor-
genommen, musste aber um des Zusammenhanges willen gewisse Stellen
stehen lassen, auch wenn wir beide zu ganz gleichen Ergebnissen gelangt
waren. Im übrigen hatte Dr. .Mühlbacher (s. S. 349 N. 3) mir in vielen
Fragen nicht vorgreifen wollen, so dass sich unsere beiden Arbeiten
gegenseitig ergänzen.
* Ans der in den Beitr. zur Dipl. 2, 169 abgedruckten Liste hebe ich her-
vor: Böhmer BK. 768 vom 22. Mai 854 (über die Datirung spreche ich
S. 663 N. 1) mit Hadcbertus subdiaconus advicem Baldrici abb^tis;
BHK. 772 vom 20. März 855 mit gleicher Unterschrift; BRK. 786 vom
2. Februar 858 mit Liutbrandus advicem Witgarii cancellarii; dann eine
Reihe von 13 Diplomen vom 12. April 858 bis 8. Juli 860 von ver-
schiedenen Notaren advicem Witgarii cancellarii unterfertigt.
658 Sickol.
Statt Liutbrandas, Hadebertus, Comeatus; Waldo und Hebar-
hardus subscribiren, denn — das lehrt gleichfalls die Gleschichte
der Kanzlei bis zu der Zeit — nur einem Kanzler kann eine
Vielheit von Notaren unterstehen. Wodurch dann in jener Zeit
.die Wahl der einen Recognitionsformel N. adv. C. oder der
anderen N. adv. A. bestimmt worden ist, ^ wird später seine
Erklärung finden.
Allerdings beginnt schon mit dem Jahre 868 eine lange
Reihe von Urkunden mit der unzweifelhaft eigenhändigen Re-
cognition: Hebarhardus cancellarius advicem Grimoldi archi-
capellani, oder seit 870 adv. Liutberti archicapellani. Wollten
wir uns da lediglich auf den Titel stützend Hebarhard als
Nachfolger von Witgar betrachten, so müssten wir annehmen,
dass von dem seit 819 beobachteten Brauche wieder abge-
wichen sei und dass sich der Kanzler Hebarhard wieder zur
Subscription herbeigelassen habe. Aber es liegt eine andere
Erklärung des Sachverhaltes näher. Mit den Titulaturen des
neunten und zehnten Jahrhunderts hat es seine eigene Be-
wandtniss. Sie sind sicher in gewissen Fällen nicht ohne Ab-
sicht gewählt und festgehalten, und doch ist andererseits oft
genug von dem regelrechten Gebrauch abgewichen worden:
zuweilen mag Titelsucht dazu geführt haben, einem Manne
einen höheren als den ihm zukommenden Titel beizulegen;
hier und da ist aber auch ein minderer Titel beliebt worden.
Während wir daher im Allgemeinen berechtigt sind, aus den
Titeln auf die Stellung zu schliessen, dürfen wir uns durch
vereinzelte Irregularitäten nicht irre machen lassen. ^ Vollends
wenn man cancellarius in seiner mannigfachen Anwendung
verfolgt, darf man dessen Vorkommen nicht hoch anschl|igen.
1 Die Reihenfolge der Diplome BRK. 785—788 weist folgende Unter-
schriften anf: Hadebertns subd. adv. Qrimoldi archicapellani, Lintbran-
dus adv. Witgarii C, Comeatus N. adv. Grimoldi A., Hadeb. 'snbd. adv.
Witgarii C.
^ Auf den schwankenden Gebranch hat anch Waitz Verf. Gesch. 6, 277
-hingewiesen. Nnr geht er meines Erachtens zn weit, wenn er aus dem
Umstände, dass dieselbe Person bald Notar bald Kanzler genannt wird,
folgert, dass eine bestimmte Scheidung der Functionen jedenfalls nicht
stattgefunden habe. — Was Hebarhard anbetrifft, so hat Dümmler 1, 874
richtig bemerkt, dass er Witgar nicht gleichgestellt erscheint.
ßeitr&ge zur Biplomatik VII. 659
Seit alter Zeit ist das eine Bezeichnung für alle Arten von
Schreibern. ^ Deshalb bedienen sich die Kanzler Lothar II.;
als sie überhaupt die Titulatur in die Kecognitionszeile ein-
fuhren, des auszeichnenden Titels: regiae dignitatis cancella-
rius. - Das einfache cancellarius des Hebarhard besagt also
nicht viel. Und wir haben nebenbei auf alles andere zu achten,
was als Kennzeichen für die Stellung gelten kann. Da komme
ich zunächst auf Hebarhards Ärbeitsantheil zurück. Dass er
wieder die Kecognitionszeile selbst geschrieben, Hesse sich wohl
als mit der Kanzlerwürde verträglich hinnehmen, aber nicht so,
dass er in fast allen Fällen die Reinschriften besorgt hat und
als Ingrossist selbst noch unter Karl III. thätig gewesen ist. ^
£s ist ferner zu beachten, dass es nicht ein Mal heisst N.
advicem Hebarhardi. Müssen wir schon aus diesen Gründen
ihn ungeachtet jener Titulatur dem niederen Kanzleipersonal
* Vgl. z. B. Sohm Reichsverfassnng 1, 529.
^ Ich brauche hier anf das erste Vorkommen des KanzIertiteU in den
Recognitionen in den verschiedenen Theilreichen nicht n&her einzugehen,
da jetzt Mühlbacher a. a. O. 346 alle diesbezüglichen Thataachen bereits
gesammelt hat. Aof Einzelheiten bin ich erst durch ihn aufmerksam
gemacht worden, so auf das S. 349 Anm. 2 hervorgehobene und mit
Recht auf individuelles Belieben zurückgeführte Vorgehen Hebarhards. —
Dass der neue Titel gleichzeitig in den Urkunden Ludwig des Deutschen
und Lothar IL Eingang fand, mag man immerhin mit Mühlbacher eigen-
thümlicli nennen. Stumpf in der S. 644 A. 2 erwähnten Anzeige ging
weiter und wollte es nicht als Zufall gelten lassen, dass der neue Titel
zu gleicher Zeit in den verschiedenen Reichen aufkommt. Dagegen muss
ich mich entschieden aussprechen und insbesondere kann ich eine Nach-
ahmung von Seiten Witgars nicht gelten lassen, da dieser, wenn er sich
durch den Vorgang in der Kanzlei Lothar II. hätte bestimmen lassen,
wohl auch den bezeichnenden Zusatz regiae dignitatis adoptirt hätte. —
Jene Znsammenstellung Mühlbachers bedarf nur noch der einen Cor-
rectur, welche er mir ausdrücklich (S. 349 Anm. 3) vorbehalten hat,
d. h. wenn man, wie ich es hier bezüglich der aus der ostfränkischen
Kanzlei hervorgegangenen Diplome durchführe, zwischen denen, die an
anderer Statt recognoscirt haben (wie Hebarhard) und zwischen denen,
an deren Statt recognoscirt worden ist (wie Witgar) unterscheidet, er-
scheinen alle diese Dinge doch in einem anderen Lichte.
3 Beitr. zur Dipl. 2, 108. 114. — Seit Veröffentlichung dieser Abhandlung
habe ich eine noch grössere Anzahl Originale von Hebarhards Hand
kennen gelernt. — Die Bezeichnung Ingrossist entnehme ich den deut-
schen Kanzleiordnungen des späteren Mittelalters.
SitznngBber. d. phil.-hist. Cl. XCUI. Bd. IV. Hft. 43
t)6Ö äiekel.
zuzählen; so kommt uns dabei noch ein weiteres, schon zuvor
angedeutetes Kriterium zu Hülfe.
Für die Mitglieder der Kanzlei von Ludwig dem Deutschen
an bis auf Otto I. liegt, wie ich schon sagte, das biographische
Material so vollständig als möglich vor. Ueberblicken wir das-
selbe, so zeigt sich, dass wir über gewisse Männer gut oder
doch leidlich unterrichtet sind, über andere dagegen gar nichts
in Erfahrung bringen können. Mag nun auch das eine und
das andere Mal der Zufall walten, wie dass der eine Mann
gestorben ist, ehe er zu gewissem Rufe gelangen konnte, oder
dass die Aufzeichnungen über einen anderen verloren gegangen
sind, so wird doch die Scheidung der Angehörigen der Kanzlei
in historisch bekannte und in historisch unbekannte Persönlich-
keiten um so mehr zu beachten sein, da jene regelmässig als
durch analoge Lebensschicksale bekannt erscheinen. Dem geist-
lichen Stande, welcher allein die erforderliche Bildung besass,
gehörten sie alle seit Karl dem Qrossen an, und so haben wir
nur zu fragen, ob dieser oder jener uns in den Urkunden-
unterfertigungen begegnende Mann auch zu höheren kirchlichen
Würden emporgestiegen ist, um einen Schlüssel für Definition
seiner Stellung in der Kanzlei zu erhalten. Alle Männer, die
unzweifelhaft Kanzler gewesen sind, sehen wir früher oder später
zu Bischöfen oder zu Inhabern der angesehensten Klöster be-
fördert. Von einem Hebarhard dagegen, den wir als durch
22 Jahre hindurch in der Kanzlei beschäftigt und als einen
guten Arbeiter kennen, wird uns nicht berichtet, woher er
gekommen noch wohin er gegangen ist. Die Erklärung fiir
diese Erscheinungen liegt nahe genug: die Kanzler sollten
zum Theil dieselben Eigenschaften besitzen wie die Bischöfe
und Reichsäbte, und wie für diese insbesondere edle Ab-
kunft erfordert wurde, so auch für die Kanzler, und zwar
vor allem deshalb, weil, worauf ich zurückkomme, nur voll*
freie Männer die mit der Recognition bezweckte Bürgschaft
leisten konnten. Die wenigen Ausnahmen von solcher für
das höhere geistliche und für das Kanzleramt geltenden Regel
vermögen diese um so weniger umzustossen, da bei den be-
treffenden Männern, wie bei Liutward unter Karl III. und
bei Willigis unter Otto I. immer ausdrücklich erwähnt wird^
dass sie trotz geringer Abkunft zu hohen Würden gelangt
Beitr&ge zur Diplomatik VII. 661
sind. * Auch die folgenden Jahrhunderte, in denen der Reichs-
kanzler zu den Fürsten gerechnet wurde, aber nicht so der
Protonotar und noch weniger die Notare des Reiches, ^ bestä-
tigen, dass ein Standesunterschied zwischen dem Kanzler und
zwischen den ihm untergebenen Notaren und Schreibern be-
standen hat. Allerdings haben auch Glieder der angesehensten
Qeschlechter in der Kapelle oder in der Kanzlei von unten
auf gedient. Aber wer niederer- Geburt war, vermochte nur
vermittelst hervorragender Eigenschaften und unter besonders
günstigen Umständen von den unteren Stufen des Kanzlei-
dienstes zu den höheren emporzusteigen. Nicht so streng ist
es dabei mit der Führung von Titeln genommen, wofür ich
noch allerlei Belege beizubringen haben werde. Wir werden
also gut thun, da es für unsere Untersuchungen auf genaue
Scheidung ankommt, und sind dazu auch berechtigt, von wirk-
lichen und von Titular-Kanzlern zu reden.
Um nun auf die Männer zurückzukommen, welche von
854 bis 876 in der Kanzlei Ludwigs gedient haben, so treffen
bei Baldrich und Witgar alle die Kennzeichen ein, die wirk-
lichen Kanzlern eigen sind, aber nicht bei Hebarhard. Ich
folgere daraus, dass nach dem 8. Juli 860 ^ eine Vacanz des
Kanzleramts eingetreten ist. Will man dem eine Bedeutung
beilegen, dass sich Hebarhard seit 868 regelmässig cancellarius
nennt, so wird er doch nur als Titularkanzler zu betrachten
sein. Zumal wenn die Kanzlei zeitweise keinen eigentlichen
Vorstand hatte und ihre Geschäfte unter der Oberaufsicht des
Erzkapellans von einem wohl geschulten Notar besorgt wurden,
mag diesem eine Auszeichnung in der Benennung gestattet
gewesen sein. ^
Gleich hier will ich darauf hinweisen, dass auch unter
Ludwig III., dann in den ersten Jahren Heinrich I. der Kanzler-
posten nicht besetzt war. Wir werden später sehen, wie man
sich damals beholfen hat. Nach Jahrhunderten wird, was die
> Rettberg 2, 560. — Dümmler Formelbnch des B. Salomo 88. — Waitz
VerfaaAnngfl-G^flch. 6, 269.
> Ficker ReichsfUntenstand 71.
3 Datum der letzten Urkunde mit Witgars Namen in der Recognition.
* Vgl. was ich in Acta Karol. 1, 96 Über den Magister Hirminmaris be-
merkt habe.
43*
662 Sickel.
Formel cancellario nulio besagt, immer häufiger und herrscht
geradezu vor. Während der Regierung Lothar III. hat es
keinen Kanzler gegeben. ^ Kürzere Vacanzen unter Konrad III.
und Friedrich I. lernen wir aus Stumpfs Regesten kennen.
Friedrich II. hat durch viele Jahre hindurch das Kanzleramt
in Deutschland wie in Italien unbesetzt gelassen. ^ Die Ge-
schäfte haben deshalb nie stillgestanden. Ist nun auch jedes
Mal nach der speciellen Sachlage Vorsorge getrpffen worden,
dass die Obliegenheiten des Kanzlers von einem anderen Be-
amten versehen worden sind, so hatte man doch zunächst nar
die Wahl zwischen den zwei Modalitäten, dass entweder der
höher stehende Erzkapellan oder Erzkanzler oder dass einer
der untergeordneten Beamten den Kanzler ersetzte. So finden
wir im Jahre 1155 unmittelbar nebeneinander in Stumpf R. 3729,
dass der Notar Heinrich anstatt des Erzkanzlers unterfertigt
und so für den Kanzler eintritt^ und in Stumpf R. 3730: ego
Amoldus Moguntinae sedis archiepiscopus et archicancellarias
recognovi. Während der Vacanz unter Ludwig dem Deutschen
ist nach Ausweis der auf uns gekommenen Diplome nur jene
erstere Art beliebt^ d. h. es ist ausschliesslich die Recognitions-
formel N. advicem A. angewendet worden.
Die Unterordnung des arbeitenden Personals unter den
Erzkapellan im Reiche Ludwig des Deutschen hat zunächst
den üblen Folgen vorgebeugt, welche die Nichtbesetzung des
Kanzleramtes z. B. im Reiche des Kaisers Ludwig nach sich
zog. Mit ihr beginnt überdies für Deutschland eine Einrichtung,
welche, abgesehen von einmaliger Unterbrechung unter Karl III.
(S. 28) Jahrhunderte lang fortbestanden hat. ^ Da lohnt es sich
also soweit als möglich zu erforschen, unter welchen Umständen
und aus welchen Gründen die Neuerung zuerst eingeführt worden
ist, woran sich später die Untersuchung anknüpfen lässt, ob in
der Folge die gleichen oder andere Verhältnisse Anlass geboten
haben, an dieser Organisation festzuhalten. Allerdings werden
wir dabei gern oder ungern auch zu Vermuthungen unsere
« Ficker Beitr. 2, 318. — Vgl. auch Delisle Acte« de Phil. Aug. Intro-
duction 85.
3 Huillard-Br^holles Introdnction 118.
3 Selbst als unter Heinrich IV. der Titel eines Erzkapellans verschwindet,
wird an der Unterordnung des Kanzlers unter den Erskanzler festgehalten.
Bttitrftge zur Diplomatik VII. 663
Zuflucht nehmen müssen, denn Berichte über die Vorgänge im
Jahre 854 und über deren Motive liegen uns gar nicht vor
und auch die positiven Daten, von denen wir ausgehen können,
beschränken sich auf das Vorkommen gewisser Namen und Titel
in wenigen Urkunden. ^
Vor Allem ist hier in Anschlag zu bringen, dass der
Kreis, aus dem die Kanzler erwählt werden konnten, ein sehr
beschränkter war. Denn von den Geistlichen mit den schon
erwähnten Eigenschaften waren Anfangs auch die Bischöfe
ausgeschlossen, mit deren Residenzpflicht sich nicht vereinbaren
Hess, dass der Kanzler dauernd am Hofe Aufenthalt nehmen
sollte. Hatte doch einst Karl vom Papst und von einer Synode
erst die Einwilligung eingeholt, bevor er die Erzbischöfe
Angilram und Hildebold zu Erzkapellanen bestellt hatte, von
denen wohl selbst damals nicht gefordert wurde, stets bei Hofe
zu verweilen. Es entspricht dem ganz, dass unter Karl, Ludwig
dem Frommen und Ludwig dem Deutschen nurAebte als Kanzler
erscheinen. Erst unter Karl lU. und mit Liutward, der über-
haupt eine Ausnahmestellung einnimmt, beginnt die Reihe der
Kanzler-Bischöfe. Denkbar ist also, dass nach dem Rücktritt
des Ratleic Ludwig Mühe gehabt haben wird, den rechten
Nachfolger für diesen zu finden. Der dazu ausersehene Abt
Baldric wird keine hervorragende Persönlichkeit gewesen sein,
denn ausser in den wenigen an seiner Statt unterfertigten
Diplomen ^ wird er gar nicht genannt. Sollte ihm nun etwa
zur vollen Qualification die nöthige Geschäftskenntniss ge-
mangelt haben, so war unter den erprobten Vertrauten gewiss
niemand so geeignet eine Oberaufsicht über die Kanzlei zu
übernehmen, als der Abt Grimold, welcher bis zum Jahre 837
selbst Kanzler gewesen war, inzwischen zu der hohen Würde
eines Erzkapellans emporgestiegen war und als solcher ohne-
dies allen bei Hofe weilenden Geistlichen, also auch den in
1 Siebe das VerzeichniAS in Beitr. zur Dipl. 2, 168. — Das erste in Be-
tracht kommende Diplom Böhmer RK. 768 will allerdings der neueste
Herausgeber, Wilmans in Kaiserurkunden von Westfalen 1, 119 und 129,
zum 22. Mai 853 einreihen, wohin die in zwei Copien übereinstimmenden
Jahresmerkmale hinweisen. Aber um der Recognition willen wird doch
an 854 festzuhalten sein.
2 Ausser Böhmer RK. 768, 772 wird auch noch 774 herbeizuziehen sein.
664 SiokeL
der Kanzlei dienenden vorgesetzt war. Diesem ersten Schritte
zu einer Neuerung wird bald ein zweiter gefolgt sein^ als, wir
wissen nicht warum, ßaldric schon im Jahre 855 vom Schau-
plätze abtrat und in Folge davon die Schwierigkeit den Kanzler-
posten zu besetzen sich wiederholte. Ein den König stets be-
gleitender Kanzler wird gerade damals leichter zu entbehren
gewesen sein, da die Notare nicht allein die Dictamina und
das Schreibgeschäft besorgten, sondern auch die Vollziehung
durch Subscription, und da andererseits der häufige Aufenthalt
des Erzkapellans Qrimold am königlichen Hoflager ihm er-
möglicht haben wird, die nöthigen Anordnungen für regel-
mässige Geschäftsführung zu treffen und die erforderliche
Controle auszuüben. So mag das zweite Stadium der Neuerung
eingetreten sein, dass der Posten des Kanzlers unbesetzt blieb
und alle Leitung, deren die Notare bedurften, dem ErzkapeUan
zufiel. Allerdings fand sich dann in den Jahren 858 — 860 in
Witgar wieder ein geeigneter Kanzler. Bei seinem baldigen
Rücktritt ^ wird die schon gemachte Erfahrung wesentlich dazu
beigetragen haben, sich ohne neuen Kanzler zu behelfen. Die
Neuerung, die wir vom Jahre 854 zu datiren pflegen, erscheint
mir somit nicht als eine förmlich geplante und sofort wie sie
gedacht ausgeführte, sondern ich meine, sie hat sich allmählich
aus der Sachlage entwickelt und hat sich unter den obwalten-
den Umständen bewährt und eingebürgert. Besonders wird dabei
die Persönlichkeit Grimolds eingewirkt haben. Zunächst konnte
er als Erzkapellan sowohl vacante cancellaria als auch, wenn
der jeweilige Kanzler umgangen war, für die Recognition ein-
stehen, wofür die Namen Hadebertus, Hebarhardus u. s. w.
nicht genügten. Er wird es auch verstanden haben, für die
correcte Erledigung der Geschäfte durch die Notare zu sorgen,
ohne dass er, worauf ich zurückkomme, dauernd in der Um-
gebung des Königs weilte. Daher hat man, als 870 das Erz-
kapellanat an Liutbert von Mainz überging, auch diesem die
Kanzlei ohne Kanzler untergeordnet. Und obschon Liutbert
sich längere Zeit hindurch fern vom Hofe befunden hat, ^
haben die Geschäfte, soweit wir nach den Diplomen zu nr-
theilen vermögen, darunter nicht gelitten.
* Wir wissen leider nicht, ob er schon 860 Bischof von Angsburg wurde.
9 Beitr. znr Dipl. 2, 154.
B«itr&g(t zur Diplomatik ?II. 666
Die Theilung des Reiches Ludwig des Deutschen unter
seine drei Söhne ist insofern für die weitere Qeschichte der
Kanzlei bedeutsam geworden^ als in jedem der drei Reiche
ein Erzkapellan auftauchte. Der Mainzer £rzbischof bekleidete
diese Würde unter Ludwig in. Im Ostreiche Earlomanns kam
sie an den Erzbischof von Salzburg. Sicher in den Anfängen
Karl III. diente ihm in gleicher Eigenschaft der Augsburger
Bischof Witgar, welcher unter dem Vater Kanzler gewesen
war. Es entsprangen daraus, als die Theile wieder zu einem
Oanzen verschmolzen^ widerstreitende Ansprüche und Bestre-
bungen, deren Verlauf ich an anderem Orte darstellen werde.
Im übrigen gestalteten sich die Kanzleiverhältnisse nach 876
mannigfaltig. Daraus dass im Reiche Ludwig III. Liutbert
von Mainz an der Spitze blieb, erklärt es sich, dass die Kanzlei
nach wie vor 876 gegliedert und besetzt war: cancellario nuUo
versahen Notare oder Titularkanzler die Geschäfte, wie es bis-
her Hebarhardus gethan hatte. ' Ein anderes Ergebniss liefern
die Diplome Karlomanns, ein so abweichendes, dass ich mir die
Darlegung und Erklärung des Thatbestandes für später (siehe
S. 671) vorbehalten muss. Dagegen habe ich gleich hier näher
auf die Kanzlei Karl III. einzugehen.
In den ersten Urkunden dieses Fürsten stossen wir auf
die mannigfaltigsten Recognitionen. Es wird gut sein, einen
vollständigen Ueberblick über sie zu bieten, wobei ich jedoch
als für unsere Untersuchung irrelevant die Namen der Notare
auslassen kann. Böhmer RK. 897 und 900: Liutwardus can-
cellarius advicem Witgarii archicappellani. Diplom vom 22. Mai
877: notarius adv. Liutwardi. BRK. 899: Liutuardus can-
cellarius (ohne advicem etc.). BRK. 898: N. adv. Liutwardi
archicancellarii. Urkunde vom 13. Januar 878, femer BRK.
901 und 904: N. adv. Liutwardi cancellarii. Die Formel von
BRK. 898 kehrt schon im Jahre 878 zwei Mal wieder und
wird seit dem Jahre 879 bis zum Sturze Liutwards im Sommer
^ Es wird regelmfissig advicem Liutberti unterfertigt. Recognoscent war
bis in den Mfirz 880 Wolfherias cancellarins (nnr in einer Copie notarius ;
dass er identisch sei mit dem späteren Bischof von Minden, llCsst sich
nicht erweisen), dann der ganz unbekannte Amolfns cancellarius. Indem
Beide nicht allein unterzeichnen, sondern die ganzen Urkunden schreiben,
stehen sie auf durchaus gleicher Stufe mit Hebarhard-
666 Siekel.
887 zur R^el. ^ Selbst das anfaDgliche Schwankea wird man
wohl dabin deuten dürfen, dass Liutward bereits im Beginn
der Regierung Karls nach dem ausschliesslichen Einfluss ge-
strebt hat, welchen er dann zehn Jahre lang ausgeübt hat.-
Als unumschränkter Gebieter über den König und dessen Reich
verdrängte er jede andere Persönlichkeit, die sonst durch
Geburt, Verdienst oder Amt zu Ansehen bei Hofe berufen
schien. Eine Stellung der Art lässt sich zumeist nicht genau
definiren. Dennoch will ich dies mit Bezug auf die Kanzlei
versuchen.
Indem eine ununterbrochene Reihe von 125 Diplomen
advicem Liutwardi unterfertigt ist, müssen wir ihn für die
betreffende Zeit als alleinigen Chef der Kanzlei betrachten.
Dagegen scheint es mir nicht so festzustehen, wie es Dümmler
und Waitz annehmen, '* dass Liutward auch Erzkapellan ge-
worden sei. Allerdings wird ihm zuweilen in Königsurkunden
und sonst dieser Titel beigelegt. An das Originaldiplom für
Langres vom 4. November 882 mit der Subscription advicem L.
archicapellani ^ schliessen sich noch die Copien von Böhmer
RK. 937 (J. 882) und 952 (J. 883) an. Dazu kommt ein
Präcept vom 24. Juni 883, in dessen Context Karl Liutward
nostri palatii archicappellanum nennt, und die Urkunde des
Bischofs Chadolt von Novara mit: fratre meo . . . L. archi-
capellano. "' Ferner redet ihn Notker in einer Widmung so an. ^
Endlich berichtet der Fulder Annalist 1. c. ad a. 887: rex . . .
eum deposuit, ne esset archicappellanus. Nun stehen aber diesen
Beispielen, von denen die in Diplomen einem kurzen Zeit-
räume angehören, 122 Recognitionen gegenüber, in denen Liut-
ward Erzkanzler genannt wird. Auch mehr als 30 Male wird
er 80 in den Erzählungen der Diplome betitelt. Jenes scheint
* Ueber die Steigerung von cancelUrius zum summuB cancellarius, archi-
cancellarius, archinotarius 8. Acta Karol. 1, 98 und Mühlbacher in Wiener
S. B. 92, 348.
2 Ann. Fuld. in SS. 1, 404: imperator . . . prisci« temporibua, id est ex quo
rex in Alamannia constitutus est, quendam de suis ex infimo genere natum
nomine Lintwardum supra omnes qui erant in regno suo exaitavit.
3 Desgleichen jetzt auch Mühlbacher a. a. O.
* Forschungen z. d. O. 9, 414.
& Fickler Quellen und Forschungen 5 n« 6.
* Dttmmler in Mitth. der antiqu. Gesellschaft in Zürich 12, 224.
Beitr&cr« *^t Diplomatik YU. 667
mir um so schwerer zu wiegen, wenn wir den Brauch in anderen
Perioden^ seitdem der Erzkapellan in den Unterschriftsformeln
angeführt wird, beachten. Zwischen 854 und 876 werden
Grimold und Liutbert an dieser Stelle nicht ein Mal als Erz-
kanzler bezeichnet. Und in den Originaldiplomen Arnulfs und
in denen Ludwig IV. für deutsche Gebiete begegnet dies auch
nur zwei Mal. ^ Ist nun unter Karl irgend ein Unterschied
zwischen dem einen und andern Titel gemacht worden, so ist
doch kaum glaublich, dass dem allmächtigen Günstling des
Herrschers von den ihm untergebenen Notaren der ihm zu-
kommende höhere Titel so oft vorenthalten worden sei, und so
ist viel wahrscheinlicher, dass ihm hie und da aus Schmeichelei
mehr als ihm gebührte beigelegt worden ist.
Ich zweifle allerdings nicht daran, dass Liutward nach
der Würde des Erzkapellans gestrebt habe, sondern zweifle
nur daran, dass er sie erlangt habe und in ihr förmlich an-
erkannt worden sei. Als Karl III. die Regierung antrat, war
laut den zuvor angeführten Urkunden Witgar von Augsburg
sein Erzkapellan. Tritt dieser dann ganz in den Hintergrund,
so dass wir ihn bis zu seinem 887 erfolgten Tode kaum nennen
hören, so wird auch von keinem Conäicte desselben mit dem
Hofe, noch von seiner Absetzung berichtet. Man kann des
weitern als Regel betrachtei), dass es in einem und demselben
Reiche nicht mehrere Erzkapellane neben einander gegeben
habe. ^ Dafür, dass auch unter Karl III. ein entschiedenes Ab-
gehen von solchem Vorkommen vermieden worden ist, scheint
mir der Fall Liutberts von Mainz zu sprechen. Erzkapellan
unter Ludwig III., ist er unter Karl als solcher kaum an-
erkannt worden. Nur in einer Urkunde Karls für Weissenburg
(Bömer RK. 947, blo» aus Abschrift bekannt) aus demselben
Jahre, in dem Ludwig gestorben war, heisst es : archiepiscopus
noster Liutbertus nee non archicapellanus ; sonst wie in £. 1000
' Diplom Arnulfs vom 21. Januar 892 und Diplom Ludwigs vom 3. August
904. — Die Ausfertigungen der lothringischen Kanzlei Ludwigs können
deshalb bei dieser Frage nicht in Betracht kommen, da deren Vorsteher
nur der Titel archicancellarius zustand.
2 Die Ausnahmen unter Otto I. werde ich in einer späteren Abhandlung
erklären.
668 Siokel.
vom Jahre 887 tritt er lediglich als Erzbischof anf. ^ So ist
möglicher Weise von einer förmlichen Ernennung Liatwards
zum Erzkapellan schon deshalb Abstand genommen worden,
weil der Erzkapellan Witgar noch am Leben war. Dann
erklärt sich auch, dass Liutbert, als er Liutward als oberster
Chef der Kanzlei folgte, ^ noch eine Zeit lang archicancellarius
biess. 3 Er hat vermuthlich diesen Titel mit dem eines Erz-
kapellans erst nach dem Tode Witgars vertauschen können.
Ist aber, wie nach alle dem anzunehmen ist, Liutward
nicht allgemein anerkannter archicapellanus gewesen, so ist
die seit 854 bestandene Verbindung der Kanzlei mit dem Erz-
kapellanat unter Karl IIL nochmals gelöst worden. Und das
betrachte ich als Liutwards Werk. Zuerst hat allerdings die
unter Ludwig dem Deutschen eingeführte Ordnung fortbe-
standen und auch Liutward hat als Kanzler sich dem zum
Erzkapellan erhobenen Bischof Witgar untergeordnet (BRE.
897 und 900).* Aber diese Stellung, mit der doch eine ge-
wisse Abhängigkeit verbunden war, wird seinem Ehrgeize und
seiner Herrschbegierde nicht genügt haben. Er versuchte also
(BRK. 899) in der Weise zu recognosciren, wie es einst
unter Karl dem Qrossen Rado und zuletzt unter Ludwig dem
Frommen Helisachar gethan hatte. Und wie hier, so ignorirte
er auch ferner in der Recognitionsformel der Diplome den Erz-
kapellan u^d wählte eine Formel, welche die bisherigen Be-
ziehungen der Kanzlei zum Erzkapellanat aufgehoben erscheinen
lässt. Indem er seit BRK. 901 regelmässig an seiner Statt
unterfertigen liess, vertauschte er zugleich den Titel eines
1 Voo Theotmar von Salzburg, welcher ja gleichfaUs unter Karlomann £n-
kapeUan gewesen war, ist mir ebenso wenig bekannt, dass ihm unter
Karl je dieser Titel beigelegt worden sei.
3 Dümmler 2, 284, wo jedoch in Anm. 66 fälschlich Böhmer RK. 102<)
vom 24. Juli 887 als noch advicem Liutwardi recognoscirt, angeführt
wird: dies ist die erste anstatt Liutberts unterfertigte Urkunde; s. auch
Mühlbacher a. a. O. 345.
» So auch im Context von Böhmer R. K. 1020; ferner in den Unterschriften
von B. 1021, 1022 und von dem hier einzureihenden B. 1015.
* Er steht zu Witgar in demselben VerhÄltniss, wie Witgar in den Jahren
858 — 860 zu Grimold. Nur begründet es, worauf ich «urückkomme,
einen Unterschied, dass der Kanzler Liutward hier selbst reoognosdrt.
Bcitrige sur Diplomatik YU. 6t>9
Kanzlers mit dem eines Erzkanzlers. ' So war ja der wirk-
liche Vorsteher der Kanzlei schon unter Ludwig dem Frommen
und unter Ludwig dem Deutschen vor 854 und desgleichen
in den anderen karolingischen Reichen genannt worden. ^ Und
neu war nur, dass sich Liutward, wohl weil sich Grimold, Liut-
bert und Theotmar in den Unterschiiften den ihnen gebühren-
den Titel archicapellanus hatten beilegen lassen, auch seinerseits
in den Recognitionen regelmässig archicancellarius betiteln Hess.
Unter dem Erzkanzler Liutward kommen zahlreiche Re-
cognoscenten vor, ^ von denen es hier genügen wird, die zu
erwähnen, welche am häufigsten beschäftigt worden sind, so
wie diejenigen, welche uns noch in der Folge begegnen. In-
quirinus, stets notarius, findet sich in der ersten advicem
Liutwardi unterzeichneten Urkunde und hat wohl, da er bis
30. Mai 887 nachweisbar ist, so lange als Liutward am Ruder
blieb, gedient. Fast ebenso früh als ihn, aber nicht gerade
häufig, treffen wir &nustus an; erst unter Arnulf und dessen
Sohne entfaltete er grössere Thätigkeit in der Kanzlei. Unter
Karl pflegt er Notar genannt zu werden; cancellarius heisst
er nur in Böhmer RK. 918 vom Jahre 880 ^ und in der letzten
von ihm unterfertigten Urkunde Karls vom 11. Januar 885.
Weitere Diplome Karls sind recognoscirt von Waldo oder
Walto, ^ bald notarius, bald cancellarius betitelt, welcher nach
dem Sturze Liutwards nicht mehr als Recognoscent vorkommt.
Dagegen hat Amalbertus, Anfangs häufiger notarius, dann
zumeist cancellarius, der Kanzlei auch noch unter Liutbert
angehört. Ich will endlich noch, weil er zu höherer Stellung
* Auf Böhmer RK. 905 folgen nur noch vier Diplome in denen Liutward
blos Kanzler heisst, alle vier nur aus incorrecten Abschriften bekannt
und daher minder zu beachten.
2 Ich denke an die Bezeichnungen in den Contezten (Acta Karol. 1, 98)
und in den tironischen Noten, welche letztere besonders in den Diplomen
Lothars und Karl des Kahlen in Betracht kommen. — Unter Liutward
wird dann selbst die Steigerung summus archicancellarius beliebt: siehe
Müblbacher in Wiener S. B. 92, 354.
> Mtthlbacher a. a. O. 359 ff.
* lieber diese von Dflmroler 2, 111 Anm. 75 beanstandete Urkunde (in
der Tabelle Mühlbachers n« 26) spreche ich mich 8. 694, Anm. 1 aus.
^ Den Bemerkungen von Mühlbacher a. a. O. 360 Anm. gegen meine früher
ausgesprochenen Vermuthungen stimme ich selbst bei.
670 dickel.
berufen war^ Waldos Bruder Salomon anführen, welcher zuerst
in Böhmer R. K. 982 vom 15. April 882 als Notar, bereits am
16. Juni desselben Jahres als Kanzler, > dann bis 8. September
885 abwechselnd als Notar und Kanzler recognoscirt. Es ist
also fast allen Recognoscenten dieser Zeit gemeinsam, dass sie
den einen wie den andern Titel fUhren.
Auch hier, meine ich, wird sich trotzdem Einblick in
die Gliederung der Kanzlei gewinnen und die Stellung der
einzelnen Personen genau bestimmen lassen, wenn die Ergeb-
nisse umfassender Prüfung der Originale vorliegen. Was mir
bisher bekannt geworden ist, reicht dazu nicht aus. Dagegen
habe ich durch Einsichtnahme von Originalen etwas anderes
feststellen können, eine Thatsache, welche für die Geschichte
der Kanzlei wichtig ist.
Nach altem Brauch ist der Recognoscent zugleich der
Subscribent. Ihn hat man sicher seit Karl III. mehr und mehr
fallen lassen. ^ Es wird hier also noch ein Schritt weiter
^ Urkunde in Plancher Hist de Bourgogne 1, preuves 13, welche Dömmler
2, 294 und Meyer von Knonau Ekkeh. casua 7, N. 25 übersehen haben
(= Mühlbacber n? 123). — Zu Salomons Jugendgescbichte vgl. Heide-
mann in Forschungen 7, 425.
- Darauf machte ich schon in Beiträge zur Diplomatik 2, 113 aufmerksam.
Wenn ich aber dort Böhmer RK. 784 die Originalität abgesprochen
habe, so bin ich wohl zu weit gegangen. Wiederholte Prüfung dieses
Schriftstäcks hat mich darin bestärkt, dass es zeit' und kanzleigemSss
ist bis auf den einen Punkt, dass der Recognoscent Hadebertus die Be-
cognitionszeile nicht selbst geschrieben hat. Wurde aber seit 876 von
der autographen Subscription abgesehen, so mag das auch schon zwanzig
Jahre früher vereinzelt und unter besonderen Umständen geschehen sein.
Entbehrten doch auch schon früher gewisse Urkundenarten der eigenhän-
digen Unterschrift der Recognoscenten, so die Exemplaria (s. Acta Karol.
1, 405) und das Placitum K. 46 (ibid. 364), in welchem die eigentliche
Unterschriftazeile von der Hand des Textschreibers stammt und höchstens
die tironischen Zusätze: recognovi et sigillavi dem Recognoscenten bei-
zulegen sind. — Auch was ich in dem Programm vom Jahre 1876 (Neues
Archiv 1, 455) über die betreffende Neuerung gesagt habe, sehe ich mich
jetzt veranlasst in etwas zu berichtigen. Es gilt hier drei Phasen zu
unterscheiden: 1. N. ist zugleich Recognoscent und Unterfertiger der
Urkunde; 2. N. ist thataächlich Recognoscent, lässt aber die betreffende
Beglaubigung^formel von einem Andern schreiben; 3. N. wird in dieser
Zeile als Recognoscent genannt, hat aber (s. später S. 704) in Wirklich-
keit die Recognition nicht selbst vorgenommen.
Beitr&g« cur Diploinatik YII. 671
gegangen in der Uebertragung der Schreibgeschäfte, zunächst
insoweit es sich um die littera grossa handelt^ * auf die unteren
Beamten der Kanzlei: hatte seit 819 der Kanzler nicht mehr
eigenhändig subscribirt, so Hessen nun auch die mit der Re-
cognition beauftragten Notare die Zeile, welche den Recognos*
centen namhaft machte, durch Andere schreiben. Allerdings
hat der alte Hebarhardus Böhmer RK. 929 ^ nach seiner
Gewohnheit noch ganz geschrieben. Und dass auch andere
recognoscirende Notare unter Karl sich noch an der Herstellung
der Reinschrift in grösserem oder geringerem Umfange be-
theiligt haben, bezweifle ich um so weniger, da, wie wir sehen
werden, noch im Laufe des zehnten Jahrhunderts viele Kanzlei-
angehörige zugleich Recognoscenten und Subscri beuten, ja even-
tuell Schreiber der ganzen Urkunden gewesen sind. Das ändert
nichts an der Hauptsache, dass was bis 876 Regel war, all-
mählich zur Ausnahme wurde. Es wird genügen, hier noch
einige Belege dafür nachzutragen. Böhmer R. K. 951 und 1001
z. B: sind in allen Theilcn von derselben Hand geschrieben,
obgleich jenes Diplom Waldo und dieses Amalbertus als Re-
cognoscenten nennt; für letzteren Notar unterfertigen dann
mindestens noch zwei andere Schreiber.
Mit diesem neuen Brauche hängt ein anderer zusammen.
Seit die eigene Unterschrift des Recognoscenten nicht mehr als
Erforderniss gilt, nehmen auch die wirklichen Kanzler wieder
Antheil an der Recognition. Ob letzteres unter Karl HI. der
Fall war, muss ich dahingestellt sein lassen, da ich noch nicht
weiss, wer etwa von den Untergebenen des Erzkanzlers Liut-
ward als wirklicher Kanzler fungirt hat und da ich auch die
Handschriften der einzelnen Personen noch nicht feststellen
konnte. ^ Dagegen bekunden die Formeln der Urkunden Karl-
manns solche. Betheiligung der Kanzler. Auf zwei Stücke mit
der Recognition: Madalwinus notarius advicem Baldonis can-
cellarii folgt nämlich eine Reihe, in der es bald heisst: Baldo
cancellarius advicem Diotmari archicapellani, bald: Madalwinus
notarius advicem D. archicapellani. Sicher tritt hier zum ersten
^ Ich drücke mich so ans mit Rücksicht auf die von Ficker Beitr. 2, 168
aufgestellte Erklfining.
3 Vgl. Mühlbacher a. a. O. S59.
' Ueber Liutward selbst als Recognoscenten s. S. 668.
672 dicket.
Male seit 819 der Kanzler wieder als Recognoscent ein. Sollte
nun der Schriftbefund ergeben, dass die Recognitionszeilen von
gleicher Hand, ob nun Baldo oder Madalwin als Recognoscent
erscheinen, so wäre auch hier die von mir gegebene Erklärung
als richtig erwiesen. Auch das Hesse sich dafür geltend machen,
dass beide correspondirende Neuerungen schon in der Kanzlei
Karlmanns aufgekommen sind, dass derselbe Theotmar von
Salzburg als Erzkapellan der Kanzlei Karlmanns und der Arnulfs
vorstand, in welcher wir nun ganz durchgeführt finden, was
theils im Jahre 854, theils während Karlmanns Regierung an-
gebahnt worden war.
Indem die Unterordnung der Kanzlei unter den Erz-
kapellan schon 887 wieder hergestellt war (S. 28), trat nach
der Erhebung Arnulfs nur insofern ein Wechsel ein, dass statt
Liutberts der Erzbischof Theotmar von Salzburg als Erzkapellan
fungirte. Es war offenbar die politische Situation, welche diesem
wiederum zu der schon unter Karlmann bekleideten Würde
verhalf und ihm und seinem Nachfolger die Behauptung in
derselben ermöglichte. Vom Anbeginn Arnulfs an ist nun die
Recognition advicem Th. archicapellani so die Regel, dass nur
fünf Ausnahmen vorkommen. An diese fünf Fälle will ich gleich
anknüpfen, um die damalige Organisation der Kanzlei darzu-
legen. Sie bieten uns nämlich die Recognition sformel N. ad-
vicem C. und lehren somit (S. 657), dass die beiden Männer,
an deren Statt hier recognoscirt wird, Aspertus und Wichingus,
wirkliche Kanzler waren. Dies wird durch noch andere Um-
stände bezeugt. Aspertus, um mit diesem zu beginnen, war
zuerst Diaconus in Regensburg und wurde 891 Bischof da-
selbst; noch in dieser Eigenschaft (das von Liutward gegebene
Beispiel fand also bald Nachahmung) diente er bis Ausgang
des Jahres 892 in der Kanzlei fort. In den Diplomen wird
er regelmässig cancellarius genannt, in drei Diplomen sogar
archicancellarius. ^ Zu beachten ist es endlich, in welchem
Verhältniss die Recognition durch Aspertus selbst zu der
^ Zu den von Dümmler 2, 480, Anm. 62 schon angeführten Böhmer RK.
1068 (Text) nnd 1095 (Recognition) kommen noch zwei Urkunden rom
25. April 892 in Tabouillot 4, 48. 49 mit: Engilpero notarius advicem
Asperti archicancellarii. — Auf das vereinzelte A. notarius in dem nur
aus Abschrift bekannten Böhmer 1041 lege ich keinen Werth.
Beitr&ge lar Oiplomatik TH. 673
Recognition durch andere Personen nach der Formel N. adv. A.
steht. Von den etwa hundert Diplomen der Kanzleiperiode
Äsperts sind nämlich ungeföhr zwei Drittel von Aspert selbst
recognoscirt, die übrigen von Ernustus oder Engilpero; dabei
herrscht bis 890 die Recognition durch Aspert vor, wird aber
seit 891 immer seltener. Ich ziehe daraus folgende Schlüsse.
Aspei*tus nahm in den Anfängen persönlich einen lebhaften
Antheil an den Geschäften, d. h. er besorgte unter anderm die
Recognition, Hess dagegen nach dem neuen Brauch von An-
deren subscribiren ; später jedoch, wobei wohl seine Beförde-
rung zum Bischof mitgewirkt hat, ist auch die Recognition
häufiger den ihm untergebenen Ernustus und Engilpero über-
lassen worden.
Als Nachfolger Asperts in dem Kanzleramt ist der ihm
durchaus gleich gestellte Wiching zu betrachten. In Böhmer
RK. 1109, 1148, 1149 lautet die Subscription : Engilpero
notarius advicem Wichingi archicancellarii ; ja selbst als Re-
cognoscent wird er in Böhmer 1110 und 1111 und in einem
Diplom vom 27. Februar 896 Erzkanzler betitelt. Sonst heisst
er regelmässig Kanzler. Schon vor dem Eintritt in die Kanzlei
war er Bischof. Auch er fungivt in den ersten Jahren häufiger
denn später als Recognoscent.
Es ist mir noch kein verbürgter Fall aus diesen Jahr-
hunderten bekannt, dass in einer ungetheilten Kanzlei zwei
Kanzler zugleich bestellt worden wären. Da nun Aspert und
Wiching wirkliche Kanzler gewesen sind, so wäre ßlr einen
dritten Kanzler höchstens zwischen dem 7. December 892
(letztes Vorkommen von Aspert) und zwischen dem 2. Septem-
ber 893 (erstes Auftreten von Wiching) Platz. In diesen Mo-
naten recognosciren Ernustus und Engilpero. Aber keiner von
beiden kann dazumal Kanzler gewesen sein, denn sie sind
durch alle Jahre hindurch erst mit Aspert, dann mit Wiching
in der Kanzlei angestellt gewesen, sie haben unter Arnulf
neben einander in wesentlich gleicher Stellung gedient, was
nur bei Notaren, nicht bei Kanzlern der Fall sein kann. Sie
sind also nur Notare oder im günstigsten Falle Titularkanzler
und als solche Aspert und Wiching untergeordnet gewesen.
Dem entspricht es, dass Engilpero, der sich von 887 bis 907
als Recognoscent nachweisen lässt, regelmässig notarius genannt
674 Sick«»!.
wird. ^ Dagegen sind die Daten, welche uns über Ernustus zur
Verfügung stehen, nicht so leicht mit obigem Ergebnis^ iji
Einklang zu bringen. Wie er unter Karl III. betitelt wurde,
sagte ich schon (S. 669). Unter Arnolf wird er bis zum Mai
895 fast immer notarius, von da ab fast immer cancellarius
genannt. ^ Da nun dazumal meines Wissens im Personalstand
der Kanzlei oder in den Beziehungen der Personen unter
einander kein Wechsel stattgefunden hat, so dreht es sich
offenbar wiederum nur um eine Titelfrage, d. h. Ernustus wird
895 Titularkanzler geworden sein, was nicht ausschliesat, d&ss
er unter Ludwig IV. zum wirklichen Kanzler avancirt zu sein
scheint. ^
Somit ist die Kanzlei Arnolfs genau so gegliedert ge-
wesen^ wie die seines Grossvaters seit dem Jahre 854. ObenaD
steht der Erzkapellan, und ein ihm untergeordneter Kanzler,
eventuell auch Erzkanzler genannt, besorgt die Geschäfte mit
Hilfe einiger Notare, denen etwa auch der Titel Kanzler za
führen gestattet ist. Nur von ungefähr und vorübergehend
besteht ein Unterschied: unter Ludwig dem Deutschen blieb
der Posten des wirklichen Kanzlers durch viele Jahre unbesetzt
während unter Ärnolf auf den Kanzler Aspert sofort oder doch
sehr bald der Kanzler Wiching folgte. Trotz gleicher Beamten-
hierarchie ist aber zu den zwei seit 854 und bis zum Eintritt
der Vacanz im Jahre 868 angewandten Recognitionsformeo
(N. adv. C. und N. adv. A.) unter Arnolf oder genauer gesagt
seitdem der Recognoscent nicht mehr eigenhändig zu unter-
fertigen braucht, die dritte Form (C. adv. A.) getreten. * Indeai
1 Auflgenommen sind nur, um gleich die Diplome Lndwig IT. asu berück-
nichtigen, Böhmer RK. 1180 und die Urkunde vom 12. August 903,
beide ans dem nicht sehr zuverlässigen Passauer Chartnlar.
' Einzige Ausnahme vor dem Zeitpunkt bildet ein Diplom vom 28. 'Tuni
888 mit cancellarius und einzige Ausnahme nach demselben das Diplom
vom 13. August 896 mit notarius. Zu beachten ist noch, dass Ennvtas
im Contezt der ihm am 17. Februar 895 gemachten Schenkung Ränder,
in der Recognition jedoch Notar heisst.
3 Siehe S. 698 und was ich S. 694 über Böhmer RK. 918 bemerke.
* Eventuell gilt dies auch schon von der Kanzlei Karlomanns: sie hat
sicher bereits die drei Formen angewandt und nur das bleibt offene
Frage, ob damals Recognoscenten und Subscribenten von einander ver-
schieden sind.
Beitr&ge zur Diplomatik VII. 675
es nun einen Erzkapellan, einen Kanzler und fiir die Einzei-
urkunde nur einen Notar gibt; und indem andererseits das
Herkommen die Namhaftmachung von je zwei Personen in
der Subseription fordert, sind in jenen drei Formen alle mög-
lichen Combinationen erschöpft.
Mit diesem Herkommen hat es folgende Bewandtniss.
Wir sahen weshalb dem Namen des recognoscirenden Notars
von Alters her der des vorgesetzten Kanzlers oder unter Ludwig
dem Deutschen in Ermangelung eines Kanzlers der des Erz-
kapellans beigefügt werden musste. Indem nun in den Jahren
819 — 876 regelmässig Notare recognoscirten, also bis 854 stets
die Formel N. adv. C. und dann bald diese, bald die andere
N. adv. A. Platz grififen, bürgerte sich die Erwähnung zweier
Namen in der Unterfertigung so ein, dass sie nach 876, auch
wenn der ursprüngliche Grund entfiel, doch beibehalten wurde,
d. h. die fortan in gewissen Fällen wieder recognoscirenden
Kanzler machten gleichfalls an dieser Stelle den ihnen vor-
gesetzten Erzkapellan namhaft. Dass es sich dabei um eine
blosse Form handele, * ist jedenfalls für die folgenden Jahr-
hunderte richtig. Aber zu Ausgang des neunten Jahrhunderts
ist die Sachlage doch wohl eine andere. Der erste wirkliche
Kanzler, welcher advicem archicapellani recognoscirt, ist Liut-
ward, nämlich in Böhmer RK. 897 und 900 vom 15. April
und vom 18. August 877. Doch sein Vorgehen, durch beson-
dere Umstände oder Absichten veranlasst und überdies ver-
einzelt, hat wohl kaum Nachahmung gefunden. Und indem fast
zu gleicher Zeit Karlomanns Kanzler Baldo in dem Diplom
für lo^emsmünster vom 28. Juni 877 und dann wiederholt in
solcher Weise recognoscirt, wird vielmehr das von ihm ge-
gebene Beispiel von der Kanzlei Arnolfs befolgt worden sein.
Bot diese in ihrer Organisation nichts neues, so war doch
die Besetzung der Stellen eine besondere. Dass Baiern das
Land war, von dem die Herrschaft Arnolfs ausging und auf
das sie sich vornehmlich stützte, verhalf auch dem Metropoliten
von Baiern zu einem Ansehen im Reich, das kein anderer
Geistliche erreichen und bestreiten konnte, das ihm das Erz-
kapellanat einbrachte und durch dasselbe noch gesteigert wurde.
1 Waita Verf. Gesch. 6, 287.
SitraiigtW. d. phU.-hi8t. OL XCUI. Bd. lY. Hft. 44
676 8iek«i.
Nehmen wir nun dazu, dass der erste damals bestellte Kanzler
Aspert der Salzburger Erzdiöcese angehörte, so wird es sehr
wahrscheinlich, dass gerade Theotmar grösseren Einfluss auf
Einrichtung und Leitung der Kanzlei nehmen konnte. ' Dem
würde entsprechen dass, obwohl der freigeborne Kanzler dessen
nicht bedurfte, Aspert, respective Baldo als Recognoscenten
sich zuerst dazu bequemt, gleich dem sonst recognoscirenden
Notare advicem Theotmari archicapellani zu unterfertigen oder
unterfertigen zu lassen. Und dadurch bürgerte sich im ost-
fränkischen, später deutschen Reiche die Nennung von je zwei
Personen in der Recognition so ein, dass an ihr, auch als die
Erzkapellane an Ansehen und an Einfluss auf die Kanzlei ein-
büssten, durch Jahrhunderte hindurch festgehalten und von
ihr nur im Nothfall, d. h. wenn das eine oder das andere Amt
vacant war, abgewichen wurde.
Mit der Zweitheilung der Kanzlei, welche zu Beginn des
zehnten Jahrhunderts mit Rücksicht auf Lothringen vorüber-
gehend und in beschränkter Weise nothwendig befunden, dann
in der zweiten Hälfte desselben dauernd und im vollsten Hasse
durchgeführt wurde, kommt ein neues Moment für die Einrichtang
der Kanzlei in Betracht. Aber auch für die erweiterte und getheilte
Kanzlei der Folgezeit wird die Gliederung der Kanzlei, wie sie
unter Arnolf beliebt worden ist, massgebend. Desgleichen sind
die Modalitäten und Bräuche der RecognitioU; wie sie sich der
Beamtenhierarchie entsprechend unter Arnolf entwickelt und ein-
gebürgert haben, in der Hauptsache bis in die ersten Jahre Otto I.
festgehalten worden, wenn auch eine Neuerung bereits unter
Ludwig IV. beginnt, um sich unter Otto in der Kanzleiperiode
Bruns festzusetzen und damit hinüberzuleiten zu den vom Jahre 953
datirenden Einrichtungen. Es ist meine Absicht, auch das im
einzelnen darzulegen und zu begründen. Aber zunächst mache
ich in der bisherigen Darstellung Halt. Mehr denn zuvor wirken
nämlich seit 900 mannigfaltige politische Verhältnisse and
nicht minder persönliche Einflüsse auf die jeweilige Gestaltung,
* Anch von der Zeit, da Theotmar unter Karlomann Erskapellan war, wird
das gleiche gelten. — Zwischen Theotmar und dem Aspert nachfolgenden
Kanzler Wiching bestand (s. Dümmler 2, 463) kein gntes EinTemehmen.
Das könnte gerade darin seine Erklärung finden, dass letzterer sich und
die Kanzlei vom Erzkapellan za emancipiren gestrebt haben mag.
Beitrige sar Diplomatik TU. 677
■s,
Besetzung und Uebungen der Kanzlei ein, was die Erkenntniss
des Sachverhalts erschwert. Allerdings kommt mir dabei zu
statten, dass ich wenigstens vom Jahre 911 an den ganzen
Vorrath von Originaldiplomen prüfen konnte >und in der Con-
statirung der Handschriften aller an der Anfertigung der Prä-
cepte betheiligten Personen ein sicheres Mittel gefunden habe,
in einer Reihe sonst fraglicher Punkte eine Entscheidung zu
treffen. Ich werde also fortan auch andere Wege einzuschlagen
haben, um den Sachverhalt darzulegen. Da empfiehlt es sich,
bevor der üeberblick durch Herbeiziehung weiterer wenn auch
analoger Daten erschwert wird, einige bisher nur aufgeworfene
Fragen zu beantworten. Nur insoweit es für die Feststellung
des Personalstatus der Kanzlei und für die allmählich gebotene
Unterscheidung von Kanzlern^ Recognoscenten und Subscri-
beuten nothwendig war, berücksichtigte ich . auch schon die
wechselnden Arten der Recognition. Es bedarf aber noch der
Erklärung, weshalb in den einzelnen Perioden, selbst abge-
sehen von verschiedenartiger Besetzung der Kanzlei, die eine
oder die andere Recognitionsformel angewandt worden ist und
weshalb unter den gleichzeitig zur Recognition berufenen Kanz-
lern und Notaren bald dieser bald jener ausgewählt worden ist.
Wir haben zu diesem Behufe zu untersuchen, welches die ur-
sprüngliche Bedeutung der Recognition gewesen ist und inwie-
fern dieselbe festgehalten oder modificirt worden ist.
So früh und häufig in römischen Schriftstellern von Re-
cognition literarischer Werke die Rede ist, ^ so spät und selten
wird Recognition von Urkunden erwähnt. Indem nämlich die
Römer die moderne Beglaubigung der Urkunden durch Namens-
unterschrift in älterer Zeit gar nicht gekannt und auch in der
Folge nur vereinzelt angewandt haben, konnte in den Origi-
nalen der früheren Zeit so wenig wie eine Subscription des
Ausstellers eine Unterfertigung durch Kanzleibeamten Platz
greifen; erst die im sechsten Jahrhundert auftauchende anno-
tatio quaestoris kann als solche betrachtet werden. ^ Dagegen
1 Ueber recog^ovi in Handflchriften des Mittelalters s. Wattenbach Schrift-
wesen (zweite Auflage) 272.
' Bruns, die Unterschriften in den römischen Rechtsarkunden (Philol.-hist.
Abhandlungen der Berliner Akademie 1876 8. 41—188). Als Kltestes und
678 Sicket.
wird in Copien oft gesagt, dass sie recognoscirt worden sind.
Das Edictum de tollendo coUegio funeratico vom Jahre 167
ganz yereinzeltes Beispiel einer kaiserlichen Verfügung mit rescripsi.
recognovi wird dort Corpus I. L. 3, 78 n» 411 aus dem Jahre 139 an-
geführt. Ueber die Quästorenunterschrift ibid. 84. — Da wo Bmns die
Bräuche des Mittelalters berührt, kann ich ihm nicht beistimmen. Nach
ihm soll selbst in der Uebergangszeit von altrömischer Urkunde zu der
späteren unter anderem durch die Subscription gekennzeichneten Urkunde
noch der formale Unterschied bestehen, dass röminch stets unterfertigt
wurde: ego N. N. leg^ coiisensi subscripsi, jetzt dagegen: gelesen geneh-
migt unterschrieben N. N. (S. 138). Einfache Namensunterschrift der Kaiser
finde sich zuerst in einem Gesetze des Kaisers Romanus senior Tom
Jahre 924. Wie diese Form entstanden, lasse sich nicht mehr nach-
weisen. Wahrscheinlich sei sie vom Occident herübergekommen, denn
bei den fränkischen Königen finde sich die Namensunterschrift schon sehr
früh, jedenfalls bei den Merovingern des sechsten und siebenten Jahr-
hunderts. Zur Erklärung wird dann noch S. 129 auf die germanische
Sitte der manufirmatio im Gegensatz zu der römischen stipulatio ver-
wiesen. ~ Gegen diese Sätze habe icli mehrfachen Einwand zu erheben.
Was Bruns als modernes Princip bezeichnet und in Byzanz bereits 924
nachweist, ist keineswegfs identisch mit dem Brauch der fränkischen
Könige noch mit der manufirmatio, so dass die Grenze zwischen römi-
schem und jetzigem Princip ganz anders zu ziehen ist als Bruns will.
Ich begnüge mich, das an Königsurkunden auszuführen. Die Form der
Unterfertigung derselben (s. zuvor S. 652 und hier im Texte) steht ge-
radezu auf gleicher Linie mit der in spätrömischer Zeit nachweisbaren,
so dass auch in diesem Punkte die fränkische Königsurkunde nach dem
Muster der römischen Urkunde gestaltet erscheint. Und wird auch in
der Folge die Subscriptionsformel angekündigt, so schrumpft sie doch
nicht zu blosser Namensunterschrift zusammen. Gerade die Einleitung
der Zeile, in welche das Handmal der Karolinger eingeschaltet wird,
durch das Wort signum ist ein Beleg dafür, dass der Name allein nicht
gebräuchlich gewesen ist. Es kommen hier auch noch andere verein-
zelte Erscheinungen in Betracht. Die Grussformel der kaiserlichen Ge-
setze und Rescripta (Bruns S. 81) hat sich ja bis in die Anfange Karl
des Grossen (Acta Karol. 1, 256) erhalten. Noch mehr schliessen sich
die Briefe der Karolinger (ibid. 402) an alte Form an und sie entbehren
regelmässig der Namensunterschrift. Und dass an solcher Form noch
die literae clausae Friedrich II. festhalten und dass überhaupt für die
grosse Mehrzahl der schriftlichen Verfügungen der Könige das Siegel
das einzige Beglaubigungsmittel gewesen ist, widerspricht vollends der
Annahme Bruns, dass das moderne Princip frühzeitig im Occident auf-
gekommen sei. Ich will noch hinzufügen, dass auch die Papstbriefe
genau so wie die Urkunden der spätrömischen Zeit subscribirt worden
sind. Soweit ich das Material überblicke, wird die moderne Unterschrift
Beitrtg» lur Diplomatik YII. 679
beginnt: descriptum et recognitum factum ex libello ... in
quo scriptum erat id quod infra scriptum est. * Es besagt hier
ganz wie in literarischen Werken^ dass die Uebereinstimmung
des exemplar mit dem archetypus nach vorgenommener Ver-
gleichung beglaubigt wird.^
Eine analoge Bedeutung hat das Wort^ wo es in den regel-
mässig mit gewissen Subscriptionen versehenen Merovinger-
diplomen gebraucht wird. Man könnte hier etwa daran denken
wollen^ dass durch die Recognition der Originalausfertigung
bezeugt werden solle, dass diese einem zuvor aufgesetzten
Concepte gleichlautend sei. Aber dem steht der sich gegen-
seitig ausschliessende Gebrauch von offerre und recognoscere
in den ältesten Diplomen im Wege. ^ Hatte der des Lesens
kundige König sich überzeugt, dass die ihm vorgelegte Rein-
schrift seine Willensäusserung enthielt und hatte er dies durch
eigenhändige Unterschrift bezeugt, * so bedurfte es anderer
Beglaubigung nicht mehr, ja diese wäre als Missachtung der
königlichen Autorität erschienen, '' und nur wo des Königs
Autorität nicht direct eingetreten war, fand die Beglaubigung
durch einen Recognoscenten statt. Damals also nur subsidiär
angewandt, musste dieselbe, wie wir S. 653 sahen, unter den
Karolingern zur Regel werden.
Schon dieser Sachverhalt, meine ich, lässt für die Re-
cognition nur die eine Deutung zu, dass sie in erster Linie
die Uebereinstimmung des schriftlichen Präcepts mit dem vom
König mündlich ertheilten und auch die Beurkundung in sich
zuerst in italischen Notariatsacten und da ^radezu in Anschluss an
spätrömische Form angewandt worden sein. Erst Ton da gebt sie z. B.
in Venedig in den Kanzleigebrauch über.
< Cprpus I. L. 3, 925 o? 1, — Weitere Beispiele in Bruns S. 75 und in
Dirksen Manuale s. v. recognoscere.
2 Daher wird die Recog^itionsformel in Codices wohl auch ganz so ge-
schrieben wie in Urkunden und selbst mit einem Recognitionszeichen
versehen. Ein Beispiel der Art führt Bordier an in Etndes pal. et bist,
snr des papyrns du 6* si&cle pag. 126.
3 Acta Karol. 1, 216 und 363.
* Ein einziges Mal, in DD. Merov. n° 30 (alte Copie) geschieht dies mit
den Worten: Gbildericus rex recog^ovit.
^ Vgl. was Ficker Beitr. 1, 227 über die Anfuhrung von Zeugen in Di-
plomen bemerkt.
680 Biekel.
begreifenden Befehls verbürgen sollte. ^ Und fiir diesen Zu-
sammenhang der Recognition mit der iussio regis stehen uns
zahlreiche directe Beweisstellen aus älterer Zeit zu Grebote,
denen nur erst vorausgeschickt werden muss, welche Bewandt-
niss es bis in das neunte Jahrhundert hinein mit dem Beurkim-
dungsbefehl in den Urkunden hat.
Es ist zweifelsohne ein fruchtbarer Gedanke^ welchen
Ficker angeregt und an gewissen Partien des Urkunden-
vorrathes durchgeführt hat, mehrere Stufen der Beurkundung
auseinanderzuhalten. Doch hat Ficker selbst ^ die Anwendbar-
keit desselben davon abhängig gemacht, dass alle Theile des
Materials erst genau darauf hin geprüft werden, ob überhaupt
und in welchem Grade eine derartige Scheidung des Urkunden-
geschäfts thatsächlich stattgefunden habe. So will ich hier ein-
gehender untersuchen, inwieweit die Diplome der ersten Jahr-
hunderte einen oder eventuell mehrere solche Befehle enthalten.'
Habe ich früher dargethan, dass sich die Diplome der
Merovinger von denen der Karolinger durch das EscbatokoU
unterscheiden und dass in jenen die Könige möglichst selbst-
handelnd und selbstredend auftreten, so habe ich in diesem
Zusammenhange noch nachzutragen, dass sich auch aus den
Contexten der einen und der anderen Gruppe die gleichen
Ergebnisse gewinnen lassen. Allerdings wird auch in den
späteren, erst unter den Karolingern aufgekommenen Fassun-
gen dem König noch regelmässig in den Hund gelegt: volumus,
' Die Recognition in Gerichtsurkunden der MeroYinger, wie e. B. in
DD. n** 49, kann eine doppelte Bedeutung haben: einerseits bezeugt der
Recognoscent das von ihm in die Kanzleiausfertignng aufgenommene,
also von ihm copirte Referat des Pfalzgrafen (s. Bmnner, Gerichts-
zeugniss 170), andererseits aber auch das die Urkunde abschliessende
praeceptum regis: propteria iobimns etc. — Mit der ursprünglichen und
durch Jahrhunderte festgehaltenen Bedeutung des Wortes recognoscere
vertrfigt sich auch die von Ficker BeitrSge 1, 241 angeführte Verstär-
kung der Recognition in Stumpf Reg. 2934. — Ich verweise endlich
noch auf recognitio als Bezeichnung gewisser septimanischer Urkunden
(s. Sohm Reichs- und Gerichtsverfassung 1, 528), die sich in gleicher
Weise erklfiren iSsst
> Insbesondere in seinen Beitr. 2, 20 und 60.
3 Ich werde mich dabei von vorhinein auf den Nachweis von Beurkundung«-
und Vollziehungsbefehl beschränken, da der nach Ficker dazwischen
liegende Fertigungsbefehl hier gar nicht in Betracht kommt.
Beiträge tut Diplomatik TU. 681
praecipimus, iubemus. Aber entschieden stärker betonen die
älteren Dictate, entsprechend der Gestaltung des Schlussproto-
kolls, den persönlichen und unmittelbaren Befehl des Königs,
der insbesondere auch durch die directe Anrede des Königs
an seine Getreuen anschaulich gemacht wird. Es heisst z. B.
in DD. Mer. n^ 69 vom Jahre 699 : quod nos . . . concessisse
vel pristetisse seo confirmasse cognuscite; adeo per presente
preceptum ex hoc decemimus ordenandum quod in perpetuo
volemus mansurum . . . et ut haec preceptio firmier sit, manus
nostri subscripcionibus supter eam decrevimus roborare. Und
so mannigfaltige Dictamina auch damals angewandt werden
mögen, so haben sie doch alle gemein, dass der König un-
mittelbar befiehlt und das geschriebene Präcept selbst voll-
ziehen zu wollen erklärt. Natürlich versieht die Kanzlei auch
damals das ihr obliegende Geschäft des Concipirens und Mun-
direns und besorgt schliesslich die zur Vollziehung gehörige
Besieglung. Aber sie bleibt so sehr im Hintei^runde, dass der
ihr geltende Befehl zu Urkunden und zu vollziehen nicht im
Context zum Ausdruck kommt, sondern nur in der einen
Formel des EschatokoUs oder in den etwa beigefügten tironi-
schen Noten erwähnt wird. '
Ehe ich an den 'Formeln und Diplomen der Karolinger-
periode die allmähliche Umbildung der betrefifenden Sätze ver-
folge, glaube ich auf die allgemeine Entwicklung der Verhält-
nisse verweisen zu müssen. Ganz unabhängig davon, dass der
Kanzlei seit Pippin eine andere Stellung bereitet worden war,
war das Anwachsen der Agenden der Kanzlei im Laufe der
Jahrhunderte und die gleichen Schritt haltende Vermehrung
des Personals. Schon in Folge davon wurde der Geschäfts-
gang complicirter und erforderte mehr Zeit. Des weitem wirkte
später ein, dass man sich auch am königlichen Hofe nach dem
Vorbilde der päpstlichen Curie einer besseren Behandlung der
1 Wir erhalten anf diese Weise ein vorzügliches Kriterium. Fälschungen
wie DD. Mer. o? 19, -20, 48 u. s. w. verrathen sich unter anderem durch
die Worte : hoc nostrae auctoritatis praeceptum fieri decrevimus . . . illud
anulorum nostrorum impressionibus signari iussimus. Ein Theil der Ur-
kunden für Le Bfans enthält den Beurkundungsbefehl, ein anderer da-
gegen (ibid. n<* 81, 84) nicht, was bei der Scheidung der Diplome dieser
Herkunftsgruppe iu echte und unechte wohl zu beachten ist.
682 Sickel.
Geschäfte befleissigte. Das allmähliche Eintreten dieser und
anderer Ursachen prägt sich auch in den Elaboraten der Kanzlei
aus. Sind nun demzufolge die Urkunden etwa des dreizehnten
Jahrhunderts mit zahlreichen Merkmalen stufenweiser Ent-
stehung behaftet, so sind wir zur Annahme eines auch nur
annähernd gleichen Vorgangs in früherer Zeit doch nur in-
soweit berechtigt, als deren urkundliche Denkmale sich von
gleicher Beschaffenheit erweisen. Indem dies, abgesehen von
vereinzelten Beispielen, blos in beschränktem Sinne der Fall
ist, wird für die Periode, von der ich hier handle, als Regel
zu betrachten sein, dass das ganze Urkundengeschäft einen
einfacheren und kürzeren Verlauf genommen und sich so zu
sagen nach dem Princip der Einheit von Ort und Zeit abge-
wickelt hat Diese Auffassung hat auch Ficker zugelassen.
Aber in welchem Grade und Umfange oder bis zu welcher
Zeit die Richtigkeit solcher Annahme durch die Urkunden
bezeugt wird, das bedarf noch der näheren Darlegung.
Indem sofort beim Eintreten des neuen Königsgeschlechts
das Eschatokoll umgestaltet wurde (S. 011), erklärt es sieb,
dass die Corroborationsformel am frühesten anders stilisirt
wurde, nämlich so, dass der Vollziehungsbefehl zum Ausdruck
kam. ^ Nun tritt allerdings gleich hier die Erscheinung zu Tage,
dass die Fortbildung der Fassungen in den Diplomen und in
den Formeln hinter den thatsächlichen Wandlungen des Vor-
gangs meist um etwas zurückgeblieben ist. ^ Aber aus dem
allmählichen Durchdringen der neuen Stilisirung lässt sich
folgern, dass die Erwähnung eines Befehls an die Kanzlei an
dieser Stelle beabsichtigt worden ist.
Betreffs des Beurkundungsbefehls gilt von der grossen
Mehrzahl der einst von Marculf gesammelten Dictamina, dass
sie ihn so wenig kennen als die Merovingerdiplome. Im Grunde
macht nur Marculf 1, 30 = Rozi^re n^ 298 eine Ausnahme ^
mit dem Satze: quapropter hunc praeceptum . . . fieri decre-
vimus. Dagegen liegt eine in mehr als einer Beziehung neue
1 Wie in P. 11 : finnavimus et de annlo nostro inpressione signare iussimus.
2 Acta Karol. 1, 193.
3 Allenfalla liesse sich nämlich noch Roziire n° 575 als Uebergangaform
anführen; es heisst da und so aach in dem gleich stilisirten DD. Mer.
n? 15: praeceptionem vigoris nostri placuit propolare.
Beitrftge tat Diplomatik VII. 683
FaBBUDg in dem ersten uns von Karl erhaltenen Diplome vor. *
Auf die Worte: propterea hanc praeceptionem nostram ... con-
Bcribere iussimus folgt die karolingische Corroborationsformel:
manu propria subter decrevimus roborare et de anulo nostro
sigillare iussimus, also Beurkundungs- und dann VoUzie-
bungsbefehl. Noch eine andere Abweichung von der herkömm-
lichen Stilisirung weist zuerst K. 1 auf. Das zuvor citirte
DD. Mer. n^ 69 zeigt uns die Hauptbestandtheile des Contexts
in folgender Qliederung. Der König thut zuerst seine Ent-
schliesBung in kurzen Worten (quod nos — cognuscite) kund ; es
folgen dann^ eingeleitet durch adeo — decernimus, die ausführ-
lichen Bestimmungen.^ Dagegen reiht sich in K. 1 die eigent-
liche Disposition (Schenkung mit detaillirten Bestimmungen)
gleich an die Publicationsformel an; dann folgt als Conclusion
(propterea) der königlichen Entschliessung der Beurkundungs-
befehl, in welchem die Verfügung nur recapitulirt wird, um
deren Beständigkeit und Kechtswirkungen zu betonen, woran
sich die Corroborationsformel mit dem Vollziehungsbefehl an-
Bchliesst. Dieses neue Schema hat dazumal offenbar wenig
Anklang gefunden. ^ Und auch die Erwähnung des Beurkun-
dungsbefehls ist sehr langsam durchgedrungen. Sie ist selbst
in neu stilisirten Diplomen Karls noch selten. Höchstens in
die Hälfte der im Martinskloster zu Tours gesammelten For-
meln hat dann dieser Befehl Eingang gefunden. * Und da die
älteren Schemata ohne Beurkundungsbefehl bei- der häufigen
' Dass es sich um K. 1 bandelt, betrachte ich als Zufall; aber wir sind
durch JS. 1 zur Annahme berechtigt, dass im Beginn der Regienmg
KarU der Versuch zu einer sachgemässen Umarbeitung der Formeln
gemacht worden ist.
^ Die gleiche Disposition z. B. noch in Urkunde Ludwig des Deutschen
Böhmer Reg. Kar. 766 vom Jahre 853, wenn auch der Erklfirung des
Königs : ita nos Uli concessisse . . . omnium fidelinm nostrorum cognoscat
magnitudo eine lange Erzählung vorausgeschickt, und wenn auch andrer-
seits die eigentliche Verfügung durch den Benrkundungsbefehl : propterea
hos apices . . . fieri decrevirnus per quos praecipimus etc. eingeleitet wird.
3 In der Geschichte der Formeln für Diplome spielt die Qliederung des
Gontextes und die zum Theil parallel laufende Behandlung von Be-
urkundungs- und Vollziehungsbefehl eine grosse Rolle. Ich werde darauf
in einer der nächsten Abhandlungen bei Besprechung der Dictamina des
zehnten Jahrhunderts zurückkommen.
* Und zwar wird in ihnen regelmässig fieri, noch nicht conscribere gebraucht.
684 Sickel.
einfachen Wiederholung früherer Verleihungen sich dem 6e-
dächtniss der Dictatoren einprägten, hat sich das neuere etwa
erst unter Arnulf eingebürgert, unter dem das Formelwesen
überhaupt einer ziemlich durchgreifenden Umarbeitung unter-
zogen worden ist. ^
So lange aber der Beurkundungsbefehl nicht regelmässig
zu bestimmtem Ausdruck gekommen ist, kann auch nicht von
scharfer Scheidung zwischen ihm und dem in der Corrobora-
tionsformel enthaltenen Befehl die Rede sein. Kurz die Männer
des neunten Jahrhunderts, deren Auffassung und Behandlung
der Dinge ich hier zu ergründen suche, haben schwerlich so
strict wie es später geschehen ist die eine iussio regis von der
anderen gesondert. Damit verträgt sich wohl, dass dann und
wann auch damals schon eine Kanzleiausfertigung, wie noch
wir aus allerlei Merkmalen entnehmen können, allmählich ent-
standen ist, mag dabei lediglich unberechenbarer Zufall ge-
waltet haben oder mag unter Umständen nach Ueberlegang
und mit Absicht Schritt für Schritt vorgegangen worden sein.
Als Ausnahmsfall der letzteren Art betrachte ich noch immer
den oft besprochenen Fall vom Jahre 854: die Entstehung der
Urkunde, durch welche Ludwig der Deutsche den alten Streit
zwischen Konstanz und S. Gallen zu schlichten suchte. ^
Kehren wir nun zu den ältesten fränkischen Königs-
urkunden zurück, so finden wir den einen die ganze Beurkun-
dung umfassenden Befehl wenigstens in einem Theile der Di-
plome erwähnt, jedoch nicht, wie ich schon sagte, im Context,
sondern in der einen Formel des Schlussprotokolls. Die Refe-
rendare sagen nämlich entweder: N. iussus obtulit, oder:
N. iussus recognovit ^ und ihrem Beispiele folgen auch noch
mehrere Notare Pippins. * Dies iussus bezieht sich nicht auf
1 Hier begnüge ich mich einige spStere Beiapiele von Fassungen ohne
Beorknndungsbefehl anzufahren : Ludwig der Deutsche Böhmer Reg. Kar.
72ö, 727, 732, 792, 801, 848, 858; Karl III. B. 950, 955, 992, 999;
Arnulf B. 1051, 1052.
> Böhmer Reg. Kar. 771 und dazu Ficker 2, 23.
3 Jenes in DD. Merov. n» 38, 47, 67, 67, 71 u. s. w., dieses in n«» 61,
70, 77. — Es wird also erst um das Jahr 700 häufiger des Befehls zu
gedenken.
« Acta Karol. 1, 93. Vgl. P. 3, 8, 9, 11, 15, 16.
Beitrt«« SV Diplomaük YII. 685
die Recognition allein, mit der das Präcept perfect wird, son*
dern auf das ganze von der Kanzlei auf Geheiss des Königs
besorgte Geschäft. Das wird ersichtlich aus den mit der Zeit
häufiger werdenden tironischen Noten. In Merovingerdiplomen
nur spärlich gebraucht; besagen sie allerdings meist nicht mehr
als was zuvor schon in der gewöhnlichen Buchstabenschrift
bemerkt ist. Aber in der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts
werden die Zusätze in Noten nicht allein häufiger, sondern
auch ausführlicher, gehen in allerlei Details der geschäftlichen
Behandlung ein und bieten uns insbesondere Aufschlüsse über
die Befehle und über die Recognition. Ich stelle deshalb die
betreffenden Angaben hier so vollständig als mir möglich ist
zusammen. ^
Wo ausdrücklich der Befehle Erwähnung geschieht, werden
unterschiedslos die Worte iubere, praecipere, ordinäre gebraucht.
Befohlen wird :,fieri (preceptum) in K. 182, L. 319, 322, 348, 372,
380; scribere in L. 83, 150, 196, 245, 253, 304; recognoscere
in K. 39, 48, 60, 68, 108, L. 165, 178; firmare in L. 179, 267;
sigillare in K. 70, L. 165; fieri et firmare in L. 348; scribere
et firmare in L. 172, 312, 315, 366; scribere et sigillare in
K. 63. Ich bemerke dazu, dass es nicht allein nur gewisse
Urkundenschreiber sind, welche dergleichen erwähnen, sondern
dass auch so ziemlich ein jeder sich in seiner Weise ausdrückt.
Spricht dieser Umstand bereits dafür, dass eine genauere Unter-
scheidung etwa zwischen fieri und firmare damals nicht beab-
sichtigt worden ist, so noch mehr die Erwägung, dass die
weitaus vorherrschenden Worte fieri,' scribere, recognoscere
in diesem Zusammenhange als synonym erscheinen, oder dass
sie sich, indem sie stets von dem zuletzt thätigen Schreiber
gebraucht werden, auf das gesammte Schreibgeschäft mit Ein-
schluss der Unterfertigung beziehen. Andererseits will ich
^ Seit Veröffentlichung der Acta Karolinorum habe ich noch mehrere mir
früher unbekannt oder unzugKnglich gebliebene Originale einsehen können,
wodurch sich mein Vorrath an Bemerkungen in tironischen Noten ver-
mehrt hat. Die Untersuchungen Ficker*s haben mich dann veranlasst,
diese Notizen wiederholt und nach neuen Gesichtspunkten zu prüfen.
Soweit sie sich auf die oben erörterten Fragen beziehen, theile ich hier
die Ergebnisse mit. Ergebnisse anderer Art wie bezüglich der Ambascia-
toren, Dictatoren und dergleichen werde ich an anderm Orte verwerthen.
686 Sickel.
■
nicht in Abrede stellen, dass in^den tironischen Bemerkung^en
ebenso wie in den Dictaten für die Contexte unter Umständea
die- zwei Hauptphasen der Beurkundung^ nämlich Anfertigung
und Vollziehung der Präcepte, auseinander gehalten werden;
einen Beleg dafür werde ich noch beizubringen haben.
Für meine Zwecke ist es wichtiger, diese Vermerke noch
von anderen Gesichtspunkten aus zu betrachten. Von wem
und wem sind die betreffenden Befehle ertheilt worden? Das
letzte wird nicht ausdrücklich gesagt. Aber überwiegend finden
sich diese Angaben im Becognitionszeichen und in Verbindung
mit der in Noten wiederholten Erklärung des Recognoscenten :
sie stammen also von ihm und was sie melden bezieht, sich
auf ihn. Erst seit Ludwig dem Frommen kommt der Brauch
auf, etwa auch an die Buchstabenschrift der Corroborations-
forme! tironische Noten anzureihen. Da nun damals zumeist
Grossator und Recognoscent identisch sind, werden wir dem
letztern auch diese Zusätze beilegen dürfen, zumal wenn die
Noten an der einen und an der andern Stelle den gleichen
Schriftcharakter zeigen. Kurz in allen von mir bisher geprüften
Karolingerdiplomen betrachte ich den Recognoscenten auch den
Noten nach als iussus, wie in Merovingerdiplomen vielfach
in Buchstaben ausgeschrieben steht und wie uns gleiches
in Diplomen der späteren italienischen oder westfränkischen
Herrscher (s. S. 692) begegnet.
Es fragt sich zweitens, von wem die Befehle ausgingen
und ob sie den Recognoscenten unmittelbar oder mittelbar zu-
gingen. Unter Karl herrscht vor, dass nur seine directe Weisung
erwähnt wird. Doch wird vereinzelt auch eine Mittelsperson
genannt: es heisst z. B. in der alten Copie von K. 108: ordi-
nante domno rege per . . . ' Und dem recognoscirenden Notar
1 Von diesem Namen lassen sich nur die Endsilben virtum mit Sicherheit
entziffern (Kopp Palaeogr. crit. 1, 384). Ebenso vermag ich aus K. 63
nur 'die letzten Noten aufzulösen: ordinante (oder ordinavit) scribere et
sigUIare, nicht die erste die den Namen. birgt; doch passt diese Note
weder zu rex noch zu Karolus und der Kanzler Rado kann deshalb
nicht gemeint sein, da er sich in gewöhnlicher und in tironischer Schrift
als Recognoscent und als iussus bezeichnet. — Obigem Vermerk will ich
gleich hier einen analogen aus dem Registrum B'riderici 11 zur Seite
stellen: mandante d. imperatore per Petrum de Yinea.
Beiträge sur Diplomaiik YII. 687
wurde des Königs Befehl wohl am häufigsten durch den Kanzler
überbracht: das wird z. B. in K. 68 ausgedrückt mit Optatus
invicem Radoni ordinantis recognovi^ oder in dem von Wigbald
unterfertigten K. 70 mit Rado praecepit sigillare. In Hinblick
auf die verschiedenen Recognitionsarten um 900 constatire ich
noch ausdrücklich, dass schon unter Karl die Notare bald auf
unmittelbares Geheiss des Königs, bald auf dessen durch den
Kanzler oder auch durch andere Personen überbrachte Weisung
fungiren, und dass desgleichen die Kanzler auf directen oder
indirecten Befehl des Königs Urkunden. Ferner tritt der Notar
an des Kanzlers Statt auch in dessen Anwesenheit: so wenn
der Kanzler den Befehl überbringt oder wenn er an einem
der Acte der Beurkundung in Person betheiligt erscheint, wie
in dem schon citirten K. 70 oder wie in K. 84, 87, 88, welche
von Widolaicus advicem Radoni unterfertigt sind mit dem tiro-
nischen Vermerk: Rado obtulit regi.
An Rado praecepit sigillare in K. 70 knüpfe ich noch-
mals an. Möglicher Weise hat an anderer Stelle dieses etwas
beschädigten Diploms, nur uns nicht mehr sichtbar, gestanden :
ordinante domno rege. Aber auch wenn dem nicht so war,
wird Niemand annehmen wollen, dass Rado in diesem Falle
ohne Wissen seines Königs gehandelt habe: es wird eben nur
die Erwähnung des Königs unterblieben sein. Das werden wir
dann gleichfalls gelten lassen müssen für die Beurtheilung des
Sachverhalts, wie ich ihn für die Zeit Ludwigs bereits er-
schöpfend dargelegt habe ; ^ indem dieser Fürst mehr und mehr
unselbständig und lässig wurde, hat er auch nur noch selten
den Ausführungsorganen directe Befehle ertheilt, wird aber
trotzdem Kenntniss von den in seinem Namen erlassenen
Praecepten gehabt haben. Bezeichnend für Ludwig bleibt
trotzdem, dass in seinen Urkunden so oft Ambasciatoren und
überdies diese und jene Weisungen ertheilende Personen ge-
nannt werden. So erfahren wir auch aus seinen Diplomen
häufiger als aus denen Karls dass, wie die Befehle zweitheilig
sein und sich etwa auf scribere und auf firmare beziehen
konnten, sie auch von verschiedenen Personen ausgegangen
sind. So heisst es in L. 165: Gund^lfus . . . iubente domno
1 Acta Karol. 1, 94; dazn Simson Ludwig der Fromme 1, 44.
688 Sickel.
nostro subscripsi, dann nach Aufführung der Ambasciatoren :
magister (d. i. Fridugisus) sigillari iussit. Oder es handelt sich
auch um Wiederholung der Befehle durch verschiedene Männer,
wie in Ij. 348 von Daniel unterfeiligt : Adalaardus siniscalcus
ambasciavit et fieri iussit, Hirminmaris iieri et firmare iusait,
oder in dem von Bartholomeus recognoscirten L. 366: magister
Hugo scribere et firmare praecepit, Hirminmaris dictavit et
scribere iussit et firmare rogavit. Damit habe ich zugleich die
Beispiele angeführt^ welche am meisten für complicirtere and
insofern auch mehr Zeit erfordernde Geschäftsführung zeugen.
Da sie jedoch ziemlich vereinzelt dastehen und sich auch aus
den Zuständen am Hofe Ludwigs genügend erklären^ berech-
tigen sie noch nicht zur Annahme, dass die Beurkundung
regelmässig gleich abgetheilte Stadien durchlaufen habe.
Als besondere Gruppe trage ich die gleichartigen Notizen
aus den Diplomen Ludwig des Deutschen erst hier nach. ^ In
ihnen ist nämlich nur noch von fieri oder scribere die Rede,
so dass sicher das ganze Geschäft der Beurkundung als ein-
heitlich aufgefasst worden ist. In der ersten Periode heisst es
bald: ipse domnus rex fieri (scribere) iussit, bald: magister
(eventuell Radleicus) fieri (scribere) iussit; in der zweiten ge-
wöhnlich: domnus rex sapientissimus fieri iussit et magister
Radleicus (später Grimaldus abbas) scribere praecepit. Die
Verschiedenheit des Ausdrucks begründet jedoch kaum einen
sachlichen Unterschied. Die beiden ersten Formeln wendet
nämlich der erste Notar Ludwigs Adalleodus an, während sein
Nachfolger Comeatus sich die dritte angewöhnt hatte. Beiden
ist die Berufung auf einen Befehl gemein, gleichgültig ob dieser
direct vom Könige ertheilt worden war oder indirect durch
den Magister. Dass diese Erwähnungen in demselben Jahre
aufhören, in dem die Kanzlei dem Erzkapellan unterstellt
wird, ist lediglich Zufall. Noch in dem ersten Diplom, das
den letzteren in der Recognition erwähnt (Böhmer RK. 771),
wird von Comeatus in Noten hinzugefügt: d. Ludowicus rex
fieri iussit et Grimaldus abbas scribere praecepit ^ Von diesem
1 Von 33 Originalen bis zum Jahre 854, die ich bisher geproft babe^
tragen 17 solche Bemerkungen.
2 Es ist dieselbe Urkunde, über deren Entstehung Ratpert in M. G. SS. 2, 69
so ausführlich berichtet Sagt er dabei: tunc demnm (rex) caneelULrio
Beifcrig« tut Diplomatie VII. 689
Notar liegt dann nur nocli ein Original aus dem Jahre 858
vor, ^ und seine Amtsgenossen und Nachfolger verstanden sich
zu wenig auf die Notenschrift^ um noch derartige Bemerkungen
in ihr zu bieten.^
Ist damit der Zusammenhang der iussio regis mit der
recognitio erwiesen, so erklärt sich dieser auch durch die
Rolle, welche dem königlichen Präcept zufiel, falls es etwa
als Beweismittel dienen sollte. Wir gehen dabei am fiiglichsten
von den Bestimmungen der Lex Rib. LVIII (de tabulariis)
auB, welche betreffs gewisser bischöflicher Urkunden verfugt:
episcopus archidiaconum iubeat, ut ei (tabulario) tabulas . . .
scribat .... quod si quis tabuias episcoporum manibus seu
clericorum roboratas inrumpere voluerit, tunc archidiaconus
com testibus qui tabulas roboraverunt ante episcopum vel regem
accedat, ut testes quod sciunt dicant. ^ Bei Schelte der Frei-
lassungsurkunde hat der Archidiaconus, welcher damals Kanzler
des Bischofs ist und als solcher auf Specialbefehl die Urkunde
geschrieben hat, in erster Linie als wissender Zeuge Ge währ-
schaft für die Handlung und für die Beurkundung zu leisten.
Von solchem Verfahren kann allerdings bei der unanfechtbaren
Königsurkunde nicht die Rede sein. Aber eben um dieser
Eigenschaft willen muss sie als wirklich vom König herrührend
praecepit in leg^itimis cartis conscfibere praefati pacti confirmationem,
so dringt sich die Frage auf, ob er mit cancellarias den damaligen Kanzler
Baldricns oder dessen Vorgesetzten Grimoldus bezeichnen will. Da die Noten
anch von Grimold aussagen dass er zu schreiben befohlen habe, sollte man
wohl an B. denken. Aber Verlass darauf ist doch nicht.
1 Nr. 71 der Liste in den Beiträgen der Diplomatik 2, 170. Ich habe
mich seitdem überzeugt, dass das Stück von Comeatus selbst unterfertigt
ist, aber er fügte nur wenige tironische Noten bei.
^ Obgleich der Noten noch kundig, haben die ersten Notare Lothars der
Befehle nicht Erwähnung gethan. Es geschieht das erst und auch nur
vereinzelt von Seiten des Ercamboldus und des Hrodmundus, welche
Lothar in seinen letzten Jahren und dann auch Lothar II. dienten. Beide
berufen sich bald auf des Herrschers, bald auf des Meisters Weisung;
dazu kommt in B. 697 : ipse sigillator iussit Es wird befohlen fieri oder
firmare oder beides. Ganz das gleiche Ergebniss bieten die mir be-
kannten Originale des westfriinkischen Karl. *
' Erläutert von Brunner Schwurgerichte 64 und von Sohms Frank. R. Verf.
1, 62. Auf die Differenz zwischen Brunner und LÖning Ursprung der
Strafklauseln 47 kommt es hier nicht an.
690 Sickel.
durch Handmal, Siegel und Kecognition befestigt sein. Und
die Recognition fallt dabei besonders ins Gewicht, denn die
Unanfechtbarkeit bezog sich nur auf die Wahrheit des Inhalts
und neben ihr bestand die Anfechtbarkeit der Echtheit des
Diploms, welche vorkommenden Falls eben vom Recognoscenten
zu erweisen war. * So führt uns auch diese Betrachtung darauf
zurück, dass der Kanzler mit seiner Unterschrift für die Aus-
führung des königlichen Befehls überhaupt und in entsprechen-
der Form bürgen sollte.^
Der Kanzler war dazu auch Manns genug : als Vollfreier
vermochte er die Sache gegen jedermann zu verfechten. Zn
seinen persönlichen Eigenschaften wird aber noch die ihm vom
König übertragene Amtsbefugniss hinzugekommen sein. Aller-
dings liegt ein Bestallungsbrief der Art aus alter Zeit nicht
vor. 3 Aber in erzählenden Quellen wird unzählige Mal die
Ernennung von Kanzlern durch die Könige berichtet. ^ Anders
steht es mit den Männern, die bis 854, um zunächst bei diesem
einfachen Verhältnisse zu verweilen, advicem cancellarii unter-
fertigen. Wir sahen, dass viele derselben minderen Standes
waren. Ueberdies erscheinen sie nicht so sehr als Notare
des Königs oder als Beamte der Kanzlei, denn als Schreiber
im Dienste des jeweiligen Kanzlers: mochte der ihnen ein
sehr weit gehendes Vertrauen schenken, so hatten sie deshalb
noch kein Anrecht auf aller Welt Vertrauen. Darum müssen
die Notare, mögen sie im einzelnen Falle vom Kanzler selbst
Auftrag erhalten haben oder nicht, regelmässig advicem can-
cellarii recognosciren und so muss der Kanzler für alle an
seiner Statt unterschriebenen Urkunden haften. Zu der dem
Kanzler übertragenen, eventuell- aber von seinem Stellvertreter
ausgeübten Amtsbefugniss kommt nun in jedem Einzelfalle der
1 Bninner Zeugenbeweis in Wiener S. 6. 51, 384; daza AcU Karol. 1, 322.
2^ So auch Ficker Beitr. 2, 161. Inwiefern dabei auch die Prüfung der
Urkunde ala Erforderniss galt, werde ich bei anderer Qelegenheit erörtern.
3 Dergleichen Docnmente haben sich überhaupt nicht erhalten. Dafür
jedoch, dass Ernennungen zu Aemtern und Ehrenstellen durch den Konig
schriftlich erfolgt sind, zeugen die Formeln Marculfs bei Bozi^ n* 7
(carta de ducato etc.) und n'^ 8 (de regibus antrastionem).
* Einige Belegstellen in Acta Karol. 1, 92, weitere in Waitz Verf. Ge-
schichte 2, 409-411; 6, 279—290. — Auch an die S. 659 erwähnte
Titulatur regiae dignitatis cancellarins ist dabei zn erinnern.
Bttitrige inr DiploniAtik TU. 691
besondere Beurkundungsbefehl hinzu^ so dass der Recognoscent
kraft seines Amtes oder seiner Stellung und Kraft Bpeciellen
Mandats sein Geschäft versieht. Er übernahm damit sowohl
dem Könige aU dem Empfänger gegenüber die Verantwortung
dafür, dass er dem ihm ertheilten Befehle in rechter Weise
nachgekommen war. Wenn er, was in seinem Belieben stand,
ausdrücklich anführte, dass ihm die Weisung des Königs so
oder so zugegangen war, so mochte ihm das vorkommenden
Falles zur Deckung dienen.
Ich betone nochmals, dass solche Vermerke in tironischen
Noten auch bis 854 durchaus nicht in allen Diplomen begegnen,
sondern dass da stets nur die Gewohnheit des Recognoscenten
den Ausschlag gegeben hat. Uelisachar z. B. beruft sich nicht
ein Mal auf den Befehl seines Herrn. Danach haben wir es
auch zu beurtheilen, dass seit 854 diese Zusätze für immer
aus den Präcepten der deutschen Könige verschwinden. Der
Brauch hörte auf, ohne dass die Verhältnisse andere geworden
waren. Allerdings traten, da der Erzkapellan oberster Chef
der Kanzlei wurde, zunächst aber das Kanzleramt noch besetzt
blieb, eventuell zwei Mittelpersonen zwischen den König und
den recognoscirenden Notar. Das fanden wir jedoch ebenso
bereits unter den Vorgängern, besonders in L. 348 und 366.
Und weder an der Haftbarkeit des Notars noch an seinem
Interesse sich auf seinen Gewährsmann zu berufen, war damit
etwas geändert. Dasselbe gilt aber auch von der Zeit, in der
weitere Neuerungen Platz griffen, wie die, dass nicht mehr die
autographe Unterschrift des Recognoscenten erfordert wurde
und dass in Folge davon im weitern Verlaufe drei Recognitions-
arten neben einander aufkamen. Beurkundungsbefehl und Re-
Cognition und auch der Zusammenhang zwischen beiden haben
nach wie vor bestanden.
Auffallen muss es freilich, dass es in Deutschland ganz
von der Erwähnung des Befehls durch die Recognoscenteu in
den Diplomen abgekommen ist, zumal wenn man erwägt, dass
man bei mangelnder Kenntniss der Notenschrift zu gewöhn-
licher Schrift seine Zuflucht nehmen konnte. War doch dieser,
wie wir S. 684 sahen, alte Brauch mit gewissen Modificationen
in der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts in den andern
Karolingerreichen wieder aufgenommen worden.
SittoDgBber. d. pbil.-hUt. Cl. XCIII. Bd. lY. Hft 46
692 8ick«l.
Unter Kaiser Ludwig II. hatte sich die Kanzlei allmähtich
aufgelöst. Die Recognition in Stellvertretung hörte fast ganz
auf, da es keine Kanzler gab. Es unterfertigten Hofkapellane
oder beliebige Notare. Da wurde schliesslich das advicem illius
ziemlich regelmässig durch die wenigstens auf das Special-
mandat hinweisenden Worte : iussu imperatoris ersetzt. * Ans
den Urkunden der späteren Beherrscher Italiens hebe ich noch
hervor, dass unter Wido bei verhältnissmässig geregelter Kanzlei
wieder häufig des Befehls gedacht wird^, und dass unter Be-
rengar und seinen Nachfolgern von gewissen Recognoscenten
oft statt auf die Stellvertretung auf die iussio regis hingewiesen
wird. Dazu fäge ich noch ein lehrreiches Beispiel aus den
Diplomen Karlomanns von Westfrancien. Auf eine Reihe von
Präcepten mit der Recognition: Norbertus notarius advicem
Vulfardi rec. et subscr. folgt ein Präcept, ^ das unterfertigt ist:
Norbertus notarius post obitum magistri sui Vulfardi iussione
regis Karlomanni rec. et subscripsi. Hier scheint die Regel
gewesen zu sein, dass der Kanzler dem Notar den Befehl des
Königs übermittelte, was aber als regulär nicht bemerkt worden
ist, während nach dem Tode des Kanzlers die Berufung auf
den directen Befehl des Königs fUr nothwendig erachtet wurde.
Mag man nun im ostfränkischen Reiche auf diese Ge-
pflogenheiten bei den Nachbarn gar nicht geachtet oder mag
man Anstand genommen haben, an der herkömmlichen eigent-
lichen Subscriptionsformel Aenderungen vorzunehmen : der Hin-
weis auf die iussio regis ist hier entfallen.^ Sicher bekundet
das ebenso wie das Aufgeben der Unterschrift manu propria
ein Nachlassen in der strengen Auffassung und Handhabung
der Recognition. Aber damit ist noch keineswegs ausgeschlossen,
dass der schlechtweg genannte Recognoscent doch, abgesehen
von einzelnen Fällen, thatsächlich die Weisung des Königs
1 Siehe Böhmer RK. 668 seqq.
3 Böhmer RK. 1277: Rimpertus advicem Helbanchi archicaneellarii inbente
domno imperatore Widone recognoyi et subecripai; B. 1278: Helbuncus
archicancellarins iubente d. Widone imperatore recognovi et sabscripai.
' Forschungen 9, 431.
* Ich habe mir nur eine Ausnahme vermerkt: das Diplom Karlomanns
Böhmer RK. 873 für einen Geistlichen aus Parma ist unterfertigt von
Baldo cancellarius iussu regis, statt des sonst damals gebritachtichen B.
c. advicem Theotmari archicapellani.
Beitrige ziur Diplomatik VII. 693
erhalten hat und für deren Ausführung hat haften sollen, ^ noch
dass die einfache Namhaftmachung des Recognoscenten zumal
mit Zuhilfenahme anderer Mittel hinreichende Bürgschaft darbot.
Und so liefert uns der durch die einstigen tironischen Zusätze
belegte Zusammenhang zwischen dem Beurkundungsbefehl und
der Recognition auch den Schlüssel zu dem später vorkommen-
den Wechsel zwischen den Arten der Recognition, die ich
zuvor mit N. advicem A., C. adv. A., N. adv. C. bezeichnet
habe. Den Erzkapellan, welcher seit 854 in Betracht kommt,
haben wir uns nicht als ständigen Begleiter des Königs zu
denken, also auch nicht als regelmässig bei der Erledigung
der Geschäfte betheiligt. In den meisten Fällen wird der König
seine Befehle dem in seinem Gefolge weilenden Kanzler oder
dessen Notaren ertheilt haben. Geschah das letztere, so wurde
unterfertigt N. advicem A., da einerseits der Kanzler umgangen
war und andererseits der speciell beauftragte Notar nach altem
Herkommen nur als Stellvertreter und zwar hier als der des
Erzkapellans fungiren konnte. Wurde dagegen der Kanzler mit
der Beurkundung betraut, so konnte, so lange eigenhändige
Unterschrift verlangt, vom Kanzler aber nicht beliebt wurde,
nur der von ihm delegirte Notar nach der Formel N. adv. C.
unterzeichnen. Dagegen ergaben sich, seitdem die Kanzler sich
wieder an der Recognition betheiligten, ohne subscribiren zu
müssen, zwei Möglichkeiten : der Kanzler besorgte das Geschäft
in eigener Person oder er Hess es durch einen seiner Notare
verrichten. In jenem Falle hiess es zwar nicht mehr wie einst:
cancellarius recognovi, sondern da sich die Stellvertretung ganz
eingebürgert hatte: C. adv. A.; in diesem Falle berief sich
der Notar mit N. adv. C. auf seinen Auftraggeber.^
» Ficker 2, 168.
^ Vom ErzkapeUan mttsflen wir natürlich znr Zeit Karl des Grossen absehen.
Im fibrigen entspricht N. adv. A. der Recognition von K. 60: in Bach-
staben Wigbaldus advicem Radonis (der hier statt des erst später ein-
tretenden Erzkapellans . genannt wird) und in Noten domno rege ordi-
nante Wigbaldns recognovi. N. adv. C. = Optatas invioem Radoni'
ordinantis recognovi in K. 68. Endlich C. adv. A. = K. 63 von Rado
recogpioscirt, der als Kanzler damals keinen Vorgesetzten Über sich hat,
den Befehl des Königs aber, wie S. 686, Anm. 1 bemerkt, durch N. erhält.
— Als Beispiel der Uebertragnng der Recognition vom Kanzler auf den
Notar auch in älterer Zeit führe ich noch K. 75 (Wigbaldus advicem
4Ö*
694 Bickel.
War aber in der Weise bei vollständiger Beeetzang der
Kanzleistellen, wie sie unter Arnulf sicher beglaubigt ist, die
Vollziebung auf Specialbefehl geregelt, so ergaben sich auch
vacante cancellaria oder als unter Karl in. der Erzkapellan
ausser Beziehung zur Kanzlei stand, die einzelnen Modalitäten
des Vorgangs und die entsprechenden Formeln. In den Jahren
860 — 876 konnte (s. S. 661) nur N. advicem A. unterfertigt wer-
den, mochte der Notar vom König oder vom Erzkapellan Ordre
erhalten haben. Dass unter Karl III. durch viele Jahre hin-
durch ausschliesslich N. adv. C. oder genauer N. adv. Lint-
wardi archicancellarii vorkommt, besagt, dass die Notare nur
dem Könige oder Liutward zu gehorchen hatten. *
Badoni) an, von g^leichem Ta^ wie das yon Rado selbst nnteifMti^
E. 76. Ebenso verbalten sich zu einander Diplom Otto I. yom 7. April
940 (Notker not. advicem Popponia archicancellarii) und D. vom 8. April
(Poppo canc. adv. Friderici archicancellarii).
^ Hier will ich nachtragen, dass aus der Zeit, da Liutward Erzkanzler
War, eine einsige Urkunde mit anderer Recognition bekannt ist. Es ist
Böhmer RK. 918 unterfertigt: Qaidulfns diaconus advieem Eransti
cancellarii. Ehe ich eine Erkl&rnng zu geben versuche, muss ich die
von dem neuesten Herausgeber der Urkunde, Porro im Cod. dipL
Longob. 1, 501 n^ 295 der Urkunde gegebene Deutung zurückweisen,
die man etwa auch für die absonderliche Recognition geltend machen
könnte. Porro meint nftmlich, dass in B. 918 vom 30. M&rz 880 nur
bezüglich einer der Besitzungen, welche am 21. MSrz in B. 915 be>
stfitigt waren, ein Specialmandat ertheilt worden sei. Dem ist aber
nicht 80. B. 915 spricht nur von casales II, unum in Meliniaco, altemm
in villa que dicitur Clepiate, wfihrend in B. 918 alles geschenkt wird in
Meliniaco et in villa Clepiate quae pertinent de comitatu Mediolanensi.
B. 918 ist somit durchaus neues PrKcept. Die Form der Recognition ist
auch nur für diese Zeit auffallend. Unter den früheren Herrschern war sie
geradezu die gewöhnliche, und auch in den Anfängen Karls begegnet sie
ein Mal (S. 665). Was Emustus anbetrifft, so wird er, der spKter zum
Kanzler emporstieg (s. 8. 669), die für dies A(nt geforderten persönlichen
Eigenschaften besessen haben. Mag nun gerade Liutward nicht leicht
eine Function, die er aus guten Gründen sich vorbehalten hatte, durch
einen Untergebenen haben ausüben lassen, so wird doch auch er besonderen
Umstünden, wie sie gerade auf einem Römersuge eintreten mochten, ein
Mal Rechnung getragen haben. Kurz ich glaube, dass diese Recognition
nicht zu beanstanden ist (wahrscheinlich ihretwegen hat Dümmler 2, 111,
Anm. 75 die Urkunde bemängelt) und dass die eine Ausnahme aach
nicht umstösst, was ich früher von Liutwards Regiment gesagt habe.
Baitrige mr Diplonatik YII. 695
Indem ich die Geschichte der Kanzlei wieder aufnehme,
beschränke ich mich nicht wie im ersten Abschnitt auf
Feststellung des Personal Status und der Gliederung, sondern
suche zugleich darzulegen, wie je nach der Besetzung der
Stellen und je nach dem Charakter des Kegiments und der
massgebenden Persönlichkeiten die Recognition gehandhabt
worden ist.
Unter Ludwig IV. tritt zum ersten Male bei einem deut-
schen Könige ein, dass eine zweitheilige Kanzlei nothwendig
wurde. Die Kegenten des unmündigen Königs fanden nämlich
in Lothringen Verhältnisse vor, denen Rechnung getragen
werden musste. Bei der Einsetzung Zwentibolds zum König
von Lothringen im Jahre 895 wurde auch dort die Kanzlei
nach ostfränkischem Muster gestaltet, aber mit Landesange-
hörigen besetzt. Der Erzkapellan Hermann von Köln erscheint,
indem zum Theil an seiner Statt recognoscirt wird, als oberster
Chef der Kanzlei. Unter ihm stand der Trierer Erzbischof
Ratbod mit dem Titel archicancellarius. Abgesehen von Böhmer
RK. 1161, welches Egilbertus als cancellarius unterfertigt,
f&hren die Recognoscenten nur den Notartitel. Diese lothrin-
gische Kanzlei blieb nun bestehen, als die Grossen von Zwen-
tibold abfielen und Ludwig huldigten. Nur das verdient Be-
achtung, dass unter Ludwig nicht ein Diplom mehr advicem
Herimanni archicapellani unterzeichnet wird und dass ihm auch
in dem einzigen ihn erwähnenden Diplom (Böhmer RK. 1218)
dieser Titel nicht mehr beigelegt wird. Es spricht auch das
wieder dafür, dass das Erzkapellanat damals als untheilbar
gedacht wurde (s. S. 667). Dennoch wurden drei Abstufungen
für das Personal beibehalten. Obenan steht Ratpod von Trier
als Erzkanzler, an dessen Statt regelmässig recognoscirt wurde.
Ihm zunächst untergeordnet sind Suitgarius und Ernuldus als
Kanzler, dann Albricus und Theodulphus als Notare. > Die
* Suitgarias nar in Böhmer RK. 1186; Ernuldus (und nicht, wie Dümmler
2, 557 Anm. 38 angibt, Emustus) am 26. October 907 und in B. 1218;
Albricus am 22. Mfirz 900 und in B. 1178; Theodnlphus vom 9. October
902 bis 15. October 910 (B. 1188—1231). Obgleich die Recognition
N. ady. C. nicht vorkommt (wovon später), erscheinen die erstgenannten
als Kansler, Albricus und Theodulphus dagegen als ihnen suborclinirte
Notare. ~ Vgl. Beitr. zur Dipl. 6, 378.
696 Bickel.
ZweitheiluDg der Kanzlei ist hier bis zu den Notaren und bis
zu den namenlosen Schreibern durchgeführt, was nicht zu allen
Zeiten der Fall gewesen ist.
Die deutsche Kanzlei Ludwigs blieb so wie unter seinem
Vater organisirt Nach dem Tode Theotmars iron Salzburg trat
sein Nachfolger dort Piligrim auch das Amt des Erzkapellans
an. Die sämmtlichen Diplome bieten: advicem Theotmari (dann
Piligrimi) archicappellani. Dass ersterer im Originalpräcept
vom 3. August 904 Erzkanzler heisst, bezeichnete ich schon
zuvor (S. 667) als vereinzelte und irrelevante Ausnahme. Unter
dem recognoscirenden Personal finden wir die schon unter
Arnulf dienenden Engilpero (bis zum 17. Juni 907) und Er-
nustus (bis zum 5. October 908), ferner Salomon, der schon
unter Karl III. in der Kanzlei diente, seit 20. Januar 909
(Böhmer RK. 1225), endlich als neues Mitglied der Kanzlei
Odalfridus seit Böhmer RK. 1217. Es ist mit Hinblick auf
die Gestaltung der Verhältnisse unter Konrad nothwendig,
die Rangordnung unter diesen vier Männern möglichst genau
festzustellen.
Von Engilpero berichtete ich schon (S. 673), daas er nur
in zwei in gleichem Chartular überlieferten und daher wohl
kaum massgebenden Stücken Kanzler heisst, also nach der
regelmässigen Titulatur und nach der Stellung in den Recog-
nitionen der Arnulfinischen Diplome als Notar betrachtet wer-
den muss. Nun lässt sich allerdings seit 900 die Subscriptions-
form: Engilpero advicem cancellarii nicht mehr nachweisen.
Aber das nöthigt noch nicht zu der Folgerung, dass Engilpero
selbst zum wirklichen Kanzler aufgestiegen sei, sondern lässt
noch andere Erklärungen zu. Cancellario nullo entfiel die For-
mel N. advicem C. Und andererseits wenn der Kanzlerposten
besetzt war, so trat diese Formel in demselben Grade in den
Hintergrund, als der Kanzler sich persönlich an den Geschäften
betheiligte oder doch betheiligt erscheinen wollte. Das eine
oder das andere ist nun in den ersten Jahren Ludwig IV. der
Fall gewesen und es liegt somit kein zwingender Grund vor,
für Engilpero ein Avancement anzunehmen.
Nicht so sicher lässt sich die Stellung des Ernustus unter
Ludwig definiren. Die Urkunden dieses Königs, eine einzige
B«itrftge sur Diplomatik YII. 697
auBgenommen, > bezeichnen ihn als Kanzler^ so dass er mög-
licher Weise wirklicher Kanzler geworden und als solcher dem
Engilpero vorgesetzt war. Das könnte dann auch über die
Stellung von Odalfridus und Salomon Aufschi uss geben. Für
jenen ist unter Ludwig das eine Mal cancellarius und das
andere Mal notarius gebraucht. Von den später in seinem
Namen unterfertigten Diplomen Eonrads bezeichnen ihn drei
als notarius und zwei als cancellarius. Indem er zum Bischof
von Eichstädt erhoben worden ist, ist nicht zu bezweifeln,
dass er die Eigenschaften besessen haben wird, die von einem
wirklichen Kanzler gefordert wurden. Salomon endlich recog-
noscirt unter Ludwig IV. acht Stücke regelmässig als Kanzler
und weiter unter Konrad eine Reihe von Präcepten, in denen
er wiederum, nur einen Fall ausgenommen,^ so heisst. Dass
er, der schon Bischof von Konstanz und bei Hofe angesehen
war, wirklicher Kanzler gewesen ist, steht fest. Somit liegt
die Sache fUr die Regierungszeit Ludwigs und noch mehr fiir
die Konrads, in welcher die Urkunden mit der Unterfeitigung
Salomons und die mit der Udalfrids miteinander abwechseln,
80 dass wir entweder, was unerhört ist, zwei wirkliche Kanzler
zu gleicher Zeit erhalten oder dass wir dem Kanzler Salomon
Odalfridus als Notar oder Titularkanzler unterordnen müssen.
Allenfalls lässt sich eine Entscheidung aus den Urkunden
Ludwig IV. gewinnen. Halten wir uns nämlich an die von
Böhmer gebotene Reihenfolge, ^ so würde Odalfridus als
* Original B. 1179 bat Hernustns notarius. Der Name ist somit anders
als sonst geschrieben, so dass wohl auch die abweichende Titulatar auf
Unkenntniss des betreffenden Schreibers hinaaslfiuft.
3 D. Konrads 17, von Dümmler % 616 übersehen. Waitz 6, 277 Anm. 5
Hess sich nur durch diese Urkunde abhalten, sich für die Unterordnung
Udalfrids unter Salomon auszusprechen. — Ich bemerke noch ausdrück-
lich, dass nach Ausweis der Originaldiplome Konrads ein und derselbe
Dictator und Scriptor bei Odalfridus bald diesen bald jenen Titel an-
wendet Desgleichen hat derselbe Schreiber in der Recognition von
DK. 14 Salomon cancellarius und in der yon DK. 17 Salon notarius
gesetzt Dabei kann er im letzten Falle auch nicht durch eine Vor-
urknnde beeinflusst worden sein, da DK. 17 frei stilisirt erscheint.
3 Erg&nzt würde sie lauten: B. 1215« (Mon. Boica 31, 176) vom 17. Juni
907 mit Engilpero notarius, B. 1216 vom 22. October 907 mit Ernustus
cancellarius (folgen Urkunden für Lothringen, die hier nicht in Betracht
kommen), B. 1217 vom 17. December 907 .mit Odalfridus cancellarius,
698 Sickel.
Nachfolger des Engilpero und Salomon als der des Emustus er-
scheinen, womach wir fiiglich Odalfridus wie Engilpero als Notare
und andererseits Salomon wie Ernustus als wirkliche Kanzler
bezeichnen dürfen. Doch ich darf nicht verschweigen^ dass es
fraglich ist, ob Böhmer 1217 mit den chronologischen Merkmalen:
908, ind. 11, anno regni 8 ' zu 907 und nicht vielleicht zu Aus-
gang des Jahres 908 einzureihen ist. Zwar lässt sich auch in
letzterem Falle noch der Wechsel im Kanzleipersonal, so wie
ich es vorschlage, auffassen und es ist nur der in den Zeit-
verhältnissen liegende und fast zwingende Orund entfallen; so
halte ich, bis etwa weitere den Sachverhalt modificirende Momente
bekannt werden, an obiger Lösung der Schwierigkeiten fest. ^
Unter König Konrad ist die Kanzlei folgendermassen be-
setzt. Sein erstes Diplom ist advicem Hathonis archiepiscopi
summique cappellani unterzeichnet. Wie das kam und wie es
sofort davon wieder abkam und dann doch dem Salzburger
Erzbischof die seit 887 von seinem Vorgänger bekleidete
Stelle eines Erzkapellans bis 918 belassen wurde: darüber
lassen sich nur Vermuthungen äussern. Es ist denkbar, dass
Piligrim zur Wahl in Forchheim nicht erschienen war, dass
unbekannt war, wie er sich zu dem neuen König stellen würde,
dass Hatto von Mainz, der alte Freund Konrads, der ihn wahr-
scheinlich auch gesalbt hat, ^ eingedenk der von seinem Vor-
gänger Liutbert zuletzt im Jahre 887 (S. 668) eingenommenen
Stellung für sich selbst diese begehrte, dann aber sofort auf
die Erzkapellanswürde verzichtete, als es galt, den in Baiem
80 einflussreichen Salzburger Erzbischof an die Sache des neuen
Königs au fesseln. War doch überdies durch Salomon als Kanz-
ler die Führung der Oeschäfte im Sinne Hattos gesichert.
B. 1218* (Mon. Boica 31, 178) vom 5. Februar 908 mit Emiuitns cao-
celliiriiu, B. 1220 yom 8. Jnoi, B. 1221 ▼om 9. Juli and B. 1223 Tom
5. October mit derselben Sabscription, B. 1224 vom 7. Januar 909 mit
Odalfridos notariiiBi B. 1225 vom 20. Janoar 909 mit Salomon cancellariiu.
* So nlimlich in Bnat Orig. Boic, welcher ex antographo su schöpfen
behanptet
' Für die hervorragende Stellung, die Salomon einnahm, ISsst sich noch
geltend machen, dass er seit Beginn der Regierung wiederholt als Inter-
venient erscheint (zuerst in Böhmer RK. 1183), wXhrend Ernustus, En-
gilpero und Udalfrid nie interveniren.
> Dflmmler 2, 573, Anm. 6.
Beitr&ge snr Diplomatik ?II. 699
Dass ich Salomön als Kanzler betrachte, sagte ich schon;
dass er gleich vom Anbeginn der neuen Regierung dies Amt
bekleidet; wird durch die Subscription des ersten, unmittelbar
nach der Thronbesteigung Konrads ertheilten Diploms im Namen
des Notars Udalfrid nicht ausgeschlossen. Ich sage mit Ab-
sicht: im Namen des Notars subscribirt; denn seit die Re-
cognoscenten nicht mehr verpflichtet waren, eigenhändig zu
unterfertigen, entschlugen sie sich, sowohl Kanzler als Notare,
mehr und mehr dieser Mühe. Vermochte ich nun noch nicht
festzustellen, wie es die einzelnen Recognoscenten bis zum
Jahre 911 damit gehalten haben, so bin ich fortan Dank der
Prüfung sämmtlicher uns erhaltener Originalausfertigungen in
der Lage, den Thatbestand genau anzugeben und für weitere
Fragen zu verwerthen. *
Von Udalfrid recognoscirt sind K. 1, 6, 7, 9, 10. In
K. 1, 10 wird er cancellarius, sonst notarius betitelt. Seinen
Austritt aus der Kanzlei und seine Erhebung zum Bischof von
Eichstädt werden wir füglich nach dem 23. August 912 (Datum
von K. 10) ansetzen.^ Qleichzeitig mit ihm (K. 2) und dann
bis Ende Konrads wird Salomon als Recognoscent genannt.
Dass nun weder der eine noch der andere eigenhändig unter-
fertigt hat, folgere ich daraus, dass sämmtliche Originalprä-
cepte in den Subscriptionen die Handschrift anderer Männer
aufweisen.
Ehe ich dies ausführe, muss ich von einem Brauche
reden, der wenigstens bis in die Zeit Ludwig J V. zurückreicht. ^
Ziemlich die Hälfte der Diplome lässt erkennen, dass die Voll-
ziehung in mehreren Absätzen erfolgt ist. Zunächst ist nämlich
die notarielle Unterschrift nur so weit sie in Buchstaben ge-
schrieben wurde, d. h. bis recognovi oder recognovit, gesetzt
* leb citire die Diplome Konrad I. and Heinrich I. nach der neuen Aus-
gabe in den Monumenta Germaniae. Was ich dort theils in den Ein-
leitungen, theila in den Vorbemerkungen zu einzelnen Urkunden als die
Hauptergebnisse meiner Untersuchungen mitgetheilt habe, will ich hier
ausführlicher darlegen und begründen, wie denn überhaupt diese und
die folgenden Beiträge einen Commentar zu jener Edition, d. h. sowohl
für den schon erschieneneu Theil wie für die Fortsetzung, bilden sollen.
Wiederholungen sind dabei allerdings unvermeidlich.
2 Dnmmler 2, 615.
3 Kopp Palaeogr. critica 1, 414.
700 Siekel.
worden. In einem zweiten Stadium wurde et und das Re-
cognitionszeichen, beide graphisch verbunden, hinzugefügt;
wahrscheinlich geschah dies im Augenblicke der Besiegelung.
Qanz unverkennbar wird dieser allmähliche Vorgang, wenn wie
in K. 28 das Zeichen nicht auf gleiche Linie mit der in
Buchstaben geschriebenen Formel gesetzt worden ist, oder
wenn verschiedene Tinte angewandt worden ist Damit hängt
des weitern zusammen, dass in K. 9, 28, 29 das signum re-
cognitionis von anderer Hand stammt als die zuvor geschrie-
benen Worte. Natürlich kann das ganze Geschäft auch in
einem Tage versehen worden sein und wird dann regelmässig
von derselben Person, d. h. dem Subscribenten, besorgt worden
sein. Aber in andern Fällen ist, wie gesagt, die Unterfertigung
erst etwas später, wohl gelegentlich der Besiegelung, vervoll-
ständigt worden und da mag, wenn der Subscribent nicht zur
Stelle war, ein anderer Beamter, vielleicht der sigillator, das
Recognitionszeichen nachgetragen haben.
Im allgemeinen sind damals Subscribenten und Ingrossisten
identisch. E. 2 und 12 für St. Qallen sind ^ wahrscheinlich von
zwei dortigen Mönchen geschrieben und unterschrieben. Die
siebzehn übrigen Archetypa vertheilen sich auf drei Schreiber,
die ich, da sie unter dem Kanzler Salomon dienen, SA., SB.,
SC. bezeichne ; den Kamen des ersten, Simon, erfahi*en wir aus
den Diplomen des folgenden Königs. Nur von SC. liegt keine
Subscription vor. Dagegen sind von SA. vollständig unter-
fertigt K. 1, 6—8, 11, 30 und von SB. K. 14—17, 20, 22, 34-36,
Für K. 9 lieferte SB. die Unterschriftszeile, der ältere and
geübtere SA. das ergänzende Zeichen. In K. 28, 29 endlicb
schrieb SB. die Formel, eine andere Hand fügte das signum
hinzu. Bei diesem Schriftbefund bleibt kein Stück, dessen
Unterzeichnung dem Notar und Recognoscenten Udalfrid bei-
gelegt werden könnte. Desgleichen könnte von Salomon höch-
stens das in K. 28 und 29 nachgetragene Zeichen stammen,
was mir jedoch unwahrscheinlich ist, da ich im übrigen gar
keine Spur von Betheiligung des Kanzlers am Schreibgeschäft
entdecken konnte. Folglich sind in dieser Zeit die als Recognos-
centen genannten und die Subscribenten auseinander zu halten.
^ Sickel Kaiserurkunden in der Schweiz 10 — 14.
Beiträge inr Diplonatik TU. 701
Im ersten Jahre Konrads sind nun wie unter Ludwig IV.
nur die zwei Arten der Recognition nachzuweisen: N. (Udal-
frid) ady. A. und C. (Salomon) adv. A. Dass die dritte damals
ausser Brauch kam und auch später nur noch vorübergehend
auftauchte, wird nicht Zufall gewesen sein. Im Hinblick auf
die völlige Ausschliessung der Notare von der Recognition seit
953 muss man geradezu erwarten; dass schon früher die Ten-
denz dahin gegangen ist; Einfluss und Verantworttmg; Ehre und
Nutzen und was sonst noch mit der Recognition verbunden
gewesen sein mag; möglichst den Kanzlern vorzubehalten. Und
wie überhaupt die Erhöhung des Kanzleramtes in umgekehrtem
Verhältniss zu der Bethoiligung an der Arbeit stand; so mochte;
seitdem die Kanzler als iussi nach und nach so ziemlich alle
Obliegenheiten des Recognoscenten auf die Schultern der Unter-
gebenen abgewälzt hatten; das Verhältniss der Delegation; das
sich in N. adv. C. ausspricht; nicht mehr der Erwähnung werth
erscheinen. Aber zum vollen Ausschluss der Notare kam es
bis 9ö3 noch nicht. Noch mögen die alten Vorstellungen und
das Postulat; dass der iussus auch Recognoscent sei oder minde-
stens als solcher genannt werdC; zu mächtig gewesen sein, als
dass der Name des NotarS; auch falls dieser in Abwesenheit
des Kanzlers den Befehl erhalten; hätte verschwiegen bleiben
dürfen. Ja auf die Nennung des jeweiligen Recognoscenten
wurde gerade unter Konrad und zum Theil auch unter seinen
Nachfolgern noch besonderer Werth gelegt. DafUr zeugt ein
weiterer Brauch; den ich zuerst bei Salomon A. oder bei SimoU;
dann aber auch noch bei vielen der nachfolgenden Subscri-
benten constatirte. So oft nämlich Simon unterfertigte oder
wenigstens zur Subscription eines seiner Qenossen das Re-
cognitionszeichen hinzufügte; wiederholte er in typischen und
daher noch entzififerbaren Noten den zuvor in Buchstaben aus-
geschriebenen Namen des Recognoscenten; eine Wiederholung;
die noch dadurch an Bedeutung gewinnt; dass siO; wie ich
zuvor bemerkte; wohl mit der Besi^elung zusamiftenfiel.
Unter diesen Umständen verdient auch bei Konrads ersten
Diplomen der Wechsel zwischen N. (damals Odalfridus) adv. A.
und zwischen C. (damals Salomon) adv. A. noch Beachtung.
Es fragt sich; ob wir wenigstens in einzelnen Fällen eine Ab-
wesenheit des Kanzlers vom Hofe als Qrund dafiir nachweisen
702 Sickel.
köDoen, dass nicht er, sondern Udalfrid als iussus und als
recognoscens erscheint Gerade bei dem dominirenden EinflosSy
den allen Berichten zufolge Salomon ausgeübt haben soll —
in mehr als einer Beziehung lässt sich seine Stellung mit der
Liutwards unter Karl III. vergleichen, so verschieden auch
die Charaktere der betreffenden Regenten und ihrer Rathgeber
waren und so verschieden des einen und andern Günstlings
Einfluss wirkte und von den Zeitgenossen beurtheilt wurde ^ —
und um den rechten Massstab zur Beurtheilung der auch
durch die späteren Urkunden bezeugten Ausnahmsstellung Salo-
mons zu gewinnen, ist es nicht unwichtig darin klar zu sehen.
Der reiche Schatz von S. Galler Urkunden kommt uns
dabei zu statten, den einen oder andern Punkt im Itinerar
Salomons festzustellen und mit dem des Königs zu vergleichen.
Für solchen Zweck ist die Urkunde bei Wartmann n^ 768
verwendbar, laut der sich Salomon am 5. April 912 in seinem
Kloster befand. Damit verträgt sich recht wohl, dass nach
K. 5 (Bestätigung der Immunität für S. Gallen) Salomon am
14. März mit Konrad in Strassburg gewesen sein und dieses
Präcept erbeten und dann selbst recognoscirt haben soll. Als
aber vom König am 12. April in Fulda (K. 6 und 7) geur-
kündet wurde, kann fiiglich Udalfrid deshalb als Recognoscent
eingetreten sein, weil der Abt von S. Gallen durch das Oster-
fest in seinem Stifte aufgehalten schwerlich schon an den Hof
zurückgekehrt sein wird. ^
Nachdem Udalfrid aus der Kanzlei ausgeschieden war,
ist nach Ausweis unserer Diplome kein anderer Notar ermächtigt
worden, als Recognoscent an des Kanzlers Statt zu fungiren,
so dass sämmtliche mit Eschatokoll versehene Urkunden die Re-
cognitionsformel C. adv. A. aufweisen. Haben wir uns deshalb
1 V^l. Dümmler 2, 283 und 616.
3 Ansftihrlich berichtet Ekkehart über einen Aufenthalt Salomons in
S. Gallen' zur Osterzeit. Durch die Worte in Casus cap. 26: vir domini
▼idens se aetate iam gravescere etc. Hess sieh Meyer von Knoniu in
seiner Ausgabe des £kkehart 102 zu der Annahme bestimmen, dass der
Chronist an Vorgänge vom Jahre 919 gedacht habe. Ekkehart könnte
aber auch Kunde von Salomons Anwesenheit im Kloster zu Ostern 912
gehabt haben, und es würden dann wenigstens einige Widersprüche, an
denen seine ErzShlung so reich ist, entfallen.
B«itiige znr Diplornttik VII. 703
den als Recognoscenten genannten Kanzler als in jedem Einzel-
falle am Hofe weilend zu denken oder nicht?
Schon vor Jahren hatte ich bei der Bearbeitung der Di-
plome Ludwig des Deutschen eine ähnliche Frage aufgeworfen,
nämlich ob wir den Erzkapellan Orimold als bei der Ausfer-
tigung der an seiner Statt unterfertigten Präcepte gegenwärtig
zu betrachten haben oder nicht und ob wir für diesen Erz-
kapellan etwa aus den zahlreichen Urkunden seines Klosters
ein Itinerar anzufertigen in der Lage sind. * Für die Zeit Ori-
molds und insbesondere für die Jahre, in denen vacante can-
cellaria stets N. advicem A. unterfertigt wurde, behalten diese
Untersuchungen auch gewissen Werth. Der Nachweis des
Alibi filr den Erzkapellan bestätigt nämlich, dass die Beru-
fung des Recognoscenten auf seinen Vorgesetzten unabhängig
von dessen Wissen und Genehmigung im Einzelfalle war und
in allgemeinen Vorstellungen und Bräuchen, wie wir sie früher
kennen gelernt haben, seine Begründung findet. Doch auch
ohne solchen speciellen Nachweis wird man behaupten dürfen,
dass, wenn je und insbesondere cancellario nullo eine active
Betheiligung des Erzkapellans an dem Geschäft der Beurkun-
dung stattgefunden hat, dieselbe sicher bald ganz aufgehört
haben wird. ^ Und so bin ich jetzt zu der Ansicht gelangt,
dass, um Einblick in die Bedeutung der Kecognition und in
die allmähliche Abschwächung derselben zu gewinnen, es mehr
auf den jeweiligen Aufenthalt des Kanzlers als auf den des
Erzkapellans ankommt; denn der Kanzler, das kann als Regel
betrachtet werden, sollte in der Umgebung des Königs weilen
und das Geschäft in Person besorgen. ^
Aus Wartmann U. B. n^ 775 erfahren wir nun, dass
Salomon am 23. Mai 914 zu Elgg im Kanton Zürich in Person
einen Tausch vollzogen hat: folglich kann er nicht am 24. und
25. Mai zu Forchheim gewesen sein und kann nicht factisch
1 Beitrfig« zur Diplomatik 2, 120. — Nach Erscheinen des Wartmann-
schen Urknndenbnchs bat Meyer von Knonan (Batpert 37 Note 95) alle
bezüglichen Daten zusammengestellt. Danach fKllt der längste und am
besten bezeugfte Aufenthalt Grimolds in St Gallen genau in den Anfang
der Zeit, da advicem Witgarii cancellarii recognoscirt worden ist.
' Vgl. was ich in Beitr. zur Dipl. 2, 154 über Lintbert bemerke,
3 Waitz Verf. Gesch. 6, 282.
704 Sickel.
die Diplome K. 20 und 22 recogno8cii*t haben, in denen der
Subscribent Salomon B. ihn als Recognoscenten anfUhrt. * Es
ist dies der erste Fall von Nennung eines am Ausstellungstage ab-
wesenden Becognoscenten, der bisher nachgewiesen worden iat.^
Wahrscheinlich hat er gerade unter Konrad nicht vereinzelt
dagestanden. Ich erinnere an die Gefangennehmung Salomons
durch Erchanger, die ihn eine Zeit lang vom Hofe fem gehalten
haben muss 3, und an des Kanzlers vom König gutgeheissene,
dann aber vereitelte Absicht nach Rom zu pilgern. ^
Es liegt nahe die Frage aufzuwerfen, ob etwa die Er-
wähnung des Kanzlers in den Urkunden ausser in der Unter-
schriftzeile, z« B. als Fürbitter, weitere Aufschlüsse zu bieten
vermag. Und obgleich derartige Notizen fiir Aufenthalts-
bestimmungen nur mit aller Vorsicht verwerthet werden kön-
nen,'"^ will ich hier die auf Salomon bezüglichen zusammen-
tragen. Verglich ich zuvor seine Stellung mit der Liutwards,
so muss ich jetzt bemerken, dass er von diesem darin vor-
theilhaft absticht, dass er sich in den Urkunden seines Königs
nur selten als Rathgeber oder Intervenient nennen liess, nämlich
1 Und zwar hat SB. sowohl die betreffende Zeile geschrieben ala aach
das Recog^nitionszeichen geliefert. — Ich übergehe hier K. 21, weil es
nur in Al>8chrift und ohne Unterfertigiing vorliegt; aber sicher verhielt
es sich mit der Becognttion dieses Diploms ebenso.
2 In Acta Karol. 1, 93 wies ich für den Kanzler Theoto ein Alibi nach;
aber damals ist der Kanzler nicht Recognoscent (s. S. 656), sondern
steht den späteren Erzkapellanen Grimold n. s. w. gleich. ~ Auf das
Alibi Salomons hat zuerst Meyer von Knonan im Ekkehard 75 A. 262
aufmerksam gemacht Das ist Ficker entgangen, welcher in den Bei-
trägen 2, 175 ff. die anderen bisher constatirten Fälle Reicher Art ge-
sammelt und besprochen hat. Fioker kam dort zu dem Ergebniss, dass
Lintolf der erste Kanzler sei, unter dem Nennung des abwesenden Re-
cognoscenten stattgefunden habe, und brachte das gewiss mit Recht in
Zusammenhang mit der Neuerung vom Jahre 953.
' Dttmmler 2, 591 und Meyer von Knonau im Ekkehart 69 ff. Doch scheint
mir noch nicht erwiesen, was Dümmler annimmt, dass Konrads Zug nach
Schwaben zu Anfang des Jahres 914 stattgefunden habe, noch was Meyer
von Knonau im genauesten Anschluss an die Anna! es Alamann. annimmt,
dass der Angriff auf Salomon nach Eintreffen des Königpi in Schwaben
erfolg^ sei.
* Wartmann ü. B. n» 778.
* Ficker Beiträge 1, 160.
Beifar&ge sar Oiplomatik Yll. 705
nnr in E. 2, 3, 11, 17 und da regelmässig mit einer beträcht-
lichen Anzahl anderer einflussreicher Personen, ' während
doch sonst unter Konrad fast regelmässig Fürbitter angeführt
werden. - Wollten wir nun in den letzteren so s^ahlreichen
Fällen aus der Nichterwähnung von Salomon auf dessen Ab-
wesenheit Bchliessen, so würde er geradezu als seltener Gast
des Hofes erscheinen, was sich nicht mit anderen Nachrichten
und am wenigsten mit dem reimen würde, was ihm in K. 5
nachgerühmt wird: frequens famulatus et palatina servitus. ^
Mit kluger Zurückhaltung, die wir darin erblicken dürfen,
vertrug es sich wohl, dass der Kanzler Salomon in Anbetracht
der politischen Verhältnisse nicht einen Augenblick das Heft
aus den Händen geben und selbst wo er momentan nicht mit-
wirken konnte, doch als an der Vollziehung der Präcepte be-
theiligt erscheinen wollte. Ich werde später zeigen, dass durch
dieses Ausschliessen der Notare von der Recognition auch das
VerhältnisB des Erzkapellans zur Kanzlei berührt wurde. Es
ist offenbar der Ausnahmszustand, in dem sich die königliche
Autorität befand, ^ welcher auch zu einer Ausnahmsmassregel
fährte, als welche wir die Nennung des abwesenden Kanzlers
als Recognoscenten betrachten müssen. Denn von einer schon
damals beginnenden Neuerung in der Art die Geschäfte zu
besorgen kann nicht die Rede sein, wenn man erwägt, dass
auch in den folgenden Jahrzehnten die Recognition in der
Hauptsache so geregelt blieb und so gehandhabt wurde, wie es
seit Arnolf herkömmlich geworden war. Es war also auch
unter Konrad, was die Subscriptionszeile besagt, noch nicht
zur bedeutungslosen Phrase herabgesunken. ^
1 In K. 2 handelt es sich obendrein am eine Schenkung für S. Gallen and
in K. 11 am eine Rechtsfrage, in der gerade Salomon competent war
mitzareden.
3 Sie fehlen natürlich in den Urkunden über nnbedeutende Handlangeuf
wie in den Tanschbestätigangen K. 20, 21, ferner in Diplomen kürzerer
Fassung wie K. 14, 15. Dagegen finden sie sich ausser in den schon
angeführten Stücken noch in K. 5, 8, 9, 10, 16, 28, 24, 27—31, 35, 36.
3 Desgleichen heisst es in K. 12 (Schenkung an den Kanzler): per multi-
modae servitutis sedulitatem simulque magnae caritatis suae cordetenus
accensum ardorem.
4 DUmmler 2, 616.
» Aehnlich Ficker Beiträge 2, 169.
706 Sickel.
Ich komme nochmals auf die Unterfertigung von K. 20, 22
durch SB. zurück. ^ Dieser SB. hat damals, wie seine sonstige
Betheiligung an der Arbeit zeigt, in der Kanzlei eine unter-
geordnete Stellung bekleidet und hat namentlich seinem altem
Genossen Simon nachgestanden. Wenn er trotzdem berufen
gewesen ist, den abwesenden Kanzler zu vertreten, so wird er
dazu wohl einer besonderen Vollmacht bedurft haben. An eine
solche denke ich dann auch bei K. 28 und 29 vom Mai und
Juni 916, indem in diesen Diplomen das Recognitionszeichen
von einer mir sonst nicht begegneten Hand beigefugt worden
ist. Im übrigen ist es denkbar, dass wenn der Kanzler Salomon
als abwesend keine Art von Controle hat ausüben können, der
König in eigener Person sich in der damals noch üblichen
Weise an der Vollziehung der Präcepte betheiligt hat. Zur
Ergänzung dessen, was Ficker^ über die Eigenhändigkeit des
betreffenden Striches in den Urkunden Konrads bemerkt hat,
trage ich hier nach, was wir schliesslich gefunden haben:
1 In K. 20 ist die Zeile der köoiglichen Unterschrift und wahrscheinlich
auch die der Kanzlemnterschrift früher geschrieben als der Context; von
der letzteren getrennt ist das Recognitionszeichen. Das alles kann aber
nicht mit der damaligen Abwesenheit des Kanzlers zusammenhangen,
denn in dem unter gleichen Umständen ausgefertigten K. 22 ist, soweit
sich erkennen lässt, alles in der gewöhnlichen Reihenfolge geschrieben
und ist auch das Recognitionszeichen an die betreffenden Worte ange-
hüngt. So folgere ich aus der Beschaffenheit von K. 20 nur, dass auch
damals die Schreiber zuweilen Pergament mit Unterschriften in Bereit-
schaft gehalten haben und dass die Unterschriften für sich alleio, d. h.
ohne das signnm und ohne das Siegel noch nicht als Vollziehung galten. —
Dass im Originaldiplome K. 20 vor zwei Namen die Sigle N. vor-
kommt, veranlasst mich eine diesbezügliche Bemerkung von Stumpf-
Brentano in Wirzb. Immunitäten 2, 48 Anm. zurückzuweisen, um so
mehr, da dieselbe auch Ficker Beitr. 1, 268 irre geführt hat. Ich habe
diese Sigle nie für etwas anderes gehalten oder erklärt als für nomine:
sie ist in Formeln durchaus synonym dem Pronomen ille and will be-
sagen, dass hier der betreffende Eigenname einzusetzen ist, vertritt somit
da denselben. Wenn ein Schreiber dies N. aus einer Formel in ein
Diplom in der Weise her übernimmt, dass er sie vor dem Namen be-
stehen lässt, so ist das also zum Ueberfluss; aber das Versehen lag am
so näher, da auch in den Urkunden Personen sehr häufig mit nomioe A,
nuncupatus A und dergleichen in allen Buchstaben ausgeschrieben ein-
geführt wurden.
2 Beiträge 2, 70
Beiir&ge zur INplomfttik YU. 707
unter zwanzig Originaldiplomen weisen nämlich achtzehn Mo-
nogramme auf, in denen der Vollziehungsstrich deutlich wahr-
zunehmen ist. 1 Und dafür, dass noch in dieser Zeit die Haupt-
figur zuerst ohne den dem König vorbehaltenen Schriftzug
gezeichnet wurde, zeugt K, 36 : hier ist nämlich unterhalb der
jetzigen Zeile der königlichen Subscription ein derartiges un-
vollendetes Handmal sichtbar, welches wegen nicht passender
Stellung ausradirt worden ist. ^ Persönliches Eingreifen des
Königs konnte aber um so mehr als Ersatz für Betheiligung
des als Recognoscenten genannten Kanzlers gelten, da dieser
sonst die iussio regis auszuführen und zu verbürgen berufen war.
Ich gehe zur Kanzlei Heinrich I. über. Wiederum gab
die politische Situation ^ den Ausschlag dafür, dass damals die
Erzkapellanwürde von Salzburg an Mainz überging. Vielleicht
ist das nicht ohne Bedenken und Anstände geschehen. In H. 1
ist nämlich, obgleich dasselbe erst vom 3. April 920 datirt,
von dem Subscribenten Herigeri archiepiscopi erst eingeschoben
worden zwischen die früher geschriebenen Worte Symon nota-
riuB advicem und recognovi, so dass bei der Ausstellung noch
fraglich gewesen sein muss, wer hier genannt werden sollte.
Femer fällt mir auf, dass Simon, der unter Konrad an dieser
Stelle regelmässig vom Erzkapellan spricht, bei Nennung He-
rigers anfangs schwankt. In H. 1,> 2, 4, 11 bezeichnet er ihn
nur als archiepiscopus und als archicapellanus erst in H. 3,
6, 9 u. s. w. * Dagegen wird für seinen Nachfolger Hiltibertus *
gleich in dem ersten Diplom die Titulatur archicappellanus
angewandt^ die nur in H. 18 durch archiepiscopus princepsque
cappellanus ersetzt wird. Dass in H. 31 und 41 der Name
ohne Titel gesetzt wird, hängt mit der Gewohnheit des be-
treffenden Subscribenten zusammen. Für die lothringischen
* Nicht 80 in E. 2, 16, was aber noch nicht ausschliesst, dass auch hier
der Strich vom König eigenhändig zugefügt worden ist.
' Der Fall steht also dem in Acta Earol. 1, 318 besprochenen durchaus
gleich.
3 Waitz Jahrbücher H. I S. 40.
^ Dazwischen schreibt er in H. 6 und 7 archiepiscopus snmmusqae cap-
pellanus.
5 Heriger zuletzt in H. 14 vom 18. October 927. Er starb am 1. De-
cember 927 (Waitz H. I. 120). Hiltibertus zuerst in H. 16 vom 27. De-
cember 927.
SitzQDgsber. d. phiL-hist. Cl. XCIII. Bd. IV. Hü. 46
708 Bickel.
Gebiete behaupteten jedoch die Erzbischöfe von Trier einen
gewissen Antheil an der Ausfertigung der Urkunden. Der
ihnen da gebührende Titel wird der eines £rzkanzlerB gewesen
sein (H. 16 und 21), obwohl Erzbischof Rodbert im Original-
präcept H. 40 sogar Erzkapellan genannt wird. Dessen Vor-
gänger Rotger war, wie ich annehme, am 27. Januar 930
gestorben. ^ Dass die Wiederbesetzung des erzbischöflichen
Stuhles sich einige Zeit verzögert habe, folgere ich daraus,
dass H. 23 und 24 vom 5. und vom 30. Juni 930 advicem
Hiltiberti recognoscirt worden sind. Rotbert begegnet dann^
wenn man nicht für die Fälschung Stumpf 36 (H. 43) eine echte
Vorlage annehmen will, erst in der Unterschrift von H. 40 vom
Jahre 935. Auf das diesbezügliche Verhältniss von Mainz zu
Trier will ich erst an anderem Orte näher eingehen. Hier sei
nur noch bemerkt, dass die Scheidung in eine deutsche und
in eine lothringische Kanzlei sich lediglich in der Erwähnung
des Mainzer oder des Trierer Erzbischofs äussert und dass
die geschäftsführende Kanzlei, anders als unter Ludwig IV.,
einheitlich blieb.
Bis in das Jahr 931 hinein hat Heinrich das Kanzleramt
unbesetzt gelassen. Die Besorgung der Geschäfte wurde einem
Manne anvertraut, welcher, nachdem er bereits unter Ludwig IV.
in der Kanzlei gedient hatte, durch die ganze Regierungszeit
Konrads am meisten beschäftigt gewesen war : ^ dort nannte
ich ihn Salomon A, hier gibt er sich gleich in H. 1 als Simon
zu erkennen. Wenden wir auf ihn all die Kennzeichen an, die
ich früher als die Kanzler und die Notare unterscheidend be-
zeichnet habe, so können wir über seine Stellung nicht in
Zweifel sein; sie lässt sich am ehesten mit der Hebarhards
(S. 661) vergleichen. Nur hinweisen will ich auf den r^en
persönlichen Äntheil, den Simon auch unter Heinrich als Dic-
tator und Ingrossist an dem Urkundengeschäft nimmt, um
näher auf ihn als Recognoscenten einzugehen. Genannt wird
1 Waitz H. I. 143 setet den Tod zum gleichen Tage 931 mit Berafang
aaf die Ann. 8. Maximini. Aber da diese damals das Incarnationsjahr
um 1 anticipiren, haben wir ihr 931 in unser 930 zu fibertragen, wonof
auch die von Brower mitgetheilte Inschrift hinweist.
> Danach ist zu berichtigen, was Waitz Verf. Gesch. ü, 280 über den
Wechsel beim Regierungsantritt Heinrichs sagt.
Beiträge zur Diplornttik YII. 709
er als solcher in H. 1—20, 22—24, 26, 27, so dass nur H. 21
and 25 Ausnahmen bilden, von denen gleich insbesondere die
Rede sein soll. Er ist aber in den meisten Fällen zugleich
Subscribent. Von fünfzehn Originalpräeepten hat er die ganze
Unterfertigung besorgt. In H. 14 hat er wenigstens das signum
recognitionis geliefert. Nur H. 19 hat er einem seiner Ge-
nossen und H. 12 hat er einem Mönche von St. Gallen über-
lassen, in seinem Namen zu subscribiren. Er legt sich dabei
in der Regel den Notartitel bei und wenn er abweichend davon
sich in H. 6, 7 cancellarius nennt, so ist er dazu möglicher
Weise durch die betreffenden Vorurkunden veranlasst worden.
Ich bemerke noch, dass auch in dieser Zeit Simon, so oft er
selbst unterfertigt oder doch wenigstens das Recognitionszeichen
hinzufügt, in diese Noten einträgt, mit deren erster er seinen,
des Recognoscenten Namen wiederholt.
Unter den zwei nicht von Simon recognoscirten Stücken
dieser Periode begegnet zuerst H. 21 für das Bisthum Toul
mit ego Valchingus etc. Bei der schlechten Ueberlieferung
dieser Urkunde kann ich auf diesen Namen keinen Werth legen.
Da aber seine Entstehung aus ursprünglichem Simon sehr un-
wahrscheinlich ist, so muss ich annehmen, dass in dem ver-
lornen Archetyp ein anderer Name als der Simons gestanden
habe. Daran ist auch kein Anstoss zu nehmen. Mag das
Kanzleramt besetzt sein oder nicht, so finden wir fast regel-
mässig mehrere Notare nebeneinander beschäftigt, und wenn
auch Simon damals eine hervorragende Stellung eingenommen
hat, so schliesst das nicht aus, dass ihm Genossen zur Seite
gestanden und je nach Umständen gleich ihm nach der Formel
N. adv. A. recognoscirt haben. Arbeiten neben Simon doch
noch andere Ingrossisten und solchen konnte, im Fall der Ver-
hinderung Simons, sehr wohl auch die Unterfertigung im eigenen
Namen aufgetragen werden. So fragt sich nur, ob die ab-
weichende Recognition in H. 21 nicht meiner Auffassung, dass
die Kanzlei Heinrichs eine ungetheilte gewesen sei, im Wege
steht. Den Ausschlag geben da H. 16 für dasselbe Toul und
H. 24 für 8. Maximin, beide von Simon unterfertigt, dann aus
den folgenden Jahren H. 40 für Stablo von Poppo recognoscirt.
Die zweite Ausnahme, nämlich dass H. 25 vom December
930 von Folcmar recognoscirt worden ist, stösst noch weniger
46*
710 Sickel.
den Satz um, dass gerade während der Vacanz des Kanzler-
amtes die Recognition möglichst einem einzigen ; besonders
geschäftskundigen und erprobten Notar anvertraut worden sein
wird. Denn Simon, den ich als Ingrossisten bereits im Jahre 906
nachweise, wird 930 schon ziemlich bejahrt gewesen sein, und
wie er ersichtlicher Weise seit 929 die Arbeit mehr und mehr
andern Männern überlässt, könnte er wohl, kurz bevor er ganz
vom Schauplatz verschwindet, auch behindert gewesen sein,
die ihm sonst obliegende Recognition zu besorgen, so dass
Folcmar nur zeitweise ihn vertreten habe. Jedoch ehe ich diese
Frage erledige, muss ich von einer andern handeln. — Stumpf
hält diesen Folcmar für dieselbe Person, welche von H. 23 an
sämmtliche Diplome recognoscirt, oder er setzt Folcmar gleich
dem spätem Kanzler Poppe. ^ Er knüpft da offenbar an eine
Aeusserung von Waitz in Mon. Germ. SS. 4, 350 an, welcher
. nachweist, dass mehrere Männer des zehnten Jahrhunderts bei
den Zeitgenossen die beiden Namen Folcmar und Poppo fuhren -
und darauf hin beide Namen für so gleichbedeutend erklärt,
als es Liudolf und Dudo seien. Ich bin von der Richtigkeit
dieser Annahme noch nicht überzeugt. Was zunächst die Pa-
rallelisirung mit Liudolf- Dudo und anderen solchen Doppel-
namen betrifft, so ist ja Dudo Kosename zu Liudolf und ist mit
diesem auch lautlich verwandt, Beziehungen die meines Wissens
zwischen Folcmar und Poppe nicht bestehen. ^ Dann scheint
mir aus dem Umstände, dass gewisse Personen mit dem zwie-
fachen Namen bezeichnet werden, doch noch nicht solche Iden-
tität von Folcmar und Poppo gefolgert werden zu dürfen, dass
wir jeden Folcmar = Poppo setzen müssen und umgekehrt^
Um nun insbesondere von dem Kanzler Heinrichs und Ottos
Poppo, dem späteren Bischof von Wirzburg, zu reden, so wird
dieser so oft in den Quellen angefLihrt, aber nie Folcmar
' So auch Waitz Verfassung^s-Gesch. 6, 277.
3 Bestätigt von Dümmler Otto I. 466, Anm. 4.
3 Stark in Wiener Sitznngs-Berichten 52, 282 und 286 handelt von Poppo
und von Folcmar, jedoch ohne irgend ein VerhSltniss zwischen ihnen
zu berühren.
* Offenbar zwei verschiedene Personen sind auch in der Kölner Urknnde
vom Jahre 964 in Lacomblet 1, n*" 106 gemeint mit: domno qaoqae
Poppone, Folcmaro etc.
B6itri«re snr Diplomatik YII. 711
benannt. ^ Ferner weise ich darauf hin, dass unter den Grafen
von Henneberg, zu deren Geschlecht auch der Wirzburger
Poppe gehört haben soll, ^ der Name Poppe sehr häufig ist,
aber nicht ein Mal der Name Folcmar vorkommt. Es kann
demnach meines Erachtens nur als Vermuthung hingestellt
werden, dass der Folcmar in H. 25 identisch sei mit dem
spätem Kanzler Poppe. Doch auch das zugegeben, kann ich
der Meinung von Stumpf nicht beipflichten, dass wiederholt
der nachfolgende Kanzler seine Functionen bereits unter dem
Vorgänger begonnen und durch diesen gleichsam in die Ge-
schäftsleitung eingeführt worden sei, eine Meinung, welche
Stumpf unter anderen auf das zwischen Folcmar und Poppe
bestehende Verhältniss stützt; ferner darauf, dass sich des
weitern zwischen Poppe und Brun keine feste Grenze ziehen
lasse. Letzteres erörtere ich an seinem Orte (S. 718). Der
Vorgang unter Heinrich lässt auch unter Annahme der Identität
noch eine andere Deutung zu: der Mann, welcher den Notar
Simon ein oder mehrere Male zu vertreten berufen wurde,
d. h. des Königs Befehl erhielt und ausführte, mag dann nach
Simons Rücktritt oder Tod zum Kanzler ernannt worden sein ;
aber dass er bereits einige Monate früher recognoscirt hat,
besagt nicht, dass er schon damals Kanzler gewesen.
1 Erwähnen muss ich doch noch die Recognition: Folcmaraa cancellarius
vice Hildeberti archicapellani in einer angeblich von Otto I. für MeiBsen
ausgestellten Urkunde (Stumpf 154), im zwölften Jahrhundert ge-
schrieben, jetzt im Dresdener Archiv. Für diese Fälschung ist sicherlich
ein Diplom Heinrichs mit gleicher oder fast gleicher Unterschrift benutzt
worden. Aber wohin sollen wir letztere setzen, vor oder nach H. 28?
Für den zweiten Ansatz könnte man den Kanzlertitel geltend machen
und dann folgern, dass auch der Kanzler gewordene Poppo in Sub-
scriptionen noch Folcmar genannt worden wäre. Aber das hiesse doch
nur Möglichkeit auf Möglichkeit aufbauen. Und mit gleichem Rechte
Hesse sich dann die häufige Verwechslung von notarius und cancellarius
geltend machen und die andere Möglichkeit betonen, dass es einen von
Poppo verschiedenen Mann Folcmar gegeben, welcher vor H. 28 eine
Urkunde als Notar und eine andere als Kanzler recognoscirt hätte. Kurz
aus St. 164 glaube ich nicht mehr folgern zu dürfen, als dass H. 25 als
von Folcmar recognoscirt nicht allein gestanden hat, womit sich noch
immer die obige Erklärung durch zeitweise Verhinderung Simons ver-
tragen würde.
^ Oegg Korographie von Würzburg 1, 273.
712 Sickel.
Den Uebergang von Simon zu Poppo begleiten noch andere
Umstände. Das letzte von Simon recognoscirte Stück ist H. 26
vom 23. Februar 931. ^ Als erstes Diplom aus der Kanzlei-
periode Poppos gilt mir sonach H. 28 vom 14. April 931.
Dass ich für die Echtheit, ja Originalität dieser Urkunde ein-
trete, obgleich ich anerkenne, dass die Fassung eine ganz
ungewöhnliche^ und die Schrift sehr unbeholfen ist, glaube
ich hier weiter ausführen zu müssen. Bei jedem Wechsel im
Kanzleramt wird wohl zu beachten sein, ob der neue Kanzler
das bislang amtii^ende Personal ganz oder doch zum Theil
beibehalten oder ob er etwa dasselbe vollständig erneuert hat,
denn auf die Stetigkeit in der Behandlung der Urkunden muss
der eine oder andere Fall verschieden eingewirkt haben. Nun
steht fest, dass Poppo nicht einen der bis 931 nachweisbaren
Ingrossisten mehr verwendet hat. Und gleiches gilt wahr-
scheinlich von den Dictatoren. ^ Trat also damals ein Wechsel
des gesammten Personals ein, so wird der im März oder im
April zum Vorstand der Kanzlei bestellte Poppo sein Bureau
erst haben bilden müssen und am 14. April wird er sich, als
es galt H. 28 auszustellen, mit dem ersten besten Dictator
und Scriptor haben behelfen müssen. In die Nothlage wäre
aber Poppo schwerlich gekommen, wenn er schon einige Zeit
als designirter Kanzler an den Geschäften theilgehabt hätte.
Des weitern scheint mir unter solchen Umständen auch die
Identität von Poppo und Folcmar auf schwachen Füssen zu
stehen.
Mit Fug und Recht kann man bei Poppo von einer durch
ihn bestimmten Kanzleiperiode reden, d. h. Poppo hat zwei
Regenten in gleicher Weise als Kanzler gedient und hat unter
beiden seine Obliegenheiten in wesentlich gleicher Weise ver-
sehen. Wieweit sich diese Periode nach vorwärts erstreckt hat,
lässt sich wiederum nicht mit einem Worte sagen. * Der nächste
1 ö. die Vorbemerkung zn dieser Urkunde in den Kaiserurkuuden.
^ Das gilt auch von der Datirungsformel, deren Unregelmässigkeit unier
den oben dargelegten Umständen nicht weiter auffallen kann und daher
der von Ficker Beiträge 2, 292 vorgeschlagenen Erklärung nicht bedarf.
3 S. Kaiflerurkunden 38.
* Ich habe von hier an auch Diplome Otto I. anzuführen und sehe mich
da veranlasst, sie nach den Nummern des Stumpfschen Verzeichnisses
Beitriffe zur Diplomfttik YII. 713
Kanzler Brun tritt zum ersten Male am 25. September 940 auf
(Stumpf 92). Nachdem einige Urkunden in seinem Namen
recognoscirt worden waren, lautet dann nochmals in Stumpf 95
vom 23. April 941 die Unterfertigung: Poppo etc. Ich werde
später auf die Beschaffenheit letzterer Urkunde näher eingehen
und zeigen, dass es sich um eine seit langem vom Könige
dem damaligen Kanzler Poppo befohlene, dann aber verzögerte
Beurkundung handelte: daher hat ein Untergebener Poppo's«
das Präcept geschrieben und mit einer Poppo als Recognos-
centen nennenden Unterschrift vollzogen. Nur in diesem Sinne,
dass ein Kanzler, auch nachdem ihm bereits ein Nachfolger
gegeben war, doch noch die ihm übertragenen Geschäfte ab- '
zuwickeln hatte, kann ich nach Ergebniss der von mir bisher
angestellten Untersuchungen der Annahme von Stumpf bei-
pflichten, dass zuweilen zwei Kanzler nebeneinander fungirt
haben sollen.
Fassen wir zunächst wieder ins Auge, wer in dieser Reihe
von Urkunden als Recognoscent genannt wird. In der Haupt-
sache wiederholt sich auch hier, dass der Kanzler in seinen
Anfängen lebhaft und dann minder lebhaft an der Recognition
betheiligt erscheint. Genauer gesagt, war Poppo unter Heinrich I.
regelmässig Recognoscent, wechselte dann aber unter Otto I.
mit mehreren Notaren ab .und zwar so, dass vorübergehend
wieder die drei Tormen der Recognition in Anwendung kamen.
Das darzuthun und überhaupt Einrichtung der Kanzlei und
Besetzung der Stellen zu jener Zeit in das rechte Licht zu
stellen, muss ich auf die Subscribenten zurückgreifen.
Als solche kommen bis 936 in Betracht Poppo A., PB., PC. ^
Zu ihnen gesellen sich unter Otto I. als weitere Subscribenten
zu citiren, obschon ich mehrfach in der chronologischen Einreihnng von
Stumpf abweiche. Ich habe nSmlich noch nicht die sämmtlichen Ur-
ktinden Otto I. nach allen Gesichte pnnkten hin prüfen können und
nehme deshalb Anstand, eine neue Zählung anzuwenden) welche eventuell
noch durch eine dritte ersetzt werden müsste. Insoweit ich einige Stücke
anders als Stumpf datire, werde ich dies durch Hinzufügung des von
mir gewonnenen Datums zu der Regestennummer bemerklich machen,
und insoweit eine nähere Begründung meiner Datirung schon hier er-
forderlich sein sollte, werde ich sie an geeignetem Orte einschalten«
1 Diese Bezeichnung der drei Subscribenten weicht von der im N. Archiv
1, 459 ff. gewählten ab. Indem ich im Jahre 1876 noch nicht alle
714 Sickel.
und eventuell Recognoscenten Adaltag, Notker und wohl ein
Cleriker des Adaltag. Und zwar vertheilen sich die Subscrip-
tionen der Diplome folgendermassen auf sie. ^
PA. unterfertigte H. 29, 31, 41, St. 59, 67, 68, 70, 71, 73,
74, 82, 95; PB. H. 32, St. 80, 87, 90 R. (wo wir seinen Namen
Adalman kennen lernen); PC. H. 37, 40, St 77, 78, 81, 86,
88, 89. ^ Adaltag subscribirte wahrscheinlich St. 56 R. selbst,
während ich die Unterschrift der gleichfalls von ihm recognos-
cirten St. 57, 58 einem in seinem Dienste stehenden Cleriker
beilege. Endlich ist Notker Subscribent von St. 83, 84, und
zugleich Recognoscent von St. 83.
Auch in dieser Zeit noch verdienen die eventuell in die
Recognitionszeichen gesetzten Noten Beachtung. '^ In der Regel
deckt sich noch, wie in den von Simon subscribirten Diplomen,
der in Buchstaben ausgeschriebene Name des Recognoscenten
mit dem im Zeichen durch die erste Note angedeuteten. Wie
zumeist Poppe als Recognoscent genannt wird, so wird auch
die Note für diesen Namen von den drei Schreibern PA, PB,
PC. fast jedesmal wiederholt. Aber auch wo PB. oder Adalman
sich selbst als Recognoscenten anführt, bedient er sich der Note
Originale dieser Zeit kannte, konnte ich noch nicht definitiv angeben,
in welcher zeitlichen Reihenfolge diese drei M&iner als Unterfertiger
der Originalprficeptc auftauchen. Indem ich jetzt* diese BeihenfoIgCf
nach der am füglichsten die Siglen gewfiblt werden, definitiv festgestellt
habe, nenne ich fortan Poppo A den früher mit PB. bezeichneten
ISchreiber und PC. den früher PA. bezeichneten; zwischen beiden reihe
ich jetzt Adalman als PB. ein.
I Durch Beifügung eines R. zu den Nummern hebe ich die Stücke henror,
welche von den betreffenden Unterfertigem zugleich recognoscirt sind.
Die nicht mit R. versehenen Diplome sind also die, in welchen der
Kanzler selbst als Recognoscent genannt wird. — Den nicht wieder
vorkomnfenden Schreiber von H. 28 übergehe ich in dieser Aufzählang.
^ Nachzeichnungen der Hand von PC. liegen überdies vor in St. 64 und 69.
Es ist nicht unmöglich, dass PC. einen Gehülfen gehabt hat, welcher
seine Schrift nachzuahmen versucht hat; in diesem Falle könnten beide
Stücke Kanzleiausfertigungen sein. Aber es ist auch Entstehung dieser
Schriftstücke ausserhalb der Kanzlei und ohne deren Wissen denkbar
und ich ziehe daher vor, dieselben als Diplome fraglicher Originalität
zu bezeichnen.
3 Ausführlich handle ich von denselben in den nächsten Beiträgen, ver-
werthe aber die Ergebnisse schon hier.
Reiir&ff» xnr Diplomatik VII. 715
für Poppo. Umgekehrt macht es Notker, indem er sowohl in
St. 83, das er selbst recognoscirt, als in St. 84^ dessen Re-
cognition auf Poppo's Namen lautet, die gleiche Note bildet,
welche nur Sigle für Notker sein kann. Wieder anders steht
es mit den von Adaltag recognoscirten Diplomen, denn St 57
und 58 weisen an den betreffenden Stellen eine Schlangenlinie
auf, mit der möglicher Weise Adaltag bezeichnet werden soll,
während auf Adaltag als Recognoscent von St 56 im Zeichen
die für Poppo gebräuchliche Note folgt. Vielleicht haben die be-
treffenden Subscribenten oder Zeichner des signum recognitionis
die von Simon befolgte Regel nicht gekannt oder nicht anerkannt.
Aber da in St. 56 und 84 das Zeichen von der Schriftzeile ab-
getrennt und wohl nachträglich gemacht worden ist, könnte der
Hinweis dort auf Poppo und hier auf Notker auch besagen, dass
diese im Augenblick der Besieglung anwesend gewesen sind.
Lässt sich^ da nicht klar sehen, so scheint mir die Er-
wähnung von Poppo neben Adaltag in St. 56 geeignet, in
einer Fri^e den Ausschlag zu geben, die ich bisher nicht be-
rührt habe. Ich habe nämlich Poppo als Kanzler von 931 — 940
bezeichnet und habe, wie ich überhaupt je nur einen Kanzler
annehme, Adaltag als einen der Poppo untergeordneten Notare
hingestellt Anders fasst Stumpfe das Verhältniss auf: er reiht
Adaltag unter die Kanzler ein und lässt ihn zu gleicher Zeit
mit Poppo fungiren. ^
Verfolgen wir zunächst Poppo allein durch alle Urkunden
dieser Jahre hindurch. Unter Heinrich wird ihm in der Recogni-
tion nur vier Mal der Titel cancellarius beigelegt, dagegen sieben
Mal der Titel notarius : jenes geschieht in H. 28, dann in H. 36
von P A. und in H. 37, 40 von P C. unterfertigt ; Notar dagegen
nennt ihn PA. in H. 29, 31, 41 und regelmässig PB.»
> Reichsk&nzler 2, 8.
3 Vorsichtig drücken sich sowohl Dümmler Otto 67 and 544 » als Waitz
Verf. Gesch. 6, 278 aus. Doch neigt auch letzterer der Ansicht zu, dass
die Kanzlei erst mit der Zeit eine festere Gestalt angenommen habe und
dass erst seit Otto III. es im deutschen Reiche regelmässig nur ^inen
Kanzler gegeben habe.
3 Die Titulaturen in den Noten kommen deshalb nicht in Betracht, weil
vor wie nach Poppo eine Note für cancellarius nicht bekannt gewesen
ist, sondern von allen Schreibern ohne Ausnahme nur das Zeichen für
notarius gesetzt wird.
716 Sickel.
Folglich, wollte man sich lediglich an die Titulaturen
halten, so könnte man Poppe bis zum Jahre 936 als Simon
gleich gestellt betrachten und die Vacanz des Eanzlerpostens
noch fortdauern lassen. Aber dies hiesse das eine Moment
weit überschätzen. Dass auch ein wirklicher Kanzler ver-
einzelt Notar genannt wurde, sahen wir schon bei Salomon.
Dass es in den Jahren 931 — 936 häufiger geschah^ könnte
allenfalls damit zusammenhängen, dass man sich unter Simon
mehr an den Notartitel gewöhnt hatte. Den Ausschlag gibt
doch, was wir sonst von Poppe und seiner Stellung in der
Kanzlei wissen. Gleich nach seinem Eintritt ist er ganz im
Gegensatz zu Simon vorgegangen. Die vielen auf H. 28 fol-
genden Diplome, die noch als Archetype vorliegen, weise ich
sämmtlich, wie schon gesagt, bestimmten Personen zu, mit
deren keiner der Kanzler identisch sein kann. Also muss ich
jetzt noch entschiedener als früher ^ die Annahme, dass Poppe
sich am Schreibgeschäft betheiligt habe, zurückweisen. Höch-
stens könnte das erste von ihm recognoscirte Diplom H. 28
ihm als Schreiber beigelegt werden, was bei dessen Beschaffen-
heit (S. 712) erst recht beweisen würde, dass gerade dem Chef
der Kanzlei nicht allein die Fertigkeit zu schreiben abgegangen,
sondern auch die Vertrautheit mit den herkömmlichen Formeln.
Nicht so bestimmt kann ich in Abrede stellen, dass Poppe an
der Conceptarbeit theilgenommen, weil sich in dieser Hinsicht
überh^^upt ein stricter Beweis nicht fähren lässt. Aber auch
hier kann sein Antheil ein nur geringer gewesen sein. Er-
scheint er somit fast nur als Leiter der Geschäfte, so folgere
ich daraus, dass er schon unter Heinrich dieselbe Stellung
eingenommen hat wie unter Otto. Unter diesem wird Poppo
nie mehr Notar genannt. PA. der überhaupt mit Absicht die
Titel vermeidet, 2 legt in den letzten Jahren auch dem Re-
cognoscenten Poppo keinen Titel bei. Früher aber nennt er
ihn cancellarius, wie das PB. und PC. seit 936 regelmässig
thun. Ja in den an seiner Statt recognoscirten St. 83 und 90
wird er zum archicancellarius gemacht. Und dass überhaupt
zwei verschiedene Notare advicem Popponis recognosciren, gibt
I Nettes Archiv 1, 469.
3 Auch die Erzkapellane führt er zumeist nur mit den Namen ein.
Beitrage zar Diplomatik VII. 717
vollends den Ausschlag und behebt jeden Zweifel an der
Kanzlerschaft des späteren Bischofs von Wirzburg.
Mit Adaltag dagegen steht es so. Seinem Qeburtsstande
nach konnte er unzweifelhaft zum Kanzler emporsteigen. Aber
dass ihm das gelungen sei, lässt sich nicht erweisen. Er heisst
allerdings in St 56 und 63 cancellarius, dagegen in St. 57,
58; 62 (und damit sind die Erwähnungen desselben in den
Recognitionen erschöpft) notarius. Dass nicht ein Mal an seiner
Statt recognoscirt worden ist, will ich nicht betonen^ da er nur
so kurze Zeit der Kanzlei angehört hat. Dagegen ist zu be-
achteU; dass zwischen den angeführten Präcepten wiederum
zwei (St. 59 und 60) mit Poppe als Recognoscenten stehen.
Fanden wir nun bisher eigentliche Coordination nur bei No-
taren, ist die aber dadurch ausgeschlossen^ dass Poppe un-
zweifelhaft Kanzler war, so können wir Adaltag nur als Titular-
kanzler oder Notar, d. h. als dem Kanzler Poppe subordinirt
betrachten. Und das scheint mir durch die wenn auch nur auf
einem Versehen beruhende Nennung von Poppe in den Noten
von St. 56 vollends erwiesen: Adaltag recognoscirt und, wie
ich glaube, unterfertigt auch selbst; aber als es zur letzten
Vollziehung des Diploms kommt, ist Poppe entweder anwesend
oder es wird seiner doch gedacht. Ein Günstling des Hofes ^
mag Adaltag in den ersten Monaten am häufigsten direct den
Befehl zur Beurkundung erhalten haben und nach früherem,
hier zum letzten Male wiederkehrenden Brauche liess er dann
die Präcepte unterfertigen mit Adeltag advicem Hildiperti (oder
Rotperti); der Kanzler Poppe blieb dabei, den einen Fall aus-
genommen, aus dem Spiele, wurde aber auch nicht in seinen
Rechten gekränkt. So erklärt fügen sich auch diese Sub-
scriptionen in die Normen, welche, wie ich gezeigt zu haben
meine, sich aus den Verhältnissen entwickelt und lange Be-
stand hatten, während wir, sobald wir Adaltag zum Kanzler
neben Poppe machen, ohne zwingenden Grund eine Abweichung
von einer sicher erkennbaren und überdies sehr verständigen
Ordnung der Dinge annehmen würden.
Es erübrigt mir die Grenze zwischen Poppe und seinem
'Nachfolger Bruno genau und mit Rücksicht auf einzelne
1 Dümmler Otto 67.
7\ri Sickel.
Urkunden festzustellen. Während des Zuges Ottos nach dem
Westen des Reiches * wird Brun von Utrecht aus, wo er er-
zogen worden war, zu den- Seinen zurückgekehrt sein. Dazu
passt, dass er als Recognoscent zuerst in dem am 25. Sep-
tember 940 in Corvei ausgestellten Diplom St. 92 genannt
wird. Meiner Berechnung nach schliessen sich die nächsten
Präcepte in folgender Reihe an : St. 102 ist am 7. Januar 941
zu Dalheim ertheilt, St. 95 am 23. April 941 (Magdebui^),
St. 96 am 30. Mai 941 zu Ingelheim, und damit beginnt die
ununterbrochene Reihe der in Bruns Namen unterfertigten
Urkunden. ^ Hat also Brun nach St. 92 das Kanzleramt bereits
im Herbst 940 angetreten, ^ so ist doch noch die eine Urkunde
St. 95, deren sämmtliche Zeitmerkmale den 23. April 941 er-
geben, von dem Vorgänger Poppo recognoscirt worden. So
auffallend das erscheint, so wird uns doch durch die äusseren
Merkmale des Originaldiploms St. 95 eine genügende Erklärung
geboten. Die Urkunde erweist sich nämlich als in mindestens
drei Absätzen entstanden. Zuerst war das Pergament mit der
Unterschrift des Königs und mit dem Namen des Recognos-
centen Poppo versehen worden. In zweiter Linie wurde der
Context geschrieben. Weiter wurde zu Poppo hinzugefügt ad-
vicem Friderici recognovi nebst dem Recognitionszeichen und
zugleich gesiegelt. Nicht so sicher lässt sich erkennen, wann
die Datirungszeile geschrieben ist und ob das in einem Tage
geschehen ist oder nicht. Untere Ausläufer des Recognitions-
Zeichens liegen auf Buchstaben der letzten Zeile auf, sind also
später gezeichnet. Das entscheidet aber noch nicht über den
Moment der Eintragung der Zahlzeichen. Von diesen sind
augenscheinlich XIII (nämlich fiir die Indiction) und V (für
die anni regni) gleichzeitig mit den Worten der ganzen For-
mel geschrieben, und so wird man das gleiche wohl auch für
1 Dümmler 105.
3 St. 93 kommt als Fälschung Dicht in Betracht. St. 94 versetze ich zum
10. Januar 942. Im übrigen ordne ich die Diplome ebenso wie Stumpf.
3 An sich wäre allerdings durch den Zusatz cancellarius in St. 92 und 94
noch nicht ausgeschlossen, dass Brun in beiden FfiUen nach der zuletzt
von Adaltag gebrauchten Formel N. adv. A. recognoscirt hätte; aber
eine Unterordnung des königlichen Prinzen als Notar unter den Kanzler
Poppo scheint mir undenkbar.
Beiträge tut Diplonaük YII. 719
DCCCCXLI annehmen dürfen, obgleich liier . eine Correctur
stattgefunden hat, indem der Schreiber ursprunglich nach den
Hunderten XXX gesetzt hat und erst durch Correctur das
richtige XLI erzielt hat. Ich glaube diesem Schriftbefunde fol-
gende Deutung geben zu müssen. lussus war in diesem Falle
Poppo und dem entsprechend nahm sein Amanuensis Poppo A
ein Pergamentblatt, auf dem unter andern der Name des Recognos-
centen schon vorgeschrieben war. Der Name des Erzkapellans
war dabei noch nicht genannt, so dass je nach den Umständen
auch Rodbertus statt Fridericus gesetzt werden konnte. Ober-
halb der unteren zuerst entstandenen Schriftzeilen wurde der
Context mundirt und zwar offenbar zu einer Zeit, da, wovon
ich gleich noch reden werde, bereits ein neuer Dictator in die
Kanzlei eingetreten war. ^ Dann mag aus irgend welchen Gründen
die Unterfertigung sich noch hinausgezogen haben, kurz diese
erfolgte erst im April 941, aber nothwendiger Weise im Namen
und nach der Art des schon vorher genannten Recognoscenten,
daher auch durch dessen Schreiber. Denn auch nachdem Brun
an die Stelle von Poppo getreten war, lag diesem die Voll-
ziehung der Stücke ob, welche er anzufertigen den Befehl
erhalten und auch bereits begonnen hatte. Natürlich drängt
sich nun die Frage auf, wie sich unter solchen Umständen
actum und datum zu einander verhalten. Die Handlung wird
in Magdeburg, wir erfahren nicht wann? stattgefunden haben.
Die Zeitangaben werden nur auf die Ausfertigung bezogen
werden dürfen. Damit wird auch das Bedenken behoben, das
sich Dümmler (S. 118) aufgedrängt hatte. Was Widukin$l 2, 31
von der Bestrafung der in Quedlinburg entlarvten Verschwörer
erzählt, braucht nicht nach Magdeburg verlegt zu werden,
sondern kann sich noch in Quedlinburg abgespielt haben. Zur
Qeschichte Poppos erhalten wir somit folgende Aufschlüsse.
Er hat das Kanzleramt an den Bruder des Königs abtreten
müssen, ehe ihm ein Bischofsstuhl angewiesen wurde; aber
dass er bereits die bischöflichen Weihen empfangen, nachdem
ihm das erledigte Bisthum Würzburg verliehen worden war, ^
^ PA. hat also das Stück nach einem Concept geschrieben, aber wie das
damals häufig war, nach einem unvollständigen Conceptc, das er erst
durch die ihm eigenth um liehe Corroborationsformel ergänzte.
^ Ich halte mich an die Daten in Dümmler 119, Anm. 6.
720 Sickel.
hat nicht der AbwickluDg der Eanzleigeschäfte durch ihn im
Wege gestanden.
Uebrigens war das niedere Personal der Kanzlei, noch
ehe diese Brun übertragen wurde, zum Theil erneuert worden.
Schon in St. 70 und 71 vom 21. September 937 taucht ein
neuer Dictator auf. Von letzterer Urkunde sind zwei Original-
ausfertigungen auf uns gekommen: die eine jetzt in Berlin
von Poppo A geschrieben, die andere dagegen jetzt in Magde-
burg von der Hand eines gewissen Hoholt, eines Notars welcher
unter Brun sehr häufig begegnet. Dieses Hoholt Handschrift
lässt sich allerdings heutzutage, abgesehen von St. 71, erst in
einem Originaldiplom vom Jahre 943 (St. 110) nachweisen.
Aber wer mit seinen stilistischen Besonderheiten vertraut ist,
wird mehr als ein jetzt nur in Copie vorliegendes Präcept der
unmittelbar vorausgehenden Jahre ihm als Schreiber heilten
müssen, so schon das erste von Brun recognoscirte St. 92.
Somit könnte er auch bereits 937 in der Kanzlei an St. 71
mitgearbeitet haben; nur lässt sich nicht erweisen, dass das
zweite £xemplar von St. 71 zu gleicher Zeit mit dem ersten
angefertigt worden ist. Lassen sich nun über lloholts Herkunft
höchstens Vermuthungen aufstellen, so hat unzweifelhaft der
Dictator von St. 70 und 71 nähere Beziehungen zu Magdeburg
und zu St. Maximin in Trier gehabt. Damit hängt zusammen,
dass auch St. 88 für letztgenanntes Kloster und zwar noch von
Poppo unterfertigt sehr verwandter Fassung ist, so dass also
schon unter diesem Kanzler neue Dictatoren aus Lothringen
und in. Hoholt vielleicht auch ein neuer Ingrossist in das Amt
eingetreten sind, und zwar Männer, welche dann unter Brun
fortdienen, während das Personal, welches einst durch Poppo
herangezogen worden war, mit ihm von der Bühne verschwindet.
Drängt sich hier die Frage auf, ob wir die weiteren Per-
sonalveränderungen in der Kanzlei dem neuen Vorsteher zu-
schreiben sollen oder nicht, so tnüssen wir uns darüber klai'
zu werden suchen, weshalb er gelbst zum Kanzler eingesetzt
worden sein mag. Vor allem wird der Umstand beachtet werden
müssen, dass Bruno damals höchstens sechzehn Jahre alt war
und überdies fern vom Hofe gelebt hatte. Wie hoch man also
seine Begabung und die Bildung, welche er sich bis dahin
angeeignet hatte, anschlagen möge, soll ein so junger HeiT wolil
Beitrftge znr DipTomatik Yll. 721
berufen erachtet und berufen gewesen sein, einen besonderen
und, wie man gemeint hat, reformirenden Einfiuss auf die.
Besetzung der Stellen und auf die Führung der Geschäfte der
Kanzlei auszuüben? Die Ernennung Bruns zum Kanzler lässt
sich besser erklären. Dem Prinzen geistlichen Standes liess
sich kaum eine passendere Stellung als diese bei Hofe be-
reiten. Um dem Amte in der Weise vorzustehen, wie es
Salomon und Poppo gethan hatten , bedurfte es keiner be-
sondern Vorkenntnisse und Fertigkeiten. Es kam vielmehr
darauf an, dem Könige volle Bürgschaft zu bieten und sein
Vertrauen zu geniessen. Endlich mochte dem König durch die
damalige Haltung der Erzkapellane, auf die ich noch zu sprechen
komme, nahe gelegt sein, das Kanzleramt den Händen einer
besonders hochgeborenen und angesehenen Person anzuver-
trauen. In all diesen Beziehungen war des Königs Bruder wie
kein anderer zu dem Posten geeignet. Wenn aber Brun selbst
um seiner Jugend und seines Vorlebens wegen erst in die
Geschäfte eingeführt werden musste, so wird nicht er das neue
Bureau zusammengesetzt haben, sondern wohl die, welche be-
reits im Laufe des Jahres 940 neue Arbeitskräfte herangezogen
hatten, d. h. momentan bei Hofe massgebende Persönlich-
keiten, die möglicher Weise auch auf die Ernennung Bruns
eingewirkt hatten.
Die Kanzleiperiode Bruns zer&Ilt gleich der des Vor-
gängers Poppo in zwei Abschnitte. Bis zum Aufbruch Ottos
nach Italien im Jahre 951 wird nämlidi Brun in allen Di-
plomen als Recognoscent genannt und zwar mit dem Titel
cancellarius. ^ Einzelne Subscribenten flihren ihn nach altem
Brauch durch die Sigle B auch im Unterschriftszeichen noch-
mals als Kecognoscenten an. Indem er so ganz ausschliesslich
für die Vollziehung der Befehle des Königs einsteht, müssen
wir fragen^ ob er durch eilf Jahre hindurch ununterbrochen
in der Umgebung des Königs geweilt oder ob er gleich Salomon
auch in Fällen der Abwesenheit seinen Namen zur Recognition
^ DaBS die Recognition von St. 94 nicht so lantet^ wie in den bisherigen
Drucken angegeben war, auf die sich noch Waitz Verf. Gesch. 6, 285
stützen musste, hat bereits Stumpf Wirzb. Immunitäten 1, 11 bemerkt.
Dass die obiger Annahme im Wege stehenden St. 163, 178, 191 in
spätere Jahre zu versetzen sind, wird sich ans dem Folgenden ergeben.
722 Siekel.
hergegeben liat. Letzteres wäre ziemlich erwiesen, w^enn wir mit
.Stumpf eine zu Frankfurt ausgestellte Urkunde for Reichemc
(St. 152) zum 28. November 947 setzen müssten, denn Br&
wird uns ausdrücklich als Theilnehmer einer am 17. NovemW
947 zu Verdun eröffneten Synode genannt. * Aber in der Da-
tirung ist das Incarnationsjahr mit 947 offenbar, wie auch
damals schon in einigen andern Diplomen, falsch angesetzt
und nach dem eilften Regierungsjahre ist das Stück in deo
November 946 einzureihen. ^ Und da andere hier verwerthbare
Daten nicht zu Gebote stehen, muss jene Frage unbeantwortet
bleiben.
Was den zweiten Abschnitt der Eanzleiperiode charakte-
risirt, will ich hier nur vorläufig angeben. Seit dem Aufenthalt
in Italien wechselt die Art der Recognition C. adv. A. noch-
mals mit der andern N. adv. C. ab, so dass wir wiedenun
von dem einen und andern mit der Recognition betrauten Notar
den Namen kennen lernen. Sich selbst bezeichnen diese Be-
cognoscenten nach 951 bald mit notarius, bald mit cancelk-
rius. Letzterem entsprechend legen sie Bran in den FäUes
der Anwendung von N. adv. C. den Titel archicancellarios
oder selbst archicapellanus bei.
Um dieser Unterschiede willen thun wir gut, uns auch
bei der näheren Betrachtung der Subscriptionen zanächat auf
die Zeit bis 951 zu beschränken. In ganz auffallender Weise
mehrt sich hier die Zahl der mit der Unterfertigung betrauten
Männer. Dass sich Brun selbst dazu herabgelassen habe, glaube
ich von vorhinein als durchaus unwahrscheinlich ausachliesseD
zu dürfen, nachdem wir gesehen haben, dass seine beiden
Vorgänger im Kanzleramt, ja selbst Notare wie Udalfrid, es
regelmässig den Ingrossisten überliessen, Recognitionsformel
und Zeichen zu liefern. Ich lege also sämmtliche Subscriptionen
den Untergebenen des Kanzlers bei, und da vermag ich als za
diesem Geschäft häufiger verwendet von 941 bis 951 sieben
Personen zu unterscheiden. Das erste Vorkommen von Brun A
1 Dttmmler 158.
^ St 162 liegt noch in zwei von Hoholt geschriebenen Ansferti^ngen vor,
(leren eine mit Siegel versehen ist, die andere aber nie gesiegelt war.
In beiden lautet die Datirnng durchaus gleich und zwar unvoUstandis^.
indem die Indietion nicht angegeheu ist.
B«itr&ge inr Diplomatik VII. 723
oder Hoholt erwähnte ich schon; er hat noch an St. 232 vom
30. December 952 mitgearbeitet. Neben ihm am thätigsten war
Brun B. Er schrieb bereits am 10. Januar 941 St. 102 und
unterfertigte noch am 26. December 948 St. 170. In Vergleich
mit diesen Männern kommen die andern Subscribenten dieses
«
Zeitabschnitts so selten vor^ dass ich gleich alle die Diplome
anführen kann^ an deren Ausfertigung sie betheiligt waren.
Brun C tritt zuerst in St. 412 und 413 vom October 942 ^ auf,
schrieb dann das zweite Exemplar von St. 158, ferner St. 190
und endlich mit Hoholt St. 232. Brun D als Scriptor oder
Subscribent, denn in seiner Eigenschaft als Dictator kann ich
ihn erst in anderem Zusammenhange vorführen, kenne ich aus
dem einen Exemplar von St. 130 aus dem Jahre 946, aus
St. 131; 148 und aus St. 192 vom Januar 951. Brun E be-
gegnet in den Jahren 948—952 in St. 169, 185, 226 und Brun F
seit 949 in St. 168, 180, 192. Endlich habe ich Otbert zu
nennen, welcher seit 949 für Bruno in St. 165, 179, 218 unter-
fertigt, dann St. 217, 219 im eigenen Namen recognoscirt.
Wahrscheinlich hatte der Rücktritt von Brun B zur Folge,
dass in den nächsten Jahren so verschiedene Subscribenten Ver-
wendung fanden.
Mit den fünf zuletzt genannten Männern und mit einigen,
welche ich als Subscribenten im Jahre 952 noch anzuführen
haben werde, hat es eine eigene Bewandtniss. Obgleich meh-
rere, wie schon die citirten Regestennummern oder die Daten
lehren, noch nach 951 unter Bruno, ja einige selbst nach 953
unter dessen Nachfolger Liudolf in der Kanzlei arbeiten, so
treten sie doch nur vereinzelt auf. Sie erscheinen insofern und
noch mehr, wenn man die Orte, an denen sie fungiren, in Be-
tracht zieht, als vorübergehende Hofgenossen, nicht als ständige
Mitglieder der Kanzlei, nicht als ständige Begleiter des Kanzlers.
Sie nennen sich jedoch Notare, ja nach 951 wohl auch Kanzler
und sie sind betreffs des Ärbeitsantheils den durch viele Jahre
hindurch nachweisbaren Hoholt und Brun B ganz gleichgestellt
gewesen. Ich erinnere hier an jenen Notker, der unter Poppe
gleichfalls vorübergehend, d. h. in St. 83 als Recognoscent und
Subscribent und in St. 84 als Subscribent auftritt. Aber schon
^ Ueber die Datirung s. Beitr. zar Diplomatik 6, 437.
Sitzongsber. d. phil.-hist. Ol. XCIII. Bd. IV. Hft. 47
724
Biekel.
das begründet einen Unterschied, dass der Fall unter Poppo
vereinzelt dasteht; während unter Bruno durch einige Jahre
hindurch fast das ganze Geschäft solchen nichtständigen No-
taren überlassen wurde. Ferner, während Notker sich auf die
ihm anvertraute Arbeit so gut wie die anderen damals in der
Kanzlei thätigen Notare verstand, lassen die Leistungen jener
unter Bruno auftretenden Männer sehr viel zu wünschen übrig.
Man mag die Schrift der betreffenden Originaldiplome ins
Auge fassen oder die Dictamina oder die Protokollformeln
oder die Zählungsweise der Jahresmerkmale, so muss man
zweifeln, ob diese Männer gelernte und geschulte Notare sind,
ob sie mit der Tradition vertraut sind und sich an das Her-
kommen binden wollen. Durch sie ist das Urkundenwesen
geradezu in Unordnung gebracht worden. Indem einige von
ihnen unter Liudolf wieder auftreten, indem dann Männer
gleichen Schlages zur Kanzleiarbeit zugezogen werden, reisst
immer grössere Willkür und Nachlässigkeit ein, wie ich das
schon an anderem Orte gezeigt habe. ^ So verhält es sich in
Wirklichkeit mit den angeblichen Verdiensten Bruns um die
Kanzlei. Unter all den seit 948 von Brun bestellten Notaren
macht nur Otbert eine vortheilhafte Ausnahme. Von seinem
ersten Auftreten an legte er Proben seiner Kenntnisse und
Fertigkeiten ab, und das mag man wenigstens noch zu schätzen
gewusst haben, indem man ihn später zum ständigen Mitglied
der Kanzlei machte.
Ich habe schon früher ^ Otbert und seine Genossen unter
Liudolf als Lothringer bezeichnet. Hier trage ich nach, dass ich
auch Brun C, D, E, F demselben Kreise zurechne. Dass sie unter
einander in Verbindung stehen, geht schon daraus hervor, dass
mehrfach je zwei derselben, wie obige Zusammenstellung lehrt, an
demselben Präcept gearbeitet haben. Es werden Mönche gewesen
sein, die entweder aus Lothringen nach Magdeburg gekommen
waren oder doch in das S. Morizkloster eingetreten, dort ge-
lernt hatten, Mönche die dem Könige aufwarteten, wenn er
in die Nähe von Magdebui^ kam, und ihm dann etwa auch
einmal bis nach Franken oder Westfalen folgten, aber immer
' In den Beitr. zur Dipl. 6.
2 Beitr. zur Dipl. G, 367 ff.
Beitrüge xar Diplomftük VII. 725
nur nach Gelegenheit zu den Kanzleigeschäften herbeigezogen
wurden.
Hier sei des weiteren bemerkt, dass auch für die Zeit bis
951 mit den sieben zuvor aufgezählten Männern die Zahl der
Subscribenten nicht einmal erschöpft ist. Denn neben den wenn
auch kleinen Urkundengruppen, welche je einem bestimmten
Schreiber zuzuweisen sind, gibt es noch mehrere Urkunden,
welche alle Merkmale der Originalität an sich tragen, aber
von Händen geschrieben sind, die sich in dem Vorrath der auf
uns gekommenen Schriftstücke nicht ein zweites Mal finden.
Steht nun fest, dass man sich unter Brun und seinen nächsten
Nachfolgern, ohne die Befähigung zu prüfen, der ersten besten
Schreiber bedient und ihnen auch die Unterfertigung überlassen
hat^ so entfallt jeder Grund, Urkunden von unzweifelhaft zeit-
gemässer Schrift nur deshalb die Genuinität abzusprechen, weil
sich die specielle Handschrift nicht durch zweite Exemplare
belegen lässt. In dieser Hinsicht will ich besonders auf das
in Wallhausen am 28. Juli 951, also unmittelbar vor dem
Aufbruch des Königs ausgestellte St. 194 verweisen, das den
graphischen Kennzeichen nach vereinzelt dasteht und doch
unanfechtbar ist: auch hier wird ein gerade anwesender Mann
mit dem Schreiben und Unterfertigen betraut worden sein. ^
Mit dem Aufbruch des Königs nach Italien beginnt der
zweite Abschnitt der Kanzleiperiode Bruns. Bezeichnend fär
ihn ist eine Thatsache, die sich aus der näheren Betrachtung
der aus zwölf Monaten vorliegenden Urkunden ergibt. Weder
* Unmittelbar an St. 194 ist die echte Vorlage einzureihen, welche dem
allerding^s interpolirten St. 214 ssn Grunde liegt. Es ist bezeichnend für
die bisherige Art Diplome zu beurtheilen, dass man um des Namens
Walpert Löwenberger willen und ohne sich der Mühe weiterer Unter-
suchung zu unterziehen, diese Urkunde verworfen hat. Sie wird einer-
seits durch ihre Uebereiftstimmung mit St. 194 und andererseits durch
die Abweichungen von St. 194 gestützt. BestSnde nur die erstere, so
könnte man eine Benutzung von St 194 für die Fälschung St. 214 an-
nehmen. Aber dass St. 214 daneben Kennseichen besonderer Art trägt,
welche St. 194 abgehen, dagegen in anderen Diplomen dieser Zeit vor-
kommen, lässt sich, wenn man nicht den Fälschern die Ehre anthun
will, sie als perfecte Diplomatiker zu betrachten, uicht anders erklären
als dasfl das jetzt veranstaltete St. 214 auf eine echte Kanzleiausferti-
guug zurückzufilbren ist.
47*
726 Siekal.
Hoholt noch Otbert, welche wir als die einzigen geschalten
und ständigen Mitglieder der Kanzlei im Jahre 951 kennen
lernten, können sich im Gefolge des Königs und Kanzlers
befunden haben; wenigstens verräth nicht eine der zwischen
dem August 951 und dem August 952 ausgestellten Urkunden
den geringsten Arbeitsantheil dieser beiden Männer. Dagegen
muss der eine und andere der übrigen zuvor angeführten
Männer mit über die Alpen gezogen und für die Kanzleiarbeit
verwendet worden sein. Allerdings vermag ich keinen derselben
als Ingrossisten oder Subscribenten in den noch erhaltenen Ori-
ginaldiplomen nachzuweisen. Aber möglicher Weise haben sie
vereinzelt als Recognoscenten fuogirt. Und sicher haben sie
auf die Abfassung einiger Stücke Einäuss genommen. Es ist,
das darzuthun und überhaupt eine rechte Vorstellung von
der damaligen Geschäftsführung und dem häufigen Wechsel
in derselben zu geben, unumgänglich, sämmtliche Diplome
dieser Zeit aufzuzählen und im einzelnen zu kennzeichnen.
Die Thatsache selbst legt uns aber ihre Deutung nahe. Indem
der König auf Widerstand gefasst war und sich zum Kriege
gerüstet hatte, ^ mag man der Kanzlei entbehren zu können ge-
meint haben; desungeachtet konnten sich Magdeburger Mönche
im Gefolge Bruns befinden. Da es dann doch Arbeit für die
Kanzlei gab, wurden in erster Linie sie verwendet, wurden
aber zugleich, wie wir sehen werden, an Ort und Stelle neue
Kräfte gewonnen.
In Pavia wurde am 23. September 951 einem Vasallen
des Herzogs Heinrich St. 195 ertheilt. In der auf uns ge-
kommenen Copie ist die Subscription unterdrückt worden. Für
den Context ist eine damals sehr verbreitete Formel verwerthet
worden.- Anomal lautet dagegen die Datirung. Aber gerade
diese Besonderheit wiederholt sich in mehreren Diplomen des-
selben Jahres, und wenn wir nun beachten, dass mehrere der
neben Hoholt, Brun B und Otbert begegnenden Subscribenten
das Protokoll ziemlich frei behandeln und dass unter anderen
Brun C die Datirungsformel fast in jedem Präcept anders
> Dümmler 194.
2 Charakteristisch ist nur der Schlasssatz : iussimus quuque hoc preceptam
inde scribi subtasque manu propria roboratam buUa nostra sifrtllari.
HöchstenB buUa lässt da auf italischen Einfluss schliessen.
Beitrag« mr Diplomatik YII. 727
gestaltet, so würde eben die Anwesenheit des einen und andern
dieser Notare die wiederholten Abweichungen von den strengen
Kanzleinormen genügend erklären.
Ich schalte hier eiu; dass von einer Zweitheilung der
Kanzlei; je nachdem für das Reich im bisherigen Umfange
oder fär das eben eroberte italienische Oebiet zu Urkunden
war, damals noch nicht ernstlich die Rede gewesen sein kann. ^
Doch lag es nahe^ besonders wenn der Kanzler seine ständigen
Notare nicht zur Hand hatte^ auch Wälsche zur Arbeit heran-
zuziehen, und zumal da^ wo für Angehörige Italiens Präcepte
auszustellen und dortige Verhältnisse und Bräuche etwa zu
berücksichtigen waren. So ist man offenbar bei Anfertigung
von St. 196 für einen Geistlichen in Vercelli vorgegangen. Es
wurde nicht allein, advicem Bruningi^ recognoscirt, welcher in
den letzten fünf Jahren das Erzkanzleramt in Italien bekleidet
hatte, ^ sondern es wurde auch als Schreiber und Subscribent
ein Mann verwendet, der gleichfalls der Kanzlei der einheimi-
schen Könige angehört hatte. ^ Ja Brun hat gleich darauf einen
Italiener zum ständigen Mitglied der Kanzlei gemacht, nämlich
Wigföd, von dem die Originalurkunden St. 199, 200, 203,
208 — 210 geschrieben sind, dessen Einwirkung auf die uns
abschriftlich überlieferten St. 198, 202, 204—207 unverkennbar
ist, dem die Recognition von St. 200, 202—206, 208—210 über-
lassen wurde. '^ Schrift, Sprache und Orthographie verrathen den
Wälschen. *' Auch an Uebung hat es ihm nicht gefehlt, so
dass wir ihn als im Kanzleidienst aufgewachsen betrachten
müssen. Brun ist also, da man sich beim Aufbruch nach Italien
nicht genügend vorgesehen hatte, darauf bedacht gewesen, für
1 Vgl, Stumpf Wirzb. Imraunitiiten 1, 33, Anm. 56. — Ich werde später
den im Jahre 951 beobachteten Vorgang mit dem de» Jahres 962 ver-
gleichen.
2 Vollständig lautet die Unterschrift: Brun cancellarius advicem Bmnigigi
episcopi et archicancellarii.
3 Dümmler 140.
* Unter andern ist das Diplom vom 13. November 943 für das Kloster des
h. Eusebius (Original in Vercelli, gedruckt in Hist. patriae Mon., DD. 1,
152 no 91) von gleicher Hand wie St. 196.
5 In St. 198, 199, 207 ist Brun als Recognoscent genannt.
^ Die Ausführung behalte ich mir für die nächste Abhandlung vor, in der
Ich dann auch näher auf die Herkunft dieses Notars eingehen werde.
728 Sickel.
mehr normale Besorgung der Geschäfte einen geschäftskundigen
Mann zu gewinnen. Demselben wurde aber erst mit der Zeit
freie Hand gelassen. Auf das Protokoll und die Fassung von
St. 198 nämlich; das ebenfalls der Sprachformen wegen Wigfrid
beigelegt werden muss, haben ersichtlicher Weise die deutschen
Begleiter des Eanzlei-s noch Einäuss genommen, insbesondere
wohl Brun F^ dessen Elaborat St. 180 manches Kennzeichen
mit St. 198 gemein hat. Desgleichen ist Wigfrid für St. 202
das Concept geliefert, wahrscheinlich ganz vollständig, da die
Datirung wiederum an St. 195 erinnert. Die übrigen Diplome
dagegen sind, wenn auch das eine und andere sich an Vor-
urkunden anschliesst, von Anfang bis Ende Wigfrids Werk.
Indem Wigfrid den König zwar nach Deutschland be-
gleitete, aber bald in seine Heimath zurückkehrte, wo wir ihn
nach vielen Jahren nochmals als Subscribenten von St. 346
antreffen, fehlte es der Kanzlei wieder an den rechten Arbeits-
kräften. Das wird ganz klar, wenn man die nächstfolgenden
Präcepte überblickt und so weit als möglich die Dictatoren,
Subscribenten und Recognoscenten derselben feststellt, nämlich,
wie ich sie anordne, St. 224, 212, 225, 226, 213, 178, 216.
In einer einzigen Urkunde dieser Reihe, in St. 213, * wird der
Kanzler selbst als Recognoscent genannt. Dagegen hat an
seiner Statt jener Liudolf, der dem königlichen Hause verwandt
war, einige Male als Hofkapellan genannt wird, später Bruno
als Kanzler nachfolgte, St. 224, 225, 226 recognoscirt. Oleich-
falls an Bruns Statt beglaubigte Abraham notarius St. 212,
Enno notarius St. 178, endlich Haolt cancellarius St. 216.^
^ Inhaltlich allerdings eine Fälschung, für welche aber eine entschieden
echte Urkunde benutzt worden ist: dieser ist nicht allein das Protokoll
entnommen, sondern auch der Satz: qnocirca — snccedentinm, welcher
mit 8t. 178 übereinstimmt.
3 Dass ich St. 224, 225, 226 abweichend von Stumpf zum Jahre 952 ein-
reihe, vermag ich hier nicht zu begründen, da ich sonst auf alle Fragen
der Datirung eingehen müsste. Dagegen kann ich über die Datirung
von St. 178 (nSmlich zu 952 Juli 4) gleich Rechenschaft geben. Um
der Art der Recognition willen setze ich dies Stück nach dem Jahre 951
und, da gerade annus rogni XVI am besten bezeugt ist, zu 952. — Ficker
Beiträge 2, 170 hält Haolt in St 216 für identisch mit Hoholt und nimmt
an, dass der Notar Hoholt das Concept unterfertigt habe und demzufolge
auch in der Reinschrift, wenn auch in anderer Namensform angeführt
Beitrftge zur Diplomatik VII. 729
Also ein fast ununterbrochener Wechsel. ^ Ebenso wechseln in
diesen Monaten^ soweit wir nach den Originalen urtheilen
können, ^ die Schreiber, deren ich mindestens drei zu unter-
scheiden vermag. Des weitern sind die Contexte dieser sieben
Urkunden sehr mannigfaltig ausgefallen und auch die Proto-
kolle weisen allerlei Abweichungen von den Normen auf. Dabei
erinnert die Ungebundenheit in Bezug auf die Titulatur des
Königs und betreffs der Datirung wiederum an die Männer,
welche vor 951 neben Hoholt und Brun B dann und wann
an der Kanzleiarbeit theilnahmen, und insbesondere wiederholt
sich in St. 212 und 178 die gleiche Umstellung der Zeitmerk-
male wie in St. 195, 202 oder wie in den von Brun F
subscribirten Urkunden. Kurz, bis in den August 952 hinein
vermisse ich (von Wigfrid abgesehen) das ordentliche und ge-
schulte Personal der Kanzlei, die Stetigkeit in der Anfertigung
der Diplome und in der Vollziehung derselben durch Recogni-
tion, die Kenntniss oder doch die Beobachtung der herkömm-
lichen Normen. Und daraus folgere ich, dass das ständige
Personal der Kanzlei, wie es im Herbst 951 daheim geblieben
ist, sich auch nicht sofort nach der Rückkehr des Königs auf
deutschen Boden wieder bei Hofe eingefunden hat.
Erst indem Otbert und Hoholt von neuem zur Arbeit
herangezogen wurden, kam wieder Ordnung in die Geschäfts-
führung. Jener schrieb St. 217 — 219 und recognoscirte im
eigenen Namen St. 217 und 219, während er das dritte Diplom
für Brun als Recognoscenten unterfertigte. Es folgen darauf
St. 232, 153, 191, an deren Entstehung Hoholt mehrfach
worden sei. Aber ao sich ist, worauf ich bei anderer Gelegenheit zurück-
kommen werde, Fickers Hypothese von der Uuterfertigung der Concepte
durch die Recognoscenten nicht haltbar. Andererseits erklärt gerade der
oben dargelegte Sachverhalt zur Gentige, dass in dieser Zeit gewisse
Recognoscenten nur ein Mal vorkommen.
* Nur etwas besser würde es mit der Besetzung der Kauzlei stehen, wenn
etwa, worüber bei der Beschaffenheit des Materials keine Gewissheit zu
erzielen ist, in Abl*aham, Enno, Haolt die Namen der Männer stecken
sollten, die ich zuvor mit Brun C u. s. w. bezeichnen musste.
^ Indem der modernen Copie von St. 213 ein Facsimile des angeblichen
Originals beigefügt ist, kann ich auch von letzterm sagen, dass bei An-
fertigung desselben ein Präcept von der Hand des Ingrossisten von St. 224
als Scbreibyorlage gedient ik&ben muss.
730 Sickel.
betheiligt ist, denn St. 153 und 191 hat er selbst recognoscirt
und St. 232; von Brun recognoscirt, hat er in Gemeinschaft
mit Brun C gesehrieben. ^ Endlich schliessen sich St. 221 — ^223
an, in denen wiederum der Kanzler selbst als Recognoscent
auftritt. Indem die Schrift von St. 221 an die von St. 226
und die Schrift von St. 223 an die von 224 erinnert, ersehen
wir, dasB neben oder unter Otbert und Hoheit auch Schreiber,
die sich im Jahre 952 nachweisen lassen, in Thätigkeit ge-
blieben sind.
Ich habe bisher St. 222 vom 21. April 953 (denn St. 223
ist ohne Tages- und Monatsbezeichnung, wird aber um des ge-
meinsamen Ausstellungsortes Quedlinburg willen an St. 222
anzureihen sein) als das letzte Diplom aus der Eanzleiperiode
Bruns aufgeführt, der es als von Brun cancellarius advicem
Rothberti archicapellani recognoscirt sicher noch angehört. Ob
wir diese Periode noch weiter zu erstrecken haben oder nicht,
lässt sich erst entscheiden, wenn wir den relativen Werth der
damals üblichen Titulaturen festgestellt haben.
Wir sahen schon, dass Brun in den Jahren 941 — 951
alle Diplome in seinem Namen unterfertigen liess. Es geschah
aber regelmässig advicem illius, d. h. anstatt eines der Erz-
bischöfe von Mainz, Trier, Köln oder Salzburg, als der Nach-
folger der Männer, welche in vergangenen Zeiten oberste Leiter
der Kanzlei gewesen waren. Gleiche Ehre wurde, als für
Italien geurkundet wurde, erst dem Bischof Bruning von Asti
in St. l96 (archicancellarius) zu Theil, dann dem Erzbischof
Mannasse von Mailand (in St. 199 archicapellanus, in St. 207
archicancellarius); daneben steht aber auch das Diplom für
die Veroneser Geistlichkeit St. 198 mit advicem Frithurici
archicapellani. Zwischen Erzkanzler und Erzkapellan ist offen-
bar mit der Zeit nicht mehr geschieden worden oder besser
1 Das Original von 8t. 153 ist datirt: kal. iau. anno domini DCCCCLVIII,
Ind. VI, regnante pio rege Ottone anno XVII; actnm Franconefnrt etc.
Hier ist DCCCCLVIII verschrieben statt DCCCCLIII. Die unrichtige
Indiction kehrt in mehreren Diplomen dieser Zeit wieder. Richtig ist
nur das Regierungsjahr. — Für St. 191 bieten die mehrfachen Uebcr-
lieferungeu sehr verschiedene Zeitmerkmale, so dass ich es nur ans
WahrscheinlichkeitsgTÜnden zum 13. Jannar 953 einreihe. — Zu St. 232
vgl. meine Beitr. zur Diplomatik 6, 408 und Ficker Beitrüge 2, 507.
Beitrüge zur Diplomatik VII. 731
gesagt: der erstere Titel ist von dem zweiten fast verdrängt
worden. Wie wir sahen, begann dies schon unter Heinrich I.
(H. 40). Unter Otto I. wurde der Trierer Erzbischof nur noch
in St. 88 und der Kölner nur noch in St. 99 als archicancel-
larius aufgeführt. Dagegen wird auffallender Weise Friedrich
von MainZ; welcher früher fast ausnahmslos archicapellanus
heisst, in sieben Diplomen Erzkanzler genannt. ^ Trotzdem
werden wir den Erzkapellan-Titel als damals vorherrschend
bezeichnen dürfen.
Danach werden wir auch die dem Kanzler Brun seit dem
Jahre 951 beigelegten Bezeichnungen zu beurtheilen haben.
Von 29 Diplomen zwischen dem September 951 und dem April
953 weisen nämlich 19 die Recognitionsformel auf, welche ich
N. advicem C. nenne. In jedem dieser 19 Fälle wird nun, wie
wir das schon zu Zeiten des Aspert und des Poppe fanden,
Brun ein höherer als der Kanzlertitel gegeben: fünf Mal der
eines Erzkanzlers und dreizehn Mal der eines Erzkapellans. ^
Dass kein besonderer Werth auf die eine oder die andere
Benennung gelegt wurde, lehren die von demselben Wigfrid
subscribirten Stücke. Dennoch würde, da von Liutward ab-
gesehen noch gar kein Präcedenzfall vorlag, Brun wohl kaum
so häufig Erzkapellan genannt worden sein, wenn sich dieser
Titel nicht schon bei Erwähnung der Erzbischöfe so ein-
gebürgert hätte.
Wurde aber der Kanzler bei Unterfertigung nach der
Formel N. adv. C. regelmässig Erzkanzler oder Erzkapellan
genannt, so konnten die wieder häufiger recognoscirenden No-
tare, denen zu jeder Zeit gelegentlich auch der Titel cancel-
lariuB zugestanden war, sich desselben gleichfalls wieder be-
dienen. Dies thaten jedesmal Wigfrid, Liudolf, Hoheit, Otbert
und Haolt, so dass sich dazumal nur Abraham und Enno mit
dem Titel notarius bescliieden. Lautet demnach in St. 224,
1 Wahrscheinlich hing auch das ganz vom Belieben des jeweiligen
Schreibers ab. Unter den betreffenden Präcepten sind eines vom
17. November 942 (ineditum), sowie St. 116 und 150 von Brun B unter-
schrieben und St. 130f 131 von Brun D. Dazu kommen St. 92 (viel-
leicht von Hoholt geschrieben) und St. 141 (Eingang von Brun B, da-
gegen das EschatokoU ausserhalb der Kanzlei entstanden).
2 Ohne Titel in St. 219.
732 Siek«l.
22b, 226 vom Jahre 952 die Recognition Liutulfus cancellarius
advicem Brunonis archicappellani^ so unterscheidet sich die-
selbe in keiner Weise von der in St. 228, 229 u. s. w., d. K
in Urkunden aus der Zeit da Liudolf zum wirklichen Kanzler
und Bruno zum wirklichen Erzkapellan emporgestiegen waren.
Darin liegt die Schwierigkeit, die rechte Grenze zwischen der
Eanzleiperiode Bruns und der Liudolfs zu ziehen. Dennoch
haben bereits Stampf und Dümmler > das richtige getroffen.
Indem Brun im Context von St. 227 vom 11. August 953 nur
als dilectus frater noster bezeichnet wird, dagegen im Eingang
von St. 228 vom 20. August als venerabilis archiepiscopus,
haben wir seine Erhebung auf den Kölner Stuhl zwischen
diese zwei Zeitpunkte zu setzen. Aller Wahrscheinlichkeit nach
fallt aber mit dieser auch seine Erhebung zum Erzkapellan
und die Bestallung Liudolfs als wirklichen Kanzlers zusammen,
so dass St. 227 noch zur Kanzleiperiode Bruns zu rechnen
und die des Nachfolgers Liudolf mit St. 228 zu b^innen ist.
Unmittelbar vor seinem Austritt aus der Kanzlei hat
Brun für dieselbe noch eine neue Kraft gewonnen. Bekannt-
lich wurde Brun in Köln gewählt, während sein Bruder Mainz
belagerte. Von dort aus stattete er den Kölnern einen kurzen
Besuch ab, um nochmals in das Lager von Mainz zurückzu-
kehren. ^ Damals wird ihm in Köln ein gewisser Adalbertus
bekannt geworden sein, welcher im Jahre 950 eine Urkunde
des Erzbischofs Wicfrid von Köln vollzog, d. h. die Zeugen-
reihe schrieb und dann in verlängerten Buchstaben hinzu-
fügte: ego Adalbertus advicem Meinheri cancellarii recognovit. ^
Derselbe muss sich sofort Brun angeschlossen haben. Von dem-
selben Notar sind nämlich St. 228 für Oeren und ein Theil
von St. 229 für S. Maximin in Trier, beide vom 20. August
953, geschrieben, d. h. die ersten von dem neuen Kanzler
Liudolf recognoscirten Urkunden. * Aber auch das nur ab-
schriftlich erhaltene St. 227 hat mehrere Merkmale mit St. 228
» Jahrbücher Otto 1. 220.
2 Dümmler 220.
3 OrigiDal im Köhier Stadtarchiv, gedruckt in Ennen Quellen der Stadt
Köln 1, 464 n« 2.
* Deshalb habe ich ihn in Beitr. zur Dipl. 6, 362- 370 mit Liatolf A
bezeichnet
Beiträge zur Diplomatik VIT. 733
imd 229 gemein^ so dass Adalbert auch an dessen Ausfertigung
betheiligt erscheint. Ist das richtige so trat er schon unter Brun
in die Kanzlei ein.
Blicken wir hier nochmals auf den Wechsel in den Arten
der Recognition seit 919 zurück. Vacante cancellaria konnte
in den Jahren 919 bis 930 nur nach der Formel N. adv. A.
unterfertigt werden. Für 930 bis 936 wird man aus der ste-
henden Art C. adv. A. schliessen dürfen, dass Poppe stets
bei dem König geweilt und dessen Befehle in Empfang ge-
nommen hat, dass er sie dann zwar durch die Kotare aus-
führen Hess, aber diese gleich seinen Vorgängern nicht mehr
als Recognoscenten fungiren lassen wollte. Wo möglich hat
auch dieser Kanzler alle Verantwortung auf sich nehmen wollen.
Aber unter Otto vermochte er das nicht durchzuführen. Zu
Gunsten Adaltags wird noch einmal die Recognition N. adv. A.
aufgenommen, um dann auf immer zu verschwinden. Doch auch
N. adv. C. taucht vereinzelt, nämlich in St. 83 und 90, wieder
auf. Da Poppe nach St. 84 vom 8. April 940 als bei Hofe an-
wesend erscheint, kann die Recognition der Tags zuvor aus-
gestellten Urkunde für S. Gallen durch Notker als blosse
Ausnahme, als ein Notker oder seinem Kloster gemachtes Zu-
geständniss betrachtet werden. Ob ähnliche besondere Um-
stände die Unterfertigung von St. 90 durch Adalman bestimmt
haben, lässt sich nicht ergründen. Immerhin stossen diese zwei
Fälle die Annahme nicht um, dass Poppe nach wie vor 936
die Notare von der Recognition auszuschliessen gestrebt habe.
Die gleiche Absicht wird man dem Kanzler Brun zuschreiben
dürfen. Wenn nun doch zu Ausgang des Jahres 951 Wigfrid
und im weiteren Verlauf mehrere Notare advicem Brunonis
recognosciren, so ist das gewiss eine eigen thümliche Erschei-
nung, und es muss ganz besondere Gründe gehabt haben, von
einem Verfahren abzuweichen, das man schon in den Jahren
900 — 918, 930—936, 941 — 951 consequent, ferner auch in
den Jahren 936 — 940 nach Thunlichkeit befolgt hatte und das
man im Jahre 953 zur alleinigen Regel erhob. Wenn Ficker *
zu der Annahme hinneigt, dass An- oder Abwesenheit des
Kanzlers dabei den Ausschlag gegeben haben, so wird diese
1 Beiträge 2, 169.
734 Sickel.
Erklärung gerade für das Jahr 952 kaum am Platze sein.
Dass Brun in fremdem und zum Theil feindlichem Lande sich
anderswo als in der Nähe seines Bruders aufgehalten habe, ist
doch an sich unwahrscheinlich. Ferner wird Brun wenigstens
in drei von den Notaren recognoscirten Diplomen (St. 206,
210, 191) als Intervenient genannt, so dass es geradezu Wun-
der nehmen muss, dass der von ihm erwirkte Beurkundungs-
befehl nicht ihm ertheilt sein soll. Wichtiger ist der andere
Umstand : wenn ein ganzes Jahr hindurch fast regelmässig die
Notare iussi und als solche Recognoscenten waren, warum
haben sie nicht nach altem und noch 936 937 nachweis-
barem Brauche advicem A. subscribirt?
Den besten Aufschluss darüber, glaube ich, bietet uns
die Geschichte des Erzkapellanats. Ich habe früher (S. 675)
bemerkt, dass die politische Situation unter Arnolf dessen
Erzkapellan Theotmar von Salzburg zu statten kommen musste.
Die Sachlage wurde aber sehr bald eine andere. Bereits unter
Ludwig IV. lag der Schwerpunkt nicht mehr im Osten des Reiches,
und unter Konrad begann Baiern eine Ronderstelhmg einzu-
nehmen. Schon dadurch musste Pilgrim von Salzburg, obwohl
er sich noch im Erzkapellanate behauptete, an Autorität ein-
büssen. Dazu kam, dass der vou ihm ganz unabhängige Salomon
der eigentliche Leiter der Kanzlei wurde. So wurde schon damals
die Kanzlei der Beeinflussung durch den Erzkapellan entrückt.
Und wenn auch Heriger und Hiltibert von Mainz als Erz-
kapellane Heinrichs und in Ermanglung eines Kanzlers viel-
leicht wieder mehr auf die Besetzung der Kanzlei und die
Führung der Geschäfte einzuwirken in die Lage gekommen
sein mögen, so ist das Erzkapellanat offenbar seit den An-
fängen Ottos im Niedergang begriffen gewesen.
Als zum ersten Male im ostfränkischen Reich im Jahre
870 das Erzkapellanat einem Erzbischof, nämlich Liutbert von
Mainz, übertragen wurde, ist wohl noch nicht daran gedacht
worden, jene Würde an ein bestimmtes Erzbisthum zu knüpfen. '
Und wie wir sahen, blieb Liutbert Erzkapellan nur bis zum
Jahre 882 und wui-de dann nur noch vorübergehend zu Ende
Karl III. als solcher anerkannt. Glücklicher waren in der
i Vgl. Mühlbacher in Wiener S. R 92, Ö4Ü.
Beitr&ge snr Diplomaftik YII. 735
Beziehung die Erzbischöfe von Salzburg. Denn nachdem
Theotmar schon unter Karlmann diese Würde bekleidet hatte^
war sie ihm unbestritten unter Arnolf und Ludwig IV. bis zu
seinem Tode im Jahre 907. Und indem sich auch sein Nach-
folger Pilgrim bis zum Ende Konrads als Erzkapellan be-
hauptet hatte^ konnte in Salzburg am ehesten die Vorstellung
entstehen, dass der dortige Metropolit ein Anrecht auf das
Erzkapellanat habe. Aber erst unter Otto fand der dritte
Nachfolger Pilgrims, d. h. Erzbischof Herold Gelegenheit; sein
Recht geltend zu machen. Indessen hatten die Erzbischöfe von
Mainz ein wo möglich besseres Anrecht erworben, das nur
wieder eingeschränkt wurde durch ähnliche Ansprüche von
Trier und Köln. Ja die Mainzer strebten nach der ausschliess-
lichen Würde für das ganze Reich, während Salzburg, Trier
und Köln nur auf kleineren Gebieten anerkannt sein wollten.
Sollte es sich nun auch blos um Ehrenrechte gehandelt haben,
was kaum anzunehmen ist, so musste schon diese Concurrenz
dem Erzkapellanate abträglich werden. Noch mehr aber scha-
dete dem Ansehen der vier Erzkapellane, dass sie sich den
Plänen des Königs Otto widersetzten und doch schliesslich
unterlagen. Die Opposition der vier Erzbischöfe läuft ziemlich
parallel mit der der Herzoge und berührt sich mit derselben
in mehr als einem Punkte. Offenbar hat auch ihnen gegenüber
Otto begründete Ansprüche anerkennen, aber zugleich seine
königliche Autorität geltend machen wollen. Wie schwer ihm
das gemacht wurde, zeigen die Vorgänge des Jahres 939.
Friedrich von Mainz hatte sich offen der Empörung ange-
schlossen und musste endlich in Haft genommen werden.
Aber als Erzkapellan wie als Erzbischof unabsetzbar musste
er nach wie vor, so mächtig war doch das Herkommen, in
den Präcepten des Königs genannt werden, genoss also auch
als Rebell die mit der Würde verbundenen Vortheile. Ich
deutete schon an, dass bei der Erhebung Bruns zum Kanzler
wohl die Absicht mitgewirkt haben wird, die Kanzlei von allen
anderen Einflüssen frei und zum unbedingten Werkzeuge des
Königthums zu machen. Nun aber schloss sich auch in den
folgenden Jahren bald dieser bald jener der vier Erzbischöfe
wiederholt der Opposition an und gerade der Mainzer ging
in ihr am weitesten. Noch als Otto seinen Zug über die Alpen
736 Siclcel.
anti'at, hatte or Friedrich volles Vertrauen geschenkt und be-
auftragt, mit . dem Bischof Hartbert von Chur in Rom über die
Aufnahme dort und über die Kaiserkrönung ku unterhandeh.
Als die Gesandten heimkehrten, blieb nur Hartbert bei dem
König in der Lombardei, während der Mainzer mit Liudolf
nach Deutschland eilte und bereits zu Weihnachten 951 in
Saalfeld mit anderen Miss vergnügten zusammentraf. Was den
König und den Erzbischof damals entzweite, wissen wir nicht.
Aber wann der Bruch erfolgt sein mag, lässt sich annähernd
aus den Urkunden berechnen. Dass Friedrich in der Recogni-
tion von St. 198 am 9. October genannt wird, besagt nicht,
dass er damals anwesend gewesen sei. ' Dagegen glaube ich
aus St. 200 vom 15. October entnehmen zu können, dass Hart-
bert in Pavia beim König weilte und mit Zustimmung von
Liudolf die fiscalischen Einkünfte der Churer Grafschaft ge-
schenkt erhielt; wenn damit die dem Könige eben geleisteten
Dienste haben belohnt werden sollen, würde Hartbert bereits
von Rom zurückgekehrt sein. Somit könnte die Missstim mang
gegen Friedrich auch bis in diese Tage zurückreichen und
könnte sich erklären, dass mit St. 200 eine Neuerung betreffs
der Recognition beginnt. Dass zehn Jahre früher Anstand ge-
nommen war, den abtrünnigen Erzkapellan des Rechtes zu
entkleiden, das er auf Nennung in den Königsurkunden hatte,
schliesst nicht aus, dass man bei wiederholter Auflehnung
einen Schritt weiter gegangen ist. So nehme ich an, dass die
Nennung von Friedrich mit Absicht unterblieben ist. Unseres
Wissens ist Friedrich zuerst im August 952 auf dem Reichs-
tag zu Augsburg wieder vor dem Könige erschienen. Doch
selbst da (St. 216) und im nächsten Monat (St. 217) nahm
die Kanzlei von ihm nicht Notiz, sondern erst am 15. October
(St. 218) wurde von neuem an seiner Statt recognoscirt. Dies
alles bestätigt meine obige Annahme. Nun mag es damit auch
zusammenhängen, dass Bruno gerade zuerst in St. 200 der
Titel eines Ei^kapellans beigelegt wurde. Von einer eigent-
lichen Erhebung zu der Würde war jedoch noch nicht die
Rede, wenigstens erscheint es mir mit solcher unverträglich,
* Wie auch Diinimler 199 richtig bemerkt, Von ihm weiche ich our in
der Deutung von St. 200 ab.
fi«ilrig« sar Diploihfttik YTI. ' 737
dass Bruno doch auch in der Zwischenzeit (St. 207) als Kanzler
fnngirt und als solcher im October 952 sich auch dem wieder
zu Gnaden aufgenommenen Friedrich und desgleichen Rotbert
von Trier (St. 222) unterordnet. Aber die Absicht den Re-
bellen Friedrich nicht in den Urkunden zu nennen, erklärt
endlich auch, dass man unter so ausserordentlichen Verhält-
nissen noch einmal zu der seit lange möglichst vermiedenen
Art der Recognition N. adv. C. zurückgriff, nämlich um nicht,
wenn der Notar iussus und deshalb Recognoscent war, den Erz-
kapellan als seinen Gewähren anfuhren zu müssen. ^ Anders
stand es, sobald Brun Erzkapellan geworden war: nun konnte
die lange angebahnte Neuerung für alle Folgezeit durchgeführt
werden, in allen Fällen mit Ausschluss der Notare die jeweili-
gen Kanzler als Recognoscenten anzuführen, auch wenn sie
weder den königlichen Befehl erhalten noch zu seiner Aus-
führung persönlich mitgewirkt hatten, ja selbst wenn sie mo-
mentan fern vom Hofe weilten. Wahrscheinlich ist mir, wenn
ich auch aus dieser Zeit keinen Nachweis beibringen kann,
dass auch mit der Recognition in althergebrachter Weise Miss-
bräuche verbunden gewesen sind, dass die Absicht ihnen vor-
zubeugen mit dazu beigetragen hat, neue Bestimmungen zu
treflFen. Die Art aber, wie im Jahre 953 die Recognition ge-
regelt wurde, beweist, dass die alten Vorstellungen mit der Zeit
dahin geschwunden waren. Wie man in der zweiten Hälfte des
neunten Jahrhunderts aufgehört hatte, die eigenhändige Unter-
schrift des Recognoscenten als Erforderniss zu betrachten, so
legte man im zehnten Jahrhundert auch keinen Werth mehr
darauf, dass der recognoscirende Kanzler im strengen Sinne
des Wortes wissender Zeuge sei. Die Bezeugung von Amts
wegen im Namen des Kanzlers in Verbindung mit dem Voll-
ziehungsstrich und der Besiegelung galt geraume Zeit hindurch
als genügende Bürgschaft, wenn auch vorübergehend wie unter
Heinrich HI. durch Einführung des Beizeichens ^ der Versuch
1 Mit Absicht habe ich hier von deu erzählenden Quellen fRaotgeri Vita
Brun., Vita Math. n. s. yv.) keinen Gebrauch gemacht, weil ihre dies-
bezüglichen Angaben alle zn allgemein gehalten sind, um für die Ge-
schichte der Kanzlei verwerthet werden zu können.
^ Kicker Beiträge 2, 65 ff.
738 Siokel. BeitrtK« inr Diplomatlk VII.
gemacht wurde ^ die königlichen Präcepte als solche äircli
weitere sichtbare Kennzeichen zu beglaubigen.
Wie Otto den Widerstand der Herzoge durch Uebcj.
tragung der erledigten Ducate an die nächsten Anverwandte&
zu beseitigen strebte^ so suchte er in ganz ähnlicher Weise
das Erzkapellanat unschädlich zu machen. Der Tod Wigfrids
von Köln gab Gelegenheit^ Brun als Nachfolger in Köln zum
wirklichen Erzkapellan zu machen. Neben diesem war vcm
Kodbert von Trier als Erzkapellan oder Erzkanzler nicht mehr
die Rede. Nur noch in zwei Diplomen aus dem November und
December 953 (St. 230, 231) wird der Salzburger Herold in
der Recognition genannt, aber nicht einmal mehr als Erz-
kapellan bezeichnet. Sein Nachfolger Friedrich musste auf
diese Würde verzichten. Als aber Ottos Sohn Wilhelm 950
Erzbischof von Mainz wurde, trat dieser seinem Oheim Brun
nochmals mit Ansprüchen entgegen, so dass erst der Tod Bruns
den Streit und zwar zu Gunsten von Mainz beendete. So bildet
erst das Jahr 965 einen Abschnitt in der Geschichte des £rz-
kapellanats, in welche überdies die definitive Theilung der
Kanzlei in eine deutsche und in eine italienische hineinspielt
Dies darzulegen und, als nothwendige Ergänzung der Ge-
schichte jener Würde, die Rechte der Erzkapellane und dereo
Begrenzung, soweit es möglich ist, festzustellen, behalte ich mir
vor, da ich hier nur die Entwicklung des Kanzleramtes bis za
dem insbesondere für die Recognition wichtigen WendepunAte
des Jahres 953 zu schildern die Absicht hatte.
X. SITZUNG VOM 16. APRIL 1879.
Der Vicepräsident Herr Hofrath Dr. Alfred Ritter von
Arneth übermittelt den zehnten und letzten Band seiner
^Geschichte Maria Theresia's^
Von dem c. M. Herrn Professor Dr. Heinrich Ritter von
Zeissberg wird ein Promemoria, betreffend die Fortsetzung
des Vivenot'schen Werkes, vorgelegt.
Herr Dr. Jakob Minor, d. Z. in Wien, ersucht um
Bewilligung einer Subvention zur Drucklegung seines im
Manuscripte vorgelegten Werkes: ,Chri8tian Weisse und seine
Beziehungen zur deutschen Literatur'.
Das w. M. Herr Professor Dr. Hartel legt eine Ab-
handlung des Herrn Professor J. Müller in Innsbruck vor,
welche betitelt ist: ,Emendationen zur Naturalis Historia des
Plinius ni^ und um deren Aufnahme in die Sitzungsberichte
der Verfasser ersucht.
An Drucksohriften wurden vorgelegt:
Accademia reale delle Scienze diTorino: Atti vol. XIV. Disp. 2* (Qennaio
1879). Torino; S«.
Akademie, koninklijke, van Wetenschappen te Amsterdam: Jaarboek voor
1877. Amsterdam; 8^. — Verslagen en Mededeelingen. Afdeeling Letter-
SitztingBb«r. d. phil.-hiot. Cl. XCIII. Bd. IV. Hfl. 48
740
künde. Tweede Reeks VII. Decl. Amsterdam, 1878; 8^. — Idjllia
aliaque poemata Francisci Pavesi. Amstelodami, 1878; 8*^.
Akademija, jugoslavenska znanoati i omjetnosti: Monnmenta spectan^
historiam Slavorum meridionalium. Volamen IX. U Zagrebu. 1878; 8°. —
Rad. Knjiga XLVI. U Zagrebu, 1879; 80.
Biblioth^que de TEcole des Chartes: Revue d'^radition. XL" Ann^, 1879,
1*« Livraison. Paris; 8®.
Gesellschaft, königliche, der Wissenschaften zu Qöttingen. Abhandinngen .
XXIII. Band vom Jahre 1878. Qöttingen; 4^^. — Nachrichten von der
k. Gesellschaft der Wissenschaften und der Qeorg Augusts-Univeraitfit
ans dem Jahre 1878. Göttingen, 1878; 12«. — Göttingische gelehrte
Anzeigen. 1878. I. und II. Band. Göttingen, 1878; 12^.
— k. k. geographische, in Wien: Mittheilnngen. Band XXIJ. (N. F. XII.)
Nr. 3. Wien, 1879; 8«.
Krones, F. Dr.: Zur Geschichte der filtesten, insbesondere deutschen An-
Siedlung des steiermfirkischen Oberlandes mit nebenlSufiger Rück-
sicht auf ganz Steiermark. Graz, 1879; 8^.
Museum, germanisches: Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit. N. F.
XXV. Band. Nr. 1—12 nebst XXIV. Jahresbericht Nürnberg, 1878; 4».
Prantl, Carolus: Aristotelis Phjrsica. Lipsiae, 1879; 12^.
,Revue politique et litt^raire* et ,Revue scientifique de la France et de
riltranger*. VIII« Ann^e, 2« S4rie. Nros. 40 et 41. Paris, 1879; 4^.
Society, the rojal geographical: Proceedings and monthly Record of Geo-
graphy. Vol. I. Nr. 4. April 1879. London; 8^.
Strassburg, Universitfit: Akademische Gelegenheitsschriften pro 1877/8.
62 Stücke 80 und 4«.
Verein für meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde : Jahrbücher
und Jahresbericht. XXIIl. Jahrgang. Schwerin, 1878; S^. — Mekien-
burgisches Urkundenbuch. XI. Band. Orts- und Personen-Register zu
Band V— X. Schwerin, 1878; 4«.
— historischer, für Niedersachsen: Zeitschrift. Jahrgang 1878 und 40. Nach-
richt über den historischen Verein in Niedersachsen. Hannover, 1878; 8^.
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Die Sitzungsberichte dieser Ciasse der kais. Akademie
der Wissenschaften bilden jährlich 10 Hefte, von wel-
chen nach Maassgabe ihrer Stärke zwei oder mehrere
einen Band bilden, so dass jährlich nach Bedüi*fniss
2 oder 3 Bände Sitzungsberichte mit besonderen Titeln
erscheinen.
Von allen grösseren, sowohl in den Sitzungsberich-
ten als in den Denkschriften enthaltenen Aufsätzen
befinden sich Separatabdrücke im Buchhandel.
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WIEN, 1879.
DRUCK VON ADOLF HOLZHAUSEN
K. K. UNIVRRSITÄTBRIJCHDRUGKKRBI.
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Ausgegeben am 26, Juni 1879.